
Harald Harst
Aus meinem Leben
Band: 240
Erzählt von
Max Schraut
Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16, Michaelkirchstraße 23a
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschließlich das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1929 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO. 16.
Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin SO. 16.
1. Kapitel.
Die Tanana[1]-Farm Old Cracks war landschaftlich so wunderbar schön gelegen, daß es mich eine gewisse Überwindung kostete, vom Fenster zurückzutreten und meine Aufmerksamkeit den Dingen zu widmen, die sich hinter mir abgespielt hatten, während ich in den Anblick der weißen weißen Hochebene und der unendlich hohen Sandberge versunken gewesen war. All diese Schönheit war freilich in das ungewisse Dämmerlicht eines Wintertages getaucht, wie er dort droben in Mittelalaska sonnenlos und eisigkalt die ganze Natur in das reine Gewand ungeheurer Schneemassen kleidet.
Hier im Arbeitszimmer Old Cracks, dessen Wohnhaus auf einem Felswürfel von etwa zwölf Meter Höhe lag, während die anderen Gebäude auf dem benachbarten Felsmassiv errichtet waren, hatten sich heute folgende Personen versammelt, die dem Leser bereits aus dem ersten Old Crack-Band bekannt sind:
1. Mr. Samuel Warger, genannt der Würger, ein Mann von ungezählten Millionen, gehaßt und gefürchtet als der Waldschlächter Alaskas und als skrupelloser Finanzmagnat, — etwas dick, stark, Glatze, graue Haarreste an den Schläfen und am Hinterkopf, grauer Spitzbart, Hornbrille, ein Gesicht ohne Besonderheiten, sehr gemessene Bewegungen, dabei liebenswürdig und von guten Manieren — kurz: ein Mann, dem man es nicht ansah, daß er über Leichen ging.
2. Sein Sohn Tom, sympathischer lieber Junge, verlobt mit ...
3. Ellen Barkam, Pflegetochter des echten Old Crack, der vor fünf Jahren verstorben und dessen Persönlichkeit ein Schwindler geschickt und brutal fortgeführt hatte. Ein hübsches, energisches Mädel, blond und kräftig, abgehärtet gegen alles, aufgewachsen inmitten dieser grandiosen Natur, dabei vielseitig gebildet.
4. Mr. Charlie Maxson, des echten und des unechten Crack getreuer Diener, ein älterer hagerer Mann mit spärlichem grauem Haar, einem verkniffenen Gesicht, kalten, schlauen Augen. — Inwieweit er mit dem unechten Old Crack, der nun entflohen war und den wir suchen wollten, gemeinsame Sache gemacht hatte, war nicht festzustellen gewesen.
5. Mr. Lyne, Polizeiinspektor aus der benachbarten kanadischen Stadt Dawson City. Groß, verschlossen, kühle starre Augen: Polizeityp.
6. Mr. Shell, sein amerikanischer Kollege, mager, rattenhaft flink, Schauspielerkopf, fraglos ein schlauer Beamter ohne Furcht und Nerven.
7. Wir beide.
— Wir alle waren gestern abend von Dawson auf der Tanana-Farm eingetroffen. Wir hatten hier nur noch des unechten Cracks Personal vorgefunden: einen chinesischen Koch, zwei indianische Weiber, ein Dutzend indianische Hirten und Arbeiter nebst Anhang, ein Dutzend Eskimos, die zumeist Renntierhirten waren, und zwei europäische Aufseher, Kerle von zweifelhaftestem Charakter. Diese ganze Bande, mit deren Hilfe Old Crack, der Unechte, die unglaublichsten Verbrechen verübt, gehörte ins Zuchthaus, aber dem einzelnen war natürlich nichts nachzuweisen. Außerdem waren drüben in den Farmgebäuden auf dem großen Felsen noch die zwanzig Polizeibeamten einquartiert, die Mr. Shell mitgebracht hatte.
Jetzt am Vormittag hatten wir damit begonnen, Cracks Haus genau zu durchsuchen, um vielleicht irgendeinen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, wer der falsche Crack sein mochte.
Ganz zuletzt war Cracks Schreibtisch an die Reihe gekommen.
Ein Ausruf Haralds: „Sie haben recht gehabt, Mister Warger, — hier ist wirklich ein Geheimfach!“ hatte mich veranlaßt, mich umzudrehen.
Ich sah, daß Harald einen versiegelten Umschlag in der Hand hielt.
Mr. Shell schoß wie ein Pfeil auf Harst zu und riß ihm den Fund aus den Fingern.
„Polizeilich beschlagnahmt!“ sagte er in seiner übernervösen Art. „Ah — ein Testament!!“ fügte er ruhiger hinzu. „Maxson, ist dies Ihres verstorbenen Herrn John Cracks Handschrift?“
Auf dem Umschlag stand nämlich in sehr ungelenken Buchstaben:
Mein Testament.
Aufgesetzt am 13. April 1920 vor dem Notar Mister Bottler in Nuklukahjet.
John Crack.
Maxson, der Diener, nickte. „Zweifellos seine Schrift, Mr. Shell.“
„Gut, öffnen wir den Umschlag.“
Aber Harst wehrte ab. „Wollen wir damit nicht warten und es dem Gericht in Nuklukahjet übergeben?“
„Unsinn!“ platzte Shell grob heraus. „Vielleicht enthält das Testament Hinweise auf den Schuft, der hier seit fünf Jahren Old Crack gespielt hat.“
Er schnitt den Umschlag auf und zog einen großen, mehrfach gefalteten und gestempelten Bogen heraus.
Sein eigenmächtiges Vorgehen befremdete uns alle. Wenn jemand ein Interesse an schneller Kenntnisnahme des Testamentinhaltes gehabt hätte, so wäre dies wohl lediglich Ellen Barkam als Pflegetochter gewesen, die unter Old Cracks väterlicher Obhut aufgewachsen war. Aber Ellen saß Hand in Hand mit ihrem geliebten Tom im Hintergrunde auf dem Sofa und hatte an anderes zu denken. Tom schien nämlich, was das Küssen betrifft, durchaus noch nicht übersättigt zu sein.
Mr. Shell warf sich in den Schreibsessel und begann das Testament zu besichtigen. „Hier ist die Unterschrift des Notars aus Nuklukahjet und die dreier Zeugen, auch der Stempel. Die Urkunde ist rechtsgültig. Ich werde vorlesen.“ Er stotterte vor Erregung, und ein strafender Blick traf das Liebespaar, das da hinten im Halbdunkel nur nach dem schönen Schlager handelte: „Ich küsse Ihre Hand, Madam’.“
Shell rückte die große Petroleumlampe näher heran und sagte zu mir:
„Ihr Hund stört mich, Mr. Schraut ...“
Mein Hund hieß Buruwat und hatte noch vor einer Woche dem Eskimo Rulat gehört. Rulat war tot. Der falsche Crack hatte ihn ermordet und den Kopf auf einen Kiefernast gespießt. Ich streichelte Buruwat, und er legte sich zu meinen Füßen nieder.
Shell hüstelte und las.
„Ich, John Crack, bestimme nach meinem Ableben folgendes: Meine Renntierfarm Tanana soll an meinen Todfeind Samuel Warger fallen, der mit mir Jahrzehnte um einen Teil meiner Farm prozessiert hat.“
Shell ließ den Bogen sinken und starrte uns nacheinander an, bis sein ruheloser Blick auf Samuel Warger haften blieb. Dann lachte er meckernd: „Gratuliere!“
„Lesen Sie weiter,“ meinte der Multimillionär kühl.
Shell grinste ...
„Ich habe meine besonderen Gründe, weshalb ich gerade Samuel Warger die Farm hinterlasse. Mag er sich den Kopf darüber zerbrechen, welcher Art diese Gründe sind.“
„Verrückt!!“ bemerkte Shell und tippte sich an die Stirn.
Samuel Warger nickte zweideutig. „Das stimmt! Ich nehme die Erbschaft an.“
Tom rief: „Aber Vater!!“
„Oh, man soll nichts zurückweisen, mein Junge, was einem in den Schoß geworfen wird. — Lesen Sie weiter, Inspektor!“
„... Meiner Pflegetochter Ellen Barkam vermache ich mein gesamtes Barvermögen von einer halben Million Dollar. Es liegt in guten Wertpapieren in der Alaska-Bank in Sitka.“
„Das läßt sich hören, Miß Barkam,“ meckerte Shell wieder. „Meinen Glückwunsch!“
„... Ellen soll außerdem die Berechtigung haben, mein Haus auf dem südlichen Felsen allein zu bewohnen. Möbel und Haus bleiben bis zu ihrem Tode ihr Eigentum, ebenso das Heiße Tal weiter südlich und die dort untergebrachten 5000 Renntiere[2]. — Meine Leute sollen jeder ein volles Monatsgehalt ausgezahlt bekommen, mein Diener Charlie Maxson außerdem 10 000 Dollar, die der Haupterbe zu zahlen hat.
Sollte Samuel Warger die Erbschaft ausschlagen, so erhält der Staat die Farm, die etwa einen Wert von zwei Millionen hat. In diesem Falle zahlt der Staat Alaska an Maxson das Legat.
Im übrigen hoffe ich noch recht lange zu leben.
John Crack.“
Shell warf die Urkunde auf den Schreibtisch. „Schade — über den Schuft, den unechten Crack, kein Wort ...!! Wer ist nun dieser Lump?! Na, Mr. Harst, was sagen Sie zu alledem?!“ — Das klang unversteckt höhnisch. Shell konnte Harald nicht riechen, obwohl dieser sich bisher völlig zurückgehalten hatte. „Sie werden ja doch sicherlich die Scharte, den falschen Crack in der Person Charlie Maxson nach Dawson geschleppt zu haben, wieder auswetzen wollen.“ Das war eine glatte Unverschämtheit und Herausforderung.
Lyne, sein kanadischer Kollege, rief dann auch: „Wie können Sie nur, Shell!“
„Oh, lassen Sie nur,“ meinte Harald und blickte Shell durchdringend an. „Ich habe die Scharte schon ausgewetzt. Ich weiß, wo der unechte Crack zu suchen ist, und sobald mir die Beweise genügen, fasse ich zu. — Sie müssen bedenken, Mr. Lyne,“ und jetzt nickte er dem Kanadier zu, „daß es nicht so einfach ist, diesen Mörder und Schwindler zu überführen, da er sein wahres Antlitz bisher sehr wenigen gezeigt haben dürfte und da er ja schon hier auf der Farm unerkannt nebenbei als Fallensteller Mac Dormit auftrat. Als Mac Dormit war er in der Höhle am Pictairn-Bach mit Schraut und mir zusammen, natürlich ebenfalls maskiert. Damals tötete er die Eskimos Rulat und Ischko, wie er jeden umbrachte, von dem er Verrat befürchtete. Er mag noch viele andere Masken und Namen getragen haben, mag anderswo ähnlich gelebt haben wie hier, das heißt, stets wieder für viele Wochen verschwunden sein, um eben irgendwo als Biedermann aufzutreten. Trotzdem: Ich weiß, wo er ist, und ich glaube, Mr. Lyne, Sie wissen es auch!“
Die letzten Worte hatten eine besondere Klangfärbung. Lyne lachte gezwungen. „Halten Sie mich für Crack Nummer zwei?!“
„Wünschen Sie wirklich eine klare Antwort?!“ sagte Harst kühl und rauchte seine Zigarette weiter.
Lyne drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. — Das war um ein halb elf vormittags.
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2. Kapitel.
Die Zurückbleibenden schwiegen bedrückt. Die Stimmung im Zimmer hatte etwas Vulkanartiges. Man fühlte gleichsam ein unterirdisches Rollen, das eine starke Eruption ankündete. Inspektor Shell wandte sich an Harst. „Bitte, entschuldigen Sie meine Ungezogenheit. Ich bin sehr gereizter Stimmung. Ich habe Cracks wegen schon so viel Rüffel von meinen Vorgesetzten bekommen, daß ich eigentlich längst hätte gehen müssen.“
Harald meinte lediglich: „Wir werden uns nie verstehen, Inspektor. Sie sind scheinbar ein sehr impulsiver Mensch. Solche Leute bleiben unberechenbar und undurchsichtig.“
Shell nickte. „Leider, leider. Ich hätte Schauspieler werden sollen.“ Dann steckte er das Testament zu sich. „Ich werde es drüben in den Geldschrank im Verwalterhaus einschließen. Dort ist es sicher. Der Tresor ist modern und gut.“
Harald legte den Stummel seiner Zigarette in den Aschbecher. „Haben Sie denn den Schlüssel zu dem Panzerschrank, und kennen Sie das Stichwort des zweiten Kombinationsschlosses?“
Shell brummte mißmutig: „Nein, allerdings nicht. — Miß Ellen, wissen Sie vielleicht, ob Crack ein Versteck für den Schlüssel hatte? Kennen Sie das Stichwort?“
Die blonde Braut schüttelte zerstreut das herzige Köpfchen. „Keine Ahnung!“
„Crack hat natürlich den Schlüssel bei sich,“ ließ sich Samuel Wargers Baß vernehmen. „Man wird aus Nome einen Spezialschlosser kommen lassen müssen. Der Schrank muß geöffnet werden. Ich bin jetzt hier Besitzer.“ Er sagte das ohne irgendwelche Anmaßung. Und doch lag darin die für jeden leicht verständliche Besitzergreifung seines reichen Erbes. „Das Testament jedoch in Ihrer Rocktasche zu belassen, Inspektor, wäre Leichtsinn. Legen wir es wieder in das Geheimfach zurück.“
„Einverstanden!“ und Shell öffnete das Mittelfach des Aufbaus und verschloß dieses nachher und gab Ellen den Schlüssel. „Sie sind hier in diesem Hause Herrin, Miß Barkam. Es gehört Ihnen. Hüten Sie das Testament.“
Ellen erhob sich und trat zu Harald.
„Mr. Harst, ich möchte Sie ohne Zeugen sprechen, Sie und Ihren Freund. — Lieber Tom, du entschuldigst ... Vielleicht besichtigen die anderen Herren derweil drüben die Baulichkeiten.“
Sie deutete zum rechten Seitenfenster hinaus auf das große, glatte Felsmassiv, das durch die Brücke mit Cracks Wohnhaus verbunden war. Sie hatte in sehr bestimmtem Tone gesprochen, und alle bräutliche Seligkeit war aus ihrem Gesicht wie weggewischt. Irgend etwas mußte sie innerlich stark beunruhigen. Sie war blaß und in ihren Augen war ein Ausdruck von ungewohnter Härte.
