
Im Flugzeug um die Welt
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Band 11
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Die Bumerangwerfer.
Die Libelle, das Wunderflugzeug des deutschen Ingenieurs Holk, befand sich an diesem glühend heißen Morgen auf seinem Fluge um die Welt über jenen Sandeinöden Inneraustraliens, in denen schon so mancher kühne Forscher elend den Durstqualen erlegen ist.
Der prachtvolle Aluminiumvogel zog ruhig und stetig seine Bahn dahin. Mit ihm um die Wette jagten aufgestörte Scharen von Wildgänsen gen Südost, die nun zum Südpol wollten, an dessen kühlen Gestaden sie im Sommer ihre altgewohnten Brutplätze hatten.
Im Führerstand der Libelle lehnte neben dem den Rieseneindringling(1) lenkenden blonden Ingenieur dessen jüngerer Begleiter, der vierzehnjährige kecke und etwas vorlaute, dafür aber auch ebenso geistesgegenwärtige und treue Willi Kröger, ein schlanker Bursche mit Muskeln und Sehnen wie Stahl und Augen, um die ihn ein Adler beneidet hätte. Willi schaute durch das Seitenfenster des Führerstandes zur Erde hinab. „Nischt als Sand, Herr Holk …“ meinte er ärgerlich. „Ist das ‘ne langweilige Jejend! Da schimpft man immer auf unsere engere Heimat, auf die Mark Brandenburg, und nennt sie „Streusandbüchse“! Na – das da unten ist Sand ohne ‘ne einzige Kiefer oder Fichte, ohne Busch, ohne einen See … – eben nischt als ausschließlich und lediglich absolut purer reiner Sand …!“
Holk lachte leise auf.
„Na, ganz so schlimm ist‘s doch nicht! Gib nur acht, Du wirst schon was zu sehen bekommen … Vielleicht sogar recht Interessantes. Auch die australischen Sandwüsten haben feuchte Striche, auf denen dann Eukalyptuswälder und Weideflächen gedeihen und Kängurus umherhüpfen oder gar kleine Beutelbären sich zeigen, höchst possierliche Dinger, die ...“
„Wie – was – Beutelbären?!“ fiel ihm Willi ungläubig ins Wort. „Entschuldigen Sie schon die Unterbrechung, Herr Holk, aber … Beutelbären?! Das höre ich zum erstenmal …! Von Beutelschneidern habe ich mal gelesen. Das waren so im Altertum die heutigen Taschendiebe …!“
Holk lachte abermals. „Du sollst einen Beutelbären sehen, Willi ... Ich werde die Libelle sich senken lassen … Wir werden den Flug fünfzig Meter über dem Erdboden fortsetzen. Ich selbst möchte mir Inneraustralien genauer betrachten und ein paar photographische Aufnahmen machen, zumal wir Gebiete passieren, die noch nie der Fuß eines Weißen betreten hat. Rufe Freund Riedel herbei … Der sitzt sicherlich in der Wohnkajüte. und liest … Meine kleine Bordbibliothek wird er wohl bald verschlungen haben …“
Der Knabe öffnete die schmale Tür und betrat die Kajüte.
Wirklich – Gustav Riedel, der stämmige blonde Mechaniker saß hier mit einem Buche in der Hand auf dem kleinen Rohrsofa und fuhr erschrocken zusammen als Willi ihn absichtlich überlaut anrief.
„Donner noch eins!“ meinte er mit ganz wilden Augen … „Ich war soeben auf dem Mond, mein Junge … Hier – in diesem Buche von Jules Verne geht es verdammt bunt her …! Reise nach dem Mond – unglaublich!!“
„Quatsch – alles bloß lediglich ausschließlich pure reine Phantasielügen, Herr Riedel …! Für so was bin ich nur mitunter! Jetzt schon gar nicht, wo wir doch wahrhaftig genug dolle Dinge erleben! Zum Beispiel gestern die Geschichte, als der Höhleneingang gesprengt wurde …! Das war doch noch was! Und dann das Ende des Flugzeuges unserer Gegner, der Shallow! Na – die Herrschaften werden‘s ja nun bleiben lassen, uns unseren Rekordflug um die Welt zu vermasseln!“
Der stämmige Mechaniker strich sich den borstigen Schnurrbart hoch. „Allerdings, Junge …! Das war noch was!“ nickte er. „Und doch gehe ich jede Wette ein, daß diese drei Halunken, die nun ihre Shallow los sind, nochmals unseren Weg kreuzen werden. Der Joe Smitson besonders ist eine ganz üble Nummer!“
Willi hörte nicht mehr recht hin …
Da auch die Wohnkajüte kleine dicke Glasfenster besaß, hatte er, um vielleicht jetzt schon einen der ihn mächtig interessierenden Beutelbären zu erspähen, einen Blick nach unten auf das öde Sandmeer geworfen.
Und – seine Augen weiteten sich jetzt immer mehr. Bis er vor Staunen auch den Mund öffnete, der nicht gerade klein geraten war. Dann brüllte er plötzlich – und derart brüllte er, daß Gustav Riedel entsetzt vom Sofa hochfuhr:
„Schwarze – Aborigines … Splitternackt …! Und Sie verfolgen einen … einen großen Affen …! Nein – ein Affe ist es nicht …. Das ist …“
Er schwieg …
Die Libelle ging mit einem Male in steilem Gleitflug zur Erde hinab, ein Beweis, daß auch Ingenieur Holk diese Hetzjagd bemerkt hatte und irgendwie eingreifen wollte.
Riedel war neben den Knaben getreten.
Doch gerade hier begann ein hügeliges, felsiges Gelände, und sowohl das verfolgte Geschöpf als auch die Verfolger waren in einer tiefen Schlucht verschwunden, während die Libelle außerhalb der Felsenhügel auf glattem Boden landen mußte. Kaum rollte Sie über den Sand, kaum hatte der Propellermotor zu arbeiten aufgehört, als auch schon Holk in der Kajüte erschien …
„Ein Affe …!“ rief ihm Willi entgegen. „Sahen Sie den Riesenaffen, Herr Holk?!“
Der Ingenieur machte ein merkwürdiges ernstes Gesicht.
