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Der Traum der Lady Gulbranor

 

Der Detektiv

 

Kriminalerzählungen

von

Walter Kabel.

 

Band 155:

Der Traum der Lady Gulbranor

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1925 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

1. Kapitel.

Die Blitzlichtaufnahme.

Der Hausmeister Sadik lächelte …

„Tatsache, Mr. Harst …! Tatsache! Die Lady heißt in unserer Nachbarstadt Multan nur die verrückte Lady …!“

Harald lag im Liegestuhl auf dem Balkon und genoß Morgenluft. Ich saß an einem Tischchen neben ihm und schrieb unser voriges Abenteuer nieder, war gerade bis zum zweiten Teil gelangt und hatte nach einigem Nachsinnen als Titel „Der andere Skorpion“ gewählt …

Dann war der Hausmeister der Prinzessin Sadukala von Bawalar, bei der wir seit acht Tagen als Gäste weilten, erschienen und hatte uns erzählt, daß der Bungalow des treulosen Polizeichefs O’Neil durch Kauf in den Besitz einer Lady Alix Gulbranor übergegangen sei, die in Multan seit zwei Jahren ständig die ganze Europäerkolonie in Atem gehalten hatte … – durch ihre tollen Streiche …

„Die Lady ist die Witwe des früheren Gouverneurs von Multan, Mr. Harst,“ erzählte der würdige Alte nun weiter, indem er sich die Zigarre anzündete, die Harald ihm gereicht hatte. „So lange ihr Gatte lebte, war sie ganz vernünftig … dann aber endete einer ihrer Anbeter, der Hauptmann Lenglen, auf schauerliche Weise durch Selbstmord und …“

„Wie denn?“ warf Harst ein …

Sadik wurde sehr ernst …

„Haben Sie davon nicht in den Zeitungen gelesen, Mr. Harst?! Lenglen hat sich selbst … enthauptet …“

„Enthauptet?! Sich selbst?!“

„Ja … Das heißt: eigentlich doch nicht selbst …! Nein – er ließ sich enthaupten …“

Ich rückte mit meinem Stuhl näher …

„Lenglen besaß nämlich einen zahmen Jagdelefanten … Das Tier war sehr klug, und der Hauptmann brachte ihm bei, ein indisches großes Hauschwert mit dem Rüssel zu umklammern und so allerlei Gegenstände zu zerkleinern … Lenglens Diener haben später ausgesagt, daß der Hauptmann auch menschenähnliche Puppen mit großen Melonen als Köpfen herstellte, die der Elefant enthaupten mußte. Eines Tages fand man dann den Hauptmann selbst in dem Elefantengehege ohne Kopf vor … Der Kopf lag ein paar Schritt weiter als der Rumpf im Gebüsch … – Das seltsamste aber: der Elefant ist sehr bald krepiert. Er verweigerte jede Nahrungsaufnahme, und allgemein nimmt man an, daß er aus Gram über den Tod seines Herrn gestorben ist. Die polizeiliche Untersuchung des Falles ergab einwandfrei, daß Lenglen sich hatte töten lassen … Er hatte einen Brief für Lady Gulbranor zurückgelassen und in diesem Schreiben betont, daß er das Leben nicht länger ertragen könne, weil sie seine Werbung zurückgewiesen hatte …“

Harald und ich waren sprachlos …

Derartiges konnte wirklich nur in Indien geschehen!! Man denke: ein Mann, der aus Liebeskummer sich von einem Elefanten enthaupten läßt!

„Ist die Lady denn schön?!“ fragte Harst nach einer Weile …

Und der alte Inder erwiderte:

„Sie galt noch vor einem Jahre für die schönste Frau Indiens … Nun hat ihr tolles Leben ihr sehr geschadet … Man sagt, sie wolle sich betäuben! … Sie habe Lenglen geliebt … Frauen sind unberechenbar …“

„Wie lebt sie denn?!“

„Mr. Harst, eigentlich gehört sie wohl in eine Anstalt … Sie schläft am Tage. Abends um neun steht sie auf. Dann besteigt sie ihr Motorrad und fährt davon – irgendwohin … Morgens kehrt sie zurück. Um zehn Uhr vormittags geht sie schlafen, aber stets in Kleidern und benutzt nur einen Diwan als Bett … In der Europäerkolonie in Multan ist sie unmöglich geworden. Deshalb wohl hat sie jetzt hier den Bungalow O’Neils erworben. Ihre Möbel sollen schon heute eintreffen. Ihre Kammerzofe ist schon hier … Übrigens hat sie nur taubstumme Bediente, fünf an der Zahl …“

Ich konnte mich nicht enthalten zu erklären:

„Die Witwe ist fraglos verrückt.“

Sadik nickte …

„Das muß wohl sein, Mr. Schraut … Jedenfalls ist sie aber harmlos … Sie hat bisher noch kein Unheil angerichtet, denn für Lenglens Tod ist sie schließlich nicht verantwortlich …“

Harald lag jetzt mit halb geschlossenen Augen im Liegestuhl …

Rauchte …

Meinte versonnen:

„Und was treibt sie nachts auf ihren Radausflügen?“

„Nichts,“ antwortete Sadik achselzuckend … – „Gar nichts … Sie fährt planlos und ziellos weite Strecken …“

„Ist sie reich?“

„Das glaube ich nicht … Ihr Gatte hatte ein hohes Gehalt, und ihre Witwenpension dürfte für ihre Ansprüche genügen … – Ich selbst habe die Lady dreimal gesehen – flüchtig und stets nachts, wenn sie mit ihrem Motorrad hier am Palast der Prinzessin vorübersauste …“

Sadik erhob sich …

„Wenn die Herren nun zum Frühstück auf die Terrasse kommen wollen … Die Prinzessin dürfte schon dort sein …“

Wir folgten Sadik.

Auf der Terrasse begrüßten wir Sadukala und ihren Leibarzt Doktor Morton.

Beide sind dem Leser genau so bekannt wie der brave Sadik. Ich habe im vorigen Band meinen lieben Lesern diese Personen vorstellen dürfen. – Und da ich nun gerade diese kurze Zwischenbemerkung einschalte, will ich hier gleich noch etwas anderes erledigen. – Ich erhalte sehr viele Briefe, in denen man mich entweder um eine Ansichtskarte oder um eine Photographie von Harald und mir bittet oder mir sonstige Wünsche vorträgt … Wenn es meine Zeit zuläßt, antworte ich gern. Die Briefschreiber müssen nur etwas Geduld haben. Und dann: wollte ich alle die Bitten um Hergabe von Gratisphotographien erfüllen, so würde es mir ergehen wie jenem Manne, der das große Los gewann und in der ersten Freude auf alle Bittbriefe hin den Leuten kleine Summen schickte, bis er merkte, daß sein Geld unheimlich zusammenschmolz. Wer also ein Bild von uns mit eigenhändiger Unterschrift wünscht, muß schon den Betrag von 1,60 M. an den Verlag einsenden. – Und noch etwas: Letztens schrieb mir ein eifriger Berliner Leser, daß er jene unserer Abenteuer am schönsten findet, die in Berlin spielten. Ich möchte also noch möglichst viel Berliner Probleme bringen. – Verehrter Freund, Ihnen folgendes zur Antwort: Meine Lesergemeinde erstreckt sich nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch über das Ausland … Sogar aus Algier erhalte ich Briefe … Und diese ausländischen Leser, die zum größten Teil Berlin nicht näher kennen, finden sicherlich die Berliner Abenteuer keineswegs interessanter. Mithin: ich schildere hier unsere Kriminalfälle so, wie die reizende Dame Phantasie sie mir huldvollst in den Schoß wirft … – Ihnen aber, Berliner freundlicher Leser, hier an dieser Stelle nach Wunsch besten Gruß! –

Und jetzt zurück ins Märchenland Indien …

Zurück zum Frühstückstisch auf der Terrasse des alten Palastes, dessen Geheimnisse Harald so genial aufgedeckt hatte – bis auf eines: die diamantene Fürstenkrone von Bawalar, die der eine Radscha im Jahre 1853 während des großen indischen Aufstandes versteckt hatte, konnte auch Harst nicht wiederfinden. –

Das Gespräch am Frühstückstisch drehte sich um Lady Gulbranor …

Doktor Morton und die Prinzessin hatten übergenug von der „verrückten“ Lady gehört und bestätigten uns alles, was Sadik erzählt hatte …

„Es stimmt schon,“ meinte der liebenswürdige bejahrte Leibarzt … „Ja – die Lady schläft am Tage und fährt nachts mit dem Motorrad ungeheure Strecken, taucht bald hier, bald dort auf … – wie ein Gespenst … Und was den Selbstmord Lenglens betrifft: auch das ist richtig! Der Elefant starb vor Kummer …“

Wir schwiegen eine Weile …

Und ich empfand dunkel in einem geheimen Winkel meiner Seele, in dem die Vorahnungen schlummern, daß diese Lady uns noch näher beschäftigen würde …

Nach dem Frühstück machten Harald und ich unseren üblichen Spaziergang …

Diesmal nach dem alten Mohammedanerfriedhof im Westen der Stadt, wo vorgestern das Drama der roten Rakete, das ich im vorigen Band geschildert habe, seinen traurigen Abschluß gefunden.

Auf dem Friedhof befand sich die Ruine einer Moschee, von der nur noch ein Minarett erhalten war und seine schlanke Spitze hoch in die Luft reckte.

In dieser Ruine hatte die Verbrecherbande sich verborgen gehalten – in den trockenen Kellern, die kaum für einen Uneingeweihten zugänglich waren.

Da die halb zerstörte Halle der Moschee im Innern kostbare Steinmosaikarbeiten aufwies, wollte Harst diese heute photographieren, um die Bilder seinem in Entstehung begriffenen Werk über alte indische Baudenkmäler einzufügen.

Nach unserer Gewohnheit betraten wir ohne viel Lärm die Halle …

Unser Beruf hat uns schon so und so oft bewiesen, daß man an einsamen Orten gut tut, überflüssige Geräusche zu vermeiden …

Wir standen nun im Dämmerlicht der Halle, und ich hielt die Blitzlichtpatrone bereit, während Harald seine Handkamera fertig machte …

Als dann gerade das Magnesiumlicht aufflammte, drehte Harst rasch die Kamera nach rechts, wo im Fliesenboden sich die Falltür befand, die in die Keller hinabführte …

Ich – sah, daß in der herabgeklappten Falltür der Oberleib eines Mannes erschienen war …

Der Mann tauchte im Nu wieder unter, das Magnesiumlicht erlosch, und mit einem leisen Knall wurde die Falltür zugedrückt …

Harst sprang zu …

Aber offenbar hatte der bärtige Europäer, den wir nur ganz flüchtig gesehen, eine Stange unter die Falltür gestützt. Sie ließ sich nicht öffnen …

Erst als wir beide mit dem vollen Körpergewicht die Steinplattentür belasteten, gab sie nach –

Die Kellerräume kannten wir …

Den Mann fanden wir nicht. Er war durch die Risse einer halb eingestürzten Mauer ins Freie gelangt, mußte sich dabei aber die Kleider völlig zerfetzt haben, denn wir entdeckten an den Kanten der Steine nicht nur Stückchen von Leinenstoff, sondern auch ein Endchen einer goldenen Uhrkette mit aufgebogenem Karabinerhaken.

Daß dieser Fremde (denn die wenigen Europäer, die in der kleinen Residenz Bawalar wohnten, kannten wir längst) kein ganz reines Gewissen gehabt hatte, war wohl mit Sicherheit anzunehmen. Weshalb sonst diese Flucht vor uns?!

Und als wir nun die Keller nochmals durchsuchten, fanden wir hinter Geröll versteckt einen Rucksack, der allerlei Lebensmittel, Zigarren und … Einbrecherwerkzeug enthielt. –

Wir nahmen den Rucksack nachher mit heim und schickten ihn mit einem kurzen schriftlichen Bericht dem neuen Polizeichef, einem gewissen Orossen, den die Prinzessin als Regentin des Fürstentums an Stelle O’Neils zum Polizeioberhaupt ernannt hatte. Er war bisher Leiter der Geheimpolizei gewesen und von Geburt Norweger – ein liebenswürdiger, kluger und stiller Mensch.

Nur eins schrieb Harald nicht mit in den Bericht hinein: daß er den Fremden … photographiert hatte!

Nachdem wir die Platte entwickelt und durch Spiritusbad schnell getrocknet und einen Abzug hergestellt hatten, besaßen wir von dem Flüchtling ein tadellos scharfes Bild.

Mit der Lupe betrachtet konnte man unschwer erkennen, daß der dunkle Vollbart des Unbekannten falsch war – sicherlich auch die dicken Augenbrauen … Auch die Knollennase, meinte Harst, habe wahrscheinlich ein ganz anderes Format …

„Der Kerl hat sich Watte in die Nasenlöcher gestopft, mein Alter! Und – weil er so sehr darauf bedacht gewesen, sein Äußeres zu verändern, dürfte dieser Master ein sehr anrüchiger Bursche sein, ganz abgesehen von dem Einbrecherwerkzeug!“

Wir saßen wieder auf unserem Balkon …

Und mittlerweile war es zwei Uhr nachmittags geworden …

Da erschien der uns zugeteilte indische Diener mit silberner Platte und reichte Harald so eine Besuchskarte …

Auf der vornehm ausgeführten Karte stand gedruckt:

Lady Alix Gulbranor,

geb. Billmock.

Und mit Bleistift auf der Rückseite:

Bittet um eine Unterredung …

 

2. Kapitel.

Was die Lady erzählt…

Ein schmales, ernstes Gesicht … Leidensfalten um den feingeschwungenen Mund … Die Augen seltsam unruhig, seltsam verträumt … Eine schlanke, kräftige Gestalt …

Und im blonden reichen Haar ein paar graue Strähnen … –

So saß die Lady uns im Korbsessel gegenüber …

Dame – Dame von Welt …

Nahm mit Dank die Zigarette an, rauchte zwei Züge …

Begann ohne Einleitung:

„Sie wissen bereits über mich Bescheid, Mr. Harst?“

„Ja …“ Und er verneigte sich leicht.

