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Der Krämerkönig von Neukölln

 

Der Krämerkönig von Neukölln

Unveröffentlichter Entwurf eins Skandalromans

von

Hugo B. Darm

welcher 1921 in einem Papierkorb am Elisabethufer nahe der Hausnummer 44 in Berlin SO.26 gefunden wurde.

 

 

Kapitel 1

Die Rückkehr des Unrats.

Die Berliner Luft des Novembers 1921 roch nach einer speziellen Mischung aus nassem Asphalt, verbranntem Malz-Kaffee-Ersatz, dem süßlich-stechenden Geruch von Koksöfen und dem unvermeidlichen Benzingestank der wenigen, protzigen Automobile, die sich durch die Flut von Pferdefuhrwerken und klapprigen Lastwagen kämpften. Ich atmete tief ein. Es war der Geruch der Stadt, die mich kannte, und in der ich mich auskannte; ein Gestank, der mir inzwischen vertrauter war als der Duft von frischem Brot. Seebad Schweineschwänzchen mit seiner salzigen Ostseebrise und seiner durchtränkten Nepp-Mentalität lag hinter mir, eine surreale Episode in einer von Episoden geprägten Zeit. Die gescheiterte Verlobung mit Ilse von Tschißlow, eigentlich Ilse Mudicke, war zu einer amüsanten Anekdote geschrumpft, die ich mir beim Schreiben an der kühlen Herdplatte sitzend selbst erzählte, um mich daran zu erinnern, wie dumm und verzweifelt man in diesen Tagen sein konnte.

Mutter Schnittlochen kehrte mit der Seelenruhe einer Siegerin in ihre Küche zurück, ihr Reich aus verbeulten Aluminiumtöpfen und dem allgegenwärtigen Geruch von Steckrüben. „Sehn Se, Herr Darm,“ sagte sie, während sie eine Zwiebel mit einer Wucht zerhackte, die jeden Metzger erblassen ließ, „ick hab’s ja jesacht. Diese feine Gesellschaft is nischt for uns. Da sind se von janz unten und meenen, mit Jeld is man oben. Aber der Jestank von unten, den kriegen se nich aus de Kleeder. Der sitzt in de Poren, wie bei uns de Kohlroulade.“ Sie hatte recht. Wie so oft. In einer Zeit, in der sich die Gesellschaft im Galopp umwälzte, blieb Mutter Schnittlochen der feste, unerschütterliche Granitblock am Grund des Flusses.

Ich war wieder Schriftsteller, ein Beruf, der in diesen Tagen so viel galt wie ein Straßenfeger – und genauso entbehrlich schien. Der Vorschuss von Xaver Schulze war aufgebraucht, aber der Skandalroman ‚Seebad Schweineschwänzchen‘, lose inspiriert von meinen Erlebnissen mit Amalie von Tschißlow, fand seine Abnehmer in den dunklen Ecken der Leihbibliotheken. Es reichte, um die Miete für die zwei Stübchen bei Mutter Schnittloch zu zahlen und uns über Wasser zu halten, knapp unter der Oberfläche des Elends. Das Bureau hatte ich endgültig aufgegeben. Die Erinnerung an Dagobert Schnittloch und Mietze, zu Papier gebracht im Skandalroman ‚Schiebermietze‘, war wie ein fader Geschmack auf der Zunge, den man loswerden wollte, den man aber immer wieder spürte, wenn der Wind ungünstig stand.

Doch Berlin ist ein Dorf. Ein sehr großes, sehr lautes, sehr schmutziges Dorf, in dem sich die Ratten in den gleichen Kanälen begegnen, ob sie nun in Fetzen oder in Seide gekleidet waren.

Es war an einem trüben Novemberspätnachmittag, als das fahle Licht der Straßenlaternen schon gegen drei Uhr den Kampf mit der Dunkelheit aufnahm. Ich saß in ‚Zum roten Hahn‘, einer kleinen, verrauchten Kneipe in der Friedrichstraße, die nach altem Bier, schalem Tabak und der schweißigen Verzweiflung ihrer Gäste roch. Ich trank dünnes Pilsener und versuchte, mich vor dem Regen und den Gespenstern meiner leeren Brieftasche zu schützen. Die Schatten an den Wänden schienen die Konturen gescheiterter Existenzen nachzuzeichnen. Plötzlich ging die Tür auf, eine kalte, feuchte Zugluft fegte herein, die die Flamme der Petroleumlampe über dem Tresor flackern ließ, und mit ihr eine Gestalt, die mir die Sprache verschlug.

Da stand er. Gottlieb August Dagobert Schnittloch.

Aber was für einer! Der schäbige Ulster war einem maßgeschneiderten, dunkelblauen Tuchmantel aus englischem Wollstoff gewichen, der weich und schwer an ihm hing. Die ausgefransten Hosen waren tadellosem Gabardine gewichen, die Füße steckten in handgefertigten Schnürschuhen aus glänzendem Kalbsleder, die mehr kosteten als mein gesamtes Monatseinkommen. Sein Gesicht war glatt rasiert, die wenigen verbliebenen Haare waren perfekt gekämmt und mit einem teuren Duftwasser getränkt, das sich siegreich mit dem Bierdunst vermischte. In seiner Hand, mit lässiger Nonchalance gehalten, war ein Spazierstock mit einem Goldknauf in Form eines fauchenden Löwen. Nur die Augen, diese harmlos-dämlichen Kinderaugen, waren geblieben. Doch in ihnen funkelte jetzt ein neuer, gefährlicher Glanz – der Glanz des Mannes, der angekommen ist und es allen zeigt, der sich den Schlamm der Vergangenheit mit dem Gold der Gegenwart von den Sohlen gekratzt hatte.

Unser Blick traf sich über den rauchigen Raum hinweg. Für einen Sekundenbruchteil war pure, unverhohlene Überraschung in seinem Gesicht zu lesen, dann verbreitete sich das breite, von perfekten, wenn auch offensichtlich falschen Zähnen gesäumte Grinsen über sein Gesicht, ein Gesicht, das nun voller und runder wirkte, genährt von fetten Jahren.

„Bleihofchen!“ rief er und durchquerte die Kneipe, als betrete er seinen eigenen Salon, die schäbigen Gäste ignorierend. „Nein, entschuldige, alter Junge – Därmchen! Mein liebes, blindes Blinddärmchen! Wie ein Phönix aus der Asche!“

Er zog einen Stuhl heran, ohne eingeladen worden zu sein, und ließ sich schwerfällig nieder. Sein Parfüm, eine Mischung aus Moschus und Sandelholz, war jetzt überwältigend und fehl am Platz.

„Schnittloch,“ sagte ich tonlos. Die Worte kamen mir vor wie Steine. „Ich dachte, du wärst tot. Zeitungsbericht. Autounfall.“

Er lachte, ein tiefes, selbstgefälliges Gelächter, das ein paar der stumpfen Gäste aufschreckte. „Tot? Mein Lieber, Leute wie ich sterben nicht. Wir… transformieren. Der Autounfall war eine bedauerliche Notwendigkeit. Eine Inszenierung, um lästige Anhänglichkeiten und noch lästigere Steuerbeamte abzuschütteln. Das Vermächtnis für die Zuchthäusler war meine kleine Ironie. Ein letzter Gruß an alte… Geschäftspartner.“ Er zwinkerte mir zu, als teilten wir ein intimes Geheimnis.

Er winkte der Kellnerin, einer abgehärmten Frau mit grauem Gesicht, und bestellte eine Flasche des teuersten französischen Kognaks, den die Bude zu bieten hatte. „Und zwei Gläser. Mein Freund hier ist Schriftsteller. Die brauchen Inspiration, nicht diesen Fusel.“

„Und Mietze?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort fürchtete, sie wie eine kalte Hand im Nacken spürte.

Sein Lächeln wurde schmal, eine dünne Linie der Geringschätzung. „Ach, Mietze. Ein reizender Wildfang. Voller Feuer… Leben. Aber auch sie musste gehen. Sie hatte… ambitionierte Pläne, die nicht mit meinen übereinstimmten. Eine Scheidung war zu diesem Zeitpunkt zu kompliziert, zu öffentlich. Der Unfall… war da die praktikablere Lösung. Sauber. Endgültig.“

Mir wurde eiskalt. Er sprach über den Tod seiner Frau, über Mietzes Tod, als handele es sich um die Kündigung eines unbrauchbaren Angestellten oder das Ausmustern eines abgenutzten Möbelstücks. Es war die Kälte eines Menschen, für den alles und jeder einen Preis hatte und der bereit war, ihn zu zahlen, egal wie hoch.