Die anderen entfernten sich. Tom sagte nur: „Du hättest besser in Dawson bleiben sollen, mein Liebling. Ich fürchte, dies alles regt dich zu sehr auf.“
Wir sahen, wie die beiden Wargers, Shell und Maxson über die Holzbrücke schritten. Ellen stand am Fenster und winkte ihrem Tom nochmals zu. Dann wandte sie sich langsam um und fragte: „Mr. Harst, ist etwa Lyne der Verbrecher. Ich will in allem klar sehen.“
Harald hatte sich in den Schreibsessel gesetzt und schaute vor sich hin. „Es tut mir leid, Ihnen nicht so antworten zu können, wie Sie es wünschen. Der unechte Crack ist eine der Personen, die soeben hier im Zimmer versammelt waren. Das muß Ihnen vorläufig genügen. — Erschrecken Sie nicht. Sie sind ein mutiges Mädchen. Ich rate Ihnen dringend, folgende Anordnungen zu treffen. Schraut und ich werden hier in diesem Hause mit Ihnen zusammen wohnen, die anderen bleiben wie bisher im Verwalterhause drüben. Tun Sie so, als ob Sie dies aus sich selbst heraus wünschen. Schützen Sie vor, mit Ihrem Verlobten nicht unter einem Dach schlafen zu wollen. Ich mache kein Hehl daraus, daß Ihr Leben vielleicht genau so bedroht ist wie das unsrige. Der Verbrecher wird nicht untätig bleiben. Er fürchtet uns.“
Ellen war noch bleicher geworden.
„Was fürchten Sie für mich?“
„Oh, das Testament kann nur so ausgelegt werden, daß im Falle Ihres Todes Ihr Legat von einer halben Million an den Haupterben fällt, also an Samuel Warger, Ihrem Schwiegervater. Nach hiesigem Recht sind Warger und Sie erst Erben, wenn das Testament gerichtlich anerkannt ist. Also ist auch Samuel Warger in sehr ernster Gefahr.“
„Das ... verstehe ich nicht, Mr. Harst. Was hätte der ... der Betreffende davon, uns zu beseitigen?! Dann fiele doch alles an den Staat.“
„Gewiß. Der Mann gönnt niemandem diesen Besitz. Das ist’s!“
„Ah, — — und ... und vorhin benahm sich Shell so eigentümlich, als das Testament gefunden war! Mein Gott, ist Shell der falsche Crack?!“
„Vielleicht ... — Würden Sie mich fragen, ob es Maxson ist, würde ich auch mit „Vielleicht“ antworten. Wenn ich hier vorhin sagte, einer der hier versammelt Gewesenen ist der Verbrecher, so möchte ich dies doch dahin einschränken, daß ich bisher niemand mit aller Bestimmtheit anschuldigen könnte. Sie hätten also die Wahl zwischen Maxson, Shell, Warger und Lyne. Tom scheidet aus. Die genannten vier sind so ziemlich von einer Größe, gegen jeden liegen Verdachtsmomente vor ...“
Ellen warf achselzuckend ein: „Meinen Schwiegervater können Sie wohl auch streichen, Mr. Harst.“ Es klang etwas gereizt.
„Ich streiche niemand, Miß Ellen. Die Zahl kann sich nur verringern, wenn bestimmte Ereignisse eintreten.“
„Und die wären?“
„Ein Mord, den ich leider nicht verhüten kann,“ erwiderte Harald leise.
„Gott im Himmel, — weshalb können Sie ihn nicht verhüten?!“
„In Ihrem Interesse zunächst, dann auch in meinem eigenen und Schrauts, schließlich im Interesse der endgültigen Überführung des Schuldigen.“
Ellen senkte den Kopf. „Ich wünschte, ich wäre in Dawson geblieben,“ flüsterte sie. „Dies alles ist entsetzlich. Sie haben mir die Lebensfreude genommen, Mr. Harst.“
Harald trat zu ihr und ergriff ihre schlaff herabhängende Hand. „Machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, aber seien Sie stark. Denken Sie an Tom!“
„Ich will’s versuchen.“ Sie raffte sich auf. Wohl absichtlich wechselte sie das Thema. „Wo wollen Sie schlafen, meine Herren? Dieses Blockhaus enthält fünf Zimmer.“
„Nebenan,“ sagte Harald. „Nebenan, wo der Eingang zu den geheimen Treppen sich befindet, die hinab in das Höhlengebiet führen, das sich bis zu dem Heißen Tale hinzieht. Die Existenz dieses zweiten Ausgangs ist jetzt allen hier bekannt. Und Sie, Miß Ellen, werden sich ein Bett hier im Arbeitszimmer aufstellen lassen. Nachts wird die Verbindungstür nur angelehnt. Weitere Vorsichtsmaßregeln behalte ich mir vor.“
Ellen nickte. „Ich vertraue Ihnen. — Ist ... ist Tom auch in Gefahr?“
Harst zögerte etwas. „Jeder hier, Miß Ellen, jeder! Sie werden das später verstehen. Aber ich werde mit Tom sprechen, und er wird dann kaum noch etwas zu fürchten haben.“
„Ich danke Ihnen ...“ Ihre Wangen röteten sich. „Wenn Tom stürbe, wäre das auch mein Ende ... Ich bin so liebeleer durch das Dasein gegangen. Ich habe meinen Pflegevater trotzdem sehr gern gehabt. Er war ein rauher, verbitterter Mann, aber er war nicht schlecht. Nein, für mich hätte er alles hingegeben. Die Verbrechen hier auf der Tanana-Farm begannen ja auch erst vor fünf Jahren, als dieser Betrüger seine Rolle zu spielen wagte. Da erst fühlte ich natürlich auch eine Entfremdung zwischen uns, aber ich lernte den unechten Crack ja erst nach meiner Rückkehr aus dem Pensionat in San Franzisko kennen. Jetzt, wo ich Old Cracks Grabstätte weiß, werde ich nachher in der Höhle hinabsteigen und dort beten.“
„Aber — nicht allein. Wir kommen mit,“ sagte Harald eindringlich.
Bevor ich nun die weiteren Ereignisse schildere, muß ich folgendes bemerken. Auch ich hatte keine Ahnung, wer der Verbrecher sein könnte. Haralds Angaben kamen mir genau so überraschend wie unserer blonden jungen Freundin. Der einzige, der mir verdächtig erschien, war Polizeiinspektor Shell. Sein mühseliges Amt zwang ihn zu dauernden Reisen, und er war derjenige der der Tanana-Farm am nächsten wohnte, nämlich in Jacksonville, genau westlich der Tanana-Berge an der Bahnlinie nach Dawson City, das bekanntlich bereits Kanada gehört. Freilich war dieser Verdacht nur sehr oberflächlich begründet, denn auch Lyne und besonders Charlie Maxson waren genau so belastet, wenn der Ausdruck „belastet“ überhaupt berechtigt war. Natürlich schied Samuel Warger gänzlich aus. Harald hatte ihn wohl nur mit einbezogen, um vor Ellen die Dinge noch dunkler zu gestalten. Den Grund hierfür sah ich nicht recht ein, doch — Harst tut nichts, ohne sich die Sache sehr genau zu überlegen.
Zum besseren Verständnis mag die einfache Skizze dienen, die mir lange Beschreibungen der Örtlichkeit erspart. Die Skizze ist auf einer Seite für sich wiedergegeben.

Die Gebäude waren sämtlich Blockhäuser mit Steinfundament, die Fenster überall Doppelfenster. In dem „dunklen Zimmer“ hatte Crack geschlafen. Es hatte nur eine Luftklappe nach Süden und zwei Türen, eine in den kleinen Flur, die andere in das Arbeitszimmer.
Das Kreuz neben der Brücke bezeichnet die Stelle, wo der erste Mord stattfand.
Der Kreis in unserem Schlafzimmer deutet die Geheimtür im Fußboden an, durch die man auf die geheimen Treppen und in die Höhle gelangte. — —
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3. Kapitel.
Wir gingen nun mit Ellen in unser Schlafzimmer hinüber, das bisher eine Art Bibliothek und Waffenkammer gewesen. Ellen wollte wissen, wo sie die Betten für uns aufstellen lassen sollte.
Während Harald mit ihr hierüber beriet, war ich an das Fenster c getreten, von wo aus ich den großen Felsen, die Brücke und einen weiten Teil der im Winterschmuck daliegenden Hochebene überblicken konnte. Ich sah Inspektor Lyne dort unten um die linke Ecke des großen Felsens biegen und gemütlich eine Zigarette rauchen. Er wollte offenbar unter der Brücke hindurch nach Osten zu einen Spaziergang unternehmen. Er hatte seine Büchse über der Schulter. Vielleicht gedachte er ein wenig auf die Jagd zu gehen. Er schaute zu mir nach oben, erkannte mich am Fenster und winkte mir lebhaft mit dem rechten Arme zu. Plötzlich stockte er mitten im Dahinschreiten, sein Arm sank jäh herab, er drehte sich um sich selbst und fiel dann mit dem Gesicht nach unten in den Schnee und lag still.
Im ersten Augenblick dachte ich an einen Herzschlag. Sofort verwarf ich den Gedanken und spähte scharf nach dem großen Felsen hinüber. Da war es mir, als ob das Fenster a des Vorratshauses hastig zugezogen wurde, und hinter dem Fenster b glaubte ich undeutlich eine Gestalt zu bemerken, die rasch verschwand. Dem bleichen Gesicht nach konnte es Shell gewesen sein.
Es war jetzt um die Mittagszeit nicht mehr so dämmerig wie bisher. Die Beleuchtung glich der bei einem sehr stark wolkigen Himmel. Wohlverstanden: Glich! Denn kein Wölkchen war zu sehen. Wir befanden uns eben in der düsteren lichtlosen Zeit der ewigen Polarnacht.
Ich drehte mich nach Harald und Ellen um. Meine hastige Bewegung machte Harst aufmerksam. Er fragte überstürzt:
„Wer ist’s?!“
„Lyne!“
„Also doch!!“ Er war schon am Fenster und schaute hinaus. Ellen wollte gleichfalls hinausblicken. Ich hielt sie zurück. „Es ist nichts für Sie, Kind,“ sagte ich stockend.
Sie starrte mich an. „Was ist mit Inspektor Lyne?“
Harst rannte an uns vorüber, — über die Brücke, zwischen den Gebäuden des großen Felsens hindurch und kam uns aus den Augen.
Ellen klammerte sich an mir fest. Ihr geisterbleiches Gesicht tat mir ordentlich weh.
„Ein ... Mord — — der Mord?“ hauchte sie.
„Ich weiß nicht ... Bleiben Sie hier. Schließen Sie sich in Cracks Arbeitszimmer ein und halten Sie eine Pistole bereit. Lassen Sie niemand ein, wer es auch sei — nur Tom, nur den. Ich muß fort ...“
Sie nickte matt. „Lieber Gott, — wie soll das enden?!“
Ich schob sie durch die Tür. Sie schloß ab. Ich lief Harald nach, aber ich bog hinter der Verbindungsbrücke sofort nach links ab. Die Tür des Vorratshauses war verschlossen. Sie hatte zwei Eisenstangen und zwei Vorlegeschlösser. Es war die einzige Tür. Ich rannte um das Haus herum nach Fenster a. Ich hoffte feststellen zu können, ob das Fenster geöffnet worden war, dann mußte ja der angewehte Schnee weggedrückt sein. Es war so. Und — — auf dem schmalen, mit Zinkblech benagelten Fenstersims lag ein Schlüssel mit kompliziertem Bart, zweifellos ein Geldschrankschlüssel, und unter dem Schlüssel ein Stück Papier mit dem getippten Wort:
Yukon.
Ich begriff sofort: Es war der Schlüssel zu Cracks Tresor, und „Yukon“ war das Stichwort zu dem Kombinationsschloß. — Ich steckte beides zu mir und lief hinüber ins Verwaltungsgebäude, raste den langen Mittelflur entlang und stieß die Tür des Eckzimmers auf, zu dem das Fenster b gehörte. Hier hatte sich gestern abend Inspektor Shell einquartiert, und Shell lag hier auf seinem Bett in dem überheizten Raum und schnarchte fürchterlich. Ich traute ihm nicht. Im Gegenteil: Ich hatte ja die Tür so geräuschvoll aufgestoßen, daß schon ein erstaunlich fester Schlaf dazu gehörte nicht munter zu werden, und Shell simulierte ganz offenbar. Ich beobachtete ihn eine Weile, dann rüttelte ich ihn.
„Hallo, Inspektor!!“
Er gähnte, blinzelte mich an und fluchte ... „He, was wollen Sie?!“
„Lyne ist etwas passiert ...“
Da richtete er sich auf, schwankte jedoch hin und her wie ein Trunkener und meinte lallend: „Teufel noch mal, was ist denn mit mir geschehen?! Mir ... mir ist so wirr im Kopf ... Und ... was ... was rieche ich nur? Das ... das ist doch ... Chloroform — — bei Gott!!“
Er nahm sich mächtig zusammen und stierte mich an und fügte hinzu:
„Riechen Sie es nicht auch?“
„Nein!“ sagte ich hart.
Ich beugte mich herab, und da erst spürte auch ich an seinem Kinn deutlichen Chloroformdunst.
Trotzdem: dieser geriebene Fuchs sollte mich nicht hineinlegen! Ich hatte sein blasses Gesicht vor kaum fünf Minuten hier am Fenster gesehen, und so leicht führt man mich nicht in die Irre!
„Bleiben Sie liegen!“ befahl ich und drohte ihm mit der Pistole. „Ich schieße bestimmt, wenn Sie sich auch nur rühren!“
Er glotzte mich blöde an. „Sind Sie verrückt geworden, Schraut?! Was soll das?!“ Sein Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Wut. „Herr, ich bin hier einziger oberster Vertreter der amerikanischen Staatsautorität, und ...“
Er wollte aufspringen. Er hatte noch die Pelzmütze mit dem Emailleschild auf dem Kopf. Als diese Mütze hinten gegen die Wand flog und das grelle Peng des Schusses ihn ebenso warnte, sank er fluchend zurück. „Das sollen Sie büßen, Sie ... Sie deutscher Spitzel, Sie!!“
Mit einem Male stand Charlie Maxson in der offenen Tür. Der Schuß hatte ihn herbeigelockt.
„Was geht hier vor, Mr. Schraut?!“
Maxson sah meine Pistole und schreckte zurück.
„Riemen her, Maxson,“ befahl ich. „Shell wünscht ein wenig festgebunden zu werden ... Er hat sich Chloroform ans Kinn geschmiert ...“
Maxson rannte davon. Ich hörte ihn schreien: „Mister Warger ... Mr. Warger ...!!“
Dann erschien Samuel Warger, im Munde eine Zigarre, in der Hand ein Buch.
„Nanu?!“ Er lächelte mich an. „Sie sehen ja so kriegerisch aus, Mister Schraut?! Und Sie, Inspektor ...“
Shell schoß empor ...
„Hund, — — Hund ...!“ Und er hatte mich bei der Kehle ... Wir stürzten zu Boden. Aber ich hatte mich blitzschnell gedreht, kam oben zu liegen und drückte ihm die Mündung an die Stirn ... Er mochte wohl merken, daß ich abdrücken würde, und ächzte nur halb von Sinnen:
„Ins Zuchthaus kommen Sie Hund!!“
Der Multimillionär bückte sich und fragte: „Was ist denn eigentlich los, Mr. Schraut?“
Im Flur dröhnten Schritte. Tom stürzte herein.
„Vater ... Vater, Inspektor Lyne ist draußen erschossen worden ...!! Kopfschuß! — Ah — — das ist gut, Mister Schraut, — da haben Sie den Schuft ja schon! Ich traute ihm seit heute nicht ...“
Maxson kam mit Riemen.
Shell war mit einem Male ganz ruhig — unheimlich ruhig. Er ließ sich fesseln, wir richteten ihn auf und banden ihn dann auf seinem Bett fest.