„Das war weder ein Affe noch sonst ein Wesen, das ich kenne“, erwiderte er nachdenklich. „Riedel, sie bleiben bitte hier als Wache auf der Libelle. Willi und ich werden unsre Büchsen nehmen und den Aborigines nacheilen. Es waren etwa zwanzig Schwarze, von denen man behauptet, sie seien Menschenfresser … – Vorwärts, Willi … Strohhut auf, Patronen in die Tasche! Ich muß mir das seltsame Geschöpf anschauen – aus nächster Nähe!!“
Riedel machte natürlich ein sehr langes Gesicht, weil er nicht mit von der Partie sein konnte. Aber andererseits sah er ein, daß man nach den bisherigen bösen Reiseerfahrungen den kostbaren Metallvogel auch nicht einen Augenblick allein lassen durfte.
Holk und Willi kletterten flink die kurze Treppe zum Deck empor, schoben die Schiebetüre auf und sprangen dann vom Deck in den Sand hinab.
„Dort sah ich die schwarze Bande zuletzt“, rief der Junge in hellem Jagdeifer, indem er einen Patronenrahmen in die neunschüssige Repetierbüchse schob. Sie begannen zu laufen, erreichten bald die ersten Felsenkuppen und erblickten hier auch in dem lockeren Boden eine Menge Spuren nackter Füße.
„Weiter“, meinte Holk, der ebenfalls erregt war, was doch bei ihm sehr selten geschah, denn seine stählernen Nerven vertrugen schon einen gehörigen Ansturm. „Weiter, mein Junge …! So wahr ich nämlich die ganze Welt bereist habe; ein Geschöpf wie das, dem die Aborigines nachfolgten, gibt es auf unserer alten Mutter Erde nicht!“
Willi trabte neben ihm.
Dann müsste die Kreatur gerade vom Mond gefallen sein, Herr Holk …“, lachte er vergnügt. „Ich sage, es war ‘n Affe oder was ähnliches …“
Sie bogen nun in die Schlucht ein.
Und mußten hier über Geröll hinwegspringen, über Steinschutt klettern, stießen auch wieder auf sandige Stellen und bemerkten hier zu ihrer Befriedigung abermals die Fährte, wußten also, daß die nackte Bande nicht etwa seitwärts abgebogen war.
Die Schlucht lief recht steil abwärts, wurde immer breiter und die Felswände zu beiden Seiten immer höher und steiler.
Wie ein ungeheurer Messerschnitt war diese Schlucht, wie ein Zickzackschnitt ins Erdinnere hinein. Holk hätte nie vermutet, daß es hier im Inneren Australiens einen so imposanten Kanon geben könnte, der selbst den berühmten Kolorado-Kanon in Nordamerika in den Schatten stellte.
Zwischen gigantischen Granitmauern eilten nun der Ingenieur und der Knabe weiter und weiter …
Das Geröll war geringer geworden. Nur einzelne Blöcke bedeckten den Boden …
Dann machte die Schlucht eine neue Biegung.
Und – staunend blieben da die beiden Deutschen stehen.
Staunend ob des wunderbaren Bildes, das sich ihren halb geblendeten Augen darbot.
Der Kanon zog sich von hier schnurgerade, noch tiefer hinab, endete vor einem Wasserbecken, das im Sonnenlicht wie flüssiges Silber schimmerte. Und inmitten der prachtvollen, bergumrahmten Silberplatte dieses Sees lag … eine Insel.
Nein – keine Insel.
Da wölbte sich aus dem schillernden Wasser ein dunkles etwas heraus – wie der Rücken eines Riesenwalfisches …
Auf dieser kuppelartigen schwarzen, aber leicht glänzenden Erhebung rannten Gestalten durcheinander.
Winkten mit überlangen, spindeldürren Affenarmen.
Geschöpfe – alles Geschöpfe von der Art, wie Willi Kröger nur eines bisher gesehen: vorhin – als er am Kajütenfenster gestanden.
Herbert Holk verhielt sich vollkommen regungslos.
Und neben ihm schien Willi gleichfalls zur Salzsäule erstarrt.
Denn – noch mehr sahen sie.
Sahen durch den Einschnitt der Schlucht, die gleichsam als Ausguck nach dem See sich öffnete, eins der merkwürdigen Geschöpfe von einem Felsvorsprung in das Wasser springen – sahen den dicken, haarlosen Schädel des Rätselwesens wieder auftauchen, sahen, daß dieses Geschöpf nun mit fabelhafter Geschwindigkeit der Insel zuschwamm …
Und da – – da geschah etwas anderes.
Hinter einem Felsblock hervor flogen in kreisender Bewegung, geschleudert mit ungeheurer Kraft, zwei jener Wurfhölzer der Aborigines , die man Bumerang nennt.
Und eins davon traf.
Schmetterte Holk vor die Stirn, daß er wie vom Blitz gefällt umsank.
Das andere, das dem Knaben gegolten, verfehlte sein Ziel, beschrieb eine kurze Kurve in der Luft und flog wieder dorthin zurück, wo es der Hand seines Besitzers entglitten war.
2. Kapitel.
Die Menschenfresser.
Willi Kröger hatte im Verlaufe dieses Fluges um die Welt schon wiederholt bewiesen, daß er jeder Situation gewachsen war.
So auch jetzt.
Kaum war Holk krachend zu Boden geschlagen, kaum stürmten jetzt zehn – zwölf Schwarze, die mit dem Knaben wohl leicht fertig zu werden hofften, hinter dem nahen Steinblock hervor, als Willi auch schon die Büchse im Moment gespannt hatte.