„Du bist ein Monster geworden, Schnittloch,“ sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihm.

Er zuckte mit den Schultern, ein unbekümmerter Zug, der unnatürlich wirkte in seiner neuen, steifen Eleganz, und schenkte die bernsteinfarbene Flüssigkeit ein. „Die Welt ist ein Monster, mein Guter. Ich habe nur gelernt, mit ihren Zähnen zu beißen. Aber genug der traurigen Geschichten. Ich habe von dir gehört. Dieser Tschißlow-Mumpitz. Sehr amüsant. Gustav Mudicke ist ein grobschlächtiger Stümper. Seine Frau eine protzige Gans. Ich habe mit ihnen Geschäfte gemacht, vor langer Zeit. Kleine Fische.“ Er machte eine verächtliche Handbewegung, als scheuchte er eine Fliege weg.

Er nippte an seinem Kognak, sein kleiner Finger spreizte sich affektiert ab. „Nein, ich suchte dich aus einem bestimmten Grund, lieber Hugo.“

„Ich will nichts mit dir zu tun haben, Dagobert. Gar nichts. Unsere Wege haben sich getrennt.“

„Ach, immer diese voreiligen Schlüsse,“ seufzte er theatralisch und lehnte sich zurück, den Stock zwischen seinen Knien. „Du denkst immer noch in den Kategorien von vor drei Jahren. Die Zeiten haben sich geändert. Die Inflation frisst die Kleinen, und wir Großen… wir füttern sie. Ich habe mich geändert. Ich bin nicht mehr der Schieber von einst. Ich bin ein Geschäftsmann. Ein Förderer. Und ich habe ein Angebot für dich.“

„Behalte es. Ich wasche meine Hände in Unschuld.“

„Es geht um deine Schwäche, mein Junge. Dein schriftstellerisches Talent. Ich will, dass du meine Biografie schreibst.“

Ich musste so laut und schrill lachen, dass es mir selbst im Hals wehtat und die anderen Gäste sich entsetzt umdrehten. „Deine Biografie? Soll das ein Witz sein? Die Geschichte eines Betrügers, Diebes und… Mörders? Für den Scheiterhaufen?“

Er blieb völlig ruhig, sein Gesicht eine Maske aus überlegener Gelassenheit. „Die Geschichte eines Selfmade-Mannes. Vom Budiker zum Millionär. Eine wahre Berliner Erfolgsstory. Und denk an die Honorare, die ich dir dafür zahle. Fünftausend Mark Vorschuss. Noch einmal so viel bei Fertigstellung. Alles bar, versteht sich. Steuerfrei.“ Er sagte die Zahl leise, aber sie hallte in der kleinen Kneipe nach wie ein Gongschlag.

Fünftausend Mark. Das war mehr Geld, als ich in zwei Jahren verdiente. Es war ein Betrag, der Sorgen wegwischte, der Freiheit und warme Mahlzeiten und vielleicht sogar ein neues Paar Schuhe bedeutete. Ich hasste mich in dem Moment, weil ich zögerte, weil ein Teil von mir, der hungernde, frierende Schriftsteller, schon dabei war, die Bedingungen auszuhandeln.

„Warum ich?“ presste ich hervor, meine Stimme war heiser.

„Weil du mich kennst. Weil du mich durchschaut hast, damals in deinem Papp-Bureau. Weil du nicht dumm bist, nur naiv. Und weil dein Name, dein richtiger Name, eine gewisse… Glaubwürdigkeit verleiht. Hugo Darm. Klingt solide. Bieder. Ehrlich wie ein Aufkleber ‚Altberliner Handwerk‘. Das brauche ich. Ein bisschen Respektabilität, um den Geruch des Neuen zu übertünchen.“ Er musterte mich, als wäre ich eine Ware, deren Qualität er prüfte.

Ich schüttelte den Kopf, kämpfte gegen die Versuchung und die Angst an. „Nie im Leben.“

Er stand auf, klopfte sich den Mantel mit einer lässigen Geste zurecht und legte eine Visitenkarte aus feinstem, rauen Büttenpapier neben mein Glas. Darauf stand in erhabener, dunkelblauer Prägung nur:

D. von Schnittl. Unternehmensberatung.

Und eine Adresse am Tiergarten, eine der besten Lagen.

„Denk darüber nach, Hugo. Fünftausend. Sie liegen bereit. Komm morgen vorbei. Wir frühstücken.“ Er griff nach seinem Stock und machte eine kleine verabschiedende Geste, als segne er mich. „Und übrigens… es wäre besser für dich. Es gibt da gewisse… Unklarheiten bezüglich der Scheidung von meiner ersten Frau, der guten Auguste. Papiere, die deine Unterschrift tragen. Fälschungen, natürlich. Aber sehr, sehr gute. Von einer gewissen Expertin, die wir beide kannten. Die Justiz ist da manchmal so pingelig, verstehst du? Sie könnte auf die Idee kommen, du wärst mitverwickelt gewesen.“

Die Drohung hing unausgesprochen im Raum, schwer und giftig wie Blei. Er drehte sich um und ging, ließ mich zurück mit meinem billigen Bier, dem unberührten Glas teuren Kognaks und der zermürbenden Gewissheit, dass ich Dagobert Schnittloch nie entkommen war, so wenig wie man dem Gestank der Großstadt entkommen kann. Er war der Unrat, der immer wieder an die Oberfläche schwamm, angereichert mit neuen, gefährlichen Giften.

 

Kapitel 2

Das Angebot des Teufels.

Ich ging nicht am nächsten Tag.

Ich ging auch nicht am übernächsten Tag.

Ich ging auch nicht am überübernächsten Tag.

Eine Woche lang kämpfte ich mit mir, haßte mich für meine Schwäche, für den Funken Gier, den sein Angebot in mir entfacht hatte, eine schmutzige, wärmende Flamme in der Kälte meiner Existenz. Fünftausend Mark! Ich malte mir aus, was ich damit alles anfangen könnte. Ein ruhigeres Leben, ohne das ständige Knurren des Magens beim Schreiben. Mehr Zeit für Romane, die nicht nur der schnellen Mark wegen geschrieben wurden. Die Möglichkeit, Mutter Schnittloch endlich den Umzug in eine bessere, hellere Wohnung mit fließend kaltem Wasser zu ermöglichen, ein Luxus, von dem sie manchmal mit leiser Sehnsucht in der Stimme sprach.

Doch der Preis war Dagobert. Die Vorstellung, mich wieder in seinen Bann zu begeben, sein Chronist zu werden, ließ mich nachts schweißgebadet aufschrecken. Ich war kein Held, ich wusste das. Aber ich war auch nicht mehr der naive junge Mann von einst, der sich von einem schäbigen Koffer und ein paar Zigarren blenden ließ.

Es war Mutter Schnittloch, die den Knoten durchschlug, wie sie es immer tat, mit der brutalen Einfachheit dessen, der nie etwas anderes kannte als den Kampf ums Überleben. Sie musterte mich eines Abends über den Rand ihrer Zeitung hinweg, des ‚8-Uhr-Abendblatts‘, das sie Wort für Wort zu lesen pflegte, als enthielte es geheime Botschaften. „Sie sehen aus, als hätten Sie ‘ne Made im Speck, Herr Darm. Is et der Schnittloch? Der Jestank von dem is mir bis hierher jezogen.“

Ich war nicht überrascht, dass sie es wusste. Mutter Schnittloch wusste alles, was in ihrem Revier geschah; sie war das Nervenzentrum unseres Mietshauses, verbunden mit jedem Flüstern in den Treppenhäusern, jedem Streit hinter den dünnen Wänden. Ich nickte und erzählte ihr alles – das Wiedersehen in der Kneipe, das zynische Angebot, die unverhohlene Drohung.

Sie hörte schweigend zu, ihre kleinen, hellen Augen wurden zu Schlitzen, als konzentriere sie sich auf ein besonders widerliches Ungeziefer. Als ich geendet hatte, schnaubte sie verächtlich, ein Geräusch, das von tief unten in ihrer massigen Brust kam. „Der! Der hat doch keene Biografie, der hat ‘ne Strafakte so lang wie der Alex bis zum Bullen. Aber…“ Sie legte die Zeitung weg, sorgfältig zusammengefaltet, und stützte ihre Ellbogen auf den Tisch, der unter ihrem Gewicht ächzte. „Fünftausend Mark sind fünftausend Mark. Und wenn er meent, Sie sollen dat schreiben, dann schreiben Se dat. Aber nich so, wie er’s will.“

„Was meinen Sie?“ Ich spürte einen Funken Hoffnung, eine List, die meiner eigenen Verzweiflung entsprang.