„Also Sie!!“ sagte Samuel Warger verächtlich. „Sie sind’s! Und Lyne haben Sie umgebracht, weil er es ahnte.“
In diese Szene platzte Harst hinein. Er schaute Shell an und meinte:
„Geht alle hinaus — alle! — Schraut, warte vor der Tür.“
Er warf die Tür hinter uns ins Schloß.
Ich erzählte den beiden Wargers und Maxson kurz, was ich beobachtet und gefunden hatte.
„Wie — den Schlüssel zum Tresor?“ rief der Millionär ungläubig. „Das kann wohl nicht sein ... Zeigen Sie mal her, Schraut?“
„Bedauere,“ weigerte ich mich. „Nur in Harsts Gegenwart.“
„Meinetwegen ...! — Beruhigen Sie sich doch ... Sie sind ja noch immer ganz blaß ... — Sollte man es für möglich halten, daß Shell dieser raffinierte Komödiant und Mörder gewesen ist?! Shell ist doch wahrlich kein Geisteslicht ...! Außerdem: Wenn Shell auf Lyne gefeuert hätte, würde ich den Schuß gehört haben. Ich logiere ja nur zwei Zimmer weiter, und ich habe tadellose Ohren.“
„Ich habe ja auch nichts gehört, Vater,“ meinte Tom. „Und ich wohne neben Shell, und die Zimmer haben eine Verbindungstür. Ich habe nichts gehört, nichts!“
Wir blickten uns ratlos an.
Dann fiel mir etwas ein.
„Meine Herren, erinnern Sie sich an die Ereignisse, die uns hier nach Alaska lockten. Joe Smith, der Freund des unechten Crack wurde von diesem in Berlin mit einer Luftbüchse erschossen. Wenn Shell Crack ist, hat er eben auch hier die Luftbüchse benutzt!“
„Das wäre denn doch eine zu große Dummheit!“ wies Samuel Warger diese Annahme entschieden zurück. „Tom, hast du gehört, daß Shell in seinem Zimmer hin und her ging?“
„Keine Rede, Vater! Er schnarchte unglaublich.“
„Ja — um andere Geräusche zu übertönen,“ nickte ich. „Er schnarchte auch, als ich ...“
Da öffnete Harald die Tür und winkte uns.
„Bitte ... kommen Sie herein. Shell leugnet hartnäckig. Wir wollen das Zimmer durchsuchen.“
Ich ging zum Fenster. Ich sah, daß der rechte Flügel geöffnet worden war. Der Schnee vom Sims war auch hier weggedrückt.
Die Durchsuchung förderte nichts Belastendes zutage.
„Hebt ihn vom Bett herunter!“ befahl Harst schließlich.
Zwischen Matratze und Unterbett fanden wir so ein kleines Fläschchen mit einer geringen Menge Chloroform.
„Shell,“ sagte Harald ernst, „Sie täten wirklich klüger, das Leugnen aufzugeben.“
„Ihr seid alle verrückt!“ geiferte Shell. „Ich werde euch alle ...“
„Bindet ihn wieder auf dem Bett fest. — Schraut, berichte.“
Ich schilderte das Beobachtete nun ganz eingehend.
Harald wurde nachdenklich.
„Shell kann unmöglich gleichzeitig im Vorratshaus und hier in seinem Zimmer gewesen sein,“ meinte er. „Mithin hat er noch einen Helfershelfer. — Maxson, wo waren Sie denn in den letzten zehn Minuten?“
Maxson stöhnte kläglich. „Nun wird natürlich alles auf mir sitzenbleiben ...!! Hätte ich nur den Mut gehabt, sofort zu Ihnen zu kommen, Herr Harst ...!!“
„Weshalb?!“
„Lieber Gott, — — ich fand ja in meinem Zimmer den Schlüssel und den Zettel mitten auf dem Sofatisch liegen!!“
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4. Kapitel.
„Wann denn?“ forschte Harald ungläubig.
„Ich will alles erzählen ... Und ich schwöre, es ist die Wahrheit ...“ Er weinte beinahe vor Aufregung. „Als wir vom kleinen Felsen kamen und Sie, Mr. Harst, und Ihr Freund und Miß Ellen dort zurückblieben, wollten die Herren nicht spazieren gehen und begaben sich auf ihre Zimmer. Mr. Warger, der Ältere, schickte mich dann hier nach oben auf den Boden. Er wollte etwas zu lesen haben. Ich hatte ihm schon gestern abend erzählt, dort stände eine Kiste mit Büchern. Ich holte ihm fünf Romane und brachte sie ihm. Mr. Warger wusch sich gerade die Hände und schenkte mir eine feine Zigarre.“
„Das stimmt alles,“ bestätigte der Millionär.
„Und wie lange blieben Sie oben auf dem Boden?“ fragte Harald zerstreut.
„Vielleicht fünf Minuten ... Ich mußte die Kiste erst öffnen. — Als ich dann mit der feinen Zigarre mein Zimmer betrat, schnitt ich die Spitze ab und wollte sie gleich rauchen. Die Zündhölzer lagen neben der Petroleumlampe auf dem Sofatisch. Und da sah ich den Schlüssel und den Zettel liegen. Ich erkannte den Schlüssel sofort als den des Tresors und bekam einen fürchterlichen Schreck. Ich wollte Schlüssel und Zettel, die mich doch nur in Verdacht bringen konnten, mit dem Betrüger verbündet zu sein, zuerst irgendwo verstecken. Dann aber sagte ich mir, es sei doch besser, wenn der schöne Tresor nicht gewaltsam aufgebrochen zu werden brauchte, und so schlich ich denn zur Westseite des Vorratshauses, wo eins der Fenster, wie ich wußte, keine Haken mehr hatte, sondern nur zugedrückt war. Ich öffnete es mit der Messerklinge und legte Schlüssel und Zettel dort nieder, wo sie am leichtesten gefunden werden konnten. Wenn jemand über die Brücke kam, mußte er sie sehen. Mister Schraut hat nur noch bemerkt, wie ich das Fenster (a) schloß. — Das ist die Wahrheit. — Etwas möchte ich noch erwähnen. Neben dem Schlüssel und dem Zettel auf meinem Sofatisch lagen noch Rauchtabakkrümchen von einem hellen Grobschnittabak. Ich rauche nur Zigarren. Aber bei Inspektor Shell habe ich ähnlichen Tabak gesehen. Dort liegt ja auch sein Tabakbeutel.“
Harst nahm diesen und fragte: „Liegen die Krümchen noch auf Ihrem Tisch, Maxson?“
„Ja.“
Harald verließ das Zimmer, kam aber sehr bald zurück. „Ja, es ist derselbe Tabak,“ erklärte er. „Shell ist noch mehr belastet. — Maxson, rufen Sie Shells Wachtmeister herbei.“
Der Polizeiwachtmeister Söterland war entsetzt, als Harst ihm die Sachlage schilderte ...
„... Die Verdachtsmomente sind derart schwerwiegend, wie Sie sehen, daß Ihr Vorgesetzter von Ihnen in aller Form verhaftet werden muß. Sie sind hier nun die oberste Amtsperson, und Sie tragen die Verantwortung für den Gefangenen. Nehmen Sie ihn mit in den großen Raum, wo Sie und Ihre Leute untergebracht sind. Legen Sie ihm Handschellen an und dann kommen Sie wieder hierher.“
Söterland zauderte. „Wo ist die Luftbüchse, Mr. Harst?“ meinte er verlegen. „Mir wollen Ihre Verdachtsgründe nicht recht ausreichen. Ich komme in Teufels Küche, wenn ich mich hier verhaue. Inspektor Shell kann ja unmöglich der unechte Crack sein.“
„Unmöglich ist hier nichts, Söterland. Da — sehen Sie sich mal Shells Gesicht an, den scheuen Blick. Ein gutes Gewissen offenbart sich anders.“
Shell lachte höhnisch. „Söterland, holen Sie unsere Leute — — sofort!! Dann werden wir hier reinen Tisch machen — — und gründlich!!“
Der Wachtmeister, ein riesiger Bursche mit ein paar vielsagenden Narben auf der Stirn, zuckte die Achseln.
„Mr. Harst, ich halte hier nicht mit. Der Inspektor ist ein Ehrenmann, und ...“
„Halt, — wo ist Shells Karabiner?“ rief Harald und blickte sich suchend um. „Heute früh stand dort in der Ecke ein Karabiner ... Ich war hier im Zimmer und borgte mir von Shell Zündhölzer.“ — Er ging zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus.
Die beiden Felswürfel, auf denen die Häuser errichtet waren, hatten an den Rändern brusthohe Mauern. Vor der Mauer dicht vor dem Fenster sah ich nun ebenfalls in dem hohen Schnee einen länglichen Eindruck. Harst stieg zum Fenster hinaus, bückte sich, griff in den Schnee und brachte einen Karabiner zum Vorschein, kam wieder herein und sagte zu Shell, der ihn grimmig anstierte:
„Sie haben mit einem Schalldämpfer geschossen, — daher hörte niemand den Knall! Der Schalldämpfer wird wohl unten am Felsen im Schnee liegen, Sie geriebener Schurke!“
Jetzt wurde ich stutzig, denn ich besann mich genau, daß der Karabiner vorhin bei der Durchsuchung des Zimmers noch in der Fensterecke gestanden hatte. Oder hatte ich mich doch geirrt?! Glaubte ich nur den Karabiner gesehen zu haben?!
Ich schwieg. Immerhin erschien mir die Sachlage durchaus nicht mehr so ganz klar, und der Umstand, daß Harald so lange mit Shell hier allein gewesen und uns andere hinausgeschickt hatte, gab mir ebenfalls zu denken.
Doch Shells Benehmen zerstreute meine ungewissen Vermutungen wieder.
Er begann nämlich förmlich zu toben, und sein Benehmen war so verfänglich, daß der Wachtmeister ganz von selbst entschied:
„Tut mir leid, Inspektor: Sie sind verhaftet!“
Shell wurde abgeführt.
Söterland kehrte gleich zurück und sagte empört: „Jetzt ist mir jeder Zweifel geschwunden. Shell hat sich in seiner ohnmächtigen Wut verraten. Er brüllte uns zu: „Beweisen soll man mir was — — beweisen!“ und dann biß er sich auf die Lippen und verstummte. Er erkannte wohl, daß er nun ganz verspielt hatte. Meine Leute sind so entrüstet, daß sie ihn am liebsten hängen möchten.“
Der Riese Söterland war für meinen Geschmack denn doch allzu sehr in Rage. Mir erschien seine Aufregung etwas erkünstelt. Überhaupt: Ich fand, daß Harald diese schwerwiegende Entscheidung mit einiger Übereilung herbeigeführt hatte. Am zweifelhaftesten war doch, daß Shell einen Schalldämpfer, bekanntlich ein besonders konstruiertes Aufsatzstück für die Gewehrmündung, das den Knall erheblich abschwächt, mit sich geschleppt haben sollte. Zumindest hätten wir danach suchen müssen. Und dann hätte sich doch auch unschwer feststellen lassen, ob Shell in der kritischen Zeit Dezember-Januar in Alaska gewesen oder nicht. War er hier gewesen, so konnte er nicht Crack der Unechte sein. Ferner fragte ich mich, wie es möglich gewesen, daß Tom, der doch nebenan wohnte und Shells Schnarchen gehört haben wollte, nicht auf meinen Pistolenschuß hin sofort sein Zimmer verlassen hatte. Schließlich fand ich Charlie Maxsons Begründung für das heimliche Niederlegen des Schlüssels und des Zettels auf dem Fenstersims recht fadenscheinig. Wenn ich trotzdem dies alles für mich behielt, geschah es lediglich in Rücksicht auf Harald. Ich wollte ihn vor den anderen nicht bloßstellen. Sobald wir allein waren, würde ich ihn schon vornehmen und ihm all dies unter die Nase reiben. Ich wurde eben das Gefühl nicht los, daß hier so etwas Theater gespielt wurde, mit Harst als Regisseur. Ich konnte mich irren — konnte. Es hieß eben abwarten.
„Mr. Söterland,“ sagte Harst ein wenig feierlich, „wir können nun den Tresor öffnen. Sie als Amtsperson müssen darüber ein Protokoll aufnehmen, genau wie über Shells Verhaftung. Wir unterzeichnen es als Zeugen. Sie müssen sich den Rücken decken.“
Im Büro ganz vorn am Eingang stand der mächtige Panzerschrank.
Söterland nahm den Schlüssel, stellte dann das Kombinationsschloß auf den Namen „Yukon“ ein, und die schwere Tür ging geräuschlos auf.
Wir blickten neugierig in den Schrank hinein. Er hatte vier noch besonders gepanzerte Fächer. In diesen Schlössern steckten zu unserem Erstaunen die Schlüssel.
Samuel Warger meinte, wir würden wohl außer Geschäftsbüchern und Ähnlichem nichts finden. — Shell würde das Bargeld längst beiseite geschafft haben.
Das stimmte auch.
Dann wurde das Protokoll abgefaßt, und Harst, der Millionär und ich unterschrieben es als Zeugen. Das nahm geraume Zeit in Anspruch, und erst gegen halb zwei nachmittags konnten wir dem dringenden Mahnen des chinesischen Kochs, uns zu Tisch zu setzen, Folge leisten.
Ich holte rasch auch Ellen herbei und erzählte ihr alles Nötige. Sie sagte nur, sie habe gleich gewußt, daß Shell der Verbrecher sei. Sie war nun sehr ruhig und sehr gleichgültig. Wir aßen in einem langen dreifenstrigen Zimmer des großen Verwaltungsgebäudes alle gemeinsam, auch die Polizeibeamten. Nur einer war als Wache bei Shell zurückgeblieben.
Über dem sauber gedeckten Tisch brannten drei Hängelampen. Es gab eine Nudelsuppe, dann gespickten Renntierrücken und nachher Renntierkäse mit Butter und Kaffee. Es war eine recht ungemütliche Mahlzeit. Auf uns allen lastete das Geschehene wie ein Albdruck. Die Unterhaltung schleppte sich träge hin. Das einzig Erheiternde war unser Brautpaar.
Als wir beim Nachtisch angelangt waren, stürzte plötzlich einer der Tlinkitindianer[3] herein.
„Sie fliehen!“ brüllte der Mann. „Sie fliehen!! Sie reiten auf Renntiere davon!!“
„Wer?!“ brüllte Söterland noch lauter und warf seinen Stuhl um.
„Mr. Shell und sein Wächter!!“
Eine wilde Jagd begann. Wir stürmten hinaus und die Steintreppe hinab, die an der Nordseite des großen Felsens in die Hochebene hinabführte. Die Felswände beider Steinwürfel, auf denen die Gebäude standen, waren vollkommen senkrecht und mindestens zehn Meter hoch. Nicht zu Unrecht hatte man immer von Old Cracks Festung gesprochen.
Im Laufen zogen wir die Pelzröcke über. Draußen war es bitterkalt. Die eisige Luft benahm uns fast den Atem. Nach Norden zu lagen noch mehrere kleinere Blockhäuser, in denen die verheirateten Eskimos und Tlinkits wohnten. Wir fanden alle Angestellten und Hirten vor der Hürde[4] versammelt, in der die zu Zugtieren und Reittieren gezähmten Klackfoots (Klapperfüße — Renntiere) untergebracht waren. Man sattelte bereits einige Tiere und spannte andere vor die Schlitten. Auch Hundeschlitten wurden bereit gemacht. Immerhin vergingen kostbare Minuten. Von den Flüchtlingen war nichts mehr zu sehen. Sie hatten sich nach Süden gewandt, wo ein Paß durch die Randberge in das Heiße Tal führte.
