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Heilige Wasser

Feuilleton des Kölner Local-Anzeiger. 6. April 1914 – 7. März 1914

 

Heilige Wasser

 

Roman aus dem modernen Ägypten von Hans Dominik.

 

 

Erstes Kapitel.

Die Queen Victoria von der Anglo-American-Steamer-Company steuerte an Luxor vorüber mit vollem Dampfe Nilaufwärts. Unablässig drehte sich das gewaltige Heckrad des modernen mit allem Comfort ausgestatteten Dampfers und trieb den schlanken Schiffskörper durch die gelben Fluten des sagenumwehten Stromes dahin.

Ein Junitag von jener Klarheit und leuchtenden Kraft, wie ihn nur das regenarme, den Tropen so nahe Ägypten kennt, ging der Neige entgegen. Doch einstweilen lastete noch die Glut des tropischen Sommertages über dem Lande und über dem Strome. Wohlweislich suchten die Passagiere unter dem Sonnensegel Schutz vor den Strahlen des brennenden Tagesgestirns. Dort lagen und saßen sie auf den bequemen Schiffsstühlen lässig dahingestreckt, und recht häufig erklang die Glocke, die Abdallah, den allezeit willigen schwarzen Steward, herbeirief.

Soeben kam er wieder daher, den brennend roten Fez mit der blauen Troddel auf dem wolligen Schädel und ein vergnügtes Grinsen um die wulstigen Lippen.

„Hier, Abdallah, du Sohn eines Schakals!“ seufzte der Ingenieur Georg Gilbert, während er ihm das geleerte Glas hinhielt.

„Lemon squash! Zitronenlimonade! Da kolorierter Zeitgenosse,“ fügte er hinzu, während der Schwarze ihm das Glas abnahm. Und dann streckte sich der schlanke und sehnige Ingenieur Georg Gilbert wieder bequem im Stuhle aus und schaute dem davoneilenden Schwarzen nach.

„Wie die Mitglieder des Rauchklubs Blaue Wolke in Kyritz an der Knatter,“ murmelte er, während sein Blick tiefsinnig an dem Fez des Stewards haften blieb.

„Gilbert! Sie sollten den Genuß der Zitronenlimonade ein wenig einschränken,“ klang Jetzt aus einem anderen Stuhl eine sonore Männerstimme daher. „Die Säure muß Ihnen ja schon durch alle Poren dringen. In Ihrem Beruf als Ingenieur müssen Sie doch ab und zu einmal Eisen anfassen. Ich bin sicher, das wird sofort rostig dabei.“

„Regen Sie sich nicht auf, Doktor,“ gab der andere aus seinem Sessel zurück. „Was soll man schließlich anderes tun, als Eiswasser trinken, wenn man bei vierzig Grad im Schatten drei Tage hindurch unterwegs ist.“

Der Angeredete richtete sich von seinem Stuhle auf:

„Zunächst was man nicht tun soll. Nämlich sich die Magenwandungen mit dem ewigen sauren Eiswasser ruinieren. Das ist mein ärztlicher Rat, den ich Ihnen gebe. Auf die Frage, was Sie tun sollen, kann ich nun allgemein moralisch, ätherisch und so weiter antworten. Beispielsweise die wundervolle Landschaft betrachten, die nun schon seit Tagen in stetiger Kette an uns vorüberzieht.“

„Mein lieber Doktor Benari,“ erwiderte Gilbert, während er dem Steward das Getränk abnahm, „ich bewundere Ihre Naturschwärmerei. Auf die Dauer verliert die schönste Landschaft an Reiz. Und Sie können im Ernste nicht behaupten, daß die ägyptische Landschaft gerade schön wäre. Eigenartig, originell, selbst bizarr! das soll zugegeben werden. Aber schön! Das möchte ich bestreiten.“

Doktor Benari erhob sich von seinem Sessel und trat an die Reling. Lange ließ er den Blick über die Landschaft dahinschweifen.

„Sie haben recht, Gilbert!“ begann er endlich. „Die Landschaft hat von Luxor an entschieden verloren. Wo sind die Palmenhaine, die malerischen Scheichgräber, jene wunderlichen Tempel und Tierbilder geblieben, die uns bis Luxor begleitet haben? Die Landschaft ist eben und die Wüste tritt bis dicht an den Strom heran. Die Strecke der üppigen Felder und Baumwollpflanzungen liegt hinter uns. Aber auch hier, wo das Totenreich der ewigen Dürre seine Grenzen bis zum Strome reckt, ist die Landschaft nicht ohne Reiz. Sehen Sie das tiefe Gelb auf der libyschen Seite, betrachten Sie des blaue Grau am östlichen Ufer. Und achten Sie wohl auf die Nähe der Tropen. Wieviel schärfer, wieviel härter stehen die Farben hier in der Landschaft, als da unten in Kairo oder Alexandria. Man merkt den Wendekreis des Krebses, dem wir auf wenige Meilen nahe sind, jetzt deutlicher, denn je.“

Georg Gilbert hatte das Glas mit der Limonade, wohl des dreißigste an diesem Tage, geleert und beiseite gestellt. Jetzt erhob er sich mit einer Energie und Behändigkeit, die man ihm nach seinem bisherigen Benehmen kaum zugetraut hätte. Mit elastischen Schritten trat er an die Reling heran.

„Wo ist die Wüste, Doktor? Weiß Gott, da liegt sie und reckt und streckt sich breit und unverschämt bis dicht an den Strom heran. Wir werden ihr das Handwerk legen. Was meinen Sie, Doktor, was aus den Sande werden wird, wenn unsere guten Sulzerpumpen jeden Tag zehntausend Kubikmeter Wasser auf den glühenden Sand werfen?“

Doktor Benari wollte etwas erwidern. Aber die Dampfsirene übertönte seine Worte. Durch die flimmernde Hitze hin ließ die Maschine ein breites, giftiges Heulen über den Fluß ertönen. Ein Heulen, das die Krokodile verscheuchte und die Menschen aufmerksam machte. Und dann sank die Arbeit des Schaufelrades auf wenige Umdrehungen herab, nur noch leicht plätschernd tauchten die schweren Schaufeln in das Wasser und hielten das Schiff auf derselben Stelle im Strome fest. Und dann trieb eine Felluke, eines jener ägyptischen Segelboote, die in den letzten fünftausend Jahren ihre Form kaum verändert haben, langsam daher und legte sich breitseits neben den Dampfer. Eine Treppe wurde herabgelassen und neue Passagiere betraten das Schiff.

Gilbert lehnte sich neben Dr. Benari an die Reling, um die Ankömmlinge bequem zu betrachten.

„Sehen Sie diesen würdigen alten Herrn im Unschuldsweiß mit dem Tropenhelm, Doktor! Zweifellos Engländer. Vollblut, Doktor. Ich möchte auf Schottland als Heimat wetten. Sicherlich Militär. Ich glaube, wir können ihn jetzt schon ‚Colonel‘ nennen. Einer der neuen Herren dieses alten Landes. Da sind wir Deutschen wieder einmal gehörig zu spät gekommen. Aber vielleicht ist es auch gut so —“

Der Ingenieur unterbrach jäh seine Rede und legte seinen Arm auf die Schulter des Doktors.

„A la bonneur! Doktor, sehen Sie das Mädchen. Es scheint die Tochter des englischen Obersten zu sein. Ich bin entzückt, Doktor, ich bin vollkommen hin. Ich bin platt, wie man in Berlin sagt. Ich werde von nun am der Limonade entsagen und mich während der weiteren Reise nur noch dem Genusse widmen, diese Schönheit zu betrachten.“

Auch Doktor Benari ließ seine Blicke mit Wohlgefallen auf der schlanken, jugendlichen, ebenfalls völlig weißgekleideten Gestalt ruhen, welche neben dem älteren Herrn die Treppe erstieg und nun über das Deck dahinschritt. Über einem rosigen, von der Tropensonne nur wenig gebräunten Antlitz ruhte das goldblonde Haar in schweren Flechten und aus dem Gesicht selbst strahlten ein paar große, blaue Märchenaugen und spiegelten Güte, Liebenswürdigkeit und Anmut.

Traumverloren blickte Georg Gilbert der Gestalt nach, als ihm Dr. Benari von neuem auf die Schulter schlug.

„Kommen Sie zu sich, Gilbert. Wir bekommen noch mehr Gäste. Landsleute, wie es mir scheint. Eine ganze deutsche Familie mit einem Male.“

Der Ingenieur wandte seine Blicke wieder dem Fallreep zu. Er sah ein älteres Paar, einen Herrn mit scharfgeschnittenen Zügen und grauem Kaiserbart, der einer älteren Dame die ziemlich steile Treppe hinaufhalf, und er sah weiter ein anderes junges Mädchen, welches zu dem Paare gehörte und ebenso unverkennbar wie dieses, den deutschen Typus zur Schau trug.

Auch Abdallah, der Steward, das Universalfaktotum auf diesem Dampfer, hatte die Nationalität der Neuankommenden sofort richtig eingeschätzt. Gewandt schlängelte er sich an sie heran, nahm seinen Fez ab, wie man sonst wohl den übelberüchtigten Lodenhut abnimmt, und begann in seinem schauderhaften Kauderwelsch den neuen Passagieren seine Dienste anzubieten und die Oberdeckkabinen des Schiffes zu preisen.

Der alte deutsche Herr, der soeben das Schiff betreten hatte, war ein berühmter Sprachforscher. Er las die alten Hieroglyphen so fließend, wie der gewöhnliche Sterbliche seine Morgenzeitung zum Kaffee liest. Es gab kaum eine koptische oder sumerische Inschrift, die den Verdolmetschungskünsten des Geheimen Regierungsrates und Professors Heinrich Ewald ernstlichen Widerstand geleistet hätten. Aber der deutschen Anrede Abdallas gegenüber ließ er hoffnungslos die Arme sinken.

Was sollte er auch schließlich aus den Worten des Schwarzen: „Gut Esel Kabin, gut Esel Herr“ herauslesen. Wie konnte der berühmte Sprachforscher wissen, daß Abdallah in Kairo die Eseljungen ihre Tiere mit den Worten ‚Gut Esel‘ hatte anpreisen hören, und daß er danach die Worte ‚Gut Esel‘ ein für allemal als Begriff des Guten und Empfehlenswerten zu gebrauchen pflegte.

Schnell entschlossen trat Georg Gilbert auf den Geheimrat zu, um sich ihm vorzustellen und ihm behilflich zu sein.

Aber der hatte sich schon selber geholfen. Einen kurzen Blick nur hatte er auf die Züge des Schwarzen geworfen. Dann entquollen seinen Lippen allerlei Laute, die den andern Zuhörern völlig unverständlich waren. Georg Gilbert merkte wohl im Moment, daß sie nicht arabisch waren. Auf den biederen Abdallah aber hatten sie eine wunderbare Wirkung. Fließend antwortete er in demselben merkwürdigen Idiom, während sein Antlitz in heller Freude erstrahlte. Der Geheimrat hatte ihn in seiner heimatlichen Mundart, im Suaheli, der Umgangssprache der Sansibarküste, angeredet. Von diesem Augenblick an hatte Abdallah ihn in sein Herz geschlossen und sorgte für ihn, wie eine Mutter für ihr Kind. Der Geheimrat sollte das weichste Bett und das fetteste Hammelfleisch und den süßesten Kaffee bekommen. Woraus zu ersehen ist, daß die Aufmerksamkeit eines schwarzen Kellners bisweilen andere Formen annimmt, als diejenige seiner weißen Kollegen.

Aber einstweilen kümmerte sich der deutsche Gelehrte nicht weiter um seinen dunkelfarbigen Gönner, Er hatte ihm seine Wünsche kundgegeben und wandte sich nun an Georg Gilbert, der mit einer Verbeugung an ihn herangetreten war.

„Sehr liebenswürdig mein Herr,“ sagte er nach einer kurzen Vorstellung, „daß Sie sich meiner annehmen. Aber Sie sehen ja, daß ich mir inzwischen schon selbst geholfen habe.“

Und dann folgte der Geheimrat mit seiner Familie dem Steward, der über das ganze Gesicht strahlte und es sich nicht nehmen ließ, die Koffer des neuen Passagiers eigenhändig in die Kabinen zu schaffen.

Gilbert trat wieder zu Doktor Benari.

„Ich glaube, wir können uns zu der neuen Gesellschaft beglückwünschen,“ sagte er, während das Dampfschiff seine Fahrt mit voller Maschinenkraft flußaufwärts fortsetzte. „In solcher Begleitung kann man wohl auf die Landschaft verzichten …“

„Und kommt sogar ohne Zitronenlimonade aus,“ schloß der Doktor lächelnd die Rede seines Freundes. „Ich denke übrigens, man soll den Tag nicht vor dem Abend preisen. Wir sollen morgen früh um zehn Uhr in Assuan anlegen. Bis dahin dürfte sich wohl noch Gelegenheit bieten, die neue Reisegesellschaft näher kennen zu lernen.“

Georg Gilbert nickte zustimmend. Und dann blickte er über die Reling in die Fluten des Niles und in die wechselnde Landschaft.

Zusehens kam die Sonne jetzt dem Horizonte näher. Zusehens begannen die Farben der Landschaft sich im wechselnden Spiel zu verändern.

Die Felsen die noch vor kurzem so glühend gelb schimmerten nahmen jetzt auf der östlichen Seite des Flusses ein feuriges Rot an, während die Berge der libyschen Seite in kaltem Blau und Violett leuchteten.

Edfu und Esuch glitten vorüber, heut nur armselige Dörfer, vor dreitausend Jahren einmal große Kulturstätten. Hier und dort waren die Fellachen noch bei der Feldarbeit. „Wie einst die Schnitter des Alten Testamentes, schnitten sie das reife Korn, indem sie es büschelweis mit den Armen zusammenrafften und mit kurzen Handsicheln absäbelten.

Wieder andere Ackersleute standen an hölzernen Schöpfrädern und hoben das Nilwasser in einzelnen Krügen empor, um es über die höher gelegenen Felder auszugießen. Und anderswo wurden Kamele mit der Ernte beladen. Geduldig knieten die Tiere nieder und ließen sich die Rücken beladen. Und dann lautes Geschrei und Stockschläge der Fellachen und heiser schreiend erhob sich das beladene Tier, einem wandernden Heuschober ähnlich. Nach urväterweise wurde hier noch die Landwirtschaft betrieben.

Georg Gilbert fuhr aus seinem Sinnen empor.

„Das wird hier anders werden,“ rief er und schlug dem Doktor Benari auf die Schulter. „Soweit das Auge reicht, werden hier in fünf Jahren grüne Baumwollpflanzungen stehen. Bis an den Bergzug dahinten werden wir das Nilwasser verteilen. Ich sage Ihnen, Doktor, es ist doch eine Freude, hier zu wirken und zu schaffen, altes, verlorengegangenes Gebiet zurückzuerobern und neues dazu zu gewinnen.“

Doktor Benari blickte sinnend in das vorüber strudelnde Wasser.

„Es ist viel zu erobern in Afrika,“ erwiderte er endlich. „Für die Ingenieure liegt das Schlachtfeld einstweilen in Ägypten. Wir Ärzte müssen weiter hinauf nach dem Sudan und nach Äquatorial, um dort den Kampf gegen die verheerenden Seuchen und schleichenden Fieber aufzunehmen. Ein jeder nach seinen Gaben, lieber Gilbert. Ich fürchte nur, wenn Ihr Ingenieure hier fertig seid, werden wir Ärzte wieder anfangen müssen.“

„Wieso das?“ fragte der Ingenieur erstaunt.

„Das ist leicht gesagt. Sehen Sie, dieser trockene, gelbe Sand, der da drüben jetzt seit unvordenklichen Zeiten ohne Wasser daliegt, eine Temperatur von etwa fünfzig Grad hat, der ist absolut steril. Auf dem gibt es keine Malaria und keine Schlafkrankheit. Aber lassen Sie dort einmal dichte Pflanzungen wachsen und dazwischen das Wasser in hundert Kanälen stehen, und Sie werden etwas erleben. Denken Sie an die alten ägyptischen Klagen. Sie wissen, daß unter dem König Pharao erst die Mücken und dann die Seuchen kamen. Das wird sich wiederholen. Erst werden die Mücken kommen, für welche unsere Wissenschaft den Namen Anopheles geprägt hat. Und dann kommt die Malaria, kommt Beri-Beri ganz von selbst.“

„Das wollen wir erst sehen, Doktor!“ rief Gilbert. „Einstweilen wollen wir Ingenieure einmal die Wüste in fruchtbares Land verwandeln. Danach wird es sich ja zeigen, ob eure Prophezeiungen eintreten, und dann ist es immer noch Zeit, etwas dagegen zu tun.“

Während dieser Unterhaltung war die Sonne immer tiefer gesunken. Jetzt berührte sie die Kämme der libyschen Berge. Purpurn wurde das Gestein auf der nubischen Seite und spielte in einer Minute ins Violette hinüber.

In mattem Rosa erglänzte der ganze Welthimmel.

„Die rosenfarbige See, durch welche Horos, der alte Sonnengott des Landes, in seiner Barke dahinsegelt,“ murmelte Doktor Benari.

Er hatte wenig Zeit, seinen mythologischen Erinnerungen nachzuhängen. Schon verschwand der feurige Ball hinter dem Gebirgskamm und beinahe augenblicklich liefen alle Farbentöne aus dem warmen Rot in ein kaltes Blau über. Die Nähe der Tropen bewirkte den kurzen Übergang vom Tage zur Nacht.

Noch waren nicht fünf Minuten seit dem Sonnenuntergang verflossen und schon brach die Dunkelheit herein. Die ersten Sterne leuchteten am dunklen Himmel auf und klar und massig erhob sich die volle Mondscheibe hinter den nubischen Bergen.

Bewundernd beobachtete Dr. Benari das Schauspiel.

Ein wenig skeptisch betrachtete ihn Georg Gilbert dabei.

„Zugegeben, daß Stimmung in dem Bilde liegt!“ rief er endlich. „Aber nicht alles entspricht den Erwartungen. Blicken Sie dort nach dem Südhorizonte. Sehen Sie da das Sternbild. Es ist das berühmte Kreuz des Südens, das wir hier freilich nur ganz dicht über dem Horizont beobachten können, Betrachten Sie es ordentlich und dann sagen Sie mir, ob unser nördliches Sternbild des Großen Bären nicht vielmals schöner ist.“

Und diese Bemerkung mußte Dr. Benari gelten lassen, so wenig er geneigt war, sich die poetische Stimmung verderben zu lassen.

„Aber trotzdem,“ erwiderte er, „liegt ein unendlicher geheimnisvoller Zauber über diesem Lande. Durch alle Errungenschaften der Neuzeit hindurch rauschen und raunen die Überbleibsel einer uralten heiligen Kultur, weht der Atem längst vergangener Jahrtausende.“

„Doktor, Sie werden poetisch!“ rief der Ingenieur mutwillig. „Gott sei Dank, daß da eben das tröstliche Gongsignal zum Supper ertönt. Ich denke, beim Scheine des elektrischen Lichtes und bei mutton-shop und fruit-jam werden Sie auch die Errungenschaften der Neuzeit zu würdigen wissen. Lassen Sie uns hinunter gehen und uns für das Supper in den festlichen Anzug werfen. Heute müssen wir mehr denn je etwas für uns tun und der Smoking ist trotz der Wärme unentbehrlich, wenn wir auch nur die geringsten Chancen bei den Damen haben wollen.“

„Keine Rosen ohne Dornen,“ seufzte der Doktor. „Die neue Gesellschaft scheint recht reizend zu sein. Aber bei dreißig Grad den Smoking anziehen… God bless me!“

* *

*

Die Mahlzeit war vorüber und die Passagiere beeilten sich, wieder auf Deck zu kommen. Denn in dem geschlossenen Speisesaal war die Temperatur trotz der elektrischen Ventilatoren reichlich hoch.

So fand sich die Gesellschaft wieder auf den Stühlen an Achterdeck zusammen. Und hier hatte sich das Bild im Lauf von zwei Stunden gewaltig geändert. Das Sonnensegel war eingezogen, und der sternklare Himmel wölbte sich über den Reisenden. Die Macht der Sonne, vor kurzem noch so drückend, war völlig geschwunden. Es herrschte eine angenehme Frische, so daß die Damen sogar leichte Umschlagetücher und Shawle mitgebracht hatten und die Herren die Gesellschaftstoilette nicht als zu schwer empfanden.

Mit Recht sagt man wohl, daß eine Schiffsreise von einem Tage die Leute näher zusammenbringt, als eine Landbekanntschaft von einem Jahr. Überraschend schnell hatten sich schon an der Abendtafel Anknüpfungspunkte zwischen den neuen Passagieren und den älteren Fahrgästen gefunden. Es hatte sich gezeigt, daß der Geheimrat Ewald den verstorbenen Vater des Doktor Benari von der gemeinschaftlichen Studienzeit her recht gut kannte. Es hatte sich ferner herausgestellt, daß der englische Herr, der tatsächlich ein Oberst und der right Honorable Charles Howard war, zur englischen Bauleitung des großen Staudammes bei Assuan gehörte und manche gemeinschaftlichen Interessen mit Georg Gilbert hatte, der ja seinerseits die großen Maschinenanlagen aufstellte.

So bildete sich schnell und zwanglos eine Bekanntschaft und Unterhaltung heraus, die vorwiegend in deutscher Sprache geführt wurde.

Doch nicht immer wurde gesprochen. Minuten und Viertelstunden hindurch ruhten die Passagiere auf den bequemen Schiffsstühlen, erfreuten sich der erquickenden Kühle und ließen das Auge auf der Uferlandschaft ruhen, die jetzt im bläulichweißen Scheine des Vollmordes wicht weniger Reize bot, als zuvor unter den Strahlen der sengenden Sonne.

„Oh! Herr Geheimer Rat, ich habe gehört von my father, daß Sie sind ein very much educated … Nun, wie sagt man auf Deutsch? ein sehr gelehrter Mann in die ägyptische Mythologie,“ wandte sich Eveline, Sir Charles Tochter, nach einer solchen Pause an dem deutschen Gelehrten. „Wollen Sie uns nicht erzählen eine Geschichte von das?“

Und während Mrs. Eveline diese Bitte in ihrem komischen Kauderwelsch vorbrachte, ließ sie ihre großen blauen Augen eine kurze Weile bittend auf dem Antlitz des Gelehrten ruhen, um dann auch den jüngeren Herren einige Blicke zuzuwerfen, die jene wohl auffordern sollten, ihre Bitte zu unterstützen, die aber in Wirklichkeit eine ganz andere Wirkung hatten.

Doktor Benari wenigstens, dessen Gedanken gerade in diesem Augenblick bei allerlei Glasschalen und Gelatineplatten und Bazillenkulturen verweilten, empfand einen plötzlichen Ruck in seiner Gedankenwelt. Während des kurzen Augenblicks, da die beiden großen Augensterne seinen Blick kreuzten, verschwand das ganze Rüstzeug moderner Bakteriologie in einem Abgrund der Vergessenheit. Dafür aber tauchten neue Träume auf.

Er sah dies englische Fräulein auf einer der vielen Nilinseln einsam stehen. Er sah, wie die gräßlichen Bewohner des heiligen Flusses, die schuppigen Krokodile, dieser Insel zuschwammen. Und dann sah er sich im letzten Moment selbst als Retter auftauchen, schmetterte im Geiste aus seiner erprobten Winchester-Büchse ein Explosivgeschoß nach dem anderen in die gräulichen Gegner … Und während der sonst so nüchterne und verständige Doktor Benari jetzt die Augen wieder voll aufschlug, ertappte er sich dabei, daß er sich im Zeitraume weniger Sekunden in eine richtige rührungsvolle Rettungsgeschichte hineingeträumt hatte, in welcher ihm selbst die dankbare Rolle des Helden zufiel.

Der Doktor Benari strich sich mit der Hand über die Stirn, um solche Träume zu vertreiben.

„So etwas kommt von der nächtlichen Fahrt auf dem fieberwarmen Nilstrom,“ sagte er als Arzt zu sich selber. „Oder sollte der Vollmond daran schuld sein,“ fuhr er fort, „oder …“ Er dachte den Gedanken nicht ganz zu Ende, aber er fühlte halb bewußt, daß weder das Wasser noch der Mond die Schuldigen waren, sondern jene blauen Sterne, die eben auf ihm geruht hatten.

Auch Georg Gilbert hatte den Blick der blauen Augen empfunden. Aber er erlag ihm nicht so leicht.

Alles in allem hatte Georg Gilbert für die ägyptische Mythologie verzweifelt wenig übrig, Er hatte sich über den Gang der ägyptischen Kultur seine eigenen Meinungen gebildet und alle diese Götter mit den Sperberköpfen, mit Stierschädeln oder Krokodilshäuptern waren ihm wenig sympathische Erscheinungen.

„Jawohl, Herr Geheimrat,“ rief Dr. Benari. „Wir schließen uns der Bitte Miß Howards an. Was gäbe es besseres, aus bewährtem Munde etwas aus Ägyptens Vergangenheit zu hören während des Märchenzaubers einer tropischen Vollmondnacht.“

„Erzählen Sie uns etwas, Herr Professor,“ sagte nun auch Sir Charles, sich verbindlich neigend. „Lassen Sie uns etwas aus dem Schatze Ihres Wissens zukommen.“

Der Gelehrte lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

„Sie haben am Ende recht,“ hub er nach einer kurzen Pause an. „Märchen erzählen ist ein angenehmer Zeitvertreib, wenn man im Märchenlande reist. Aber warum soll ich der Erzähler sein. Meine Tochter ist ja bei mir und die kennt die alten Sachen des Standes ebenso gut wie ich. Marie, dir soll die Ehre zufallen, die Herrschaften zu unterhalten.“

Marie Ewald hatte bis jetzt schweigend neben ihrer Mutter gesessen.

„Wenn es gewünscht wird, bin ich bereit,“ sagte sie schlicht.

Ihre Stimme klang dunkel und weich zum Erstaunen Georg Gilberts, der beim Supper ihr Tischnachbar gewesen und ein kleinen Wortkrieg mit ihr geführt hatte, wobei der Ton so viel energischer und schärfer vor den jungen Lippen fiel.

