
Sittenroman
von
Ewald North
Verlag moderner Lektüre
— — — — — G.m.b.H. — — — — —
Berlin SO16, Michaelkirchstraße 23a
Nachdruck verboten. Alle Rechte einschließlich Verfilmungsrecht vorbehalten. Copyright by Verlag moderner Lektüre
G. m. b. H., Berlin 26. — 1924.
Druck: Buchdruckerei P. Lehmann G m. b. H., Berlin
1. Kapitel
Herr Emil Wanze.
Zu den durch den Weltkrieg arg Geschädigten gehörte auch Herr Emil Wanze. Nicht etwa, daß er einen Teil des Beines, ein Auge oder sonst etwas von seinem wertvollen Kadaver eingebüßt hätte. Nein, dazu war Emil Wanze denn doch zu vorsichtig gewesen. Mit Kriegsausbruch hatte er sich, wie so oft schon in seinem Leben, einen anderen Namen zugelegt, hatte einem Holländer in Berlin dessen Ausweispapiere gestohlen und sich in den ‚klangvollen‛ Mynheer van Zeerten verwandelt, war nach München gereist und hatte hier seine frühere ‚einnehmende‛ und ‚erleichternde‛ Tätigkeit wieder aufgenommen. Er, der in Amsterdam zwei Jahre Kellner gewesen war, beherrschte das Holländische so hervorragend, daß die Polizei vor dem eleganten Neutralen in Ehrfurcht erstarb und ihn in keiner Weise belästigte.
Doch – München ist nun einmal nicht Berlin. Und so erwachte denn in Emil Wanzes sanftem Gemüt im Jahre 1917 die Sehnsucht nach den Nachtlokalen der Reichshauptstadt in solchem Maß, daß er, obwohl er in Berlin unter der Kriminalpolizei so viele alte Bekannte hatte, dem Unheil blindlings in die Arme lief.
Mittags war er eingetroffen. Um sieben Uhr abends ‚graste‛ er wie in früheren Zeiten die Untergrundbahn zwischen Wittenbergplatz und Friedrichstraße ab. Um sieben Uhr fünfzehn Minuten kniff er einer ungeheuer dicken, ungeheuer geschnürten und ungeheuer mit Brillanten behängten Dame im Gedränge des Aussteigens auf dem Bahnhof Wittenbergplatz mit der ihm eigenen gottlosen Frechheit und Gewandtheit – bitte sehr! –, nun denken Sie natürlich, Wanze kniff der Dame etwa in die rundliche Achterseite, was bei Wanzen ja gar nicht so merkwürdig ist.
Sie irren – er kniff, allerdings, – aber er kniff etwas ab! Nämlich das goldene Handtäschchen!
Aha! Nun begreifen Sie auch, weshalb ich oben von einer einnehmenden und erleichternden Tätigkeit gesprochen habe! Solche Leute wie Emil Wanze nennt man mit einer grob naturalistischen Bezeichnung ‚Taschendiebe‛. Aber Emil war nie ein gewöhnlicher Taschendieb gewesen. Nein, er klemmte nie Sachen, die armen Leuten gehört, – nie! Er suchte sich seine Opfer stets im Westen Berlins, wo die Westen sich über Mastbäuche prall strecken und in den Westen dicke goldene Sprungdeckeluhren sich befinden und unter diesen Westen Herzen schlagen, die nur eins anbeten: Gott Ammon, – bekanntlich eine aus Palästina vor Jahrtausenden importierte Gottheit!
Also – Emil Wanze war ein Gemütsmensch! Tatsache das wird sich ja auch im weiteren Verlauf unserer tragischen Geschichte zeigen.
Doch zurück zu sieben Uhr fünfzehn Minuten und zu der abgekniffenen goldenen Handtasche, die Frau Rosalie Rohrstuhlgeflecht in der Linken so verführerisch-nachlässig getragen hatte, daß jeder dieser Versuchung erlegen wäre, der wie Emil eine hübsche, kleine Beißzange bei sich führte.
Leider – leider hatte nun aber die dicke Rosalie in der linken Hand ein Feinempfinden, das man sonst nur in den Seelen zarter, lieblicher Frauen anzutreffen pflegt. Kurz: Sie merkte den Braten, wandte sich um und kreischte:
„Ein Dieb – ein Dieb!“
Sie packte den edlen Mynheer van Zeerten, der gerade hinter ihr stand, beim Rockaufschlag und – im selben Moment packte eine andere Faust auch schon Emilchen beim Kragen, und dieser Faustbesitzer war ein Kriminalbeamter, der ausgerechnet unseren Emil ebenso genau kannte, wie man eben einen schon mehrfach vorbestraften Taschendieb als ‚Kriminal‛ kennt.
Emils Schicksal war besiegelt. Er kam vor die wenig geschätzte Strafkammer, kam für drei Jahre nach Plötzensee, begrüßte hier liebe alte Freunde unter den Aufsehern und Inspektoren und kam sich deshalb wie zu Hause vor.
Am 15. April 1920 hatte er seine drei Jahre ‚Knast‛ glücklich hinter sich. Vormittags elf Uhr wurden ihm seine Kleider und sonstigen Sachen ausgehändigt. Der Anzug und der Sportpaletot auf Seide waren noch ebenso tadellos erhalten wie der Zylinder und das Monokel. Auch die Lackknopfstiefel mit hellem Einsatz konnten sich sehen lassen.
Emil Wanze war wieder Kavalier. Und ganz als Kavalier verabschiedete er sich nun auch von den Beamten. Er hatte sich im Knast wie stets tadellos geführt, hatte sich allgemeiner Zuneigung erfreut und als ‚Kalfaktor‛[1] manche Erleichterung genossen. Aus den Gesprächen mit den Aufsehern hatte er sich daher über die neue Ordnung der Dinge im Deutschen Reich und in Berlin sehr eingehend unterrichtet. So erlangte er denn recht gut informiert die Freiheit wieder, und nachdem er sich bei einem Friseur noch etwas hatte zurechtstutzen lassen, finden wir ihn um ein Uhr mittags bereits in der Untergrundbahn Wittenbergplatz-Friedrichstraße, natürlich 2. Klasse, Nichtraucher – denn dort sitzen ja die Damen aus dem Westen mit den Ehemännern mit den Westen – und so weiter.
Emil brauchte nicht zu fürchten, daß ihn einer seiner Intimen von der Kriminalpolizei wiedererkennen würde. Als Mynheer van Zeerten und vordem hatte er stets Spitzbart getragen, bald braun, bald blond, bald schwarz. Jetzt war er absolut bartlos. Außerdem hatte er sich im Knast wieder zu einer sehr jugendlich wirkenden Schlankheit herabgehungert. Und – die Hauptsache – er war in Plötzensee unter die Erfinder und Verschönerungskünstler gegangen, hatte sich einen Nasenformer konstruiert gehabt und diesen nachts regelmäßig getragen, so daß aus seiner bis dahin etwas plebejischen ‚Kartoffelgurke‛ ein schmales, hocharistokratisches Riechorgan geworden war.
Kurz: Unser Emil durfte sich in dieser neuen Aufmachung ganz sicher fühlen. So saß er denn nun, ein freier Mann, in der Untergrundbahn und beäugte durch sein Monokel eine dicke – nein, eine ungeheuer dicke, ungeheuer geschnürten und ungeheuer mit Brillanten behängte Dame –, die ihn so merkwürdig an irgendein peinliches Berufserlebnis erinnerte.
Dann – es ging ihm wie ein elektrischer Schlag von einhundertzwanzig Volt durch den eigenen, zu allerhand Schandtaten nur zu bereiten Leichnam, – dann wußte er, wer diese aufgeputzte, flimmernde Dame war: Frau Rosalie Rohrstuhlgeflecht, die damals 1917 die Schwurfinger erhoben und ihm dergestalt vor der Strafkammer die drei Jährchen Plötzensee besorgt hatte –!
‚Rosalie,‛ dachte er, ‚Rosalie, der Tag der Rache ist da!‛
Rosalie stieg Friedrichstraße aus, ging zu ihrem Juwelier Schmalotzer & Komp. und holte ihr Brillianthalsband ab, daß sie hatte reinigen lassen. Um halb zwei fuhr sie mit dem Jerusalem-Expreß[2] heim nach dem vornehmen Westen, wo die Herren mit den dicken Bäuchen und den prallen Westen – na, Sie wissen schon –
Der Jerusalem-Express war gerammelt voll. Frau Rohrstuhlgeflecht mußte stehen, obwohl ihr doch der Familienname ihres teueren Gatten, dessen Vater noch in Warschau mit Hasenfellen und durchgesessenen Hosen gehandelt hatte, eine Anwartschaft auf einen Rohrstuhl oder dergleichen gegeben hätte.
Sie stand also. Stand, schwitzte und duftete – nach Parfüm natürlich. Und neben ihr stand ein sehr vornehmer Herr von etwas blasser Gesichtscouleur mit Monokel. Und wenn der Autoomnibus anruckte oder hielt, gab es immer eine allgemeine Karambolage der Jerusalemfahrer, die zwischen den Polsterbänken stehen mußten. Und diese Karambolagen änderten merkwürdigerweise den bisherigen Aufenthaltsort zweier einigermaßen wertvolle Gegenstände, indem nämlich aus dem Goldtäschchen der Frau Rosalie das Brillianthalsband in Emil Wanzes Paletottasche und ebenso ihre Börse in Emilchens Hosentasche glitt, was sich etwa in der Gegend des Zoologischen Gartens abspielte, worauf Emil zugleich mit anderen Jerusalemern an der Gedächtniskirche aus-, in eine Elektrische ein- und im Norden Berlins wieder ausstieg, dieweil hier in der Ackerstraße ein früherer Geschäftsfreund Emils noch immer wohnte, bei dem sodann das Halsband gegen Barzahlung von fünfzehntausend Mark verblieb.
Das geschah um zwei Uhr dreißig Minuten. Um fünf Uhr mietete der holländische Privatgelehrte Dr. Hendrik van Deecheln in dem Fremdenheim der Frau Oberstleutnant Bierratz am Bayrischen Platz eines der eleganteren Zimmer mit voller Pension für sechzig Mark täglich – vorläufig für vierzehn Tage.
Der Holländer, der unserem Emil verflucht ähnlich sah, bezahlte gleich fünfhundert Mark im voraus und gewann sich so die Sympathie der Frau verwitweten Oberstleutnant Bierratz und deren beider Töchter Tussi und Gussi in uneingeschränktestem Maß, was nebenbei bemerkt jedem gelungen wäre, der sofort mit Bargeld herausrückte.
So – nun haben wir den einen unserer Helden dort, wo wir ihn haben wollen, nämlich am Ort der Handlung. Und nun beginnt erst das eigentliche ‚süße Geheimnis‛ –
Sie werden sich wundern, sag’ ich Ihnen, wie süß es ist! Sie denken natürlich an jene Art keusch-zärtlichen Flüsterns, durch das junge Frauen einige Zeit nach der Hochzeit ihren ‚Gatterichen‛ – abgeleitet von Gänserich – schamhaft mitteilen, daß der Klapperstorch seine Visitenkarte abgegeben und darauf vermerkt hat: ‚Nach fünf bis sechs Monaten auf Wiedersehen!‛ –
Nein, Sie irren, Verehrtester oder Verehrteste. Diese zuweilen mit einem wahren Essiggesicht begrüßte Süßigkeit kommt hier nur mit gewissen Einschränkungen in Frage.
Ich will jedoch nicht vorgreifen, sondern lieber hineingreifen in die Fülle von seltsamen Gestalten, die das Fremdenheim der Frau Theresa Bierratz bevölkern –
2. Kapitel
Bei den Bierratzen.
Die Bierratz war fünfzig; die Tussi und die Gussi aber neunundzwanzig; das heißt – jede war so alt, nicht beide zusammen. Und da sie am selben Tag Geburtstag hatten, waren sie sogenannte Zwillinge und mithin einander sowohl äußerlich als innerlich sehr ähnlich, was beiden nicht zum Vorteil gereichte.