„Das vereinfacht die Sache … Sie kennen Lenglens Ende?“

„Gewiß …“

„Desto besser … – Ich bin am Rande meiner seelischen Widerstandskraft, Mr. Harst … Nicht ohne Grund bringe ich die Nächte im Freien zu …“

Pause …

Sie atmete hastiger …

Stieß hervor:

„Ich … träumte, Mr. Harst …!“

„Das dachte ich mir … Vor diesen nächtlichen Träumen fliehen Sie, Mylady …“

„Ja …! Ja! Denn diese Träume sind grauenvoll …! Sie begannen genau drei Tage nach Lenglens Tod …“

„Und was träumen Sie?“

„Stets dasselbe … Lenglen betritt das Zimmer – ohne Kopf … Den Kopf trägt er im linken Arm – an die Brust gedrückt … In der Rechten aber eine Brillenschlange …“

Ihr leicht gebräuntes Gesicht erblaßt …

Ein Zittern läuft über ihren Leib …

„Mr. Harst, drei Tage ertrug ich dies Entsetzliche … Erwachte schreiend … Und – dann wich die Gestalt zurück, verschwand …“

Ihre Stimme vibriert …

„Drei Nächte ertrug ich es … Dann … floh ich die Nacht … schlief nur am Tage … Versuchte abermals nachts zu ruhen … Da fand sich der Spuk wieder ein …“

In ihren Augen ein tiefes Grauen …

„Und – seitdem wage ich nicht mehr nachts mich niederzulegen … – Das geht nun bereits neunzehn Monate so … Jetzt – – jetzt bin ich … dem Wahnsinn nahe … Denn – – jetzt … begegnet mir der Spuk auch nachts auf der Straße … Selten – aber er ist da … Er steht am Wegrande … Und ich fahre vorüber … mehr tot als lebendig … – Also … kein Traum, Mr. Harst … Wahnvorstellungen, der Beginn des Irrsinns!“

Dann – wie ein heiserer Schrei:

„Helfen Sie mir – – helfen Sie mir! Mr. Harst, ich habe ja nur deshalb hier O’Neils Bungalow gekauft, damit Sie mir erreichbar sind!“

Sie weint …

Sie hat die Hände vor das Gesicht geschlagen …

Ihr Körper bebt … –

Langsam beruhigt sie sich …

Trocknet die Tränen …

„Mr. Harst, wenn Sie mir nicht helfen, erschieße ich mich!“ Und ihre Stimme ist fest und energisch. „Ich will nicht in einer Tobsuchtszelle enden …! Nein, nein – nur das nicht!“

Harald fragt:

„Wie soll ich Ihnen helfen, Mylady?! Es kann sich doch nur um Wahnvorstellungen handeln. Aber einen guten Rat gebe ich Ihnen. Wenden Sie sich an Doktor Morton, den Leibarzt der Prinzessin. Morton wird Sie durch Hypnose von diesen Leiden befreien. Hypnose ist hier das einzige Mittel …“

Lady Gulbranor lächelt traurig …

„Ich habe fünf Ärzte konsultiert … Ich bin unempfänglich für Hypnose …“

„Wie … dachten Sie sich denn meine Hilfe, Mylady?“

Die blasse Frau blickt sich scheu um …

Flüstert nur noch …

„Mr. Harst, es … es sind keine Wahnvorstellungen …! Es ist ein … ein … Spuk … ein Gespenst, ein Wesen aus einer anderen Welt … Es ist Lenglen, der sich rächen will … Aus dem Reiche der Schatten erscheint er mir …“

Sie preßt die Hände gegen das jagende Herz …

„Mr. Harst, … kein Wahn! Unmöglich – unmöglich!! Vor acht Tagen sah ich Lenglen nachts an der Brücke über den Ghara-Fluß … Es regnete … Dort, wo er stand, war lehmiger Boden … Als ich am Morgen wieder vorüberkam, stieg ich vom Rade … Und da habe ich Spuren gefunden, Mr. Harst … Spuren von Männerstiefeln … Lenglen hatte einen sehr schmalen langen Fuß … – … Es waren seine Spuren … Ich könnte es beschwören!“

Harald schüttelt sanft den Kopf …

„Mylady, wenn die Toten sich den Lebenden sichtbar machen könnten, dann würde es sich doch niemals um Körper von Fleisch und Blut handeln, sondern nur um wesenlose Schemen, die keine Fährten zurücklassen … – Mylady, die Spuren müssen von einem anderen Manne hergerührt haben, und …“

Da hatte Alix Gulbranor in nervöser Hast ihr Handtäschchen geöffnet, hatte einen kleinen Gegenstand herausgenommen …: eine Krawattennadel, eine Perle …

„Mr. Harst, diese Perlennadel schenkte ich Lenglen, da ich ein Vielliebchen(1) an ihn verloren hatte … Und diese Nadel … diese Nadel lag … neben jener Spur …!!“

Harald beugte sich weit vor …

„Und – das ist Tatsache, Mylady …?!“

„Genau so Tatsache, wie ich Ihnen hier gegenübersitze … – Und … und seit diesem unheimlichen Fund spüre ich’s, daß es mit … mir zu Ende geht …! Mr. Harst …“ – Sie ergriff Haralds Hand … „Mr. Harst, retten Sie mich …!! Verschaffen Sie mir die Möglichkeit, ein paar Nächte ruhig zu schlafen … Wenn ich weiß, daß Sie in meiner Nähe sind, werde ich diese entsetzliche Angst überwinden … Mr. Harst, Mr. Schraut, – seien Sie beide einige Zeit meine Gäste … Wohnen Sie in meinem neuen Bungalow … Beziehen Sie ein Zimmer neben meinem Schlafzimmer … Bewachen Sie mich …! Verlangen Sie von mir, was Sie wollen, – – nur – helfen Sie mir! Sie können’s! Sie werden den Spuk verscheuchen … Sie werden mir die Gewißheit geben, daß nichts Übernatürliches zwischen Himmel und Erde existiert …“

Harald nickte ihr gütig zu …

„Mylady, wenn man einen Menschen retten kann, ist es Pflicht, alles zu tun – alles …! Und das will ich …“

„O – haben Sie Dank …! Ich …“

„Halt, Mylady … Danken Sie nicht zu früh … Ich stelle meine Bedingungen …“

„Bedingungen?!“

„Ja … Zunächst folgende: Sie müssen meine Fragen unumwunden beantworten …“

„Das werde ich …“

„Haben Sie zu Lenglen in vertrauteren Beziehungen gestanden?“

„Nein! Als ich Witwe geworden, hatte ich zahlreiche ernsthafte Verehrer – auch Lenglen … Er war … der zudringlichste … Er war zuweilen halb toll … Und das stieß mich ab … Bis ich ihm eines Tages mein Haus verbot … Da begann er den Elefanten zu dressieren … Da schrieb er mir wörtlich: „Ich werde Ihretwegen den Kopf verlieren!“ – Und … er verlor ihn …!“

„Danke, Mylady … Haben Sie den Brief noch …“

„Gewiß, – bitte hier ist er …“

Und – es stimmte: in dem zerknitterten Brief kam der erwähnte Satz vor …!

Alix Gulbranor fügte hinzu:

„Lenglen war reich … Er hatte ein Testament hinterlassen und mich zur Erbin eingesetzt … Ich habe die Erbschaft dem Missionshaus in Multan überwiesen …“

„Danke, Mylady … – Weshalb sind Ihre fünf Bedienten sämtlich taubstumm?! Haben Sie mit Absicht solche bedauernswerten Geschöpfe ausgewählt …“

„Ja – mit Absicht, Mr. Harst … Das Missionshaus in Multan sorgt auch für solche Unglücklichen … Und deshalb habe ich denn fünf dieser Ärmsten zu mir genommen, drei Diener, zwei Mädchen. Sie lohnen es mir mit rührender Liebe …“

„Sie sind ein guter Mensch, Mylady … – Nun noch eine letzte Frage … Und davon hängt alles ab …“

Er sprach sehr ernst …

Alix Gulbranor wurde ängstlich …

„Sie … Sie sind so feierlich, Mr. Harst …!“

„Nur … ernst, Mylady …“

Und mit einen Male hielt er Ihr die Photographie des Fremden hin … – das Bild vom Vormittag aus der Moscheeruine …

Sie nahm’s …

Und – mit einem Male flatterte es zu Boden …

Sie bückte sich schnell … Hob es auf … trat in die offene Balkontür …

„Was ist’s mit dieser Photographie …?! – Ein merkwürdiges Bild … Haben Sie es selbst aufgenommen, Mr. Harst?“

„Ja … Kennen Sie den Mann vielleicht?“

„Ich – – den Mann kennen?! – Nein! Wie kommen Sie nur auf diese Frage, Mr. Harst?!“

„Das möchte ich für mich behalten, Mylady … – Bitte, geben Sie mir das Bild zurück …“

„Und … und … werden Sie mir nun helfen?“

„Ja, Mylady … Wenn es Ihnen recht ist, siedeln wir heute abend zu Ihnen über … Oder – ist Ihr neues Heim dann noch nicht in Ordnung?“

„Doch, doch, Mr. Harst … Meine Möbel sind bereits da … Ich habe drei Dekorateure im Hause … Um acht Uhr ist alles bestimmt eingerichtet …“

Sie erhob sich …

Streckte Harald beide Hände hin …

„Ich … ich komme mir vor wie jemand, der zum Tode verurteilt war, und dem man nun seine Begnadigung mitgeteilt hat …! – Leben Sie wohl, meine Herren … Auf Wiedersehen … Sie werden sich bei mir schon behaglich fühlen …“

Wir begleiteten sie bis zum Portal …

Vor der Freitreppe stand ein zierlicher Ponywagen …

Alix Gulbranor fuhr davon …

Wir schauten ihr nach …

„Sie lügt … sie lügt wie gedruckt …!! Und – sie kennt den Kerl aus der Moschee!“

Und ich:

„Ja – sie kennt ihn …! Sie ließ das Bild absichtlich zu Boden fallen … Sie hätte einen solchen abgenutzten Trick, Verwirrung zu bemänteln, sich schenken sollen …!“

Da – stand Doktor Morton neben uns …

 

 

3. Kapitel.

Patrick O’Neils Aussage.

James Morton war schwer aus der Ruhe zu bringen.

Jetzt war sein freundliches, gutes Gesicht erdfahl … Seine Lippen zitterten …

„Doktor – um Himmelswillen, – was ist geschehen?!“ rief Harald … „Wie sehen Sie aus?! Reden Sie!“

Morton schien die Kehle wie zugeschnürt zu sein …

Er schluckte, hüstelte … Endlich stieß er hervor:

„Ich … ich habe soeben den … den toten Polizeichef O’Neil gesehen …! Halten Sie mich nicht für abergläubisch … Über Derartiges bin ich erhaben … Und auf meine Augen ist Verlaß … Es war O’Neil … Ich irre mich nicht …“

Harst schüttelte den Kopf …

„Doktor, O’Neil hat sich erschossen … Das wissen Sie … Gestern ist er in aller Stille begraben worden …“

Morton nickte …

„Das wohl! Ich habe ja selbst den Tod festgestellt … Und doch – es war der alte O’Neil … oder – – sein Geist!“

„Wo sahen Sie ihn?“

„An dem alten Pavillon an der Ostmauer des Parkes … Ich schlenderte im Parke umher … Plötzlich hörte ich ein Geräusch … Aus den Büschen an der Mauer schwang sich ein Mann auf einen Baumstumpf und dann über die Mauer … Es war O’Neil …“

„Sie meinen den Pavillon, von dem der Gang nach den Kellern des Palastes führt?“

„Ja – ja …! Ich wette, O’Neil kam aus dem Pavillon …“

Harald meinte ernst: „Gut – gehen wir hin, Doktor … Es werden sich wohl noch Spuren finden lassen … Ich habe O’Neils Schuhmaß … Gehen wir!“

Wir schritten eiligst die Freitreppe hinab …

Bald hatten wir die Stelle an der Mauer erreicht …

Der Baumstumpf war oben glatt abgesägt und die Schnittfläche mit kleinen gelben Pilzen und Moos bedeckt. In dieser Schicht zeichneten sich zwei Stiefelabdrücke deutlich ab.

Harst zog seine Brieftasche, entnahm ihr einen Streifen Papier und legte ihn auf die eine Fußspur …

„Um zwei Zentimeter zu kurz, Doktor,“ erklärte er. „Sie sehen, es kann nicht O’Neil gewesen sein, nicht einmal sein … Geist …“

Morton wurde erregt …

„Bester Harst, ich bin doch kein hysterisches Frauenzimmer!! Ich weiß, was ich weiß. Es war der alte Polizeichef. Ein so charakteristisches hageres Gesicht wie das seine gibt es nicht zum zweiten Male. Nicht einmal sein Sohn Patrick, der noch im Polizeigefängnis in Untersuchungshaft sitzt, ähnelt ihm … – Denken Sie denn, daß ich ohne Grund so verstört war?! Bei mir gehört schon eine ganze Menge dazu, mich außer Fassung zu bringen!“

„Freilich, Doktor …! – Meinen Sie etwa, daß ein Mann mit einem Kopfschuß, den Sie selbst für tot erklärt haben, heute hier über eine Mauer klettern kann?! Trug der Mann denn einen Verband?“

„Nein … Er trug einen übel zugerichteten gelblichen Leinenanzug … Die Jacke war auf dem Rücken zerfetzt …“

Da schauten Harald und ich uns bedeutsam an …

Zerfetzte gelbliche Jacke!! Der Mann aus der Moschee – ohne Frage!

Harst sagte zu Morton:

„Doktor, hören Sie mal zu. Folgendes haben Schraut ich heute vormittag auf dem Mohammedanerfriedhof erlebt …“

Er erzählte. Dann zeigte er Morton die Photographie …

„Wenn man Bart und Augenbrauen sich wegdenkt, ist es vielleicht O’Neils Gesicht, Doktor …“

Morton rief: „Mir genügt die Augenpartie! Es ist O’Neil! Oder besser: O’Neil muß einen geradezu verblüffenden Doppelgänger haben!!“ …

„Das wird sich feststellen lassen … Gehen wir ins Polizeigefängnis zu Patrick O’Neil.“ –

Der Leser besinnt sich, daß der Sohn des Polizeichefs als Kronzeuge aufgetreten war, um einer Bestrafung zu entgehen.

Im Polizeigefängnis ließ man uns drei ohne weiteres in Patricks Zelle hinein.

Patrick war nicht allein. Ein Advokat weilte bei ihm, mit dem er gerade den Kaufvertrag über den Bungalow, den die Lady erworben hatte, schriftlich festlegte.

Der Anwalt entfernte sich sehr bald.

Der junge O’Neil war überaus höflich …

„Wenn Sie noch irgend etwas zu fragen haben, Mr. Harst, – bitte … Sie wissen, ich habe in keinem Punkte meiner Aussage gelogen … Falls Sie Ergänzungen wünschen, ich stehe zu Diensten … Ich bin jung und will nicht ins Gefängnis! Man wird mich hoffentlich nach Erledigung der Formalitäten bald entlassen … Unseren Bungalow habe ich schon veräußert. Die Möbel hat ein Händler gekauft. Ich will ein neues Leben beginnen … anderswo …“

Patrick machte keinen schlechten Eindruck. Offenbar war er bei der ganzen Geschichte, die mit den roten Raketen zusammenhing, mehr der Verführte …

Wir hatten uns gesetzt.

Patrick lehnte an der Wand …

„Hatte Ihr Vater nähere Angehörige außer Ihnen?“ fragte Harst.