Sie flog empor.
Ein Knall – noch einer.
Und zwei der bärtigen Unholde stürzten mit durchschossenem Bein lang auf das harte Gestein.
Die anderen stutzten.
Ein dritter Schuß … Ein Aufheulen drüben, und die Bande stob davon. Ließ drei ihrer Gefährten zurück, verschwand mit affenartiger Behändigkeit in einer Seitenspalte des Kanons.
Willi Kröger beugte sich zu seinem geliebten Herrn und Beschützer hinab, dem das Blut aus der Stirnwunde das linke Auge völlig verklebt hatte.
Holk rührte sich nicht.
Willi rief angstvoll: „Herr Holk – – Herr Holk! Sie … Sie dürfen mir nicht sterben! – Herr Holk, ich würde Sie ja gern nach der Libelle tragen, aber – das schaffe ich nicht!“
Vor den Schwarzen hatte er keine Furcht gehabt. Jetzt aber, wo es um seinen verehrten Gönner ging, war er halb von Sinnen. Da zitterte seine Stimme, und in seiner grenzenlosen Angst vergaß er die drei nur leicht verwundeten Schwarzen vollständig.
Das sollte ihm zum Verhängnis werden. Er kniete nun neben dem Ingenieur, hatte ihm Jacke und Weste geöffnet, wollte horchen, ob das Herz noch schlüge.
Und dies – benutzte einer der Schwarzen.
Hob Seinen Bumerang auf, stützte sich mit der Linken auf das Gestein, schwang die gebogene Holzwaffe im Kreise über den Kopf … Traf auch – wenn auch nicht den Kopf des jungen weißen Gegners, sondern nur die Schulter.
Ein aus australischem Hartholz geschnittener Bumerang ist in der Hand eines Eingeborenen eine furchtbare Waffe. Die Geschicklichkeit der Aborigines im Schleudern des Wurfholzes ist so groß, daß sie ein ausgewachsenes Känguruh im vollen Laufe treffen und betäuben.
Kein Wunder, daß der Knabe durch den gewaltigen Schlag gegen die Schulter ohnmächtig wurde. Matt sank er über seinen Herrn hin – regte sich nicht mehr.
Der Schwarze stieß ein schrilles Siegesgeheul aus, das von den Kanonwänden in vielfachen Echos zurückgeworfen und bald von obenher, von einer Terrasse der Steilwand, ebenso schrill beantwortet wurde.
Die geflüchteten Schwarzen kehrten zurück. Holk und Willi wurden mit Baststricken gefesselt, und die Bande trug nun die beiden Weißen eilends davon, während der Anführer der Schar mit bestialischer Roheit dem jüngsten der drei Verwundeten mit einem Felsstück den Schädel eingeschlagen hatte. Die beiden anderen Verletzten humpelten mit davon, indem sie sich von ihren Freunden stützen ließen. Den Toten nahm der Anführer über die Schulter.
So erklomm der Trupp abermals die steile Spalte und die Terrasse, von der aus sie auf einem schmalen Felsgrat in ein Nebental und von da nach Süden zu in einen jener merkwürdigen Eukalyptuswälder gelangten, deren Stämme und Äste hell und seltsam gewunden sich wie nackte Menschenarme gen Himmel reckten.
Etwa eine Stunde lang setzte der Trupp in diesem Walde seinen Weg noch fort, bis er einen jener Natronseen erreichte, die in Inneraustralien so häufig sind und schon von weitem an den weißen Salzablagerungen am Ufer jedem Kundigen verraten, daß das Wasser ungenießbar ist.
Hier unweit des Sees standen ein dutzend Rindenhütten, vor denen nackte Kinder mit zahmen Beutelbären spielten.
Unrat, Knochen, Asche von Feuern und Reste von Tierfallen lagen überall umher. Ein widerlicher Gestank entquoll dem Boden, und die spielenden Kinder zeigten die ganze Verwahrlosung dieser Wilden durch ihr verfilztes Wollhaar und durch die Schmutzkruste ihrer jungen Glieder.
Willi war bereits vor einer halben Stunde wieder zum Bewusstsein gekommen. Er hütete sich aber, die Augen etwa zu öffnen. Gerade die brennenden Schmerzen in der linken Schulter hatten ihn sofort die letzten Ereignisse ins Gedächtnis zurückgerufen und ihm klar gemacht, daß seines Herrn und seine eigene Rettung lediglich von seiner Schlauheit abhinge.
So behielt er denn die Augenlider geschlossen und blinzelte nur zuweilen vorsichtig durch die Wimpern. Erst als er jetzt achtlos neben eine der Hütten geworfen wurde und das Gebrüll der Schwarzen, die von den hier zurückgebliebenen Weibern und Kindern lärmend begrüßt worden waren, verstummt und die Geräusche ihn belehrten, daß die ganze schwarze Gesellschaft sich entfernt hatte, wagte er es, ein wenig Umschau zu halten.
Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern erstarren und trieb ihm ein würgendes Gefühl des Ekels in die Kehle.
Neben ihm lag Holk, anscheinend noch immer ohnmächtig oder – gar tot!
Und dort drüben, wo die Rindenhütten eine Art Beratungsplatz einschlossen, lag auf einem großen würfelförmigen Steine … ein toter Aborigine, neben dem, ein Beil in der Hand, der Anführer der Bande stand.
Willi fürchtete abermals ohnmächtig zu werden – schloß wieder die Augen.
Er wollte sehen …! Nie hatte er sorecht daran geglaubt, daß es Menschenfresser geben könnte, hatte all die Schilderungen über solche Barbarei für bloße Übertreibung gehalten.
Nun aber – ein Blick nach einem seitwärts lohenden Feuer hin zeigte ihm einen am Spieße steckenden Arm.