Das Fremdenheim hatte insgesamt vierundzwanzig Zimmer und beanspruchte für sich die dritte und vierte Etage des Hauses Nr. 111. Von den vierundzwanzig Zimmern wurden achtzehn vermietet. Zwei dienten als ‚Gesellschaftsräume‛; eins als Speisesaal. In den drei restlichen hausten die drei Bierratzen, wie man Mutter und Töchter in dieser ‚Familienpension‛ bei den hier obwaltenden familiären Tönchen allgemein nannte –
Abends um halb acht Uhr wurde am Tage des Einzugs des Holländers wie immer im Speisesaal soupiert. Die Bierratz stellte Dr. van Deecheln ihren männlichen und weiblichen ‚Milchkühen‛ mit starker Hervorhebung des ‚van‛ vor und setzte ihn neben die livländliche, durch die bösen Bolschewiki vertriebene und ‚entmannte‛ Fürstin Xenia Spuckukoff. Links von dem Holländer saß die blonde, wenig weise Waise Lotte Klose, die hier in Berlin seit zwei Monaten ihre nicht vorhandene Stimme ausbilden ließ. Lotte Kloses Vater war Schweinehändler en gros und zuletzt vielfacher Millionär gewesen. 1919 war er unselig nach der achten Flasche Sekt in einer Autodroschke in den Armen der ‚exoten Katrin‛ aus dem Palais de danse an Herzschlag zu seinen Vätern versammelt worden, worauf seine einzige Tochter und Erbin sehnsüchtig den Tag ihrer Mündigkeit in der pommerschen Weltstadt Wolgast im Kalender abgezählt und nach Eintritt dieses Ereignisses, begleitet von ihrer Tante Auguste Klose, nach Berlin abgedampft war.
Auguste Klose saß Dr. van Deecheln gerade gegenüber. Und rechts und links von ihr hatten Frau von Borwitz – geschiedene Frau, fünfunddreißig Jahre – und Miß Marry Knoxon, Deutschamerikanerin, ihren Platz.
Kurz und gut: Unser Emil war mitten unter den Adel und die Millionen platziert worden.
Emil machte sofort Eindruck. Kunststück: bei dem Exterieur! Und die fabelhafte Fertigkeit, das Monokel selbst beim Niesen im Auge zu behalten! Und der Rednergabe –
Fürstin Spuckukoff, die schon vor drei Wochen ihren letzten Brillantring verkauft hatte und bei der Bierratz bereits stark in Kreide stand, war gerade auf der Suche nach einem weitgereisten, klugen Mann, der ihr irgendwelche neue Erwerbsmöglichkeiten vermitteln sollte. Emil erschien ihr geradezu als rettender Engel. Schon beim zweiten dünn belegten Schinkenbrot vertraute sie ihm ihre Kümmernisse an. Und nach der Mahlzeit nahmen ihn dann Frau Alexandra von Borbwitz im Salon beiseite und beichtete ihm Ähnliches: von ihrer Scheidung, von dem großen Dalles und ihren bisherigen Mißerfolgen als Kinodarstellerin.
Nur ein Mann von so trefflichen Charaktereigenschaften wie Emil Wanze wird sich im Handumdrehen zum Beichtvater von vier Damen aufschwingen können.
Von vier! Denn auch Lottchen Klose und Miß Marry Knoxon sonderten sich nachher noch mit Dr. van Deecheln etwas ab und flüsterten ihm zu, was ihre Herzen bewegte. Bei Lotte Klose handelte es sich um etwas sehr Harmloses: Sie wollte von ihm lediglich ein offenes Urteil über ihre – nicht vorhandene – Stimme hören. Bei Marry war’s schon kritischer: Sie bat, er möchte ihr doch einen Rat geben, wie sie einen echten van Dyck, den sie hier in Berlin für ihren Pa gekauft hatte – dieser Pa schlachtete in Chicago Schweine zu Tausenden, natürlich nicht eigenhändig –, unverzollt über den großen Teich bringen könnte.
Gegen Mitternacht schlängelte sich dann auch noch die Tante Klose an Emilchen heran und beschwor ihn, er solle doch um Gottes willen der Lotte nicht noch größere Raupen hinsichtlich des ausbildungsfähigen Mezzosoprans in den Kopf setzen, sondern ihr klarmachen, daß dieser Mezzosopran nur in der Phantasie des Musikprofessors Beutelschneider existiere, der pro Gesangsstunde vierzig Mark und an Gewicht täglich fünfundachtzig Gramm zunähme, seitdem Lottchen vor- und nachmittags sein Konservatorium besuche.
Emil fand für all diese Damen trost- und aussichtsreiche Phrasen und wurde so schon am ersten Tag Hähnchen in Korb im Pensionat ‚Bierratz‛, was ihm durchaus behagte und mit seinen ferneren Plänen in Einklang stand. Er hatte sich nämlich vorgenommen, seinen Beruf zu wechseln und von dem etwas gefährlichen Metier des Taschendiebes zu dem bei einiger Schlauheit weit amüsanteren eines Heiratsschwindlers abzuschwenken.
Armer Emil! Hättest du dein Schicksal vorausgeahnt, du wärest dann sicher am selben Abend noch aus Berlin und aus der Nähe von Bierratzens geflüchtet.
Aber wie sollte er?! Er war ja nur Emil Wanze mit dem hocharistokratischen Exterieur und der etwas über das normale Maß des internationalen Hochstaplers hinausgehenden Geriebenheit!
Sehergabe besaß er nicht –
Mitternacht und die Plauderstunden im Salon des Fremdenheims waren vorüber.
Es begann also für einen Teil der männlichen und weiblichen Milchkühe der Frau Therese Bierratz jetzt erst die eigentlich Nacht.
Unser Held und unsere fünf Heldinnen – denn Auguste Klose gehörte trotz ihres gesetzten Alters und trotz ihrer einhundertfünfundsiebzig Pfund mit dazu – wohnten sämtlich in der dritten, feineren Etage der Pension. Ihre Zimmer hatten die Nummern. 1, 2, 3, 9, 10, 11, lagen einander gegenüber und wurden wie folgt bewohnt:
1 Spuckukoff, 2 Borbwitz, 3 Emilchen;
11 Tante Klose, 10 Lottchen Klose, 9 Marry Knoxon.
Diese Räume unterstanden der Obhut des Stubenmädchen Anna Mielke, vierundzwanzig Jahre, blond, fesch, schlau und seit fünf Jahren auf der Suche nach einer guten Partie, wie man auch die armen, heiratsfähigen Mannsleut’ zuweilen bezeichnet. –
Man hatte sich im Flur voneinander verabschiedet.
Und Emilchen hatte, als er den Damen die Hände bei dieser Gelegenheit küßte, 3 Zettelchen in die Hand gedrückt bekommen, die er nun in seinem Zimmer, sich verzweifelt den Kopf kratzend, las.
Die Xenia Spuckukoff hatte geschrieben:
Ich erwarte sie noch zu einer Aussprache unter vier Augen bei mir. Bitte legen sie diese Aufforderung aber nicht falsch aus. Ich bin zwar Witwe, aber doch Dame. – X. Spuckukoff –
Die blondgefärbte Kineuse wieder hatte gekritzelt:
Bitte, kommen Sie noch einen Augenblick nach Nr. 2. Ich habe etwas Dringendes mit Ihnen zu besprechen. Sie werden dies nicht zu meinem Nachteil deuten, wenn ich auch geschieden bin. – Alexandra Borbwitz –
Drittens die Knoxon:
Da das Gemälde schleunigst abgeschickt werden muß, erwarte ich Sie noch zu einer kurzen Unterredung bei mir. Denken Sie deshalb nicht schlecht von mir. Wir Amerikanerinnen sind nicht engherzig. – Marry Knoxon –
Emilchen kratzte sich erneut den Kopf. Er kannte die Weiber. Er wußte: Wenn er hier seine Pläne verwirklichen wollte, durfte er es mit keiner der Damen verderben. –
Er überlegte ein Weilchen. Dann ging er an den Marmorwaschtisch, in dessen linker Schublade er vorhin ein leeres Blechschächtelchen mit dem hellgrünen Aufdruck:
A–B-Konfekt
mildes, angenehmes, sicheres
Abführmittel
bemerkt hatte, das offenbar der an Darmträgheit leidende Vorbewohner zurückgelassen hatte. Er steckte es zu sich und huschte den Flur entlang nach Nr. 1, klopfte ganz leise und wurde von der livländlichen, vertriebenen und ‚entmannten‛ Fürstin sofort eingelassen. In diesem Zimmer duftete es wie in einem Parfümerieladen. Außerdem brannte auf einem Sofatisch nur eine rotverhängte elektrische Stehlampe. Der rote Seidenschirm über der Glocke wurde von Emilchen sofort als ein paar seidene, stark löcherige ‚Schlüpfer‛ erkannt.
Emil küßte die jetzt mit Similiringen geschmückten Hände der damenmäßigen Witwe, die sie ihm huldvollst entgegengestreckt hatte. Bevor die Spuckukoff aber noch etwas sagen konnte, zog er mit verschämtem Lächeln das Schächtelchen A–B-Konfekt hervor, hielt es ihr dicht unter die Augen und flüsterte:
„Durchlaucht, so leid es mir tut: Ich bin außer Stande, mich heute auf eine Unterredung einzulassen. Jede Sekunde kann sich –“ Und er pochte mit dem Zeigefinger auf den Deckel der Schachtel und deutete auf die Tür.
Sie verstand, lächelte noch verschämter und hauchte:
„Lieber Freund, ich begreife – nur eine Bitte dann also. Leihen Sie mir bis übermorgen fünfhundert Mark. Ich erwarte Geld von dem Verwalter meiner livländlichen Güter, und –“
Emil wehrte ab.
„Es ist mir eine Ehre, Durchlaucht – Bitte, – hier sind die dreihundert Mark –“
Nun – eigentlich hatte die Spuckukoff ja ‚fünfhundert‛ gesagt. Aber – Dr. van Deecheln hatte sich offenbar verhört, und so wollte sie denn mit dreihundert zufrieden sein, zumal er nun plötzlich ihre Rechte an die Lippen führte und dann förmlich zur Tür hinausschoß.
Vier Minuten später wiederholte sich genau dasselbe bei der geschiedenen Alexandra auf Nr. 2. Nur daß es hier noch stärker duftete und die Glocke mit einem hellblauseidenen Unterrock verhüllt war. Auch war die Höhe des auf zwei Tage erbetenen Darlehens eine andere, nämlich siebenhundertfünfzig Mark; auch verhörte sich Emilchen hier um nicht weniger als vierhundert Mark, das heißt, die Kineuse mußte sich mit dreihundertfünfzig begnügen und dann hinter dem A–B-Konfektschachtelbewaffneten, eleganten Holländer, stark enttäuscht die Tür verriegeln.
Emilchen stand jetzt im Flur und atmete tief auf. Dem Himmel sei Dank! Nun hat er freie Hand für Marry Knoxon, die Tochter des Chicagoer Schweinemagnaten!
Er klopfte an die Tür von Nr. 9. Die dunkelblonde, zierlichüppige Marry ließ ihn sofort ein. Hier gab es keinen Parfümerieladen, hier duftete es lieblich nach frischem Flieder, der in Sträußen auf mehrere Vasen verteilt war. Auch fehlte hier der ominöse Lampenschirm. Die Stehlampe besaß einen richtiggehenden lila Seidenschirm. Denn Nr. 9 war das größte, vornehmste und teuerste Zimmer der Bierratzen.
Marry trug jetzt einen dick bestickten echten Kimono und sah darin sehr frisch und appetitlich aus. Trotz ihrer erst zweiundzwanzig Jahre benahm sie sich selbst jetzt gegen ein Uhr nachts durchaus harmlos zwanglos. Dr. van Deecheln mußte sich neben sie auf das Sofa setzen, mußte eine Zigarette rauchen und einen ganz vorzüglichen Sherry Brandy probieren.