„Nein … Meine Mutter ist schon vor Jahren verstorben, auch meine Großeltern …“

„Besaß er eine Schwester?“

„Nein … Er hatte einen Bruder, der jedoch während des Weltkrieges mit einem U-Boot unterging …“

„War dies ein Zwillingsbruder Ihres Vaters?“

„Ja, Mr. Harst … Mein Vater hieß mit Vornamen John, sein Zwillingsbruder hieß James – James O’Neil …“

Diese Antworten wurden so frei und offen gegeben, daß man an ihrer Aufrichtigkeit kaum zweifeln konnte …

„Wie war das Verhältnis zwischen den Brüdern?“ bohrte Harald weiter.

„Sehr schlecht, Mr. Harst … sehr schlecht. Mein Onkel James haßte meinen Vater … Der Grund war der, daß auch James meine Mutter geliebt hat …“

„Was war James von Beruf?“

„Nichts und alles, Mr. Harst … Er war ungeheuer vielseitig. Ehrliche Arbeit scheute er … Er trat als Taschenspieler auf, war Agent, sogar Detektiv … Dann wurde er im Weltkrieg zum Militärdienst herangezogen und meldete sich freiwillig als U-Bootkoch …“

Dann fügte er zögernd hinzu:

„Verzeihung, – weshalb fragen Sie nach alledem, Mr. Harst? Glauben Sie etwa, daß James noch lebt …?“

Harald blickte ihn forschend an …

„Und – glauben Sie nicht dasselbe, Patrick O’Neil …?! Seien Sie ehrlich!“

Patrick nickte langsam …

„Ja, Mr. Harst, mir sind wirklich allerlei Zweifel aufgestiegen, ob mein Onkel nicht doch am Leben … Diese Zweifel kamen mir, als ich einmal in Multan war … Da begegnete mir ein blondbärtiger Europäer am Bahnhof, dessen Augen mich stutzig machten … Mein Vater hatte graue Augen, die leicht grünlich schillerten, und einen sehr durchdringenden, stechenden Blick … Genau dieselben Augen besaß der Fremde, der mir im übrigen, wie ich dann feststellte, heimlich folgte. Nachher verschwand er spurlos. Ich habe mit meinem Vater hierüber gesprochen, und seltsamerweise wurde er erst verlegen und dann grob, meinte, ich sollte nicht mehr von einem Schurken reden, der weit schlimmer gewesen als wir beide, die wir es doch nur auf die diamantene Krone von Bawalar abgesehen hatten …“

„Und James wurde dann nie mehr erwähnt?“

„Nein, nie mehr …! Obwohl ich das Gefühl hatte, mein Vater hätte mir so manches erzählen können …“

„Wann war’s, als Sie dem Fremden begegneten?“

„Vor etwa einem halben Jahr …“

„Und Sie sahen ihn nie wieder?“

„Hm – mit Sicherheit kann ich das nicht behaupten, Mr. Harst … Ich traf hier in Bawalar zweimal einen Europäer mit schwarzem Bart und blauer Brille … In einem Städtchen wie Bawalar fällt einem jedes neue Gesicht auf … Und … und ich möchte beinahe sagen: es war wieder mein Onkel James!“

„Ist dieser an Figur kleiner als Ihr Vater gewesen?“

„Gut einen halben Knopf kleiner, dafür etwas breitschultriger …“

„Und – mehr können Sie nicht angeben?“

„Nein – wirklich nicht … Ich bin auch bereit, dies alles zu beschwören. – Mr. Harst, sorgen Sie doch dafür, daß ich entlassen werde. Wenn Sie bei dem Residenten Sir Loringstone für mich ein gutes Wort einlegen, würde dies sicherlich helfen. Ich möchte, wie gesagt, durch Arbeit und Fleiß in einem fremden Lande diesen Fleck auf meiner Ehre austilgen …“

Harald blickte den jungen kräftigen Menschen wieder prüfend an …

„Patrick O’Neil, es wäre auch schade um Sie …! – Gut denn, ich will Ihre sofortige Freilassung erwirken … Heute gegen zehn Uhr abends werden Sie frei sein. Begeben Sie sich dann sofort nach dem Pavillon an der Ostmauer des Palastes der Prinzessin. Sie werden dort im Pavillon von dem Hausmeister Sadik erwartet werden, der Ihnen alles aushändigen wird, was Sie zu einer Verkleidung als Inder brauchen … Ich verlange von Ihnen als Gegendienst, daß Sie den Bungalow, der nun der Lady Gulbranor gehört, beobachten, besonders nachts …“

Er gab Patrick noch nähere Verhaltungsmaßregeln. –

Wir verließen das Polizeigefängnis wieder.

Vor dem Gebäude hielten wir auf dem freien Platze der durch Anlagen verschönt ist scharf nach einem Spion Ausschau …

Es war jedoch nichts Verdächtiges zu bemerken.

Dann waren wir wieder im Parke des Palastes und betraten nun den Pavillon, von dem aus eine Geheimtür in den unterirdischen Gang führte …

Morton und wir beide durchschritten den Gang – bis zu den Kellern … Fanden nichts, was darauf hingedeutet hätte, daß der Fremde, den Harald im übrigen bestimmt für James O’Neil hielt, etwa hier eingedrungen sein könnte. –

Um fünf Uhr speisten wir mit der Prinzessin zusammen zu Mittag. Bei dieser Gelegenheit teilte Harald ihr mit, daß wir abends acht Uhr zu Lady Gulbranor übersiedeln würden und weihte die Prinzessin auch in die Hauptmomente unseres neuen Falles ein.

Die fein gebildete Frau war sehr betrübt, das wir ihr gastliches Haus verlassen wollten. Anderseits begriff sie vollkommen, daß gerade uns dieser Fall Gulbranor besonders interessierte. Von dem leisen Verdacht gegen die Lady hatte Harald geschwiegen. Dieser Verdacht beschränkte sich ja auch lediglich auf Alix Gulbranors durchsichtige Lüge, den Mann auf der Photographie nicht zu kennen. –

Nach Tisch packten wir unsere Koffer …

Und um halb acht erschien vor dem Palast der Ponywagen der Lady, der uns beide und unser Gepäck abholte.

Nach überaus herzlichem Abschied von der Prinzessin, Morton, Sadik und der Dienerschaft fuhren wir der Stadt und dem Bahnhofsviertel von Bawalar zu, wo der Bungalow des toten Polizeichefs inmitten eines weiten Gartens lag, dessen Rückseite an Felder und Überreste der Dschungelwildnis grenzte. –

Hiermit beginnt nun in Wahrheit der … „Traum der Lady Gulbranor“ – einer jener Kriminalfälle, dessen eigenartige Begleitumstände eben nur in einem Lande wie Indien möglich waren. – Die Überfülle von Einzelheiten verlangt von mir eine ganz knappe Schilderung der Geschehnisse. Vieles kann ich nur andeuten.

 

4. Kapitel.

Das Zeichen am Fenster.

Alix Gulbranor hatte uns auf der Veranda erwartet …

Unsere beiden Zimmer lagen nach Osten zu neben dem Schlafzimmer der Lady. Die Verbindungstür zwischen unserem Schlafgemach und dem der Lady war beiderseits mit dicken Vorhängen versehen. Der Schlüssel steckte auf unserer Seite. Wir konnten also jederzeit in den Nebenraum hinein.

Nachdem wir unsere Koffer ausgepackt hatten, wobei uns eine der taubstummen beiden Dienerinnen half, zeigte Alix Gulbranor uns das ganze Haus und den Garten.

Harald sah sich die Räume sehr genau an.

Der Bungalow war genau so gebaut, wie all diese leichten, bequemen Eigenheime der Europäer. Rings um das Haus eine überdachte offene Veranda … Nur ein Stockwerk, ein flaches Dach, ein Nebengebäude für die beiden Ponys und zwei der männlichen Bedienten …

Ein kleiner, tiefer, trockener Keller …

Das war alles.

Der Garten tadellos gepflegt … Wir kannten ihn schon. Vor dem Hause ein großer Springbrunnen, dessen Wasserzuleitung jedoch nicht in Ordnung war … In der Mitte des tiefen Marmorbassins die Steinfigur eines sprungbereiten Tigers, aus dessen halb offenem Maul das Strahlrohr der Fontäne herausreichte. –

Auf der Veranda aßen wir zu Abend.

Die Lady war wie verwandelt. Unsere Anwesenheit schien alle trüben Gedanken verscheucht zu haben.

Um zehn Uhr zogen wir uns zurück und gingen zu Bett. Wir hatten den Schlaf wahrlich nötig. Die letzten Tage waren denn doch zu anstrengend gewesen.

Über uns an der Zimmerdecke drehte sich der große Propeller des Ventilators …

Harald hatte sein Nachttischlämpchen mit dem lilaseidenen Schirm brennen lassen …

Ich schlief sofort ein …

Erwachte erst beim Morgengrauen …

Harald schnarchte leise …

Ich erhob mich, schob die Fenstervorhänge zurück und … sah auch schon den Zettel, den Patrick uns vereinbarungsgemäß durch die Stäbe der Jalousie hindurchgeschoben hatte: seine erste Meldung.

Ich las voller Spannung:

„Sadik hat mir alles ausgehändigt. Ich bin frei und danke Ihnen herzlich. Ich habe von elf Uhr abends den Bungalow dauernd umschlichen. Um zwölf Uhr bemerkte ich an der Fontäne einen Mann, den ich leider nicht genau sah. Er eilte durch den Garten den Feldern zu und verschwand im Gestrüpp. Da ich seine Spur verloren hatte, kehrte ich um und umkreiste wieder den Bungalow. Um halb zwei ereignete sich etwas mir Unbegreifliches. Der Mond beleuchtete den Rasenplatz vor dem Hause und den Springbrunnen. Ich bemerkte flüchtig einen Menschen, der in das Brunnenbassin hineinstieg. Ich kroch auf allen Vieren näher. Und schließlich wagte ich es, in das Bassin hineinzuschauen. Der Mann war verschwunden. Er muß mich wohl doch wahrgenommen und sich heimlich entfernt haben, obwohl mir dies fast unmöglich erscheint. – Jetzt um drei Uhr ziehe ich mich zurück, da es hell zu werden beginnt. Sadik hat mir einen Kellerraum im Palast zum Schlafen hergerichtet. Dort bin ich am Tage anzutreffen.“

Ich weckte Harald. Er war schwer munter zu bekommen.

Las den Zettel … Saß auf dem Bettrand …

Meinte flüsternd:

„Beobachte Dich einmal ganz genau, mein Alter …“

„Weshalb?!“

„Ist Dir der Kopf nicht auch so etwas schwer?! Ich habe ein Gefühl leichter Benommenheit … Ich glaube, die Eisbowle gestern abend war nicht ganz harmlos … Die Lady trank nur ein Glas … Ich vier … Du drei … Es muß irgendein Schlafmittel darin gewesen sein … muß – ein harmloses Mittel, das immerhin genügte, uns für die Nacht ungefährlich zu machen …“

Ich stand dicht vor Harald …

Und – er hatte recht. Auch ich spürte jetzt, daß ich körperlich und geistig nicht so frisch war, wie ich es hätte nach einer so fest durchschlafenen Nacht sein müssen …

Er nahm sein Feuerzeug und verbrannte den Zettel. Die Asche zerrieb er und streute sie in den Aschbecher.

Dann schlich er zu der Portiere, die die Verbindungstür verdeckte und untersuchte sie, ob irgendwo ein Löchlein sich befände …

Dasselbe tat er mit der Wand neben der Tür …

Fand nichts …

Meinte leise:

„Ich wette, der Mann, den Patrick sah, war James O’Neil … Und James ist irgendwie ein Verbündeter der Lady …“

„Jedes Bündnis muß einen Zweck haben, Harald …“

„Natürlich, mein Alter … Nimm einmal an, daß Lady Gulbranor hierher gekommen ist, um … die Krone von Bawalar zu suchen. Du weißt, die Krone ist pures Gold und mit fünfhundert Diamanten besetzt, ihr Wert etwa vier Millionen Mark … Das kann selbst eine Dame reizen, und – die Lady ist nicht reich.“

„Wie – glaubst Du etwa, daß sie all das nur … erfunden hat, was sie uns über ihre Träume erzählte?“

„Darüber möchte ich vorläufig nicht urteilen … – Nehmen wir ein Bad …“

Und wir standen im kleinen Baderaum unter der Dusche …

Wir lebten auf … –

Um sieben Uhr betraten wir die Veranda …

Der Frühstücktisch war schon gedeckt …

Um halb acht kam eine der taubstummen Dienerinnen – in wildester Erregung – winkte … gestikulierte, stieß lallende Laute aus …

Wir folgten ihr … – in der Lady Schlafgemäch …

Da lag Alix Gulbranor in einem leichten seidenen Morgenrock auf dem Diwan …

Ohnmächtig – mit verzerrtem Gesicht …

Eine Stunde später hatte Doktor Morton sie durch eine Kampferinjektion wieder zu sich gebracht …

Und wieder nach einer Stunde war sie imstande, uns alles zu erzählen …

Der Spuk war abermals erschienen: Lenglen mit dem Kopf im Arm und der Kobra in der Hand!

„… Vor namenlosem Grauen fiel ich in Ohnmacht … Ich konnte nicht einmal mehr einen Schrei ausstoßen …“

Sie weinte …

Und – das war unmöglich Komödie!