Die spärliche Tageshelle war schon wieder im Schwinden. In einer halben Stunde mußte es dunkel sein, und zu allem Pech zog noch Gewölk herauf und drohte mit Schneefall.
Ich brauche mich mit der Schilderung der ergebnislosen Verfolgung nicht aufzuhalten. Wir fanden die beiden Renntiere, die die Flüchtlinge benutzt hatten, eine halbe Meile nach Süden in einem kleinen Kiefernwald. Es schneite und alle weiteren Bemühungen waren zwecklos. Wir kehrten um. Söterland war verzweifelt. Harst beschuldigte die Eskimos und die Tlinkits, den Flüchtlingen geholfen zu haben. Diese Kerle — es waren etwa dreißig insgesamt — waren von uns schon gestern abend entwaffnet worden. Aber ihr freches Benehmen und ihre höhnischen Gesichter warnten uns. Zu der Hauptfarm gehörten noch zehn Außenstationen mit weiteren sechzig Hirten, und wenn diese von ihren Freunden herbeigerufen wurden, konnte es einen üblen Tanz geben.
Harst riet denn auch Söterland, den großen Felsen[5] scharf bewachen zu lassen. Der kleine Felsen, auf dem Cracks Haus sich erhob, war deshalb weniger gefährdet, weil er einmal höher als der andere war und sich weiter auch die Steilwände stark nach innen wölbten. Ein Erklettern selbst mit Hilfe von Bäumen oder Leitern war unmöglich.
Gegen fünf Uhr nachmittags trat Ruhe ein. Die Posten waren verteilt, die Treppe durch Balken gesperrt und die Eskimos und Tlinkits, die im Angestelltenhause gewohnt hatten, sämtlich in die Ebene nach den dortigen Blockhütten geschickt worden. Wir wollten keine zweifelhaften Elemente in der Festung haben. Freilich: die Aufgabe der Posten war sehr schwierig. Man sah nicht die Hand vor Augen. Nur das Gehör konnte helfen. Söterland schärfte den Wachen größte Aufmerksamkeit ein, zumal wir gemerkt hatten, daß eine Menge Renntierschlitten von den Stationen herbeigekommen waren.
Old Cracks Festung drohte eine Belagerung.
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5. Kapitel.
Wie ernst die Lage war, zeigte sich, als wir beide dem Wunsche Ellens nachgebend, mit ihr in die Höhle hinabsteigen wollten. Wir fanden die eine Treppentür verrammelt und mußten umkehren. Es steckten also auch schon eine Anzahl Gegner in der Höhle. Der Besuch des Grabes Old Cracks mußte unterbleiben.
Um sechs Uhr hatte sich Ellen dann in ihrem bisherigen Salon (siehe Skizze) ein wenig niedergelegt. Sie war müde und abgespannt. Wir beide heizten die Öfen in Cracks Haus zur Nacht mit Steinkohlen und schlossen die Fensterladen. Tom half uns. Er war sehr bedrückt. Für einen so verliebten Bräutigam mußte der Gedanke, daß es hier zu ernsthaften Schießereien kommen könnte, sehr beunruhigend sein. Nachher entfernte er sich über die Brücke. Harst riet ihm, nicht aufrecht zu gehen und noch ein weißes Laken umzuhängen, das ihn völlig unsichtbar machen würde. Wir warteten in der offenen Haustür, bis er drüben angelangt war. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, und im Norden zeigten sich bereits helle Streifen, offenbar die Vorboten von Nordlichtern. Es war jetzt ziemlich hell. Wir bemerkten unten in der Ebene Trupps von Renntieren, die den Schnee wegscharrten und das dicke Moos knabberten. Ich war bis an die Umfassungsmauer getreten, auf der hier und dort große Steine lagen, hinter denen man gedeckt war. Die stillen, fremden Reize dieser Berge, die dem Polargebiet so nahe waren, bezauberten mich abermals. Dort, wo die Nordlichter nun immer farbenprächtiger aufzuckten, wo die Randberge des unendlichen Hochplateaus an den Gipfeln wie in Sonnenglut erstrahlten und ferne, farbige Riesenscheinwerfer ihre Lichtkegel durch bunte Linsen gegen den ausgestirnten Himmel zu werfen schienen, — — dort lag das eiserstarrte Land meiner Sehnsucht. Schon als Knabe hatte nichts mich so gepackt als Schilderungen von Nordpolexpeditionen. Nansens „In Nacht und Eis“ kannte ich stellenweise auswendig. Nun war dieses Sehnen zum Teil erfüllt worden, denn Alaska ist die Schwelle einer kurzen Treppe, die emporführt zum Märchenpalast der Eiskönigin aus Andersens Geschichten. Vielleicht ist das Märchen von der Schneekönigin das schönste, das der feinen Phantasie Andersens entsprang. Diese rührende Geschichte von dem Knaben, dem ein Splitterchen eines zerborstenen Zauberspiegels in den Körper dringt und der dann von seiner kleinen Gespielin gerettet wird, enthält tiefe Gedanken und erschien mir hier nun wie ein Vorbild für Tom und Ellen.
Harald war neben mich getreten. Auch er war ergriffen.
„Mein lieber Alter,“ sagte er weich und schob seinen Arm in den meinen, „ich bereue es schon deinetwegen nicht, daß wir die lange Reise hierher nicht gescheut haben. Deine bescheidene Dichterseele wird hier ganz neue Eindrücke empfangen, und wenn du nachher deinen Lesern diese Wochen hier oben in Alaskas Bergen wiedererzählen wirst, werden sie begreifen, daß auch dieses Land nicht nur materielle Werte birgt. — Gehen wir hinein, ich bekomme kalte Füße.“
Dann saßen wir in Old Cracks Arbeitszimmer vor dem mächtigen Ofen, dessen Außentür noch offen war. Die Steinkohlen knallten und knisterten, und der Tee mit Whisky feuerte meine Gedanken an und bei einer guten Zigarre sprach ich von meinem Argwohn, Shell könnte doch schuldlos und ein anderer der Verbrecher sein ... „Seine Flucht ist mir kein neuer Beweis gegen ihn. Er mag dem Beamten, der ihn bewachte, manches mitgeteilt haben ... Du sagtest, er habe ihn bestochen. Das glaube ich nicht. — Jetzt rede du!“
Harst hatte den Kopf in die Hand gestützt und wippte sinnend mit der Fußspitze. Sein von der Kälte gerötetes Gesicht war scheinbar voller und erschien mir wie fremd. Allmählich erkannte ich, daß um seinen scharfen Mund Falten seelischer Qualen lagen.
„Was hast du, Harald?“
Er blickte nicht auf. „Zuweilen ist es schmerzlich, Menschen und Dinge so klar zu durchschauen,“ sprach er müde. „Schmerzlich deshalb, weil man anderen Schmerz bereiten muß, die ahnungslos den Ereignissen gegenüberstehen.“
„Shell ist nicht der unechte Crack,“ meinte ich bestimmt.
Er nahm sein Zigarettenetui, öffnete es und gab mir einer schmalen Streifen Papier, den er unter die Zigaretten geschoben hatte.
Auf dem Zettel mit Bleistift:
„Ich komme um halb acht heimlich zu Ihnen. Halten Sie bitte die Haustür offen. — Maxson.“
„Maxson steckte mir den Zettel zu, als wir vorhin den armen Lyne in dem kleinen Zimmer drüben aufbahrten.“ Er seufzte. „In mir ist ein schwerer Zwiespalt. Ich kann ruhig sagen: Ich habe auch Gewissensbisse. Vielleicht hätte ich den Mord verhindern können. Maxson ist sehr schlau, sehr ...!“
„Wie — — er ist der Verbrecher?!“
„Mein Alter, du suchst herum wie ein Blinder, dem man die Lettern in falsche Kästen getan hat, so daß er immer vorbeigreift, wenn er ein Wort zusammenstellen will.“
„Möchtest du nicht endlich etwas eindeutiger sprechen?!“
Er beugte sich vor, zog mit der Stiefelspitze die Innentür des Ofens auf und verbrannte den Zettel. Die Tür war fast weißglühend und das Leder zischte und ein Gestank verbreitete sich, als er die Tür zuschob.
„Ich unterstütze nie deine Blindheit,“ erwiderte er. „Lerne sehen, lerne alles Beiwerk wegwischen und du hast ihn.“
„Sehr schön gesagt. Das Beiwerk ist aber undurchdringlich.“
Wir horchten auf. Draußen waren ein paar Schüsse gefallen. Aber dann blieb es still.
„Vorpostengeplänkel, mein Alter. Ich wollte, wir könnten die hier vorhandenen Patronen und Büchsen verdoppeln. Vielleicht leben wir alle morgen früh nicht mehr. Crack wird uns abschlachten lassen — alle. Crack nenne ich den unechten Crack. Der echte ist für mich Old Crack. Es wird eine tolle Nacht geben, und es werden hier Indianergeschichten wieder aufleben. Old Crack soll an die siebzig Tlinkit-Indianer gehabt haben, und Crack mag die Zahl noch erhöht haben. Es sind wilde, verwegene, stahlharte Kerle und wunderbare Schützen. Denke an die Grotte an dem warmen Bach, als sie deine Puppe durchlöcherten.“
„Ich werde das nie vergessen.“
Und wieder horchten wir, denn die Bohlen der Brücke dröhnten unter eilenden Männerstiefeln.
Harst ging schnell hinaus und öffnete die Haustür. Vor uns stand Samuel Warger, den Tom stützte. Warger blutete aus einem Streifschuß an der linken Schläfe. Tom war kreidebleich, Samuel war mehr tot als lebendig.
„Ich habe Crack gesehen ...“ stöhnte Tom. „Crack — mit grauweißem Bart ... Oh — — es ist furchtbar!“
Wir legten den Multimillionär auf das Sofa, und Harst verband die Wunde sorgfältig. Nur hier in Cracks Haus gab es Medikamente und Verbandszeug.
Folgendes war unten im Verwaltungsgebäude geschehen. Als Tom, von uns kommend, den langen Flur dieses Hauses entlangschritt, hatte er bei der miserablen Beleuchtung durch nur drei Petroleumlämpchen am Fuße der schmalen Treppe, die zum Boden emporführte, eine Gestalt gesehen, die ihm verdächtig erschien. Er schaltete seine Taschenlampe ein und zog seine Pistole. Der Lichtkegel der Lampe zeigte ihm einen Menschen, der genau so aussah, wie Old Crack oder Crack ihm immer beschrieben worden war. Er hatte ja weder den Echten noch den Unechten jemals zu Gesicht bekommen. Er erschrak so sehr, daß er leider zu schießen vergaß. Zufällig trat jetzt sein Vater aus seiner Zimmertür, Tom rief ihn herbei und schaltete gleichzeitig seine Taschenlampe aus, damit der Mensch droben auf dem Boden kein sicheres Ziel hätte. Der Multimillionär holte seine Pistole und meinte zu Tom, es sei sicherlich der verkleidete Shell, man müsse vorsichtig sein. Er schickte Tom in den großen Raum zu den Beamten, damit das Gebäude sofort umstellt würde. Dies geschah in wenigen Minuten. Als Tom sich der Bodentreppe wieder näherte, erstieg sein Vater die ersten Stufen. Plötzlich knallte von oben ein Schuß, und Samuel Warger taumelte seinem Sohne rückwärts in die Arme. Auf den Schuß hin stürzten Maxson und Wachtmeister Söterland aus ihren Zimmern, und diese beiden durchsuchten den leeren Boden, der keinerlei Verschläge hatte und wo nur einige Kisten standen. Sie fanden keine Seele. Tom brachte seinen Vater dann zu uns. —
Das Geschehnis war in vielen Punkten sehr seltsam. Nur so unbefangenen Gemütern wie den beiden Wargers und dem Riesen Söterland, der wohl tadellos schießen, aber weniger tadellos überlegen konnte, und der stets allerlei Spottreden für die sogenannten „feinen Detektive“ bereit hatte, ohne uns damit treffen zu wollen, — nur diesen Menschen, die niemals fein geschürzte Knoten eleganter Verbrecher gelöst hatten, und deren Logik äußerst primitiv war, konnte dieser Schuß auf Warger damit abgetan sein, daß sie eben annahmen, der Schütze sei aus einem der Bodenfenster hinausgesprungen.
Harald hatte mir einen eigentümlichen Blick zugeworfen, als Tom zum Schluß noch bemerkte:
„Natürlich war es Inspektor Shell, und die Wachen draußen haben ihn eben ungehindert durchgelassen, sie sind unzuverlässig.“
Jetzt mischte Harst für den Multimillionär in einem Wasserglase ein harmloses Beruhigungsmittel, das er unserer Reiseapotheke entnommen, denn Samuel Warger war durch den Blutverlust und den Schreck noch immer halb wirr. Er trank gehorsam, und Harald befahl Tom, bei ihm zu bleiben, bis wir zurückkehrten.
Da wir mit einem Kugelregen von unten rechneten, krochen wir über die Brücke hinweg. Zu unserem Glück. Wir hatten noch nicht die Hälfte der Brücke hinter uns, als der Tanz losging. Wenn die Bohlen der Brücke nicht so dick und so stark mit Teer getränkt gewesen wären, würden die Geschosse aus den modernen Repetierbüchsen der verdammten Tlinkits wohl ihr Ziel erreicht haben. Unsere Posten erwiderten sofort das Feuer, und die Knallerei schlief erst ein, als wir längst im Verwaltungsgebäude waren.
Hier trafen wir Söterland, der soeben an der Mauer einen Schuß in den linken Unterarm bekommen hatte und wie ein Berserker tobte. Der Riese war allen Ernstes entschlossen, mit zehn seiner Leute einen Ausfall zu machen und das Pack draußen zu verjagen. Über die Schußwunde lachte er. Es war nicht seine erste. Harst riet dringend ab. „Es sind sicherlich ein halbes Hundert von den Burschen draußen. Sie würden nicht mal lebend die Treppe hinabkommen, Söterland.“ — Das sah der tapfere Hüne denn auch ein.
Wir betraten Maxsons Zimmer. Der Diener saß am Ofen und ... stopfte seine wollenen Socken und rauchte.
„Stehen Sie auf, Maxson. Es wird Zeit, Sie auszuschalten. Strecken Sie die Hände vor!“
Harsts Clementpistole war noch eindrucksvoller. Maxson wurde käsig im Gesicht. Ich fesselte ihn.
Söterland stand mit offenem Munde dabei. Auch ich war verblüfft.
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Das große Rätsel.