„Es wäre sehr liebenswürdig, gnädiges Fräulein,“ rief er jetzt, „wenn Sie den allgemeinen Wunsch erfüllen wollten.“

Und mit ihrer melodischen Stimme begann die junge Dame ihre Erzählung:

„Nicht immer wurde Ägypten, das alte Pharaonenland, von Menschen regiert. Im Anfange herrschten die Dynastien der Götter. Später erst, als das glückliche Zeitalter durch die Schuld der Götter und Menschen dahinschwand, begannen Menschen über die Menschen zu regieren. In die alten, goldenen Zeiten Ägyptens wollen wir zurückgehen, als die Götter noch selber regieren. Breit und mächtig durchströmte der Fluß damals das Land. Jeden Abend schwoll er an und bedeckte und tränkte das Ackerland. „Jeden Morgen kehrte er in sein Bett zurück und die Sonne ließ auf den getränkten Feldern das Korn zweihundertlich sprießen. Eine freie und glückliche Bevölkerung bewohnte Ägypten. Auf dem Königsthron des Landes aber saß Seb, der Gott des Himmelsraumes und war vermählt mit Nut, der Göttin der himmlischen Ferne. Zwei Söhne wuchsen ihnen heran. Osiris, der ältere, mit goldfarbenen Locken, der Stolz und die Freude des Königshauses, dessen Lächeln allen Schmerz und Groll aus den Herzen der Menschen tilgte, dessen Blick das Korn schneller sprießen und die Blumen früher erblühen ließ. Und daneben Typhon, der Zweitgeborene. Schwarzlockig, grimmig und finster von Antlitz und Gebärden. Typhon trug Groll im Herzen gegen den älteren glücklicheren Bruder, dem einmal der beste Teil der Herrschaft zufallen sollte. Es wuchsen die beiden so ungleichen Königskinder im Palaste auf. Und es kam die Zeit, da aus den Knaben Jünglinge wurden, die sehnend und verlangend durch das Land streiften. Wie es geschah und wo es sich ereignete, darüber gehen die alten Steintafeln und Papyrusrollen auseinander. Es mag wohl in Ober-Ägypten gewesen sein, wo das Auge des Osiris zum ersten Male bewundernd auf einer Jungfrau ruhte. Sie war gleichfalls aus göttlichem Geschlechte. Isis nennen sie die einen, Hathor die andern, und beide Namen kommen ihr wohl zu. So groß waren ihr Liebreiz und ihre Anmut, daß die Griechen, die viele tausend Jahre später ihr unvollkommenes Steinbild kennen lernten, nichts besseres zu tun wußten, als sie mit der schönsten ihrer Göttinnen, mit der Aphrodite zu vergleichen, daß Isis / Hathor noch nach Jahrtausenden den Namen der griechischen Liebesgottin erhielt. Was nun weiter geschah, wie Brautwerbung und Brautfahrt von statten gingen, darüber berichten die alten heiligen Texte nur lückenhaft. Wir wissen, daß Osiris die Hathor zur Gemahlin führte, wissen, daß die beiden im Glanze ewiger Jugendschöne prangenden Götter in den Palast von Memphis einzogen. Über Jahrhunderte springt die Geschichte der Götter. Dann schenkte die glänzende Hathor ihrem Gemahl einen Sohn, den Horos. Nach altem Gebrauch der Götter kehrten Seb und Nut in den Himmel zurück, als der Enkel dem Licht erstand und Osiris und Hathor bestiegen den Thron. Doch schon nahte das goldene Zeitalter seinem Ende. Typhon, der Finstere, der Neidische, mißgönnte dem Bruder sein Glück. Schwere Mordtat plant er und in einer Nacht gelang ihm das Werk. Typhon erschlug den Osiris, in den Nilfluten trieb der Leichnam des Ermordeten dem Meere zu. Wehklagend durchsuchte Hathor das Land nach ihrem Gatten, während der Mörder sich seiner Tat rühmt und die Herrschaft beansprucht. Bei Bylos treibt der Leichnam ans Land und die trauernde Hathor begräbt ihn auf der Insel Philae unter immergrünen Tamarisken. Nach Jahren kam tröstliche Kunde zu ihr. Die grünen Zweige der Tamarisken raunten es ihr zu. Und die wußten es vom Stamme. Und der hatte es von den Wurzeln erfahren, die tief in den Boden hinabreichen, die nicht nur das Grab des ermordeten Gottes umschlossen, sondern auch noch weiter gingen, bis zu den Pforten der Unterwelt. Osiris, der Göttliche, der Unsterbliche, war durch den Schwertstreich des Bruders wohl auf den Tod verwundet. Doch er war in der Unterwelt wieder zum Leben erwacht, war genesen und hielt sich in der Hölle verborgen. Die Zeit schreitet weiter. Aus Horos dem Knaben wurde Horos der Mann. Und nun naht dem Mörder in Memphis die Stunde der Vergeltung. Zu schimmerndem Waffenschmuck tritt der Sohn des Ermordeten vor den Mörder. Ein Kampf beginnt, der die alten Zyklopenmauern des Palastes erbeben macht. Der Mörder ist stark, doch stärker der Rächer. Aus tausend Wunden blutend, stürzt Typhon zu Boden und ein letzter Schlag sendet ihn in die Unterwelt. Siegreich besteigt Horos, des Osiris und der Hathor Sohn, den Thron von Memphis. Aber durch den Brudermord ist die alte Harmonie gestört. Auch des Typhon Tod ist nur ein Scheintod, denn die Götter sind unsterblich. Wie Osiris, so lebt auch Typhon in der Unterwelt weiter, und von dort aus beeinflußten beide das Land, über welches nun Horos herrscht, der Gott der Sonne, den sie auch Hamarchis nennen, den Wächter der Welt, der vom Osthorizont bis zum Westhorizont die ganze Welt übersieht und bewacht. Horos, den die Menschen späterer Jahrtausende auch als den Gott mit dem Sperberkopf darstellen, der Sohn des reiherköpfigen Osiris und der Hathor, deren Zeichen die beiden Hörner des wachsenden Mondes sind. Jahrhunderte herrscht Horos. Aber er bleibt unvermählt und mit ihm verschwindet die Dynastie der Götter aus dem Palaste zu Memphis. Nach dem Morde des Osiris, nach dem Tode des Typhon, nach der Regierung des Horos folgen die Dynastien der Menschen.“

Die junge Dame schwieg. Und schweigend verharrten auch die Zuhörer eine Weile.

„How lovely!“ unterbrach schließlich Miß Howard die Stille. „Oui hübsch diese alte Sage ist. Oui leid mir diese arme Hathor tut.“

Wieder herrschte eine Minute hindurch tiefes Schweigen. Nur Georg Gilbert bemerkte im Lichte des Vollmondes, wie der Geheimrat seiner braunlockigen Tochter zärtlich die Schulter streichelte. Und hörte wie er ihr zuflüsterte:

„Bravo, mein liebes Kind. Das hast du gut gemacht.“

Georg Gilbert spürte darüber einigen Verdruß. Ihm waren diese alten Götter und Göttinnen ganz und gar nicht sympathisch, und als sich nun dies junge, liebreizende Geschöpf da eben so offenkundig auf die Seite der alten mythologischen Figuren schlug, empfand er das beinahe als einen persönlichen Angriff. Und so neigte er sich denn jetzt ein wenig in seinem Sessel vor und wandte sich direkt an den Geheimrat und seine Tochter.

„Eine reizvolle Erzählung in der Tat, mein gnädiges Fräulein. Ich gratuliere Ihnen, daß Sie es so schön verstehen, die Gestalten der alten Sage auch mit dem Auge des Dichters zu erblicken. Aber … „

„Aber … was wäre das für ein Aber?“ wandte sich die junge Dame sofort an den Sprecher. „Erblicken Sie, Herr Ingenieur, in dieser alten Götterlehre nicht ebenfalls etwas Schönes?“

Georg Gilbert betrachtete interessiert die junge Dame, deren Augen ihn jetzt wieder wie bei Tisch kampflustig anblickten.

„Verehrter Herr Gilbert,“ mischte sich der Geheimrat ein. „Wenn Sie nicht ein unbedingter Bewunderer der ägyptischen Altertumswissenschaft sind, so werden Sie es ernstlich mit meiner Tochter zu tun bekommen. Ich kann Ihnen verraten, daß sie mir bei meinen Forschungen schon seit Jahren assistiert und die Hieroglyphen so fließend entziffert, wie nur irgend ein geprüfter Doktor der Ägyptologie.“

Mit doppeltem Interesse ließ Georg Gilbert seine Blicke auf der jungen Dame ruhen. Es war ihm neu, daß Mädchen und noch dazu so junge und so hübsche Mädchen, den Weg in die verschlungenen und wie ihm schien recht staubigen und reizlosen Pfade der Altertumswissenschaft fanden. Aber andererseits zollte er jeder wissenschaftlichen Tätigkeit volle Hochachtung und doppelt und dreifach interessiert war es ihm, ein Mädchen kennen zu lernen, welches in ihrem Köpfchen auch noch andere Dinge als Toilettenrezepte und allerlei Phantastereien trug.

Georg Gilbert, der selbst in seinem Berufe Hervorragendes leistete, der nicht nur ein guter Praktiker, sondern auch ein vorzüglich gebildeter Theoretiker war, hatte bisher in seinem eigenen Fach noch nicht Gelegenheit gehabt, wissenschaftliche Frauenarbeit kennen zu lernen, Er hatte bisher immer gefunden, daß gerade die Mathematik, die doch so recht eigentlich das Handwerkszeug des gebildeten Ingenieurs ist, den Frauen ein Unerforschtes und ungenießbares Gebiet blieb.

„Allerhand Hochachtung, mein gnädiges Fräulein,“ wandte er sich an die junge Dame, „wieviel Fleiß und guter Wille gehören wohl dazu, die geheimnisvollen Zeichen zu deuten, mit denen die alten Ägypter jede freie Fläche systematisch bemalt haben – Junge Damen pflegen meist etwas andere Interessen zu haben.“

Marie Luise Ewald richtete ihren klaren Blick etwas strenge auf den leicht spottenden jungen Herrn und erwiderte energisch:

„Ich habe allerdings großes Interesse für die Wissenschaft meines Vaters. Ich begleite ihn gern auf seinen Streifzügen und es macht mir große Freude, die Dokumente einer alten hohen Kultur im Urtext zu lesen. Die Zeiten sind gottlob vorbei, wo man uns Frauen nur in Küche, Kinderzimmer und Kirche tätig duldete, – auch uns ist jetzt freie Bahn gegeben.“

Georg Gilbert lachte amüsiert auf.

„Gnädiges Fräulein, ich fühle mich geschlagen – bis jetzt waren es immer nur einige wenige recht reife ältere Weiblichkeiten, die ich bei wissenschaftlichen Arbeiten antraf. Fassen Sie daher mein hohes Erstaunen nicht übel auf. Sie sind in der Tat die erste junge Dame, die ich ernsthaft in meinem Leben wissenschaftlich arbeiten kennen lerne.“

„Ja,“ unterbrach ihn Marie Ewald etwas schnippisch und reckte ihr feines Näschen hoheitsvoll in die Luft. „Es geschieht eben alles im Leben mal zum ersten Mal, mein verehrter Herr Gilbert. In ‚unseren‘ Kreisen haben auch die jungen Damen ernste Interessen.“

„Sehr wahr und weise bemerkt, meine Gnädigste,“ erwiderte der Ingenieur, der sich jetzt wirklich gereizt und geärgert fühlte. „Aber konnten Sie denn nicht wenigstens für Ihre Anstrengungen ein interessanteres Gebiet finden, als gerade diese trockene Altertumswissenschaft?“

Georg Gilbert sah mit einiger Genugtuung, wie bei seinen Worten der jungen Dame das Blut in die Wangen schoß. Dann traf ihn ein Blick aus ihren großen Augen, der ungefähr sagte:

„O Bauer, was verstehst denn du vom Gurkensalat.“

Aber ruhig und ernsthaft klang die Stimme, als sie ihm erwiderte:

Aber gestatten Sie einmal, wie können Sie behaupten, daß diese Wissenschaft geringer wäre, als irgend eine andere. Wir lesen in den alten Texten das Schönste und Weiseste, was die Menschheit bisher gedacht und geschrieben hat. Hat denn unsere moderne Zeit etwas annähernd so Vollkommenes aufzuweisen? Ich will gar nicht von der ägyptischen Göttersage reden. Aber Sie sind Ingenieur. Leistet Ihre Technik auch annähernd so Vollkommenes, wie die Baukunst der alten Pharaonen?“

Georg Gilbert lächelte amüsiert.

„Ich sehe, mein gnädiges Fräulein, Sie gehen nach dem bewährten Grundsatz vor, daß der Hieb die beste Parade ist. Ich hoffe, Ihnen in Assuan Werke der Ingenieurkunst zeigen zu können, die die Leistungen der Pharaonen weit übertreffen. Vielleicht übernimmt dort Sir Charles die Führung. Aber wenn ich das Glück haben könnte Ihnen meine eigenen Arbeiten in Wadi-Kom-Ombo zeigen zu können, so würden Sie wohl Leistungen finden, an welche Ihre alten Pharaone nicht im Traume dachten.“

„Ihre Tätigkeit in Ehren, Herr Ingenieur,“ rief Fräulein Ewald. „Aber daß der Staudamm bei Assuan die Insel Philae überschwemmt, daß kostbare Tempel dabei zugrunde gehen, das rührt Sie wohl nicht weiter.“

„Mein liebes, gnädiges Fräulein,“ erwiderte Georg Gilbert. Meine Ansicht über diese alten Bauwerke im allgemeinen kennen Sie ja nun. Es ist gewiß bedauerlich, daß die Bauwerke auf Philae im Wasser zugrunde gehen. Wenn ich aber die Wahl habe, ob ich ein paar alte Tempel konservieren oder den Fluß stauen und tausend Quadratmeilen Wüste in fruchtbares Land verwandeln soll, so bin ich mir keinen Augenblick darüber zweifelhaft, was zu tun ist. Natürlich wird gestaut und natürlich wird Neuland gewonnen.“

„Ich finde Ihren Standpunkt barbarisch,“ rief Marie Ewald.

„Aber warum, mein gnädiges Fräulein?“ erwiderte der Ingenieur. „Warum um alles in der Welt? Ich kann Ihnen in meiner Praxis eine Geschichte erzählen und Sie werden dann vielleicht anders über die Sachlage denken, Es war neulich in Wadi-Kom-Ombo. Ich hatte dort das große Pumpwerk aufgestellt, welches jeden Tag eine viertelmillion Kubikmeter Wasser aus dem Nile nimmt. Wir hatten das große Betonrohr vier Meilen weit landeinwärts geführt. Seit dreitausend Jahren, seit der Regierung des Königs Amenemha, hatte der vier Meilen weit landeinwärts geführt. Seit dreitausenden Jahren war auch kein Tropfen Regen in diese Wüste gefallen. Und dann, mein Fräulein öffneten wir die Schleusen des Kanals, In breitem Strome von den tausendpferdingen Dampfpumpen ergoß sich das sprudelnde Wasser über die Fläche. Es war uralter Kulturboden, unter Cheops und Chafra noch mit Korn bebaut. Aber unter Amenemha hatte die Dürre die Ackerbauer verjagt. Und nun eroberten wir das Land wieder. Seine schwärzliche Farbe, seine strähnige Struktur zeigte noch, daß das nicht Wüste von Ewigkeit an, sondern altes Ackerland war. Das verdurstete Land nahm das Wasser zunächst gar nicht an. Drei Tage hindurch standen die Fluten, die unsere Pumpen Tag und Nacht dort hinwarfen, über dem staubigen Grund. Erst dann begann der Boden zu trinken. Und er trank eine Woche hindurch so viel, wie unsere Pumpen nur heranschaffen konnten. Tag und Nacht ergoß sich das Wasser aus den Schleusen in breiten Strömen über die Fläche. Am siebenten Tage ließen wir die Maschinen ruhen. Da lag der Acker glänzend schwarz fettig und fruchtbar vor unseren Augen. Am achten Tage begann die Bestellung und am zwölften Tage sproßen die ersten Halme, wo drei Jahrtausende hindurch nur die Dürre und der Dursttod gewohnt hatten. Seitdem die Schnitter unter dem Könige Amenemha dort das letzte Korn gesichelt hatten, war das wieder das erste Grün an dieser Stelle. Und ich versichere Ihnen, mein gnädiges Fräulein, die Freude, die mir dies wiedereroberte Land bereitete, war größer als der Schmerz um irgendeinen zerstörten Tempel.“

„Herr Gilbert, Sie haben Ihre eigene Manier, die Dinge darzustellen,“ erwiderte Marie. „Ich fürchte, wir werden uns schwer verständigen, wenn ich Ihre Beweggründe auch achte.“

„Aha! Dem Angeklagten werden doch wenigstens mildernde Umstände zugebilligt,“ lachte der Ingenieur. „Das ist immerhin schon ein kleiner Fortschritt. Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie unsere Arbeiten an Ort und Stelle sehen, werden Sie noch anders denken. Glauben Sie, daß Ihre alten Könige, daß Cheops und Chafra und Amenemha zufrieden wären, wenn Sie jetzt hier mit uns den Strom beführen und die Wüste bis dicht an den Fluß reichen sähen, wenn sie das Mondlicht über diesen gelben Sandflächen erblickten, wo früher einmal fruchtbarer, dunkelgrüner Acker stand. Ich glaube, König Cheops würde seine größte Pyramide darangeben, um uns in unseren Arbeiten zu unterstützen.“

Fräulein Ewald schwieg zunächst einen Moment.

„Ich will Ihnen zugestehen,“ sagte Sie dann, sehr viel umgänglicher, „daß die Beweggründe Ihres Handelns anzuerkennen sind. Ich will zugeben, daß Ihre Arbeiten die Wohlfahrt des Landes erstreben. Aber ich finde es nach wie vor unverzeihlich, wenn dadurch alte Kunstwerke beschädigt werden.“

Wiederum schmunzelte der Ingenieur höchst vergnüglich.

„Das ist doch wenigstens eine kleine Anerkennung, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er dann. „Ich werde also von Ihnen wenigstens nicht so angesehen, wie die arabischen Räuber, welche die Pyramiden lediglich des Goldes wegen plünderten und die Mumien zum Feueranmachen benutzten. Ich hoffe aber, daß wir uns noch besser verstehen werden. Sehen Sie dies Land, welches hier tot und dürr zu beiden Seiten des Stromes liegt und kommen Sie dann zu den Stellen, wo wir bereits gearbeitet haben, wo der Nil durch meilenweite blühende Gärten fließt, und Sie werden uns Ihre Anerkennung nicht versagen können.“

Wiederum schwieg Fräulein Ewald. Sir Charles aber nahm den Faden der Unterhaltung auf.

„Ich muß Mr. Gilbert recht geben,“ begann er. „Wer vor zwanzig, ja vor zehn Jahren nach Ägypten kam, der fand als Sehenswürdigkeit ausschließlich die Altertümer. Wer heute kommt und mit offenen Augen durch das Land geht, der kann an unseren neuen Bauten, an unseren großen Bewässerungsanlagen nicht vorübergehen. Als Engländer sage ich es mit Stolz, daß Ägypten unter englischer Herrschaft einer neuen Blütezeit entgegengeht, einer fruchtbaren und glücklichen Zeit, wie sie das Land seit viertausend Jahren nicht mehr gekannt hat.“

Der Oberst hielt inne und zog sein Chronometer.

„Wissen die Herrschaften auch, daß wir bereits Mitternacht haben,“ fuhr er fort. „Wir haben die Stunden nach Sonnenuntergang schnell verplaudert. Ich nehme an, daß wir uns morgen noch sehen werden, und es soll mich freuen, Ihnen unsere Arbeiten zu zeigen. Für heute ist wohl der Schlaf das beste, denn um sieben Uhr soll der Steamer bereits bei Assuan anlegen.“

Mit diesen Worten erhob sich Sir Charles Howard und die anderen Reisenden folgten seinem Beispiele und schritten ihren Kabinen zu.

 

Zweites Kapitel.

Die Uhr zeigte bereits die achte Stunde, als die Queen Victoria am Kai von Assuan festmachte.

Ein wunderbar belebtes Bild bot sich hier den Blicken. Die Berge, die bisher nur aus größerer Entfernung sichtbar gewesen waren, traten bei Assuan schroff und mächtig bis an den Fluß heran. Es blieb zwischen den Ost- und Westfelsen nur ein Durchgang von kaum anderthalb Kilometer. Durch dies Felsentor strömte der Fluß.

Im Hintergrunde der Passage aber erhob sich mächtig und drohend aus schwerem Granitstein erbaut, der riesige Staudamm.

Georg Gilbert stand mit der Familie des Geheimrates Ewald zusammen, als der Dampfer ablegte. Der Geheimrat kam seit fünfzehn Jahren zu ersten Mal wieder nach Assuan.

„Bei Gott!“ rief er und starrte auf den Damm, „wie hat sich das Land hier in wenigen Jahren verändert.“

„Siehst du, Marie!“ wandte er sich an seine Tochter, „als ich das letzte Mal hier war, da schoß der Strom hier in wilden weißen Strudeln durch sein Bett, da kochten und schäumten die Wasser hier im ersten Katarakt und bedrohten jeden Schiffsverkehr. Vom Lande her wurden die Felluken und die kleinen Dampfer von den Fellachen an mächtigen Seilen stromaufwärts durch die Katarakte gezogen. Und nun steht mitten in diesen Stromschnellen der neue Damm.“

„Das Bild hat sich geändert, aber es wird sich noch viel mehr ändern,“ warf Georg Gilbert ein. „Sehen Sie, Herr Geheimrat, wie dort auf dem Damme gearbeitet wird, wie dort Hunderte von schwarzen Ameisen hin- und herkriechen. Das sind die Bauleute. Sehen Sie dort die Kräne sich heben und drehen? Sehen Sie, wie dort die mächtigen Granitblöcke gehoben und gesetzt werden. Um volle sieben Meter soll der Damm erhöht werden. Vier Milliarden Kubikmeter sollen hinter dem Damm gestaut werden. Denken Sie, Herr Geheimrat, stellen Sie sich vor, gnädiges Fräulein! Vier Milliarden Kubikmeter Wasser. Das ist eine ungeheure Menge. Wenn wir mit diesem Wasser einen zehn Meter tiefen See füllen wollen, so muß er eine Oberfläche von vierhundert Quadratkilometern bekommen. Stellen Sie sich einen See vor, der anderthalb Meilen breit und vier Meilen lang ist. Und den Inhalt dieses künstlichen Meeres, das wir dort hinter dem Damme aufgestaut haben, verteilen wir nun das ganze Jahr hindurch über das durstende Land.“

Der Geheimrat wollte etwas erwidern. Aber gerade jetzt kamen die Angestellten der Hotels an Bord und dazwischen hindurch drängte sich ein Schwarm von allerlei Händlern.

Da kamen die Schwarzen aus dem Inneren Aethiopiens in weißen Gewändern und boten mit vielem Geschrei allerlei Früchte an. Da tauchten Männer und Frauen der Bischarin-Beduinen auf und suchten Waffen und Schnitzereien an den Mann zu bringen. Da fanden sich weiter endlich die unvermeidlichen Araber und Indier, die ihre wertvollen Altertümer anboten, Dinge, die so unverschämt gefälscht waren, daß der Geheimrat die Täuschung auf den ersten Blick merkte.

Von allen Seiten wurden die Reisenden umringt und mit Angeboten höchst zweifelhafter Art überschüttet. An ein Verlassen des Schiffes und eine Übermittelung des Gepäckes an die Hotelbediensteten war zunächst gar nicht zu denken.

Georg Gilbert sollte durchaus ein Paar echte Beduinenlanzen kaufen, deren Herkunft aus Remscheid außer Zweifel war. Fräulein Ewald sollte unbedingt ein Kollier aus heiligen Skarabäen erstehen und dem Geheimrat wollte ein kräftig mit Hammeltalg gesalbter Beduine einen weißen Burnus verkaufen.

Doktor Benari dagegen war von Fruchtverkäufern umringt und konstatierte bei sich selber, daß die Cholera unvermeidlich sei, wenn er auch nur den zehnten Teil von dem kaufte und äße, was ihm angeboten würde.

Eine kurze Weile sah sich der dicke behäbige Schotte Mr. Macperson der erste Maschinist des Dampfers, dies Treiben mit an.

„Du Sohn eines Schakals, du Enkel eines eines Hundes, du Urenkel einer Eselin, du Ururenkel eines Krokodiles,“ schnaubte er eben einen feilschenden Araber an, „hebe deine schmutzigen Füße fort vom sauberen Deck dieses anständigen englischen Dampfers. Gehe wieder in die Wüste und hänge dich auf an dem Shawl, mit dem Du mich betrügen willst, hänge dich damit an die höchste Dattelpalme und Allah wird mit dir zufrieden sein.“

Aber der Araber fühlte sich durch diese Invektiven in keiner Weise beleidigt.

„Der Sixdar belieben zu scherzen,“ erwiderte er mit einer tiefen Verbeugung, „warum will der mächtige Sultan, der dieses schöne Schiff hierher geleitet hat, der Herr des Feuers und des Rauches, warum will der Wohltäter der Armen diesen herrlichen Shawl nicht für die Hälfte des Wertes kaufen?“

„Weil ich nicht will, du Onkel eines Flußpferdes, du Bruder eines Geiers,“ fluchte der Maschinist weiter. „Weil ich diesen erbärmlichen Lumpen für den hundertsten Teil des Geldes in Birmingham haben kann.“

Aber der Araber blieb unverwüstlich und zähe. Und da riß dem Dicken Schotten die Geduld. Ein Wink und ein paar Kommandos von ihm und mit überraschender Geschwindigkeit erschienen drei Matrosen mit Schläuchen und mächtigen Strahlstücken.

Mit einem mächtigen Satz sprang Mr. Macpherson von dem bettelnden Araber fort. Im selben Moment schoß ein armdicker Strahl aus dem Schlauch und fegte den Händler über das halbe Deck hin.

Fluchend und hinkend verließ er das Schiff und erstaunlich schnell folgte der übrige Schwarm.

Das kalte mit beträchtlicher Kraft geschleuderte Wasser jagte das ganz Gesindel in wenigen Minuten von Bord. Erleichtert atmeten die Passagiere auf, als sie von den zudringlichen Händlern befreit waren.

„So,“ sagte der Maschinist. „Jetzt haben wir klares Deck und die Herrschaften können sich in Ruhe entscheiden, ob sie in das Savoy-Hotel auf der Insel Elephantine oder in das Katarakt-Hotel an diesem Ufer gehen wollen. Diese beiden Hotels gibt es nur am Orte.

Eine kurze Beratung folgte und die Wahl fiel allgemein auf das Savoy-Hotel. In wenigen Minuten vollzog sich jetzt der Abzug der Passagiere, soweit sie in Assuan bleiben wollten, während die Queen Victoria sich anschickte, in die Schleuse zu gehen und die Fahrt nilaufwärts fortzusetzen.

* *

*

Das Dinner im Savoy-Hotel war vorüber und eine kurze Siesta hatte den Reisenden über die Stunde der größten Hitze hinweggeholfen. Es war gegen fünf Uhr am Nachmittage, als man sich in der geräumigen und kühlen Empfangshalle des Hotels wieder zusammenfand.

Georg Gilbert hatte sich in einen der bequemen Klubsessel sinken lassen und saß dort völlig traumverloren.

„Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein,“ wandte er sich an Fräulein Ewald, „diese Klubsessel sind auch eine Erfindung der Neuzeit. Ich garantiere Ihnen, daß die alten Ägypter nicht annähernd so etwa Schönes und Bequemes gehabt haben.“

„Das käme doch erst auf eine Untersuchung an,“ erwiderte die junge Dame unternehmungslustig. „Wissen Sie denn, ob nicht die Thronsessel der Pharaonen zum mindesten ebenso bequem gewesen sind, Sie unermüdlicher Bewunderer der Neuzeit?“

„Nein, mein gnädiges Fräulein,“ hauchte Georg Gilbert matt ans seinem Sessel zurück. „Nein! Wir brauchen das gar nicht zu untersuchen. Seitdem das alte Lemurien und mit ihm zusammen der letzte Klubsessel unter den Spiegel des Indischen Ozeans versank, ist diese wichtige Erfindung achttausend Jahre lang verloren gewesen. Betrachten Sie doch nur die Statuen von Rhamses und Rampsenit. Wie steif und hölzern die dasitzen. Ich sage Ihnen, keine Ahnung von einem Klubsessel hat damals existiert.“

Und wohlig und im Frohgefühl ungestörter Faulheit reckt sich Georg in seinem Sessel.

Fräulein Ewald aber rief schnippisch: „Ich sehe, daß mit Ihnen absolut nicht ernst zu reden ist. Jetzt verlegen Sie sogar die Erfindung der Klubsessel in jenes fabelhafte Lemurien, das überhaupt nur eine Erfindung von Ihnen zu sein scheint. Bauen Sie nur ruhig Ihre Wasserleitungen, aber lassen Sie die Kulturgeschichte in Ruhe.“

„Muß sich Ihr Freund immer mit das deutsche Fräulein streiten?“ fragte in diesem Augenblick Miß Howard verwundert den Doktor Benari.

„Es scheint so, meine Gnädigste,“ erwiderte dieser.

„Oh! Ich finde das aber gar nicht sehr schön,“ meinte die Engländerin.

Der Doktor wollte ihr soeben beipflichten, als ihm das alte Sprichwort vom Necken und vom Lieben einfiel. Und so sagte er denn nur:

„Mein gnädiges Fräulein, die Sache ist, glaube ich, nicht ganz so schlimm, wie sie aussieht. Ich möchte mit Ihnen wetten, daß die Beiden da drüben trotz ihres Streitens noch recht gut Freund werden dürften.“

Das verstand aber Miß Howard wieder ganz und gar nicht. Sie blickte ihn erstaunt mit ihren großen blauen Augen an und sagte: „Aber Mr. Benari, man kann doch ganz gut Freund sein, ohne sich zu streiten. Wie wir beide zum Beispiel!“

Ehe der Doktor auf diesen Satz etwas erwidern konnte, trat Sir Charles in den Raum.

„Wie wäre es,“ begann er, „wenn wir jetzt den Damm besuchten. Ich habe mir das Motorboot hierher bestellt, welches uns von der Insel in ein paar Minuten zum Damme bringt. Und dann geht das Boot durch die Schleusen und wir fahren, wenn wir den Damm gesehen haben, weiter nach der Insel Philae.“

Der Vorschlag des Obersten fand allgemeinen Beifall. Sogar die Frau Geheimrat Ewald war bereit, mitzukommen, obwohl sie am Morgen erklärt hatte, von allen Kahn- und Dampferfahrten für lange Zeit genug zu haben,

Galant bot Sir Charles der Dame den Arm. Der Geheimrat folgte in Begleitung der beiden jungen Mädchen.

Kurz vor der Türe drehte sich Fräulein Ewald noch einmal nach Georg Gilbert um.

„Werden Sie auch mitkommen oder können Sie sich von Ihrem Lemurenstuhl nicht trennen?“

„Wir wollen es versuchen, leicht wird es nicht sein, meine Gnädigste,“ seufzte der Ingenieur.

Dann aber riß er sich mit sichtlicher Anstrengung von dem bequemen Sessel los, bekam den Dr. Benari am Arm zu fassen und beschloß mit ihm den Zug.

Der Weg führte durch den schattigen Hotelgarten zum Ufer, wo das Motorboot bereit stand.

„Was sagen Sie zu unserer Reisegesellschaft, Doktor,“ fragte er seinen Begleiter.

Der aber antwortete gar nicht, sondern. seufzte nur ein paarmal vor sich hin.

„Doktor!“ rief der Ingenieur. „Fehlt Ihnen etwas? Sie scheinen nicht ganz auf der Höhe zu sein. Haben Sie irgendwelchen Kummer?“

Und als der Doktor immer noch die Antwort schuldig blieb, fuhr Georg Gilbert im Selbstgespräch fort:

„Eins ist mal ganz sicher. Diese kleine Krabbe, diese Ewald, hat Rasse und Temperament. Es ist das erste, Mädel, was mir imponieren kann. Wenn sie sich für ihr Studium nur eine genießbare Wissenschaft, etwa Physik, oder Mathematik, ausgesucht hätte, und nicht dieses gräßliche Altertumskunde. Na, wir werden ja sehen, Doktor! Tauen Sie allmählich auf. Da ist das Motorboot, und da ist auch das bewußte blaue Augenpaar, das an Ihrer Hypnose, um nicht Psychose zu sagen schuld sein dürfte.“

Mit diesen Worten sprang Georg Gilbert mit einem eleganten Satz mitten in das Motorboot und half von dort aus den Damen zu ihren Sitzen.

Ein kurzes Hupensignal. Puffend sprang der Motor an. In eleganter Wendung verließ das Boot das Ufer und steuerte stromaufwärts auf das mächtige Granitmauerwerk zu, welches dort die Welt abzuschließen schien.

Schnell legte es die etwa eine halbe Meile weite Strecke zurück. Der Damm, der erst wie ein grauer Streifen im Flusse stand, wurde immer massiger und hob sich immer drohender.

Beim Näherkommen sah man erst deutlich, wie riesenhaft die einzelnen Quadern waren, die ihn zusammensetzten. Und als das Motorboot jetzt an einer schweren Steinplatte anlegte, da lastete das mächtige Bauwerk in der Höhe eines zehnstöckigen Riesenhauses über den Reisenden und warf weitausladende Schatten über den Strom.

„Sehen Sie,“ wandte sich Georg Gilbert an Marie Ewald. „Der Damm hier ragt ebenso weit in die Höhe wie in die Tiefe. Man hat in das Flußbett quer durch den Strom eine mächtige, dreißig Meter breite Rinne gesprengt, bis man überall an gesunden Felsen kam. Man ist dabei stellenweise mehr als dreißig Meter in die Tiefe gegangen und hat dann den Damm aus massiven Quadern getürmt. Und nun mißt er vom Flußgrund bis zur Krone noch einmal siebenunddreißig Meter. In diesen Damm steckt immerhin soviel Mauerwerk, wie in mancher mittleren Pyramide.“

Aber doch sicherlich nicht halb so viel, wie in der großen Cheopspyramide,“ Marie Ewald, die die Ausführungen Gilberts nicht unwidersprochen lassen wollte, obwohl das Bauwerk sichtbarlich auch auf sie einen Eindruck machte.

„Zugegeben, mein gnädiges Fräulein, oder soll ich lieber ungnädiges Fräulein sagen. Es steckt nur der vierte Teil vom Material der Cheopspyramide in diesen Damm. Aber dafür ist er erheblich nützlicher als alle Pyramiden zusammen.“

Marie Ewald antwortete nicht. Ihr Blick glitt an der schwindelnd hohen Granitmauer entlang. Sie musterte diese riesigen Strebepfeiler, die ebenso, wie die Pyramiden, für die Ewigkeit gefügt waren. Dann betrachtete sie die gigantischen eisernen Schleusentore zwischen den einzelnen Pfeilern. Und dann mußte sie ihre Aufmerksamkeit ganz dem Wege widmen. In Serpentinen zog sich die schmale Steintreppe an der schrägen Wand des Dammes empor.

Stufe um Stufe wurde zurückgelegt. Aber wohl eine Viertelstunde verging, bevor die Reisenden mit mehrmaligen Ruhepausen sich endlich der Krone des Dammes näherten.

Immer tiefer sank vor ihren Blicken der Spiegel des Nilflusses. Wie in einer Mulde lag der Strom mit seinen Inseln und Ufern jetzt unter ihnen.

Und nun beschritten sie die letzten Stufen und traten auf die Krone des mächtigen Dammes.

Mit einem Schlage öffnete sich jetzt auch die Aussicht flußaufwärts. Und es war eine wunderbare Landschaft, die sich da ihren Blicken bot.

Während unterhalb des Dammes der Fluß in einer Breite von kaum 690 Metern zwischen den felsigen Usern dahinfloß, traten gleich oberhalb des Dammes die Berge auseinander. Zwischen ihnen aber breitete sich, beinahe dem Meere vergleichbar, ein weiter, blauer Spiegel aus.

Gemächlich schritten die Reisenden auf der breiten Fahrstraße dahin, welche, von beiden Seiten mit brusthohen steinernen Mauern eingefaßt, die Krone bildete.

„Das ist noch so nebenbei ein Vorzug des Dammes,“ erklärte Sir Charles, daß er gleichzeitig einen guten, zuverlässigen Weg quer über den Nil für die Karawanen bildet. Im übrigen haben wir jetzt Niederwasser. Der Stausee ist beinahe leer und wir können nachher trockenen Fußes die Insel Philae besuchen. Wenn wir im Oktober hierher gekommen wären, dann hätte der blaue See bis an die Dammkrone gestanden. Dann hätten wir von der Tempelinsel nur ein paar Palmenwipfel und Säulenfriese gesehen.“

Schweigend hatte die Gesellschaft die Erklärung des Engländers entgegengenommen und war über die halbe Dammlänge bis zur Mitte des Strombettes vorwärts geschritten.

„Nun, Herr Gilbert,“ begann jetzt Marie Ewald, „wollen Sie sich nicht auch ein wenig betätigen und mir die Einzelheiten dieses modernen Werkes erklären?“

„Ich will es versuchen,“ erwiderte der Ingenieur. „Aber werden Sie nicht böse, wenn ich dabei bisweilen den Unterschied zwischen dem Einst und dem jetzt betonen muß.“

„Fragen Sie nur an,“ ermunterte ihn Marie Ewald.

„Im Februar,“ hub Georg Gilbert darauf an, „beginnt die große Schneeschmelze in den afrikanischen Alpen. Dann strömt das Schmelzwasser in tausend Rinnsalen zu Tale. Und dann kommt die große Regenperiode im Binnenlande hinzu. Die Seen steigen und mächtig fließt das Wasser in den blauen und in den weißen Strom. Und Bar el Asrak und Bar el Abias leiten die Fluten gen Norden bis zur Vereinigung bei Chartum. Die Täler, die sonst nur Hunderte von Kubikmetern transportieren, führen dann ebenso viele Tagesende. Und was alles im großen Sterben eines Jahres an toten Tieren und toten Pflanzen im Inneren des schwarzen Erdteiles in die Flußtäler sank, was da in den Strombetten log und moderte, das wird aufgewühlt und treibt zu Tale. So erscheint die Flut bei Gondokoro im Februar, bei Dongola Ende Mai und hier in Assuan am Ende Juni. Heute über vierzehn Tage können wir sie erwarten. Aber nicht so blau und klar, wie der Stausee jetzt daliegt, kommt sie an. Schlammig, gelb, beinahe braun, treiben die Wassermassen daher. Das ist jene fruchtbare Flut, der Ägypten seit Jahrtausenden seine Existenz und sein Reichtum verdankt.“

„Ägypten ein Geschenk des Nilflusses, so nennt es ja Herodot,“ unterbrach ihn Marie Ewald.

„Ein Geschenk des Nilstromes in der Tat,“ fuhr Georg Gilbert fort. „Denn weithin tritt das fruchtbare Wasser über die Felder, befruchtet und bewässert sie zur selben Zeit. Und darum stehen während der ersten drei Wochen der Flut die 180 Tore dieses Dammes auch weit offen. Ungehindert strömt die gelbe Flut zu Tale, überschwemmt und macht fruchtbar. Aber immer klarer wird dann von Tag zu Tag der Strom. Die Fluten haben halb Afrika gereinigt und ausgewaschen und in der vierten Woche, während der Strom immer noch weiter steigt, kommen sie blau und kristallklar vom Süden her. Dann aber schließt sich ein Schleusentor nach dem anderen. Gewaltsam sperrt der Damm dem Hochwasser den Weg und gewaltig steigt die Flut hinter dem Damme. Alles Wasser, was jetzt kommt, wird gefangen und gespeichert. Nur soviel darf durch die Tore, daß der Strom mit gutem Wasserstande zu Tale fließen kann.“

Georg Gilbert, der vorhin noch mit so viel Geschick und Grazie den schlaffen und faulen Dekadenzmenschen gespielt hatte, war bei der Schilderung dieses modernen Weltwunders in Bewegung und Feuer geraten. Er hatte es kaum bemerkt, daß während seines Vortrages noch eine andere Person, ein Herr in mittleren Jahren, zu der Gesellschaft getreten war.

Der Ingenieur schwieg einen Augenblick und der Fremde benutzte dies, um auf ihn zuzutreten und sich mit einer kurzen Verbeugung vorzustellen.

Es waren unverfälschte Berliner Laute, die dabei an das Ohr des Ingenieurs drangen.

„Gottlieb Schulze aus Berlin SO., Muskauer Straße.“

Befremdet blickte Georg Gilbert auf. Seine Tätigkeit hatte ihn durch die verschiedensten Gaue des Deutschen Reiches geführt und im Laufe der Jahre hatte sich bei ihm eine Aussprache gebildet, die frei von jedem Dialekt war.

So berührte ihn diese Vorstellung nicht eben angenehm. Aber er war viel zu wohlerzogen, um sich nun nicht seinerseits vorzustellen, und dabei bemerkte er, daß dieser neue Ankömmling aus ein paar recht klugen und lebhaften Augen in die Welt blickte.

Und was Herrn Gottlieb Schulze anbetraf, so war er ein heller Berliner Junge, der nach dem Grundsatz lebte: „dumm sein ist keine Schande, aber dumm bleiben, und fragen kostet nichts.“

Und so tat denn Herr Gottlieb Schulze nach der Vorstellung sofort seinen Mund von neuem auf und sprach sehr gelassen die Worte:

„Sagen Sie mal, Herr Ingenieur, zu was machen Sie das nun eigentlich alles?“

Erstaunt hatte Eveline Howard diese Töne vernommen.

„Oh! Sagen Sie mir Mr, Benari, was tut dieser Gentleman für eine Sprache sprechen,“ wandte sie sich an den Doktor.

Und der Doktor konnte eine kleine Bosheit nicht unterdrücken.

„Der Herr kommt aus Berlin, aus der Kapitale des Deutschen Reiches, mein gnädiges Fräulein. Er spricht die Sprache der Intelligenz, und wenn Sie sich im Deutschen vervollkommnen wollen, so müssen Sie besonders auf die Redeweise dieses Mannes achten.“

„Oh! Ist das so?“ sagte darauf Miß Howard und schlug wiederum ihre großen blauen Augen zu ihm auf. Und in diesem Augenblick tat dem Doktor seine Perfidie schon wieder leid.

Dem Ingenieur Georg Gilbert aber war über die Berliner Anrede die ganze Stimmung verflogen und er hatte wenig Lust, in seinem Vortrage fortzufahren. In diesem Augenblick kam ihm Marie Ewald zu Hilfe.

„Den weiteren Vorgang kann ich mir denken,“ warf sie jetzt ein. „Wenn nun die Flut vorüber ist, wenn die Zeit des niedrigen Wasserstandes kommt, dann machen Sie als vorsichtiger Mann, der während der Zeit des Überflusses gespart hat, die Tore wieder auf und lassen soviel Wasser in den Fluß, wie für einen guten Wasserstand nötig ist.“

Georg Gilbert nickte der jungen Dame freundlich lächelnd zu.

„Sehr richtig, mein gnädiges Fräulein, Sie haben den Zweck und die Wirkung dieses Bauwerkes gut begriffen.“

Und eben wollte der Ingenieur in seiner Erklärung fortfahren, als ihm Herr Gottlieb Schulze von neuem in die Rede fiel.

„Na, so ganz klar ist mir das eigentlich noch nicht, was hat denn das Ganze für einen Zweck.“

Georg Gilbert sagte sich, daß es nur zwei Möglichkeiten gab, nämlich grob zu werden oder auf die Eigentümlichkeit des Berliners einzugehen. Er beschloß, das letztere zu tun.

„Herr Schulze,“ wandte er sich direkt an ihn, „Sie haben doch zweifellos eine Schule besucht.“

„Na, und ob!“ erwiderte der. „Aber ordentlich, und nicht etwa die Armenschule!“

„Na also!“ fuhr Georg Gilbert fort. „Dann haben Sie doch in der biblischen Geschichte etwas den sieben fetten und den sieben mageren Kühen gehört?“

Herr Gottlieb Schulze streichelte sich einen Augenblick nachdenklich die Stirn.

„Jawohl! Ja! Gewiß doch! Das war die Geschicht von dem Traum, wo nachher der gerissene Junge, der Joseph, die große Weizenspekulation machte.“

„Oh! Ich verstehe kein Wort von alles, was der Gentleman sagt,“ wandte sich Miß Howard in diesem Augenblick wieder an den Dr. Benari, „und ich glaubte zu sprechen Deutsch ganz gut.“

Der Doktor erwiderte etwas und das Paar unterhielt sich in Rede und Gegenrede.

Georg Gilbert aber beschloß, den Trivialitäten des Herrn Gottlieb Schulze eine turmhohe Objektivität entgegenzusetzen.

„Sie betonen in ihren sonst sehr zutreffenden Bemerkungen zu sehr das kommerzielle Element, Herr Schulze,“ sagte er. „Die von Ihnen erwähnte Spekulation wurde erst möglich, weil auf sieben gute Ernten sieben Mißernten folgten. Das aber hängt eben mit dem Wasserstande des Nilstromes zusammen. Das Wohl des Landes hängt von der Höhe der Flut ab. Darum steht Ja auf der Insel Elephantine von des Rhamses Zeiten her der uralte Nilmesser. Steigt die Flut auch nur einen halben Meter über die Norm, so gibt es da unten am Mittelmeer im Delta maßlose Verheerungen. Dann haben wir dort mehr Schaden als Nutzen vom Wasser. Bleibt aber die Flut um drei Meter unter der Norm, so herrschen Dürre und Hungersnot in Oberägypten. Im Sommer des Jahres 1903 wurde der Damm das erste Mal geschlossen. Die Fellachen am unteren Flußlauf waren entsetzt, als der Fluß nach drei Wochen, nachdem er den Schlamm über die Felder abgelagert hatte, wieder mit gutem Mittelwasser in sein Bett zurücktrat. Sie fürchteten eine schlimme Hungersnot. Aber dann kam die große Überraschung. Vom Dezember bis zum Juni hielt der Strom das Mittelwasser. Unaufhörlich speiste ihn der große Stausee hinter dem Damm in den Zeiten der Dürre und die Ernte dieses Jahres wurde besser, als irgend eine vorangehende.“

Georg Gilbert hatte sich während dieser Ausführungen wieder an Fräulein Ewald gewandt. Nun redete er gegen den Berliner weiter.

„Sie werden also jetzt einsehen, zu welchem Zweck der Damm errichtet wurde und gut ist.“

Herr Gottlieb Schulze nickte zustimmend mit dem Kopf.

„Ist mir jetzt absolut klar. Ich verstehe vollkommen, was Sie meinen. Der Damm ist sozusagen ein großer Regulator. Sie haben eine feine Manier, die Dinge klar zu machen.“

Und dann hörte Herr Schulze einige Worte der zwischen Miß Howard und Dr. Benari englisch geführten Unterredung. Er ließ seine Augen über die Gesellschaft schweifen und wandte sich dann wieder an den Ingenieur.

„Na, nun will ich nicht weiter stören. Ich sehe, Sie haben noch andere Pflichten.“

Und mit einer eleganten Verbeugung, die zu seinem Dialekt in auffälligem Mißverhältnis stand, wollte Herr Gottlieb Schulze sich verabschieden.

Aber da beschloß Georg Gilbert, eine kleine Niederträchtigkeit zu verüben.

„Sie stören mich durchaus nicht, Herr Schulze,“ sagte er. „Ich würde Ihnen auch gerne weiter zur Verfügung stehen und Ihre höchst schätzbaren Ansichten über dies Land in mich aufnehmen. Aber ich habe gerade jetzt die Ehre, den Vizekönig von Ägypten zu führen und Sie verstehen, daß ich mich jetzt wieder seiner Lordschaft widmen muß.“

„Aber gewiß, ich verstehe vollkommen, lassen Sie sich um Gotteswillen nicht aufhalten. Es war mir ein Vergnügen,“ sagte auf diese knüppeldicke Lüge Herr Gottlieb Schulze und zog sich elegant zurück.

Hundert Schritte weiter auf dem Damm aber sagte Marie Ewald:

„Das haben Sie gut gemacht, es wäre entsetzlich gewesen, wenn wir den Menschen länger in unserer Gesellschaft behalten hätten.“

Da lächelte Georg Gilbert wiederum.

„Mein gnädiges Fräulein, ich bin viel zu selbstlos gewesen. Ich habe diesen Zeitgenossen über mich ergehen lassen. Nun hätten Sie ihn eigentlich auch auf der Insel Philae genießen sollen. Er hätte Ihnen sicherlich recht originelle Ansichten über das ägyptische Altertum verzapft.“

„Nein, danke vielmals, lieber nicht!“ rief Fräulein Ewald abwehrend. „Ich habe von dem Anfang völlig genug.“

„Wirklich schade,“ sagte Georg Gilbert achselzuckend. „Ich habe überhaupt so eine dunkele Ahnung, als ob dieser Mr. Schulze mit den diversen Altertümern, die hier gehandelt werden, einigen Zusammenhang hat. Wer weiß, wie viele heilige Skarabäen aus der Muskauer Straße stammen.“

„Ich vermute, es sind einige,“ warf der Geheimrat ein. „Aber lieber Gilbert, Sie sind mit Ihrem Vortrag noch nicht zu Ende. Wie hängen Sie, wie hängen Ihre Arbeiten denn nun mit diesem Staudamm zusammen?“

„Das ist der Tragödie zweiter Teil,“ fuhr Georg Gilbert fort. „Durch den Staudamm verhindern wir es zunächst, daß zur Zeit des Hochwassers riesige Wassermengen nutzlos in das Meer rinnen. Wir halten das Wasser möglichst lange im Lande. Dann ober können wir auch viel größere Flächen damit bewässern, und darum werden jetzt den ganzen Fluß entlang die großen mechanischen Pumpwerke gebaut, die das Wasser aus dem Fluß meilenweit in das Land hineinwerfen. Heute können die fertigen Anlagen bereits an jedem Tage drei Million Kubikmeter aus dem Fluß in das Land leiten. Aber sobald ich meine Maschinen in Wadi-Kom-Ombo habe, und ich erwarte sie jeden Tag, dann wird die Leistung wieder um ein gutes Stück steigen. Sobald die Erhöhung des Dammes fertig ist, werden vier Milliarden Kubikmeter gestaut. Davon braucht der Nil eine Milliarde selber. Drei Milliarden Kubikmeter an jedem Tage können wir dann in das Land werfen. Ich sage Ihnen, Herr Geheimrat, das neue Ägypten wird unter der Herrschaft der Ingenieure schöner blühen und mehr Früchte bringen, als es das alte Ägypten unter den Pharaonen jeweils vermochte. Und ich hoffe, mein gnädiges Fräulein“, wandte sich Georg Gilbert sich direkt an Fräulein Ewald, „daß ich Gelegenheit haben werde, Ihnen auch meine Arbeiten noch an Ort und Stelle zu zeigen. Ich hoffe, daß auch Sie, mein gnädiges Fräulein, dann trotz aller Hochachtung für das Altertum die Leistungen der Neuzeit anerkennen werden.“

„Cela depends,“ erwiderte die Dame. „Ich behalte mir auch mein Urteil vor, bis ich die Insel Philae gesehen habe.“

„Und ich schlage vor, daß wir jetzt dorthin aufbrechen,“ fiel Sir Charles ein. „Was sprachen Sie übrigens vorhin mit dem Herrn über den Vizekönig? Ich habe das nicht ganz verstanden.“

„Oh! Nichts von Belang, Sir Charles,“ erwiderte Georg Gilbert ausweichend, und man kehrte über den Damm zur Schleusenseite zurück. Dort war das Motorboot inzwischen durchgeschleust worden und lag auf dem Stausee zur Fahrt nach der Insel Philae bereit.

„Nun also, mein gnädiges Fräulein, wollen Sie das Grab des Osiris unter den Tamarisken jener Insel selbst besuchen,“ sagte Georg Gilbert. „Leider … leider nur muß ich sagen, die immergrüne Tamariske ist nun einmal keine Wasserpflanze. Das Grab des Gottes werden Sie ja am Ende noch finden. Aber die Tamarisken sind in der künstlichen Flut längst eingegangen.“

„Oh! Das ist schade!“ rief Marie Ewald stirnrunzelnd. „Wie schön schildert uns der alte Strabo die Insel. Ein üppig grünendes schattiges Eiland im blauen Strome. Und nun ist diese Pracht für immer dahin. Sie gestehen jetzt schon, daß die Tamarisken zerstört sind.“

„Nun ja,“ rief Georg Gilbert. „Das Gebüsch ging zugrunde. Aber vertiefen wir uns doch einmal ernsthaft in den Sinn der alten Sage. Wer ist Osiris, der da begraben in der Unterwelt weilt. Wer anders ist es, als die unendliche Fruchtbarkeit und Naturkraft dieses Landes, die sich vor dem Typhon, das heißt vor dem heißen giftigen Wüstenhauch zurückziehen mußte. Und nun kommen wir und bringen dem Lande die alte Fruchtbarkeit wieder. Nun wohl, gnädiges Fräulein. Wir haben die Tamarisken zerstört. Ja noch mehr. Wir haben das uralte Grab geöffnet … Nur bildlich natürlich,“ fiel er ein, als Fräulein Ewald ihn entsetzt anstarrte. „Wir haben das alte Grab geöffnet. Aber nicht, um mit irgend einer Mumie Unfug zu treiben, sondern um den Gott zu neuem und ewigem Leben zu erwecken. Ich sage Ihnen, Osiris ist wieder lebendig im Lande. Wenn Sie die Felder und Wälder betrachten, die heut von Alexandria bis Assuan in Laub und Frucht stehen, so werden Sie meinen Worten beipflichten.“

Marie Ewald wollte etwas erwidern. Doch in diesem Moment legte das Boot an der Insel an. Knarrend und scharrend rieb sich der Bug an einem hölzernen Laufsteg. Und nun sah man wohl, daß von jenem paradiesischen Eiland, welches Strabo uns schildert, nur wenig geblieben war. Die üppige tempelgeschmückte Insel, das Delos des Nillandes, war verschwunden.

Augenblicklich ragte nur an wenigen Stellen ein schwarzer schlammiger Boden aus der Flut. Bretterstege, die auf Holzböcken ausgelegt waren, führten von der Landungsstelle über die kleine Insel hin zu den verschiedenen Bauten, zum Tempel der Hathor, zum Trajan-Kiosk und zu den übrigen Säulen und Statuengruppen. Dazwischen erhoben sich einige Dattelpalmen. Aber ihre Kronen waren gelb und tot, ihre Stämme bereits der Rinde stellenweise beraubt. Und auf dem Boden lagen hier und dort noch die Reste des früher so üppigen Tamariskengesträuches, tote fahle Hölzer, welche eine zehnmalige Überflutung erstickt und gemordet hatte. Und obwohl die Tempelbauten jetzt nur noch wenige Fuß tief im Wasser standen, zeigten sie die Spuren der Nässe und des Schlammes, einen grünen Algenbezug bis an die Dachgiebel.