„Schreiben Se’s doch, wie’s war. Den wirklichen Schnittloch. Den Budiker, den Schieber, den Halunken. Verklausulier’n Se’s, machen Se ‘ne Roman draus. Aber so, dass jeder, der’s liest und ‘n büschen Ahnung hat, sofort weiß, wer da gemeent is. Und nehmen Se ihm das Jeld ab. Für jede Seite, die Sie schreiben, is er ‘n büschen ärmer, und Sie sind ‘n büschen reicher. Dat is ‘ne feine Rache. Still und sauber.“

Ich starrte sie an, fassungslos ob der raffinierte Einfachheit des Plans. Es war die Rache der Kleinen, die Rache des Chronisten. Ich würde sein eigenes Geld nehmen, um die ungeschminkte Wahrheit über ihn zu schreiben, eine verschlüsselte Abrechnung, die ihm, falls sie je veröffentlicht würde, das Genick brechen konnte. Es war perfekt. Es war teuflisch. Und es war genau das, was ich brauchte, um meine Würde zu wahren und trotzdem nicht zu verhungern.

* * *

Am nächsten Morgen betrat ich das Bürogebäude am Tiergarten, ein monolithischer Klotz aus Sandstein und Glas, der Wohlstand und Unantastbarkeit ausstrahlte. Der Empfang war gekühlter Marmor, das Lächeln der Empfangsdame so eingefroren wie die Fischstäbchen in Mutter Schnittlochens Eisschrank. Ich wurde in ein Büro im ersten Stock geführt, das mehr einem Herrenclub glich: dunkle Eichenholzvertäfelung, schwere grüne Ledersessel, die nach Zigarrenrauch und Lederpflege rochen, und Ölgemälde düsterer Landschaften an den Wänden. Dagobert thronte hinter einem massiven Schreibtisch aus poliertem Mahagoni, ein König in seiner Burg.

„Da sind Sie ja, mein Lieber! Ich wusste, dass die Vernunft siegen würde.“ Er breitete die Arme aus, als wolle er mich umarmen. „Vernunft und ein gesunder Egoismus, das ist die Devise unserer Zeit.“

„Das Honorar stimmt nicht,“ sagte ich knapp, ich fühlte mich wie ein Schauspieler in einem Stück, dessen Text ich hasste. „Zehntausend Vorschuss. Zehntausend bei Fertigstellung. Die Risiken sind gestiegen.“

Seine Augenbrauen schossen nach oben, dann lachte er, ein bewunderndes, gutturales Lachen. „Sehr gut! Sehr gut! Der Geschäftsmann in Ihnen erwacht! Abgemacht.“ Er zog eine Schublade auf, die geräuschlos glitt, und nahm ein dickes, in braunes Packpapier versiegeltes Paket Banknoten heraus. Das Geld roch nach Druckerschwärze und neuer Macht. „Zehntausend. Wie vereinbart. Bar. Das schätzt man heutzutage mehr als das Wort eines Königs.“

Er schob es über den glatten Tisch. Ich ließ es liegen, ein Fremdkörper in dieser Welt des protzigen Überflusses.

„Ich brauche Informationen,“ sagte ich und zog mein Notizbuch hervor, ein schäbiges Heft, das schreiend fehl am Platz wirkte. „Zugang zu deinen… Erlebnissen. Wir müssen reden. Ausführlich. Ohne Beschönigungen.“

„Selbstverständlich.“ Er klatschte in die Hände, obwohl niemand sonst im Raum war, eine lächerliche, selbstherrliche Geste. „Wir beginnen sofort. Jeden Morgen, zwei Stunden. Ich erzähle, du schreibst. Wir schreiben Geschichte, mein Lieber!“

Und so begann die seltsamste und unheimlichste Zusammenarbeit meines Lebens. Tag für Tag saß ich in dem protzigen Büro, während draußen das Berlin des Winters 1921 vorbeizog – hungernde Kinder, aufgebrachte Demonstranten, schicke Cocotten in teuren Autos. Ich ließ mich von Dagobert Schnittloch mit Geschichten aus seinem Leben füttern, während ich heimlich die Essenz seines Charakters in mich aufsog, wie man Gift langsam kostet. Er erzählte von seinen Anfängen mit Auguste, dem winzigen Grünkramgeschäft in den stickigen Hinterhöfen Neuköllns, wo der Gestank von Kohl und faulendem Gemüse in der Luft lag. Er berichtete von den ersten kleinen Schiebungen mit Butter, die Auguste unter ihren weiten Röcken aus dem Umland schmuggelte, von der Angst und dem triumphierenden Grinsen, wenn es wieder geklappt hatte. Dann kamen die großen Deals während des Krieges, von gefälschten Lieferpapieren für nie gelieferte Stiefel, von bestochenen Beamten mit hohlen Augen und vollen Taschen, von erpressten Konkurrenten, die spurlos verschwanden. Er prahlte mit seiner Gerissenheit, seiner Rücksichtslosigkeit, die er ‚pragmatische Entschlossenheit‘ nannte. Ich schrieb alles mit, Wort für Wort, ein Chronist des moralischen Bankrotts, ein Archivar der Schande.

Doch je mehr er erzählte, desto mehr spürte ich, dass er mir nicht die ganze Wahrheit sagte. Er baute sich eine Legende auf, den genialen Gauner, der das System austrickst, den Robin Hood, der sich nahm, was er wollte. Die wirklichen Abgründe, die Toten – wie Mietze –, die er hinterlassen hatte, verschwieg er oder beschönigte sie zu ‚bedauerlichen Betriebsunfällen‘ oder der ‚Laune des Schicksals‘. Er war nicht mehr der ehrliche Schurke von einst, sondern ein selbstverliebter krankhafter Fabulierer, der an seine eigenen Lügen zu glauben schien.

Nach zwei Wochen hatte ich Dutzende Seiten voller schmutziger Geheimnisse, ein Wer-ist-Wer der Berliner Unterwelt. Ich begann, heimlich in meiner kalten Stube die Romanfassung zu schreiben, die Mutter Schnittloch vorgeschlagen hatte. Ich nannte ihn ‚Der Krämerkönig‘, eine bitterböse Satire auf den Schieber-Mythos, eine Abrechnung in Tinte.

Eines Tages, als ich das Büro verlassen wollte, mein Mantel roch bereits nach Schnittlochs teuren Zigarren, trat eine Sekretärin herein, um Akten auf seinem Schreibtisch abzulegen. Sie war jung, vielleicht Mitte zwanzig, mit einem schmalen, intelligenten Gesicht, strengem, blonden Haar, das zu einem Knoten gebunden war, und Augen von einem so hellen Grau, dass sie fast farblos wirkten und doch nichts zu verpassen schienen. Sie warf mir einen kurzen, intensiven Blick zu, der mich sekundenlang musterte, als versuche sie, einen Code zu entschlüsseln, bevor sie wieder lautlos verschwand. Etwas an ihr, eine Haltung von unterdrückter Energie und wacher Aufmerksamkeit, kam mir seltsam vertraut vor, doch ich konnte es nicht einordnen. Sie war wie ein Geist in dieser Villa des Betrugs.

Später, in meiner Stammkneipe, wo der Geruch von Armut und Resignation mich wieder umfing, tauchte Hilmar Dränger auf, mein Kollege von der Sensationsrichtung, der immer roch, als habe er in einer Druckerei geschlafen und sich mit billigem Parfüm übergossen. Er war aufgekratzt wie immer, seine Augen funkelten vor der Jagd nach der nächsten Schlagzeile.

„Därmchen! Alter Junge! Mann, siehst du verbraucht aus! Hast du schon gehört?“ Er rückte nah an mich heran, sein Atem roch nach Korn und Aufregung. „Die Polizei hat ‘ne riesige Fälscherwerkstatt hochgenommen! In einer Villa in Charlottenburg. Pässe, Lebensmittelkarten, sogar Ausweise der alliierten Kommission! Man munkelt, da hängt einer der ganz großen, alten Fische dran. Ein gewisser…“ er senkte seine Stimme zu einem dramatischen, rauen Flüstern, „… Schnittloch.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich spürte, wie das Blut aus meinem Gesicht wich und sich eiskalt in meinen Händen sammelte. „Schnittloch? Der ist tot. Begraben. Ich habe den Artikel gesehen.“

Hilmar zwinkerte verschwörerisch, sein Gesicht war eine Fratze aus Wichtigtuerei und Sensationsgier. „Ist er das? Oder hat er nur untertauchen müssen? Die Bullen sind ihm auf der Spur, sagt man. Soll sich jetzt von Schnittl nennen. Angeblich hat er einen Komplizen, einen Chronisten, der alles aufschreibt, alle Namen, alle Deals. Eine Art lebendes Gedächtnis. Verrückte Geschichte, was? Wie aus ‘m Groschenroman!“

Ich fühlte, wie sich der Boden unter mir zu neigen schien. Der Chronist. Das war ich. War das der wahre Grund, warum Dagobert mich angeheuert hatte? Nicht für eine Biografie, sondern als lebenden Schutzschild, als Sündenbock? Um mich im Falle einer Festnahme als seinen Mitwisser und Komplizen dastehen zu lassen, belastet durch sein Geld und meine eigenen Aufzeichnungen? Um mich mit seinen Geständnissen an ihn zu ketten, bis uns die Flut gemeinsam verschlang?