Wir saßen bei ihr … Harald tröstete sie …

„Mylady, wir werden hier von Ihrem Schlafzimmer insgeheim eine Klingelleitung nach nebenan legen … Den Knopf behalten Sie dann in der Hand … Eine Glocke, die nur ganz leise anschlägt …“

Morton war schon wieder gegangen …

Und Harst fügte hinzu:

„Mylady, diese Ihre … Erlebnisse müssen geklärt werden! Seien Sie aufrichtig! Hatten Sie etwas gestern abend in die Bowle hineingetan?“

Sie starrte Harald an …

„Ich – – ich?! Hineingetan?! Was denn?! Ich sollte …, – oh, Sie meinen ein Betäubungsmittel, dergleichen …! Mr. Harst, ich schwöre Ihren bei …“

„Lassen Sie es, Mylady … Ich glaube Ihnen … Nur eins glaube ich nicht: Sie kennen den Mann, den ich in der Moschee photographierte! Bestimmt kennen Sie ihn!“

Alix Gulbranor errötete …

Kämpfte mit sich …

Hauchte schließlich kaum verständlich …:

„Ja, ich … kenne ihn …“

„Ah – und wer ist’s?!“

„Das weiß ich nicht, Mr. Harst … Ich will Ihnen wahrheitsgemäß alles berichten … Bei meinen nächtlichen Radtouren kam ich vor Monaten – und das war kurz vor Lenglens Tod – in eine Gegend nordwestlich von Multan, die wegen ihrer Sümpfe gemieden wird … Meilenweit wohnt dort niemand. Eine einzige Straße, ein Damm, durchschneidet diese Wildnis … Und mitten in den Sümpfen steht ein verfallenes Rasthaus. Dort machte ich damals Station. Und dort traf ich mit einem schwarzbärtigen Europäer zusammen, der auf einem Dromedar dahergeritten kam. Der Mann leistete mir Gesellschaft. Wir sprachen über gleichgültige Dinge. Mit einem Male zeigte er mir eine Photographie Lenglens und sagte drohend: „Mörderin!! Sie werden Ihrer Strafe nicht entgehen!“ – Bevor ich mich noch von meinem Entsetzen erholt hatte, war er davongeritten … – Ich habe ihn nie wieder gesehen … Aber alles, was ich damals erlebte, hat auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Bedenken Sie, daß Lenglen damals um mich warb und noch lebte. Erst zwei Wochen später starb er …! Bedenken Sie: Der unheimliche Fremde schrie mir also schon damals sein drohendes, anklagendes „Mörderin!“ ins Gesicht!“

Sie schluchzte …

„Mr. Harst, ich bin dem Irrsinn nahe …! Mr. Harst, ich sehe ein, daß auch Ihre Nähe mich nicht schützt …!“

„Ein Irrtum, Mylady!“ Harald hatte ihre Hand genommen. „Ein Irrtum! Wir werden die Verbindungstür zwischen unseren Schlafzimmern ausheben, nur die Vorhänge belassen … Mylady, dann sind wir im Moment bei Ihnen … Und Schraut und ich werden abwechselnd wachen … Stellen Sie den großen Wandschirm so, daß er dicht an den Vorhang sich lehnt, damit wir dahinterschlüpfen können …! – Seien Sie getrost! Ich habe Sie in falschem Verdacht gehabt … Ich muß mich deshalb entschuldigen … Ich glaubte, Sie hätten es auf die Krone von Bawalar abgesehen …“

Alix Gulbranor lächelte gramvoll …

„Oh – auch das nehme ich hin! – In Multan verkehrte niemand mehr mit mir … Ich sollte Lenglen in den Tod getrieben haben – – ich!!“

Und – sie weinte leise …

Sie tat mir unendlich leid …

Wir führten sie dann auf die Veranda …

Harald fütterte sie wie ein Kind. Langsam bekamen ihre Wangen wieder Farbe … – –

An diesem Tage ereignete sich nichts mehr, was erwähnenswert wäre …

Abends halb elf gingen wir in unser Schlafzimmer.

Die Verbindungstür war entfernt worden. Die elektrische Glocke hatte Harald angebracht und die Drähte ganz versteckt gelegt …

Wir hörten Lady Alix ruhelos hin und her wandern …

Dann nahm sie auf dem Diwan Platz … Sie las … Wir hörten das Knittern der Buchseiten, die sie umschlug …

Ich hatte mich in Kleidern auf das Bett gelegt. Harald lag auf dem Teppich dicht vor dem Vorhang. Er wollte bis ein Uhr morgens wachen. Dann sollte ich ihn ablösen.

Ich konnte nicht einschlafen … Meine Nerven waren in hellem Aufruhr …

Das Zimmer war vollständig dunkel … Ich ahnte nur, wo Harald lag … Vernahm zuweilen ein paar Atemzüge …

Wer sollte wohl einschlafen, wenn derartiges bevorstand?!

Meine Sinne waren bis aufs äußerste gespannt … Da mein Bett mit dem Kopfende nach der Fensterwand hin stand, hörte ich auch das Rauschen der Parkbäume, das verschlafene Kreischen halbzahmer Affen und andere Laute …

Endlos langsam schlich die Zeit hin …

Unendlich viel ging mir durch den Kopf … Mein Hirn arbeitete wie selbst … Wirre Bilder tauchten in flüchtigen Momenten des Halbschlafes auf …

Und eine einzelne Frage war’s, die sich mir stets von neuem aufdrängte: Was trieb James O’Neil hier in dieser Gegend?! Und weshalb mochte er Lady Gulbranor damals im Rasthause dieses völlig unberechtigte „Mörderin!“ zugerufen haben?! War er es etwa, der den Spuk inszenierte, der den toten Lenglen darstellte?! Und wenn – was bezweckte er damit?!

Wieder war ich für Sekunden in jenen merkwürdigen Zustand verfallen, in dem man zu träumen glaubt und doch lediglich die Herrschaft über das logisch geordnete Denken verloren hat, so daß es seine eigenen Wege wandelt …

Dann schreckte ich empor …

Mein Gehör war noch nicht ausgeschaltet gewesen …

Und meine Ohren hatten mir dem Hirn die Gewißheit zugeleitet: Draußen auf der Veranda vor den Fenstern schleicht ein Mensch umher!

Ich war wach, völlig wach …

Meine Sinne konzentrierten sich gleichsam nach draußen …

Ja – da war ein Geräusch auf der Veranda …

Ein Scharren, Kratzen …

Und mit einem Male wußte ich’s genau: es kratzte jemand mit dem Fingernagel am Fensterkreuz, um sich bemerkbar zu machen …

Jemand – jemand …! Nur Patrick O’Neil konnte es sein!

Im Nu saß ich aufrecht …

Im Nu war Harald neben mir …

Ich spürte seinen Mund an meinem Ohr …

„Ich habe es gleichfalls gehört …! Nicht melden …!! Still! Es kann eine Probe sein …“

Draußen nichts mehr …

Bäume rauschen … Das scharfe Zischen der Nachtschwalbe …

Dann – wieder das Kratzen …

Wieder Stille …

Harald sitzt neben mir auf dem Bettrand …

Und – wir warten …

Warten endlos … endlos …

Nichts meldet sich mehr …

Der Morgen kommt … Ich bin längst eingeschlafen …

Die Nacht ist vorüber …

Nichts geschehen – – scheinbar … Scheinbar nur!

Jemand rüttelt mich …

Ich fahre hoch … das Fenster offen … Erste Sonnenstrahlen draußen …

Harst flüstert:

„Patrick liegt im Bassin des Springbrunnens – erwürgt …! – Komm’ mit!“

 

5. Kapitel.

Nalak, der Koch.

Im schwarzseidenen Schlafanzug, mit Morgenschuhen lautlos zum Fenster hinaus auf die Veranda …

Über die Rasenfläche zum Marmorbrunnen, wo der sprungbereite Tiger droht …

Im Bassin liegt Patrick auf dem Bauche zwischen welkem Laub und losen zusammengewehten Gräsern …

Man hat ihn erwürgt … Am Halse sieht man die Spuren der Finger des Mörders … Eine ungeheure Kraft muß dieser Mensch besessen haben, denn Patrick O’Neil ist kein Schwächling gewesen … –

Harald, der völlig angekleidet ist, eilt zur Polizei, damit die Leiche sofort abgeholt wird. Er will Lady Gulbranor die Aufregungen ersparen …

Ich sitze allein auf dem Bassinrand. Es ist vier Uhr morgens …

Der Bungalow schläft …

Ich schaue auf Patrick O’Neil …

Armer Patrick …

Schaue ringsum …

Über den Rasen kommen ein paar graugrüne Affen, die hier im Garten wohnen …

Aber sie bleiben in respektvoller Entfernung und stieren mich an, machen Kehrt …

Die Vogelwelt ist munter …

Papageien streichen hin und her. Kleine indische Finken vollführen einen grellen Lärm … Und der Allerweltsgassenjunge unter den Vögeln, der Sperling, zirpt auf dem Verandadach …

Patrick also tot …

In dieser Nacht ermordet …

Ob Patrick etwa am Fensterkreuz gekratzt hat?!

Ich erhob mich, knie neben dem Toten …

Leichenscheu kennt unsereiner nicht …

Ich prüfe die Fingernägel Patricks …

Die Fenster sind mit weißer Ölfarbe gestrichen … wenn Patrick es war, der sich bemerkbar machen wollte, muß unter seinen gepflegten Nägeln etwas Ölfarbe, geringe weiße Teilchen, vorhanden sein …

Ich finde nichts …

Setze mich wieder …

Überlege …

Es kann also nur der Mörder gewesen sein, der am Fenster sich hören ließ? Wollte er einen von uns hinauslocken?! –

Dann kehrt Harst zurück. Vier Beamte mit ihm … Auch der neue Polizeichef …

In aller Stille wird Patrick weggebracht. Harald hat dem Polizeichef versprochen, daß wir dem Mörder nachspüren werden, daß er sich nicht weiter zu bemühen brauche …

Wir sind wieder in unserem Schlafzimmer …

Sind soeben durch das Fenster eingestiegen …

Da – von nebenan ein Stöhnen, ein dumpfes unheimliches Röcheln …

Und Harst hinein – hinein zu Alix Gulbranor …

Sie … liegt auf dem Teppich vor dem Diwan …

Nicht ohnmächtig …

Nein … sie ist bei Besinnung … aber ihre Augen sind wie erfüllt von einem Übermaß von Grauen, sind weit hervorgequollen …

Harald hebt sie empor und legt sie auf den Diwan …

Ich habe bereits aus unserer Reiseapotheke das Fläschchen mit Äther geholt …

Alix Gulbranors wahnsinniges Entsetzen löst sich in einem Strom von Tränen …

Lenglen ist ihr abermals erschienen … Lenglen war bei ihr, als wir draußen im Garten am Springbrunnen waren …

Allmählich erzählt sie uns alles …

Wie sie so fest und ruhig geschlafen habe …

Wie dann ein eisiges Etwas über ihr Gesicht strich …: eine Kobra! Die Kobra – die Kobra, die Lenglen in der Hand hielt …

Und so habe sie den Spuk im Licht der kleinen Lampe gesehen – wie immer …

Diesmal aber habe sich noch etwas ereignet: Lenglens Kopf habe gesprochen … Habe ihr zugerufen: Mörderin!!

Und dann sei der Spuk hinter dem Wandschirm verschwunden …

Die Lady erholte sich schneller als wir hoffen durften. Und das lag wohl daran, weil Harald sie gefragt hatte, ob es auch bestimmt Lenglens Stimme gewesen sei …

Da war Alix Gulbranor stutzig geworden …

„Nein, nein …!“ meinte sie. „Jetzt, wo ich mir all das überlege, – nein, es war niemals Lenglens Stimme!“

Sie lächelt schwach …

„Wie leicht man sich doch täuschen läßt! Und wie doch eine Kleinigkeit uns wieder gesund macht …! Diese Stimme, die nicht Lenglens Stimme war, hat mir bewiesen, welch frechen Betrug man mir gegenüber wagte! Man narrte mich durch einen Wachskopf und eine Kobra ohne Giftzähne – durch eine Art Puppe …! – Gehen wir frühstücken, meine Herren … Alix Gulbranor ist … kuriert!“

So konnte Harald ihr denn nun auch vom Tode Patricks erzählen.

Sie nahm die Nachricht kühl entgegen …

„Mr. Harst, meine Nerven werden nie mehr streiken … Jetzt wünsche ich die Nacht herbei … Mag der … Geist nur kommen …!“

Wir sprachen über James O’Neil … Über die Blitzlichtaufnahme, über vieles andere … Schließlich auch über den Schlaftrunk in der Bowle vorgestern abend …

Harsts Stimme wird leiser …

„Trauen Sie Ihrer Dienerschaft vollkommen, Mylady? Es kann doch nur einer der Diener etwas ich die Bowle getan haben …!“

Alix Gulbranor kraust nachdenklich die Stirn … Ihre schmale feine Hand greift nach einer Zigarette …

Harald gibt ihr Feuer …

„Trauen?!“ meinte sie … „Ich traue jetzt niemandem mehr … niemandem!“

„Wann nahmen Sie die fünf Taubstummen zu sich, Mylady“?“

„Gleich nach dem Tode meines Gatten, als ich unseren großen Haushalt aufgelöst hatte …“

„Und die fünf sind Ihnen sämtlich von der Missionsanstalt in Multan überwiesen worden?“

„Ja … das heißt – doch nicht alle fünf … Der Kutscher und Koch Nalak – Sie kennen ihn ja – bot sich mir persönlich an … Ich hatte mich mit vier Leuten begnügen wollen. In der ersten Zeit fiel es mir sehr schwer, mich mit den Taubstummen zu verständigen … Jetzt beherrsche ich ihre Zeichensprache vollständig …“

„Nalak war’s, der uns vorgestern mit dem Ponywagen abholte?“

„Ja, gewiß …“

„Und der ist gleichzeitig Koch?“

„Ja – sogar ein vorzüglicher Koch …! Nur – ein Faulenzer und Bummler … Er treibt sich gern umher …“

„So … so …“

Alix Gulbranor wird aufmerksam …

„Beargwöhnen Sie Nalak, Mr. Harst?“

„Oh – mir fiel nur ein, daß James O’Neil Koch auf einem U-Boot gewesen sein soll …“ – Er flüstert’s ganz leise … „Ja, das fiel mir ein … – Lassen Sie sich aber nichts merken, Mylady …“

Die hat sich etwas verfärbt …

„Mr. Harst, Sie … Sie glauben, daß Nalak etwa …“

„Mylady – eine Vermutung! Nalak sieht ja als Inder mit seinem prächtigen schwarzen Bart ganz echt aus … Aber es gibt Verbrecher, die sich in der Vollendung zu verkleiden wissen … – Wie steht Nalak zu Ihren übrigen Bedienten?“

„Er hält sich von ihnen fern, da er der Religion nach Parse und die anderen Hindus sind … Sie wissen ja, daß hier die Religion Abgründe zwischen den Menschen schafft …“

Harald raucht und sinnt vor sich hin …

Dann:

„Mylady, machen Sie jetzt eine Spazierfahrt mit dem Ponygespann … Nehmen Sie Nalak und einen Diener mit … Dann sind nur noch drei außer uns im Hause … Und diese drei werde ich beschäftigen …“ –

Um acht Uhr morgens rollte der Ponywagen davon …

Harald schickt die beiden Dienerinnen und den dritten Inder nach hinten in den Garten und bedeutet ihnen, daß er dort gestern einen Ring verloren haben müsse. Sie sollten danach suchen … Und jenem gibt er eine kleine Goldmünze … Freudig eilen die drei davon …

Wir sind allein im Bungalow …

Nalaks Zimmer liegt neben der Küche nach hinten heraus …

Wir beide durchsuchen es …

Ohne Erfolg …

Dann die Küche, die Speisekammer, den kleinen tiefen Keller, in den man aus der Küche gelangt …

Und wir suchen so, wie wir es können … Wir haben Augen, die seit langem zugleich mit prüfenden Gedanken arbeiten …

Trotzdem: Nichts!

Und ich – ich habe dies vorausgesehen. Ich habe mir Nalak vorhin im Sonnenschein angesehen, bevor Lady Alix den Ponywagen bestieg. Dieser Inder ist unmöglich verkleidet … Dieser Nalak hat nicht die graugrünen stechenden Augen, die James O’Neil haben soll …

Nein – schläfrige, entzündete Augen hat er … Offenbar eine Schwäche in den Lidern, die er nur mühsam offenhält …

„Nach oben!“ meint Harald …

Und er rückt die leeren Kisten wieder zurück, die er hier im Vorkeller beiseite geschoben hat …

Wir schreiten der Kellertreppe zu, biegen um die Ecke des Ganges und – prallen auf einen Menschen, der blitzschnell zweimal zuschlägt – mit einem kleinen nassen Sandsack – mit ungeheurer Kraft …

Ich knicke um …

Mein Bewußtsein schwindet …

Ein letzter Gedanke:

„James O’Neil – – der Mann aus der Moschee, der Mann von der Photographie …!“

 

Wie Edward Lenglen starb…

 

 

1. Kapitel.

Die zweite Photographie.