1. Kapitel.
... Auch ich war verblüfft. Immer dunkler wurde das Rätsel. Ich hatte blindlings gehorcht und Charlie Maxson gefesselt, obwohl ich nicht wußte, was nun plötzlich gegen ihn vorlag. Man hatte ihm doch in keiner Weise etwas am Zeuge flicken können, als er von uns anstelle Cracks auf das Floß verladen und nach Dawson geschafft worden war, wo er alles genügend aufgeklärt hatte, wie die Leser noch aus dem vorigen Crack-Band wissen dürften. Einige Punkte blieben freilich verschleiert. Ein direktes Einverständnis mit dem Verbrecher war jedoch nicht nachzuweisen gewesen, und da Samuel Warger, damit Maxson uns nach der Tanana-Farm begleite, noch eine Kaution für ihn hinterlegt hatte, war das Verfahren vorläufig eingestellt worden. —
Harald sagte zu Söterland: „Machen Sie den Mund besser zu. Sie haben wenig empfehlenswerte Zähne, lieber Söterland, und dann holen Sie zwei Karbidlaternen. Wir brauchen Licht.“
Der Riese nickte. „Meine Zähne liegen in Fort Yukon, Mr. Harst. Es gab da mal eine kleine Schießerei mit Banditen. Aber auch die Banditen liegen dort. Es werden wohl nur noch die Knochen übrig sein, die Geschichte ist acht Jahre her. — Welch’ neue feine Kombinationen haben Sie ausgeknobelt? Ich bin gespannt. Maxson ist doch ein elender Waschlappen. Glauben Sie, er hat auf den älteren Warger geschossen?“
„Holen Sie die Laterne, Söterland, und beeilen Sie sich. Ihr hier in Alaska haltet’s zu sehr mit der Pomadigkeit.“
Der Wachtmeister war im Nu wieder da. Harst nahm die eine Laterne und beleuchtete den mit Wachstuch überzogenen Tisch, an dem Maxson seine Socken gestopft hatte. Er schob die Petroleumlampe beiseite und deutete auf vier quadratische kleine Eindrücke in dem Wachstuch.
„Stuhlbeine, Söterland. Hier hat vor kurzem ein Stuhl gestanden. Da — geben Sie mal her. — Sehen Sie, die Enden der Stuhlbeine passen genau in die Löcher, und der Tisch steht dicht neben dem Kachelofen.“
Er blickte Maxson an. „Sie sind ein Dummkopf! Oben in der Holzdecke des Zimmers ist ein Loch ausgesägt und eine Tür hergestellt worden.“
Er kletterte auf den Stuhl, von da auf den Ofen und untersuchte die Balkendecke. Dann drückte er mit flachen Händen gegen eine bestimmte Stelle, und die Tür klappte hoch. Er ließ sie wieder zurückfallen, kam herab und sagte:
„Maxson, geben Sie zu, den Old Crack gemimt zu haben?“
Maxson zitterte nur und würgte hervor: „Das ... ist ... Unsinn!“
Harald schraubte den Ofen auf.
„Mein lieber Maxson, Sie werden natürlich die Perücke und den falschen Bart verbrannt haben. Aber falls Sie die Glut nicht hinterher mit dem Schürhaken umgerührt haben, werden doch noch verkohlte Reste vorhanden sein.“
Er kniete und schaute in die Feuerung hinein.
„Söterland, — — da, — da liegt die dritte meiner feinen Kombinationen. Erkennen Sie die Asche noch, sie hat die Form einer flachen Perücke, und dieser dünne Draht gehörte zum Bart, um ihn bequem am Ohr zu befestigen.“
„Sie Hund!!“ fuhr Söterland den schlotternden Maxson an. „Sie haben auf Warger geschossen, und dann sind Sie schleunigst durch die Falltür wieder hier in Ihr Zimmer verduftet!“
„Das mag sein,“ meinte Harst und schaute in jeden Winkel der Stube. „Wo haben Sie Ihre Büchse, Maxson?“
Der Kerl winselte kläglich:
„Sie wissen am besten, daß ich keine Waffen besitze. Inspektor Shell hatte verboten, daß ich ...“
„Schon gut, Maxson. — Hören Sie, Söterland, Sie bleiben hier bei ihm. Nur auf Sie ist Verlaß. Entsichern Sie Ihre Pistole, und sobald die Falltür dort oben sich rührt, geben Sie Schnellfeuer. Maxson steckt mit dem Verbrecher unter einer Decke, und wir alle können gewärtig sein, in diesem verwünschten Hause wie die Hasen abgeschossen zu werden.“
Der Riese legte zwei Repetierpistolen auf den Tisch, System Cold, mit langen Läufen. „Das sind achtzehn Schuß, Mr. Harst, und ich möchte den sehen, der Söterland überrumpelt. Von Ihren feinen Finessen verstehe ich nichts, aber treffen tue ich.“
Wir verließen das Zimmer. Harald ging vor mir den Flur entlang, in der Linken eine Laterne, in der Rechten seine Clement. Im Flur patrouillierten zwei Beamte, junge stramme Leute, die uns achtungsvoll grüßten.
An der Bodentreppe machte Harst dann halt und beleuchtete die gefirnißte Holztreppe und die Dielen davor. Es waren nur wenige Blutstropfen zu sehen, was mich eigentlich wunderte.
Harald ging schweigend weiter, und wir betraten Samuel Wargers Zimmer.
Dieser Raum war bisher von einem der Aufseher der Farm bewohnt gewesen und recht behaglich ausgestattet. Auf dem Sofatisch brannte eine Karbidlampe, daneben lag ein aufgeschlagenes Buch, in dem der Multimillionär gelesen hatte, und nebenbei stand ein Aschbecher mit einer halb aufgerauchten Zigarre.
Ich möchte nun meinen Lesern dringend raten, wie stets (hoffentlich!) recht sorgfältig auf jede Kleinigkeit zu achten und nichts zu überfliegen. Wer den wahren „Crack“ herausfinden will, bevor die überraschende Lösung am Schluß jedes weitere eigene Nachdenken überflüssig macht, der beachte alles — alles!
Links neben dem Ofen standen hier ein Waschtisch, dessen Platte marmorartig angestrichen war, und das Bett. Vor dem Waschtisch lag eine jener bunten Binsenteppiche, wie die Frauen der Tlinkit-Indianer sie sehr geschmackvoll herstellen. Diese Matte war teilweise naß, und auch die Waschtischplatte zeigte noch Spuren von Feuchtigkeit. In der Waschschüssel war leicht schmutziges Wasser mit Seifenschaumflocken.
Harald nahm das Stückchen Seife aus der Schale. Es war feucht.
„Ja, es stimmt,“ nickte er. „Warger hatte frisch gewaschene Hände.“
„Und das bedeutet?“
„Nichts ...“ Seine Augen glitten weiter und blieben auf einem jener mechanischen Klaviere haften, die heute nur noch in elenden Spelunken die Nerven der Gäste peinigen. Auf die Walzen war eine Notenrolle aufgespannt. Harst drückte den Hebel, und zu meinem Erstaunen erklang „Walthers Preislied“ aus die Meistersinger von Nürnberg. — Harald schaltete rasch aus.
„Old Cracks Grammophonschrank drüben in seinem Wohnhaus enthält fast nur Wagner-Platten,“ meinte Harst, „Old Crack war Wagner-Verehrer — oder Crack. Man müßte mal nachher Ellen fragen.“ (Ellen hat dann erklärt, das erst Crack der Verbrecher das Grammophon angeschafft habe.)
Haralds Treiben erschien mir höchst zwecklos.
„Was willst du eigentlich hier?“ fragte ich.
Auf dem Klavier standen ein paar Bilder und eine Kiste Zigarren. Er nahm sie herab und klappte den Deckel hoch und schaute hinein. „Was ich suchte, habe ich schon ... Der Maxson ist doch ein geriebener Fuchs!!“
Er zog einen kurzen Karabiner aus dem Klavier, der in einem Lederfutteral steckte.
„Das Ding kann man bequem unter den Pelzrock knöpfen,“ meinte er. „Tut man’s auf den Rücken, so kann man getrost mit jemandem im halbdunklen Flur sprechen, ohne daß der andere was merkt.“
Er zog den Karabiner aus dem Futteral. In dem Patronenrahmen steckten noch sechs Patronen. Die Mündung roch nach Pulverschleim. Aus dieser Waffe war vor kurzem ein Schuß abgefeuert worden!
Das Futteral enthielt jedoch noch mehr: Einen Schalldämpfer!!
„Da haben wir ihn ja! — Hole doch mal Söterland und Maxson her.“
Maxson sah den Karabiner und knickte beinahe in die Knie. Aber er blieb dabei, er habe nicht auf Samuel Warger geschossen ... „Ich schwöre es beim Andenken meiner Eltern!! Gott ist mein Zeuge, ich habe nie daran gedacht, Warger zu ermorden!“
Er hatte sich straff aufgerichtet. Er wußte, es ging hier um sein Leben. Er machte eigentlich auf mich einen recht glaubwürdigen Eindruck.
Harald lachte. Es klang fast grausam.
„Wollen Sie nicht besser endlich der Wahrheit die Ehre geben, Maxson? Ihr volles Einverständnis mit dem Verbrecher ist erwiesen. Die verbrannte Perücke sagt alles.“
Da trat in Charlie Maxsons welke Züge ein ganz merkwürdiger Ausdruck. Er sagte mit überlegenem Hohn:
„Sie mögen ja sehr schlau sein, Mr. Harst. Aber hier genügen Sie nicht. Wie sollte ich wohl den Karabiner hierher geschafft haben?! Hier ist keine Falltür in der Decke.“
„Auf dem Rücken, Maxson, — auf dem Rücken unter dem Pelzrock, mein Lieber! Und Ihre Pelzjacke reicht bis zu den Knien!“
Maxson grinste. „Und wenn nun die beiden Posten im Flur bezeugen könnten, daß ich gar nicht hierher gegangen bin?! Fragen Sie sie doch. Untersuchen Sie die Decke, die Wände ... Hier ist keine Verbindung irgendwohin, die nicht jeder sofort sähe: Fenster, Tür! Nicht mehr als dies.“
Harst drehte sich kurz um und schaltete wieder das Klavier ein.
„Sagen Sie, Maxson, spielte dieser Marterkasten, bevor Sie Old Crack spielten ...? Alles ist hier Spiel, alles, aber der Galgen bildet den Hintergrund der Bühne ...!“
„Er spielte,“ erklärte Maxson laut, und auch Söterland bestätigte dies. „Man hört’s ja in allen Zimmern ...“
Harald drückte den Hebel nach oben, und der Wimmerkasten verstummte.
Harst fragte Charlie Maxson: „Wenn hier in diesem Zimmer ein Schuß gefallen wäre mit aufgesetztem Schalldämpfer, würde dann der Knall durch das Klavierspiel übertönt worden sein?“
Die Wirkung dieser Worte auf Maxson war erstaunlich. Maxson taumelte zurück und fiel auf einen Stuhl. Sein Gesicht zeigte ein ungeheures Entsetzen. Er war in einer Verfassung, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte. Er stierte Harst an wie einen, dem man plötzlich die Maske von der Teufelsfratze gerissen hat. — Und wodurch das alles?! — Ich begriff es nicht. Wie konnte diese an sich so harmlose Frage Harsts den Mann derart erschrecken?!
Auch Söterland murmelte: „Verdammt, was ist nur los?!“
Harst trat dicht vor den fahlen Maxson hin.
„Mensch, — — die Wahrheit!! Heraus damit!!“
Aber selbst dieser jähe Angriff prallte an Maxsons fraglos vorzüglichen Nerven ab. Er erholte sich. Er lächelte. „Das war nur ein Schwächeanfall,“ sagte er leise und holte tief Atem.
„Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet,“ drängte Harald.
Maxson erwiderte und richtete sich auf: „Ich habe Ihre Frage gar nicht verstanden.“
„So?! — Nun — — dann werde ich Sie ein wenig über die Brücke der Erkenntnis schicken, mein lieber Maxson!“
Er packte ihn am Arm.
„Söterland, Schraut — kommt mit! Dieser Schurke wird klein werden wie ein Kind!!“
Er schob Maxson vor sich her. Wir folgten — hinaus in die eiskalte, halbhelle Nacht ... bis dorthin, wo die Holzbrücke begann. Hier waren wir noch vor den Schüssen der Feinde gedeckt. Zwei Meter weiter — — und die Knallerei würde beginnen.
Die Brücke war drei Meter breit und hatte nur je einen dicken Balken als Geländer. Wer sie aufrecht passierte, war verloren. Das hatten wir am besten vorhin gemerkt.
Und als mir dies so durch den Kopf ging, fiel mir jählings etwas anderes ein.
Die beiden Warger waren da vorhin über die Brücke gelaufen und kein Schuß war gefallen!! Kein Schuß!! Hatten die Feinde nicht aufgepaßt?!
Aber meine Gedanken zwang Harst in andere Richtung.
„Maxson, Ihnen bleibt noch eine Chance,“ — seine Stimme war klar und hart wie diese Polarnacht. „Wollen Sie sprechen?“
_________
2. Kapitel.
Maxson erwiderte achselzuckend:
„Ich durchschaue Sie, Mr. Harst. Wenn Sie ein Gentleman sind, geben Sie mir eine Zigarre. Es wird wohl die letzte sein, die ich rauche.“
Alles, was in der letzten halben Stunde geschehen, war und blieb Rätsel. Söterland und ich waren lediglich Statisten.
Harst entgegnete:
„Von Ihnen als Gentleman bezeichnet zu werden, ist eine Ohrfeige. Ich verweigere Ihnen die Zigarre. Sie werden jetzt im Schritt aufrecht über die Brücke gehen, drüben umkehren und aufrecht wieder hierher kommen. Gehorchen Sie nicht, so erschieße ich Sie, und auch Schraut und Söterland werden feuern. Ich habe Ihnen Gelegenheit gegeben, sich zu retten. Sie hoffen noch immer auf Crack. Sie täuschen sich: Ich habe Crack vollkommen ausgeschaltet. Zurzeit spielt er Dornröschen und ... kann keinerlei Signale geben. — Vorwärts — — beginnen Sie Ihren Marsch über die Brücke!“
Maxson senkte den Kopf und schien zu überlegen.
„Und wenn ich mich weigere?!“ platzte er dann heraus. „Sie werden niemals einen Mord begehen ...! Und ein Mord wäre es, mich hier niederzuknallen. Trotzdem will ich gehorchen — — aber nicht mit gefesselten Händen! Wenn Sie mich schon in den Tod schicken — gut, aber als freier Mann!!“
Söterland, der halb verlegen, halb gespannt an seiner Zigarre rauchte und sich die Ohren rieb, denn die Pelzmütze hatte er hochgeschoben, um besser hören zu können, murmelte etwas wie: „Geben Sie einen Tritt — dann fliegt er!!“
Harst knotete jedoch bereits Maxsons Handfesseln auf. „Gut — sterben Sie als freier Mann!! Aber hüten Sie sich! Ich schieße bestimmt!“
Maxson verneigte sich. „Danke, Mr. Harst. Sie sollen zufrieden sein — oder auch nicht ...!“
Er trat einen Schritt vor, gleichzeitig riß er Söterland die Zigarre aus dem Munde und war schon auf der Brücke, blieb stehen und zerdrückte die Zigarre auf dem Geländer, so daß die Funken nur so stiebten, schritt vorwärts, ging hinüber zum kleinen Felsen und machte kehrt und — — war wieder bei uns.
Er hatte fabelhaftes Glück gehabt. Auch nicht ein Schuß war gefallen. Ob etwa die Gegner abgezogen waren?!
Maxson verneigte sich tief vor Harald.