Plötzlich erschien das Geld, das in meiner Schublade lag, nicht mehr als Segen, sondern als Brandmal, als Menetekel an der Wand meiner armseligen Existenz. Ich war nicht der Jäger, der sich rächte. Ich war die ahnungslose Fliege, die sich in den honigsüßen, klebrigen Fäden der Spinne Schnittloch verfangen hatte.

 

Kapitel 3

Die Tochter des Kriminalkommissars.

Die nächsten Tage verbrachte ich in einem Zustand lähmender Paranoia. Jedes Poltern des Heizungsrohrs in meiner Stube ließ mich zusammenzucken. Jeder Blick eines Fremden auf der Straße, jedes ungewohnte Auto, das in unserer schäbigen Seitenstraße hielt, kam mir wie eine unmittelbare Bedrohung vor. Ich ging nicht mehr zu Schnittlochs Büro. Ich blieb in meinem Zimmer, das plötzlich nicht mehr meine Zuflucht, sondern mein Versteck war, bewacht von Mutter Auguste Schnittloch, die meine Nervosität mit grummelnder Sorge und einer Portion praktischer Verachtung beobachtete.

„Wenn Sie so weiterzittern, Herr Darm, schmeiß’ ick Ihnen Baldrian in den Morgensuppe,“ knurrte sie eines Abends, als ich beim Schein der Petroleumlampe ziellos in meinen Manuskripten blätterte. „Der Schnittloch is doch nur ‘n Mensch. Aus Fleisch und Blut. Der kann auch bluten.“

Doch ich fühlte mich nicht stark genug, ihn bluten zu lassen. Ich fühlte mich wie ein Kaninchen vor der Schlange, gefangen in einem Schicksal, das ich mit meiner Dummheit selbst heraufbeschworen hatte.

Dann, an einem regnerischen Donnerstag, an dem der Regen an die Scheiben trommelte wie die Finger eines ungeduldigen Gläubigers, kam der Besuch, den ich halb erwartet, halb bis ins Mark gefürchtet hatte. Es war nicht die Polizei mit ihren schweren Stiefeln und durchdringenden Blicken. Es war die junge Sekretärin aus Schnittlochs Büro.

Sie stand in unserem dunklen, nach Kohl und feuchter Wäsche riechenden Flur, tropfnass vom Regen, ihr simpler Trenchcoat klebte an ihr, und Wassertropfen perlten von ihrem strengen Haarknoten. Doch in ihren hellgrauen Augen brannte eine entschlossene Energie, die der engen, muffigen Hoffnungslosigkeit unserer Wohnung völlig fremd war.

„Herr Darm?“ sagte sie mit einer klaren, angenehmen Stimme, die keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit ließ. „Mein Name ist Elvira Manze. Wir haben uns im Büro von Herrn von Schnittl gesehen.“

Mutter Schnittloch musterte sie vom Küchentürrahmen aus mit unverhohlener Missbilligung, die Arme vor ihrer mächtigen Brust verschränkt. „Is det nu schon die nächste? Ick sage Ihnen, Herr Darm, Sie suchen sich aber auch immer die Falsche aus. Erst diese Mudicke-Puppe, nu det hier. Sehn Sie denn jarnischt?“

Fräulein E. Manze ignorierte sie vollkommen, als wäre sie ein Möbelstück. Ihr Blick ruhte unverwandt auf mir. „Herr Darm, was ich Ihnen zu sagen habe, ist äußerst wichtig. Und es ist gefährlich. Für Sie. Können wir reden? Ohne…“ – ihr Blick streifte kurz Mutter Schnittloch – „…Zuhörer?“

Ich führte sie in mein winziges Arbeitszimmer, das nach altem Papier, Tinte und Kummer roch. Sie setzte sich auf den einzigen freien Stuhl, ohne eingeladen worden zu sein, und musterte mich unverblümt, während sie ihre nassen Handschuhe auszog. Ihre Hände waren schmal, die Finger lang und geschickt, keine Hände, die nur Schreibmaschinen getippt hatten.

„Sie schreiben also die Biografie von Herrn von Schnittl, der eigentlich Schnittloch heißt,“ begann sie, keine Frage, eine Feststellung.

„Das scheint ein offenes Geheimnis zu sein. Selbst die Fliegen an der Wand scheinen es zu wissen.“

„Es ist eine Falle,“ sagte sie knapp, ihre Stimme wurde leiser, eindringlicher. „Schnittloch ist in großen Schwierigkeiten. Die Fälscherwerkstatt in Charlottenburg war nur die Spitze des Eisbergs. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten gegen ihn wegen Betrugs im großen Stil, schwerer Steuerhinterziehung und… Mordverdachts.“

Das Wort hing im Raum wie Giftgas. „Mord?“

„Im Fall seiner Frau. Mietze Schnittloch. Der Autounfall in Schlesien war zu perfekt. Zu sauber. Die Bremsleitungen waren fachmännisch durchtrennt. Die Polizei hat neue, stichhaltige Beweise. Ein Mechaniker, der geschwiegen hatte, hat sich nun doch erinnert. Ein Zeuge, der gesehen haben will, wie Schnittloch am Abend vor der Fahrt an dem Wagen herumhantierte.“

Ich lehnte mich zurück, atmete schwer aus. Die bestürzende Gewissheit traf mich mit der Wucht eines Hammers. Also doch. Es war kein Unfall. Es war ein kaltblütiger Mord. Die Erinnerung an Mietze, an ihr loses Lachen, ihre gerissene Art, ihr schmachtendes Gesicht, überkam mich wie eine Welle der Übelkeit.

„Warum erzählen Sie mir das?“ presste ich hervor.

„Weil ich Sie warne. Sie sind sein auserwähltes Bauernopfer. Er hat Sie nicht wegen Ihres Talents angeheuert. Er hat Sie auserwählt, um alle belastenden Informationen, alle Geständnisse, auf Sie zu übertragen. Ihr Manuskript soll der Beweis sein, dass Sie von allem wussten, vielleicht sogar sein Komplize waren, der ihn erpresst hat. Er wird behaupten, Sie hätten die ganze Geschichte erfunden, um ihn unter Druck zu setzen. Und wer wird dem berühmten Schriftsteller Hugo Darm eher glauben – oder dem respektablen Geschäftsmann von Schnittl?“

Es war die Bestätigung meiner schlimmsten, noch nicht einmal zu Ende gedachten Albträume. Hilmar Drängers Worte hallten in meinem Kopf wider. Ein Chronist. Ich war das lebende Archiv, das man verbrennen konnte, um den Archivar zu retten.

„Und Sie?“ fragte ich, mein Misstrauen war jetzt eine lebendige, klaffende Wunde. „Warum arbeiten Sie für ihn? Warum sind Sie hier?“

Ein bitteres, flüchtiges Lächeln spielte um ihre schmalen Lippen, das erste Anzeichen von Emotion in ihrem ansonsten strengen Gesicht. „Ich arbeite nicht für ihn. Ich ermittle gegen ihn. Mein Vater war Kriminalkommissar. Paul Manze. Ein alter, knorriger Bulle mit einem Sinn für Gerechtigkeit, der ihm oft genug Ärger einbrachte. Er jagte Schnittloch schon vor dem Krieg, wegen kleinerer Betrügereien. Er war ihm dicht auf den Fersen, als er… starb. Ein plötzlicher Herzinfarkt, hieß es. In seinem Büro. Ich glaube, Schnittloch hatte damit zu tun. Eine Drohung, die zu weit ging. Eine vergiftete Information.“ Sie hielt einen Moment inne, ihre Augen wurden hart wie Stahl. „Ich bin hier, um das zu beweisen. Ich habe Jura studiert, ich habe mich in sein Büro geschleust. Ich bin seine Tochter der Rache.“

Ich starrte sie an, fassungslos. Eine Rächerin im Sekretärinnen-Kostüm, eine Elektra in der Welt des Berliner Schieberunwesens. Die Geschichte wurde mit jeder Minute absurder und doch, in ihrem grimmigen Ernst, auch glaubwürdiger. Der Zufall war zu perfekt, um ein Zufall zu sein. Berlin war dieses Dorf, in dem sich alle Wege kreuzten, früher oder später.