Die A–B-Konfektschachtel hatte er Marry nicht gezeigt, denn dazu war er doch zu zart besaitet. Außerdem wollte er ja von hier erst nach einer scharfen Attacke auf das Herz der Schweinemillionärstochter scheiden.
Marry hatte jedoch lediglich Gedanken für den van Dyck, den sie nach Amerika einschmuggeln wollte. Sie hatte ihn hier in Berlin von einem Minister des alten Regimes gekauft, der sich jetzt von dem Erlös seiner Gemäldesammlung kümmerlich bei Menüs von acht Gängen und bei Sekt und Austern durchschlug.
Der van Dyck lag zur Zeit in der Stahlkammer einer Bank. Der Schweinemagnat wollte nun aber schleunigst sein Kind und den garantiert echten ‚Meister‛ drüben in Chicago begrüßen, jedoch die einhundertfünfzigtausend Dollar Einfuhrzoll sparen.
Emilchen war scheinbar ganz bei der Sache. Man beriet hin und her, wie das Gemälde den gierigen Augen der Zöllner entzogen werden könnte. –
Oh – er hatte schon eine Idee! Aber er hütete sich, diese Idee preiszugeben. Marry mußte mindestens noch vierzehn Tage hierbleiben, sagte er sich. Bis dahin würde er dann eine zweite Idee wohl verwirklicht haben, deren Zweck ein kleiner Besitzwechsel jenes Bildes war. Zunächst hieß es, Marrys vollstes Vertrauen zu gewinnen. Alles weitere ergab sich dann von selbst.
Emil Wanze benahm sich daher auch total als Kavalier. Die Herzensattacke bestand lediglich in verträumtsehnsüchtigen Blicken, in ein paar Seufzern und in zarten Andeutungen darüber, daß er sich seit langem einsam fühle, die richtige Frau aber noch nicht gefunden habe. Leider schienen diese leisen Angriffsfanfaren an Marrys Ohr spurlos vorüberzugehen. Sie hatte wie gesagt nur für den van Dyck-Schmuggel Interesse. Ihr Pa hatte ihr die Hälfte des ersparten Zolles, also fünfundsiebzigtausend Dollar, als Geschenk versprochen, wenn die Sache klappte. Und Marry schwärmte schon jetzt von der eleganten Motorjacht, die sie sich dafür kaufen wollte. Das war aber auch ihre einzige Schwärmerei.
Nach fünf Likören, zwölf Zigaretten und einer Stunde zweckloser Seufzer usw. verabschiedete Emilchen sich. Er war von dem Erfolg dieses Tête à Tête wenig erbaut. Desto fester nahm er sich vor, alsbald auch Lottchen Klose und die Tante Auguste zu bearbeiten. Hier hoffte er bessere Aussichten zu haben, obwohl ihm eine innere Stimme sagte, daß er bei Töchtern von Schweinemillionären offenbar Pech hätte.
Er packte nun also seine pseudoholländischen Gliedmaßen zum ersten Mal in das Bett von Nr. 3 und schlief auch infolge der fünf Sherry Brandy sehr bald ein. Er träumte von einem riesigen Schwein, das ein paar Goldsäcke auf dem Rücken trug und am Ringelschwänzchen befestigt den van Dyck. Das Schwein hatte – natürlich nur das Gesicht – entfernte Ähnlichkeit mit Tante Auguste Klose. –
Morgens um zehn Uhr brachte das Stubenmädchen Anna dem Herrn Dr. van Deecheln das erste Frühstück auf sein Zimmer.
Emilchen hatte diese Anna bis dahin kaum recht betrachtet. Jetzt, als er in einem tadellosen Hausanzug mit Schnürjacke in der Sofaecke saß, faßte er sie genauer ins Auge und – kriegte sofort einen Mordsschreck! –
‚Alle guten Geister‛, dachte er, ‚das ist ja die Anna aus dem ‚Norddeutschen Hof‛ in München! Wenn die dich wiedererkennt und hier verbreitet, daß du dich damals vor vier Jahren van Zeerten nanntest!‛
Aber nein – die Anna, die sich übrigens famos herausgemacht hatte, wußte nichts von der Wirkung des Plötzenseer Nasenformers! Man merkte ihr an; sie war gänzlich ahnungslos! –
Immerhin, man mußte sich doch so etwas vor ihr in acht nehmen!
Emil spielte daher den Hochmütig-Zugeknöpften, reagierte auf Annas zarte Annäherungsversuche in keiner Weise, sondern studierte die Morgenzeitungen, in denen bereits ein langer Artikel über den Diebstahl im Jerusalem-Expreß stand und wo gleichzeitig darauf hingewiesen war, daß der Kommerzienrat Rohrer – der bekanntlich auf Antrag einen anderen Namen für das bisherige Rohrstuhlgeflecht erhalten hätte – dreißigtausend Mark Belohnung für die Wiederbeschaffung des Schmuckes ausgesetzt habe.
Kaum war im Emilchen mit der Lektüre der Morgenblättern fertig, als es klopfte und die Fürstin Xenia Spuckukoff, gehüllt in einen farbenfrohen, stark beschädigten Morgenrock, hereinrauschte. Sie hatte soeben den Bierratzen zweihundert Mark a Konto bezahlt und fühlte sich daher noch fürstlicher als sonst. Sie war trotz ihrer fünfundvierzig Jahre immer noch eine überaus reizvolle Frau. Ihr Gesichtsschnitt zeigte deutlich ihre slawische Abstammung.
Emil hielt ihr nun einen langen Vortrag über Erwerbsmöglichkeiten und riet ihr zum Schluß, Wahrsagerin zu werden. Das sei jetzt in Mode gekommen und schmeiße gehörig Geld. Bei einigem Redetalent könne jeder Schafskopf noch größeren Schafsköpfen aus den Karten die Zukunft voraussagen.
Die Fürstin war begeistert, zumal Emil versprach, ihr ganz genaue Anweisungen zu geben, wie man der Geschichte so ein exotisches Mäntelchen umhängen könne. Und die Hauptsache sei, betonte er, daß die Spuckukoff für jede Konsultation einhundert Mark fordere. Auch über die nötige Reklame gab er ihr recht praktische Winke.
Fürstin Xenia, die sich neben Emilchen auf das Sofa niedergelassen hatte, gab ihm jetzt in übergroßer Herzensfreude einen langen Kuß. In Livland sind die Damen eben genau so zwanglos wie in Petersburg, wo doch einst die vielliebende Kaiserin Katharina II. regiert und den Hofsitten und sonstigen Unsitten ein bestimmtes Gepräge gegeben hat. –
Emil ließ sich den Kuß gefallen. In Plötzensee hatte er sehr häufig den Mangel an holder Weiblichkeit recht schmerzlich empfunden. Er hatte sich notgedrungen in Liebessachen geschont. Und die slawisch-vollen Lippen der Spuckukoff waren weich und heiß. Es blieb nicht bei dem einen. Nein, nach dem zehnten riegelte Emilchen die Tür ab und nahm Xenia auf den Schoß. So spann sich das erste süße Geheimnis an.
Die ‚entmannte‛ Fürstin verschwand um halb zwölf Uhr, nachdem man noch so einiges vereinbart hatte, was der Leser sehr bald herausmerken wird.
Um dreiviertel zwölf klopfte es abermals. Diesmal war es die gefärbte, geschiedene Kineuse Alexandra von Borbwitz. Sie rauschte in einem Spitzenmorgenrock daher, der vor zehn Jahren fraglos sehr elegant gewesen. Jetzt bewies er nur, daß Alexandra Zigarettenrauchen über alles und Sauberkeit sehr wenig liebte. Auch sie nahm auf dem Sofa Platz, nachdem sie Emilchen argwöhnisch gemustert und gefragt hatte, ob die Fürstin nicht soeben hier gewesen wäre.
„Nur fünf Minuten,“ log Dr. van Deecheln. „Sie hat mir Karten legen müssen. Sie versteht es großartig. Sie hat mir prophezeit, ich würde einmal eine Blondine heiraten, die bisher in punkto Liebe nur Trauriges durchgemacht hat.“
Alexandra war baff.
„Karten gelegt? Wirklich?“ Sie schien daran zu zweifeln.
„Gewiß. Sie ist doch geborene Rumänin. Und die Rumänen sind zumeist mit ganz besonderen Geistesgaben ausgestattet. Sie hat ihr Talent nur aus Bescheidenheit bisher verschwiegen. Jetzt will sie aber versuchen, damit Geld zu verdienen. Sie beide sind doch befreundet. Wie wär’s, wenn Sie für die Fürstin so ein wenig Reklame machten, meine Gnädigste? Die Fürstin wurde Ihnen fraglos von der Einnahme etwas abgeben. –
Sie haben doch einen ausgedehnten Verehrerkreis –“
Frau von Borbwitz, deren Gatte vor einem halben Jahr erneut den Offenbarungseid geschworen hatte, trotzdem aber mit seiner langjährigen Freundin sehr fidel weiterlebte, konnte man mit Recht nicht gerade als Opfer der Verhältnisse, sondern des Verhältnisses, nämlich des ihres Mannes, bezeichnen. Seit anderthalb Jahren bemühte sie, die einst so maßlos verwöhnt gewesen, sich ehrlich, irgendwie Geld zu verdienen. Auch sie hatte wie die Fürstin Spuckukoff langsam ihre Schmucksachen in deutsches Papiergeld umgesetzt und ebenfalls schon seit Wochen lediglich vom Pump gelebt. Ihr Charakter hatte allmählich unter den Einwirkungen dieser Misere einen leichten Knax erhalten. Die Not hatte ihr Gewissen geweitet. Außerdem sehnte gerade sie, die so oft Betrogene, sich nach Liebe und Glück. Sie war jetzt vierunddreißig Jahre alt, nicht gerade hübsch, aber doch eine vornehme, rassige Erscheinung, schlank und groß mit wunderschönen Händen und mit einer gewissen melancholischen Müdigkeit in jeder Bewegung und im Tonfall der Sprache.
Emil Wanze fand sie jedenfalls weit interessanter als die üppige Xenia. Sie tat ihm auch leid. Wirklich, ehrlich leid. Er hatte ja ein mitfühlendes Herz. Es ist ganz verkehrt, Taschendieben und ähnlichen Gentlemen Gemüt abzusprechen. Die Grenzlinie zwischen Verbrecher und anständigem Bürger ist ja so überaus verschwommen. Wer das nicht einsieht, ist ein Moralbanause schlimmster Sorte. –
Also: Emilchens Herz wurde weich, als Alexandra ihm nun schilderte, wie ihre Ehe gewesen und wie ihr jetziges Leben war. Er hätte ihr nun noch lieber als bisher aus diesem Dalles herausgeholfen.
Sie weinte ein wenig. Er tröstete sie. Und dabei nahm er unwillkürlich ihrer Hände in die seine. Alexandra hatte zwar nicht drei Jahre Plötzensee hinter sich, aber immerhin anderthalb Jahr, in denen sie ständig im Kampf mit ihren regen Sinnen gelegen hatte. Selbst in der Kinoschule und bei der Filmfabrik ‚Saturn‛, wo sie gelegentlich ganz kleine Rollen spielte, hatte sie nie gegenüber der Verführung durch Künstlerkollegen die Waffen gestreckt – nie!
Unter heißen Tränen beichtete sie Emilchen jetzt auch, daß der Regisseur der ‚Saturn–Gesellschaft‛, Herr Isidor Ibachberger sie lediglich deshalb nicht mehr beschäftigte, weil sie – und so weiter –
„Schuft!“ murmelte Emil Wanze empört. Und fügte hinzu: „Gnädige Frau, tun Sie sich mit der Fürstin zusammen. Erzählen Sie überall möglichst laut, daß die Fürstin aus einer Familie stammt, in der das Hellsehen erblich ist. – Diese Schleppertätigkeit ist noch immer besser, als sich von gewissenlosen Halunken die Cour machen zu lassen.“
Alexandra hauchte ein ‚Ja‛. Sie lehnte jetzt halb an Emils Schulter. Ihm wurde ganz eigen zumute. Diese geschiedene Frau, obwohl moralisch schon ganz leicht angefault, sträubte sich doch noch immer gegen den letzten Schritt, der der erste auf der Gleitbahn des Niedergangs gewesen wäre.