„Ich denke, Sie sind zufrieden ...“
„Allerdings, lieber Maxson ... allerdings ... Sogar sehr. Sie sind ein fabelhafter Dummkopf. — Nun lassen Sie sich wieder fesseln. — Söterland, nehmen Sie ihn in Ihre Obhut.“
Der Riese mit den herausgeschossenen Zähnen knurrte etwas unfehlbar Beleidigendes ... Es klang wie „Übergeschnappt!" und konnte sich lediglich auf Harst beziehen. Dann zog er mit seinem grinsenden Gefangenen ab.
Wir blieben stehen.
Mir blieb der Verstand stehen.
Eigentlich hatte Söterland recht gehabt. Dies war eine blöde Komödie gewesen.
Ich schaute absichtlich ganz uninteressiert zum ausgestirnten Himmel empor, über den zuweilen ein farbiges Zucken hinlief, als ob ein Wetterleuchten durch farbige Gläser hindurchschimmerte. Ich ärgerte mich.
„Hast du eine Zigarre da?“ fragte Harald.
„Bitte ...“
„Danke ... Rauche dir auch einen Glimmstengel an. Oder, seien wir sparsam, schneiden wir ihn durch, jeder nimmt die Hälfte, und dann machen wir es wie Maxson. Sobald wir hier den Schutz der Mauer verlassen haben, drücken wir die brennenden Zigarren am Geländer aus, daß die Funken fliegen!“
„Pardon,“ sagte ich, „darf ich dir eine Stirnkompresse aus Eis holen. Material ist vorhanden.“
Er rieb sein Feuerzeug an.
„Du wirst eines Tages den tiefen Sinn meines Unsinns begreifen. — Rauche und gehorche!“
„Und — werde erschossen!! Nicht jeder hat so viel Glück wie Maxson. Die Schufte können doch noch da sein.“
„Maxson hat kein Glück gehabt, sondern nur signalisiert.“ Ich horchte auf. Mir war’s klarer unter der Schädeldecke.
„Harald — die Funken der Zigarre waren das Signal?“
„Ja. Es mußte ein Signal für die Feinde geben, auf das hin das Feuern unterblieb, wenn ein Eingeweihter die Brücke passierte. Maxson hat mir dieses Signal verraten. Du kannst getrost mitkommen. Es wird nicht knallen.“
Wir gingen ... Mir pumperte das Herz, aber die Zigarrenfunken taten ihre Schuldigkeit. Wir kamen heil hinüber und betraten Old Cracks Haus. —
Vielleicht war diese letzte Viertelstunde die feinste Geistesarbeit, die Harst je geleistet hat.
Aber — es kam noch besser.
Wir fanden im Arbeitszimmer Tom sehr erregt vor.
„Vater schläft wie ein Toter,“ rief er besorgt. „Sehen Sie nur, man kann ihn rütteln ... er regt sich nicht ...“
Harald eilte rasch zum Sofa.
„Sollte ich mich etwa in unserer Reiseapotheke vergriffen haben ...“ sagte er bestürzt. „Ah — da ist ja noch das Glas, aus dem Ihr Vater das Brom trank ... Es ist noch ein Rest darin ...“
Er schmeckte den Rest, prüfte mit der Zunge.
„Wahrhaftig, ich habe statt Brom Veronal genommen. Aber das tut nichts, lieber Tom, Ihr Vater wird vielleicht zwölf Stunden wie ein Toter schlafen, dann geben wir ihm schwarzen Kaffee, und Sie sollen sehen, wie munter er wird ... — Wirklich, keine Angst, mein Junge!“
Er warf sich in einen der Lehnstühle am Ofen. „Nehmt Platz ... So ... — Maxson ist auch verhaftet, lieber Tom. Seine enge verbrecherische Verbindung mit Crack ist nun erwiesen.“ Er erzählte ganz kurz das Vorgefallene. Die Sache mit dem Signal deutete er nur an — wohl aus Bescheidenheit, denn es ist nie seine Art gewesen, sich selbst etwa herauszustreichen.
Tom meinte sehr naiv, er an Maxsons Stelle hätte unbedingt den Sprung über das Brückengeländer gewagt ... „Sie hätten doch wohl kaum geschossen, Mr. Harst!“
„So?! — Ich hätte geschossen. Und Schraut und Söterland auch. Das wußte Maxson. Nun hofft er auf die Belagerer ...“
„Und auf Shell!!“
„Natürlich — — wie ich!! Shell ist eben letzte Zuflucht.“
„Hm — wie meinen Sie das?!“
Aber durch Ellens Eintritt wurde Harst einer Antwort überhoben.
Die hübsche Ellen war noch etwas verschlafen. Doch Toms Anblick rüttelte sie auf.
„Tom, ich habe von dir geträumt ... Ich muß dir das erzählen, und dann wollte ich dir ja auch meine photographischen Aufnahmen zeigen. Komm’ mit in meinen Salon, Mr. Harst und Mr. Schraut sind wohl auch so liebenswürdig ...“
Gewiß, wir waren so liebenswürdig und sagten, wir wollten lieber hier ein wenig ausruhen, und Ellen bat auch gar nicht weiter und das Brautpaar zog ab.
Harald beschaute seine Fingerspitzen.
„Falls du etwas fragen willst, mein Alter: Tu’s nicht! Ich habe wirklich zu viel anderes im Kopf. Ich sinne über ein Mittel nach, die Kerle da draußen zu vertreiben ... Wir können eine Belagerung höchstens eine Wochen aushalten. Die Lebensmittel sind knapp. Auch die Munition würde uns ausgehen, während der Feind sicherlich überreich Patronen zur Verfügung hat.“
Er machte eine Pause und blickte zum Sofa hin, wo Samuel Warger schnarchte ...
„... Wie leicht hätte ich ihn mit Veronal vergiften können ...! Man muß mit Medikamenten noch vorsichtiger sein ...! Freilich, für manchen ist ein Veronaltod eine Erlösung ... Leider quälen sich unzählige jahrelang auf dem Krankenlager ab ... Andere, die scheinbar nicht krank sind, sind doch krank ... Ich behaupte zum Beispiel, daß Samuel Warger an Lungenbluten leidet, dies aber sorgsam verbirgt, um Tom nicht zu beunruhigen. Du hast dich vielleicht gewundert, daß mich der nasse Vorleger und die Seife und die Waschschüssel in Wargers Zimmer so sehr interessieren. Er hat dort viel Blut verloren, mein Alter, und er hat es sorgfältig weggewaschen und das blutige Wasser in die Dielenritzen gegossen. Sieh’ mal, hier unter dem Nagel meines rechten Zeigefingers ist Blut. Das haftete am Unterrande der Platte des Waschtisches, das hat Warger nicht weggewischt. — Also — er ist krank, der arme reiche Mann. Lungenbluten ist immer ein Anzeichen von verspäteter Tuberkulose, glaube ich. Er wird sich kaum mehr lange an dem Glück seines Sohnes erfreuen können ...“
Harst seufzte. „Am besten für ihn wäre, er ginge ohne Zigarre über die Brücke der Erkenntnis.“
Das war mein Stichwort. Ich rief:
„Harald, eine Frage mußt du mir beantworten ... Wie kam’s, daß die Kerle draußen nicht auf die beiden Wargers feuerten?!“
„Hm — vielleicht hat Tom zufällig geraucht ... vielleicht hat er zufällig am Eingang der Brücke die Zigarre weggeworfen, so daß das Signal entstand. Ich weiß es nicht. Vielleicht hat auch sein Vater geraucht ...“
„Aber — mit dem Streifschuß an der Schläfe?! Ich bitte dich!!“
„Deine Bedenken sind berechtigt ... Das ist eine genau so dunkle Frage wie die andere: Wo ist die Kugel geblieben, die Maxson auf Samuel Warger abfeuerte?! Oder besser gesagt: Die Kugel ist schon da ...“
„Allerdings, ich sah ja den Einschuß in die gegenüberliegende Tür ...“
„Ein Schuß — — Einschuß, zwei Schüsse, ein Einschuß ... — komisch!!“ Er lächelte. „Nicht wahr, das klingt blödsinnig. Aber es ist überaus wichtig. Doch reden wir von anderem. Eigentlich war das mechanische Klavier ganz leidlich. Wenigstens spielt es sehr laut. Daß Richard Wagners Musik hier oben in Alaska so sehr geliebt wird, kann uns Deutsche stolz machen. Ich bin auch sehr stolz ... — Vergiß nicht Wagners Meistersinger.“
Ich hatte bereits gemerkt, daß all diese scheinbar zusammenhanglosen Reden Haralds ganz Besonderes bedeuteten. Ich achtete auf jedes Wort. Ich mußte ja schließlich dahinter kommen, was eigentlich der Knalleffekt sein würde.
Wenn der Leser hier nun vielleicht zurückblättern will und nochmals die Szenen in Wagners Zimmer nachlesen möchte, so wird er vielleicht stutzig werden, weil Harald dort Charlie Maxson fragte, ob das Klavierspiel wohl einen abgedämpften Schuß übertönt hätte ...
Ein Schuß ...
In der Tat ein Schuß, draußen ... Und der war wie ein Schnitt durch eine komplizierte Gedankenkette.
Zu unserem Erstaunen blieb es der einzige. Wenn mein vorzügliches Gehör mich nicht getäuscht hatte, war dieser Knall jedoch besonderer Art gewesen. Moderne Waffen haben zumeist einen blechernen Knall. Der Schuß eben hatte wie die Entladung einer uralten Schrotflinte geklungen, dunkel und tief, und das Echo war noch dumpfer.
Mit einem Male regte sich jetzt auch Samuel Warger, gähnte vernehmlich und richtete den umwickelten Kopf auf.
„Was war das eben?“
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3. Kapitel.
„Nur ein Schuß, Mr. Warger ...“ Harald trat zu ihm. „Wir werden in aller Form belagert. — Wie geht es Ihnen?“
Warger stierte vor sich hin. „Eigentlich nicht gut. Ich habe so eine bleierne Schwere in den Gliedern, und der Kopf ist mir so wüst wie ... wie nach einem reichlichen Zechgelage. Das mag von der Wunde herrühren ...“
Er blickte uns zerstreut an. Es schien ihm Mühe zu kosten, die Augen offen zu halten, und sein Hirn arbeitete träge. Er fragte ungläubig: „Belagert, sagten Sie?! Das wäre ja eine unglaubliche Frechheit von dem Pack!!“
Er legte sich wieder lang. „Mir ist doch sehr schwindelig. Scheußlich, daß der Schuft mich anschrammte. Ich bin nie krank und zäh wie eine Katze.“
— — „Mir ist da ein Versehen passiert, Mister Warger. Ich gab Ihnen statt Brom zwei Tabletten Veronal. Daher auch das Schwindelgefühl. Aber es hat nichts auf sich. — Ich möchte mal Ihren Puls prüfen ... Na, der ist in Ordnung. Sie können getrost eine Tasse Kaffee haben, Schraut mag aus Cracks Schlafzimmer den Spirituskocher und alles Nötige holen ... Ich habe selbst Appetit auf Kaffee.“
Als ich mit einem Riesentablett zurückkehrte, hörte ich noch gerade Haralds Bemerkung:
„Maxson ist durch die verbrannte Perücke und den Bart vollkommen überführt. Er hat es Ihnen schlecht gelohnt, daß Sie für ihn die Kaution hinterlegten. Er säße in Dawson im Gefängnis, wenn Sie nicht seine Begleitung gewünscht hätten.“
Warger sagte verächtlich: „Der Schurke wird baumeln!! Hier in Alaska machen wir nicht viel Umstände. Ich wohne zwar in Dawson auf kanadischem Gebiet, bin aber Amerikaner, und meine Stimme gilt hier etwas.“
Während ich den Kaffee vorbereitete, rückte Harst einen Stuhl an das Sofa und nahm Warger den Verband ab. „Die Schramme ist unbedeutend ... Trotzdem werde ich die Jodoformgaze wechseln ... So ... — Heben Sie den Kopf etwas an. Danke ... Erledigt ...“
Dabei rollte ihm ein Päckchen Verbandstoff unter das Sofa. Er bückte sich und hob es auf. „Da liegt ja ganz hinten noch ein Taschentuch ...“ meinte er und langte tief hinter das Sofa. „Scheußlich — — ganz naß ist es.“ Er breitete es auseinander. „Gehört es Ihnen, Mr. Warger? Hier: Monogramm S. W.“
„Ja. Mir wurde vorhin, als ich hier allein war und mal aufwachte, etwas übel. Möglich, daß das Tuch mir hinter die Sofalehne glitt. Werfen Sie es in den Ofen, bester Harst.“
Harald schraubte den Ofen auf. Zu meinem Erstaunen merkte ich jedoch, daß er, mit dem Rücken nach Warger stehend, schnell sein eigenes Taschentuch in die Glut schleuderte.
„So — —“ er schloß die Ofentür. „Nun will ich mir in Cracks Schlafzimmer die Hände waschen ...“
Warger lag mit geschlossenen Augen da. Als Harst zurückkehrte, war auch der Kaffee fertig. Das Wasser hatte in der Ofenröhre gestanden und war vorgewärmt gewesen. Nachdem Warger anderthalb Tassen getrunken und zwei große Hartzwiebacke dazu gegessen hatte, setzte er sich aufrecht.
„Mir geht’s besser. Wo ist Tom?“
„Drüben bei Ellen ... Sie besichtigen Photographien.“
Warger lächelte. „Beneidenswerte Jugend!! — Könnte ich eine Zigarre haben? — Danke, lieber Schraut ... Ihr beide seid doch famose Kerle. Ihr Trick, Harst, hat mir imponiert. Maxson ist ein Esel. So dumm zu sein und so leicht das Signal zu verraten.“
„Es ging auf Tod und Leben, Warger. Bedenken Sie das. Sie hätten in derselben Situation kaum anders gehandelt.“
„Oho!! Sie unterschätzen mich. Maxson hätte bequem fliehen können ...“
„Da bin ich neugierig ...“
„Sehr einfach: Er hätte nur zum Beispiel Schraut zu packen brauchen und mit auf die Brücke zu ziehen. So hätte er ein Schutzschild gehabt, und ein Sprung nach unten in den hohen Schnee wäre geglückt. — Was soll nun werden?! Ob man nicht mit den Kerlen draußen verhandeln könnte?! Ich bin Besitzer der Farm, es sind meine Leute, dazu Dummköpfe, die blindlings sich haben aufhetzen lassen. Dieser Lump von Shell müßte doch zu überlisten sein.“
„Darüber habe auch ich mir schon den Kopf zerbrochen,“ sagte Harst grüblerisch. „Shell wird die Leute jedoch allzu fest in der Hand haben. Die Stimmung der Bande schlug erst nach seiner Flucht um. Geld macht viel.“
Warger lachte. „Ja — und ich könnte den Burschen etwas mehr bieten als Shell. Ob ich’s versuche? Man müßte eine Parlamentärflagge herstellen ... Ich bin gern bereit, den Unterhändler zu spielen. Schraut, bitte binden Sie irgendeinen weißen Lappen an eine Stange ... Nehmen Sie eine Gardinenstange. Wie hieß doch der eine weiße Aufseher, der Kerl mit dem aufgewichsten Schnurrbart und der krummen Nase?“
„Ich glaube Setters,“ erwiderte Harald. „Ja — bestimmt Setters.“
„Nun, den werde ich anrufen ... Natürlich hier hinter der Umfassungsmauer stehend, denn dem Zigarrensignal traue ich nicht mehr ...“
Harst war einverstanden, mahnte nur Warger zur Vorsicht.