Der Mann von der Photographie …!!

Nun – er machte es gnädig …

Eigentlich verblüffend gnädig … Denn als wir erwachten, als Lady Alix und Dr. Morton sich um uns bemühten, da lagen wir auf unseren Betten in unserem Schlafzimmer …

Dort hatte man uns bewußtlos gefunden … –

Folgendes erfuhren wir nachher von Lady Gulbranor, während wir mit Eisbeuteln auf den Schädeln dalagen:

Lady Alix war mit dem Ponywagen ein Unfall zugestoßen. Nalak hatte weit drüben nach dem Ghara-Fluß zu einer Kamelkarawane ausweichen wollen und war gegen einen Stein gerannt, wobei das eine Hinterrad in Trümmer ging. Mylady und der Diener waren an der Unfallstelle in einer Hütte zurückgeblieben. Nalak ritt mit dem einen Pony nach Bawalar, um ein Ersatzrad für den Wagen zu holen. Da er aber nach fünf Stunden noch nicht wieder erschien, hatte Mylady den Diener in ein nahes Dorf geschickt und einen Wagen gemietet. Daheim fand sie uns bewußtlos vor. Nalak aber spurlos verschwunden. Das Pony, das er benutzt hatte, stand im Stalle. –

Nun war es ja erwiesen, das Nalak kein anderer als James O’Neil gewesen …

Und doch war damit wenig gewonnen …

Denn die Hauptpunkte blieben dunkel …: Weshalb hatte James O’Neil die Lady (denn natürlich hatte nur er den „Geist“ dargestellt) derart gefoltert – weshalb?! Welches Interesse hat James O’Neil an der Person Lady Gulbranors?! Wo war das Motiv für seine teuflische Handlungsweise?!

Nun – in diesem Zustand, mit diesen wahnsinnigen Kopfschmerzen und mit dieser Beule mitten auf meiner Glatze war es schlauer, das Hirn nicht weiter anzustrengen.

Doktor Morton hatte jedem von uns ein Tränklein gereicht, und dieses Beruhigungsmittel wirkte nun. Ich schlief ein. Erwachte erst nachmittags sechs Uhr, gähnte herzhaft und schaute nach Haralds Bett hinüber.

Es war leer …

Der Eisbeutel lag noch auf meinen Schädel. Und dieser Schädel war schmerzfrei. Ich erhob mich, zog mich an …

Und wie ich gerade vor dem Spiegelschrank meine Krawatte knotete, trat Harald von unserem Wohnsalon her leise ein …

Leise – und mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck im Gesicht …

„Ah – gut, daß Du munter bist, mein Alter …“ flüsterte er. „Lady Alix sitzt mit dem Rechtsanwalt im Garten und verhandelt noch wegen des Hauskaufs, der nun durch Patricks Tod rechtlich auf Schwierigkeiten stößt. Ich habe diese Gelegenheit benutzt, in einer nicht gerade vornehmen Weise zu spionieren … In dem Salon unserer Gastgeberin interessierte mich der Schreibtisch … Man muß ja leider häufig manches tun, was einem innerlich widerstrebt … Die Lady hatte den Schlüssel des Mittelfaches stecken lassen. Ich öffnete es … Da war ein Kistchen mit Photographien und anderen scheinbaren Nichtigkeiten. Scheinbaren!! – Denn – unter diesen Bildern fand ich eine Visitphotographie, bei deren Anblick mir’s wahrhaftig ganz heiß wurde …“

„Nun – und …?!“

Er legte mir die Hand schwer auf die Schulter …

„Max Schraut, es war ein Bild James O’Neils!! James O’Neil mit blondem Spitzbart, mit Tropenhelm, Sportjacke …! Unverkennbar James O’Neil! Also derselbe Mann, den ich bei Blitzlicht knipste und der hier den Kutscher-Koch Nalak spielte! – Ich war einfach sprachlos! Und – drehte das Bild um … Da stand sogar noch eine Widmung:

Ich werde dafür sorgen, daß Sie mich niemals vergessen!!

Der Dromedarreiter.

Ja – das war oder ist die Widmung … Stelle Dir vor: Wie gut muß die Lady diesen Menschen kennen! Ein Bild von sich hat er ihr geschenkt, und sie hat dieses Bild aufbewahrt!“

Ich konnte nur den Kopf zu alledem schütteln …

Und meinte:

„Man müßte der Lady glatt ins Gesicht sagen, daß sie uns grob beschwindelt hat …! Es ist ja doch einfach empörend, daß sie uns, die wir ihr helfen sollen, derart anschwindelt! Womöglich ist überhaupt alles nur Spiegelfechterei! Womöglich hat sie überhaupt nie diesen sogenannten Spuk gesehen – die Ohnmacht und alles andere nur vorgetäuscht …“

„Stopp – stopp …!!“ Und Harald lächelte etwas … „Deine Geistesrosse gehen durch, mein Alter …! Du übertreibst …! So einfach liegt dieser Fall denn doch nicht … Im Gegenteil! Es gibt hier zweifellos noch einen ganzen Hut voll Überraschungen! Nur – gelogen hat die Lady nicht, nur manches verschwiegen … Und dies, was sie uns unterschlug, sind Herzensangelegenheiten, behaupte ich …“

Er setzte sich in einen Korbsessel und streckte die Beine weit von sich …

Und wie nun in seine Augen jener besondere Ausdruck trat, der sich bei ihm immer einstellt, wenn seine Gedanken in eine ferne Vergangenheit zurückwandern, in der er selbst einmal ein Mädchen mit der ganzen Liebesfülle seines reichen Herzens anbetete, – ein Mädchen, das ihm dann durch Mörderhand entrissen wurde, – da fügte er mit halb geschlossenen Augen hinzu:

„Lady Alix hat den Hauptmann Edward Lenglen doch geliebt … – weshalb sie es abstreitet, weiß ich nicht … Ich werde es aber erfahren …“

Mir kam ein Gedanke …

„Ob etwa James O’Neil Lenglens Nebenbuhler war?!“

„Du fragst viel auf einmal, mein Alter,“ nickte er versonnen. „Aber – vielleicht berührt diese Frage den Kern der Sache – vielleicht …!“

Und nach längerer Pause – noch leiser, noch versonnener:

„Wo Liebe mitspricht, kämpft man als Detektiv gegen Urgewalten …! Liebe und Hunger – die treibenden Kräfte in der Menschheitsentwicklung, sogar in der hohen Politik der Staaten!“

Nochmals eine Pause …

Dann ganz unvermittelt:

„Vielleicht – vielleicht ist Lenglen gar nicht freiwillig gestorben …!“

Ich blickte ihn überrascht an …

„Verzeih’, – er schrieb doch der Lady eine Art Abschiedsbrief, in dem er …“

„… von der Absicht sprach, sich zu töten …, nur in Andeutungen sprach er davon … Niemand war Zeuge seines Endes. Man fand ihn in dem Elefantengehege – Rumpf und Kopf getrennt … Und die Polizei hat sich wohl kaum die Mühe gegeben, weiter nachzuforschen, weil Lenglen seinen Jagdelefanten eben in dieser besonderen Weise zu Schwerthieben abgerichtet hatte …“

Er setzte sich mit einem Ruck aufrecht …

„Genug der Worte, Max Schraut! Überlegen wir, was wir tun können … James O’Neil, der verkappte Kutscher-Koch Nalak, ist entwischt, nachdem er uns einen bösen Denkzettel gegeben hat … – Weshalb schlug er uns nieder?! Weshalb?! Weshalb kam er nach hier in den Bungalow?!“

Ich war jetzt andächtiger Zuhörer …

Eine Antwort erwartete Harald von mir nicht … Ich hätte ihm auch keine geben können …

„Sieh mal, mein Alter: James O’Neil ist es aufgefallen, daß die Lady diese Spazierfahrt unternahm … Sie, die begeisterte Motorradlerin ist – sie, die ganz selten den Ponywagen benutzte, mußte, wie er offenbar dunkel empfand, einen besonderen Grund zu dieser Fahrt gehabt haben … Und so ist aus diesem ersten Mißtrauen denn bei James sehr bald die Überzeugung emporgewachsen, daß wir beide diese Spazierfahrt veranlaßt hatten, um ihn eben aus dem Bungalow zu entfernen, um sein Zimmer zu durchsuchen … Und – deshalb ging das Hinterrad in Trümmer … Deshalb ritt er nach Bawalar zurück … Die … Angst trieb ihn hierher, die Angst, daß wir etwas finden könnten … – Aber – wir fanden nichts … Er überraschte uns, als wir die Suche gerade aufgegeben hatten … Zwei Hiebe mit einem nassen kleinen Sandsack – wir waren erledigt … Und James O’Neil konnte nun das mitnehmen, was wir … nicht gefunden hatten … – So muß es gewesen sein …! Und das, was er mitnahm, mein Alter, – – sinne einmal nach, – was war’s?!“

Jetzt – konnte ich antworten …:

„Der in Wachs tadellos nachgebildete Kopf Lenglens, der hier im Bungalow verborgen war!“

„Ja – und noch mehr war’s: all das andere, was er, der frühere Taschenspieler für den „Spuk“ gebrauchte …! – Es fragt sich nun: wo sollen wir noch suchen?! Und – mit den Augen zu suchen, hätte keinen Zweck mehr … Wir müssen’s mit dem Verstande … Nur so werden wir Erfolg haben … – Überlege: James hätte nicht nötig gehabt, uns hier im Keller niederzuschlagen, denn – er konnte uns hier bequem einschließen. Dann hätte er mit den Sachen, die er uns entziehen wollte, flüchten können … Falls diese Dinge eben oben im Hause verborgen waren – – falls!! – Merkst Du etwas, Max Schraut?! Die Sachen waren nicht oben verborgen … Die Sachen müssen hier im Keller versteckt gewesen sein! Das nennt man: mit dem Verstande suchen!! – Also – – suchen wir jetzt von neuem. Denn jetzt wissen wir: es muß im Keller ein treffliches Versteck geben – muß! – Und berücksichtigen wir dabei noch etwas: Des armen Patrick schriftliche Meldung! Du wirst sie noch im Kopfe haben … Patrick betonte, daß der Mann, den er beobachtete, aus dem Brunnenbassin geradezu verschwand – – verschwand! – – Komm’, gehen wir …! Die Sache muß vorwärts gebracht werden …!“

So betraten wir denn die Küche … Von hier aus den Keller …

Unserer Taschenlampen weiße Lichtfinger tasteten über die Steintreppe hin …

Nach alter Gewohnheit vermieden wir jedes Geräusch …

Kamen um die Biegung des Ganges …

Vor uns der Hauptgang …

Vier Holztüren …

Die eine offen … Lichtschein dort in jenem Gelaß …

Einen Moment standen wir still …

Dann glitt Harald vorwärts …

Die Pistole jetzt in der Rechten …

Da – erlosch der Lichtschein …

Das Gelaß – leer …

Völlig leer …

Aber für feine Nasen in der Luft ein schwacher Geruch von Petroleumdunst …

Hier war jemand mit einer Petroleumlaterne gewesen … Die Laterne hatte geblakt(2)

Und – noch ein anderer, angenehmerer Duft …: Parfüm – zartes Parfüm – eine Mischung von Veilchen und Reseda, etwas ganz Eigenartiges.

Und das – war Lady Gulbranors Parfüm …!

 

 

2. Kapitel.

Eine gemeine Intrige.

Dieses Kellergelaß hatten wir ja bereits durchsucht …

Jetzt taten wir’s von neuem mit der Gewißheit, daß wir etwas finden müßten …

Wir beleuchteten das Gemäuer … Jede Fuge … Wo der Mörtel herausgefallen war, schob Harald die Messerklinge hinein … Wir … fanden nichts …

Der mit Mauersteinen ausgelegte Boden verriet ebensowenig …

Harst wird ungeduldig …

„Wenn der tote Polizeichef O’Neil hier in seinem Bungalow ein Geheimnis geschaffen hat, so wird’s eine harte Nuß sein,“ flüsterte er. „Und wenn Patrick bei den Verhandlungen über den Verkauf der Lady dieses Geheimnis anvertraut hat, so dürfte …“

Da schwieg er …

Hatte seine Taschenlampe ganz dicht an eine Stelle der Mauer rechts neben der Tür gedrückt …

Und da war eine Mauerfuge, die wir schon einmal geprüft hatten …

Da war doch etwas Besonderes … Da war in der Tiefe der Fuge ein winziges Pünktchen, das matt metallisch schimmerte …

Die Spitze eines Eisenstäbchens …

Harst drückt mit dem Messer darauf … Drückt stärker …

Stärker …

Und … unter uns sinkt der Ziegelboden – ganz langsam …

Ein Viereck – eine kleine bewegliche Plattform nimmt uns mit hinab …

Des Polizeichefs Geheimnis ist kein Geheimnis mehr …

Nein – – wir stehen nun unten in einem meterbreiten Gang … Bretterwände ringsum … Spinnengewebe hängen in den Winkeln … Die Augen der großen indischen Eudoxosspinne schillern im Licht der Taschenlampen wie kleine Brillanten …

Hinter uns hebt ein einfacher Mechanismus das Mauerviereck wieder empor …

Wir schreiten weiter …

Vierzig – fünfzig Meter …

Dann – vor uns rötlicher Lichtschein … Eine runde Grotte …

Eine kniende Frau …

Uns den Rücken zeigend …

Kniend vor einem Holzkasten … In dem Kasten mit bebenden Händen wühlend … Neben ihr die stinkende Laterne …

Lady Gulbranor …

In Briefen wühlend …

Hin und wieder eins der Schreiben emporhebend …

Überfliegend …

Verzweifeltes, trostloses Schluchzen … Dann ein halblauter Schrei: Sehnsucht und Schmerz:

„Edward – – Edward!!“

Sie weint …

Sie hat die Hände vor das Gesicht gepreßt … Liegt halb über dem schwarzen Ebenholzkasten …

Wie eine Büßerin …

Wie eine, die einem Toten unendlich viel abzubitten hat …

Und wir – regungslose, erschütterte Zuschauer … Wir kaum fähig, uns zu rühren … Dieses gramvolle Weinen greift ans Herz!

Wir warten …

Lady Alix erhebt sich …

Hebt den Ebenholzkasten mit dem köstlichen Goldmosaik mit empor … Preßt ihn an sich …

Wendet sich um …

Hat die Laterne ergriffen …

Und – bemerkt uns …

Schrickt leicht zusammen …

„Ah – – gut, daß Sie mir hier begegnen, meine Herren!“ Ihre Stimme ist fest und sicher …

„Endlich habe ich Gewißheit – endlich! Mr. Harst, fast zwei Jahre habe ich auf diesen Augenblick gewartet – gehofft …!“

Wir treten näher …

Ich schaue mich um …

Und weiß nun, wo wir uns befinden: unter dem Bassin der Fontäne!