Da – drückte er die Lider ganz fest zu. Er wollte nichts mehr sehen … Die Sinne drohten ihm vor Abscheu zu schwinden …
Nach einer Weile hörte er neben sich ein Geräusch.
Und – welche Seligkeit durchflutete sein dankbares, treues Herz! – jetzt hörte er Holk flüstern:
„Eine Schlimme Patsche für uns, mein lieber Junge … – Ich weiß, daß Du bei Besinnung bist. Auch mir geht es leidlich. Nur das Blut hat mir beide Augen geblendet. Es ist angetrocknet, und ich …“
„Still – Still!“ warnte der Knabe hastig.
Ein paar Weiber näherten sich, Geschöpfe von einer abschreckenden Häßlichkeit … Mit langem Unterkörper, überlangen Beinen, nur mit einem Schurz aus Rindenbast bekleidet. Ihre Gesichter zeigten fast noch mehr als die der Männer die Merkmale der australischen Schwarzen: niedere Stirn, kurze platte Nase, Wulstlippen und breite Backenknochen.
Diese übelriechenden, nicht gewaschenen Scheusale betrachteten besonders den Knaben mit abschätzenden Blicken. Schnatternd unterhielten sie sich in ihrer keifenden Sprache, deren gelegentliche, Kehllaute wie das Brummen eines Untieres klangen, über die Brauchbarkeit Willi Krögers als … Festbraten!
Hätte der arme Willi geahnt, in welcher Weise er hier den Gegenstand eines Gesprächs über Gaumengenüsse bildete, ihm hätten sich fraglos die Haare gesträubt. Zum Glück verstand er jedoch kein Wort von dem wilden Kauderwelsch, und als die Weiber sich nun wieder entfernt hatten, raunte er seinem Wohltäter geradezu empört über die scheußliche Ausdünstung dieser „Damen“ zu:
„Herr Holk, die möchte ich mal in ‘ne Bütte stecken! Und dann zwei Pfund grüne Seife und ‘nen Schrubber! Denen würde ich das Stinken schon abgewöhnen!“
Holk blieb stumm.
Seine Aufmerksamkeit galt jetzt anderen Dingen: einem fernen Grollen, das eines der hier in den Sandwüsten stets ganz plötzlich auftretenden Gewitter ankündete. Willi hatte den noch schwachen Donner jetzt ebenfalls gehört, blinzelte wieder durch die Wimpern und sah zu seiner Überraschung, daß auf dem Platze inmitten der Hütten ein ganz anderes Treiben als vorhin herrschte.
Weiber, Männer und Kinder schleppten allerlei plumpe Gefäße ins Freie, spannten Tierhäute zwischen den Bäumen aus und trafen alle Vorbereitungen, das kostbare Regennaß, welches der immer mehr sich verfinsternde Himmel ihnen verhieß, durch diese Häute aufzufangen und in die Gefäße zu leiten.
In wenigen Minuten war dann auch auf den gleißenden Sonnenschein finsterste Nacht gefolgt.
Die abergläubischen Naturkinder hatten sich vor den zuckenden Blitzen und den gewaltigen Donnerschlägen in ihre Hütten verkrochen.
Es regnete nicht – nein, es goß wie aus Eimern. Und diese Sintflut spülte dem Ingenieur Holk in kürzester Zeit die Augen aus, löste das trockene Blut und machte ihn wieder fähig, die Lider zu öffnen. Gleichzeitig aber war dieses Regenbad für ihn eine willkommene Erfrischung. Mit einer Kraft, die er sich bei seiner Stirnverletzung kaum zugetraut hätte, vermochte er jetzt an den Baststricken zu zerren, die sich infolge der Nässe auch dehnbarer als bisher zeigten. So gelang es ihm, die Hände aus den Schlingen zu ziehen, so konnte er in den Westengürtel greifen und sein Jagdmesser hervorziehen.
Gleich darauf standen Holk und Willi aufrecht da …
„Weißt Du vielleicht, wo unsere Gewehre sind?“ fragte der Ingenieur hastig, indem er sich beim Lichte der in ganzen Bündeln herablohenden Blitze suchend umschaute.
„Der Anführer hat sie, Herr Holk“, erklärte der Knabe ebenso hastig. „Er nahm sie mit in seine Hütte. Dort – die dritte ist‘s.“
Holk tastete nach der Beinkleidtasche. Atmete auf … Die Repetierpistole war noch da.
Auch Willi, dem der Ingenieur längst eine, kleine Mauserpistole geschenkt hatte, meinte jetzt: hocherfreut: „Ah – die Schufte haben mir meine Mauser nicht stibitzt! Nun wird‘s euch gut gehen, euch Lumpenpack!“
Holk schlich seitwärts an die betreffende Hütte heran.
Und prallte plötzlich zurück.
Eine neue elektrische Entladung hatte ihm etwas sehr Merkwürdiges gezeigt: einen Gefangenen, der hier hinter der Hütte aufrecht an einen Baum gefesselt war – einen Gefangenen, der genau demselben Rätselwesen glich, das sich vorhin in den See gestürzt und mit so unglaublicher Geschwindigkeit auf die ebenso seltsame Insel zugehalten hatte.
Willi, der dieses unbekannte Geschöpf gleichfalls erblickt hatte, – der es nun zum erstenmal aus so kurzer Entfernung und bei so grellem, wenn auch nur sekundenlangem Lichte mustern konnte, wich gleichfalls entsetzt zurück…
„Ein … Riesenfrosch …!“ rief er halblaut.
Holk achtete nicht darauf.
„Warte hier!“ befahl er kurz.
Mit zwei Sprüngen war er am Hütteneingang, riß den Felsvorhang beiseite.
Ein abermaliges Aufleuchten des Firmaments enthüllte ihm das Innere der stinkenden Behausung.
Ein Satz – zwei Griffe – und er war mit den Gewehren wieder im Freien.