„Was schlagen Sie vor?“ fragte ich, meine Stimme war nur noch ein Raunen.

„Spielen Sie mit,“ sagte sie entschlossen und beugte sich vor. Ihr Parfüm war dezent, ein Hauch von Veilchen, der sich seltsam ausnahm in meiner Stube. „Schreiben Sie weiter. Aber schreiben Sie die Wahrheit. Sammeln Sie Beweise. Ich beschaffe Ihnen, was ich kann, aus dem Büro. Akten, Kontonummern, Namen von Bestochenen. Wir müssen ihn aushöhlen, von innen heraus. Ein Doppelspiel. Bevor die Polizei zuschlägt und Sie mit ihm in den Abgrund reißt, oder bevor er wieder untertaucht und Sie als seinen Sündenbock zurücklässt.“

Es war ein verzweifelter, gefährlicher Plan. Ein Tanz auf dem Seil über dem Abgrund. Aber was waren die Alternativen? Weglaufen? Das würde mich in den Augen der Polizei nur verdächtiger machen, als hätte ich etwas zu verbergen. Zur Polizei gehen? Mit was? Mit den haltlosen Behauptungen eines notorischen Skandalschriftstellers gegen einen scheinbar respektablen Geschäftsmann, ohne handfeste Beweise? Ich war in der Falle. Elvira Manze bot mir den einzigen Ausweg an, der nicht in die vollständige Vernichtung führte.

Ich sah in ihre entschlossenen, eisgrauen Augen, in denen sich der jahrelange Groll und der Wille zur Vergeltung spiegelten, und ich nickte langsam, ein Bund im Schatten, ein Pakt mit einer Fremden gegen einen gemeinsamen Feind.

„In Ordnung,“ sagte ich, die Worte fühlten sich an wie ein Urteil. „Ich bin dabei.“

Von diesem Tag an war ich kein Chronist mehr. Ich war ein Spion in meinem eigenen Leben, ein Doppelagent in den Diensten der Rache. Meine Treffen mit Schnittloch in seinem protzigen Büro wurden zu minutiös vorbereiteten Verhören, bei denen ich versuchte, ihn mit scheinbar naiven Fragen zu konkreten, belastenden Aussagen zu verleiten, während er mich weiterhin mit seinen halbgaren, selbstverherrlichenden Prahlereien fütterte. Ich notierte jedes Detail, jedes geflüsterte Wort, jeden Namen, der fiel. Gleichzeitig traf ich mich heimlich mit Elvira Manze in abgelegenen Cafeehäusern am Rande der Stadt, in den schummrigen Ecken von Bahnhofswartesälen, Orten, an denen wir in der anonymen Masse untertauchen konnten. Sie übergab mir gestohlene Dokumente – Lieferantenrechnungen, die auf längst aufgelöste Scheinfirmen liefen, kopierte Kontobewegungen auf nummerierten Konten in der Schweiz, handschriftliche Notizen in Schnittlochs krakeliger Schrift.

Die geheime Romanfassung, ‚Der Krämerkönig‘, wurde zu meiner Waffe und meinem Schutz. Jedes Detail, das ich erfuhr, jede Unterschrift, die ich sah, floss ein. Es war keine Satire mehr. Es wurde eine akribische Anklageschrift, ein literarisierter Steckbrief.

Dann, eines späten Abends, als ich mit Elvira in einem stickigen, von Zigarettenqualm vernebelten Cafee in Moabit saß, das nach ranzigem Bier und verlorenen Hoffnungen roch, machte sie eine entsetzliche Entdeckung, die das Fundament meiner Welt ins Wanken brachte. Sie durchforstete eine der gestohlenen Akten, ein Bündel unscheinbarer Briefe und Abrechnungen, als sie plötzlich erbleichte. Ihre Hand, die sonst so ruhig war, zitterte leicht.

„Das ist es,“ flüsterte sie, ihre Stimme war heiser vor Aufregung. „Der Beweis. Der verbindende Beweis.“ Sie zeigte auf eine Reihe von Zahlen und Buchstaben, die wie ein sinnloser Code aussahen. „Das ist sein System. Es steht für Konten in Liechtenstein. Bei der ‚Verwaltungs- und Treuhandgesellschaft Vaduz‘. Und hier…“ Sie zog ein vergilbtes, an den Rändern ausgefranstes Foto hervor, das zwischen den Seiten gelegen hatte. Es war eine Momentaufnahme aus einer anderen Zeit. Es zeigte einen jüngeren, aber unverkennbaren Dagobert Schnittloch, mit noch mehr Haaren und einem dreisten Grinsen im Gesicht, wie er mit einem Mann in einem offenen Tourer saß, die Skyline Berlins im Hintergrund. Der andere Mann, dicklich, mit einer Zigarre im Mund und einem selbstzufriedenen Lächeln, war… mein Verleger Xaver Schulze.

„Schulze?“ Ich war fassungslos. Die Welt um mich herum verlor für einen Moment ihre Konturen. „Was… was hat der damit zu tun?“

Elviras Blick war voller Mitleid und Triumph. „Schnittloch hat sein schmutziges Geld immer durch scheinbar seriöse Unternehmen gewaschen,“ erklärte sie mit ruhiger, kalter Präzision. „Verlage sind dafür perfekt. Große, nicht nachvollziehbare Vorschüsse für nie erscheinende Bücher, überhöhte Druckkosten, fingierte Honorare für Lektorate… Ihr Verleger, Herr Darm, war jahrelang Schnittlochs Geldwäscher. Ein kleiner, aber profitabler Nebenfluss in seinem schmutzigen Finanzsystem.“

Die Welt drehte sich mir. Xaver Schulze, der grantige, maulende, aber letztlich doch gutherzige Verleger, der mir immer ein offenes Ohr und eine mürrische Ermutigung gegeben hatte? Ein Komplize von Schnittloch? War mein gesamtes Berufsleben, die wenigen Erfolge, die ich hatte, eine einzige Lüge? Hatte Schnittloch mich sogar da manipuliert, indem er mir über Xaver Arbeit und Vorschüsse verschaffte, um mich von Anfang an in seiner Schuld zu wissen, um mich an ihn zu binden? Es war, als würde der Boden, auf dem ich stand, zu Treibsand.

In diesem Moment, als ich noch mit dieser niederschmetternden Erkenntnis kämpfte, betraten zwei Männer das Cafee. Sie waren groß, trugen schwere, nasse Mäntel und hatten die unverkennbare, abgeklärte Aura von Kriminalbeamten, die die Schattenseiten der Stadt kannten wie ihre Westentasche. Ihr Blick schweifte professionell durch den Raum, musterte die wenigen Gäste und blieb dann, unverwandt und wissend, an uns hängen.

„Frau Manze? Herr Darm?“ sagte der Ältere der beiden mit einer ruhigen, aber eisernen, unnachgiebigen Stimme. „Kriminalpolizei. Wir müssen Sie bitten, mit uns auf das Revier zu kommen. Es geht um die Ermittlungen gegen Dagobert Schnittloch.“

Elvira und ich wechselten einen kurzen, intensiven Blick. Die Falle, in die wir getappt waren, schnappte zu. Die Frage war nur: Wer war darin gefangen? Wir, die Jäger? Oder endlich, endlich er?

 

Kapitel 4

Die Abrechnung.

Die Vernehmung im Polizeipräsidium am Alexanderplatz war ein Albtraum aus grellem Licht, kahlen Wänden und dem unablässigen Geräusch von Schreibmaschinen und schreienden Festgenommenen in den Nachbarräumen. Sie hielten Elvira und mich strikt getrennt. Stundenlang, die sich zu einer Ewigkeit dehnten, bombardierte man mich mit Fragen. Ein junger, eifriger Kommissar mit scharfem Gesicht und ein älterer, müde aussehender Kollege, der sich als Benno Liebig vorgestellt hatte, ließen nicht locker.

Über Schnittloch. Über mein Manuskript. Über die Quelle meiner Informationen. Über Xaver Schulze. Immer wieder Xaver Schulze.