Vorsichtig schritten die Reisenden über die Bretterstege dahin, bis sie den großen Tempel erreichten, dessen Hof eben vom Wasser frei war.

„Schön sieht es hier nicht aus,“ sagte der Geheimrat, „Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, daß diese Tempel ganz zerfallen und versinken.“

„It is pity, but we can not help it,“ meinte Sir Charles.

„Des Osiris Grab scheinen die Herren Ingenieure allerdings gründlich geöffnet zu haben,“ sagte Marie Ewald. „Wie lange wird es noch dauern, und das letzte dieser Bauwerke sinkt in Trümmern zusammen.“

Dr. Benari, der sich immer noch an der Seite von Eveline Howard hielt, betrachtete die Verwüstung mit unverhohlenem Staunen. Er benutzte jetzt die Gelegenheit, um an die Seite des Ingenieurs zu gelangen.

„Donnerwetter!“ flüsterte er ihm in einem unbewachten Augenblick zu, „die alten Götter sind ja hier ganz gehörig eingefaucest(1) worden. Wenn Fräulein Ewald Ihnen diese Geschichte mit auf Ihr Konto schreibt, ist sie wahrscheinlich für immer Schluß mit Ihnen.“

Die Wanderung führte zu einem anderen großen Tempel. Die Pylonen am Eingang zeigten alle jene verwunderlichen Zeichen und Bilder, die den Reisenden nun schon beinahe heimisch und gewohnt vorkamen.

„Nun, meine Herrschaften, wollen wir einmal eine ernsthafte Rechnung aufmachen,“ sagte Georg Gilbert, „Die Insel Philae ist 380 Meter lang und 130 Meter breit. Sie hat eine Fläche von rund zehn Morgen. Rechnen wir den Morgen Ackerland hier mit 2000 Mark, so ist die Insel hochgerechnet 20000 Mark wert.“

Sir Charles machte sich einige Notizen in seinem Buch. Er schien etwas nachzurechnen, und plötzlich sagte er als Schluß dieser Rechnung: „Tausend Pfund sind zu viel, Mr. Gilbert. 650 dürfte das Höchste sein. Vorausgesetzt, daß alles Land unter den Pflug kommen könnte.“

Marie Ewald warf Georg Gilbert einen abweisenden Blick zu.

„Ich verstehe Ihre materielle Auffassung absolut nicht,“ sagte sie endlich. „Es handelt sich hier doch ganz und gar nicht um ein Stück Ackerland, sondern um Kunstschätze des Altertums.“

Doch der Ingenieur fuhr unbeirrt fort:

„Darauf, mein gnädiges Fräulein, wollen wir jetzt zu sprechen kommen. Was steht denn nun auf dieser vielgerühmten Inschrift? Im Altertum, da Cheops und Chafra lebten, war die Insel nur ein heiliger Hain. Es wurde auf ihr Naturgottesdienst gepflegt, wie etwa im heiligen Eichenwalde zu Dodona. Die ältesten Baudenkmäler stammen aus der dreißigsten Dynastie. Erst im Jahre 378 v. Chr. wurden auf dieser Insel die ersten Bauten errichtet. Zu einer Zeit, da die ägyptische Kultur und Baukunst ihren Höhepunkt längst überschritten hatte, da das Land schon für die Eroberung durch mazedonische Kriegskunst reif war. Sie sehen, daß ich mich seit gestern ein wenig in Ihr Fach vertieft habe, um meine eigene Wissenschaft gegen alle Angriffe verteidigen zu können. Wir haben es mit Tempelbauten aus der Zeit des Niederganges zu tun, von denen selbst die zünftigen Kunsthistoriker zugeben, daß sie nicht viel wert sind. Schon Se. ägyptische Majestät Nektanehos I. aus der dreißigsten Dynastie hat nicht sehr berühmt gebaut. Und was später die Ptolemäer, was der römische Kaiser Tiberius und seine Nachfolger hier errichtet haben, das findet sich an tausend anderen Stellen unendlich viel besser und schöner.“

„Eine Barbarei bleibt es dennoch,“ sagte Marie Ewald.

Der Ingenieur fuhr fort: „Machen wir nun die Gegenrechnung auf. Durch den Untergang dieser zehn Morgen großen Insel werden reichlich dreihundert Quadratmeilen fruchtbares Neuland gewonnen. Die Ernte des Landes wird um einen jährlichen Ertrag von reichlich zweihundert Millionen Mark gesteigert. Armut und Elend, die Ägypten Jahrtausende hindurch bedrückten, werden weichen. Im Gegenteil wird Ägypten die fruchtbare Kornkammer des hungrigen Europas werden, Ich sage Ihnen, wenn Sie jene Gefilde sehen, die heute schon um unsere Pumpen sprießen, so werden sie den Untergang dieser Insel nicht mehr tragisch nehmen.“

„Sie verteidigen Ihre Sache nicht ungeschickt,“ sagte der Geheimrat. „Ich hoffe ernstlich, daß wir Gelegenheit haben werden, Sie auf Ihrer Arbeitsstelle zu besuchen und uns von Ihrem nutzbringenden Wirken zu überzeugen.“

„Oh, was machen Sie da, Mr. Doktor?“ sagte gerade jetzt Eveline Howard. „Wollen Sie Fliegen fangen? Zu was springen Sie hier an der Mauer herum und greifen danach? Aber Sie sind ganz recht. Die Fliegen beißen sehr.“

Georg Gilbert blickte nach seinem Freunde hin und sah in der Tat, daß der Doktor, der sich verzweifelt wenig für die ganze ägyptische Mythologie interessierte, ganz kunstgerecht auf die Mückenjagd gegangen war. Er hatte die Zyankali- oder Tötungsflasche aus der Rocktasche geholt, die Gilbert schon früher bei ihm bemerkt hatte. Geschickt hatte er den offenen Flaschenhals hier und dort auf das alte, nasse Tempelmauerwerk gedrückt, und jedesmal war das Insekt, welches dort gerade saß, von der Blausäure, welche die Giftflasche aushauchte, betäubt und getötet in die Flasche hineingefallen.

„Hallo, Doktor! Fangen Sie Buttervögel?“ lachte der Ingenieur.

„Oh, nein, keine keine Butterflyns,“ warf Miß Howard ein, die sich mit den deutschen Insektenbezeichnungen nicht recht auskannte. „No butterflies, but Moskitos, you now, die flie, die so beißen. Sie haben mir schon ganz blutig gebissen.“

Georg Gilbert lachte über die komische Verwechselung, welche Miß Howard in ihrem Deutsch zwischen den Fliegen und jenen flinken braunen Tierchen anrichtete, denen sogar der große Goethe ein Lied gewidmet hat.

Doktor Benari aber sah die junge Dame besorgt an.

„Oh! Sie haben Sie bereits gestochen, Miß Howard?“ sagte er. „Das ist gar nicht gut und empfehlenswert. Schützen Sie sich doch dagegen mit ihrem Schal und reiben Sie sich ein wenig von dieser Tinktur auf den Hals.“

Dabei holte der Doktor eine kleine Phiole aus der Tasche, welcher bei der Öffnung ein betäubender Nelkenduft entströmte.

Er selbst trat dicht an Georg Gilbert heran.

„Sehen Sie einmal,“ sagte er und hielt ihm die Giftflasche hin, „was ich da gefangen habe.“

Georg Gilbert hatte wenig Interesse daran.

„Allerlei Mücken und Moskitos, Doktor. Das interessiert mich wenig. Seit wann sind Sie eigentlich unter die Insektensammler gegangen?“

Aber der Doktor stimmte ganz und gar nicht in die heitere Tonart seines Freundes ein.

„Ich kann Ihnen nur raten,“ sagte er, „sorgen Sie dafür, daß diese verwünschte Insel mit ihren alten Ruinen bald für immer im Wasser verschwindet. Unter den Insekten in der Giftflasche befinden sich auch drei Exemplare jener infamen Stechmücke, welche die Beri-Beri, das Malariafieber und noch einige andere schöne Dinge auf den Menschen überträgt. Ich werde die Mücken mikroskopieren und untersuchen, ob sie bereits mit den Spirillen(2) der gefährlichen Seuchen behaftet sind.“

„Sie sehen zu schwarz, Doktor,“ meinte der Ingenieur. „Aber die Insel wollen wir schon gehörig versäufen. Da lassen Sie nur Sir Charles und meine Wenigkeit für sorgen.“

Weiter führte der Weg von dem Tempel zu den freistehenden Bildsäulen. Man betrachtete die Statue der Hathor, der Göttin der Fruchtbarkeit, der diese Insel ursprünglich geweiht war. Man besah den krokodilköpfigen Sebak, der hier grün und verschlammt, wirklich einem Krokodil ähnlich aus dem Morast emporragte.

Und dann sahen die Reisenden, wie die Sonne sich dem Horizonte zuneigte, wie der rötliche Schimmer die Berge zu vergolden begann.

„Horos geht zur Rüste,“ sagte der Geheimrat. „Wir wollen es ihm gleich tun, wollen diese ungastliche Stätte verlassen und zu den ordentlichen Penaten eines guten Hotels zurückkehren.“

Und während die Sonne hinter den Bergen versank und dämmernde Kühle über den großen Stausee ging, führte das schnelle Motorboot die Reisenden zur Insel Elephantine zurück.

 

Drittes Kapitel.

Strahlend und leuchtend war die Sonne am nächsten Morgen am immerblauen Himmel aufgestiegen. Mit dem Gefühl wohliger Frische, gestärkt und erquickt durch das Morgenbad, trat Georg Gilbert in das Wohnzimmer des Doktors Benari.

„Guten Morgen, Doktor,“ begrüßte er seinen Freund. „Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich den Kaffee hier in Ihrem Zimmer mit Ihnen zusammen nehmen und einige Töne mit Ihnen reden.“

Der Doktor schüttelte dem Ingenieur die Hand.

„Seien Sie willkommen und nehmen Sie auf diesem Klubsessel Platz. Sie haben ja eine Vorliebe für diese Maschinen. Ich werde uns einen Mocca double bestellen, der nicht von schlechten Eltern stammt.“

Georg Gilbert machte es sich in dem größten und weichsten Klubsessel bequem. Da fiel sein Blick auf den Schreibtisch, und er merkte, daß sein Freund offenbar irgendwelche Arbeiten vorhatte. Da spielte ein modernes großes Mikroskop seine blanken Teile in der Morgensonne. Und da glänzte und blitzte weiter eine ganze Reihe gläserner Flaschen und Apparate. Da gleisten allerlei Pinzetten und Lanzetten aus poliertem Stahl. Und neben dem Arbeitstisch stand ein kleiner Koffer geöffnet auf dem Fußboden.

Es war wohl zu erkennen, daß dieser unscheinbare Koffer ein ganzes wissenschaftliches Arsenal barg. Da lag noch mancherlei Glas und Metall darin, und dazwischen schimmerten die Lederrücken einiger wissenschaftlicher Werke.

Georg Gilbert betrachtete dies alles und drehte sich dabei mit vieler Umständlichkeit eine Zigarette. Gemächlich zündete er sie an und behaglich stieß er die ersten blauen Wolken aus.

„Nanu, Doktor,“ rief er, „was ist denn mit Ihnen los? Ich dachte, Sie wollten Ihre Arbeit erst in Dongola beginnen. Bis dahin wollten Sie doch als harmloser Vergnügungsreisender durch das Land fahren und Ihren Giftmischerkoffer mit sieben Siegeln verschlossen halten.“

Der Doktor erwiderte zunächst nichts. Mit geschickter Hand schenkte er den aromatisch duftenden schwarzen Kaffee in die feinen türkischen Porzellantassen ein.

Wollen Sie den Kaffee arabisch oder europäisch?“ fragte er danach.

„Um Gotteswillen nicht arabisch, Doktor,“ wehrte Georg Gilbert ab. „Nicht wahr, in den an und für sich schon grundigen Kaffee zwei Hände voll Zucker und keine Milch. Das mag arabisch und recht originell sein, aber nach meinen Geschmack ist es absolut nicht. Geben Sie mir nach europäischer Manier ein Stück Zucker und ein wenig Milch in die Tasse, und ich werde zufrieden sein. Und noch eins, Doktor. Möglichst wenig Grund. Der alte Sokrates sagt zwar, daß man allen Dingen auf den Grund gehen soll. Aber ich bin überzeugt, daß er dabei nicht an den Kaffee gedacht hat.“

„Gilbert, strapazieren Sie Ihren sogenannten Geist nicht schon so früh am Morgen, „unterbrach ihn der Doktor. Trinken Sie Ihren Kaffee auf Ihre Fasson und entschuldigen Sie mich, wenn ich mich sofort an meine Arbeit setze. Ich habe eine wichtige Untersuchung vor.“

Der Ingenieur nahm einen neuen Schluck Kaffee und tat einen weiteren Zug aus der Zigarette.

Eigentlich sind Sie zu beneiden, Doktor. Ich sitze hier und kann nicht weiter arbeiten, weil die Maschinenteile immer noch nicht heran sind. Wer weiß, in welchem Zollmagazin in Alexandria sie dem jüngsten Tage entgegenschlummern. Wenn die dringenden Telegramme, die ich gestern und vorgestern abgeschickt habe, nicht bald was helfen, dann werde ich das Vergnügen haben, nach Alexandria zurückzufahren, und mir meine Stücke an Ort und Stelle zusammenzusuchen. Vorläufig sitze ich hier und gehöre zur großen Armee der Arbeitslosen.“

Und dabei reckte und streckte sich Georg Gilbert so wohlig in dem Klubsessel, daß man wohl merkte, er fühlte sich auch ohne Arbeit ganz zufrieden.

Der Doktor sah es und konnte eine Bemerkung nicht unterdrücken.

„Wissen Sie was, Gilbert,“ sagte er, „wenn Sie mal keine Stellung haben, weiß ich was Passendes für Sie. Lassen Sie sich von einer Klubsesselfabrik engagieren und sitzen Sie im Schaufenster Reklame. Jeder, der vorübergeht und Sie so als das Bild menschgewordener Faulheit sitzen sieht, wird unbedingt einen Sessel kaufen.“

Der Doktor wußte ganz gut, daß er mit dieser Bemerkung seinem Freunde unrecht tat. Er wußte, daß Georg Gilbert schwer arbeitete, wenn es Zeit zum Arbeiten war, daß der Ingenieur bei schwierigen Montagen bisweilen vierzehn Tage lang nicht aus den Kleidern gekommen war und nur viertelstundenweis im Stehen geschlafen hatte.

Und Georg Gilbert nahm den Vorwurf auch nicht weiter tragisch.

„Danke, danke!“ sagte er. „Einstweilen habe ich ja noch eine einigermaßen erträgliche Stellung. Auf Ihre gütige Offerte werde ich bei passender Gelegenheit zurückkommen. Erzählen Sie mir lieber, was Sie hier für Arbeiten vorhaben. Was haben Sie denn für Nachrichten von Ihrem Schwager? Werden wir bald die Ehre haben, den sehr verehrten Herrn Hauptmann nebst Gemahlin hier begrüßen zu können oder macht er das Innere Afrikas noch mit seiner niemals fehlenden Büchse unsicher?“

Der Arzt lächelte.

„Wenn alles klappt, wie es klappen soll, werden wir meine Schwester und meinen Schwager schon in den nächsten Tagen hier haben. Die Herrschaften scheinen nach dem letzten Briefe die Wildnis ein wenig überzuhaben und sich nach der Zivilisation zurückzusehnen.“

Georg Gilbert nickte zustimmend.

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Aber nun will ich Sie bei Ihrer Giftmischerei nicht weiter aufhalten. Ich werde mich an Ihre grüne Seite setzen und ein wenig zugucken.“

Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, rollte Georg Gilbert seinen Sessel an die Seite des Schreibtisches, versah sich von neuem mit Kaffee und Tabak und blickte erwartungsvoll auf die Maßnahmen seines Freundes.

Gemächlich nahm Doktor Benari eine weite glänzende Glasflasche, schraubte den Deckel ab und schüttete den Inhalt auf einen großen Bogen weißen Löschpapier. Der Ingenieur sah, daß es etwa ein halbes Dutzend toter Stechmücken waren, offenbar jene Tiere, welche der Doktor gestern auf der Insel Philae mit der Giftflasche gefangen und über Nacht in eine andere Flasche getan hatte.

Und nun holte sich der Doktor eine kleine Porzellanschale und einen feinen Reibstift aus glasiertem Porzellan herbei. Sorgfältig suchte er mit der Pinzette vier Mücken aus und legte sie in die Porzellanschale, während die anderen Insekten in die große Flasche zurückwanderten. Und dann goß er aus einer dritten Flasche einige Tropfen einer wasserhellen Flüssigkeit in die Schale und begann mit dem Porzellanstift Flüssigkeit und Insekten zu verreiben.

Der Ingenieur schaute ihm eine Weite zu.

„Doktor, Sie wollen wohl Mückenextrakt machen,“ rief er schließlich. „Von Mückenfett habe ich ja schon einiges gehört. Aber was Sie da zusammenbrauen, das geht über meinen Horizont.“

Der Doktor rieb unentwegt weiter, so daß die Mücken mit der Flüssigkeit jetzt nur noch einen gleichmäßigen bräunlichen Brei bildeten.

„Wenn Sie Extrakt richtig mit Auszug übersetzen, haben Sie recht, Gilbert,“ sagte er dabei. „Ich will aus diesen Mücken ausziehen, was ich in ihnen vermute.“

„Guten Appetit, Doktor,“ meinte der Ingenieur und stieß eine Rauchwolke von sich.

Der Doktor aber setzte seine Arbeiten ruhig fort. Mit einem winzigen Platinlöffel füllte er ein wenig von dem Mückenbrei in eine flache Glasschale. Dann kam von einer anderen Flasche ein wenig Flüssigkeit hinzu, und dann sah der Ingenieur einigermaßen erstaunt, wie der Doktor den Brei erst mit einem Tropfen intensiver Flüssigkeit färbte, wie er dann wieder eine Portion einer wasserähnlichen Substanz zusetzte, wonach alles Blau zu verschwinden schien und wie er endlich mit einem Tropfen rot den Inhalt der ganzen Schale rot färbte.

„Ich bin doch kein absoluter Ignorant, Doktor,“ rief Gilbert endlich. „Aber was Sie hier machen, ist große Medizin!“

Der Arzt lächelte.

„Gilbert, Sie sind Ingenieur und kein Bakteriologe. Man kann mit Fug und Recht nicht verlangen, daß Sie etwas von den Führungs- und Härtungsmethoden wissen, die der geniale Robert Koch uns geschenkt hat. Aber vielleicht kann ich Ihnen den Endeffekt im Glase zeigen, obwohl es mir lieber wäre, wenn nicht …“

Und Dr. Benari füllte mit einem harrfeinen Glasstäbchen einen Tropfen der Lösung auf eine Glasplatte. Er schob die Platte unter das Mikroskop und begann an allerlei Spiegeln und Schrauben zu drehen und zu regulieren.

Und dann sah Georg Gilbert, wie die Mienen des Arztes tiefernst wurden.

„Die Spirillen sind da,“ murmelte der Arzt vor sich hin. „Malaria oder Beri-Beri. Es ist, wie ich es dachte.“

„Nun lassen Sie mich aber auch einmal schauen,“ rief Gilbert. Der Doktor trat zurück und der Ingenieur beugte sich über den Apparat und brachte sein Auge an das Glas.

Es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm gelang, in diesem enorm starken Mikroskop überhaupt etwas zu sehen. Endlich aber löste sich das Bild. Er sah eine rosa mattleuchtende Fläche, in welcher schwarzbraune Brocken lagen, die etwa an zerschlagene Steintrümmer gemahnten. Dazwischen aber hier und dort zerstreut fanden sich blitzblaue Gebilde, die sich scharf von dem rosa Hintergrund abhoben und etwa an winzige Ringelwürmer erinnerten.

Minuten hindurch betrachtete der Ingenieur das Bild. Dann richtete er sich auf.

„Nun, und was ist das?“ fragte er den Arzt.

„Das Bild ist leider nur zu deutlich,“ erwiderte der. „Sie sehen eine Flüssigkeit, die mit Anilin leicht rosa gefärbt ist. Sie sehen dazwischen winzige Teilchen des zerriebenen Mückenkörpers, die unter dem tausendfach vergrößerten Mikroskop wie wilde Trümmer aussehen, und Sie bemerken die schlimmen Bakterien, die Spirillen oder Spirochäten, im Träger und Erreger so vieler Seuchen, die durch ein besonderes Verfahren blau gefärbt sind.“

Georg Gilbert setzte sich wieder in seinen Sessel. „Nun und was weiter?“ fragte er.

„Was weiter?“ wiederholte der Doktor. „Ich glaube, ich werde nicht weiter nach Dongola zu reisen brauchen, sondern hier genug Objekte für meine Tätigkeit finden. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben kann, Gilbert, hüten Sie sich vor den Stechmücken wie vor dem leibhaftigen Satan. Jeder Stich kann Ihnen Siechtum und Tod bringen.“

Und ernst und schweigsam begann der Arzt, seine Apparate wieder zusammenzupacken, nachdem er das neue Präparat fixierte und seiner Sammlung einverleibt hatte.

Die Dinerstunde vereinigte die Reisenden an der gemeinsamen Tafel des Hotels.

„Was meinen Sie,“ sagte Geheimrat Ewald im Laufe des Gespräches, „Wie wäre es, wenn wir heute nachmittag die Niederlassung der Bischarin-Beduinen besuchten? Wenn auch die Wache und Pose bei der Geschichte ist, so bekommt man doch allerlei Interessantes zu sehen.

Nun meinte zwar die Frau Geheimrat, daß sie von den wenigen Beduinen, die ihr über den Weg gelaufen wären, reichlich genug war. Die Kerls hätten auf zehn Meter nach ranzigen Kameltalg gerochen. Zu waschen schiene sich die Gesellschaft überhaupt nicht, und was den Insektenpulverbedarf anginge … Die Frau Geheimrat wolle bei Tisch nicht weiter auf das Thema eingehen.

Aber Marie Ewald meinte, es wäre doch jedenfalls interessant, das Volk einmal in seinen Wohnstätten zu besuchen und Georg Gilbert und Dr. Benari stimmten dem Plane bei. Es wurde denn beschlossen, nach der Siesta, die in dem heißen Wüstenklima unvermeidlich war, das interessante Volk aufzusuchen. Mit einem leisen Seufzer fügte sich die Frau Geheimrat dem Wunsche der Majorität.

* *

*

Es war eine stattliche Kavalkade(3), die sich am Spätnachmittage vom Ufer des Nilstromes aus zum Lager der Beduinen auf den Weg machte. Alle wohlberitten auf den kleinen, lebhaften ägyptischen Eseln, die von den nebenherlaufenden Jungen mit Stock und Peitsche in einem flotten Trab gehalten wurden.

Die Frau Geheimrat hatte ein besonders lebhaftes Tier erwischt, einen kleinen, grauen Esel, der bisweilen seinen Trab gelegentlich unterbrach und mit den Hinterbeinen so gut ausschlug, wie nur irgendein wildes mexikanisches Prairiepferd.

Aber allen physikalischen Gesetzen der Statik und des Gleichgewichtes zum Hohn hielt sich die Frau Geheimrat immer noch auf dem Sattel und schickte ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel.

Im Gegensatz dazu hatte der Geheimrat ein philosophisches Tier bekommen, welches sich langsam und würdig dem Ziele zu bewegte.

Gilbert und der Doktor versuchten mit Würde und Schönheit die Regeln europäischer Reitkunst zur Anwendung zu bringen. Aber sie merkten bald, daß das ein vergebliches Bemühen war. Zum mindesten hatten diese Reitesel ihre eigenen und sehr originellen Anschauungen von dem, was der Reiter Hilfen nennt. Sie reagierten darauf erheblich anders, als sie sollten und die Sache kam immer erst wieder ins Lot, wenn der Eseljunge mit seinem dornigen Stecken als dritter in die Erscheinung trat.

Und so machten es Gilbert und Dr. Benari schließlich genau ebenso, wie es Marie Ewald schon seit geraumer Zeit tat. Sie ließen die Dinge gehen, wie sie wollten und kamen dabei am besten vorwärts. Und schließlich nimmt alles auf der Welt einmal ein Ende. Sogar ein Eselsritt. Es kam der Moment, da die Frau Geheimrat von ihrem Tier befreit wurde und sich dem Leben wiedergeschenkt fühlte, der Moment, da auch Doktor Benari und Georg Gilbert wieder auf ihren eigenen anstatt auf Eselsbeinen dahinwandelten und die Würde der Menschheit dabei weit besser vertraten.

Gruppenweise schritt man an den elenden Bastzelten entlang, die hier am Ufer eines trockenen Nilarmes aufgeschlagen waren und in denen die kopfreichen Familien der Beduinen hausten. Und es zeigte sich in der Tat, daß hier von der alten Ursprünglichkeit wenig mehr zu finden war.

Beduinen sind Nomaden. Sie leben von ihren Herden und müssen ihre Wohnsitze ständig wechseln, um immer neue Weide für ihr Vieh zu finden. Weil eben solch Nomadenleben den zivilisierten alten Ägyptern unwürdig und unmenschlich erschien, darum waren ja die Hirten als unterste Kaste tief verachtet.

Diese modernen Bischarin-Beduinen haben sich wenige hundert Meter von den Toren Assuans entfernt seßhaft gemacht. Aber weil nun ihre Herden sie nicht mehr nähren, muß sie eine Fremdenindustrie erhalten, die ganz dicht an einen gut organisierten Bettelbetrieb grenzt.

Die Reisenden hatten kaum das Lager betreten, als ihnen die braunen Gestalten schon aus allen Zelten dutzendweise entgegenströmten.

Schmutzige, stark siebenachtel nackte Kinder wälzten sich mit mageren Hunden durcheinander im Sande. Die Frauen gingen nach dem Gebot des Propheten verschleiert. Die Männer trugen den weißen Burnus.

Und alle wollten sie handeln, wollten sie etwas verkaufen. Dieselben Szenen, die sich bereits auf dem Deck des Dampfers bei der Landung in Assuan abgespielt hatten, wiederholten sich hier in verstärktem Maße.

Alle möglichen Metall- und Textilwaren wurden angeboten. Aber unverblümt erschallte dazwischen hindurch auch der Ruf Bakschisch, der auf Deutsch eben einfach die Bitte um ein Geschenk bedeutet.

Der Geheimrat als erfahrener und kundiger Thebaner hatte sich präpariert. Er hatte ein Fünffrankstück in die allerkleinste überhaupt erhältliche Kupfermünze umgewechselt und das Geld lose in die Taschen gesteckt.