Inzwischen hatte aber auch Willi die kurze Zeit zu selbstständigem Handeln benutzt, hatte all seinen Mut zusammengenommen und – des Rätselwesens Baststricke zerschnitten:
Nur die Fesseln der über der Brust gekreuzten Hände rührte er nicht an.
Denn zu seinem erneuten Entsetzen hatte er gesehen, daß auch diese Hände durchaus den Bewegungsgliedern eines Frosches glichen. –
Kaum hatte das unheimliche Geschöpf erkannt, dass es frei war, als es auch schon zu flüchten versuchte.
Holk kam gerade noch zur rechten Zeit, dies zu verhindern, erwischte das herabhängende Ende des um die Handgelenke geschlungenen Strickes und eilte so hinter dem Fabelwesen her, das in aufrechter Haltung, aber mit seltsam gleitenden Schritten sich davonmachte.
Weder der Anführer der Aborigines noch sonst einer der schwarzen Bande wagte es, den Flüchtlingen zu folgen, die bereits eine Viertelstunde später den Bereich des Unwetters hinter sich hatten und sich plötzlich wieder in den strahlendsten Sonnenschein versetzt sahen.
3. Kapitel.
Der Froschmensch.
Am Rande des Eukalyptuswaldes war es, wo Ingenieur Holk, dem die Stirnwunde nun doch nicht geringe Schmerzen bereitete, haltmachte, um einige Minuten zu rasten.
Inzwischen hatten Holk und Willi nun ja Zeit genug gehabt, das Fabelwesen ganz eingehend zu betrachten. Und was sie bei der Prüfung der äußeren Erscheinung feststellten, gab ihnen doch die Gewissheit, es hier mit einer Art menschlichen Wesens zu tun zu haben – Gewiß – der grünlich-braune Körper des Fremden, der mit seinen Härchen bedeckt war, ferner die Gliedmaßen mit ihren Schwimmhäuten zwischen Fingern und Zehen und besonders der unförmigen Schädel, der ohne Hals direkt aus den Schultern hervorwuchs, und das in der Tat froschähnliche Gesicht und die ebenso froschartige Kopfform wirkten abschreckend und überaus seltsam. Dafür waren aber die Augen sehr groß, fast strahlend und zeigten einen deutlichen Ausdruck hoher Intelligenz.
Bisher hatte der Fremde noch keinen Laut über die schmalen Lippen des froschartigen breiten Mundes gebracht. Erst jetzt, als Holk ihm durch Gesten andeutete, daß er sich setzen solle, murmelte etwas vor sich hin, sank dann plötzlich vor dem Ingenieur zu Boden und begann in einer melodischen Sprache flehend um irgend etwas zu bitten, wobei seine Augen die unverständlichen Worte wirksam unterstützten.
Der menschliche Zug im Gesicht des Rätselgeschöpfes trat hierbei so deutlich hervor, daß Holk aus Mitleid die Knoten der Handfesseln löste und dabei gütig auf den Fremden einredete, dessen Bekleidung übrigens lediglich in einer Art von enganliegender Schwimmhose von schlangenhautähnlichem Stoff bestand.
Der Fremde erhob sich wieder, bewegte die Arme, die Hände, nickte Holk dankbar zu und begann dann aufs neue zu bitten, wobei er durch lebhaftes Mienenspiel und gelegentliches eindrucksvolles Handausstrecken andeutete, man solle ihm erlauben, sich zu entfernen.
Holk schüttelte hierzu ernst den Kopf.
Er ahnte, daß es hier irgendein ganz besonders geartetes Geheimnis aufzuklären gäbe, und es fürchtete, dies nie zu erreichen, wenn er den Fremden freiließ.
Mit unendlich traurigem Gesicht und einem geradezu verzweifelten Blick setzte sich da das seltsame Wesen gleichfalls in den Sand und starrte trübe vor sich hin.
Willi Kröger hatte diese Szene mit einer Neugier betrachtet, in die sich bald ebenso viel Mitgefühl für den Unbekannten mischte.
Nun sagte er leise, indem er näher an Holk heranrückte:
„Herr Holk, was halten Sie nun eigentlich von diesem Menschen und von den andren, die wir drüben auf der merkwürdigen Insel sahen? Sind es wirklich Menschen?“
Der Ingenieur zuckte die Achseln.
„Ich weiß es nicht, mein Junge … Das heißt: Menschen dieser Erde, dieser unserer Erde sind es bestimmt nicht …“
Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, schwieg jedoch und versank in tiefes Sinnen.
Willi beobachtete nun das Rätselwesen mit jenem Gemisch halb kindlicher Teilnahme und Neugier, dass niemand verletzen kann. Der Fremde fühlte wohl, welch weiches Herz in der Brust des Knaben schlug, richtete nun den glänzenden Blick der großen Augen fest und flehend auf Willis braunes Antlitz und hob ebenso flehend die Schwimmhände.
Willi verstand. Der Unbekannte bat, daß er ihn entwischen lassen sollte.
Der brave Junge kämpfte mit sich und kam schließlich auf einen Gedanken, der ihm besonders glücklich erschien.
Als Holk nach etwa zehn Minuten wieder aufbrach und nun an der Spitze marschierte, während er Willi befohlen hatte. auf den Fremden achtzugeben, gelangte man sehr bald in jene Felsenhügel, die man durchqueren mußte, um die Libelle wieder zu erreichen.
An einer steilen Schluchtwand wollte Holk erst einmal den besten Abstieg erproben. So blieb denn der Knabe mit dem Fremden oben zwischen den Felsblöcken allein. – Und jetzt – jetzt geschah das, was Willi erwartet hatte: der Unbekannte, der wohl annahm, dem Jungen an Schnelligkeit weit überlegen zu sein, entfloh … – Entfloh mit langen Sprüngen, die in ihrer Art wieder an die Riesensätze eines verfolgten Frosches erinnerten.