Alix Gulbranor spricht weiter …

„Mr. Harst, jetzt will ich Ihnen alles sagen – alles! Jetzt – – weiß ich alles …!“

Ihre Stimme beginnt zu schwanken … Und – ihre Nerven sind diesem Neuen nicht mehr gewachsen …

Sie taumelt …

Ich fange den Ebenholzkasten auf … Harald stützt die blasse Frau …

Eine Ohnmächtige trägt er nach oben …

Heimlich verlassen wir den Keller … Ein Zufall, daß niemand uns sieht …

Harst legt die Lady auf den Diwan in ihrem Schlafzimmer …

Sie erwacht …

Und ihr erster Blick gilt dem Ebenholzkasten, den ich auf das Tischchen am Kopfende des Diwans gestellt habe …

Tränen verdunkeln ihre schmerzerfüllten Augen …

„Edward … Edward …!!“ – sie flüstert’s halb unbewußt …

Dann besinnt sie sich … Schaut uns an … Lächelt – das Lächeln einer büßenden Madonna …

Harald reicht ihr das Glas feurigen Kaschmirweins …

Sie trinkt und dankt durch ein Kopfnicken … Ihre Wangen bekommen wieder Farbe …

„Setzen Sie sich, meine Herren … Ich werde Ihnen nun die Tragödie meines Lebens erzählen … Die Geschichte einer Frau, die allzu jung und unerfahren einen … Wüstling heiratete … Denn das war Lord Gulbranor … Fünf Jahre ertrug ich dieses Dasein, dieses Martyrium … Bis – ich frei wurde, bis mein Gatte verunglückte … Einen einzigen kleinen Trost hatte ich in der letzten Zeit durch die treue Freundschaft Lenglens gefunden. Er wurde meinem Manne als Adjutant zugeteilt … Längst wußte ich, daß er mich liebte … – Nach dem Tode meines Mannes wurde ich viel umworben. Man drängte sich geradezu an mich heran, obwohl ich völlig zurückgezogen lebte. Dann kam der Tag, an dem Edward mir seine Liebe erklärte. Ich war restlos glücklich, wenn mich auch etwas an Lenglen störte: er war für einen Engländer zu temperamentvoll, zu unausgeglichen. Seine Eifersucht kannte keine Grenzen. Am liebsten hätte er mich völlig von der Welt abgesperrt. Unser Verlöbnis hielten wir noch geheim. Ich wollte erst das Trauerjahr vorübergehen lassen, bevor ich der Öffentlichkeit meinen neuen Herzensbund mitteilte. Deshalb sahen wir uns auch nur selten. – In jener Zeit schaffte ich mir das Motorrad an. Ich brauchte Bewegung … Das überflüssige Kraftgefühl in mir mußte sich irgendwie austoben …“

Sie hatte die letzten Sätze langsamer geformt. Der Ausdruck ihres Gesichts wurde wieder trüber und gramvoll, nachdem die Erinnerung an die offenbar glücklichste Zeit ihres Lebens ihre Züge für Minuten wie mit Sonnenschein überflutet hatte …

„Und dann, meine Herren, – dann ereignete sich das, was Sie bereits zum Teil kennen: meine Begegnung mit dem Fremden in dem einsamen Rasthaus in den Sümpfen! – Dieser Unbekannte gestand mir seine Liebe, wie es Edward vor acht Tagen getan hatte … – Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als dieser Mann, den ich noch nie gesehen, mir plötzlich sein Herz öffnete, mir erklärte, daß er seit Monaten sich in Sehnsucht nach mir verzehre … – Ich war so vollkommen verstört über dieses Geständnis, daß ich ihm nicht sofort antworten konnte … Und da fügte er denn – immer noch in einer sehr ruhigen, fast vornehmen Art hinzu: „Mylady, ich muß für Sie vorläufig ein Namenloser bleiben – ein Phantom … Ich existiere – und bin doch nur für Sie vorhanden! Ich kann Ihnen Millionen zu Füßen legen. Eine Frau wie Sie braucht eine glänzende Umgebung … Und für eine Dame wie Sie ist … Edward Lenglen niemals der rechte Mann! – Unterbrechen Sie mich nicht … Hören Sie mich ruhig an … Lenglen steht Ihnen nahe. Ich weiß das. Sie beide sind verlobt. Vorgestern haben Sie mit Lenglen sich heimlich im Drawa-Dschungel an der alten Hängebrücke getroffen. Gestern waren Sie mit ihm heimlich in dem verwilderten Park des Taschira-Schlosses … Ich weiß alles … Ich weiß, daß der Hauptmann Sie betrügt … Er hat eine Geliebte, eine junge Inderin aus dem Dorfe Meschir unweit von Multan … Fast jede Nacht besucht er sie … Das Mädchen ist schön … Wenn Sie am Nordausgang des Dorfes die letzte Hütte einmal beobachten wollen: Sie werden meine Angaben bestätigt finden!“ – Bis dahin hatte ich ihm wie benommen zugehört … Dann aber flammte der Zorn in mir hoch … Ich weiß nicht mehr, was ich ihm in meiner Erregung zurief. Er blieb kalt und gelassen. Unterbrach mich plötzlich und rief mir das zu, was Sie von mir bereits erfahren haben, meine Herren … – Aber – er warf mir noch dazu sein Bild vor die Füße, bevor er mit seinem Dromedar in die Nacht hinaus sprengte … „Vernichten Sie dieses Bild nicht, Mylady! Ich warne Sie!!“ – Dann war er verschwunden … Ich blieb in zwiespältiger Stimmung zurück … Der Fremde hatte durch sein ganzes Auftreten doch einen gewissen Eindruck auf mich gemacht … Auf der Rückseite des Bildes fand ich folgende Widmung …“

Sie wiederholte das, was Harald mir bereits mitgeteilt hatte …

„… Und – ich fuhr heim … Ich … vernichtete das Bild nicht … Ich tat etwas, das meiner unwürdig: in der nächsten Nacht lag ich unweit jener Hütte des Dorfes Meschir auf der Lauer … Und sah, daß neben der Hütte Lenglens Reitpferd angebunden war … Unzweifelhaft Lenglens Fuchs … Lenglen Arm in Arm mit einer jungen Inderin ins Freie. Das Mondlicht beleuchtete die beiden … Es war Lenglen – in Uniform sogar … Er küßte das Mädchen und ritt davon …“

Ihre Stimme zitterte jetzt …

„Am folgenden Tage schrieb ich ihm den Absagebrief … Ich wüßte nun, was ich von ihm zu halten hätte … Er sollte es nie mehr wagen, mich irgendwie zu belästigen. – Einzelheiten erwähnte ich nicht … – Und Edward hat mir dann nur eine einzige Antwort geschickt … Er beteuerte seine Treue … Ich würde ihn in den Tod treiben, wenn ich ihm nicht Gelegenheit geben würde, sich mit mir auszusprechen … Dreimal ließ er sich bei mir melden. Ich wies ihm die Tür. Und – zwei Wochen darauf war er – tot …“

Sie weinte wieder …

Unter wehem Schluchzen schilderte sie, wie dann die entsetzlichen Träume begannen, wie es ihr schließlich zur Gewißheit wurde, daß es sich nicht lediglich um Träume handelte …

„All das kennen Sie bereits, meine Herren … – Vielleicht acht Tage nach Lenglens Ende nahm ich mir die taubstumme Dienerschaft. Ich fühlte das Bedürfnis, mich mit Menschen zu umgeben, denen ich Gutes erweisen konnte … So kam auch Nalak in mein Haus – Nalak, dem ich nie angemerkt habe, daß er ein verkleideter Europäer war – eben der Mann aus dem Rasthause: James O’Neil, wie ich nun weiß! – Vorhin war der Rechtsanwalt bei mir, der die Verkaufsverhandlungen über diesen Bungalow mit Patrick O’Neil erledigt hatte. Der Advokat teilte mir mit, daß Patrick ihm noch etwas Besonderes anvertraut habe: das Geheimnis des Kellers, meine Herren, das Geheimnis des unterirdischen Ganges und des Springbrunnens. Die Tigerfigur der Fontäne läßt sich auf ihrem Sockel im Bassin drehen und gibt dann die Öffnung frei, durch die man in den runden Hohlraum unter dem Bassin gelangt. – Nachdem der Anwalt gegangen, trieb es mich, dieses Geheimnis meines neuen Hauses zu besichtigen. Und so fand ich denn in dem runden Raum unter der Fontäne den … Ebenholzkasten mit den Briefen Edwards, mit seinen Liebesbriefen aus der Zeit unseres Glücks …! Diesen Kasten hatte ich nach jener Nacht, als ich Lenglen mit dem braunen Mädchen beobachtete, in den Ghara-Fluß geschleudert … Wie der Kasten von hier wieder zum Vorschein gekommen, ist leicht erklärlich: James O’Neil hat ihn damals sofort wieder aus dem Wasser herausgefischt … James O’Neil hat mich in abscheulichster Weise auch getäuscht: jetzt glaube ich bestimmt, daß er damals verkleidet als Edward Lenglen meine Eifersucht aufstachelte! Er war der Geliebte der Inderin, nicht Lenglen!!“

Harald nickte …

„Ja, Mylady, – Sie haben sich täuschen lassen … Dieser Mensch ist ein Ungeheuer von Verworfenheit …“

Alix Gulbranor nahm Haralds Hand …

„Oh – erklären Sie mir das eine: weshalb hat James O’Neil so schändlich gehandelt?! Sollte er mich wirklich geliebt haben?!“

„Mylady, darüber kann ich mich noch nicht äußern … Geben Sie mir noch zwei Tage Zeit. Bis dahin wird wohl auch das Letzte enthüllt worden sein …“ –

Eine halbe Stunde drauf waren wir im Postamt von Bawalar und hatten den neuen Gouverneur von Multan, den Nachfolger Lord Gulbranors, telephonisch angerufen …

 

 

3. Kapitel.

Abendstunden…

Dieses Ferngespräch zwischen Harald und dem Gouverneur dauerte nur kurze Zeit. Harst teilte dem Gouverneur mit der Bitte um strengste Geheimhaltung mit, daß sich allerlei Verdachtsmomente dafür ergeben hätten, daß Hauptmann Edward Lenglen ermordet worden sei. Der Gouverneur solle doch im Interesse der restlosen Aufklärung der Angelegenheit genau feststellen, ob Lenglen, der früher in Lahore in Garnison gestanden, dort irgendwie einmal mit einem Europäer in Konflikt geraten sei oder ob sonst wie die Möglichkeit vorläge, daß Lenglen sich die Rache irgend welcher Leute zugezogen habe … –

Abends acht Uhr war’s, als wir das Postamt verließen.

Harald schlug die Richtung nach dem Palast der Prinzessin Sadukala ein …

Die Straßen der kleinen Residenz Bawalar waren um diese Abendstunden recht belebt. Es war daher auch kaum möglich, festzustellen, ob irgend jemand uns heimlich folgte.

Harst hatte mir gegenüber schon vorhin erklärt, daß er überzeugt sei, James O’Neil würde sich irgendwie wieder melden …

Jetzt, als wir den Park des Palastes betreten hatten und unter dem grünen Laubdach uralter tropischer Bäume dahinwanderten, meinte er plötzlich:

„Ich behaupte, ganz offen ist Lady Alix uns gegenüber immer noch nicht gewesen …“

„Inwiefern?!“ – und ich schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ich denke, die Lady hat uns in einer Gemütsverfassung gebeichtet, in der keine Frau noch irgend etwas unterschlägt! Was sollte es auch wohl sein?!“

„Nicht zu eifrig Partei ergreifen, mein Alter …! – Besinne Dich. Ich fragte die Lady nach allerlei über ihren verstorbenen Gatten … Ich vermute, James O’Neil könnte vielleicht den Lord gehaßt haben und diesen Haß dann an der Witwe seines Feindes ausgelassen haben. Aber hierfür fand sich keinerlei Anhalt. Nur – nur etwas anderes stieß mir auf: Alix Gulbranor gab sehr zögernd zu, daß der Lord auch ein Spieler und Trinker gewesen und daß er Unsummen am Totalisator(3) verwettet habe, daß er telegraphisch dauernd mit Buchmachern in England und Frankreich in Verbindung stand und zeitweise vor Schulden nicht aus noch ein wußte. – Schließlich erwähnte sie ganz nebenbei einen Wucherer in Lahore, der ihrem Manne häufiger ausgeholfen habe … Und dabei wurde sie auffallend verlegen und sprach dann schnell von etwas anderem … – Ich werde nun unseren Freund Doktor Morton bitten, für uns einmal nach Lahore hinüberzufahren und sich dort nach diesem Wucherer, der ein Perser gewesen sein soll, zu erkundigen … Morton eignet sich für derartige Nachforschungen sehr gut. Wir beide sind hier unabkömmlich. Die Prinzessin wird ihren Leibarzt schon für einen Tag beurlauben …“ –

Wir trafen die Prinzessin und Morton auf der Terrasse an. Wir wurden freudig begrüßt, und ebenso freudig erklärte die Prinzessin, Doktor Morton könnte natürlich nach Lahore reisen. Harald hatte ihr und dem Doktor in Kürze den notwendigen Aufschluß über diese seine Bitte gegeben.