Wo immer ihn einer der edelen Wüstensöhne festzuhalten suchte, kauft er sich mit einer Gabe los, die nicht ganz den Wert eines halben Pfennigs hatte. Wenn schließlich auch sein bedeutender Vorrat auf die Neige ging, so konnte er sich doch viel freier bewegen als die anderen.

„Und am Ende,“ meinte er, „ist dies Verfahren viel billiger, als irgend ein anderes, Denn wenn ich hier einen Gegenstand für fünf Franken kaufe, habe ich einen blanken Verlust von vier Franken und achtzig Centimes.“

Schlimmer waren seine Begleiter daran. Die Frau Geheimrat war in eine Horde von einigen fünfundzwanzig schreienden Kindern eingekeilt.

Die Erwachsenen, die wohl merkten, daß bei dieser Frau nicht allzu viel zu verdienen war, überließen sie der Jugend, die sie mit einem vielstimmigen Bakschischgeschrei umheulte.

„Nein so etwas,“ klagte sie zu ihrer Tochter, die neben ihr in der braunen Flut stand. „Sich dir nur das verwahrloste Gesindel an, Marie. Die gehören doch erst zu Spindler in die Abteilung für chemische Reinigung und dann noch einmal in ein ordentliches Brausebad. Und dann sollte man der Gesellschaft Hosen und Röcke anziehen und sie gehörig in die Volksschule schicken.“

Die Frau Geheimrat war ob der Umgebung recht sehr außer sich. Sie produzierte einen Wortschwall, der gelegentlich sogar das Bakschischgeschrei übertönte und dem Marie Ewald kaum vernünftige Trostgründe entgegensetzen konnte.

„Wie recht hatte Sir Charles, als er sich dieser Tour widersetzte,“ seufzte die Frau Geheimrat. „Der sitzt mit seiner Tochter jetzt behaglich im Hotel. Und wir haben uns unter dies Volk begeben. Die sind ja noch schlimmer, als die Kalmücken und Baschkiren im zoologischen Garten.“

Auch Georg Gilbert und Doktor Benari hatten einen schweren Stand. Sie hatten einige Kleinigkeiten gekauft und waren dann in verschiedene Hütten eingetreten. Eben jetzt hatten sie wieder Anschluß an den Geheimrat bekommen und begaben sich zu dritt in ein größeres Bastzelt.

Das Mobiliar in demselben war überaus dürftig. Es bestand aus allerlei Bastmatten und Hammelfellen, die den diversen Bewohnern des Nachts als Lager dienten und da sie nicht gegerbt, sondern nur durch Eintalgen konserviert waren, einen mehr herzhaften als schönen Geruch verbreiteten.

Georg Gilbert, der in seinem tatenreichen Leben doch schon so manchen Odeur kennen gelernt hatte, fühlte sich einen Moment der Ohmnacht nahe. Erst nach einer Minute hatte er sich soweit gefaßt, daß er sich näher in dem Raume umsehen konnte.

Das Interessanteste erschien ihm die Feuerstelle. Es war ein ganz gemeiner europäischer Petroleumkocher. Ein wenig verblakt, ein wenig zerschlagen, zersprungen und wackelig, aber immer noch betriebsfähig.

Der Geheimrat bemerkte das Erstaunen des Ingenieurs.

„Sie haben wohl auch die alte Sage gehört und gelesen, daß die Beduinen und Fellachen ihre Feuer mit Kamelmist unterhalten, Herr Gilbert. Ein nette Geschichte in der Tat. Nur trifft sie seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr so recht zu. Seitdem die Kultur in Afrika ihren Einzug gehalten hat, finden Sie Petroleumkocher, zum Teil uralter Konstruktion, an den unglaublichsten Orten. Diese Beduinen hier denken gar nicht daran, mit trockenem Mist zu feuern. Der Nil treibt genug Schwemmholz heran, um den geliebten Hammel braten zu können. Soll der Mutton(4) aber geschmort werden, oder soll Kaffee gekocht werden, so tritt der Petroleumkocher in Aktion. Und diese Beduinen kochen sogar mit richtigem Petroleum. Aber im Innern Afrikas habe ich in den Eingeborenenhütten ebenfalls solche Kocher gefunden. Da gab es freilich kein Petroleum. Aber die Dinger brannten auch mit Palmöl ganz gut.“

Während dieser Erklärungen hatte Dr. Benari sich weiter in dem Zelte umgesehen. Jetzt fiel sein Blick auf eine Gestalt, die regungslos auf einem der Mattenlager dahingestreckt lag und in einem unruhigen fieberartigen Schlafe lag.

Der Arzt trat interessiert näher. Er fühlte den Puls des Schläfers, er hob ihm die Augenlider empor, er öffnete ihm die Kiefern und betrachtete die Zunge, ohne daß der Beduine irgendwie auf alle diese Maßnahmen reagierte.

Dabei wuchs die Spannung in den Zügen des Arztes von Minute zu Minute. Noch einmal hob er das Augenlid des braunen Schläfers empor und ließ dicht vor der Pupille ein winziges elektrisches Taschenlämpchen aufglühen.

Georg Gilbert sah es nicht, denn er war eben mit dem Geheimrat in ein tiefsinniges Gespräch über die Technik der Bastflechterei versunken. Und weder der Ingenieur noch der Geheimrat merkte, wie Doktor Benari sich jetzt über den Kranken beugte und die seine Hohlnadel einer kleinen Spritze in das Ohrläppchen stieß und die Spritze langsam mit dem Blute des Beduinen füllte. Der Schläfer reagierte überhaupt nicht auf den leichten Stich und als der Geheimrat endlich mit seinem Vortrag fertig war, da hatte der Arzt seine Instrumente längst wieder in der Tasche untergebracht.

„Ach, Herr Geheimrat,“ wandte er sich jetzt an den Gelehrten. „Ich nehme an, daß Sie auch das Arabisch dieses Beduinenstammes beherrschen. Ich wäre Ihnen außerordentlich verpflichtet, wenn Sie etwas über die Geschichte dieses Patienten da herausbekommen könnten.“

Der Geheimrat warf einen Blick auf den Schläfer.

„Der Kerl ist doch bloß faul, aber nicht krank,“ meinte er wegwerfend.

„Ich gestatte mir gegenteiliger Meinung zu sein, Herr Geheimrat. Ich vermute sogar, daß der Mann recht schwer krank ist, und es wäre mir sehr interessant Einzelheiten über die Krankengeschichte zu erfahren.“

„Wie Sie wollen, mein lieber Doktor,“ sagte der Geheimrat. „Wenn Sie glauben, daß der Mann krank sei, will ich nicht widersprechen und Ihnen gern behilflich sein.“

Und gefolgt von seinen Begleitern, trat Geheimrat Ewald ins Freie und wandte sich an den Scheich des Lagers. Es begann lebhafte Rede und Gegenrede in dem an tiefen Kehllauten so reichen Arabisch.

Wohl zehn Minuten dauerte die Unterhaltung. Dann verabschiedete sich der alte Scheich, der die einzige imposante Gestalt in diesem Lager war mit einer würdevollen dreifachen Verbeugung und dem arabischen Friedensgruß.

Der Geheimrat aber wandte sich an den Arzt.

„Nach der Meinung des würdigen Abdulraman, der Bart des Propheten beschatte seinen Weg,“ fügte er, die arabische Sprechweise ein wenig parodierend, hinzu, „nach der Meinung dieses würdigen Scheichs ist sein Neffe Ali von bösen Geistern besessen. Die Geschichte hat angefangen, seitdem Ali vor etwa zwei Monaten mit einer Karawane nilaufwärts bis nach Senar dem blauen Fluß gezogen ist. Er kam von jener Reise zurück wie ein Traumwandelnder. Er sprach wenig und verwirrt, hat kaum gegessen und immer mehr geschlafen. Seit vierzehn Tagen liegt er im ständigem Schlaf und wird von seinen Angehörigen gefüttert.“

„Nun, und was haben die Leute dagegen getan“, unterbrach der Arzt den Geheimrat.

„Sie haben ein Mittel angewandt, welches nach ihrer Meinung unbedingt wirksam sein sollte. Sie haben die heilige Sure des Korans, welche die bösen Geister bannt, von einem Wanderpriester auf ein Streifchen Papier schreiben lassen und haben sie dem Kranken mit dem Essen eingegeben. Der Scheich war tief betrübt, daß dieses sonst so unfehlbare Mittel in diesem Falle versagt hat.“

„Herr Geheimrat,“ erwiderte der Arzt, „ich werde morgen mit dem Frühesten genau wissen, was es mit der Krankheit dieses Mannes aus sich hat. Ich bitte Sie, mich dann wieder in das Lager zu begleiten und dem Scheich klar zu machen, daß ich ein Arzt bin und den Kranken retten kann.“

Der Geheimrat fuhr sich mit der Hand durch den eisengrauen Bart.

„Ganz leicht wird das nicht sein,“ sagte er. „Die Beduinen haben gegen europäische Ärzte ein ziemliches Mißtrauen. Ich werde dem edlen Abdulraman, dem Knecht der Knechte Gottes, jedenfalls erzählen müssen, daß der junge Ferengi(5) ein noch größerer Zauberer als jener Priester ist, und daß er noch bessere Sprüche und noch wirksamere Räucherungen kennt als jener. Sie werden dann aber ihre medizinische Behandlung mit einer ganzen Menge Hokuspokus umgeben müssen, wenn Sie durchkommen wollen.“

„Darauf soll es mir nicht ankommen,“ lächelte der Arzt. „Es kann der schmierigen Bude überhaupt nichts schaden, wenn sie mal ordentlich ausgeräuchert wird. Das will ich so nebenbei besorgen.“

Und dann schritten die beiden Herren weiter, und sie trafen, vom Scheine der Abendsonne malerisch bestrahlt, die Frau Geheimrat, die dem Weinen näher war als dem Lachen, und in der einen Hand eine Art Mandoline aus einer halben Kokosnuß und in der andern einen recht gefährlich aussehenden Wurfspieß trug. Sie sahen den Ingenieur Georg Gilbert, der in einen recht hübschen Burnus gehüllt war und einen krummen Säbel in der einen Hand trug. Und sie sahen endlich Marie Ewald, die eine wunderliche Schnur aus allerlei geschnitzten Perlen um den Hals trug.

Würdevoll verbeugte sich der Ingenieur mit gekreuzten Armen dreimal vor dem Geheimrat, wie er es vorhin von dem Scheich gesehen hatte.

„Siehe, weiser Vater brunnentiefer Gelehrsamkeit,“ begann er, die umschweifige arabische Ausdrucksweise kopierend, „die Sonne hat sich geneiget, und es will Abend werden. Lasse dein huldreiches Antlitz vor deinen Dienern leuchten und gehe mit deinen Knechten zu den lastbaren Eseln, auf daß wir zu unserm kühlen Hain auf der fruchtbaren Insel zurückkehren.“

Der Geheimrat ging auf den Scherz ein. Er erwiderte die Verbeugung und sagte: „Sela – das ist verdolmetschet so geschehe es,“ fügte er erklärend hinzu.

Aber die Frau Geheimrat war ganz und gar nicht damit einverstanden.

In einer kühnen Attacke durchbrach sie den Kranz der sie umgebenden Beduinen und rettete sich an die Seite ihres Gemahls.

„Nimm mir zuerst einmal den Kram hier ab, Heinrich,“ sagte sie und drückte ihm die Mandoline und den Speer in die Hand. „Nach Hause, ja gewiß, und so schnell wie möglich. Aber auf die Esel nie wieder Ich habe ein für allemal genug davon. Ich kann die zehn Minuten auch zu Fuß gehen. Nach dem, was ich bis jetzt durchgemacht habe, wird das für mich eine Erholung sein.“

„Ihre Frau Mutter scheint dieser braunen Hammeltalggesellschaft nicht den rechten Humor abgewinnen zu können,“ sagte Georg Gilbert zu Marie Ewald.

Die junge Dame zuckte mit den Achseln. „Wissen Sie, Herr Gilbert,“ erwiderte sie, „Mama ist auf diese Reise mitgegangen, weil sie den Vater und mich nicht allein fahren lassen wollte. In ihrem innersten Herzen ist ihr der ganze Orient zuwider. Ihre gute Stube daheim geht ihr über das schönste Hotelzimmer. Und alle Sehenswürdigkeiten vergleicht sie im Geiste mit den Dingen daheim in Berlin. Es klingt vielleicht wie ein schlechter Scherz. Aber sie wird bei der Betrachtung der Sphinx sofort an die Figuren in der Siegesallee denken und diese Erzeugnisse moderner Bildhauerei für das Schönste auf der Welt erklären.“

Georg Gilbert lachte. „Nun, mein gnädiges Fräulein, das muß man mit in Kauf nehmen. Wir beide haben ja auch bisweilen Meinungsdifferenzen über den Wert dieser oder jener Erscheinung. Denke Sie nur an die Tempel auf Philae. Aber darin stimme ich Ihrer Frau Mutter unbedingt bei, daß diese Esel höchst unsympathische Zeitgenossen sind. Ich schlage dringend vor, daß wir zu Fuß zum Flusse zurückkehren.“

Und obwohl der Geheimrat meinte, daß ein Esel mit vier Beinen eine sehr gute Sache wäre, drang diesmal, wie so manches Mal, die Ansicht der Frau Geheimrat durch, und man kehrte zu Fuß zum Flusse zurück, um in der Dämmerung zum Hotel auf der Insel Elephantine überzusetzen.

* *

*

Als Georg Gilbert am nächsten Morgen in das Zimmer des Doktor Benari trat, fand er den Arzt bereits bei seiner Arbeit eifrig über das Mikroskop gebeugt vor.

„Halloh, Doktor,“ rief der Ingenieur, „was machen Sie denn da schon so frühe am Tage.“

„Bitte schön, wollen Sie selbst sehen,“ erwiderte der Doktor.

Neugierig trat Gilbert an den Apparat und sah mehrere Minuten durch die funkelnde Linse. Dann richtete er sich wieder empor und meinte:

„Ich denke, das haben Sie mir schon gestern gezeigt. Das sind doch diese liebenswürdigen kleinen Bestien. Ich glaube, Sie nannten Sie Spirillen und schrieben Ihnen allerlei unangenehme Erscheinungen zu.“

Der Arzt blickte seinen Freund lächelnd an.

„Es sind Plasmodien, aber etwas ähnliches wie Spirillen. Das haben Sie richtig gesehen. Aber es ist etwas anderes als das gestrige Präparat. Die Bakterie die Sie gestern sahen, stammten direkt aus den giftigen Mücken. Die Bakterien, die Sie heute sehen, stammen aus dem Blute eines kranken Menschen, der vor Monaten von solchen Giftmücken gestochen wurde.“

„So, das ist ja recht erbaulich,“ erwiderte der Ingenieur. „Meines Wissens gibt man gegen so etwas ordentlich Chinin. Das bringt doch alle diese Tropenfieber zum Weichen.“

Der Arzt lächelte wieder,

„Lieber Gilbert, in der Not frißt der Teufel Chinin. Aber das Chinin greift nicht nur die Spirillen, sondern noch vielmehr den menschlichen Organismus an. Ich kenne alte Afrikaner, die das Ohrensausen bis an ihr Ende nicht mehr loswerden. Nein! Die Sache stände böse, wenn wir nicht andere Mittelchen hätten.“

Mit diesen Worten schob der Doktor ein umfangreiches Etui in die Tasche, das allerlei glänzende Glas- und Metallsachen enthielt und setzte sich seinen breitkrämpigen Panamahut auf.

„Los zur Attacke!“ rief er dabei. „Ich muß den Geheimrat aufstöbern und mit ihm in das Beduinenlager.“

„Ich werde Sie begleiten!“ sagte Gilbert.

„Nein, teurer Freund,“ wehrte der Arzt ab. „Ihre Freundschaft in Ehren. Aber diesmal kann ich Sie nicht gebrauchen. Bleiben Sie im Hotel. Leisten Sie den Damen Gesellschaft –“

„Besonders Fräulein Ewald,“ fuhr der Arzt ein wenig zwinkernd fort, als er ein leichtes Erröten Gilberts bemerkte.

„Für Fräulein Ewald scheinen Sie ja trotz aller wissenschaftlichen Streitigkeiten ein gewisses Faible zu haben … Streiten Sie nicht,“ fuhr er fort, als der Ingenieur abwehrte. „Nehmen Sie lieber die Ratschläge eines erfahrenen Mannes an. Sie wissen doch, wer die Tochter haben will, muß es mit der Mutter halten. Also machen Sie sich bei der Frau Geheimrat beliebt. Halten Sie ihr die Wolle, wenn sie das Knäuel für ihr Häkelzeug aufwickelt, und seien Sie auch sonst ein aufmerksamer junger Mann. Dann werden sich schon alle Dinge zum Besten kehren.“

„Na, hören Sie mal,“ sagte Gilbert, als der Doktor seine Rede beendet hatte, „Ihre Ausführungen sind ja geradezu erstaunlich. Woher sind Sie denn ein erfahrener Mann? Sie haben doch keine Ahnung von solchen Sachen. Übrigens, was das Interessieren anbelangt, so scheinen Sie sich doch recht sehr für Miß Howard zu begeistern. Wollen Sie Ihre guten Ratschläge nicht lieber in eigener Sache verwenden?“

Der Doktor machte ein höchst vergnügliches Gesicht.

„Würde ich, lieber Freund, würde ich ganz zweifellos, wenn die sehr ehrenwerte Lady Howard hier wäre. Im übrigen führen ja viele Wege nach Rom. Ich habe Ihnen gerade den für Sie passenden angegeben und rate Ihnen noch einmal, betreten Sie ihn.“

Mit diesen Worten eilte der Doktor aus dem Zimmer und ließ Georg Gilbert einigermaßen verblüfft zurück. Aber wie er nur: ein wenig über die Worte seines Freundes nachdachte, wurde ihm plötzlich klar, daß er nicht so ganz unrecht hatte. Er mußte sich selber bekennen, daß Marie Ewald zweifellos einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Trotz der anfänglichen Differenzen, oder vielleicht gerade wegen derselben war sie ihm recht nahe getreten.

Zum erstenmal hatte er in Marie Ewald ein Mädchen kennengelernt, das ihm geistig ebenbürtig war, das neben Alltagsinteressen auch Sinn und Begeisterung für wissenschaftliche Probleme hatte, ja noch mehr, das auf einem wissenschaftlichen Gebiete etwas leistete.

Denn ein Zufall, der vielleicht kein reiner Zufall war, hatte den Ingenieur gestern im Savoy-Hotel ein Heftchen in die Hand gespielt, welches den gelehrsamen Titel De Ozsiri atque Iside trug und niemand anderes zur Verfasserin hatte als Fräulein Ewald.

Der Ingenieur hatte die sämtlichen Reste seines Lateins zusammengefaßt, um diese Abhandlung zu lesen. Und dann war er zu einem Urteil gekommen. Obwohl er selbst nicht viel von diesen Dingen verstand, meinte er doch, daß die Arbeit hinreichend wäre, um irgend einem Philologen den Doktortitel zu erwerben. Und dann schweiften Georg Gilberts Gedanken von der gelehrten Abhandlung zu dem liebreizenden, frischen Gesicht der Verfasserin, zu ihrer schweren braunen Flechtenkrone und zu den liebenswürdigen rehbraunen Augen. Und dann beschloß Georg Gilbert, den Rat seines Freundes zu befolgen und der Frau Geheimrat seine Aufwartung zu machen.

* *

*

Eine halbe Stunde später schritt Dr. Benari neben dem Geheimrat der Beduinenkolonie zu.

„Die Sache ist nicht ganz einfach, mein Lieber,“ sagte der alte Herr. „Bisweilen kommen diese Wüstensöhne ja freiwillig zu europäischen Ärzten. Ich selber bin im Binnennlande öfter für einen Arzt angesehen und um Hilfe angegangen worden. Man wollte es mir kaum glauben, daß ich kein Arzt wäre, Denn in den Augen vieler Nomaden ist eben jeder Franke selbstverständlich ein Arzt. Aber wenn wir es mit fanatisierten Mohammedanern zu tun haben, so weisen sie jeden europäischen Arzt als unrein und sündhaft zurück. Jedenfalls will ich tun, was sich tun läßt.“

Unter Rede und Gegenrede erreichten die beiden Wanderer die Kolonie und suchten den Scheich auf.

Der Umstand, daß der Geheimrat das Arabische vollkommen beherrschte, erleichterte die Verhandlungen wesentlich. Mit vielen blumenreichen Worten machte der Geheimrat es dem Scheich klar, daß der Ferengi da neben ihm trotz seiner jungen Jahre ein weltberühmter Arzt sei, und daß er gerade die rätselhafte Krankheit zu meistern wisse, an der Ali litte.

Immer neue Bedenken brachte der Scheich vor. Die eigenen Ärzte, die Mollahs, hätten doch ihr ganzes Können versucht. Sie hätten die kräftigsten Sprüche gebetet. Offenbar wäre die Krankheit also nicht auf böse Geister zurückzuführen, gegen die man sich wehren könne. Offenbar wäre die Krankheit von Allah selber geschickt, und man müsse sie ruhig ertragen.

Vergeblich öffnete der Geheimrat alle Schleusen seiner Beredtsamkeit. Vergeblich zitierte er die wirkungsvollsten Koransuren. Die Verhandlung drohte auf einen toten Punkt zu kommen und zu scheitern, als der Bruder des Scheichs, der Vater des kranken Ali, dazukam.

Sinnverwirrend folgten jetzt Reden und Gegenreden. Wiederholt wischte sich der Geheimrat seufzend den Schweiß von der Stirn. Aber schließlich ging die Sache doch weiter.

Man wisse noch nicht, meinte der Vater, ob die Krankheit von den bösen Teufeln oder von Allah selber geschickt sei. Wenn der fremde Arzt seine Künste versuchen wolle, während der Scheich dabei die Sure von der Gnade Allahs und der Austreibung der Teufel läse, so solle die Sache vor sich gehen.

Das war ein offensichtlicher Erfolg. Ohne weiteres nahm der Geheimrat diese Bedingungen an und teilte sie dem Doktor Benari mit, der bisher dabei gestanden, aber kein Wort verstanden hatte,

„In Gottes Namen, ja, Herr Geheimrat,“ erwiderte er jetzt, auf seine Uhr sehend. „Aber sorgen Sie dafür, daß der Klimbim nicht zu lange dauert. Ich habe mein Mittel vor einer Stunde zusammengesetzt, und es muß im Laufe der nächsten halben Stunde injiziert werden, wenn es wirken soll.“

„Keine Sorge, Doktor,“ erwiderte der Geheimrat, „Sie können sofort anfangen, denn Ihre Handlungen sollen ja gerade während des Vorlesens der Sure vor sich gehen. Da kommt der Scheich schon mit dem Koran.“

Gemeinschaftlich betrat man das übelriechende Zelt, in welchem der Kranke immer noch in seinem bewußtlosen, schlafartigen Zustande lag.

Sobald der Doktor sich einigermaßen an das Halbdunkel gewöhnt hatte, kniete er bei dem Kranken nieder und öffnete sein Etui.

Während der Scheich mit einförmiger Stimme die wohlklingenden arabischen Strophen der Sure las, rieb der Arzt eine Stelle am Oberschenkel des Bewußtlosen mit einem weißen Lappen, und ein scharfer Aethergeruch erfüllt das Zelt und übertäubte die anderen Gerüche. Und dann sah der Geheimrat, wie die feine, glänzende Nadel einer Pravazspritze in das braune Fleisch ging. Er sah, wie der Kolben der feinen Glasspritze niederfuhr und ein bläulich schimmerndes Medikament in das Schenkelfleisch verschwand. Und während immer noch die Verse der Sure durch den Raum rollten, hing der Geheimrat seinen Gedanken nach. Ihm fiel ein, wie diese winzige Spritze, eine menschliche Nachbildung des Giftzahnes der Schlange, eine Nachbildung des Skorpionsstachels, unendlich viel gefährlicher und wirkungsvoller als ihre natürlichen Vorbilder sei.

Er dachte daran, wie ein einziger, leichter Stich dieser Spritze nach dem Willen des Menschen sofortigen Tod oder Heilung bringen könne. Und dann sah er, wie der Arzt sein Etui wieder verschwinden ließ und sich erhob.

Minuten vergingen noch, bevor die Koranverse zu Ende waren. Als die Beduinen sahen, daß der Arzt mit seiner Arbeit fertig war, schlossen auch sie endlich ihre Vorlesung. Im frommen Eifer hatten sie überhaupt nicht bemerkt, was Doktor Benari gemacht hatte. A1s sie ihn jetzt vor dem Lager des Kranken stehen sahen, glaubten sie, daß er erst einmal eine Voruntersuchung vorgenommen habe und daß alles weitere noch kommen solle. Sie dachten an die Tränke und Salben ihrer eigenen Kurpfuscher.

Doch schon wandte sich der Geheimrat an die beiden Araber.

„Der junge Arzt läßt euch sagen, daß die Heilung jetzt begonnen hat, daß seine Medizin in den nächsten Stunden mit den bösen Geistern um Ali kämpfen wird.“

Und in der Tat zeigten sich jetzt schon die ersten Spuren dieses Kampfes. Der Kranke, der viele Wochen hindurch bewußtlos auf seinem Lager dahingedämmert hatte, saß plötzlich aufrecht und mit weitaufgerissenen Augen da. Er atmete lebhaft und versuchte die Arme zu bewegen, während er abgegriffene arabische Laute hervorstieß.

„Der Patient fragt, wo er sei und was mit ihm geschehen sei,“ erklärt der Geheimrat dem Arzt.

Der Doktor betrachtete den Patienten schweigend. Erst nach Minuten, als dessen Bewegungen immer heftiger und konvulsivischer wurden, gab er eine Erwiderung.

„Es wird ein mehrstündiges starkes Fieber geben. Ich möchte bei dem Patienten bleiben, bis es vorüber ist. Aber wenn Sie wollen, Herr Geheimrat, gehen Sie ruhig ins Hotel zurück. Ich garantiere daß der Patient bereits heute abend bei vollem Bewußtsein und im Gebrauch seiner Glieder sein wird. Ich brauche nur recht viel kaltes Wasser und ein paar Tücher, um Umschläge zu machen.“

Der Geheimrat verdolmetschte die Wünsche des Arztes. Und während die beiden älteren Beduinen die Vorlesung einer neuen Sure begannen, während der Patient sich im heftigen Fieber zu wälzen begann, während ein paar Beduinenweiber in unglasierten Tonkrügen ein auffallend kühles Wasser brachten, und während der junge Arzt allein im Zeltlager blieb, kehrte der Geheimrat nach Elephantine zurück.

* *

*

Georg Gilbert hatte den Rat seines Freundes beherzigt. Er war zur Frau Geheimrat gegangen und gnädig aufgenommen worden. Man hatte ihm in dem kühlen Wohnzimmer des Hotels einen Sessel angeboten, der selbst verwöhnten Ansprüchen genügte. Und man hatte es ihm auch nicht zugemutet, Wolle zu halten.