Willi brüllte sofort mit voller Lungenkraft dem Ingenieur zu:
„Herr Holk – Herr Holk – – er reißt aus!“
Und – schoß davon, schoß hinter dem Flüchtling drein, achtete nicht auf die Schmerzen in der Schulter, nicht auf die glühend herabsengende Sonne, hatte nur den einen Gedanken: „Du wirst dem Unbekannten einen kleinen Vorsprung lassen, und dicht vor dem See wirst Du ihn packen und verlangen, daß er Dich mit auf die seltsame Insel nimmt! Dann kannst Du nachher Herrn Holk genau Bericht erstatten, dann ergründest Du am leichtesten dieses unfassbare Geheimnis!“
Die Jagd zog sich auch wirklich auf Umwegen dem zwischen Felsenbergen ganz tief eingebetteten Gewässer zu.
Der Fremde hatte Willi Krögers Ausdauer und Schnelligkeit sehr unterschätzt. Willi verlor ihn ganz selten aus den Augen und als nun dort in der Ferne der Seespiegel aufleuchtete, änderte sich das bisherige Bild sehr schnell: Willi kam dem Unbekannten näher und näher, und als dieser nun den Steilhang zum Seeufer hinabkletterte, war der Knabe schon vorher unten, vertrat ihm den Weg, packte ihn beim linken Handgelenk und … wollte vielsagend nach der Insel hinüberdeuten, die er noch soeben als dunkle, matt metallisch glänzende Kuppe über dem Wasser erblickt hatte.
Wollte hindeuten.
Und stierte … stierte geradeaus, hätte sich am liebsten die Augen vor Staunen gerieben ob dieses unheimlichen Wunders.
Denn – die Insel war jetzt spurlos verschwunden.
So spurlos, wie im Weltmeer zuweilen vulkanische Inseln bei einem starken Erdbeben wieder untertauchen …
Willi war so sprachlos, daß er das Handgelenk des Rätselgeschöpfes unwillkürlich freigab.
Und da schnellte der Fremde sich vorwärts, sprang vom hohen Felsenrand mit weitem Kopfsprung ins Wasser.
Und – kam nicht wieder zum Vorschein …
Willi stand noch längere Zeit an der Stelle, von wo aus sich der Unbekannte in die Fluten gestürzt hatte, und beobachtete mißtrauisch die Seeufer, ob der Flüchtlinge vielleicht irgendwo an Land steigen würde.
Nichts bemerkte er mehr – nichts.
Still, friedlich und geheimnisvoll lag der fast kreisrunde, etwa dreihundert Meter breite See da.
Der Froschmensch war weg, die Insel war weg.
Und mit recht gemischten Gefühlen machte sich schließlich unser Willi auf den Rückweg zur Libelle.
Ihm schlug jetzt etwas das Gewissen. Er konnte Herrn Holk doch nicht belügen, mußte eingestehen, daß er den Fremden hatte entweichen lassen.
Und wenn Ingenieur Holk ihn auch nicht weiter strafen würde: Schon der Gedanke, daß sein verehrter Beschützer ihn böse anschauen könnte, ließ Willis Herz schneller schlagen.
Sehr eilig klomm er nun seitwärts zur Sohle jener kanonartigen Schlucht empor, in der vorhin der Überfall durch die Aborigines stattgefunden hatte.
Als er den Abhang erklettert hatte, setzte er sich in Trab.
Und bereits eine Viertelstunde drauf hatte er die Libelle dicht vor sich, auf deren flachem Deck Mechaniker Riedel behaglich auf dem Bauche lag, Pfeife rauchte und die Reise nach dem Mond verschlang.
4. Kapitel.
Auf der Suche nach Holk.
„He – wo ist denn Herr Holk, Willi?“ rief er nun dem Jungen etwas besorgt entgegen, als dieser sein Nahen durch einen schrillen Pfiff angezeigt hatte.
Er sprang auf, klappte das Buch zu und half dem atemlosen Knaben an Deck, der sofort herausplatzte:
„Herr Riedel … wenn … wenn Herr Holk noch nicht hier ist, dann … dann wollen wir nur gleich aufsteigen und ganz dicht über den Hügeln dort kreuzen …“
Ihm zitterten die Beine vor Müdigkeit und auch seine Stimme versagte ihm zuweilen.
Riedel, der ja von all den Geschehnissen nicht das geringste ahnte, meinte jetzt in seiner polterigen Art:
„Donner noch eins, – was ist denn eigentlich passiert …?“
„Oh – Aborigines – und ein Froschmensch – und Menschenfresser …“ stammelte der erschöpfte Junge.
„Du bist übergeschnappt, mein Sohn!“ lachte Gustav Riedel. „Du hast ‘nen Sonnenstich! Aborigines – na ja, das ist möglich! Aber Menschenfrosch oder Froschmensch und Menschenfresser – das ist Blech …“
„Aufsteigen!“ japste Willi. „Herr Riedel – aufsteigen!! Ich erzähle Ihnen alles im Führerstande. Auch von der Insel, die mit einem Male verschwunden war!“
Der Mechaniker griff nach des Jungen Hand und fühlte den Puls, brummte:
„Nein, Fieber hat er nicht! Und die Augen sind auch ganz klar. Was fehlt ihm also – was?“
„Um Himmels willen …!“ flehte der Knabe weinerlich … „Wenn die Aborigines kommen oder gar die Froschmenschen von der Insel und Herrn Holk überfallen …! Er ist allein, Herr Riedel, und noch dazu verwundet!“
Dann – sich aufraffend – mit aller Energie: „Herr Riedel, ich werde die Libelle steuern, wenn Sie es nicht tun!“ – Und mit ein paar hastigen Schritten war er an der Treppe, stieg in die Kajüte hinab, eilte in den engen Führerstand, nahm auf dem Drehsitz Platz und packte den einen Hebel.
Ein Ruck … der Motor sprang an.