Er streichelte halb unbewußt ihr blondes Haar, das die Behandlung durch ein Bleichmittel verriet. Sie weinte nicht mehr. Sie fühlte, daß dieser Dr. van Deecheln es gut mit ihr meinte. Sie fühlte sich geborgen hier bei ihm. Noch enger schmiegte sie sich nun an diesen Menschen, der in seiner Brust die seltsamsten Widersprüche von Empfindungen vereinte.
Sie hob den Kopf und lächelte ganz wenig. Emilchen wurde schwül und schwüler. –
‚Noch ein süßes Geheimnis?‛ dachte er. Das war entschieden zu viel. Außerdem: Weibliche Eifersucht hat schon manchen Recken zu Fall gebracht!
Und doch! Es kam, wie es kommen mußte. Frau Alexandra schlang ihm plötzlich die Arme um den Hals und küßte ihn.
Oh – was waren die heißen Lippen der Spuckukoff im Vergleich zu diesem glühenden, sengenden Mund?! Was waren der Xenia gestammelte Worte im Vergleich zu diesem stummen Angebot?! Emil hätte ein Unmensch sein müssen, wenn er hier ein Eisblock geblieben wäre! –
Alexandra war selig. Sie hoffte auf nichts als auf ein kurzes Glück; sie erwartete nichts für die Zukunft.
Sie hielt Emil jetzt umschlungen und sagte leise: „Ich danke dir – ich danke dir –! Endlich doch ein Mann, der ein Herz hat –!“
Und Emilchen zuckte es dabei durch den Kopf: ‚Wenn du wüßtest –! Plötzensee – Hochstapler, Taschendieb, vor zehn Jahren Kellner, und alles andere als Doktor und Holländer!‛
Sie ging um halb eins. –
Und Emilchen machte sich nun schleunigst zum Ausgehen fertig und verließ das Fremdenheim. Auf dem Treppenabsatz der ersten Etage stutzte er. Da war ein protziges Messingschild an der Tür befestigt:
Siegfried Rohrer
Kommerzienrat
‚Ei verflucht,‛ dachte Wanze. ‚Rohrer – Siegfried Rohrer! Also lebe ich jetzt mit Rosalie Rohrstuhlgeflecht unter einem Dach!
Das ist peinlich! Ob ich ausziehe?‛ –
Aber weiter fielen ihm die beiden Schweinemillionärstöchter ein –
„Nein, ich bleibe!“ brummte er. „Nur keine unnötige Angst, Emil!“
3. Kapitel
Augustchen Klose.
Um drei Uhr nachmittags aß man bei den Bierratzen zu Mittag. Alexandra, die Kineuse, brachte bei Tisch das Gespräch auf die Kunst des Kartenlegens. So erfuhren denn die männlichen und weiblichen Milchkühe, daß die Fürstin Xenia diese Kunst auf Grund ererbter Fähigkeiten verstände. Und so kam es, daß Lottchen Klose sich um vier Uhr dreißig Minuten als erste Kundin bei der üppigen Spuckukoff einführte und hundert Mark für den komplettesten Unsinn berappte.
Aber – bei Tisch ereignete sich noch etwas. Und das war ein Reinfall, – es fiel nämlich unserem Emilchen das Monokel in die Kalbsbratentunke.
Vor Schreck – nur vor Schreck! Denn Tante Auguste Klose trompetete plötzlich die Neuigkeit über die Tafel, daß sie gestern ebenfalls zur selben Zeit den Jerusalem-Expreß benutzt habe, als der Kommerzienrätin der Brillantschmuck und die Börse geklaut worden waren.
Sie sagte wörtlich ‚geklaut‛. Sie tat es absichtlich. Sie liebte es, öffentlich darzutun, daß sie aus bescheidenen Verhältnissen stammte.
„Die Kommerzienrätin merkte er schon an der Joachimstaler Straße,“ erklärte Sie. „Na – die hat gehörig Krach geschlagen. Ich werd’ mir die dreißigtausend Mark Belohnung vielleicht verdienen. Hinter der Rohrer stand bei dem vielen Geschubse so ‛n langer Mensch mit ‛n kurzen Mantel. Der war wohl der Dieb, meinte die Kommerzienrätin. Leider hat sie sein Gesicht nicht gesehen. Ich auch nicht. Aber der Kerl hatte einen Zylinder auf und Lackstiebel an. Als er ausstieg, da sah ich ihn von hinten. Von hinten kenn’ ich ihn bestimmt wieder –“
Plumps – da lag das Monokel in der Kälbertunke. Man lachte. Und Doktor van Deecheln sagte, als er das Einglas herausfischte:
„Gnädiges Fräulein, es gibt viele Zylinder, helle Sportpaletots und Lackschuhe –“
„Aber nur einen Herrn mit solch schlanker Figur und einem so federnden Gang!“ trumpfte Tante Auguste auf.
Emil nahm sich vor, sich sofort einen dunklen langen Ulster und einen hellen, weißen Hut zu kaufen. –
Sicher war sicher! Unglück schläft nicht –!
Der Einkauf unterblieb jedoch. Und schuld daran war Marry Knoxon. Sie überredete Emil nämlich, sich von ihr in die Geheimnisse der neuesten Tänze im Salon einweihen zu lassen. Was half es Emilchen, daß er Stein und Bein schwor, nicht mal Polka zustande zu bringen. Es war ja die Chicagoer Schweinemagnatentochter, die ihm Lehrerin sein wollte –!
Also machte er gute Miene zum bösen Spiel und ging nach Tisch in den Salon, wo Tussi Bierratz das Piano und Marry ihn in selbst in Behandlung nahm. –
Oh – Marry sah sehr nett aus in ihrem hellen Kleid! Und tanzen konnte sie – das mußte ihr der Neid lassen. Der arme Emil erwärmte sich allmählich für diese modernen Ballettkünste. Er hatte ja stets gern und auch gut Schiebewalzer und sonstige abgetane Sachen bewältigt. Marry war über ihren Schüler entzückt.
Auch Tussi rief verschiedentlich:
„Bravo, bravo!“
Bei Emil regte sich die Eitelkeit. Außerdem: Vielleicht war dies ein Weg zum Herzen Marry Knoxons! –
Er verstellte sich also gar nicht mehr. Er war gewandt, geschmeidig und hatte viel natürliche Grazie. Bei den verschiedenen gemeinsamen Gliederverrenkungen konnte er Marry auch so bequem an sich drücken und ihr allerlei zuflüstern. Auch sie wurde jetzt lebhafter und wärmer. Emilchen triumphierte –
Da – von der offenen Tür nach dem Speisesaal hin die fettige Stimme der Tante Klose:
„Herr Doktor, Sie sind ja der reine Kunsttänzer! Nee, wirklich, man soll’s nicht glauben, was Sie gelenkig sind!“
Emil hatte Marry gerade zugeraunt, „Wenn wir gemeinsam das Bild nach Amerika brächten, – wie –?!“ –
Und Marry hatte zurückgeflüstert –: „Ach – das wäre ein feiner Spaß!“
Und da war die eiskalte Dusche gekommen!
Emilchen verfluchte Marry und alle modernen Tänze! Wenn jetzt in der dicken Jungfrau dort ein Verdacht aufzuckte – eine Erinnerung – an den Jerusalem-Expreß!
Ihm wurde siedend heiß. Er markierte sehr geschickt einen kleinen Schreck und ein Fußumknicken, rief ganz laut:
„Nun ist’s vorbei, Miß Knoxon!“ und hinkte ganz krumm zum nächsten Sessel.
Tante Auguste stand noch immer in all ihrer Massigkeit in der geöffneten Tür.
„Ne, ne,“ rief sie entsetzt, „wenn ich das vorausgeahnt hätte –!“ Und sie watschelte auf Emil zu und beugte sich zu ihn herab. Ihr gutmütiges, rosiges Pausbackengesicht war der reinste Seelenschmerz.
„Tut’s sehr weh?“ fragte sie mitleidig. „Verzeihen Sie nur, Herr Doktor, daß ich –“
„Schon gut –!“ meinte Emilchen kurz und schob die Lackstiefel noch tiefer unter den Sessel. „Machen Sie sich nur keine Sorgen, gnädiges Fräulein –“
So ‛n Pech! Daß er auch gerade dieselben Lackschuhe mit den braunen Einsätzen anhaben mußte!
Tante Auguste ließ nicht locker. Emil mußte sich auf ihre runden Schultern stützen und sich so in sein Zimmer bringen lassen.
„Ich bin stark wie ‛n Müllmann!“ betonte die angejahrte Kolossaljungfrau. „So – seh ’n Sie, ‛s geht ganz gut –“
Sie stieß die Tür von Nr. 3 auf, und sie traten ein.
Himmel – dort auf dem kleinen Tischchen stand ja der vafluchte Zylinder –! Und dort hing auch der helle Sportpaletot –!
Emil hätte die dicke Samariterin erdrosseln können! Er schwieg vor Angst.
Augustchen setzte ihren Patienten in die Sofaecke.
„So, nu werd’ ich mal den Fuß mir ansehen. Ich versteh’ was davon,“ meinte sie.
Nein, nein!“ kreischte Emilchen. „Ich bin – ich bin so sehr kitzlich –“
„Was?! Auch an die Füß’? – Haben Sie sich nicht so, Herr Doktor! Das mit dem kitzlich sein ist doch man irgend ‛ne Bemäntelung für – für –“ sie grinste plötzlich neckisch. „Ah – zerriß ’ne Socken haben Sie an! Oder – Sie haben ungewaschene Beine! Genieren Sie sich nich! Ich kenn’ das. Wer schwarze Socken trägt, hat immer schwarze Beene. Das is nu mal so – also her mit dem Stiefel! Herrje – war stecken Sie denn die Lackgaloschen so unter ’s Sofa?! Ich bin doch schon zweiundvierzig Jahre, und ich hab’ im Krieg genug Verwundete gepflegt, manche mit Verletzungen, die – na, jedenfalls ist ‛n männlicher Fuß für mich kein schamhafter Gegenstand –“
Emil sah ein, daß er seine Taktik ändern müsse. Er durfte auf keinen Fall Augustchen irgendwie argwöhnisch machen.
„Liebes Fräulein Klose,“ sagte er weich und schmelzend und drückte der Dicken mollige Patschhand, „es ist ja sehr lieb von Ihnen, daß Sie dergestalt um ein leibliches Wohl besorgt sind. Sie können aber überzeugt sein, daß der Fuß abends nach ein paar Kompressen wieder völlig gebrauchsfähig ist. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Teilnahme und Hilfeleistung. – So, und nun möchte ich mich ein wenig hinlegen und mich ausruhen –“
Tante Auguste war unter dem sanften Druck der Männerfinger plötzlich flammend rot geworden. Emil sah das; Emil merkte was! Ah – bei dieser Jungfrau war also das Herz noch nicht stumm! Nicht tot!! Da würde sie fraglos am schnellsten das Feld räumen, wenn er noch freundlicher wurde.
Er streichelte ihr also auch den Unterarm.
„Nun sind Sie doch wohl ganz beruhigt, mein liebes Fräulein Klose,“ flüsterte er samt. „Nun –“
Augustchen hatte sich plötzlich halb umgedreht und ihm ihre Hand entzogen, hatte leise gerufen:
„Nicht doch – nicht doch, – das schickt sich nicht!“
Welch Malheur! Sie erblickte jetzt die schwarze Seidenfilzangströhre! Und – rechts davon am Schrank hing der helle, kurze Paletot –!