Nachdem die weiße Fahne fertig, zogen wir die Pelzröcke an und zogen die Mützen über die Ohren, nahmen jeder eine Remingtonbüchse und begaben uns ins Freie.
Wir duckten uns neben der Brücke hinter die Mauer, ich schwenkte die Flagge, und Warger rief mit bewundernswerter Lungenkraft in der hier gebräuchlichen Mischsprache, daß wir Setters sprechen wollten. Zuerst knallten ein paar Schüsse, die drüben vom großen Felsen von den Beamten erwidert wurden, und Söterland brüllte uns von dorther zu, was wir eigentlich vorhätten. Bei den fortwährenden Schüssen war jedoch eine Verständigung sehr schwierig, und mit einem Male erschien der Riese zu unserem Schreck auf der Brücke, verursachte mit seiner Zigarre einen Funkenregen und hoffte, daß dies ihn schützen würde. Harst schrie ihm zu, sich niederzuwerfen, aber die Warnung kam zu spät. Söterland knickte um, warf die Arme in die Luft und lag still.
Warger stieß einen grimmen Fluch aus. „Die Hunde verdammten!! Wieder ein Toter!! Und mit der Gesellschaft verhandeln müssen!! Ein Skandal!!“
Die Schießerei flaute ab. Warger brüllte nochmals nach Setters. Dann kam hinter einem Stapel Fässer Antwort hervor.
„Hier Setters! Was wollen Sie?!“
„Verhandeln!!“
Ein höhnisches Lachen. „Gibt’s nicht!! Wir haben euch sicher. Wir sind hier achtzig Mann, und zwanzig in der Höhle. Der Satan wird euch alle holen!“
Es war Nacht ... Aber es war immerhin so hell, daß wir auf hundert Meter die Umgebung deutlich erkennen konnten. Wir sahen, daß die Gegner überall Steinhaufen errichtet hatten. Sie konnten in dem tiefen Schnee unbemerkt von Haufen zu Haufen kriechen. Außerdem gab es noch andere Deckungen für sie: Steinkohlenlager, aufgehäuftes Brennholz! — Und gerade auf den Mangel an Brennmaterial hatte Warger vorhin hingewiesen. Selbst bei größter Sparsamkeit und wenn wir etwa die Balken des Vorratshauses mit verfeuerten, mußten wir in wenigen Tagen jämmerlich erfrieren.
Warger rief Setters zu: „Mann, ihr sollt alle straffrei ausgehen und jeder dreitausend Dollar erhalten, wenn ihr vernünftig seid — meinetwegen auch fünftausend Dollar! Ich bin Samuel Warger, und ich verpfände euch mein Wort.“
Eine Weile blieb es still. Dann verlangte Setters eine halbe Stunde Bedenkzeit.
Wir kehrten in Old Cracks warmes Arbeitszimmer zurück. Hier fanden wir Ellen und Tom vor, die uns ängstlich ausfragten. Samuel Warger streichelte Ellen das blonde Haar. „Kind, keine Angst ... Geld ist Macht. Der Lump von Shell hat den Leuten nichts Positives zu bieten. Mein Wort ist Geld, Bargeld. Das wissen die Halunken, und sie werden ihn einfach verraten.“
Die halbe Stunde war um. Wir drei standen wieder hinter der Mauer.
„Hallo, Setters!!“
„Hallo, Mr. Warger ... — Wir sind einverstanden. Aber wir wollen Sie als Geisel haben, dazu Mr. Harst, Mr. Schraut, Miß Ellen und Maxson. Ihnen wird nichts geschehen. Sobald Sie, Mr. Warger, die Schecks ausgefüllt haben und die Polizei abgerückt ist, geben wir die Geiseln wieder frei.“
„Ihr seid verrückt!“ donnerte Warger mit überschnappender Stimme. „Haltet ihr uns für Idioten?! Geiseln?! Niemals!!“
Aber Setters entgegnete sehr klar durchdacht:
„Wir sind keine Verräter. Mr. Crack hat uns dazu verführt, die Feindseligkeiten zu beginnen. Vorhin ist er nun entflohen, als ich auch ihm mitteilte, daß wir keine Lust hätten, uns für ihn aufknüpfen zu lassen. Damit Sie sehen, daß wir es ehrlich meinen, werden wir alle uns aus der Nähe der Farm nach Westen bis zum Walde zurückziehen. Ich habe schon die nötigen Befehle erteilt. Die Herren dürfen auch getrost bewaffnet erscheinen. Wir wollen nur die Gewißheit haben, daß uns nichts geschehen kann und daß die Schecks auch gezahlt werden. Mr. Wargers Wort würde uns ja genügen, wir trauen nur den Beamten nicht. Einzelheiten bespreche ich nachher mit den Herren.“
Dieser Setters, der soeben recht vernünftig gesprochen hatte, tat noch mehr: Er näherte sich jetzt mit einer Parlamentärflagge dem kleinen Felsen und machte dicht unter uns halt. Gleichzeitig sahen wir, wie die Eskimos und Tlinkits ringsum ihre Verstecke verließen und sich nach Westen zurückzogen. Es waren mindestens achtzig Mann.
Unter diesen Umständen erklärte selbst der mißtrauische Harald, daß er geneigt sei, auf Setters Bedingungen einzugehen.
So völlig glatt lief die Sache jedoch nicht ab.
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4. Kapitel.
Wir hatten Söterland nicht berücksichtigt, da wir ihn für tot hielten. Aber der gerissene Wachtmeister erhob sich jetzt plötzlich und kam gemächlich herbei, pflanzte sich vor uns auf und sagte energisch. „Ich habe alles mit angehört. Ich widerspreche. Ich bin hier die einzige Amtsperson. Es kann keine Rede davon sein, daß diese Bande auch noch Geld erhält und straffrei ausgeht.“
Mir persönlich war Söterlands Einmischung nur lieb, denn vorhin, als Harald vor dem Ofen die merkwürdige Manipulation mit den beiden Taschentüchern vorgenommen hatte, war in mir ein Verdacht aufgestiegen, der mich im ersten Moment geradezu verwirrte. Dieser Verdacht richtete sich gegen Samuel Warger. Es war mir in dem Moment völlig unverständlich, wie ich bis dahin so vollkommen blind gewesen sein konnte, denn was lag wohl näher, als daß Warger Old Crack gespielt haben könnte. Warger war doch der Haupterbe, Warger hatte für Charlie Maxson die Kaution bezahlt, Warger hatte lediglich einen harmlosen Streifschuß abbekommen — vielleicht nur zu dem Zweck, seine Person frei von jedem Mißtrauen unsererseits zu halten. Was bedeutete auch das nasse Taschentuch unter dem Sofa, und wie kam es, daß das Veronal nicht gewirkt hatte, daß er so schnell wieder munter geworden?! Und die Hauptsache: Er und Tom waren unverletzt über die Brücke gelangt!! — — Dies alles war in meinem Hirn mit einem Schlage als schlüssige Kette von Beweisen entstanden, und ich schämte mich förmlich, daß ich derart blind bis dahin gewesen. Freilich: Diese Beweise waren lediglich Indizien. Ihnen fehlte die Wucht des unumstößlich Tatsächlichen. Und wie locker sie aufgebaut, zeigte mir dann die Unterhandlung mit Setters. Warger mußte sich doch selbst sagen, daß wir ihn sofort niederschießen würden, wenn sich auch nur Anzeichen von Verrat bemerkbar machten. Sein ganzes Benehmen widersprach jedem Anschein der Hinterlist. Außerdem: Es schien bei gründlicher Prüfung ausgeschlossen, daß Maxson imstande gewesen, von der Treppe aus so sicher zu zielen, daß die Kugel Wargers Schläfe nur streifte! Ein Zentimeter weiter links, und Warger wäre erledigt gewesen.
Mit einem Wort: Mein Verdacht war wieder ins Wanken geraten, und ich freute mich daher, daß Söterlands Eingreifen die Entscheidung hinausschob und mir Zeit ließ, vielleicht mit Harald hierüber ein paar Worte zu wechseln. Er wußte ja bestimmt, was von Samuel Warger zu halten war.
Warger hatte Söterland sehr gelassen erwidert:
„Ihre Weigerung ist durchaus begreiflich und macht Ihnen alle Ehre. Wollen Sie mir aber bitte mal sagen, wie Sie sich das Ende hier denken?! Wir sind von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten, auf Hilfe haben wir nicht zu rechnen, wir können keinerlei Botschaft irgendwohin senden, in wenigen Tagen werden wir verhungern und erfrieren. Ich bin gewiß kein Feigling, Söterland. Aber mein Leben nur Ihrer Dickköpfigkeit zu opfern — nein, dazu ist meine Person denn doch zu wertvoll. Was ich hier tue, werde ich jederzeit den Behörden gegenüber verantworten.“
Söterland sagte ingrimmig: „Mit Banditen verhandle ich nicht. Ihre Annahme, daß wir abgeschnitten sind, ist falsch. Zwei meiner Leute und zwar zwei reinblütige Atchabaska-Indianer, Pfadfinder von größter Erfahrung, sind seit einer halben Stunde unbemerkt in weiße Tücher gehüllt davongeschlichen, werden sich Renntiere einfangen und können uns in spätestens fünf Tagen mindestens vierzig Polizeibeamte zu Hilfe heranführen.“
Warger trat dicht an Söterland heran und gab ihm die Hand. „Das haben Sie glänzend gemacht — glänzend! Söterland, ein Scheck über 50 000 Dollar ist Ihnen gewiß. Gott sei Dank, — — Sie ahnen nicht, wie ich mich um Ellen und Tom gesorgt habe. Die Schufte hätten auch Ellen nicht geschont!“ Er war so freudig erregt, daß er kaum sprechen konnte. Dann rief er Setters zu: „Verschwinden Sie!! Wir haben es uns anders überlegt! Wir werden Sie schon klein kriegen, und wenn wir Old Cracks Feuerwerk zu Granaten benutzen müßten! Schert euch zum Teufel!“
Setters zog hohnlachend ab. Kaum war er hinter seinen Fässern verschwunden, als von dorther ein langgezogenes Trompetensignal ertönte, auf das hin seine Truppen auf Renntieren im Galopp wieder angefetzt kamen.
„Schießen!!“ brüllte Söterland seinen Leuten drüben zu.
Das Geknalle schlief bald wieder ein. Es waren zwecklos unzählige Patronen vergeudet worden. Dafür begannen Setters Kerle jetzt auch die Fenster unseres Hauses unter Feuer zu nehmen. Die Fensterladen waren zu dünn, als daß sie einen Schutz geboten hätten. Die Geschichte wurde sehr ungemütlich. Wir lagen in Old Cracks Arbeitszimmer alle auf den Dielen, wir berieten, und die Kugeln pfiffen lustig durch die Fenster über uns hinweg und klatschten in die Wände, in den Ofen, in Bilder, Schränke und Decke.
Söterland knirschte vor Wut mit den Zähnen. „Die Hunde — — die Hunde!! Ich muß hinüber zum Großen Felsen, ich muß auch hier Posten aufstellen an der Mauer. Die Halunken feuern aus weiter Entfernung dicht über die Mauerkrone hinweg ... Das elende Pack!!“
In der Tat, es war eine blamable Situation für uns, die wir noch soeben draußen den Mund so voll genommen hatten: Fünf Männer, ein Mädchen, — eng an den Fußboden geschmiegt liegend — — so eng, daß wir den Robben glichen, die da irgendwo an den Küsten Alaskas jetzt ihre fettgepolsterten Leiber getrost der Eiseskälte aussetzten ... Und wir?!
Söterland, der Hüne, schob sich auf allen Vieren wie ein Walroß zur Tür, reckte den Arm hoch und faßte die Türklinke. Gerade da pfiff eine niederträchtige Kugel durch die Fenster, die letzte Fensterscheibe zersplitterte, und Söterlands Zeigefinger hing nur noch an ein paar Hautfetzen. Das Blut spritzte gegen die Tür, aber der Wachtmeister lachte grell und hielt Harald die Hand hin. „Abbinden, weiter!! Draußen friert die Wunde schnell zu. Aber den Finger werde ich mir aufbewahren und in Spiritus legen, und wenn dieser Schuft, der unechte Crack, am Galgen baumelt, werde ich ihm den Finger noch im letzten Moment zeigen!!“
„Wie gedenken Sie über die Brücke zu kommen?“ fragte Harald warnend. „Holen Sie sich aus Old Cracks Schlafzimmer ein Laken und werfen Sie es über. Wir folgen Ihnen dorthin. Das Schlafzimmer hat in der Außenwand nur oben eine Luftklappe. Dort sind wir sicher.“
Man stelle sich vor: Fünf Männer, ein Mädchen — — und alle sechs auf allen Vieren hinüber in den einzigen Raum, wo man wenigstens aufrecht stehen und sich frei bewegen konnte!!
Hier band Harst den Fingerstumpf ab. Hier wickelten wir Söterland in Laken, daß er wie ein Gespenst aussah. Dann versuchte er das Wagnis. Wir beide begleiteten ihn ins Freie. Hinter der Mauer hielt Harst ihn noch zurück. „Einen Augenblick, Freund Söterland ...! Ich habe hier eine der kleinen Raketen mitgebracht, die Crack zu weiß Gott welchen Zwecken aufgespeichert hat ... Ich werde sie aufsteigen lassen ... Wollen sehen, ob die Schufte was Neues planen.“
Zischend ging die Stabrakete hoch. Aber der Erfolg war lediglich ein wahnsinniges Gebrüll, das hinter dem Stapel Fässer und dem Riesenberg Steinkohlen hervordrang, wo jetzt der rote Schein eines riesigen Feuers den Schnee weithin beleuchtete und die vereinzelten Kiefern deutlich erkennen ließ.
„Vorwärts, Söterland! Die Schufte sind durch die Rakete immerhin etwas geblendet! Schnell!“
Söterland lief aufrecht mit langen Sätzen über die Brücke. Merkwürdigerweise knallte nicht ein einziger Schuß mehr. Der Lärm des Kampfes schwieg.
Aber anderes geschah — anderes, das so recht bewies, was wir von den Feinden zu erwarten hatten.
Plötzlich fuhr hinter dem Kohlenberg eine glühende Bombe hoch, ein riesiges, brennendes Stück Steinkohle, und flog im Bogen bis auf das flache Dach des Vorratshauses, wo sofort weiße Dampfwolken des durch die Glut schmelzenden Schnees emporwirbelten.
„Eine Baumschleuder!“ sagte Harald atemlos. „Sie benutzen eine Kiefer, die sie mit Seilen niedergezogen haben, als Schleudermaschine ...!“
Schon folgte das zweite gleiche Geschoß. Es flog weiter — auf das große überhängende Dach des Verwaltungsgebäudes ...
Wir sahen, daß aus einer Dachluke Söterlands Beamte mit Wassereimern auftauchten, aber eine Kugelsaat trieb sie zurück.