Und der prachtvolle Aluminiumvogel rollte … rollte immer schneller, schwang sich graziös in die Lüfte empor.
Da erschien der stämmige Riedel im Führerstand, lehnte sich neben Willi an das Seitenfenster und sagte:
„Los – erzähle!“
Willi tat es, – ganz kurz nur das Nötigste.
Gustav Riedel blieb stumm – völlig stumm. Aber seinem Gesicht sah man es an, wie sehr ihn diese Abenteuer mit fortrissen, wie er dem Knaben jedes Wort von den Lippen ablas und wie … er ihn beneidete, all das Seltsame mit erlebt zu haben, während er hier behaglich auf Deck sich an erdichteten Abenteuern begeistert hatte.
Daß all das durchaus der Wahrheit entspräche, daran zweifelte Riedel keine Sekunde mehr, meinte nun kopfschüttelnd:
„Die Sache ist ja so weit klar! Die Schwarzen hatten eben zwei von den Froschmenschen gefangen genommen, und der eine ist ihnen wieder ausgerissen! Das ist der, den wir zuerst sahen, mein Junge …“
Die Libelle schwebte kaum zwanzig Meter über den Felsen dahin.
Bald nach rechts, bald nach links ließ Willi den Metallvogel sich wenden, und dauernd spähten er und Riedel in die Schluchten und Täler hinab, ob sie nicht irgendwo den Ingenieur entdeckten.
Der Bergsee kam in Sicht.
Und – plötzlich schnellte Willi halb von dem Drehsitz hoch …
„Die Insel – die Insel – – ! Sie ist wieder da …!“
„Wahrhaftig!“ murmelte Riedel. „Aber – das ist doch keine Insel! Das ist eher ein flacher Panzerturm …“
Willi meinte, rasch wieder ruhig geworden, er werde jetzt die Libelle wieder umkehren lassen … „Herr Holk muß doch irgendwo in den Hügeln stecken, Herr Riedel! Geben Sie nur gut acht!“
„Das tue ich schon! Aber – offen gestanden, mein Junge: ich fürchte, wir werden unsern Herrn umsonst suchen. Eine dunkle Ahnung sagt mir, daß ihn jetzt nicht die Aborigines, wohl aber die Froschmenschen in ihrer Gewalt haben!“
„Ausgeschlossen …! Herr Holk hatte doch seine Büchse, und …“
„Halt!!“ brüllte der Mechaniker … „Halt! Hinab mit der Libelle auf den Seespiegel! Dort – dem hellen Uferfleck liegt ein Gewehr … eine Büchse. Es kann nur die Herrn Holks sein!“
Der Wundervogel senkte sich.
Strich über das schäumende Wasser hin, schwamm jetzt, bewies abermals seine tadellose Konstruktion die ihn auch als Motorboot verwenden ließ, ebenso als Automobil – ganz nach dem Wunsche des Lenkers.
Langsam trieb die Libelle ans Ufer.
Riedel war schon auf Deck, sprang an Land.
Und hob die Büchse auf …
Fand daneben, durch einen Stein beschwert, eine Seite aus Holks Notizbuch – mit flüchtigen Bleistiftzeilen:
Sollte mir etwas zustoßen, so bin ich von den Froschmenschen ermordet worden. Es handelt sich hier fraglos um Bewohner eines anderen Planeten, vielleicht um Marsbewohner. – Ich bin im Begriff, nach der Insel hinüberzuschwimmen, die soeben wieder aufgetaucht ist.
Gustav Riedel erblaßte jetzt. Er war ein Mann ohne Nerven. Aber der Gedanke, daß Bert Holk, den auch er über alles verehrte, hier auf rätselhafte Weise verschwunden sein sollte – für immer, dieser Gedanken trieb auch ihm das Blut aus den Wangen.
Schnell kehrte er an Deck der Libelle und in den Führerstand zurück.
„Willi“, sagte er fest, „hier ist Holks Büchse und – hier lies diesen Zettel!“
Auch der brave Junge wechselte vor Schreck die Farbe.
„Oh – an alledem bin ich Schuld“, meinte er leise und traurig. „Wenn ich nicht halb aus Abenteuerlust dem Froschmenschen das Entkommen gestattet hätte, dann wäre Herr Holk niemals nach der Insel geschwommen!“
Riedel nickte nur ernst, erklärte dann, indem er durch das Fenster nach der rätselhaften Kuppe hinüberspähte:
„Mein Junge – wir wagen es! Laß die Schiffschrauben der Libelle anspringen! Wir steuern auf die sogenannte Insel zu! Und wenn wir dicht daneben sind, werde ich hinüberklettern – mag geschehen, was da will!“
5. Kapitel.
Der Dank der Verdammten.
Drei Minuten später schob die Libelle der Insel entgegen.
Mechaniker Riedel stand oben an Deck, hatte Holks Büchse in der Hand.
Aus scharfen Augen musterte er das dunkle Eiland, dessen Oberfläche wie polierter Stahl aussah.
Nirgends bemerkte er eine Unebenheit – nirgends.
Kahl, glatt war diese Kuppe, deren Durchmesser neun Meter und deren höchste Höhe über dem Wasserspiegel zwei Meter betragen mochte.
Nun stoppte Willi im Führerstand den Motor, ließ die Schraube rückwärts laufen und brachte so die Libelle allmählich dicht an die dunkle Erhebung heran.
Oben an Deck beugte Riedel sich weit vor. Und in dem klaren Wasser des Sees konnte er unschwer erkennen, daß die Kuppe sich nach unten zu verbreiterte und ganz beträchtliche Ausdehnung annahm.
Das war aber auch alles, was er feststellen konnte.
Er zögerte etwas.
Und – sprang schließlich doch hinüber. Seine Schuhe dröhnten auf Metall …. Er drückte sich, befühlte die Masse, aus der die Kuppe bestand: Ja – Metall!