Emil kroch etwas wie ein eisig kalter, nasser Aal über den Rücken. Er sah ja, was Auguste Klose sah. Und er ahnte Fürchterliches –
Da konnte nur eine ganz, ganz scharfe Gedankenablenkung ihn retten –
Er stand auf; er legte seinen rechten Arm um Augustchens Taille –
„Liebes Fräulein Gustchen,“ – so nannte nämlich Lottechen Klose stets ihre Anstandsdame –, „gestatten Sie, daß ich Ihnen nochmals so recht von Herzen –“
Weiter kam er nicht.
„Ach – ich – ich bin schon zweiundvierzig Jahre,“ seufzte sie mit tief gesenkt Kopf, während sie immer hastiger mit keuchenden Stößen atmete. „Aber – ich – ich habe drei Häuser und –“
Es klopfte. –
Ja – es klopfte! Emil hätte am liebsten Hurra geschrien. Er schrie aber lieber „Herein!“ und trat gleichzeitig weit von Gustchen weg.
Zwei Damen waren’s: Fräulein Spuckukoff und die Kineuse Alexandra. Beim Anblick der gänzlich verwirrten Tante Auguste fuhren sie leicht zurück. Und Gustchen watschelte mit Tränen in den Augen und die Worte mühsam hervorquälend: „Ich bin kompromittiert – ach Gott – ich bin kompromittiert!“ in den Flur.
Fürstin Xenia schloß die Tür. –
„Herr Doktor, was bedeutet das?“ fragte sie kopfschüttelnd.
Emilchen stand mit einem Gesicht, das nicht gerade hervorragend geistvoll war. Er zuckte die Achseln.
„Das – das war die Folge der Tanzübungen mit Miß Knoxon, meine Damen,“ sagte er dann. „Das – das wäre eben beinahe ein süßes Geheimnis geworden. Ihre drei Häuser hatte Tante Gustchen schon ins Treffen geführt, und wahrscheinlich wollte sie als Köder noch ein paar Sparkassenbücher und so weiter auswerfen –“ er konnte jetzt schon wieder lächeln. „Kurz: – Es war nichts, noch nichts, meine Damen; es hätte aber was werden können, wenn Sie nicht zur rechten Zeit erschienen wären –“
Xenia und Alexandra waren beruhigt. Sie konnten sich auch nicht gut denken, daß der patente Doktor so liebeshungrig sein sollte, sogar nach einem derart fetten Happen zu schnappen.
Sie nahmen Platz. Sie wollten Emilchen nur mitteilen, daß sie soeben die stille GmbH – Gesellschaft möglichst beredter Halunkinnen – gegründet hätten, und daß Lottchen Klose bereits als erste Kundin die ersten hundert Mark eingezahlt hätte.
„Ich war erstaunt,“ erklärte die Spuckukoff weiter, „daß mir das Ersinnen von Redensarten, die doppeldeutig und zu nichts verpflichtend waren, in meiner Rolle als Wahrsagerin so leicht wurde. Lottchen Klose war ganz hin von meiner Kunst. Natürlich habe ich Ihre Winke beherzigt, lieber Freund, und Lottchen eine baldige Verlobung mit einem künstlerisch veranlagten blonden Herrn in Aussicht gestellt. Sie war selig –“
Die Kineuse horchte auf. „Wie, Herr Doktor, denken Sie etwa an eine Ehe mit diesem blonden Schäfchen?“ fragte sie schnell. „Höre ich recht?! Sie wollen –“
Man merkte ihr an, daß sie Emil für dieses Dummchen für viel zu schade hielt.
Emilchen zuckte die Achseln. „Wir sind jetzt ja Verbündete, meine Damen,“ meinte er. „Da kann ich ehrlich sein. Meine Forschungsreisen haben den größten Teil meines Vermögens verschlungen. Besonders die letzten drei Jahre waren überaus kostspielig. Ich habe sie dort unten in Afrika zugebracht und einen von der Außenwelt gänzlich abgeschnittenen See erforscht, in dem es sehr viel Plötze gab. Das sind bekanntlich Fische. Ich taufte den See daher Plötzensee und habe dort genau sechsunddreißig Monate mich aufgehalten. – Ich bin also genötigt, meine Verhältnisse durch eine gute Partie wieder zu regulieren. Sie, Durchlaucht, habe ich ja bereits ins Vertrauen gezogen.“
Xenia Spuckukoff nickte, errötete und sagte leise:
„Ja – heute vormittag –“
Alexandra errötete auch. Und dann erklärte sie seufzend:
„Wenn die Sache so steht, Herr Doktor, da müssen Sie allerdings an eine Millionenehe denken.“
„Leider!“ seufzte Emil nach kläglicher. „Mir widerstrebt ein solches Handelsgeschäft, bei dem die Liebe der Deckmantel für höchst reale Dinge ist. Aber was hilft’s –?!“
Auch die Fürstin seufzte nun. „Ja, ja, – das Geld! Wer mir mal prophezeit hätte, daß ich so – so weit sinken würde –“ Ihr kamen Tränen in die Augen. Und Alexandra war dies derart aus der Seele gesprochen, daß sie gleichfalls ein paar Tränen vergoß.
So saßen diese drei nun hier zusammen, der Taschendieb und die beiden deklassierten Frauen, – drei, die das Schicksal im Fremdenheim ‚Bierratz‛ in seiner unergründlichen Launenhaftigkeit vereint hatte.
Sie saßen, schwiegen und starrten vor sich hin. Ihre Gedanken wanderten rückwärts in bessere Zeiten –
Dann verabschiedeten die Damen sich. Die Händedrücke, die Emil empfing, waren zärtlich und vielsagend. Ihn aber ließen sie kalt. Er hatte Sorgen – und nicht zu knapp!
Er hatte da vorhin ein Schreckgespenst erblickt: Gustchen Klose!
Was würde werden? Was? Ob sie Verdacht geschöpft hatte?
Er war allein. Er verwahrte schleunigst Zylinder und Paletot im Schrank, schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich. Dann überlegte er. Gustchen fühlte sich kompromittiert. Er mußte das gutmachen; er mußte sie bei Laune erhalten; und – falls sie wirklich Geld hatte, konnte sie da nicht das dritte Objekt seiner ‚Heiratspläne‛ werden –
4. Kapitel
Professor Beutelschneider.
Lottchen Klose war weder hübsch noch häßlich. Sie war ‚Durchschnitt‛. Nur geistig nicht. Da fehlte zum Durchschnitt verschiedenes. Wär’s nicht so gewesen, hätte sie selbst längst erkannt, daß Musikprofessor Beutelschneider sie lediglich als Milchkühchen ausnutzte. Die Hundertmarkscheine waren ihr ja so spielend leicht zu entziehen.
Lottchen war selig – eine Verlobung mit einem blonden, künstlerisch veranlagten Mann! Das konnte nur Dagobert Beutelschneider sein! Der war ja blond und war auch Künstler – sogar Professor, freilich spanischer Professor der Musik, was Lottchen nicht wußte –
Tante Gustchen war nach dem süßen Abenteuer bei Dr. van Deecheln direkt in das Zimmer ihrer Nichte gewatschelt, hatte ihre einhundertfünfundsiebzig Pfund in einen Sessel fallen lassen und dann sofort wie ein Schloßhund losgeheult.
In Lottchens selige Stimmung paßte diese Tränenflut durchaus nicht hinein. Nicht eben freundlich fragte sie:
„Herr Gott, was ist denn passiert, Tante Gustchen?“
„Ich – ich bin kompromittiert,“ schluchzte die Dicke kläglich. „Ich hab’ den schönen Doktor in sein Zimmer aufs Sofa gebracht und wollte ihm die Strümpfe ausziehen –“
„Wie, wie?!“ rief Lottchen. „Die Strümpfe –?!“
Sie bekam ganz runder Augen vor Interesse.
„Ach – ich bin ja ganz konfus –,“ jammerte der Pausbackenengel. „Erst natürlich den Lackschuh, dann den Strumpf, Lottchen. Er hat sich doch den Fuß verknackst –“ –
Nun wurde die Geschichte langsam klarer. Mitten im Erzählen machte Gustchen plötzlich eine Pause, rief dann:
„Herrje –! Die – die Figur beim Tanzen – und die Bewegungen –!“
Und in Gedanken fügte sie hinzu: ‚Auch der Zylinder und der Paletot –!‛
„Was gibt’s denn nun wieder, Tante?“ fragte Lottchen jetzt etwas ärgerlich. Gustchens Abenteuer war ja so harmlos! Und es hatte doch so vielversprechend mit Strumpf ausziehen begonnen!
„Nichts, Kind, nichts!“ erklärte das Klose-Klößchen schnell. –
Oh – Gustchen war schlau! Die war nicht auf den Kopf gefallen! Die litt wohl etwas an Herz- aber nicht an Gehirnverfettung.
Ganz plötzlich änderte sich nun ihr Benehmen. Sie wurde nachdenklich und still – sehr still. Sie hörte kaum hin, als Lottchen von der Prophezeiung der Spuckukoff berichtete, und daß der Blonde doch nur der ‚süße Dagobert Beutelschneider‛ sein könne. Erst als der ominöse Name Beutelschneider fiel, wurde Gustchen reger.
Dann rief sie:
„Kind, – Kind, bist du denn nicht recht bei Groschen?! Ich bitt’ dich: den alten ausgemergelten Kerl willst du –“
Lottchen flog empor. „Pfui, Tante, Pfui! Wie kannst du nur so gewöhnlich sein! Ausgemergelter Kerl – das ist einfach empörend! Alle Künstler sehen so faltenreich-durchgeistigt aus – alle!“ –
Schwupp – hatte Lottchen ihren Hut ergriffen und stürmte davon.
Im Flur begegnete sie dem schönen Doktor.
Unser Emil hatte inzwischen zwei kleine Rosensträuße nebenan im Blumenladen erstanden.
„Halt, gnädiges Fräulein, halt!“ meinte er und versperrte Lottchen scherzend mit ausgestreckten Armen den Weg. „Wohin so eilig –?! Ich wollte mir gerade erlauben, Ihrer Tante und Ihnen meine Aufwartung zu machen. Hier – diese zarten Rosen sind für eine noch schönere Rose bestimmt – für Sie!“
Lottchen errötete. Sie errötete stets. Das ist nun mal so, wenn man aus Wolgast stammt.
Sie nahm die Rosen.
„Vielen Dank, Herr Doktor! – Ach – ich – ich bin so unglücklich – Ich – ich möchte – ich hätte – eine große Bitte –“
Sie schaute sich um. Sie sah, daß das Stubenmädchen Anna in der halb offenen Tür eines nahen Zimmers stand und lauschte.
Anna verschwand schnell, zog die Tür zu. Auch Emil hatte die alte Bekannte bemerkt. Herr im Himmel – wieder ein Schreckgespenst! –
Kurz entschlossen zog er Lottchen Klose in sein Zimmer, riegelte ab.
„So – nun sind wir sicher, verehrtestes Fräulein Lottchen,“ flüsterte er. „Was hatten Sie auf dem Herzen? Nur darunter damit! Sie wissen, ich begreife jedes menschliche Leid, ich –“
Er hatte ihre Rechte erfaßt und drückte sie leicht gegen die Brust.
Lottchen tat, was sie immer tat: Sie errötete!