Schnell war die Unterhaltung in Gang gekommen. Die Frau Geheimrat fragte nach diesem und jenem. Schnell hatte sie es herausbekommen, daß sie Georg Gilberts Mutter einmal vor dreißig Jahren auf einem Balle kennen gelernt hatte, und jetzt war sie gerade dabei, eine Verwandtschaft mit dieser herauszurechnen. Eine Verwandtschaft, freilich durch sieben Scheffel Erbsen, wie die Frau Geheimrat selber meinte. Eine Verwandtschaft, die nach Georg Gilberts Meinung zum mindesten bis auf die Völkerwanderung zurückgehen mußte.

In diesem Augenblick trat Marie Ewald in das Zimmer. Vergnügt begrüßte sie den Ingenieur.

„Also Sie haben sich direkt in die Höhle des Löwen gewagt. Sie wollen gewiß mit mir über die ägyptischen Götter weiter verhandeln.“

Abwehrend streckte Georg Gilbert die Hände vor.

„Um Gotteswillen nicht, gnädiges Fräulein! Ich habe die Abhandlung: De Osiri atque Iside gelesen und erkläre mich gegenüber solcher Gelehrsamkeit für völlig entwaffnet. Ich habe nie geglaubt, daß eine Dame den Spuren des Altertums mit solcher Akribie nachwandeln könne. Nein, mein gnädiges Fräulein, wenn es Ihnen recht ist, sprechen wir von etwas anderem. Beispielsweise weise von Ihren Plänen und Wünschen, oder auch von unseren Berliner Bekannten. Meinetwegen sogar von dem bevorstehenden Diner. Nur nicht von Herrn Osiris und Frau Isis. Lassen wir den Herrschaften die wohlverdiente Ruhe.“

„Sie sind unverbesserlich,“ lachte Marie. „Andere Ingenieure haben sich doch mit Liebe und Interesse in der Geschichte des Landes vertieft. Denken Sie nur an Max von Eyth. Wenn der auf die Ergänzung von irgendeinem zerbrochenen Dampfpflug warten mußte, ist er auf alle Pyramiden geklettert.“

Georg Gilbert seufzte auf.

„Ach Gott ja, das stimmt ja! Kollege Eyth hat ja auch immer auf Maschinenteile warten müssen. Aber mir fehlt die Geduld, wochenlang ruhig zu liegen. Wenn ich heute kein Telegramm aus Alexandrien erhalte, dann fahre ich selber dorthin.“

Marie Ewald ließ ihre Blicke über die Gestalt des Ingenieurs gleiten, der sich behaglich in dem Sessel dehnte.

„Wenn man Sie so sieht, Herr Gilbert, sollte man annehmen, daß Sie sich mit ziemlich wenig Arbeit behelfen können.“

„Verleumdung gnädiges Fräulein, pure blanke Verleumdung. Ich hoffe, Sie und Ihre Familie noch auf meinem Arbeitsfeld begrüßen zu können, und ich hoffe, Ihnen dort Leistungen zu zeigen, die Ihnen trotz aller Pharaonen gefallen werden. Da draußen in meiner Arbeit bin ich ein ganz anderer Mensch als hier.“

Unwillkürlich hatte sich der Ingenieur bei diesen Worten emporgereckt, und mit Erstaunen sah Marie Ewald, wie in die schlaffe, lässige Figur mit einem Ruck Leben, Bewegung, Straffheit und Energie kam.

In diesem Augenblick gewann sie den Eindruck, daß dieser Mann sich hier nicht so gab, wie er wirklich war. Daß diese Bequemlichkeit, um nicht zu sagen Faulheit, nicht natürlich, sondern erkünstelt war, und daß Georg Gilbert ein ganzer Mann sei, wenn er ans Arbeiten oder Kämpfen ging.

Aber schon war der Ingenieur wieder in seinen Sessel zusammengesunken.

„Es hat ja keinen Zweck,“ seufzte er. „Da sitzt man hier und vertrödelt nutzlos einen Tag nach dem andern …“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Rede. Der schwarze Liftboy des Hotels steckte sein wolliges Haupt durch die Tür,

Ob Massa Gilbert hier wäre? Er hätte eine Depesche für ihn. Ob auch Massa Howard da wäre? Für den sei auch ein Brief gekommen.

Massa Howard war nicht da. Aber Massa Gilbert war da und stand mit einem einzigen Satz neben dem Liftboy. Mit einem Ruck hatte er ihm die Depesche aus der Hand gerissen und mit der Bitte um Entschuldigung öffnete er sie. Der sonst so phlegmatische Ingenieur drehte eine kunstgerechte Pirouette, um welche eine Prima-Ballerina ihn zwar beneiden konnte, ob welcher aber die Frau Geheimrat ein höchstlich erstauntes Gesicht machte.

Aber der Ingenieur ließ sie nicht erst zu Worte kommen.

„Hurra!“, rief er, „dreimal Hurra! Meine Maschinenteile haben bereits Kairo passiert. In ungefähr vierundzwanzig Stunden müssen sie an Ort und Stelle sein. Jetzt gnädige Frau, jetzt, mein gnädiges Fräulein, kann die Arbeit flott weiter gehen.“

Doch dann verstummte der Ingenieur plötzlich. Ein Schatten glitt über seine Züge. Denn ihm fiel ein, daß der Wiederbeginn der Arbeit für ihn ja auch die Trennung von einer Gesellschaft bedeutete, die er in wenigen Tagen recht lieb gewonnen hatte.

„Sie wollen uns also verlassen?“ sagte jetzt Marie Ewald. „Darf man wissen, wohin die Reise geht?“

„Ich sagte es Ihnen ja schon, mein gnädiges Fräulein. Nach Wadi-Kom-Ombo. Es ist kaum fünf Dampferstunden von hier entfernt. Und ich hoffe sicher, Sie dort zu sehen und Ihnen etwas von meiner Arbeit zu zeigen. Ich darf doch hoffen, gnädige Frau, daß auch Sie mir die Ehre geben werden,“ wandte er sich an die Frau Geheimrat. „Ich verspreche Ihnen interessante Vorführungen, ich verspreche Ihnen, mein gnädiges Fräulein, Dinge, die so interessant sein sollen, wie alle vierzig ägyptische Dynastien zusammen.“

Und die Frau Geheimrat versprach, ihr Möglichstes zu tun, wenn es sich irgendwie mit den wissenschaftlichen Plänen ihres Mannes vereinigen ließe.

„Sie wissen ja, Herr Gilbert, daß ich wahrhaftig nicht zu meinem Vergnügen in diesem Lande reise, sondern um bei Mann und Tochter zu sein. Aber was sich machen läßt, werde ich machen,“ fügte sie hinzu.

Und im stillen dachte die Frau Geheimrat, daß es vielleicht recht nützlich sei, dieser Einladung Folge zu leisten. Denn es war der klugen Frau nicht entgangen, daß der junge Ingenieur ihrer Tochter eine stets wachsende Aufmerksamkeit widmete. Und sie glaubte bemerkt zu haben, daß auch Marie einiges Interesse für ihn zeigte.

Aber die Frau Geheimrat legte auch einigen Wert auf ihre Bequemlichkeit.

„Gibt es denn in Wadi-Kom-Ombo auch ein anständiges Hotel?“ fragte sie daher vorsichtigerweise weiter.

Der Ingenieur schüttelte den Kopf.

„Ein Hotel, gnädige Frau, gibt es dort allerdings nicht. Sie müßten viele Kilometer nach jeder Richtung fahren, um eins zu finden.“

Die Frau Geheimrat sah enttäuscht auf.

„Ja, dann lieber Herr Gilbert, ist das doch ganz unmöglich. Das müssen Sie doch selber einsehen. Wir können doch nicht wie die Beduinen in irgendwelchen Zelten hausen.“

„Aber ich bitte Sie, verehrteste, gnädige Frau,“ rief der Ingenieur. „Sie würden doch selbstverständlich dort meine Gäste sein. Ich habe dort natürlich eine Villa oder ein Landhaus, wenn man so sagen kann, welches vollkommen Raum bietet, um ein Dutzend liebe Gäste zu beherbergen. Für mich selber ist es eigentlich viel zu groß. Gewiß, ich habe dort einen Koch und drei Boys und zwei Dolmetscher wohnen. Aber es bleiben für mich immer noch fünfzehn Zimmer, was meines Erachtens dreizehn bis vierzehn zu viel sind.“

Die Frau Geheimrat spitzte die Ohren.

„Was! … Was haben Sie dort?“ fragte sie dann staunend „einen Koch und wie viele Boys?“

„Drei, meine Gnädigste,“ erwiderte Georg Gilbert.

Die Frau Geheimrat war sichtlich erstaunt. Denn sie übertrug alles sofort auf Berliner Verhältnisse, und eine Wirtschaft mit einer Köchin und drei Dienstmädchen war nach ihrer Meinung doch eine recht große.

„Drei Boys?“ fragte sie wieder, „wozu denn das?“

„Nun, das ist doch ganz einfach, gnädige Frau. Einen Boy brauche ich für meine Reitpferde. Den andern für die Instandhaltung meiner Garderobe und die Bedienung der Badeeinrichtung, die Besorgung der Wäsche usw. Der dritte endlich muß die Zimmer reinigen.“

Die Frau Geheimrat überlegte noch ein wenig, als Georg Gilbert fortfuhr:

„Wenn Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken, würde ich selbstverständlich für geeignetes Personal für Sie sorgen. Unter den zweihundert Mann, die ich dort zur Verfügung habe, befinden sich genügend geeignete Kräfte.“

Wiederum schwieg die Frau Geheimrat einen Augenblick, um ihr Staunen zu unterdrücken. Aber sie beschloß in ihrem innersten Gemüte, über die Verhältnisse dieses Herrn Gilbert recht bald eingehende Erkundigungen einzuziehen. Nur das fragte sie noch: „Es sind wohl ziemlich bedeutende Arbeiten, die Sie dort zu leiten haben?“

„Oh, ich danke, es geht,“ erwiderte Georg Gilbert, dem man seit dem Empfang der Depesche keine Spur der früheren Müdigkeit mehr anmerkte. „Die Anlage von Wadi-Kom-Ombo wird komplett, d. h. einschließlich aller Drainageanlagen, auf etwa fünfundzwanzig Millionen Mark kommen.“

Die Frau Geheimrat spürte ein leises Frösteln, als sie diese Summe hörte.

„Herr Gott, wer bezahlt denn diese Riesensumme?“ rief sie endlich.

Georg lächelte vergnügt vor sich hin.

„Liebe gnädige Frau, es gibt Riesenkapitalien in der Welt. Machen Sie heute den geldkräftigen Kreisen überzeugend klar, daß sich irgend eine Summe an irgend einer Stelle mit zwanzig Prozent verzinst, und die Summe steht Ihnen zur Verfügung, mag sie so groß sein, wie sie will. Und diese Überzeugung habe ich den betreffenden Leuten eben beigebracht.“

Wieder schaute ihn die Frau Geheimrat verwundert an.

„Sie, Herr Gilbert, ich denke, Sie sind Ingenieur der Sulzer-Gesellschaft und stellen in deren Auftrag Maschinen auf?“

„Das ist lange her, gnädige Frau. Wenigstens vier Jahre. Dann habe ich es vorgezogen, nicht mehr Ingenieur, sondern Kunde von Sulzer und noch einigen anderen Firmen zu sein. Als Manager oder meinetwegen auch Direktor, um es auf schlecht Deutsch zu sagen, der Societe pour 1'Exploitation des Rivierio und so weiter spielt man auch keine unbedingt schlechte Rolle. Und der Verdienst ist ein wenig höher. Man braucht nicht mit so vielen zu teilen.“

Die Frau Geheimrat empfand, daß sie nach der Höhe dieses Verdienstes nicht gut fragen konnte. Aber sie beschloß, diesen Ingenieur, den sie jetzt im Geiste Herr Direktor nannte, unter allen Umständen zu besuchen.

Und als sich Georg Gilbert endlich bei den Damen empfahl, da hinterließ er der Frau Geheimrat seine Visitenkarte mit der genauen Adresse in Wadi-Kom-Ombo.

* *

*

Als die Sonne dieses Tages sich dem westlichen Horizonte näherte, schritt der Geheimrat Ewald wieder dem Beduinenlager zu.

„Hoffentlich ist alles gut abgegangen,“ murmelte er vor sich hin.“ „Wenn dieser Ali etwa den schlechten Einfall gehabt haben sollte, zu sterben, so wäre die Person des Arztes ernstlich bedroht, zum mindesten schweren Insulten ausgesetzt. Es war vielleicht doch unrecht von mir, den der Sprache Unkundigen allein dort zu lassen.“

Während der Geheimrat so allerlei Für und Wider mit sich selbst erwog, kam er dem Lager immer näher. Er erreichte es kurz vor Sonnenuntergang und schritt direkt auf das Zelt Alis zu.

Beim Näherkommen bemerkte er erstaunt eine Veränderung. Der Doktor Benari, der kein Wort Arabisch sprach, hatte das Unmögliche möglich gemacht. Er hatte aller arabischen Sitte und Überlieferung zum Trotz den Kranken aus dem dumpfen Zelt herausgebracht und im Zeltschatten im Freien gelagert.

Nähertretend sah der Geheimrat den Patienten auf einem sauber gemachten Lager bequem ausgestreckt. Er sah den Doktor daneben auf einem herbeigebrachten Steinblock sitzen, sah, wie er dem Kranken von Zeit zu Zeit die Umschläge wechselte und dann die Temperatur an einem Fieberthermometer ablas. Ja noch etwas Erstaunlicheres bemerkte der Geheimrat. Er sah, wie der Doktor die Fiebertemperaturen in sein Notizbuch eintrug und eine reguläre Kurve gezeichnet hatte, welche die Temperaturen zu verschiedenen Zeiten angab.

Der Geheimrat war sprachlos. Daß die abergläubischen Araber etwas derartiges duldeten, daß sie zugaben, daß der immerhin verdächtige Franke neben dem Kranken allerlei geheimnisvolle Charaktere in sein Buch eintrug, und dadurch vielleicht für immer eine unheilvolle Macht über die Seele des Patienten gewann, das war ihm überraschend. Näherkommend, bemerkte der Geheimrat auch den Vater und Onkel des Kranken. Aber er sah, daß sie den Koran beiseite getan hatten und mit sichtlichem Interesse die Fiebermessungen des Arztes verfolgten.

Jetzt bemerkte auch Doktor Benari den Ankömmling. Er erhob sich und ging dem Geheimrat fröhlich winkend entgegen.

„Doktor, Sie sind ein Allerweltskerl! Wie haben Sie das nur möglich gemacht?“ rief der Geheimrat. „Erst das Kunststück, den Patienten aus dem Zelt herauszubekommen, und dann noch diese Notizen.“

Der Geheimrat kam nicht weiter. Schon traten die beiden älteren Araber auf ihn zu und überschütteten ihn mit einem Wortschwall.“

„Ein kluger Arzt wäre der junge Franke, und ein weiser Arzt und ein glücklicher Arzt.“

Der Geheimrat war starr und nur allmählich kam er hinter die verhältnismäßig so einfache Lösung des Rätsels. Gewiß, der Doktor Benari sprach kein Wort arabisch. Aber er benutzte ein Fieberthermometer mit jenen Ziffern, die wir gewöhnlich als deutsche Zahlen bezeichnen, die ja aber in Wirklichkeit arabische Ziffern sind und beinahe in der europäischen Form auch von den Arabern geschrieben und gelesen werden.

Während nun die beiden Alten ihre Koransuren beteten, hatte der Doktor sein Chronometer mit ebenfalls arabischen Ziffern herausgenommen und auf einen Schemel gelegt. Und er hatte dann in diesen einfachen Ziffernzeichen die Zeiten und die Fiebergrade notiert.

Voller Mißtrauen hatten die Beduinen das bemerkt. Sie waren näher getreten, um es zu verhindern, daß der Franke dort mit irgendwelchem Zauber die Seele Alis schädige. Aber dann war ihr Blick auf das Papier des Arztes gefallen. Und zu ihrem maßlosen Erstaunen waren sie imstande, die Schrift des Franken zu lesen, erkannten sie ihre eigenen Zahlenzeichen. Und mit dem offenen Sinn für die Naturwissenschaften, der allen arabischen Stämmen eigentümlich ist, hatten sie sehr schnell begriffen, daß der Franke dort jedesmal die Ziffern hinschrieb, auf denen der Uhrzeiger stand, und daneben die Ziffern, bei denen der Quecksilberfaden jenes verwunderlichen Instrumentes hielt, welches der Arzt dem Kranken in die Achselhöhle gelegt hatte.

In fünf Minuten hatten diese scheinbar so unzivilisierten Menschen den vollen Sinn der Aufzeichnungen des Arztes begriffen. Und von dem Augenblick an ließen sie den Koran liegen und verfolgten mit wachsender Spannung, wie der Uhrzeiger vorrückte, wie das Fieberthermometer stieg, und wie der Kranke immer unruhiger und ungebärdiger wurde. Und als das Thermometer bis auf den neununddreißigsten Grad geklettert war, als die Krisis nahte, da hatte der Doktor von neuem den Zeichenstift genommen. Er hatte den Beiden das Fieberthermometer mit seiner Skala aufgezeichnet und hatte bei der Zahl einundvierzig einen schaurigen Totenkopf mit gekreuzten Knochen hingemalt. Und sofort hatten die Beiden begriffen, daß Ali sterben müsse, wenn das Fieberthermometer diese Höhe erreichte.

Aufmerksam waren sie dem Gebärdenspiel des Doktors gefolgt. Willig hatten sie ihm geholfen, den Kranken in der frischeren, freieren Luft zu betten. Und dann hatten sie kaltes Wasser in großen Mengen kommen lassen.

Der Doktor hatte den Patienten von Kopf bis zu Fuß in nasse Tücher gehüllt. Und stundenlang hatten die beiden Alten diese Tücher mit kaltem Wasser benetzt. Stunden hindurch hatten sie ihren Dienst so gut wie nur irgendwelche europäische Krankenpfleger verrichtet, hatten selbst fieberhaft das Fortschreiten des Uhrzeigers und den Stand des Thermometers beobachtet.

Während im Körper des Kranken die Arznei des Doktors, jenes Erzeugnis modernster chemischer Wissenschaft, einen erbarmungslosen Kampf gegen jene Bakterien durchführte, die ihm seit Monaten Hirn und Rückenmark lähmten, während der arme Körper, der der Schauplatz dieses Kampfes war, vom Fieber gerüttelt wurde, hatten jene beiden unablässig die Tücher befeuchtet.

Unablässig hatte ihr Auge an jenem seinen Quecksilberfaden gehangen. Sie wußten ja: noch wenige Millimeter höher, und der Tod holt sich seine Beute.

So hatte der Kampf von den Morgenstunden an getobt. Immer langsamer war die Quecksilbersäule gestiegen. Aber sie war gestiegen und hatte um Mittag den vierzigsten Grad überschritten. Da hatte auch der Arzt die Hände über die Brust gefaltet, hatte sich mutlos auf den Stein niedergelassen und finstere Blicke auf das Thermometer geworfen.

Denn jener neue Stoff, den er hier zum erstenmal am Menschen versuchte, war seine eigene Erfindung. Und der Arzt wußte, daß jener Stoff ein unbedingtes, schnell tödlich wirkendes Gift für alle jene Plasmodien war, die der Menschheit die tödlichen Fieber brachten. Aber er wußte auch, daß seine Erfindung wertlos war, wenn die Reaktion zu stark wirkte, wenn der menschliche Organismus bei jenem kurzen, aber erbitterten Kampfe des Giftes gegen die Bakterien mit zugrunde ging. Aber die beiden Araber kannten solche Erwägungen und Betrachtungen nicht. Sie hatten nur gemerkt, daß das Thermomweter in den letzten beiden Stunden nur um einen Grad geklettert war, und eifriger denn je setzten sie die Übergießungen fort, während der Kranke in Delirium dalag.

Und dann gingen wieder zwei Stunden ins Land, und das Thermometer war immer noch ein wenig von dem verhängnisvollen einundvierzigsten Grad entfernt. Da schlich sich ganz leise die Hoffnung wieder in das Herz des Arztes. Wie im Traume fiel sein Blick bald auf den Zeitmesser, bald auf das Thermometer.

Und als wiederum zwei Stunden verstrichen waren, da war kein Zweifel mehr, daß die Macht des Fiebers gebrochen sei. Ganz langsam, aber noch unverkennbar begann der feine silberglänzende Faden, dessen Stand die Entscheidung über Tod oder Leben brachte, zu fallen. Dann hatte der Arzt die Stunden nicht mehr gezählt. Er sah, wie die Sonne langsam am Westhimmel sank, und wie mit ihr das Thermometer tiefer und tiefer fiel. Wie es unter die Vierzig ging und die Neununddreißig erreichte.

Jetzt kam der Augenblick, wo der Patient zum erstenmal wieder um sich blickte und zu trinken verlangte. In diesem Augenblicke waren die beiden Araber in ein lautes Freudengeschrei ausgebrochen. Denn nach ihrer eigenen Wissenschaft bedeutete ein solches Begehren nach einem Trunk den Beginn der Genesung.

Von diesem Moment an war es mit Riesenschritten vorwärts gegangen. So scharf und plötzlich der Aufstieg zum tödlichen Fieber erfolgt war, so schnell und überraschend kam nun auch der Abfall, nachdem das Gift seine Heilwirkung ausgeübt hatte.

Als der Geheimrat zu jener Gruppe hinzutrat, da war die Krisis seit zwei Stunden überwunden. Da lag der Patient, von der Fieberattacke ermattet, in einem wohltätigen Schlummer, und der Doktor notierte geruhsam und mit Befriedigung die Temperaturkurve, die jetzt bereits dicht an der normalen Temperatur stand.

Es war ein langer Bericht, den der Arzt dem Geheimrat über die Erlebnisse dieses Tages gab.

Jetzt fielen die beiden Alten wieder auf arabisch in die Unterhaltung ein. Der fränkische Arzt und auch der Geheimrat sollten den Abend bei ihnen bleiben. Sie wollten zu Ehren der Gäste einen fetten Hammel schlachten und die Süßigkeiten nicht sparen.

Nur mit Mühe vermochte der Geheimrat die Einladung abzulehnen. Auch Doktor Benari fühlte sich nach der Arbeit dieses Tages angegriffen und verspürte redliche Sehnsucht nach seinem Hotel und nach dem Komfort eines europäischen Mahles.

Mit viel Überredung und mancher Erdichtung machte der Geheimrat es den beiden Arabern klar, daß der junge Doktor noch andere Kranke im Hotel habe und daß er schon zu lange hiergeblieben sei.

Auf solche Vorstellungen hin gaben ihn die Beduinen frei gegen das Versprechen, am nächsten Morgen wiederzukommen.

Sorgfältig verdolmetschte der Geheimrat ihnen die Verhaltungsmaßregeln, die der Arzt für den Genesenden hinterließ. Wort für Wort wiederholte sie der Scheich, um sie seinem Gedächtnis und dem seines Gefährten einzuprägen.

Als die beiden Europäer dann daß Lager verlassen wollten, ergriff er von neuem das Wort, und der Geheimrat mußte dem Arzt übersetzen, was er sagte. Das hatte ungefähr folgenden Inhalt:

„Wir sind nicht reich, Franke. Wir leben von dem, was die Wüste uns gibt. Aber wir sind nicht undankbar. So bitten wir dich, in unser Zelt zu kommen und unsere Geschenke anzunehmen.“

Doktor Benari mußte dieser Einladung wohl folgen, wenn er die Beduinen nicht beleidigen wollte. Aber nach dem, was er an den vorhergehenden Tagen gesehen hatte, versprach er sich nicht eben viel davon. Er hatte gesehen, wie diese Halbwilden schlechte, europäische Imitationen für teures Geld an die unwissenden Fremden verschacherten. Und so vermutete er, daß sein Honorar in diesem Falle in ähnlichen, minderwertigen Dingen bestehen würde. Aber er wollte diese Naturkinder, mit denen er während der letzten Stunden Leid und Freud geteilt hatte, nicht kränken, und beschloß, ihre Gaben, mochten sie sein wie sie wollten, mit freundlicher Miene anzunehmen.

In der Gesellschaft des Geheimrates folgte er dem Scheich in dessen Zelt. Und hier sah er, daß die ärmliche Behausung noch manchen ungeahnten Schlupfwinkel hatte. Eine Bastmatte wurde beiseite gelegt. Eine Art Holzdecke wurde emporgehoben und ein dunkler Raum zeigte sich den Blicken.

Der Scheich stieg selbst in ihn hinab. Minuten vergingen, bevor er wieder erschien. Dann trug er über dem Arm einen weißen Burnus mit zierlichen roten Ornamenten, und in der anderen Hand einen langen, leicht gekrümmten Säbel.

Der Geheimrat verdolmetschte dem Arzte, daß diese beiden Gegenstände die Geschenke seien, die er empfangen und mitnehmen solle.

Dann legte der Araber ihm den Burnus über den Arm. Da sah der Arzt, daß dies Gewebe sich himmelweit von jenem schlechten Baumwollstoff unterschied, den Georg Gilbert hier kürzlich erstanden hatte. Er sah, daß der Stoff wunderbare damastartige Ornamente trug und von einer auffallenden Leichtigkeit war.

Auch der Geheimrat betrachtete den Mantel aufmerksam.

„Bei Gott, Doktor,“ rief er plötzlich, „Sie können sich zu diesem Geschenk gratulieren. Es ist so ziemlich das kostbarste was es in der Wüste gibt. Der Stoff ist aus der zarten Wolle ungeborener Lämmer gesponnen und gewebt.“

Und wie zur Bekräftigung seiner Worte ergriff der Geheimrat den weiten, vielfältigen Burnus und wickelte ihn eng zusammen. Mit Erstaunen sah der Arzt, wie das große Stück dabei kleiner und immer kleiner wurde, so daß man den ganzen Mantel schließlich zwischen den beiden hohlen Händen bergen konnte.

Der Geheimrat lachte, als er das Erstaunen des Arztes sah.

„Erinnern Sie sich der alten Märchen, Doktor, von jenen Feenkleidern, die man zusammenlegen und in eine Haselnuß einpacken kann? Diese Geschichten sind in den Kreuzzügen aus dem Orient zu uns gekommen. Sie verdanken ihre Entstehung diesen unendlich feinen Wollgespinsten, welche die Araber seit unvordenklichen Zeiten herzustellen verstehen. Aber ich sage Ihnen, das Päckchen, das sie da tragen, ist nicht billig. Wenigstens fünfhundert Mutterschafe haben ihr Leben vorzeitig lassen müssen, damit die noch ungeborenen Jungen ihren unendlich feinen Wollflaum hergeben konnten. Kenner zahlen für solch Gewand viele tausend Mark.“

Der Geheimrat schwieg, und der Scheich trat mit dem Säbel auf den Arzt zu. Er zog die Klinge aus der reich geschmückten Scheide und hielt sie ihm vor die Augen.