Dann wandte er sich abermals an die Fürstin:

„Hoheit, kannten Sie Lord Gulbranor persönlich?“

„Ja … Er war einige Male in amtlicher Eigenschaft hier im Palast …“

„Auch … zur Nacht, Hoheit?“

„Ja … Ein einziges Mal … Es handelte sich um vermögensrechtliche Auseinandersetzungen … Mein verstorbener Gatte besaß Ländereien, die außerhalb der Grenzen des Fürstentums lagen und zum Gouvernement Multan gehörten. Die anglo-indische Regierung wollte diese Ländereien erwerben …“

„Da wurden wohl auch alte Urkunden eingesehen?“

„Gewiß … Lord Gulbranor blieb ja nur deshalb die eine Nacht über hier im Palast, weil er in der Bibliothek verschiedenes nachschlug …“

„Die Bibliothek kenne ich … Sie birgt viel Interessantes … – Wir müssen uns nun leider wieder verabschieden, Hoheit … Lady Gulbranor erwartet uns um neun Uhr zum Abendessen …“ –

Und wie sehnsüchtig erwartete sie uns …

Sie ging bereits in der Allee, die von der Gartenpforte zum Bungalow führte, auf und ab … Sie war ernst, aber nicht bedrückt …

„Ich habe jetzt alle Briefe Edwards nochmals gelesen,“ sagte sie, nachdem wir uns begrüßt hatten … „Ich begreife nicht, daß ich jemals an seiner Treue habe zweifeln können … Er ist das Opfer dieses schändlichen Menschen geworden, der mich jetzt hoffentlich in Ruhe lassen wird. Und diese Überzeugung, daß mein Schlaf fortan nicht mehr durch diese im Grunde so alberne …“

Harald fiel ihr ins Wort …

„Mylady, es wäre besser, James O’Neil wagte es nochmals, Sie zu belästigen … Gefahr ist für Sie nicht dabei … Wir aber hätten dann Gelegenheit, mit ihm abzurechnen … Oder – wünschen Sie nicht selbst, daß dieser Mann gründlich unschädlich gemacht wird?! Ist es nicht das Natürlichste, daß ein zweifacher Mörder der irdischen Gerechtigkeit anheim fällt?! Und O’Neil hat zwei Menschen ermordet: den Hauptmann Lenglen aus noch unbekannten Gründen, Patrick, seinen Neffen, aber, damit dieser das Geheimnis des Springbrunnens nicht verraten könnte … James O’Neil nahm eben an, Patrick habe dieses Geheimnis für sich behalten …“

Lady Alix war stehen geblieben …

Ihre Augen ruhten jetzt in denen Haralds …

„Mr. Harst, ich brauche wohl nicht zu betonen, daß ich wahrlich wünsche, dieses Ungeheuer würde aufgeknüpft werden … Aber Sie werden es auch verständlich finden, daß ich endlich zur Ruhe kommen will … Ich habe unendlich gelitten … Ich bin nicht nur am Rande meiner Kräfte, sondern ich bin geistig und körperlich bereits aufgebraucht. Meine einzige Sehnsucht ist Ruhe … Ruhe …!! Ich kann Edward durch nichts mehr ins Leben zurückrufen …“

Und sie schaute Harald flehend an …

Fügte hinzu: „Glauben Sie unwirklich, daß James O’Neil sich hier in der Nähe von Bawalar verborgen hält, – daß er nicht entflohen ist auf Nimmerwiedersehen?! – Was glauben Sie, Mr. Harst?!“

„Das … erstere, Mylady …! Und deshalb belassen Sie die Einrichtung der Verbindung zwischen Ihrem Schlafzimmer und dem unsrigen so, wie sie ist … Ertragen Sie auch noch das Letzte … James O’Neil wird wiederkehren … Wahrscheinlich nicht heute, nicht morgen – vielleicht nach Tagen … Aber – er wird nochmals erscheinen! Und dann wird er unser sein, dann erst werden Sie in Wahrheit genesen, Mylady!“

Sie nickte … Sie war weder verlegen, noch bestürzt … Sie konnte meiner Ansicht nach nichts mehr zu verheimlichen haben …

Dann gingen wir weiter dem Hause zu …

Und bei Tisch taute Lady Alix dann förmlich auf, meinte einmal halb scherzend:

„Es ist das Bewußtsein, Sie beide als Schutz bei mir zu haben …! Und dann noch der andere, ebenso befreiende Gedanke, daß ich durch einen raffinierten Schurken mich lediglich einschüchtern ließ! – Ich fühle, – daß ich mich zu mir selbst zurückfinde …“

Wunderbarer Abend auf der Veranda des freundlichen Hauses …

Von Norden her, wo in der Ferne die Gipfel des Himalaya ihre Schneehäupter den Sternen entgegen recken, kam ein kühler Luftzug über das sonndurchglühte indische Land …

Tausend Blumen und Blüten öffneten jetzt ihre feinsten Duftorgane …

Tausend geflügelte Insekten umschwärmten die engmaschigen durchsichtigen Gewebe, die unseren Platz schützend umgaben …

Lautlos trugen die taubstummen Diener die Speisen auf, und ihre treuen, dankbaren Blicke hingen unverwandt an dem Antlitz der Herrin, jedes Winkes gewärtig …

Unser Haus und der Garten wurden bewacht – unsichtbar. Harald hatte dies schon nachmittags telephonisch mit dem Polizeichef vereinbart, der die besten seiner Leute beordern wollte … Wir brauchten keine heimtückische Kugel zu fürchten …

Wir sprachen von Dingen, die nichts mit all dem Widerwärtigen, das so frisch in unserer Erinnerung lauerte, zu tun hatten …

Lady Gulbranor erzählte von ihrer Jugend, von dem elterlichen Gut dort in England … Und daß sie nun so ganz allein dastehe … Die Eltern tot, zwei Brüder im Weltkrieg gefallen …

Dann wieder war’s Harald, der von uns beiden und unserem Leben der klugen, feingebildeten Frau ein Bild entwarf …

Und mit einflocht, daß Lady Gulbranor sich mit der Prinzessin Sadukala anfreunden solle …

„Sie würden sich gut verstehen, Mylady … Die Prinzessin besitzt Herz und Gemüt … Und – Sie müssen dieses einsame Dasein aufgeben … Sie sind noch zu jung, um sich so vollkommen abzuschließen …“

Dann hatten die Diener Zigarren, Zigaretten und Mokka gebracht …

Wir rauchten, lehnten in den bequemen Korbsesseln und beobachteten das unruhige Treiben der Nachtfalter, die immer wieder gegen die dünnen Vorhänge Sturm liefen, um an das Licht zu gelangen …

Das Licht war eine elektrische Ständerlampe mit grünlichem Seidenschirm … Ein geheimnisvolles Licht war’s, das über uns seine milden Fluten ergoß: die Ständerlampe und der Vollmond, der schräg über dem Vorplatz des Hauses leuchtete …

Ich saß so, daß ich das Bassin der Fontäne und den Tiger aus Marmor erkennen konnte – ganz verschwommen …

Ich genoß diesen Abend mit der reinen Hingabe eines Menschen, in dessen Seele etwas von einer Poetennatur schlummert …

Meine Gedanken glitten umher … mein Ohr lauschte den Gesprächen der graziösen Frau und des Freundes, aber mein Hirn verschloß sich gegen das melodische Wortgeplätscher und spürte ohne besondere Anstrengung den dunklen Fragen nach, die dieser Fall noch barg – die Hauptfragen …

Ohne besondere Anstrengung … Ein halb müdes Spiel der Gedanken, dem der duftende Mokka den Antrieb verlieh …

Dachte an das, was Harald noch festgestellt wissen wollte: durch den Gouverneur und durch Doktor Morton. – Morton hatte schon heute abend mit einen Auto der Prinzessin nach Lahore fahren wollen … des Wucherers wegen …

Und in wohligem Hindämmern umschlichen meine Gedanken auch den Besuch bei der Prinzessin und Haralds Fragen …

Mit einem Male schreckte ich da zusammen … Etwas war mir plötzlich aufgefallen – jetzt erst: daß Lord Gulbranor die Bibliothek im Palast der Prinzessin kannte …!

Wie ein Traumbild sah ich da vor mir ein uraltes, in Leder gebundenes Buch, das ich selbst dort in der Bibliothek in der Hand gehabt hatte …: die Familiengeschichte der Radschas von Bawalar! – Und ebenso genau sah ich die eine Seite aus diesem Buche, modernes, eingeheftetes Papier, darauf einen Stern …

Das war der Stern, der uns vor drei Tagen – nein, vor fünf Tagen den Zugang zu dem unterirdischen Verbindungsweg nach dem mohammedanischen Friedhof finden ließ … Das war der Stern, der mit der diamantenen Krone von Bawalar in engstem Zusammenhang stand …

Die Krone, seit mehr denn fünfzig Jahren verschwunden, hatte auch Harald nicht finden können …

Und – Lord Gulbranor kannte die Bibliothek!!

Sollte … sollte der Lord auch das alte Buch gekannt haben?! –

Mit meinem traumhaften Hindämmern war’s vorbei …

Ich war wach, munter …

Ich schaute die Lady an …

Ob sie wirklich noch Geheimnisse vor uns hatte …?!

Harald sprach gerade von einem unserer letzten Erlebnisse … von Berlin … Von der Untergrundbahn … Wie die Züge dort unter der Erde verschwänden – wie sie unter dem Häusermeer hinsausten und wie die Untergrundbahn uns Arbeit gebracht … Ich habe das alles im „Untergrundbahngespenst“ geschildert …

Die Lady lauschte … Sie kannte Berlin nicht … Sie war nicht einmal in Bombay oder Kalkutta gewesen …

Ich beobachtete sie … Kein Falsch war in ihren Zügen … Nur die Spuren übergroßen Herzeleids … – –

Dann sagten wir uns gute Nacht …

Die traulichen Abendstunden waren dahin …

Nur die beiden Vorhänge trennten uns wieder von dem Schlafzimmer der Frau, der Harald noch immer ein undurchsichtiges Versteckspiel zutraute …

Und dieser Harald hatte mir zugeflüstert: „In Kleidern bleiben!“

So lagen wir denn angezogen auf unseren Betten …

Schlafen – einschlafen?! – Jetzt erst merkte ich, wie der Mokka meine Nerven aufgestört hatte …

Ich horchte … horchte …

Dunkelheit ringsum … Harst hatte sein Nachtlämpchen nicht brennen lassen …

Drüben im Speisezimmer schlug die Standuhr … bis hierher drangen in dieser Stille die hallenden Töne …

Mitternacht …

Und – da geschah’s …

Nebenan ein schwacher Ruf …

 

 

4. Kapitel.

Was in Sekunden passierte…

Wir beide hinüber …

Hinter den Wandschirm …

Wo Harst so plötzlich die Bambusstange hergenommen, an der oben ein kleines altindisches Hauschwert mit Draht befestigt war – ich begriff es nicht …

Mir hatte er diese Vorbereitung verheimlicht …

Unser Auftauchen hinter dem Wandschirm war nicht ganz ohne Geräusch vor sich gegangen …

Und doch: der Mann ohne Kopf dort vor dem Diwan ließ sich nicht stören …

Stand mit vorgerecktem Arm … Die Kobra wand sich in seiner Hand …

Das Bild war genau so, wie Lady Alix es uns geschildert hatte …

Zugegeben, daß dieser Mann, der seinen Kopf im Arm trug, bei dieser matten Beleuchtung durch die Deckenampel unheimlich wirkte – selbst für einen, der genau wußte, daß dies alles ein Taschenspielerkniff, daß der Kopf aus Wachs und der andere Kopf in dem Pappgestell der Brust verborgen …

Trotzdem: Der „Spuk“ konnte die Nerven eines Weibes wohl in Unordnung bringen!

Und dieses Weib, Lady Alix, hatte die Arme abwehrend emporgeworfen und hielt die Augen geschlossen …

Harald trat rasch einen Schritt seitwärts, konnte nun die Arme frei bewegen …

Und – – schlug mit seiner Bambuswaffe zu …

So geschickt, daß der Kopf der Kobra auf den Teppich fiel …

So geschickt …

Dann war ich schon neben dem Mörder …

Packte zu …

Harald desgleichen …

Seine Hand riß James O’Neil das infame Blendwerk von Pappe vom Leibe …

Ein bartloses, faltiges Gesicht schaute uns mit frechem Grinsen an … Tückische Augen spotteten unser …

Die enthauptete Kobra glitt in wilden Zuckungen auf dem Teppich hin und her …

Die Lady war aufgesprungen …

Blaß – und doch im Blick drohende Genugtuung, daß wir den Menschen nun endlich entlarvt und gefaßt hatten …

James O’Neil grinste weiter …

Nickte Harald zu …

„Strengen Sie sich nicht allzu sehr an, Mr. Harst …! Sie werden mich bestimmt wieder laufen lassen …! Ich … weiß zu viel …!“

Harst drückte ihn in einen Sessel …

„Rühren Sie sich nicht!!“

Er hatte die Pistole entsichert …

„So – und nun werden Sie antworten, James O’Neil …!“

„Gern, Mr. Harst … Warum auch nicht?! – Ihre Pistole können Sie getrost beiseite tun … Ich bin ja absichtlich hierher gekommen, wußte und rechnete damit, daß Sie mich fangen würden … Oder – – halten Sie mich für einen Dummkopf?! – Also – fragen Sie!“

„Weshalb haben Sie den Hauptmann Lenglen ermordet?“

„Ermordet?! Ich?! – Das kann wohl nur ein schlechter Scherz sein …! Ich hatte keinen Grund, Lenglen zu töten … Ich kannte ihn nur von Ansehen …“

Welch’ eine Unverschämtheit!!

Aber Harald blieb ruhig …

„Und Ihren Neffen Patrick haben Sie wohl ebenfalls nicht erdrosselt?!“

„Ich – – Patrick?! – Aber, Mr. Harst …!! Das sind grobe Beleidigungen! Wenn ich mir erlaubt habe, Lady Gulbranor ein wenig einzuschüchtern: das ist schließlich noch kein Verbrechen! Das wird die Lady mir verzeihen, wie ich ganz bestimmt weiß … – Ein Mörder?! Nein, Mr. Harst, – das müßten Sie erst beweisen, und das sollte Ihnen auch verdammt schwer werden, weil sie sich in diesem Punkte eben in einem sehr bedauerlichen Irrtum befinden … – Wir wollen uns hier jedoch nicht mit Worten streiten … Sie und Ihren Freund Schraut geht das, was ich mit Lady Gulbranor abzumachen habe, gar nichts an … Ich verlange, daß ich die Lady ohne Zeugen ein paar Minuten sprechen darf … dann wird die Lady eingesehen haben, wie gut ich es mit ihr meine … – Also bitte, meine Herren, ziehen Sie sich dort bis zum Wandschirm zurück … Meinetwegen können Sie Ihre Pistolen die kurze Zeit über auf mich gerichtet halten … Obwohl das total überflüssig ist … Denn wie gesagt: meine Handlungsweise gegenüber der Lady hat Gründe, die nur zwei Menschen etwas angehen: die Lady und mich!“

Bisher hatte Alix Gulbranor genau so sprachlos alledem zugehört wie ich.

Jetzt brauste sie auf …

Verächtlich rief sie:

„Ich – ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen!! Wenn Sie etwa glauben, hier wieder irgend wie entwischen zu können, so irren Sie sich! Ich erkenne Ihre Stimme! Sie sind der Dromedarreiter gewesen …! Und – Sie sind auch Nalak gewesen! – Mr. Harst, soll ich der Polizei telephonieren …?“

Ihre Hand wies nach dem Tischchen, wo das Telephon stand …

O’Neil grinste wieder … noch abscheulicher …

„Bitte – nichts überhasten, Mylady! Nur nichts überhasten! Denken Sie freundlichst an den Wertbrief …!!“

Und dieses letzte Wort reckte er endlos … mit zynischer Schadenfreude!