Dann stammelte sie: „Tante – Tante will nicht, daß – daß ich den Mann heirate, den – den das Schicksal mir bestimmt hat. Die Fürstin hat – hat mir heute gewahrsagt – mein – mein Professor liebt mich und will sich bald mit mir verloben. Er ist blond und künstlerisch veranlagt, und – ich – ich finde ihn so süß, aber Tante findet, er – er ist ein ausgemergelter alter Kerl –“
Emilchen dachte: ‚Ein netter Reinfall! Nun denkt sie, die Xenia Spuckukoff hat diesen Beutelschneider gemeint! Und – ich wollte hier doch der Beutelschneider sein! Zu dämlich!‛
„Ach, lieber Herr Doktor,“ hatte Lottchen schon hinzugefügt. „Helfen Sie mir doch! Ihnen sieht man den gütigen Charakter dergleich an. Reden Sie doch Tantchen zu, daß –“
„Gut, gut, wird gemacht,“ nickte Emil schon. „Wird gemacht. Nur muß ich den Professor vorher so etwas auf Herz und Nieren prüfen – denn Sie müssen glücklich werden, Lottchen, ganz glücklich. Und dazu gehört, daß ich mich erst mal überzeuge, ob –“
„Oh – er gefällt Ihnen sicher. Er ist so süß und so – so dämonisch interessant – Wie gut Sie nur sind, wie gut –! Ach – ich bin Ihnen ja –“
Emilchen winkte freundlich ab. „Jeder Dank ist überflüssig. – Nun will ich Tante Gustchen besuchen. Sie fühlt sich durch mich kompromittiert – das muß ich ihr ausreden.“
Lottchen lächelte Emil hold an. „Nein – welch edler Charakter!“ meinte sie schwärmerisch.
Emil zog sie sanft an sich. Dieses kleine Dummchen hatte so etwas Keusches, Reines in Wort und Blick, daß er sich wirklich ganz väterlich vorkam.
Und da ging ihm so eine leise Ahnung auf, wie wenig er sich zum Heiratsschwindler eigne. Er hatte ein zu weiches Herz. Als Taschendieb war ihm dies nie so recht klar geworden, zumal er ja stets nur die Reichen erleichtert hatte und die ‚Operation‛ stets auch mit affenartiger Fixigkeit vor sich ging.
Aber Heiratsschwindler –! Nein, – dabei dauerten die geschäftlichen Manipulationen immer längere Zeit; und da konnte man so und so oft Reue empfinden, wenn man zum Beispiel so ein Schäfchen wie Lottchen ‚einwickeln‛ wollte! –
Das kleine Dummchen lag nun halb an seiner Brust – und er küßte ihre Stirn –
„Kind,“ sagte er in ehrlicher Besorgnis vor der Charaktereigenschaft dieses Professors Beutelschneider, „Liebes Kind, Sie kennen das Leben und die Menschen so wenig. Ganz besonders werden Sie selbst kaum fähig sein, die in Berlin so häufigen Wölfe in Schafskleidern herauszufinden. Sie verstehen, Lottchen: Es gibt hier gewerbsmäßige Liebesspekulanten, die lediglich auf das Geld junger, unerfahrener Damen aus sind! Womit ich nicht behaupten will, daß Ihr ‚Schwarm‛, der Musikprofessor, ebenfalls zu dieser Sorte gehört. Lassen Sie mich nur machen – denn ich bin Menschenkenner. Noch heute will ich Ihnen mitteilen, was ich von dem Professor halte. Nur eins müssen Sie mir offen erklären. Wie stehen Sie zu Dagobert Beutelschneider? Existieren zwischen Ihnen beiden bereits vertrautere Beziehungen?“
Ach – Lottchen fühlte sich an Emils Brust so geborgen. Sie glaubte ja, sie ruhe an dem Biedermannsbusen des Holländers Dr. van Deecheln, für den jetzt schon die ganzen weiblichen Aussageobjekte der Pension ‚Bierratz‛ begeistert waren. Sie war ein Dummchen. Aber das merkte sie doch: Dieser entzückende Doktor hatte nur ihr Bestes im Auge!
Sie seufzt. „Er – er hat mir die Hände gedrückt und mir gestern vormittag eine Liebeserklärung gemacht. Er – er will mit mir fliehen – nach England, wo wir uns trauen lassen wollen. Er fürchtet Tante Gustchens Widerspruch und Einmischung. Ich – ich war so verwirrt, daß ich einfach davonlief –“
„Geküßt hatte er Sie nicht?“
„Nein – nein –! Wir waren doch noch nicht verlobt! Ich hätte das nie geduldet –“
‚Oh du Lämmchen!‛ dachte Emilchen, und forschte weiter:
„Fragte er denn nicht, wie es mit der Mitnahme eines größeren Geldbetrages stände?“
„Ach – wie gut Sie aber raten können, Herr Doktor! Ja, das fragte er. Er sprach etwas von einer Vollmacht für die Deutsche Bank, die ich ihm geben sollte –“
„So – so –“ und in Gedanken fügte Emilchen hinzu: ‚so ein Lump! Das ist ja ein Kollege vom Fach, das heißt von dem Fach, für das ich mich nie eignen werde!‛
Dann küßte er Lottchen nochmals auf die Stirn. „Kind, lassen Sie mich nur machen – es wird alles gut werden –“
Die Kleine verschwand. Emil aber gingen zu Gustchen Klose – mit dem zweiten Rosenstrauß.
Der Pausbackenfettkloß hatte sich inzwischen so allerlei überlegt. Und in diesen Gedanken hatten auch ein paar Lackstiefel, ein Zylinder und ein heller Paletot eine Rolle gespielt. Als Emilchen nun eintrat, wobei er noch ganz leicht hinkte, starrte ihm Gustchen mit reinen Polizeiaugen entgegen. Ihn wurde sehr – sehr unbehaglich unter diesen Blicken.
Aber – er hatte nun das Mittel in der Hand, dem Klößchen zu beweisen, welch vornehm denkender Mann er sei.
Er küßte Gustchens Patschhand. Nie in ihrem Leben war Fräulein Auguste Klose eine solche kavaliermäßige Huldigung zuteil geworden. –
Sie war wie mit Blut übergossen, war total verwirrt –
Emil überreichte ihr die roten Rosen und redete schöne Worte vom ‚Lohn für Samariterdienst‛, von – ‚bitte tausendmal um Verzeihung, weil die Fürstin und Frau Alexandra sie beide so – so überrascht hätten –‛
Er ließ Gustchen keine Zeit, ihrerseits etwas zu erklären. Er begann in einem Atem von Lottchen zu sprechen, die ihm soeben ihr Herzensgeheimnis anvertraut hatte.
Da vergaß Gustchen, diese brave Seele, alles andere. Die Angst um das Seelenheil ihrer Nichte gewann die Oberhand.
„Das – das wollen Sie wirklich tun, Herr Doktor?“ fragte sie jetzt. „Sie wollen mir helfen, das unreife Kind von dieser Schwärmerei zu befreien? – Herr Doktor, Sie sind ein edler Mensch. Das sehe ich jetzt ein –“
Er saß neben ihr, hatte ihre Hand wieder in der seinen und streichelte diese Hand. Sie duldete es ruhig. Sie fühlte sich so beschämt. Sie hatte diesen Mann für einen Dieb, für einen Hochstapler gehalten!
Wie hatte sie nur gekonnt!
„Ja – ich – ich habe Ihnen viel abzubitten, Herr Doktor,“ fügte sie hinzu. „Sehr viel – ich – ich bin eine ehrliche Natur. Ich will offen eingestehen, daß – daß ich – bitte lachen Sie mich nicht aus! – daß ich schon geglaubt habe, jenen Dieb, der in dem Autoomnibus der Kommerzienrätin Rohrer Brillianthalsband und Börse stahl, hier – hier bei den Bierratzen entdeckt zu haben –“
Emilchen kroch wieder ein feuchter, eiskalter Aal über den Rücken.
„Als ich Sie tanzen sah, Herr Doktor,“ flüsterte Gustchen verschämt, „da – da erinnerten Sie mich hinten so – so an den geschmeidigen Dieb, und als ich in Ihrem Zimmer den Zylinder und –“
Sie schwieg. Dr. van Deecheln war mit einem dumpfen Söhnen in seinem Sessel wie leblos zusammengesunken, hatte die Hände vors Gesicht gepreßt und lag so regungslos da.
„Mein Gott, – was – was fehlt Ihnen?“ rief Gustchen ängstlich.
„Ah – mein Verhängnis – mein Verhängnis!“ wimmerte er förmlich. „So bin ich’s wirklich gewesen?! Und ich – ich Ärmster weiß nichts davon!“
Er richtete sich auf, schaute das jäh erblaßte Gustchen fest an.
„Sie sollen alles wissen, Fräulein Klose, – alles,“ sagte er mit vibrierender Stimme. „Haben Sie schon einmal etwas von Dämmerzuständen gehört?“
„Ja – Lottchens Vater, mein seliger Bruder, litt auch daran, wenn – wenn er viel Sekt getrunken hatte. Dann machte er die dollsten Geschichten –“
„Nein, nein, – ich bitte Sie! – Nicht das meine ich! Es gibt kranke Seelen, die ohne jede äußere oder innere Einwirkung plötzlich in einer Art Traumzustand geraten, in dem sie unbewußt etwas tun, wovon sie später nichts ahnen.“
Gustchen nickte jetzt mitleidig.
„Ja, ja – in Romanen las ich schon darüber, Herr Doktor. Das ist so was Ähnliches wie Kleptomanie –“
„Stimmt – sozusagen verschärfte Kleptomanie,“ flüsterte Emilchen und atmete etwas auf. Er hoffte, es würde ihm gelingen, das Klößchen zu überzeugen. Er sah in diesem Eingeständnis seine einzige Rettung. Wie leicht, hatte er vorhin überlegt, bevor er diese Komödie begann, – wie leicht konnte bei Augustchen derselbe Verdacht nochmals aufsteigen! Eine Kleinigkeit konnte dies hervorrufen!
Und – er wollte sicher gehen! Wenn er jetzt ihr Mitleid wachrief, wenn er sich als Opfer eines abnormalen Seelenzustandes hinstellte, dann würde sie ihn nie verraten. Er glaubte sie bereits genügend zu kennen –
Er sprach weiter. Und zum Schluß betonte er, daß er keine Ahnung hätte, wo er den Schmuck und die Börse gelassen habe, – ebensowenig, wie er aus sich selbst heraus behaupten könne, gerade er sei der Dieb. Er wisse eben nur, daß er gestern den Autoomnibus zu derselben Zeit benutzt habe –
„So, und nun gehen Sie und zeigen mich bei der Polizei an, liebes Fräulein Klose. Tun Sie es! Es ist Ihre Pflicht –“ –
Das war sein letzter Trumpf.
„Niemals!“ schrie sie auf. „Niemals!“
Nun war sie es, die seine Hand ergriff. Ihr rundes Gesicht strahlte die reinste Herzensgüte aus.
„Niemals! Ich schwöre Ihnen, Herr Doktor: Ich werde Ihr Geheimnis in meiner Brust für alle Zeiten verschließen! – Sie Ärmster! So ein edler Mann wie Sie! Und mit einem solchen Leiden behaftet –!“
Ihre Augen schwammen in Tränen.
Emil kam sich jetzt wie ein Raubmörder vor. Ihm ekelte vor sich selbst. Und blitzartig zogen Erinnerungen an seiner Seele vorüber aus vergangenen Tagen, als er noch ein ehrlicher Kellner gewesen und sich höchstens achtmal am Tag beim Zusammenaddieren der Zeche seiner Gäste zu seinem Vorteil geirrt hatte – und nun – nun war er ein Verbrecher; war jetzt vierzig Jahre und wollte – Heiratsschwindler spielen –
Pfui Deubel! Ihm graute vor diesem Emil Wanze! Und das alles nur, weil er hier neben Gustchen Klose saß, deren Herzensgüte ihn rührte –!
„Ich danke Ihnen,“ sagte er leise und küßte ihr die Hand. Und dieser Dank war in Ton und Empfindung echt.
„Gibt es denn gar keine Heilung für Sie!“ fragte Gustchen traurig und blickte ihn mitfühlend an. Sie saßen nun wieder Hand in Hand da. Und Gustchen schoß es abermals durch den Sinn: ‚Wenn du den als Mann bekämst! Wie wolltest du ihn verwöhnen! – Wie sehr!‛
In Emil Wanzes Herz fand jetzt ein seltsamer Kampf statt.