Ich sagte die Wahrheit. Oder so viel davon, wie ich konnte, ohne mich selbst der Mittäterschaft oder zumindest der wissentlichen Duldung schuldig zu machen. Ich erzählte von der erzwungenen Zusammenarbeit, von Elviras verdeckten Ermittlungen, von den gefälschten Scheidungspapieren, die Schnittloch über mir schwebten ließ wie ein Damoklesschwert. Ich übergab ihnen das Manuskript von ‚Der Krämerkönig‘, meine geheime Waffe, die sich nun als meine einzige Rettung erweisen musste.

Kommissar B. Liebig, der die Vernehmung leitete, hörte sich alles an, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Gesicht war eine Landkarte der Abgeklärtheit, seine Augen musterten mich, als wäre ich ein besonders kompliziertes Puzzle.

„Eine sehr unterhaltsame Geschichte, Herr Darm,“ sagte er trocken, als ich geendet hatte. Seine Stimme klang nach stundenlangem Kaffee und Zigaretten. „Der Schriftsteller und die Rächerin. Wie aus der Feder von Balzac oder Dumas. Leider ist die Wirklichkeit oft weniger dramatisch und dafür umso schmutziger. Herr Schnittloch ist, wie Sie vielleicht schon ahnen, ein schwierig zu fassender Mann. Sein Büro am Tiergarten ist leergeräumt, bis auf die Möbel. Die Safes sind offen und leer. Er ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.“

Mein Herz sank in mir zusammen, eine bleierne Kugel der Hoffnungslosigkeit. Er war uns entkommen. Wieder einmal. Der Unrat war im Kanalsystem verschwunden.

„Und Xaver Schulze?“ fragte ich, meine Stimme war heiser von der Anstrengung und der enttäuschten Hoffnung.

„Herr Schulze,“ seufzte Liebig und zündete sich eine Zigarette an, „bestreitet alles. Kategorisch. Er behauptet, Sie hätten ihn in Ihre… Machenschaften mit Schnittloch hineinziehen wollen, und er habe sich geweigert. Diese Verleumdungskampagne sei Ihre Rache dafür. Er zeigt Sie wegen übler Nachrede an.“

Es war sinnlos. Absolut sinnlos. Schnittloch hatte vorgesorgt. Er hatte jeden Zug abgesichert, jeden Fluchtweg geplant. Er hatte Schulze als seinen Schutzschild und mich als seinen Blitzableiter positioniert. Wir waren nur Figuren auf seinem Schachbrett gewesen.

Man ließ mich nach zwölf qualvollen Stunden laufen, mit der Aufforderung, die Stadt nicht zu verlassen. Elvira wurde kurz nach mir entlassen. Sie wartete draußen im eisigen Wind, der um die Ecken des Präsidiums pfiff. Sie wirkte erschöpft, ihre makellose Fassade war angeknackst, aber nicht gebrochen. In ihren Augen glomm noch immer der unbeugsame Wille.

„Er ist weg,“ sagte sie, als wir uns durch die nächtlichen, von Laternen gelb beleuchteten Straßen schoben. „Aber er hat einen Fehler gemacht. Einen großen. Er hat uns zusammengebracht. Er hat unterschätzt, was passiert, wenn man zwei Menschen in die Enge treibt.“

Wir gingen schweigend weiter, die Hoffnungslosigkeit lastete schwer auf meinen Schultern. All die Mühe, die Angst, die heimlichen Treffen – alles umsonst. Die Stadt schien mich auszulachen mit ihrem geschäftigen Treiben, ihren Lichtern, die die Dunkelheit nicht erhellen, sondern nur betonten.

Dann, als wir um die Ecke in unsere Straße bogen, sahen wir es. Ein Aufruhr vor meinem Mietshaus. Eine kleine Menschenmenge hatte sich versammelt, neugierige Gesichter hinter den beschlagenen Scheiben. Ein Polizeiauto stand da, seine blaue, rotierende Lampe warf gespenstische, huschende Schatten auf die schmutzigen Fassaden.

Mutter Schnittloch stand breitbeinig in der geöffneten Haustür, die Arme vor ihrer mächtigen Brust verschränkt, ein Fels in der Brandung des Chaos, und beschimpfte zwei verdatterte uniformierte Polizisten mit einer Salve Berliner Schmähungen, die die Nachtluft verpestete.

„Was ist passiert?“ rief ich und eilte die letzten Schritte, eine neue, scharfe Angst in mir.

Sie drehte sich um, ihr Gesicht war vor Wut puterrot, ihre Augen funkelten gefährlich. „Der! Dieser jemeine Hundsvott! Der war hier! Der Schnittloch!“

Was? Hier?“

„Is in die Wohnung eingebrochen! Hat alles durchwühlt! Schubladen rausjerissen, Bücher von de Regale jerissen! Nach dem Jeld jesucht, wat er Ihnen jejeben hat, nehm’ ick an! Aber ick hab’ ihn erwischt! Ick war bei de Nachbarin unten, und da hör’ ick Jeplapper oben. Ick bin rauf, und da steht er, mitten in der Scheiße, die er angerichtet hat! Ick hab’ dem Aas mit meinem schweren Gusseisen-Kochtopf eine übergezogen!“

Ich stürmte an ihr vorbei die Treppe hinauf. Meine Wohnung, mein letzter Rückzugsort, sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Schubladen lagen ausgeräumt auf dem Boden, ihre Inhalte verstreut. Bücher waren von den Regalen gerissen, ihre Seiten aufgerissen. Und in der Mitte des Chaos, auf dem blanken Holzfußboden meines Arbeitszimmers, lag ein großer, schäbiger, abgewetzter Lederkoffer. Den Koffer kannte ich. Es war der Koffer, den Schnittloch vor Jahren in meinem Papp-Tresor deponiert hatte. Der Koffer, von dem seine erste Frau Auguste behauptet hatte, er enthalte „die Musikanten“.

Er war offen. Er war leer. Bis auf eine einzige, zynische Sache. Ganz unten, sorgfältig gefaltet, als wäre es ein kostbares Andenken, lag ein Damen-Seidentuch mit einem verspielten Muster. Daneben eine kleine, billige Brosche in Form einer Schleife. Es waren Dinge, die Mietze gehört hatten. Die sie getragen hatte, als sie mir in meinem Bureau auf dem Schoß saß. Eine letzte, perverse Botschaft. Ein Abschiedsgruß. Eine Erinnerung an eine Schuld, die ich nie getragen hatte, die er mir aber nun umzuhängen versuchte.

Kommissar Liebig, der uns gefolgt war, musterte die Szene mit seinem professionellen, abgeklärten Blick. „Er kam zurück, um die Spuren zu beseitigen. Das Geld. Und wohl auch diese… Andenken.“ Er bückte sich, ohne das Tuch anzufassen. „Eine sentimentale Ader? Oder eine Drohung?“

„Eine Unterschrift,“ flüsterte ich, und mir war übel. „Wie ein Verbrecher, der sein Zeichen an den Tatort malt.“

Dann fiel mein Blick auf meinen umgestürzten Schreibtisch. Unter einem umgekippten Tintenfass, dessen schwarze Farbe sich wie Blut über die Dielen zog, lag ein einzelnes Blatt Papier. Eine Nachricht, in einer hastigen, aber unverkennbaren Handschrift:

Därmchen – Die Rechnung ist beglichen. Das Honorar behalten Sie. Für die Biografie. Sie war brillant. Bis bald. Ihr D.S.

Er hatte mein Versteck für das Geld gefunden und es mitgenommen. Er wusste, dass ich die Polizei eingeschaltet hatte. Und er ließ mich wissen, dass er es wusste. Es war sein Triumph. Seine Verachtung. Er war entkommen, hatte sein Geld zurück, hatte mich gedemütigt und mir gleichzeitig die Bezahlung für mein eigenes Todesurteil dagelassen. Es war die vollkommene Niederlage.

Liebig seufzte, ein Laut tiefer Resignation. „Wir werden ihn finden, Herr Darm. Irgendwann. Die Netze werden enger.“

Ich glaubte ihm kein Wort. Dagobert Schnittloch war kein Mensch mehr. Er war eine Kraft der Natur, ein Element des Chaos. Eine Naturkatastrophe in Maßanzug, die sich immer neue Wege bahnte.

* * *

Wochen vergingen. Die Aufregung ebbte ab, von neuen Skandalen überlagert. Die Polizei ermittelte im Leerlauf, ohne neue Spuren. Xaver Schulze kündigte mir meinen Vertrag – mit der fadenscheinigen, aber rechtlich wasserdichten Begründung, mein ramponierter Ruf sei für seinen Verlag nicht mehr tragbar. Ich war wieder am Boden. Pleite, verraten und von der lähmenden Angst verfolgt, dass Schnittlochs ‚Bis bald‘ eine reale, unmittelbare Drohung war.