Doktor Benari sah, daß die Oberfläche der Klinge mit wunderbaren, feinen Ornamenten bedeckt war. Ein bestimmtes, beinahe mikroskopisches Sternmuster kehrte vollkommen gleichartig in unendlicher Wiederholung zurück. Es schien, als sei ein feines, duftiges Gewebe in die blanke Stahlfläche hineingeschlagen.

Des Geheimrates Augen weiteten sich, als er diese Ornamente sah.

„Echter Damaszener Stahl,“ flüsterte er.

Der Scheich legte die Klinge flach auf den Boden und trat auf die Mitte. Doktor Benari dachte, er wolle die Klinge zerbrechen. Aber der Stahl bog sich elastisch federnd und schnellte nach der Entlastung wieder in die alte Lage zurück. Der Scheich nahm einen gewöhnlichen eisernen Nagel, den er aus jenem unterirdischen Raum mitgebracht hatte, und legte ihn auf ein Brett.

Laut pfeifend zischte die Klinge durch die Luft, und in zwei Teile zerspalten fiel der Nagel vom Brett. Der Scheich zeigte die Schneide dem Arzte. Sie wies nirgends auch nur die leiseste Spur nach jenem Hiebe auf. Und dann stieß er die Klinge in die Scheide zurück und überreichte die kostbare Waffe seinem Gaste.

„Ein wundervolles Stück,“ seufzte der Geheimrat. „Sie sind zu beneiden, Doktor. Kaum ein halbes Dutzend ähnlich wertvoller Waffen befindet sich in den großen europäischen Sammlungen.“

Und dann trat der Geheimrat auf den Scheich zu und übermittelte ihm den Dank des so reichlich Beschenkten.

Noch einige Verbeugungen, und im Schimmer des Mondes, der jetzt das Tagesgestirn verdrängt hatte, schritten die beiden Europäer durch die Wüste auf Assuan zu. Der Arzt freute sich ob der reichen Geschenke. Aber er freute sich noch mehr, weil sich heute zum erstenmal sein Mittel bewährt hatte, von dem er sich soviel für das Wohl der leidenden Menschheit versprach.

* *

*

Das Souper im Savoy-Hotel war vorüber, und die Gäste hatten es sich in der wundervollen Mondnacht auf der großen Terrasse bequem gemacht. Sie genossen die Aussicht auf den alten heiligen Strom, der da silberfunkelnd und glitzernd dahinströmte.

Georg Gilbert war heute nach dem Empfang seiner Depeschen ein ganz anderer Mensch. Aufgeregt und fröhlich plauderte er mit allen Bekannten.

„Sir Charles,“ wandte er sich jetzt an den Oberst, „wir haben heute alle beide Depeschen bekommen. Ich wünsche Ihnen, daß die Ihrige Sie ebenso froh stimmt, wie mich die meinige. Für mich gibt es neue Arbeit in Wadi-Kom-Ombo. Meine Maschinen sind endlich eingetroffen.“

Der Oberst lächelte.

„Das ist ja recht angenehm, Mr. Gilbert. Ich kann Ihnen verraten, daß ich auch erfreuliche Nachricht bekommen habe. Sie haben wohl gelesen, daß der Earl of Carthum, Lord Kitchener, unser alter Oberfeldherr, wieder als Vizekönig in die Provinz kommt.“

Die Augen des Obersten glänzten in nationalem Stolze, als er den Namen dieses Mannes nannte, dem England so unendlich viel verdankt. Jenes Mannes, der die englische Herrschaft in Indien stärkte, der mit den räuberischen Scharen des Madhi fertig wurde, und der endlich die selbständigen südafrikanischen Burenrepubliken niederwarf und der englischen Krone einen neuen Edelstein einfügte.

„Lord Kitchener hat an mich telegraphiert,“ fuhr der Oberst fort. „Er will mich in Kairo sehen, wünscht von mir Bericht über den Stand der Bauarbeiten am Damm. Sie wissen, Mr. Gilbert, wie sehr gerade der Damm von Assuan dem Lord am Herzen liegt. Er mußte den Bau halb vollendet liegen lassen, um in Transvaal zu Felde zu ziehen. Sein erster Gang auf der Heimreise von jenem Kriege galt dem Damm, und heute hofft der neue Herr allen Segen für das Land von dem Bauwerk.“

„Und mit Fug und Recht,“ rief Georg Gilbert begeistert. „Das Land wird unter diesen Bauten zu neuem, unerhörtem Wohlstande erblühen. Es ist eine Lust, zu leben, Sir Charles, und das Land Schritt um Schritt zu erobern. Ich selber brenne darauf, an meine Arbeitsstelle zu kommen und die neuen Maschinen aufzustellen.“

„Allright,“ lächelte der Oberst. „Da haben wir beide zu tun. Denn ich kann mir jetzt schon recht lebhaft vorstellen, was Lord Kitchener von mir wünscht. Er will den Bau des Dammes beschleunigt sehen. Er möchte, daß wir womöglich den Damm noch in diesem Herbst um die gewünschten sieben Meter erhöhen. Ob es freilich durchführbar sein wird, noch einmal viertausend Arbeiter zu den bereits vorhandenen zehntausend an das Werk zu setzen, das möchte ich beinahe bezweifeln.“

„Schön wäre es,“ erwiderte Georg Gilbert. „Je mehr Wasser wir stauen, desto mehr haben wir vorrätig, und desto mehr können wir in das Land werfen. Apropos, Doktor,“ wandte er sich an den Arzt, „wo haben Sie denn den ganzen Tag gesteckt? Sie machen mir doch hoffentlich die Freude und kommen mit nach Wadi-Kom-Ombo?“

Der Doktor schüttelte das Haupt.

„Ich weiß noch nicht, Gilbert. Vielleicht habe ich hier noch sehr dringend zu tun. Sie wollen wissen, wo ich gesteckt habe? Ich habe ein wenig in dem Beduinenlager gedoktert. Übrigens, wo ist denn Miß Howard?“ wandte er sich an den Oberst.

Ein Schatten huschte über die Züge des Engländers.

„Meine Tochter fühlte sich nicht ganz wohl. Sie schien ein wenig zu fiebern und hat sich zeitig niedergelegt.“

Doktor Benari schien etwas zu wollen, aber er schwieg.

„Sie sind heute wirklich nicht sehr redselig, Doktor,“ wandte sich Gilbert an ihm. „Haben Sie denn wenigstens bei den braunen Banditen ein erträgliches Honorar für Ihre menschenfreundlichen Bemühungen erhalten?“

„Ich danke, es geht,“ erwiderte der Arzt trocken.

„Was war es denn?“ fragte der Ingenieur weiter. „Die Gesellschaft hat doch selber nichts.“

„Gott was soll es sein,“ erwiderte Dr. Benari. „Ein ganz hübscher Burnus.“

Der Ingenieur sah den Doktor schadenfroh an.

„Doktor, auf den Schreck werde ich noch einen Whisky mit Soda trinken. Sie wissen ja, daß ich mir so einen besseren Bademantel vorgestern in dem Zeltlager für zwölf Franken gekauft habe. Aber das Ding ist nicht die Hälfte wert.“

„Es gibt verschiedene Arten von Burnussen,“ sagte der Doktor sehr mild und sanftmütig. „Ich vermute daß meiner doch ein wenig mehr wert ist.“

„Na, das käme auf die Probe an,“ rief der Ingenieur.

„Wir können die Dinger ja einmal herholen und vergleichen.“

„Meinetwegen,“ sagte Dr. Benari gleichmütig.

„Allright!“ rief Georg Gilbert und erhob sich. „Aber ich wette einen Whisky mit Soda gegen eine Flasche Sekt, daß Ihr Burnus auch keine zwölf Franken wert ist.“

Nach diesen Worten erhoben sich die Herren, um die Mäntel zu holen,

„Zwölf Franken für solch einen leichten weißen Mantel, das ist doch auch wahrhaftig Geld genug,“ sagte die Frau Geheimrat zu ihrem Gemahl. „Du warst doch mit Dr. Benari zusammen. Hat er denn wirklich etwas besseres bekommen?“

Der Geheimrat schmunzelte vergnügt über das ganze Gesicht.

„Ich sage dir, Herr Gilbert wird seine Wette glänzend verlieren,“ erwiderte er seiner Frau,

Inzwischen kam Georg Gilbert zurück. Er trug den Burnus, den er im Zeltlager erstanden hatte, über dem Arm.

Sehen Sie sich das Zeug an, gnädige Frau,“ wandte er sich an die Frau Geheimrat. „Es ist ein ganz gemeiner Baumwollstoff. Ich bin überzeugt, daß er in Birmingham oder Manchester gesponnen und gewebt wurde. Im günstigsten Falle haben die Beduinenweiber das Ding im Zeltlager zugeschnitten und genäht.“

Mit beachtenswerter Sachkenntnis vertiefte sich die Frau Geheimrat in die Einzelheiten des weißen Überwurfs. Lange weilte ihr Blick auf den Nähten. Sann richtete sie sich auf und ließ den Burnus aus den Tisch fallen.

„Maschinenarbeit,“ sagte sie. „Das ist keine Handnaht. Die Dinger werden wohl in der europäischen Fabrik gleich fix und fertig gemacht worden sein. Mit zwölf Franken ist das Ding über und über bezahlt.“

Gerade jetzt kam Dr. Benari zurück.

„Nun, Herr Doktor, wo haben Sie Ihren Mantel?“ rief die Frau Geheimrat.

„Hier, gnädige Frau,“ sagte der Arzt, während er den Arm ein wenig hob.

„Aber ich sehe ja gar nichts,“ sagte die Dame befremdet.

„Das sind wohl die berühmten Kleider des Kaisers aus dem Andersenschen Märchen, die niemand sehen konnte,“ spöttelte Georg Gilbert.

„Erlauben Sie, Gilbert, nur diejenigen die nicht zu Ihrem Amte taugten, konnten sie nicht sehen.“

Während der Arzt diese Worte sprach, bewegte er die Finger der ausgestreckten Hand, in welcher er das ganze zarte Gewand verborgen hatte, und ließ den weißen, schneeig schimmernden und glänzenden Stoff in langen Falten nach unten fallen. Es war ein zauberhafter Anblick, wie ihm das große, faltige Gewand aus der leeren Hand zu wachsen schien.

Erstaunt betrachtete die Gesellschaft das Phänomen. Es wäre ja kein Kunststück gewesen, etwa einen großen Schleier in der Hand zusammenzuballen. Aber das Zeug, welches jetzt breit und flockig herunterhing, machte durchaus den Eindruck eines soliden, festen und starken Stoffes.

„Das soll wohl Zauberei sein, Herr Doktor?“ rief die Frau Geheimrat. „Nicht wahr, Sie halten den Burnus in Ihren Ärmel gesteckt und zogen ihn hervor?“

„Aber durchaus nicht, gnädige Frau,“ erwiderte der Arzt. Und er ballte den Mantel wieder zur Faustgröße zusammen und legte ihn der Dame in die Hand.

Der Oberst war interessiert aufgestanden. Er warf dem Geheimrat ein arabisches Wort zu, dieser wiederholte es und nickte mit dem Kopfe. Unterdessen hatte die Dame den Stoff prüfend durch die Finger gezogen.

„Das ist wunderbar,“ rief sie. „Ich habe etwas Ähnliches noch nie gesehen. Das scheint so fein wie ein Schleier, und ist doch völlig fest und dicht. Wo sind denn die Nähte?“

„Sie werden keine finden, gnädige Frau,“ sagte der Oberst. „Der Burnus ist aus einem Stück gewebt.“

„Sie müssen dem Stamm einen sehr großen Dienst erwiesen haben, daß er Ihnen ein derartig kostbares altes Stück in die Hände gegeben hat,“ wendete er sich an den Arzt.

„Wieso alt, Sir Charles?“ rief die Frau Geheimrat. „Der Mantel ist doch ganz neu.“

„Er erscheint so, gnädige Frau. Vielleicht ist er zehn Jahre alt, vielleicht hundert, vielleicht auch dreihundert. Das wird man erst sagen können, wenn man die roten Ornamente näher untersucht hat.“

„Ich glaube eher an dreihundert als an hundert,“ warf der Geheimrat ein. „Ich hatte bereits Gelegenheit, die Ornamentik zu prüfen.“

Die Frau Geheimrat war sprachlos, Die Sache kam ihr direkt unheimlich vor.

„Wie teuer mag denn das Stück sein?“ wandte sie sich endlich an den Oberst, dessen Kennerschaft sie in diesem Punkte mehr traute, als derjenigen ihres Mannes.

Der Oberst wiegte überlegen den Kopf. „Das sind natürlich Alles nur Liebhaberwerte, gnädige Frau. Ich weiß, daß das britische Museum vor mehreren Jahren ein ähnliches Stück für zweitausend Pfund erworben hat.“

Die Frau Geheimrat war einen Augenblick perplex.

„Zweitausend Pfund, das sind ja reichlich vierzigtausend Mark.“ Mit fieberhafter Eile wickelte sie das kostbare Kleidungsstück wieder zusammen und reichte es mit zitternden Händen dem Doktor hin. Auch Marie Ewald und Georg Gilbert schauten ihm befremdet an.

„Wenn Sie die Schätzung von Sir Charles gelten lassen, haben Sie Ihre Flasche Sekt erbarmungslos verloren,“ sagte der Arzt zu dem Ingenieur.

„Allright, ich will sie verloren haben,“ erwiderte der, tief aufatmend. „Und wir wollen sie recht schnell austrinken, um uns von diesem Schreck zu erholen.“

Während der schwarze Steward vergnügt grinsend die Bestellung Georg Gilberts entgegennahm, ließ Sir Charles seinen Blick lange auf dem jungen Arzt ruhen.

„Sie müssen dem Stamme einen sehr wichtigen Dienst erwiesen haben,“ sagte er noch einmal, „daß er Ihnen ein derartiges Wertstück übergeben hat. „Darf man wissen, um was es sich dabei handelte?“

Der Geheimrat kam dem Arzt mit der Antwort zuvor. „Er hat den Neffen des Scheichs, der ziemlich krank zu sein schien, im Laufe eines Tages geheilt. Es war eine Pferdekur, was, Doktor, aber sie ist glücklich ausgegangen.“

Der Oberst blickte eine Minute sinnend auf sein Glas.

„Es war ein junger Mensch, ein gewisser Ali, der vor kurzem mit allen Zeichen der Beri-Beri, der gefürchteten Schlafkrankheit, von Dongola zurückgekommen ist. Eine Hilfe gegen diese entsetzliche Krankheit gibt es ja nicht. Ich erwarte von Tag zu Tag, daß der junge Mensch sterben wird. Ihn in eine Isolierbaracke zu schaffen, hat wenig Zweck, da es der einzige Fall in dieser Gegend ist und auch wohl bleiben wird.“

Dr. Benari nahm das Glas, welches sein Freund ihm gefüllt hinhielt, und leerte es mit sichtlichem Wohlbehagen.

„Verzeihen Sie, Sir Charles, wenn ich Ihnen zu widersprechen wage,“ sagte er dann zu dem Oberst. „Ich habe leider die sehr begründete Vermutung, daß dieser Fall von Beri-Beri nicht der einzige in Assuan bleiben wird.“

„Das wäre schlimm,“ erwiderte der Oberst. „Ich nehme an, Herr Doktor, daß Ihre alarmierenden Vermutungen sich auf sehr reale Tatsachen stützen. Sonst wäre es recht unangebracht, sie überhaupt nur auszusprechen.“

„Auf leider nur allzu reale Tatsachen, Herr Oberst,“ erwiderte der junge Arzt. „Sechs solcher realen Tatsachen in Form plasmodienhaltiger Stechmücken habe ich eigenhändig auf der Insel Philae gefangen.“

„Das wäre entsetzlich,“ sagte der Oberst erbleichend.

„Aber ich muß Ihnen auch noch weiter widersprechen,“ fuhr der Arzt fort. „Bis heute mittag vielleicht konnte die Beri-Beri-Krankheit für unheilbar gelten. Seitdem aber um zwei Uhr das Reaktionsfieber jenes Ali rapide zu fallen begann, und seitdem die Blutprobe, die ich heute abend noch gemacht habe, völlige Heilung zeigt, seitdem, Herr Oberst, ist die Beri-Beri-Krankheit eine harmlose Sache geworden.“

Grenzenloses Erstaunen malte sich auf den Zügen des Obersten.

„Wollen Sie damit etwa sagen,“ rief er endlich, „daß Sie diesen Ali, der doch rettungslos verloren war, gerettet haben?“

„Gerade das, Herr Oberst. Der junge Beduine befindet sich auf dem Wege der Genesung. Ich werde ihn morgen früh wieder besuchen und ich hoffe, ihn nach dem Schlummer dieser Nacht bereits gekräftigt und wohlauf vorzufinden.“

Der Oberst blickte den jungen Arzt zweifelnd an.

„Wenn Sie das geleistet haben, Herr Doktor, so haben Sie sich Verdienste erworben, die denjenigen Ihrer berühmten Landsleute kaum nachstehen. Sie wissen ja, daß Robert Koch bis zu seinem Ende gegen diese Seuche gekämpft hat.“

Der Arzt nickte zustimmend.

„Ich weiß es, Herr Oberst. Robert Koch war Anhänger der Organotherapie. Er wollte aus dem Körper der Kranken selbst die Schutzstoffe, die schützenden Lymphen, gewinnen, und das ist ihm weder bei der Tuberkulose noch beim Beri-Beri gelungen. Die großen Erfolge gegen diese Seuchen datieren erst von jener Zeit an, da man in, der chemischen Retorte bestimmte Schutzstoffe herstellt.“

„Sie sprechen von der Tuberkulose,“ warf der Oberst ein. „Meines Wissens ist gegen diese verheerende Seuche noch kein Mittel gefunden worden.“

„Heute noch nicht, Sir Charles. Aber die Wissenschaft hat bereits den Weg erkannt, auf dem sie wandeln muß. Man weiß heute bereits, daß man ganz bestimmte Stoffe wird aufbauen müssen, die chemisch mit dem. Zimtöl verwandt sind. Nach tausend oder zehntausend Experimenten wird wahrscheinlich der richtige Stoff gefunden werden, und dann hat auch die Tuberkulose ihren Schrecken verloren.“

Der Engländer sah den Deutschen nachdenklich an. Eine lange Reihe glänzender Namen, wie Virchow, Koch, Behring und Ehrlich zog vor seinem geistigen Auge vorüber.

„Ihr Deutschen wäret am Ende das richtige Volk dafür,“ murmelte er vor sich hin. Und laut fuhr er fort: „Ich möchte Sie jedenfalls morgen begleiten und Ihren Patienten sehen. Bestätigen sich Ihre Mitteilungen, so halte ich Ihre Erfindung für wichtig genug, um meiner Regierung davon Mitteilung zu machen. Jedenfalls verstehe ich es jetzt, warum ihnen der Stamm dies kostbare Geschenk gemacht hat.“

„Ja, Doktor, wollen Sie denn nicht mit mir nach Komombo mitkommen?“ rief der Ingenieur erstaunt. „Ich habe fest auf Ihre Begleitung gerechnet.“

„Später, lieber Gilbert, später!“ erwiderte der Arzt. „Einige Tage habe ich noch hier zu tun. Aber Sie sind mir ja in Komombo sicher. Sie haben dort doch Wochen hindurch zu tun.“

„Gott sei Dank und leider Gottes. Wie Sie wollen. Ich freue mich auf die Arbeit, aber ich freue mich ebensosehr, wenn sie fertig ist, wenn neue Maschinen in Tätigkeit sind.“

Marie Ewald blickte zu dem Ingenieur hinüber. „Halten sie sich ordentlich dran, Herr Gilbert, damit Sie uns etwas zeigen können. Denn wir nehmen Ihre Einladung sehr ernst und gedenken Ihnen ordentlich zur Last zu fallen. Die Tempel von Komombo sind recht sehenswert und bergen noch mancherlei Unerforschtes. Wir wollen sie gehörig durchstreifen, aber daneben auch Ihrer Kraft bewundern.“

Georg Gilbert verneigte sich geschmeichelt. „Es soll mir eine besondere Ehre sein, mein gnädiges Fräulein. Aus Freude darüber werde ich ein wenig über die Stränge schlagen und noch eine Flasche dieses recht trinkbaren Sektes anfahren lassen.“

Und so saß die Gesellschaft fröhlich und unterhaltsam plaudernd zusammen, bis auch der Vollmond sich nach Westen zu neigen begann und die erfrischende Kühle der Nacht zur Ruhe aufforderte.

* *

*

Den nächsten Tag benutzte der Geheimrat Ewald dazu, einen weiten Ausflug in die Wüste zu unternehmen. Das Ziel der Reise war ein kleiner, aber noch wenig erforschter Tempel, der reichlich dreißig Kilometer von Assuan entfernt nach Südosten zu liegt.

Wie üblich, befand sich wiederum seine Tochter in seiner Begleitung, während die Frau Geheimrat im Hotel zurückblieb. Professor Ewald kannte das Land zur Genüge und er verzichtete daher auf die Mitnahme eines besonderen Führers. Nur einer jener arabischen Eseljungen begleitete die beiden auf ihrem Wege. Der Professor und seine Tochter hatten sich den langohrigen Reittieren anvertraut, während der kleine Araber zu Fuß nebenher lief

Sehr bald verschwanden die letzten Spuren der Vegetation und der Einfluß des Stromes hörte auf. Wo aber die Wasser des Niles nicht mehr hinkamen, da begann eben die Wüste, die traurige tote Sandfläche, aus der sich nur hier und dort einige Gebirgszüge erhoben.

„Wirklich eine trostlose Landschaft, Vater,“ wandte sich die Tochter nach langem Schweigen an den Geheimrat. „Es sieht zum Verzagen traurig hier aus. Wenn die Ingenieure dies Wüstenland wieder in eine Gartenlandschaft verwandeln können, so können sie wirklich mehr als Brot essen.“

Der Geheimrat lachte.

„Laß das nicht den Gilbert hören. Sonst bildet er sich noch mehr auf seine Wasserleitungen ein als heute schon.“

Dann ging der Ritt wieder schweigsam durch die glühende Sandfläche weiter. Erbarmungslos brannte die Sonne auf Menschen und Tiere herab, und jeder hing seinen Gedanken nach. Marie aber konnte den Gedanken nicht los werden, daß diese Wüste doch wohl ein Zeichen von Verfall und Niedergang sei. – Sie konnte sich nicht mehr recht vorstellen, daß die alten Ägypter wirklich durch diese grauenhafte Dürre zu ihrem Heiligtum hingepilgert seien. Immer wahrscheinlicher wurde ihr die Theorie Georg Gilberts, daß das Land in früheren besseren Zeiten doch einmal ein blühender Garten gewesen sei, und daß kommende Geschlechter den alten Zustand wieder herstellen würden.

Während sie so ihren Träumereien nachging, bemerkte sie es kaum, wie die Reittiere immer unruhiger wurden und wie die Sonne allmählich einen matteren bleiartigen Glanz bekam. Sie fuhr aus ihren Gedanken erst auf, als ihr Tier mit einem jähen Ruck stehen blieb und einen klagenden, wiehernden Laut ausstieß. Und nun hielt auch der Geheimrat neben ihr, und der arabische Junge blieb ebenfalls ratlos stehen

Die Sonne war jetzt vollkommen in einem grauen Nebel verschwunden. Der Himmel, vor kurzem noch stahlblau und glänzend, zeigte überall ein gleichmäßiges Weiß. Und nun erhob sich auch ein Wind und kam in unregelmäßigen Stößen über die Ebene dahergefegt.

Kopfschüttelnd betrachtete der Geheimrat diese Erscheinungen.

„Das ist ja beinahe unglaublich,“ wandte er sich an seine Tochter. „Wenn wir nicht bereits im Juli wären, würde ich wirklich glauben, daß wir es hier mit einem Chamsin, mit einem regulären Sandsturm zu tun haben. Aber wir sind doch schon mehr als fünfzig Tage vom Frühlingsanfang entfernt.“

Wieder schaute der Geheimrat prüfend in die Ferne. Der Gelehrte hatte mit seiner Bemerkung durchaus recht. Nur in den ersten fünfzig Tagein nach der Frühlingstag- und Nachtgleiche pflegen sich jene gefährlichen Sandstürme zu erheben, welche die Luft verdunkeln und mit Staub erfüllen, oft Tage hindurch anhalten und schon so manches liebe Mal ganze Karawanen im glühenden Sande begraben haben.

Aber schließlich sind die Tatsachen immer noch beweiskräftiger als die Theorien gewesen. Schon nach zehn Minuten konnte der Geheimrat nicht mehr darüber im Zweifel sein, daß er es mit einem ganz reellen Sandsturm zu tun hatte.

Die Sonne war jetzt vollkommen verschwunden. Und nun wuchs sich der Wind zum Sturme aus. Der gelbe feine Sand erfüllte die Luft zu großer Höhe und machte jede Orientierung unmöglich. Und der feine Staub drang auch in die Augen und verursachte ein heftiges Brennen. Er drang in die Atmungswege ein und erzeugte eine schmerzhafte Trockenheit und das Gefühl unerträglichen Durstes.

Längst hatten die beiden Reittiere sich niedergeworfen, und der arabische Treiber kauerte bei ihnen und hatte sich seinen kärglichen Umhang über den Kopf gezogen.

Von Minute zu Minute wurde die Situation bedrohlicher. An eine Orientierung war überhaupt nicht mehr zu denken. Man wußte nur, daß man sich zwei Meilen etwa vom Nil entfernt befand. Aber ob der Strom vor oder hinter ihnen, zur Rechten oder zur Linken lag, das konnte niemand mehr entscheiden. Von Minute zu Minute stieg das Durstgefühl, und ein Ende war überhaupt nicht abzusehen.

Der Geheimrat erkannte das Gefährliche der Lage vollkommen. Solch Sandsturm konnte in einer Stunde vorübergehen, er konnte aber auch vier bis fünf Tage anhalten. Und dann war man genötigt, die ganze Zeit hindurch unbeweglich auf derselben Stelle zu verharren. Was es aber bedeutete, vier bis fünf Tage ohne Wasser in der heißen, trockenen Wüste auszuharren, darüber war sich der Geheimrat vollkommen klar. Das bedeutete den Tod in seiner schlimmsten Form. Es bedeutete den Dursttod in der Wüste, ein langsames Dahinschmachten unter unermeßlichen Qualen.

Angesichts dieser Entwickelung blieb doch nichts anderes übrig, als ruhig und mutig an derselben Stelle auszuharren. Denn jeder Versuch, weiter zu gehen, konnte das Übel nur vergrößern, konnte nur vom Wege abführen.

Es war eine grauenhafte Lage. Mit gebundenen Händen abwarten und hoffen, daß das Schlimmste vermieden werden möge.

Marie Ewald lag im halben Fieber auf der heißen Sanddecke, Der Geheimrat hatte seine Tochter nach Möglichkeit mit allerlei Kleidungsstücken bedeckt, um sie vor dem verderblichen Sandstaub zu schützen. Und er hatte sich dann selber ergeben auf dem Sande niedergelassen und erwartete resigniert die weitere Entwickelung. Und die nahm sich wenig erfreulich aus. Immer noch wuchs die Stärke des Sturmes. Immer trüber und undurchdringlicher wurde die Luft.