Sollte er nicht einen dicken Strich durch seine trübe Vergangenheit ziehen und ein völlig neues Leben beginnen? Sollte er nicht – zugreifen und festhalten, was sich ihm hier bot? Es war ja Ruhe und Frieden, die er hier leicht erringen konnte, wenn – – wenn er Gustchen heiratete –
Dann fiel ihm ein: Das war der unmöglich! Sie kannte ihn als Dr. van Deecheln! Wie sollte er ihr beibringen, daß er Emil Wanze hieß uns so oft – fünfmal bisher! – vorbestraft war?
„Es gibt ein Mittel, mich zu retten, Fräulein Gustchen,“ sagte er ganz verzagt. „Aber – dieses Mittel ist bei mir nicht anwendbar, bei mir, dem Dr. van Deecheln –“
Gustchen Klose drückte seine Hand. Ihre seelensguten, etwas verwaschen-blauen Augen trafen die seinen.
Er schaute schnell zur Seite.
„Seien Sie doch nicht so unglücklich,“ flüsterte sie.
Da stand er schnell auf.
„Ich will jetzt zu Professor Beutelschneider gehen, Fräulein Gustchen –“
Ihm würgte irgend etwas in der Kehle. Er hatte soeben an seine Mutter gedacht, die sich hier als Witwe durch Waschen und Aufwartestellen mühsam durchschlug. Den Sohn hielt sie für tot.
Und – sie hatte genau so gute, liebe Augen wie Gustchen Klose –
Gustchen hielt seine Hand krampfhaft fest.
„Herr Doktor, welches – welches Rettungsmittel ist’s denn?“ fragte sie innig. In ihrem zweiundvierzigjährigen Herzen war plötzlich der Frühling eingezogen –
„Eine – eine Heirat!“ stieß er mit abgewandtem Kopf hervor und wollte hinauseilen. Doch Gustchen hatte Kraft. Sie erwischte ihn auch noch bei der andern Hand –
„Und weshalb – weshalb heiraten Sie nicht, Herr Doktor?“
„Weil ich – arm und ein Dieb bin –“
„Arm?! – Und ein Dieb sind Sie doch nur im Dämmerzustand –! –
Sie sind ja ein so edler, guter Mensch –“
„Sie sind ’s, Gustchen, Sie! Nicht ich,“ sagte er leise und ganz zerknirscht. Gegenüber dieser wahren Herzensgüte kam er sich immer miserabler vor. Und wieder fiel ihm seine alte Mutter ein –
Irgend etwas trieb ihn, Gustchen durch etwas recht Liebes zu danken. Plötzlich legte er ihr den rechten Arm um die Schulter, drückte sie an sich, küßte sie wie vorhin auch Lottchen auf die Stirn, stammelte ein hastiges: „Sie sind viel zu gut für diese Welt –!“ und lief hinaus.
Auguste Klose stand noch minutenlang wie gelähmt –
Ein Kuß von Männerlippen – wenn auch nur auf die Stirn! Ein Kuß blieb es –!
Sie lächelte selig –
Leider klopfte es da. Und die, die nun eintrat, war das Stubenmädchen Anna –
„Fräulein Klose,“ flüsterte sie und trat dicht vor sie hin. „Sie fuhren doch mit dem Jerusalem-Expreß, als der Rohrer die Sachen geklaut worden. Sie erzählten bei Tisch davon – Ist Ihnen nicht an Herrn Dr. van Deecheln was aufgefallen –? – Mir ja! Er hat nämlich auch so ‛ne schlanke Figur, und in seinem kurzen, hellen Paletot fand ich einen Fahrschein – vom Jerusalem-Expreß! Und – er kommt mir so – so bekannt vor. Ich war vor vier Jahren in München in Stellung, im Hotel ‚Norddeutscher Hof‛. Und da wohnte damals ein Holländer van Zeerten –“
Gustchens Herz krampfte sich angstvoll zusammen. Der Doktor durfte nicht durch Anna verraten werden! –
Herr Gott – fiel ihr denn gar nichts ein, wie sie dieses Unheil abwenden könne –?!
„Ich bitte Sie, Anna, – es gibt ja so viele schlanke Herren und so viele helle Paletots!“ sagte sie nun mit einem so harmlosen Lächeln. Und sie wunderte sich dabei selbst, daß ihr das Schauspielern so gut gelang. „Wollen Sie etwa Doktor van Deecheln irgendwie verdächtigen?! Anna, Anna, ich warne Sie! So etwas ist leicht hingesprochen. Aber – ich gebe zu, merkwürdig bleibt es, daß der Doktor einen Fahrschein der Omnibuslinie in der Tasche hatte. Hm – ob man sich dieserhalb nicht mal an die Fürstin Spuckukoff wendet? Sie haben wohl schon gehört, daß die Dame wahrsagt –“
Oh – das war was für Anna! Wahrsagen?! Ja – das konnte man tun –
„Warten Sie, ich will mal sehen, ob die Fürstin zu Hause ist,“ fuhr Gustchen eifrig fort, steckte ihre Börse zu sich und verließ das Zimmer.
Xenia Spuckukoff war daheim. –
„Empörend!“ rief sie, als Tante Gustchen ihr mitgeteilt hatte, auf welch’ unsinnigen Gedanken die Anna hinsichtlich des lieben, netten Doktors gekommen sei. „Das werde ich ihr schon ausreden – Oh – nicht doch, Fräulein Klose –! Und gleich zweihundert Mark –!“
Aber – sie nahm die beiden Scheine trotzdem. Und dann schickte Tante Gustchen die Anna zu ihr, indem sie ihr sagte: „Anna, nur sich nicht anmerken lassen, worum es sich eigentlich handelt! Erklären Sie der Fürstin, daß Sie auf jemand Verdacht hätten, den Diebstahl begangen zu haben. Fragen Sie, ob die Fürstin Ihnen vielleicht Kraft ihrer Sehergabe auch das Gesicht des Diebes irgendwie beschreiben könne –“
Anna betrat mit ehrfurchtsvollem Schauer das Zimmer der edlen, unter Dallesnöten leidenden Durchlaucht. Die Spuckukoff erledigte ihre Aufgabe dann in einer Weise, daß Anna förmlich vor Angst schwitzte. Sie ließ die Stabjalousie herab, zog die Vorhänge zu, zündete ein Licht an, stellt es vor einen Spiegel auf den Tisch und ließ Anna neben sich Platz nehmen.
Dann legte sie die Karten in fünf Reihen, stierte in das flackernde Licht, begann zu zittern, schloß die Augen und rief leise die kurz abgerissenen Worte:
„Eine – große – rote – Narbe – unter dem linken Auge – ein dicker, schwarzer Schnurrbart – grüngraue Katzenaugen –“
Anna stierte die Spuckukoff entsetzt an. Die atmete jetzt laut keuchend, rief dann wieder –
„In – München – Ihr Glück finden – Fahren Sie – sofort – dorthin –“
Anna war froh, als sie wieder draußen war. –
Nach München fahren –! Glück finden! – Damit konnte nur eine Heirat gemeint sein –! –
Eine halbe Stunde später teilte sie Frau Oberstleutnant a. D. Bierratz mit, daß ihr Vater im Sterben liege. Ihre Schwester sei soeben da gewesen und habe ihr ’s mitgeteilt: Sie müssen sofort nach Hause reisen – nach Kottbus –
Und sie reiste auch – wieder eine Stunde später! Aber – nach München – dem Glück entgegen. –
Drei Wochen darauf erhielt Tante Gustchen von ihr einen Brief nach Seebad Neudorf nachgeschickt. Anna teilte darin – ihre Verlobung mit und bedankte sich bei Fräulein Klose aufs herzlichste, daß diese sie damals zu der Fürstin gesandt hatte –
Das war eine der vielen, denen Emilchen zum Glück verhalf; das war auch so eine Art süßes Geheimnis –
5. Kapitel
Das wahre süße Geheimnis.
Unser Emil aber weilte jetzt bei dem Portier des Hauses, in dem der Herr Professor Dagobert Beutelschneider in der vierten Etage wohnte. Der Portier war für einen ‚papiernen‛ Händedruck durchaus empfänglich.
„Nee,“ meinte er. „verheiratet is der Musikfritze jrade nich. Aber – er hat ‛n weibliches Anhängsel mit drei lebende kleinere Anhängsel – Sie versteh ’n, Herr. Det Weibstick is ‛ne Italienerin. Und er verwichst sie jeden Tag. Sie is nämlich alles andere als treu. Aber – Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – Der Wirt hatte ihnen schon gekündigt. Die Bande is zu lebhaft.“ –
Emil stieg vier Treppen höher, läutete an Beutelschneiders Flurtür und stand dem Herrn Professor gegenüber.
„Mein Name ist Müller,“ erklärte er. „Ich bin der Onkel Fräulein Charlotte Kloses. Sie haben von meiner Nichte eine Vollmacht erschleichen wollen. Ich werde Sie bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, falls Sie mir nicht sofort ein schriftliches Bekenntnis geben, daß Sie mit einer Italienerin in wilder Ehe leben –“
Der Professor hatte vor der Staatsanwaltschaft offenbar eine gräuliche Angst. Er wurde ganz käsig im Gesicht. Emils Auftreten imponierte ihm.
Und Emil dachte: ‚Was – der Kerl ist ja mindestens fünfundvierzig Jahre alt und schon mehr als ausgemergelt! Lottchen ist ein reguläres Schäfchen –!‛
Dann zog er mit dem Bekenntnis stolz von dannen. Er kam sich ordentlich geschwollene vor. Hatte er doch soeben etwas Gutes getan, eine harmlose Mädchenseele vor einem Heiratsschwindler gerettet!
Heiratsschwindler! Das – das hätte er ja selbst werden wollen! –
‚Blödsinn!‛ dachte er. ‚Emil, du und Heiratsschwindler! Dazu langt ’s bei dir nicht! Du hast zu viel Gemüt –!‛
Ebenso stolz stieg er nun zu den Bierratzen empor. Aber – Unglück schläft nicht! Er begegnete auf dem ersten Treppenabsatz Frau Rosalie Rohrer, verflossene Rohrstuhlgeflecht –
Rosalie hatte bereits von ihrer Zofe gehört, daß jetzt bei den Bierratzen ein patenter Holländer wohne. Sie fixierte Emilchen scharf, drehte sich dann um und schaute ihm nach –
Emil fühlte wieder den kalten Aal im Rücken –
Himmel – wenn das dicke Weib ihn erkannt hatte?! Was dann – was dann?! –
Wenn er doch nur ehrlich geblieben wäre! Wenn er nie den Jerusalem-Expreß benutzt hätte! Und wieder dachte er an seine brave, alte Mutter und gleichzeitig an Gustchen – das liebe, gute Gustchen, das so viele Herz und Gemüt hatte –
Ob er nicht am besten sofort von hier auskniff?
Nein – das war zwecklos! Er kannte ja die Kriminalpolizei! Wenn die erst hinter ihm her war, dann kriegte sie ihn auch –
Ihm war jetzt alles gleichgültig. Mochte gekommen, was da woll–te –
Er fuhr zusammen – Es hatte geklopft. Marry Knoxon war’s, die Tanzkünstlerin, die Liebhaberschmugglerin, – auch eine von denen, die er hatte ‚ausnehmen‛ wollen – als Heiratsschwindler –
„Herr Doktor,“ sagte Marry leise, „ich habe vorhin von Pa aus Chicago eine Depesche erhalten. Ich soll jetzt auf jeden Fall nach Hause kommen. Pa scheint die Idee mit der Zollhinterziehung aufgegeben zu haben.
Aber – ich will nicht! Ich will die fünfundsiebzigtausend Dollar verdienen. Geben Sie mir einen Rat. Mir schien’s bei unserer letzten Aussprache, daß Sie bereits einen Plan entworfen hätten –“
Emil nickte. Ihm war ein Gedanke gekommen.