Elvira Manze verschwand aus meinem Leben so plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Sie hinterließ keine Adresse, nur eine kurze, schroffe Nachricht, die mir ein Bote überbrachte:

Ich muss untertauchen. Sein Netz ist größer, als ich dachte. Passen Sie auf sich auf. E.M.

Eines Abends saß ich mit Mutter Schnittloch in der Küche, die jetzt auch nach Verlust und Angst roch. Sie trank ihren Kamillentee, ich starrte in meine leere Bierflasche, als könnte ich in den gläsernen Tiefen eine Antwort finden.

„Ick weiß was,“ sagte sie plötzlich und unterbrach das Schweigen, das zwischen uns stand wie eine Mauer.

Ich sah auf, zu müde, um überrascht zu sein. „Was wissen Sie?“

„Ick weiß, wo er ist.“

Ich setzte mich kerzengerade auf. Der Stuhl knarrte protestierend. „Was? Wie? Woher?“

„Weil ick nich dumm bin,“ sagte sie grimmig und stellte ihre Tasse mit einem lauten Klack auf den Tisch. „Und weil ick ‘ne Neuköllnerin bin. Ick riech‘ den Dreck. Der Jestank von dem Kerl verfolgt mich seit Jahren. Der hat immer ‘n Versteck in Neukölln jehabt. Immer. In ‘ner alten, verlassenen Budike in ‘ner janz stillen Seitenstraße, keen Hund, der da langjeht. Da, wo er mit mir angefangen hat. Wo sonst?“ Sie schnaubte verächtlich. „Der is sentimental, der Halunke. So sind se, die Verbrecher. Se jehen immer zurück, wo’s weh tut, wo’s angefangen hat.“

Es war so einfach, so verdammt einfach und genial, dass ich es nicht gesehen hatte. Zurück zu den Wurzeln. In den Dreck, aus dem er gekrochen war. In die Armut, die er verachtete und die ihn doch anzog wie ein Magnet.

„Sagen Sie es der Polizei!“ forderte ich auf, ein letzter Funke bürgerlicher Pflicht in mir.

Sie schüttelte den Kopf, ein langsames, bedächtiges Wiegen. „Die? Die finden nischt. Die müssen Sie erst durch fuffzig Paragraphen und Vorschriften durchfüttern, und bis die ‘n Durchsuchungsbeschluss haben, is der lange wieder weg. Nee, Herr Darm. Dat machen wir alleene.“

„Wir?“ Das Wort kam mir fremd vor.

„Sie und ick. Wir zwei. Wir machen da ‘n Punkt hinter. Ein für alle Mal. Ein Schlussstrich.“

Ich starrte sie an, diese dicke, alte Frau mit dem entschlossenen Gesicht einer rächenden Furie. Sie war die Einzige, die Schnittloch nie gefürchtet hatte. Sie kannte ihn, wie nur eine Frau einen Mann kennen kann, mit dem sie Jahre der Not und des kleinen Betrugs geteilt hatte. Sie verstand seine Schwächen, seine Ängste, seine sentimentalen Fehler. Vielleicht war sie die Einzige, die ihn wirklich besiegen konnte.

„Was haben Sie vor?“ fragte ich mit belegter Stimme, die vor Angst und einer seltsamen Erregung bebte.

Sie lächelte, ein bösartiges, zufriedenes Lächeln, das ihre Augen zu Schlitzen werden ließ. „Ick hab’ vor, den Müll runterzubringen. Endjültig. Und die Tonne zuzumachen.“

 

Kapitel 5

Der Krämerkönig von Neukölln.

Es war eine dunkle, neblige Nacht, als Mutter Schnittloch und ich nach Neukölln fuhren. Der Wind pfiff durch die Ritzen der Straßenbahn, die sich quietschend und ratternd ihren Weg durch das Labyrinth schmutziger Hinterhofschluchten bahnte. Die Stadt schien an diesem Abend besonders unwirtlich, die Schatten tiefer, die Lichter der Kneipen wie trübe, gelbe Augen in der Schwärze. Mutter Schnittloch saß regungslos neben mir, einen riesigen, verbeulten Kochtopf aus Gusseisen auf dem Schoß, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, mit solch einer Waffe durch Berlin zu reisen.

Sie führte mich vom Bahnhof Neukölln durch ein Gewirr von Hinterhöfen und schmalen, kaum beleuchteten Gassen, die nach Urin, Moder und verbrannter Kohle rochen. Hier war die Armut zu Hause, nicht protzig und aufdringlich wie in Schnittlochs neuer Welt, sondern still und resigniert. Schließlich blieben wir vor einem heruntergekommenen Ladengeschäft stehen. Das Schild darüber war längst abgehangen, nur rostige Halterungen zeugten von seiner Existenz. Die Scheibe war von innen mit Zeitungspapier zugeklebt, verkrustet mit dem Schmutz der Jahre. Aber am unteren Rand der Tür drang ein schwacher, fahler Lichtschein hervor, der schwankte, als würde dahinter eine Kerze oder eine Petroleumlampe brennen.

„Da,“ flüsterte sie, und ihr Atem bildete eine kleine Wolke in der kalten Luft. „Seine ‚Villa‘. Sein Palast.“

Sie zog einen schweren, antiquierten Schlüsselbund aus der Tiefe ihrer Manteltasche. „Von damals. Den hat ich ihm jemopst, als er schon mit die dicke Amalie angebändelt hat. Für den Fall der Fälle.“ Sie steckte den Schlüssel mit einer selbstverständlichen Routine ins Schloss. Es gab ein leises, öliges Klicken, als ob das Schloss nur auf diese eine Berührung gewartet hätte.

Lautlos schob sie die Tür auf. Wir schlichen durch einen dunklen, engen Raum, der nach Moder, Mäusen und dem süßlichen Geruch von lange vergessenem Grünzeug roch – das Geisterhaus eines Gemischtwarenladens. In einem Hinterzimmer, abgetrennt durch eine verbeulte Perlenstickgardine, brannte tatsächlich eine Petroleumlampe auf einem wackeligen Holztisch. Und da saß er.

Dagobert Schnittloch. Sein teurer, maßgeschneiderter Tuchmantel hing zerknittert über der Stuhllehne, sein Hemd war verschwitzt und schmutzig, die teure Krawatte locker herabgehangen. Sein perfekt gekämmtes Haar stand wirr zu Berge, als hätte er sich unzählige Male mit den Händen hindurchgefahren. In seiner Hand hielt er eine halbleere Flasche billigen Korn, und auf dem Tisch standen die Überreste einer Wurst, eingewickelt in Zeitungspapier. Er sah aus wie der Dagobert von einst, nur gealtert, verbraucht, an das Ende aller Illusionen gestoßen. Der Lack der Zivilisation war abgeblättert und zeigte den rostigen, hässlichen Stahl darunter.

Er blickte auf, als wir eintraten, seine Augen brauchten einen Moment, um uns in dem flackernden Licht zu erfassen. Diese einst harmlos-dämlichen Kinderaugen, dann glänzend von arroganter Siegesgewissheit, waren jetzt nur noch müde, blutunterlaufen und voll eines stumpfen, tierischen Hasses.