Neue Bomben kamen. Vorläufig hinderte freilich die Schneeschicht der Dächer die beabsichtigte Brandstiftung. Aber da die Dächer lediglich aus Balken bestanden, deren Ritzen mit Moos verstopft und geteert waren, konnte man mit ziemlicher Bestimmtheit voraussagen, daß nach wenigen Stunden die Häuser lichterloh brennen würden und daß dasselbe Schicksal auch Old Cracks Wohnhaus hier auf dem Kleinen Felsen beschieden sein würde. Eine Bekämpfung des Feuers war unmöglich. Der Feind würde jeden, der sich auf die Dächer wagte, niederknallen.
„Harald, das ist so ziemlich das Ende!!“ meinte ich düster.
„Allerdings ... Und — er hat es gewußt, er, dieser höllische Dämon, der mit uns sein Spiel treibt ...!! Mein lieber Alter, ich habe noch nie mit so viel geistiger Anspannung einen Kampf geführt wie diesen. Ich bin mit den Nerven so ziemlich fertig. Ich habe seit gestern, als wir hier anlangten, dauernd auf der Lauer gelegen ... Und dieser Zustand fortwährender Überwachsamkeit hat mich auch körperlich heruntergebracht ... Nur der Kaffee vorhin peitschte mich wieder auf ... — Wie schön müßte es sein, diese Polarnacht ohne dieses ekle Beiwerk genießen zu können!! Ich bin wirklich müde. Der Feind hat bessere Nerven. Seine feinen Schachzüge bleiben unverändert bewundernswert. Immerhin: Dadurch, daß Söterland die beiden Boten, um Hilfe herbeizuholen, abschickte, und durch Inspektor Lynes Tod und dessen Folgen sind freilich die Aussichten für uns besser geworden, wenn auch im Augenblick nur die Möglichkeit eines Va Banque-Spieles bleibt, bei dem wir die Leidtragenden sein dürften ...“
Er schwieg, und endlich kam ich zu Worte.
„Glaubst du an Shells Flucht?!“ fragte ich und schaute ihn an. Der Feuerschein einer neuen, besonders großen Bombe beleuchtete sein Gesicht, und mir war’s, als ob ein Lächeln darüber hinwegzuckte.
„Shell ist bestimmt geflohen, mein Alter,“ erwiderte er jedoch ganz ernsthaft. „Natürlich leitet er trotzdem alles weitere ... Das ist ja selbstverständlich.“
„Und er ist der unechte Crack?“
Da brüllte Söterland von drüben:
„Mr. Harst, holen Sie Samuel Warger. Die Schufte werden uns ausräuchern, wenn es noch eine halbe Stunde mit diesen verdammten glühenden Kohlebrocken so weiter geht. Ich bin einverstanden — mit allem! Mag Warger sein Glück versuchen.“
Wir begaben uns in Old Cracks Schlafzimmer und klärten den Multimillionär über die Sachlage auf. Zuerst sträubte er sich. Er glaubte nicht an den Ernst der Lage. Dann wiederholte sich dasselbe, was schon einmal geschehen: Setters kam als Unterhändler, aber jetzt verlangte er für jeden seiner Leute zehntausend Dollar, Straffreiheit ... und dieselben Personen so lange als Geiseln, die er schon vorhin benannt hatte: Warger, Ellen, Maxson und uns beide! Wir sollten wieder freigelassen werden, sobald die Schecks in Dawson richtig eingelöst wären. — Unter diesen Bedingungen ward der Waffenstillstand geschlossen. Die Banditen zogen sich nach Westen zurück, und vor dem Fässerstapel blieben nur Setters und der andere Aufseher und ein riesiger Tlinkit-Indianer zurück. — Wir Geiseln stiegen die Treppe vom Großen Felsen in die Hochebene hinab, vier Männer und Ellen, — bewaffnet ... Alles schien in bester Ordnung. Setters empfing uns sehr höflich und führte uns nach den Wohnhütten der verheirateten Eskimos. Hier wurden wir getrennt. Harst und ich erhielten einen Raum zugewiesen, und Samuel Warger und Maxson eine Kammer nebenbei, während Ellen ein Stübchen links dem unsrigen betreten mußte. Die Türen wurden abgeschlossen, und Harald und ich waren beim Scheine einer stinkenden Petroleumlampe allein.
Nicht lange.
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5. Kapitel.
Ich würde mich freuen, wenn dieser oder jener der Leser wirklich alle Einzelheiten so genau verfolgt hätte, das ihm auch der Hauptpunkt der letzten Ereignisse nicht entgangen wäre, wozu allerdings einiges Kombinationstalent gehört. Dieser Hauptpunkt, kann man sagen, setzt sich aus Folgendem zusammen: Einem Klavier, Wagnermusik, einem nassen Fleck und einer Wunde.
Wir blieben nicht lange allein. Die Tür nach Samuel Wargers Zimmer öffnete sich, und herein trat mit einer Karbidlaterne Crack: Das heißt also, der unechte Crack — so, wie etwa Charlie Maxson in der Verkleidung als Crack ausgesehen hatte. Gleichzeitig erschienen draußen vor dem Fenster zwei Gestalten, die halb blinden Scheiben klirrten, und zwei Büchsenläufe bedrohten uns.
Crack lehnte sich an den Türposten und sagte mit derselben Stimme, wie auch Maxson sie besaß: „Es tut mir leid ... Samuel Warger weigert sich, die Schecks auszufüllen, und wir haben ihn dementsprechend behandelt. Der Vertrag ist also hinfällig geworden.“
„Daß dies geschehen würde, wußte ich vorher, Crack,“ erwiderte Harald. „Sie haben ja auch Maxson sicherlich schon ... entsprechend behandelt. Genau wie Sie den armen Inspektor Lyne niederschossen, nachdem Sie Shell chloroformiert hatten. Nun fürchten Sie nur noch Schraut und mich, weil wir eben auch Bescheid wissen, und Ellen hassen Sie, weil sie Ihnen seit fünf Jahren immer höchst unbequem war. Wir wollen die Dinge hier sofort klarstellen, Crack. Wer Sie sind, ahnte ich schon in Berlin, denn als Ellen dort bei uns war und bei uns genau so erschossen werden sollte wie Joe Smith, da trug Ellen unter dem Pelzmantel am Kleiderausschnitt eine indische Brosche, die einst mein Eigentum gewesen, bevor Sie mein Haus ausplünderten und niederbrannten. Sie sind jener Karsten, jener Teufel, der das ferngesteuerte Wrack erdachte, der mir die Insel Schluderrook vermachte, der immer wieder scheinbar starb und immer wieder auflebte.“
Ich, Max Schraut, saß auf dem schmierigen Holzstuhl wie eine Statue da. Ich war starr vor Staunen. Alles hätte ich vermutet: Das nicht!!
„... Sie sind Karsten, der Mann, der ins Ausland ging, der scheinbar viele Jahre auf Schluderrook lebte — in Wahrheit immer nur Monate. Sie führten kein Doppelleben, sondern Sie waren in allen möglichen Gestalten unter allen möglichen Namen immer anderswo daheim. Sie kamen auch nach Alaska, Sie heirateten die Witwe Helen Brink, die älter als Sie war und die Ihnen Tom mit in die Ehe brachte. Tom ist nur Ihr Stiefsohn, Samuel Warger.“
Ich, Max Schraut, fiel beinahe vom Stuhl. Also doch — also doch Samuel Warger!! Mir schwirrte der Kopf. Ich biß mir in die Lippen, um nicht loszubrüllen ...
Und Warger lächelte zu alledem und hielt seine lange Coldpistole bereit.
„Sehen Sie, Warger, als ich nach Alaska kam, um aufzuklären, wer Joe Smith erschossen hatte, wußte ich noch nichts von dieser Doppelrolle als Warger und Crack. Erst in Dawson kam mir der erste Verdacht, als Sie als Samuel Warger für Maxson die Kaution zahlten. Das war eine Dummheit, ein Fehler. Aber Maxson hatten Sie in der Hand, und da nahmen Sie den Fehler auf sich. Wir waren in Dawson Ihre Gäste. Sie hatten ein tadelloses Grammophon und unter den Platten alles, was Wagner irgend komponiert hat. Ellen hatte mir erzählt, auch Old Crack oder besser Crack liebe Wagner und besitze ein Grammophon. Das war die zweite Dummheit, Warger, und die hätten Sie vermeiden können. Aber Ihre Schwärmerei für Richard Wagner war größer als Ihre Vorsicht und Klugheit. Mein Verdacht nahm zu. — Wir kamen hierher, und der arme Lyne ward erschossen und Maxson legte Schlüssel und Zettel auf das Fensterbrett. Das war die dritte Dummheit. Sie haben Lyne niedergeknallt, denn er war auf derselben Fährte wie ich. — Ich tat so, als ob ich Shell für Crack hielte. Als ich mit Shell allein war, sagte ich ihm die Wahrheit, und wir einigten uns auf die bekannte Komödie. Aber Sie trauten mir nicht. Sie wollten unbedingt den Verdacht von sich ablenken und ließen in Ihrem Zimmer das Klavier spielen und brachten sich selbst den Streifschuß bei. Das Blut auf dem Vorleger und Waschtisch wuschen Sie ab. Maxson gab dann zum Schein von der Treppe aus auf Sie Feuer, schoß aber so hoch, daß mir die Kugelspur in der Tür und die Nässe auf dem Vorleger genug sagten. — Eine weitere Dummheit war das Signal mit der Zigarre, das Sie mit Setters, dem Sie einfach Zettel mit Instruktionen zuwarfen, verabredet hatten. Nicht weniger töricht war es, das nasse Taschentuch unter das Sofa zu schleudern. Sie hatten absichtlich das Veronal wieder ausgebrochen, denn Sie schmeckten, daß es nicht Brom war. In Ihrer Angst, daß ich Sie verhaften lassen könnte, begingen Sie noch einen Fehler: Sie regten die Verhandlungen mit Setters an, und nachher riefen Sie ihm etwas von Feuerwerk zu, und das sollte das neue Signal sein, nicht auf den zu schießen, der kurz nach dem Abbrennen einer Rakete die Brücke passierte. — Sie werden sich nun fragen, weshalb ich Sie nicht unschädlich gemacht habe. Den Grund hierfür werde ich Ihnen nicht nennen, nur eins sage ich Ihnen: Wenn Sie sich an Ellen, Schraut oder mir vergreifen, leben Sie keine Stunde mehr — mein Ehrenwort darauf. Sie kennen mich. Ich pflege nicht zu lügen. Ihr Leben ist noch immer in meiner Hand. Richten Sie sich danach.“
Wargers freches Grinsen war verschwunden. Er blickte Harald forschend an. Man merkte, ihm war doch ungemütlich zumute. Er fragte:
„Also Shell weiß, daß ich Crack spielte?“
„Ja. Er weiß noch mehr. Das Testament des echten Old Crack ist eine glänzende Fälschung. Der Notar und die Zeugen sind tot. Die Fälschung wäre nicht mehr nachzuweisen gewesen. Der Notar und die Zeugen ertranken im Yukon, — wie Shell mir sagte unter verdächtigen Umständen. Also haben Sie diese Leute ebenfalls umgebracht. — Wir sind Ihre Gefangenen. Tun Sie mit uns, was Ihnen dienlich ist.“
„Das werde ich!“ — Und schon zehn Minuten drauf sausten sechs Renntierschlitten über die Hochebene ... Wir lagen wie Pakete in dem einen, gefesselt, geknebelt.
Die rasende Fahrt dauerte sechs Stunden. Dann wurden wir mit verbundenen Augen in ein Boot gebracht. Ein Motor ratterte. Ein Fluß gurgelte und rauschte. Es konnte nur der „Heiße Fluß“ sein, der Tuoma, der berühmte, der im Winter nie zufriert. Wieder verstrichen Stunden. Wir wurden aus dem Boot getragen und irgendwo angebunden in sehr unbequemer Lage — an eine Art Stange. Plötzlich riß man mir das Tuch vom Kopf.
Ich sah ...
Da war ein Park, da war ein bartloser Mann in einem Liegestuhl ... Da war eine Fontäne mit Riesenschlangen als Wasserspeiern ... Und an diese drei eisernen Schlangen waren Harald, ich und die arme Ellen gefesselt.
Plötzlich begann aus den Mäulern der Schlangen das Wasser in dünnen Strahlen emporzuschießen, und der Mann im Liegestuhl erhob sich und legte hohle Glaskugeln auf die Strahlen und setzte sich und schoß mit einer Repetierbüchse nach den tanzenden Kugeln und traf ...
Wir hatten keine Knebel mehr im Munde, und der Mann rief uns zu:
„Wenn die Kugeln abgeschossen sind, werden Ihre drei Köpfe das Ziel bilden. Sie kommen als letzter an die Reihe, Harst. Daß hier im fernen Wundertale des Heißen Flusses ein reicher Sonderling lebt, weiß jeder in Alaska. Daß Samuel Warger dieser Sonderling ist, weiß niemand. Samuel Warger oder Crack werden nie wieder auftauchen. Aber ich, Mr. Jonathan Garring, werde in diesem Paradiese weiterleben und jeden Tag zu Ihren drei Gräbern pilgern und ...“
„Das werden Sie nicht!“ — Harald sagte es kalt und drohend. „Shell und der Beamte, der mit ihm floh, und die beiden anderen, die Söterland wegschickte, haben Ihre und unsere Spur nie verloren! Ich ...“
Ein Schuß knallte aus einem nahen Gebüsch und riß Warger-Karsten die Büchse aus der Hand.
„Hände hoch!“ brüllte Shell, und der Park wimmelte plötzlich von Beamten.
Da geschah etwas, das niemand erwartet hatte. Warger hatte die Arme hochgereckt, aber mit einem Male schoß der Liegestuhl mit ihm blitzschnell in die Tiefe, und dort, wo er bisher gestanden, gähnte im Boden ein großes quadratisches Loch. Der Liegestuhl hatte auf einer Versenkung gestanden, und Warger entwischte durch einen Gang, der bis zum Flusse lief und hier in eine kleine Höhle zwischen den Uferfelsen mündete.
Die Verfolgung des Flüchtlings blieb umsonst. — Schon fünf Tage drauf wurden Maxson, Setters und acht andere Leute aufgeknüpft.
Aber Karsten-Warger, der falsche Old Crack, war frei. Wir kannten noch nicht all seine Schliche. In „Old Cracks Geheimnis“ spinne ich den bunten Faden dieser Abenteuer weiter fort. Jedenfalls weiß der Leser nun, weshalb ich im vorigen Band in der Einleitung Karsten erwähnt habe.
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Anmerkungen:
[1] „Tanana“ ist eine Kleinstadt am Yukon-Kuskokwim-Delta, siehe: Tanana.
[2] „Renntier“ ist die veraltete Form von „Rentier“, welches aus dem schwedischen „ren“ abgeleitet ist.
[3] In der Vorlage benennt der Autor den Indianerstamm und seine Personen „Tlinkit“; die richtige Schreibweise des historisch zu den mächtigsten und kriegerischsten indigenen Völkern der Nordwestküstenkultur zählenden Stammes lautet aber „Tlingit" (Tlingit).
[4] I Als „Hürde“ bezeichnet man auch einen mobilen Pferch für Tiere, siehe: Pferch.
[5] In der Vorlage steht „Felschen“ - in „Felsen“ geändert.