„Ich bin arm, Miß Knoxon,“ meinte er. „Machen wir Halbpart. Teilen wir die fünfundsiebzigtausend Dollar. Geben Sie mir die Hälfte ab, und ich – gebe Ihnen einen totsicheren Tipp –“
Marry überlegte nicht lange. „Gut – hier meine Hand – und Ihr Tipp?“
„Sehr einfach – Sie malen doch zu Ihrem Vergnügen, Miß Knoxon. Sie nehmen den van Dyck aus dem Rahmen, überkleben die Rückseite mit frischer Malleinwand, spannen das Bild in einen gewöhnlichen Holzrahmen und überziehen die Vorderseite mit einer Schicht aus zwei Teilen Stearin und einem Teil Wachs. Auf diese Schicht malen Sie dann irgend ein Berliner Motiv. Die Schicht löst sich nachher bei mäßiger Erwärmung des Bildes. Jeder Zollbeamte wird es für ein Werk von Ihnen halten, besonders, wenn Sie das Bild noch ganz offen in Ihren Koffer legen. Der Trick ist nicht ganz neu, gelingt aber sicher, wenn Sie die nötige Ruhe bei der Zollrevision bewahren.“
Miß Knoxon war selig – ganz so selig wie vorher schon andere Milchkühlein der Bierratzen infolge Emilchen Liebenswürdigkeit.
Und Emil bekam sofort seine siebenunddreißigtausendfünfhundert Mark in deutschem Papiergeld ausgezahlt. Marry hatte vormittags von der Bank sich gerade runde Fünfzigtausend abgeholt, da sie noch große Einkäufe erledigen wollte. Gewiß: Dollarnoten währen Emil lieber gewesen. Und eigentlich war ja die Hälfte von fünfundsiebzigtausend Dollar bei der jetzigen Valuta weit mehr. Aber er war auch mit dem Erhaltenen zufrieden. –
Ein Auto brachte ihn dann zu seinem Geschäftsfreund nach der Ackerstraße. Dem log er vor, daß die Polizei hinter ihm her sei; er wolle der Kommerzienrätin das Halsband wieder zustellen. Hier seien fünfundzwanzigtausend Mark als Rückkaufpreis –
Die Sache klappte. Um viertel acht abends klingelte es bei Rohrer-Rohrstuhlgeflechts. Die Zofe fand im Flur, durch den Briefschlitz hineingeworfen, ein Päckchen: Das Halsband!
Draußen aber fand sich niemand – Emil war schon wieder nach oben geflitzt –
Ach – wie wohl fühlte er sich jetzt! Er hatte den ersten Schritt zur Ehrlichkeit hinter sich –
Er klopfte bei Lottchen Klose an.
Tante Gustchen rief: „Herein!“
Lottchen, das Dummchen, war auch da. Sie stürzte Emil entgegen.
„Waren Sie bei Professor Beutelsschneider?“
„Ja – leider, leider –“
Er dachte: ‚Eine Radikalkur ist immer das Beste!‛ Und er zog des ausgemergelten Beutelschneiders Bekenntnis hervor, reichte es Lottchen hin –
„Armes Kind,“ sagte er, „der Kerl ist ein Lump. Weinen Sie ihm keine Träne nach –“
Das Schäfchen las, wurde feuerrot – Wilde Ehe! Drei Kinder! –
Das war zu viel des Guten –
Aufschluchzend sank sie Emil an die Brust –
Der streichelte ihr das Haar, redete ihr freundlich–gütig zu – so recht väterlich –
Und Gustchen half dabei, nachdem auch sie das Entsetzen über diese Verruchtheit überwunden hatte. Drei Kinder – so ein Beutelschneider!
Lottchen beruhigte sich langsam.
„Ich – ich will wieder nach Hause,“ erklärte sie dann. „Berlin ist – ist schrecklich! Tantchen – wir reisen ab – In Wolgast sind die Menschen nicht so – so schlecht –“
Gustchen zog Emilchen mit sich fort in das Nebenzimmer.
„Lassen wir sie allein, Herr Doktor,“ flüsterte sie. „Sie – sie schämt sich so –“
Nun waren sie wieder in Gustchens Zimmer; nun saßen sie wieder nebeneinander. Und das dicke Gustchen hielt wieder Emilchens Hand und dankte ihm nun, weil er Lottchen so schnell wieder zur Vernunft gebracht hatte.
Emil Wanze lehnte energisch ab. „Keinen Dank, Fräulein Gustchen – nein, nein, – das bin ich ja gar nicht wert –“
Sie blickte ihn schwärmerisch an. „Sie sind es wert, selbst wenn Sie zuweilen sich – van Zeerten nennen.“
Sie wollte mit diesem Namen nur leicht auf den Strauch schlagen. Aber – der Erfolg war einfach durchschlagend, lieferte eben den schlagenden Beweis, daß Emil ein geschlagener Mann war.
Er erbleichte.
„Woher – woher wissen Sie –?“ stammelte er.
„Durch das Stubenmädchen –“
Sie begann zu erzählen.
Und in dieses reuigen Wanze Brust gab es nun einen neuen Kampf. Er ließ den Kopf sinken – ganz tief auf die Brust sinken –
Dann kam’s –
„Ich heiße weder van Zeerten noch van Deecheln, bin auch nicht Holländer, bin nur ein mehrfach vorbestrafter deutscher Taschendieb – Das mit dem Dämmerzustand ist eine freche Lüge –“
Alles beichtete er – auch von Marry Knoxon und dem zurückgegebenen Schmuck –
Gustchen Klose sagte dann nur: „Ich hab ’s geahnt –“
„Und jetzt verachten Sie mich –“ meinte Emil Wanze seufzend.
„Nein – nein, wirklich nicht!“
Sie preßte seine Hände.
„Ich möchte Sie retten, Emil, – Sie sollen nie mehr straucheln, Sie müssen jemand haben, der – der –“
Ihr gutes, liebes, rundes Gesicht strahlte förmlich.
„– der Sie mit fester Hand auf dem schmalen Pfad der Tugend weiterführt. – Emil – ich besitze in Seedorf ein Pensionat. Sie sollen bei mir Geschäftsführer werden.“
Emil Wanze schaute auf und blickte wieder in diese gütigen, liebevollen Augen – und er dachte:
‚Greif’zu! Nur sie kann dich völlig retten –‛
„Gustchen,“ sagte er leise, „Gustchen, – nur Geschäftsführer? Wollen wir ’s nicht miteinander für den Rest des Lebens versuchen – als – als Eheleute –?“
Er legte den Arm um sie. Und plötzlich erschien sie ihm gar nicht mehr so dick und reizlos –
Sie war ja seine Retterin – was wäre ohne Gustchen aus ihm geworden –?!
Sie antwortete nicht. Sie weinte still in sich hinein –
Zweiundvierzig Jahre war sie alt – und er vierzig Jahre – Sie wußte, daß sie nur einige vierzig Pfund abzunehmen brauchte! Dann würde sie ganz anders aussehen –
„Ich – ich werde eine Entfettungskur gebrauchen, Emil,“ flüsterte sie jetzt schämig an seiner Brust. „Du – du sollst eine schlanke Frau bekommen –“
Er zog sie fester an sich –
„Bleib, wie du bist, Gustchen – ich habe von Vater her Anlage zum Starkwerden. Wenn du mich gut pflegst, sind wir sehr bald –“
Da hatte sie ihm schon den Arm um den Hals gelegt, hatte freudig gerufen: „Und wie will ich dich pflegen – wie sehr –!“
Er küßte sie – und sie hielt ganz still. In ihrer Brust war’s wie Glockenläuten –
Männerlippen – zum ersten Mal Männerlippen. Und – wie wohl das tat –!
Nachher besprachen sie alles, was zu erörtern war. Gustchen bewies auch hier wieder viel natürliche Schlauheit. Die Verlobung sollte vorläufig geheim bleiben. Morgen wollte Gustchen mit ihrer Nichte abreisen. Und übermorgen würde das Brautpaar sich in Seedorf treffen. Lottchen sollte erzählt werden, daß Emil sich habe in Deutschland naturalisieren lassen und den Namen Emil Wanze angenommen habe –
An demselben Abend spendierte Miß Marry nach dem Essen Sekt. Tussi Bierratz saß am Piano, und Dr. van Deecheln zeigte mit der Miß moderne Tänze.
Gustchen war gar nicht eifersüchtig – gar nicht! Sie schaute zu und lächelte glücklich! Es war ja ihr Emil – ihr Emil! Und in ihrer Brust verborgen war das süßeste aller Geheimnisse!
Sie war verlobt – verlobt –!
Es wurde sehr fidel, sehr! Auch Tante Gustchen ‚schmiß‛ noch zwei Flaschen Sekt, und Dr. van Deecheln tat dasselbe.
Die Fürstin Spuckukoff war beschwipst – und nicht zu knapp! Und Alexandra, die Kineuse, war ’s nicht minder; und Lottchen, das Schäfchen mußte um zehn Uhr zu Bett gebracht werden. Sie hatte einen ganz schandhaften Affen sich gekauft und erzählt jedem, der es hören wollte, daß der Betrüger von Beutelschneider drei wilde Frauen zu Ehegattinnen und ein Kind habe – von den drei wilden Frauen!
Sie warf die Begriffe ‚wilde Ehe‛ und so weiter etwas durcheinander –
Es wurde wirklich sehr viel fidel; es war ein Verlobungsfest, von dessen wahrer Bedeutung nur Gustchen und Emilchen etwas wußten –
Als nach Mitternacht erst die Spuckukoff und dann die ebenso liebebedürftige Kineuse Emilchen zuflüsterten, sie würden heute ihre Zimmertüren nicht verriegeln, da – winkte Emilchen ab – und sehr drastisch flüsterte er beiden zu:
„Nichts zu machen –! A–B-Konfekt, Sie verstehen –!“
Er war treu. Und er blieb es auch.
Und Gustchen Wanze wurde eine glückliche Gattin. Nur Mutter wurde sie nicht – nein, das Glück blieb ihr versagt.
Der Spezialarzt, den sie zu Rate zog, sagte ihr, sie hätte sich niemals so gründlich entfetten dürfen; derartige Gewaltkuren hätten einen sehr schlechten Einfluß auf die intimeren Beziehungen zum Klapperstorch.
„Außerdem,“ fügte er noch hinzu, „ist Ihr Mann im Gegensatz zu Ihnen viel zu korpulent. Sie haben ihn gepflegt, lieber vor Wanze, viel zu gut!“ –
Worauf Frau Gustchen selig lächelte und meinte:
„Oh – er verdient es auch, Herr Doktor. So ‘n Mann wie mein Mann, der ist nur ein einziges Mal zu finden –“
Man sieht: Ein ‚richtiggehendes‛ süßes Geheimnis gab ’s bei Wanzes nicht. Trotzdem war diese Ehe eine wahre Musterehe.
Was ich hier geschildert habe, ist die Geschichte des Liebesfrühlings eines alternden Mädchens und eines Gescheiterten. Warum sollen denn die Heldinnen kleiner Skizzen aus dem Leben stets hübsch sein?
Warum nur?! –
Sind sie es, dann sind die Skizzen nie dem Leben abgelauscht, – was ich von dieser hier behaupten darf.
Sowohl die Fürstin Spuckukoff, als auch die Kineuse Alexandra, ebenso das Dummchen Lottchen und die kleine Schmugglerin Marry haben genau so existiert – oder besser: Existieren noch – wie Gustchen und Emilchen.
Ich könnte Ihnen sogar den wahren Namen des Fremdenheims ‚Bierratz‛ verraten.
Aber ich meine es gut mit Ihnen: Die Verpflegung ist dort zu sehr auf Entfettungskuren zugeschnitten! – Sie verstehen: die Milchkühchen! Man melkt sie, aber – man füttert sie nicht. –
Daher mag der Name bleiben ein saures Geheimnis!
Anmerkungen:
[1] jemand, der (im Gefängnis) allerlei Dienste und Aufgaben erfüllt
[2] Omnibuslinie Halensee-Linden