Lady Alix war leicht zusammengefahren …

Dann wurde ihr Gesicht starr und fahl …

Ihre Augen ruhten wie in hellem Entsetzen auf dem diabolischen Antlitz O’Neils …

„Ja – zuweilen tut so ein kleines Stichwort Wunder, Mylady!“ höhnte der Mensch mit einer unfaßbaren Frechheit … „Wertbrief – –!! – Nicht wahr, Sie sind unangenehm berührt davon … Kann ich durchaus verstehen, Mylady …! Sie merken nun wohl, daß ich Ihr Freund bin, der lediglich größeres Unheil verhüten wollte … Also bitten Sie die beiden deutschen Herren, die sich hier in Dinge einmischen, die durchaus für einen Strafprozeß ungeeignet sind, sich etwas zurückziehen … Ich möchte Ihnen, Mylady, dann nur einiges flüsternd anvertrauen …“

Lady Alix sank plötzlich auf den Diwan …

Aber sofort hatte sie sich wieder in der Gewalt …

Sofort …

Wandte sich an Harald …

Aber – ihre Lippen zuckten nur … Ihre Zunge gehorchte ihr nicht …

Man sah es ihr an, welch’ ungeheure Anstrengung es sie kostete, auch nur wenige Worte zu formen …

„Mr. Harst … Mr. Harst … ich … bitte … Sie, – – lassen Sie mich mit Mr. O’Neil allein …“

Endlich war’s heraus …

Der Eindruck, den diese seltsame Zumutung auf Harald machte, war keineswegs so stark, wie ich es angenommen hatte …

Im Gegenteil …

Harst verbeugte sich höflich …

„Ich bedaure, Mylady …“ Sein Ton war ernst, aber nicht unfreundlich … „Ich bedaure, Mylady … Ich darf Ihnen natürlich nicht verbieten, mit O’Neil sich leise zu besprechen … Aber – aus den Augen lasse ich O’Neil nicht einen Moment … Ich werde jeden Fluchtversuch zu verhüten wissen … Schraut und ich stellen uns hinter den Wandschirm … Bei der geringsten verdächtigen Bewegung O’Neils schießen wir!“

Und er winkte …

Rückwärts schritten wir bis zum Wandschirm …

O’Neil saß da und grinste …

Grinste, daß ich am liebsten zugesprungen wäre und …

Doch – die Absicht blieb Absicht …

Wir standen nun fünf Meter entfernt …

Fünf Meter …

Und drüben hatte sich Lady Alix langsam erhoben …

War unsicher näher zu O’Neils Sessel herangetreten …

Verdeckte ihn uns nun durch ihre vornüber gebeugte Gestalt …

O’Neil flüsterte …

Seine raunenden Laute drangen wohl bis an unser Ohr … Zu verstehen war nichts – nicht ein Wort …

Plötzlich zuckte Lady Gulbranor zusammen …

Beugte sich noch tiefer …

Wir sahen, wie ein Beben ihren Leib schüttelte …

Und wieder O’Neils raunende Stimme …

Dann – ein Seufzer wehte durch das Gemach, ein tiefer Seufzer aus gequälter Frauenseele …

Und im selben Moment war Haralds Mund dicht an meinem Ohr …

„Nicht schießen …!! Entfliehen lassen!!“

Ich war starr … Glaubte erst, daß ich mich verhört haben müßte …

Docht nein – – Harst wiederholte:

„Entfliehen lassen!“

Dann – war die Entscheidung auch schon da … –

Es ist schwer, Haralds Gedanken zu erraten …

Aber wenn er mir je unverständlich gewesen, dann war es jetzt …

Was nun folgte, war seinerseits Komödie …

Die unbegreiflichste Komödie, die er je gespielt hat …

Und das, was sich nun ereignete, war in wenigen Sekunden vorüber …

Sekunden, deren Inhalt für Stunden ausgereicht hätte …

Lady Gulbranor hatte sich aufgerichtet …

Hatte O’Neil … umarmt – aus dem Sessel emporgezogen …

Mir quollen die Augen aus dem Kopfe …

Und – ein anderer Kopf rollte zu Boden: der Wachskopf Lenglens …

Mit schrecklichem Poltern …

Die Lady aber, O’Neil mit dem eigenen Leibe deckend, drängte ihn zur zweiten Tür …

Die Tür flog nach außen auf …

Und – Harald stieß den Wandschirm um …

Schnellte vorwärts …

Packte Lady Gulbranors Arm …

Die aber hatte die Tür schon wieder zugezogen, hielt den Drücker umklammert …

„Das … sollen Sie büßen, Mylady!“ keuchte Harald wie in maßlosem Grimm … „Das sollen Sie vor Gericht verantworten!! Schraut – – in den Garten … Schieße den Kerl nieder, wenn Du ihn zu sehen bekommst …“

Und ich hinaus …

Aber – es war zwecklos …

Meine gellenden Rufe alarmierten die in den Büschen versteckten Polizeibeamten …

Wir suchten O’Neil …

Er blieb verschwunden …

Harald kam …

Die Beamten berichteten, daß sie einen Mann im Bassin der Fontäne vor zehn Minuten hatten verschwinden sehen … Also war O’Neil mit Hilfe der beweglichen Tigerfigur ins Haus gelangt …

Wo er geblieben, konnte nicht festgestellt werden … Wahrscheinlich hatte er sich zuerst nur auf der Veranda versteckt und war dann entschlüpft, als wir im Hause suchten …

Harst schickte die Beamten dann weg … es hätte doch keinen Zweck, meinte er, den Garten heute nacht noch zu bewachen …

Dann gingen wir wieder zu Lady Gulbranor hinein …

 

5. Kapitel.

Der Inhalt des Wertbriefes.

Lady Alix Gulbranor saß auf dem Diwan, die Hände im Schoße verschlungen … Steif aufgerichtet saß sie da … Blaß – die Augen krankhaft groß … Um den Mund tiefe Falten unerschütterlicher Entschlossenheit …

Schaute uns ohne jede Verlegenheit entgegen …

Harald stand vor ihr …

Seine Stimme war hart wie Stein, als er sagte:

„Vormittags mag der Polizeichef entscheiden, was mit Ihnen geschehen soll, Mylady … Ich möchte Ihnen nur warnend mitteilen, daß Sie einem doppelten Mörder zur Flucht verholfen haben und daß …“

Sie unterbrach ihn …

Stand langsam auf, indem um ihren Mund ein trauriges Lächeln flog …

„Mr. Harst, auch das alles nehme ich auf mich …!“

„Und – Sie haben uns keine Erklärung abzugeben, Mylady?!“

„Nein …!“

Sie richtete sich noch höher auf …

„Keine Macht der Welt wird mich dazu zwingen, Mr. Harst, etwas preiszugeben, was meinerseits … ein freiwilliges Opfer ist … – Und jetzt, meine Herren, habe ich nur einen Wunsch: schlafen!“

Harald verneigte sich …

„Gute Nacht, Mylady … – Noch etwas … Versprechen Sie mir, nicht etwa Selbstmord zu begehen?“

Und wieder lächelte sie, schüttelte den Kopf …

„Ich schwöre es Ihnen bei dem Andenken meiner Eltern … Genügt Ihnen das, Mr. Harst …?“

„Es genügt mir, Mylady …“

Er bückte sich und hob den Wachskopf Hauptmann Lenglens empor …

Dann gingen wir in unser Schlafzimmer hinüber …

Licht brannte jetzt hier …

Und Harst legte den Finger auf die Lippen, deutete auf sein Bett, setzte sich auf den Bettrand und tat, als ob er sich niederlegte, drückte aber nur mit den Fäusten die Sprungfedern der Matratze herab und erzeugte so einige Geräusche, die drüben die Lady täuschen mußten …

Dann erhob er sich wieder …

Schaltete das Licht aus …

Und im Dunkeln standen wir dicht neben dem trennenden Vorhang …

Ganz dicht nebeneinander …

Ich – ahnungslos …

Ahnungslos, was jetzt noch folgen würde …

Siedehitze in den klopfenden Adern … Das Hirn mir zermarternd, wie diese Nacht enden würde … –

Eine harte Geduldsprobe …

Eine Stunde stehen – fast regungslos … Und – mit anhören, wie Harald zuweilen ein tiefes Atmen, ein leises Schnarchen markierte …!

Über eine Stunde – und vollkommen ahnungslos …

Dann drüben ein Geräusch … Für gute, erfahrene Ohren das vorsichtige Öffnen einer Tür …

Wir hatten die Schuhe schon vorhin abgestreift … Waren im Nu in unserem Wohnsalon … Im Nu auch im Hauptflur … Hier brannte wie stets eine matte Ampel … Ein Schrank bot uns Deckung … Da schlüpfte Alix Gulbranor auch schon über den Korridor – hinein in das Speisezimmer …

Harald flüstert:

„Es … geht um die Krone von Bawalar oder das, was von ihr noch übrig …“

Ich hatte es geahnt: Die Familiengeschichte der Radschas von Bawalar!! Der Stern, der unterirdische Gang vom Palast zum Friedhof! Und Lord Gulbranor war in der Bibliothek gewesen, konnte das alte Buch durchforscht haben, in dem der damalige Fürst angedeutet hatte, daß er die diamantene Krone versteckt habe …!

Harst huscht davon … zur Tür des Speisezimmers … Macht Kehrt … winkt … Wir betreten den drittnächsten Raum, den Salon der Lady … Tasten uns vorwärts … Auch hier die Verbindungstüren nur durch doppelte Vorhänge ersetzt … Wir stehen vor der Tür des Speisezimmers …

Hören drinnen sprechen … ganz gedämpft …: Die Lady … eine Männerstimme …

Harald schiebt die Vorhänge behutsam etwas beiseite …

O’Neil raunt überhastet:

„Beeilen Sie sich …! Wo ist das Ding?! – Her damit …!“

Im Speisezimmer gleitet der trübe rötliche Schein einer Petroleumlaterne hin und her …

Die Lady kniet vor dem großen Buffett … Die beiden Türen des Unterteils sind weit geöffnet … Wäschestücke liegen davor auf dem Teppich …

Lady Alix greift hinein, zieht eine dickbauchige Vase hervor, die mit allerlei Stoffresten gefüllt ist …

James O’Neil tritt in den Lichtschein der Laterne …

Die zitternden Hände der Frau bringen aus der Tiefe der Vase ein Paket zum Vorschein …

„Hier – nehmen Sie … nehmen Sie …!! Fliehen Sie …! Der Garten ist frei von Beamten …“

O’Neil reißt die Papierhülle mißtrauisch herab …

Lichtstrahlen zucken auf …

Die Krone von Bawalar funkelt in des Verbrechers gierigen Fingern …

„So – nun sind wir quitt!“ keucht er … Und wickelt die Krone in einen langen schwarzen Schleier, eilt zum Fenster, reißt den einen Flügel auf …

Stutzt …

Draußen das Rattern eines Autos …

Das Auto hält vor dem Bungalow … Die Flurglocke schrillt …

O’Neil duckt sich zusammen …

„Laterne aus!“ ruft er leise … „Pest – was soll das Auto?!“

Die Laterne erlischt … Aber gleichzeitig habe ich die Taschenlampe eingeschaltet … Gleichzeitig ist Harald im Speisezimmer …

O’Neil greift mit der Linken in die Tasche …

Ein Schuß …

Ein zweiter … O’Neils Kugel hat Harald gegolten, ist in ein Bild an der Wand gefahren … Haralds Kugel erledigt O’Neil für immer … Harald wirft die Krone von Bawalar in die Vase zurück … Lady Gulbranor kniet noch vor dem Buffett …

„Mylady, ich werde sprechen,“ sagt Harst … Und zu mir: „Öffne – es wird Morton sein!“

Es ist Doktor Morton. Mit ihm zwei Polizeibeamte aus Lahore … Sie finden im Speisezimmer nur noch einen Toten. Und der Tote ist der Wucherer aus Lahore … Der Tote hat dort in der Maske eines persischen Händlers die dunkelsten Geldgeschäfte gemacht … Hat an Offiziere der dortigen Garnison Geld ausgeliehen … Bis Hauptmann Lenglen seinem Treiben ein Ziel setzte, ihn zur Anzeige brachte. Da verschwand der Wucherer spurlos. Sein Eigentum wurde beschlagnahmt … Die Polizei suchte ihn …

Das erfahren wir von Morton und den Beamten … – Was sie von uns erfahren, ist wenig … Harst spricht von der Krone von Bawalar kein Wort … –

Eine Stunde drauf ist der Tote weggeschafft. Wir sind mit Lady Alix allein … Sitzen im Salon … Der Morgen graut bereits …

Jetzt spricht Harald – gütig und nachsichtig: „Mylady, O’Neil tötete Lenglen aus Rache … Wie er’s vollbrachte, geht uns nichts mehr an … Und Ihr Gatte hat die Krone von Bawalar gefunden – gestohlen … Ihr Gatte hat aus der Krone Diamanten herausgebrochen, hat sie O’Neil in einem Wertbrief nach Lahore geschickt. Das haben Sie erfahren – vielleicht mit angesehen, wie er die Edelsteine verpackte … Sie wußten, daß Ihr Gatte ein Dieb. Sie wollten den Namen Gulbranor vor dieser Schmach bewahren und schwiegen bis heute … O’Neil verlangte heute von Ihnen die Krone – als Schweigegeld … Deshalb halfen Sie ihm zur Flucht … – Mylady, ich werde die Prinzessin einweihen, sonst niemand. Ich werde die Krone wie zufällig in der Moscheeruine finden … O’Neil ist tot, und die Prinzessin ist eine Frau von Herz …!“

Lady Alix’ heiße Tränen wuschen auch die letzten trüben Erinnerungen an die Nächte des Grauens hinweg … –

Harst „fand“ die Krone … Von den fünfhundert Diamanten fehlten neunzig – die schönsten … –

So endete die Geschichte des Traumes der Lady Gulbranor. – Heute sind die Prinzessin und die Lady die besten Freundinnen … Und wenn Lady Alix uns zuweilen ein Lebenszeichen aus Bawalar sendet, fehlt darunter niemals ein ebenso herzlicher Gruß der Prinzessin und Doktor Mortons … – Die fehlenden Diamanten der Krone sind ergänzt worden … Einst wird Sadukalas ältester Sohn diese Krone als Radscha von Bawalar tragen und nicht ahnen, welch seltsame Schicksale das gleißende Kleinod durchgemacht hat …

 

 

Nächster Band:

Der Geheimbund der zwölf Schlüssel.

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H. Berlin.

 

 

Anmerkungen:

(1) Das Vielliebchen ist eine Nuss mit ausnahmsweise zwei Kernen (meist Mandel oder Haselnuss) oder eine andere, ungewöhnlicherweise doppelkernige Frucht. Der Ausdruck steht im Zusammenhang mit dem Brauch, beim Vorfinden einer solchen Frucht das Vielliebchen mit einer anderen Person zu teilen und zu „wetten“: Derjenige, der am nächsten Morgen zuerst den anderen mit dem Satz „Guten Morgen, Vielliebchen“ begrüßt, gewinnt. Der andere hat ihm ein kleines Geschenk zu machen. (Vielliebchen)

(2) „Geblakt“ - (Norddeutsch), rußen, qualmen

(3) Der Totalisator ist ein Verfahren zur Bestimmung der Gewinnhöhen bei Wetten auf Pferderennen, Toto, Lotto u. ä. Am Totalisator wetten die Wett-Teilnehmer untereinander und nicht gegen einen Buchmacher, wie es bei Sportwetten zu festen Quoten der Fall ist. (Totalisator)