„Ihr,“ knurrte er, seine Stimme war heiser vom Alkohol und vom Schweigen. „Die Dicke und der Dichter. Ein passendes Gespann für das Ende der Welt.“

„Et is vorbei, Schnittloch,“ sagte Mutter Schnittloch mit einer eisigen, fast mütterlichen Ruhe. Sie blieb in der Mitte des armseligen Raumes stehen, eine monumentale Statue der Abrechnung. „Du hast jespielt. Hoch und runter. Und verloren.“

Er lachte auf, ein hysterisches, unkontrolliertes Bellen, das ihm im Hals stecken blieb. „Verloren? Ich? Ich habe alles! Das Geld ist sicher, versteckt woanders! Die Polizei ist dumm, blind! Ich werde wieder auferstehen! Immer wieder! Wie… wie Unkraut in den Asphaltritzen!“

„Nee,“ sagte sie, und ihre Stimme wurde leiser, aber dadurch nur gefährlicher. „Denn ick bin hier. Ick war immer da. Ick war da, als du noch mit Jemüse jeschachert hast und nich mit Menschenleben. Ick bin da, und ick bin nich mehr die, die du zum Suff jetrieben hast, damit du deine Dreckereien machen kannst.“ Sie trat einen Schritt näher auf ihn zu, ihr massiver Körper warf einen gigantischen, tanzenden Schatten an die kahl geputzte Wand. „Und ick bin jetzt hier, um dir deine Rechnung zu präsentieren. Auch für die Kleene, die Mietze, die du in den Tod jeschickt hast.“

„Was willst du tun, du fette Kuh?“ zischte er, und seine Hand verkrampfte sich um die Kornflasche. Seine Augen waren jetzt weit aufgerissen, die Pupillen zu schwarzen Stiften verengt. „Mich mit deinem Gewicht erdrücken? Dich auf mich setzen?“

„Ick will nischt,“ sagte sie, und ein fast sanftes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Ick werde nur warten. Die Polizei weiß, dass du hier bist. Ick hab’ sie anjerufen. Anonym versteht sich. Von ‘ner Telefonzelle. Sie sollten nur ‘n kleinen, anonymen Tipp kriegen, wo sie suchen müssen. In deiner alten Budike. In deinem alten Dreck. Wo sonst?“

Schnittlochs Gesicht verzog sich. Die Wut, die Panik, die pure, nackte Angst kämpften in seinen Zügen um die Vorherrschaft. Er wusste, dass sie nicht log. Das war zu perfekt, zu sehr sein eigener Stil. Er sprang auf, der Stuhl kippte hinter ihm um und polterte auf den Holzfußboden. Er griff unter den Tisch, und als seine Hand wieder auftauchte, hielt sie eine schwarze, unheilvoll glänzende Pistole.

„Dann nehme ich euch wenigstens mit!“ schrie er, und seine Stimme überschlug sich vor Hass und Verzweiflung. „Ihr beiden! Das ist dann mein Vermächtnis!“

In diesem Moment passierte etwas, das sich mir für immer einbrannte. Mutter Schnittloch bewegte sich nicht wie eine alte, dicke Frau. Sie bewegte sich mit der angeborenen, instinktiven Geschwindigkeit eines Menschen, der sein Leben lang in Hinterhöfen ums Überleben gekämpft hat. Sie warf nicht ihren Körper. Sie warf den riesigen, schweren Gusseisen-Kochtopf, den sie die ganze Zeit wie einen Schild in ihrer Hand gehalten hatte. Er wirbelte durch die Luft, eine dunkle, tötende Scheibe.

Der Topf traf Schnittloch mit einem lauten, hohlen, metallischen Klong genau an der Schläfe. Es war ein Geräusch, das nicht nach Knochen klang, sondern wie das Läuten einer Totenglocke für seine ganze, verlogene Existenz.

Er taumelte, die Pistole löste sich aus seiner Hand und feuerte einen einzigen, ohrenbetäubenden Schuss in die verfaulte Decke, dass Putz und Staub auf uns herabrieselten. Dann sackte er zu Boden, ein lebloses Bündel aus teurem Stoff und erbärmlichem Scheitern.

Stille…

Die Petroleumlampe flackerte…

Ich stand da, zitternd, unfähig, mich zu rühren, die Ohren noch vom Schuss betäubt. Mutter Schnittloch ging mit schweren, bedächtigen Schritten zu ihm hinunter. Sie trat die Pistole beiseite, als wäre es ein lästiges Insekt, und musterte ihn mit einer Mischung aus professioneller Genugtuung und tiefer, uralter Traurigkeit.

„Jut jetroffen,“ murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu mir. „Wie immer. Ick konnte immer jutt zielen.“

In der Ferne, erst leise, dann immer lauter werdend, hörten wir das Heulen von Sirenen. Sie näherten sich schnell. Das Heulen füllte die enge Gasse, warf sich gegen die zugigen Wände der Budike.

Sie sah mich an, und in ihren Augen war kein Triumph, nur eine unendliche Müdigkeit. „Jehen Sie jetzt, Herr Darm. Hier jehör’n Sie nich her. Ick mach’ den Rest. Ick warte auf die Bullen. Ick sag’ ihnen, ick hätt’ ihn in Notwehr niedejeschlagen. Wat soll’s anderes sein?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Er is ‘n Verbrecher. Und ick bin seine arme, alte Witwe, die sich nur wehren wollte. Wer wird ‘ner alten Frau wat anderes glauben?“

Ich wollte protestieren, etwas sagen, sie davon überzeugen, mit mir zu kommen, aber die Worte blieben mir in der Kehle stecken. Sie schob mich zur Tür, ihre Hand war fest und unnachgiebig. „Jehen Sie schon. Und schreiben Se ‘n Buch darüber. Ein richtiges. Mit all dem Dreck und all dem Jammer. Aber machen Se mich nich zu dick darin.“ Ein letztes, fast schelmisches Funkeln war in ihren Augen. „Ick mag det nich.“

Ich verließ die Budike, gerade als die ersten Polizeiautos mit quietschenden Reifen um die Ecke bogen, ihre blauen Lichter warfen gespenstische Scheinwerferstrahlen in die dunkle Gasse. Ich schlich mich durch die mir nun vertrauten Hinterhöfe davon, ein Schatten, der dem Licht entfloh. Hinter mir ließ ich Mutter Schnittloch zurück, die arme, alte Witwe, die auf die Behörden wartete, um ihnen ihren Ex-Mann, den Verbrecher, zu übergeben.

* * *

Dagobert Schnittloch wurde noch in derselben Nacht verhaftet und, sobald er wieder bei Bewusstsein war, in Untersuchungshaft genommen. Die Beweise, die Elvira Manze und ich zusammengetragen hatten, kombiniert mit den Unterlagen, die die Polizei in seiner Neuköllner Zuflucht und an anderen, von Elvira verratenen Orten fand, waren erdrückend. Sie zeichneten das Bild eines skrupellosen Geschäftemachers, der sich durch Betrug, Erpressung und schließlich Mord an die Spitze gestoßen hatte.

Die Geschichte wurde der Skandal des Jahres. Die Zeitungen, angeführt von Hilmar Drängers sensationslüsternem Blatt, tauften ihn ‚Der Krämerkönig von Neukölln‘. Mein Manuskript, das ich unter diesem Titel noch vor Prozessbeginn bei einem neuen, mutigen Verlag einreichen werde, war nicht die Biografie, die Schnittloch gewollt hatte, sondern sein authentischstes Porträt – und sein Sargnagel. Xaver Schulze, von der Staatsanwaltschaft ins Visier genommen, knickte ein und bot mir aus heiterem Himmel wieder einen Vertrag an, in der offensichtlichen Hoffnung, ich möge ihn das Manuskript anbieten – um es dann verschwinden zu lassen. Ich lehnte höflich ab.

Elvira Manze meldete sich nie wieder. Ich stellte mir manchmal vor, sie sei irgendwo untergetaucht, vielleicht in der Schweiz, und beobachtete von ferne, wie ihr Rachewerk vollendet wurde. Ich hoffte, sie fand einen Funken des Friedens, den sie so verzweifelt gesucht hatte.

Mutter Auguste Schnittloch wurde, wie vorhergesehen, als Heldin gefeiert. Die ‚tapfere Witwe, die den gefährlichen Verbrecher zur Strecke brachte‘. Sie genoss den Ruhm auf ihre eigene, pragmatische Weise, ließ sich interviewen, winkte den Fotografen zu und sorgte dafür, dass die Geschichte stets zu ihren Gunsten erzählt wurde. Und sie ließ sich nicht davon abhalten, mir weiterhin mit gutem, preiswertem Essen den Magen zu füllen, obwohl ich nun das Geld hatte, mir Besseres zu leisten. Es war unser Ritual geblieben, der Anker in einer Welt, die sich immer schneller drehte.

Manchmal, wenn ich abends am Fenster meiner neuen, wärmeren Wohnung stand und auf die Lichter der Stadt schaute, dachte ich an Dagobert Schnittloch. Der Prozess stand bevor, und die Guillotine schien eine reale Möglichkeit zu sein. Doch ich hatte das Gefühl, dass selbst die dicksten Mauern des Moabiter Gefängnisses ihn nicht wirklich halten konnten. Vielleicht war er auch nie eine Person gewesen. Vielleicht war er nur der übelste, zäheste Gestank dieser Stadt, der Geruch von Korruption, Gier und moralischer Fäulnis, der in den Kellern und Hinterzimmern immer überdauerte. Und der, das wusste ich mit einer Gewissheit, welche mich frösteln ließ, würde immer da sein, sich immer neue Wege bahnen, in neuen Gesichtern und neuen Geschäften auferstehen. Berlin atmete ihn ein und aus. Er war der Atem der Stadt.

 

 

Ende