Dann ging er langsam weiter. Suchte nach irgend einer Tür, Luke oder dergleichen, die ins Innere dieses seltsamen Gebildes hinabführen könnte.
Fand nichts.
Suchte geduldig weiter, bis er endlich in dem polierten Metall etwas wie eine kreisförmige Rille von zwei Meter Durchmesser und außerhalb dieses Kreises acht winzige Löcher bemerkte, die den Rillenkreis umgaben.
Er kniete nieder, nahm sein Taschenmesser, öffnete die kleine Klinge und wollte Sie in die Rille hineinstecken …
Im selben Moment warnte ihn ein Zuruf des an Deck der Libelle erschienenen Knaben.
„Herr Riedel – Vorsicht!! Es sinkt …!“
In der Tat – die Metallkuppe versank, und dies so schnell, daß der Mechaniker nur durch schwimmen noch die Libelle erreichen konnte.
Er kletterte pudelnaß an der Außenleiter an Deck.
„Verdammt, mein Junge, das ist ja eine ganz höllische Teufelei!“ rief er und ballte drohend die Faust nach der Stelle hin, wo soeben noch die Metallkuppe über den Wassern gelegen hatte … „Verdammt – ich will nicht Gustav Riedel heißen, wenn ich diesen See verlasse, bevor ich dieses Rätsel aufgeklärt habe! – Ans Ufer mit der Libelle, Willi! Drüben sehe ich so etwas wie eine Grotte, eine Wassergrotte in der Felswand! Dort drinnen werden wir Schatten haben und können doch den See beobachten!“
Und wenig später hatten sie eine geradezu unermessliche Grotte entdeckt, eine Grotte, die gleichsam einen zweiten, von Granit überwölbten See bildete, der lediglich durch eine sechs Meter breite Einfahrt mit dem anderen in Verbindung stand. In dieser Einfahrt vertäuten Sie die Libelle, saßen an Deck – den ganze Tag über und – beobachteten, ohne etwas zu sehen, schwiegen meist und fühlten, wie die dumpfe Verzweiflung in ihren Seelen immer mehr sich steigerte – die Verzweiflung und die Mutlosigkeit …
So wurde es Abend …
Ein prächtiger Tropenabend mit einem Sonnenuntergang voll köstlichen Farbenspiels.
Der ganze Himmel schien zu brennen und der rötliche Glanz färbte auch den See und die Berge rot.
Und da war es, daß aus der Seegrotte von weit her eine Stimme erklang … Bert Holks Stimme, deren Echo in dem Granitdome vielfach ich verstärkte.
„Hallo – hierher!! Hallo …!“
Im Nu war die Libelle fahrtbereit, im Nu flammte auch der Scheinwerfer auf, warf seinen strahlenden weißen Lichtkegel in die Finsternis der Riesengrotte.
Vorwärts Schoß die Libelle – ihrem Herrn entgegen, der da auf einem Felsen am Nordende der Grotte saß.
„Gott sei Dank – Sie leben!!“ jubelte Willi überglücklich.
Und Holk kam an Bord.
Ernst – fast finster. Sagte nur: „Ich lebe! Aber ich werde mich mit dem nicht begnügen, was ich nun über die Insel der Verdammten weiß …! – Hört zu, Freunde … Ich schwamm also hinüber. Und hatte kaum die Kuppe betreten, als – ich von hinten niedergerissen wurde, als mir eine Decke über den Kopf flog und kräftige Hände mich forttrugen … Dann ließen diese Hände mich frei …. Und ich riß die Decke weg, sah mich allein in einem großen Maschinenraum, der durch besondere Lampen taghell erleuchtet. Vor mir lag ein Zettel … Hier ist er... Ihr seht, daß die
Worte darauf in lateinischer Schrift sehr unbeholfen gemalt sind, und das Englische ist ebenso unbeholfen. – Der Inhalt des Zettels lautet:
Beseitigen Sie den Fehler an der Dynamomaschine, und Sie werden gelassen wieder frei. Sonst nicht.
Der Maschinenraum hatte eiserne Türen. Sie waren von außen fest versperrt. So habe ich mich denn an die Arbeit gemacht und die Dynamomaschine repariert. Es handelte sich nur um einen kleinen, aber schwer zu entdeckenden Fehler. Als sie tadellos funktionierte, erschien der Froschmensch, den wir, mein Junge, befreit haben, und winkte mir. Er führte mich durch leere Gänge und über eiserne Treppen in eine Kammer, wo eine Art Rettungsboot lag. Dieses ließ sich luftdicht verschließen und in diesem Boot brachte der Fremde mich hier nach oben in die Grotte, setzte mich ab – und versank mit dem Boote wieder, nachdem er mir hier diesen zweiten Zettel in die Hand gedrückt hatte …“
Holk las vor, indem er das Englische gleich übersetzte:
Mein Herr, wir danken Ihnen! Sie haben es uns ermöglicht, in unsere endlos ferne Heimat zurückzukehren, nachdem die Zeit unserer Verdammnis vorüber. – Nochmals – empfangen Sie den Dank der Bewohner der Insel der Verdammten.
Holk schaute seine Gefährten an.
„Wir bleiben hier …! Und wenn ich wochenlang hier ausharren sollte: ich will feststellen, woher die Rätselgeschöpfe stammen und was es mit ihrer sogenannten Insel auf sich hat!“
„Bravo!!“ rief Willi begeistert. „Zum mindesten werden wir dann doch sehen, wie die Verdammten in ihre Heimat zurückkehren!“
Nur Riedel schüttelte bedenklich den Kopf, äußerte aber nichts.
So blieb denn die Libelle über Nacht im Grotteneingang vertäut liegen …
Was weiter geschah, bringt der folgende Band…
Und – allerlei geschah, – Dinge, die niemand sich hätte träumen lassen …!
Nächster Band:
Anmerkung:
(1) lt. Vorlage Rieseneinbrecher