In der ersten Stunde hatte der Geheimrat es versucht, der Situation mit europäischen Mitteln zu begegnen. Er hatte sich gelassen eine Zigarre hervorgeholt, und nach endlosem Mühen war es ihm endlich gelungen, sie anzuzünden. Und dann hatte er gehofft, mit dem Rauch das quälende Durstgefühl zu überwinden und Stärkung zu finden. Doch schon nach zehn Minuten sah er das Fruchtlose seines Versuches ein. Auch die Zigarre überzog sich sofort mit einer knirschenden Sandschicht, und ihre Glut wurde im Staube erstickt.

Da zog sich der Geheimrat den Mantel über den Kopf, um sich nach Möglichkeit gegen den schmerzenden Sand zu schützen, und beschloß, ruhig abzuwarten. Aber seine Hoffnung sank von Stunde zu Stunde, denn immer noch nahm die Gewalt des Sturmes zu, immer trostloser wurde die Lage.

Marie Ewald war in einen fieberartigen Halbschlummer verfallen. Traumhaft eilten ihre Gedanken zu großen blinkenden Wasserflächen, zu rauschenden Bächen, an denen grüne Bäume wuchsen. Sie ahnte nicht im geringsten die fürchterliche Gefahr, in weicher sie schwebte. Sie hielt es für ausgeschlossen, daß man nur wenige Kilometer von einem mit allem Luxus ausgestatteten Hotel entfernt elend in der Wüste verschmachten könne. Aber sie hatte quälenden Durst, hatte eine Sehnsucht nach frischem Wasser, und dieses Sehnen zog sich durch ihren Fiebertraum hin.

Immer wieder sah sie das schimmernde Wasser, immer wieder hoffte sie, ihm näher zu kommen, mit der Hand daraus schöpfen und trinken zu können. Aber immer wieder wich das kühlende Naß zurück, und sie fand sich verlassen in der brennend trockenen Wüste.

Dann flogen ihre wirren Träume über die letzten Tage zurück. Sie erinnerte sich ihrer Gespräche mit Georg Gilbert, der in dies Land gekommen war, um das Wasser des Stromes weithin über die dürre Ebene zu verteilen. Sie erinnerte sich, daß er von mächtigen Dampfpumpen gesprochen hatte, die in jeder Sekunde viele tausend Liter des köstlichen Wassers fassen und in die Wüste werfen. Und dann trat wieder die Sehnsucht nach frischem Wasser in ihr Bewußtsein, während sie die fieberheißen Hände in den glühenden Sand einwühlte.

Stunde um Stunde verstrich darüber. Auch der Geheimrat verspürte es, wie seine physische Widerstandsfähigkeit allmählich abnahm, wie er in diesem brodelnden, glühenden Sandstrom zu verzagen begann. Seine Phantasie eilte der Zeit voraus. Er überdachte es, wie es hier nach vierundzwanzig Stunden, nach zwei Tagen, nach einer halben Woche aussehen würde. Und manch eine Szene aus seinen früheren Wüstenwanderungen kam ihm in die Erinnerung, da sich plötzlich hier und dort aus dem Sande weiße Knochen und gebleichte Schädel erhoben hatten. Und der Geheimrat erschauerte bei dem Gedanken, daß ein ähnliches Schicksal ihn und seine Tochter erwarten könne, die sich dort in steigendem Fieber hin- und herwarf.

* *

*

Der Ingenieur Georg Gilbert hatte den Vormittag dazu benutzt, seine Sachen zu ordnen und zu verpacken. Er wollte ja am nächsten, spätestens am übernächsten Tage nach Wadi-Kom-Ombo zurückkehren. Dann aber hatte er sich auf der geräumigen Terrasse des Hotels einen schattigen Platz gesucht, und hier gab er sich einer angenehmen Träumerei hin, während seine Blicke auf der reizvollen Landschaft ruhten.

Der Ingenieur wußte, daß dies für ihn wohl der letzte Ruhetag sein würde, auf dein dann viele Wochen harter und rastloser Arbeit zu folgen hätten. Er war das in seinem unstäten Leben schon gewohnt. Da folgten auf Monate härtester, nervenzerrüttender Arbeit einmal Wochen absoluten Nichtstuns, und dann kamen wieder die Zeiten der Arbeit. Und Georg Gilbert war ein Mann, der aus der Situation soviel Annehmlichkeit wie möglich zu gewinnen verstand. Was konnte es für ihn an solchem Tage wohl Angenehmeres und Behaglicheres geben, als eine solche gemütliche Ruhe- und Plauderstunde inmitten einer reizvollen Landschaft und umweht von der Kühle des Stromes?

So saß er dort voller Behagen, gab seinen Gedanken Audienz, dachte an seine eigene Zukunft, an seine erfolgreiche, Glück und Gewinn bringende Arbeit und empfand es beinahe als Störung, als nun die Frau Geheimrat Ewald in seiner Nähe einen Platz suchte und eine Unterhaltung mit ihm begann.

Er wußte schon ungefähr, was da kommen würde. Die ewigen Klagen, daß die Frau Geheimrat hier doch sehr überflüssig und sehr wenig am Platze sei und ein wenig Gebrumme über den Mann, der seiner Wissenschaft nachlief und die Frau allein ließ.

Nur mit halbem Ohr hörte der Ingenieur auf alle diese Klagen hin, während er nach wie vor die Landschaft und das Firmament betrachtete.

„Heut ist mein Mann nun wieder zum Tempel von Keld geritten,“ seufzte die Frau Professor. „Weiß der Himmel, was er da wieder für alte Steine und Inschriften vermutet. Wenn ihm nur bei solchen Touren nicht einmal etwas zustößt.“

Der Ingenieur lachte.

„Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, was sollte ihm denn zustoßen? Die Beduinen und Fellachen sind relativ zivilisierte Leute, und vor allen Dingen haben sie einen höllischen Respekt davor, sich an einem Europäer zu vergreifen. Die englischen Gerichte verstehen keinen Spaß, und ein Galgen ist schnell aufgebaut.“

Die Frau Geheimrat ließ sich gern von dem Ingenieur beruhigen, und in harmlosem Geplauder flossen die Stunden dahin.

„Sehen Sie nur, Herr Gilbert, wie matt die Sonne geworden ist,“ wandte sie sich plötzlich an ihren Partner.

Aber sie brauchte ihn gar nicht mehr besonders aufmerksam zu machen. Georg Gilbert hatte die eigenartige Naturerscheinung bereits selbst beobachtet und war jetzt an die Brüstung der Terrasse getreten.

Die Frau Geheimrat sah, wie er den Horizont sorgfältig beobachtete und wiederholt die Hand emporstreckte, um den Wind zu spüren. Wohl zehn Minuten beobachtete er schweigend die Witterung.

„Sie sagten vorhin, Ihr Herr Gemahl wäre zum Tempel von Kela geritten?“ wandte er sich dann an die Frau Geheimrat.

„Allerdings, das sagte ich, Herr Gilbert. Er erzählte mir heute früh, daß er auf dem direkten Wege dorthin wolle.“

„Sie sind sicher, Frau Geheimrat, daß er gesagt hat, auf dem direkten Wege?“

„Gewiß, so sagte er.“

„Es ist gut, gnädige Frau,“ erwiderte der Ingenieur und verließ die Veranda.

Erstaunt blickte die Frau Geheimrat ihm nach. Was war denn in diesen Menschen gefahren, daß er so plötzlich und so formlos aufbrach? Die Frau Geheimrat konnte das nicht ergründen. Sie wußte ja nicht, daß der Ingenieur das Land und Gefährlichkeiten des Landes seit Jahren genau kannte. Und sie konnte auch nicht sehen, was er da mit großer Schnelligkeit in seinem Zimmer zusammensuchte und zu sich steckte. Sie sah nur, daß er wenige Minuten später am Ufer erschien und sich von der Insel zum Festlande übersetzen ließ. Eine Weile schaute ihm jetzt die Frau Geheimrat nach. Aber dann wurde es ihr auf der Terrasse zu ungemütlich. Der stoßweise Wind, der da vom Flußufer kam, behagte ihr ganz und gar nicht. Es schien ihr sogar, als ob er allerlei Sand mitbrächte, der ihrem guten Kleide ganz und gar nicht zuträglich war. Und deswegen zog es die Frau Geheimrat vor, sich in den Lesesaal des Hotels zu setzen und dort die Journale zu durchblättern.

Georg Gilbert aber war inzwischen im Motorboot am andern Ufer gelandet. Er hatte während der Überfahrt auf das sorgfältigste eine Spezialkarte studiert und begann jetzt seine Wanderung. Mit schnellen Schritten ging er gegen den immer heftiger werdenden Südweststurm an. Schon näherte er sich den letzten Häusern des Ortes, als er plötzlich seine Schritte verlangsamte.

„Vier Augen sehen mehr als zwei,“ schoß es ihm durch den Kopf. Hier wohnte ja der erfahrene Führer Muhamed Ab del Kader. Es konnte am Ende nichts schaden, wenn er diesen Mann, der die Wüste so genau kannte, mit sich nahm.

So trat er denn in die Behausung ein und fand den Alten in beschaulicher Ruhe auf einer Matte hockend.

Kaum nahm sich der Ingenieur die Zeit zu den Höflichkeitsformen, die dem Araber im Verkehr so unentbehrlich scheinen. Kaum wartete er die Erwiderung des Alten auf seinen Friedensgruß ab. Mit einer Hast, die eben nur der Franke, aber niemals der Araber besitzt, brachte er sofort sein Anliegen vor. Freunde von ihm wären in der Wüste, und die müsse er holen.

Der alte Führer schüttelte abwehrend sein Haupt. Es wäre unmöglich. Der Sandsturm wäre im Gange. Die Djin, die Seelen der Verdammten, wären losgelassen und tobten durch den Sand. Da müsse ein rechtgläubiger Moslem in der Nähe der Moschee bleiben. Der Gast solle doch auch hierbleiben, eine Tasse Kaffee annehmen und einen Tichibuk rauchen.

Aber Georg Gilbert hatte weder Lust noch Zeit, sich auf diese Einwände einzulassen. Er klappte das Instrument auf, welches er wie ein Opernglas an einem Riemen über der Schulter trug. Und nun zeigte sich, daß es ein schöner, großer Feldmesserkompaß war.

Er wies mit der Hand auf die blauglänzende Stahlnadel, die da über dem Blatt der Windrose spielte. Und Muhamed Ab del Kader hätte kein Araber sein müssen, um den Wert der magnetischen Bussole nicht sofort zu begreifen. Seine Gespensterfurcht schien beim Anblick der immer nordweisenden Nadel ersichtlich abzunehmen. Und als Georg Gilbert nun in die Tasche griff und zehn neue, schöne, blanke englische Souvereignes auf den Tisch legte, da ließ er allen Widerstand fahren und machte sich zur Begleitung fertig.

Wenige Minuten später verließen die beiden Männer das Haus und gingen auf der Straße nach Kela vorwärts. Immer weiter entfernten sie sich von den wenigen Häusern Etwa dreiviertel Stunden waren vergangen, als sie die letzten immergrünen Sträucher, die letzten wohlbekannten Merkzeichen auf dem Wege na Kela erreicht hatten. Hier standen sie am Anfange der heute vom Sturme aufgewühlten Wüste, und hier holte der Ingenieur einiges von dem hervor, was er im Hotel eingesteckt hatte.

Eine Automobilbrille, deren weicher Filzrand sich fest auf die Haut legte und die Augen vollkommen gegen den Staub schützte. Einen Respirator, der, vor den Mund gelegt, die Lunge vor dem mörderischen Sand schützte,

Dann klappte der Ingenieur den Kompaß auseinander und legte jetzt die Karte darunter. Und dann begann er an einigen Schrauben und Schiebern zu arbeiten und allerlei einzustellen. Und endlich und schließlich klappte er sich den Kragen auf und zog die Handschuhe mit den Schäften über die Rockärmel. Dann begann er im gleichmäßigem Tempo vorwärtszuschreiten.

Georg Gilbert ging seinen Weg durch die Wüste, wie etwa ein Schiff seinen Kurs über das offene Weltmeer dahinzieht. Wohl hatte er den erfahrenen Führer hinter sich, der sonst zu jeder Tages- und Nachtzeit seinen Weg durch die Wüste fand. Aber heute war dessen Kunst ohnmächtig. In diesem Sandsturm mußte der Araber sich auf den Franken verlassen, und der war einzig und allein auf seinen guten Kompaß angewiesen, auf dessen Gehäuse er sich genau die Richtung eingestellt hatte, die er nehmen mußte um direkt nach Kela zu gelangen. Sein einziger Führer in diesem Sandmeer, in dieser mit Sand gefüllten und nicht auf hundert Meter durchsichtigen Atmosphäre war die schlanke blauschimmernde Stahlnadel, die da vor ihm auf einer winzigen Achatspitze tanzte. Er wußte, daß diese Nadel unter allen Umständen nach Norden weisen würde, er wußte, daß er ans Ziel kommen müsse, wenn er Schritt um Schritt nach dem Kompaß ginge.

Die Lage war auch für Georg Gilbert keine sehr erfreuliche. Er wußte, daß er sich in die Gewalt von Elementen begab, die vielleicht viele Tage hindurch im Aufruhr bleiben würden. Aber er war doch auch einigermaßen gegen diese Elemente gewappnet. Er hatte Augen und Lunge dagegen geschützt, und die nordweisende Nadel mußte ihm auch im schlimmsten Sandsturm ein sicherer Führer sein.

Er war sicher überzeugt, daß er unter allen Umständen nach einem sechs- bis achtstündigen Marsch nach Kela kommen würde. Aber es war ihm weniger sicher, ob er auf dem Wege dorthin die finden würde, die er suchte. Während der Ingenieur in immer gleichbleibendem Tempo dahinschritt und der treibende Sand seine Fußspuren verwehte, beinahe unmittelbar, nachdem er den Fuß vom Boden aufgehoben hatte, quälte ihn dieser Gedanke unaufhörlich.

Unaufhörlich überlegte er.

„Werden sie es versucht haben, im Sturme noch weiter zu gehen und dabei in die Irre gewandert sein? Oder werden sie sich beim Aufkommen der ersten Sandwirbel sofort niedergelassen haben und dann am direkten Wege zu finden sein?“

Über solche Wanderung und über solche Reflektionen ging die erste Stunde dahin, und die zweite brach an.

Georg Gilbert wanderte mit der Präzision einer Maschine durch den Sandsturm. Seine Augen führten unablässig dasselbe Manöver aus. Einen Blick auf die Kompaßnadel, ob er auch genau im Kurse blieb, und dann einen Blick nach rechts und einen nach links, ob dort irgendwo irgendetwas zu erspähen sei.

Und je weiter er in die Wüste vordrang, desto weniger verhehlte er sich, daß die Aussichten, die Gesuchten zu fänden, immer geringer wurden, daß es kaum noch wahrscheinlich war. Eine Abweichung von zweihundert Metern genügte ja, um an denen, die er suchte, vorbeizulaufen. Wohl war er sicher, die Tempel von Kela zu finden, denn dort gab es genügend charakteristische Berge und Bergspitzen. Aber er verzweifelte fast an der Möglichkeit, unterwegs den Geheimrat und seine Tochter zu entdecken. Und dabei wurde ihm die fürchterliche Gefahr, in welcher diese sich befanden, in welcher sie sich befinden mußten, mit jedem Schritte klarer.

Er war eigentlich nur aufgebrochen um den Geheimrat aus einer vielleicht ungemütlichen Situation zu befreien. Er hatte den leisen Nebengedanken gehabt, dessen Tochter dabei eine gute Lehre zu versetzen, ihr zu zeigen, daß alle Ägyptologie nichts hilft wenn man ohne Kompaß in die Wüste läuft. Und nun geriet er selber in einen Sandsturm, in einen Chamsin, der vollen meteorologischen Regeln zum Trotze noch im Juli ausbrach und in dem er selber ohne seine umfassenden Vorsichtsmaßregeln rettungslos verloren gewesen wäre.

Aber Georg Gilbert hatte nicht viel Zeit, solchen Gedanken müßig nachzuhängen. Unaufhörlich mußten seine Augen arbeiten. Ein Blick nach rechts, ein Blick auf den Kompaß, ein Blick nach links. Und darüber ging die zweite Stunde dahin, und die dritte brach an. Immer wilder war der Sturm geworden, immer dicker und dichter die Luft. Der Ingenieur schätzte, daß man überhaupt nur noch auf zwanzig Meter durchsehen könne. Er sah ein, daß seine Aussichten, die beiden Ewalds in diesem Sandmeer zu finden, jetzt gleich Null geworden waren. Er begriff, daß er jetzt anfing, um das eigene Leben zu marschieren. Er mußte unter allen Umständen weiter, und er tröstete sich damit, daß die Gesuchten vielleicht doch noch bis zum Tempel gekommen sein konnten. Und während ihm der Sturm um die Ohren heulte, während der Sand knirschend und knisternd gegen seine Kleidung und gegen die Gläser seiner Brille schlug schritt er stetig vorwärts.

Plötzlich hemmte er seinen Schritt. Dort rechts schräg vor ihm, wohl kaum zwanzig Meter entfernt, bemerkte er einige dunkle Flecke, die sich undeutlich von der Sandfläche abhoben. Der Ingenieur blieb aufatmend stehen, Wenn das wirklich die gesuchten waren, so hatte er ein unerhörtes Glück gehabt. Wieder und wieder warf er seinen Blick auf diese immer undeutlicher erkennbaren Stellen. Es drängte ihn, im Sturmschritt darauf zuzueilen. Aber dann kam wieder die kühle Überlegung. Er durfte sich nur von der Nadel führen lassen. Und so visierte und notierte er erst genau den Winkel, in welchem jene Gegenstände von seinem Kurse ablagen, und dann ging er, sorgsam seine Schritte zählend, auf jene verdächtige Stelle zu.

* *

*

Der Geheimrat Ewald war ebenfalls in einen halb bewußtlosen, traumhaften Zustand verfallen, Da saß er mitten in der Wüste und im Wüstensturm und hatte nur das Gefühl, daß unendlich lange Zeiträume verstrichen. Ein Blick auf die Uhr hätte ihn belehren können, daß er erst vier Stunden hier am Boden lag und den Aufruhr der Elemente über sich ergehen ließ. Aber das ist ja der gewaltige Unterschied, den die menschliche Natur gegenüber den Elementen zeigt. Sind die Mittel vorhanden, die Elemente zu meistern, so vermag der Mensch unendlich viel. Ist er ein willenloses Spiel der Naturkräfte, so zwingen sie ihn schon. Der Geheimrat hatte sicher nicht annähernd die gleichen Anstrengungen durchgemacht wie Georg Gilbert. Aber das Bewußtsein, hier dem Wüstensturm auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert zu sein, hatte ihn schnell gebrochen und ermattet. Regungslos lag er, das Haupt mit dem Mantel geschützt, auf der Sandfläche ausgestreckt.

Plötzlich spürte er eine kräftige Hand an seiner Schulter. Er fühlte sich geschüttelt und gerüttelt und fuhr in maßlosem Schrecken zusammen. Was konnte das sein? Vielleicht irgendein Raubtier der Wüste, ein Schakal oder eine Hyäne, die hier gute Beute witterten und sich noch vor dem Tode der Opfer an das Mahl machen wollten?

Aber der Geheimrat behielt nicht lange Zeit zum Überlegen. Er fühlte sich noch stärker geschüttelt, fühlte sich aufrecht gesetzt, und dann wurde ihm der Mantel weggezogen, und während der schmerzende Sand wieder seine Augen traf, erblickte er doch einen Moment die ihm wohlbekannte Gestalt Georg Gilberts. Dann mußte der Geheimrat die Augen wieder schließen, weil die wenigen Sekunden genügt hatten, um ihm Sand in Hülle und Fülle hineinzuwehen. Und dachte, das Ganze wäre nur ein Traum, eine Vision von naher Hilfe und Rettung, wie sie die Verschmachtenden in der Wüste wohl öfter haben.

Aber Georg Gilbert nahm im diese Meinung sehr energisch. Der fuhr in seine unergründlichen Taschen und holte eine zweite Schutzbrille hervor, die er dem Geheimrat aufsetzte. Und dann brachte er einen zweiten Respirator zum Vorschein, der es dem Geheimrat möglich machte, endlich einmal wieder reine Luft ohne feinen Sand in die Lungen zu bekommen. Und dann schüttelte er den Geheimrat noch einmal ganz gehörig, so daß der an der veritablen Körperlichkeit der Erscheinung nicht mehr zweifeln konnte. Und dann schlug der Ingenieur ihn kräftig auf die Schulter, schob einen Moment seinen Respirator zurück und schrie:

„Es war sehr vernünftig von Ihnen, Herr Geheimrat, daß Sie auf dem Wege sitzen geblieben sind. Sonst hätte ich Sie wirklich nicht gefunden.“

Ein maßloses Staunen befiel den Geheimrat. Also Gilbert hatte sie wirklich gesucht und gefunden. Er war nicht ebenfalls im Sande verirrt, sondern mit voller Absichtlichkeit hierhergekommen, um sie zu suchen. In dem Augenblick, da der Geheimrat das begriff, da er die Möglichkeit einer nahen und schnellen Rettung sah, kehrten auch seine Kräfte erstaunlich schnell wieder.

Aber Georg Gilbert kümmerte sich schon nicht mehr um ihn. Der war zu Marie Ewald getreten und hatte gesehen, daß Hilfe hier bei weitem mehr nötig war.

Marie Ewald lag im Fieber. Sie sprach, als der Ingenieur den Mantel von ihr abhob, von Strömen und Wasserbächen. Und nun zeigte es sich wiederum, daß Georg Gilbert in unendlich kurzer Zeit unendlich viele Dinge zu sich gesteckt und mitgenommen hatte.

Wiederum nestelte er an seiner Seite an allerlei Riemenwerk und brachte eine Feldflasche zum Vorschein, die gut und gern ein Liter Inhalt besaß, und mit einer guten Kolalimonade gefüllt war.

Und Marie Luise Ewald, in deren Träumen immer wieder das blinkende Wasser auftauchte, und dann wieder von ihren Lippen zurückwich, spürte plötzlich, daß es ihr endlich gelang, zur Quelle zu kommen. Mit langen, durstigen Zügen schlürfte sie das erquickende Naß. Und dann kehrten ihr die Sinne zurück, und sie sah, daß das kein fließendes Wasser war, sondern daß Georg Gilbert vor ihr kniete und ihr Haupt mit dem linken Arm stützte und ihr mit der Rechten die Feldflasche an ihre Lippen hielt.

Aber diese Erkenntnis erschreckte Fräulein Ewald in keiner Weise. Auch jetzt trank sie weiter und leerte die Flasche wohl reichlich zur Hälfte. Dann lehnte sie sich mit einem Seufzer zurück und schien wieder in einen lethargischen Zustand versinken zu wollen.

Aber der Ingenieur Georg Gilbert verstand sich neben seinem Fach auch noch auf manche andere Künste. Er besaß eine meisterhafte Geschicklichkeit darin, allerlei wunderbare Tränkchen zu brauen, und diese Limonade, die er da mitgebracht hatte, war ein Meisterstück solcher Braukunst. Sie enthielt in beträchtlicher Menge den Extrakt der Kolanuß, der hervorragend geeignet ist, dem menschlichen Organismus Leistungsfähigkeit und Spannkraft zu verleihen.

So verstrichen kaum fünf Minuten. Dann hatte der Trank seine Wirkung getan. Alle Mattigkeit und Krankheit war von Marie Ewald abgefallen, und unternehmungslustig versuchte sie es, sich aufzurichten. Sie versuchte es sogar, über das Aussehen des Ingenieurs zu scherzen, der da mit Brille und Respirator in der Tat einen verwunderlichen Anblick bot. Aber Georg Gilbert ließ sich auf keine Debatte ein. Schweigend faßte er wieder in seine unergründlichen Taschen und versah auch die junge Dame trotz ihres Sträubens mit den Schutzapparaten. Und dann versetzte er auch dem Geheimrat eine ordentliche Dosis seines stärkenden Trankes. Und dann ging er daran, den arabischen Eseljungen unter einem Haufen von Kleidungsstücken herauszusuchen.

Der lag da in behaglichem festem Schlaf, und der Ingenieur gab ihm keine Limonade, sondern einen kräftigen Jagdhieb, wonach der kleine Araber sehr munter und lebendig auf seinen zwei Beinen stand.

Jetzt machte sich Georg Gilbert allerlei an seinem Kompaß zu schaffen. Wieder hantierte er am Schrauben und Griffen und nahm eine neue Einstellung vor. Verwundert beobachteten die anderen seine Manipulationen. Aber er blieb verschlossen und wortkarg, was wohl auf den Respirator zurückzuführen war, den er ja für jede Erklärung vom Munde abheben mußte. Und das tat er erst zu allerletzt, als er seinen Kompaß neu eingestellt und auch die beiden Esel auf die Beine gebracht hatte. Da genehmigte er sich selber einen kräftigen Schluck aus seiner Feldflasche und schrie durch den immer noch tobenden Sandsturm den anderen zu:

„Jetzt, Herrschaften, machen wir, daß wir schleunigst nach Hause kommen. Ich ziehe meinen bequemen Platz im Klubsessel wirklich dem Aufenthalt in diesem aufgewirbelten Sandmeer vor.“

Nach diesen Worten half er Marie Ewald geschickt auf ihr Reittier und ergriff selber dessen Zügel, während er den Geheimrat der Obhut des alten Führers überließ.

Nun gab es zunächst eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen Georg Gilbert und dem Esel. Georg Gilbert wollte durch die Wüste zurück nach Assuan, und der Esel wollte – störrisch wie Esel nun einmal sind – an Ort und Stelle bleiben. Aber der Ingenieur verstand es glänzend, dem Esel seine eigene Ansicht zu oktroyieren. Mit Zureden und sanftem Ziehen und einem gewissen, ziemlich schmerzhaften Griff in die Nüstern brachte er das Langohr in wenigen Minuten soweit, daß es ihm willig am Halfter folgte.

Dann schritt der Ingenieur den Weg zurück, den er gekommen war. Aber diesmal brauchte er die Augen weder nach rechts noch nach links zu drehen. Er brauchte nur auf die magnetische Nadel zu blicken, die ihn sicher durch das Sandmeer hierher geleitet hatte und die ihn auch sicher wieder zurückführen würde. So schritt er dahin in gleichmäßigem schnellem Schritt. Leichter jetzt als vorher, weil er den Sturm beinahe im Rücken hatte.

Eine Stunde verrann, und die zweite verfloß in gleichmäßigem Marsch. Dann lichtete sich der undurchdringliche, graubraune Sandnebel, und die ersten Palmen wurden sichtbar. Wenige Minuten noch, und man befand sich auf einem festen Wege, auf welchem die Orientierung leicht möglich war und auch der Sandsturm wenig quälend wurde. Noch eine Viertelstunde, und man stand am Ufer des Flusses. Erst hier nahm der Ingenieur die Schutzapparate wieder ab und ließ sie in seinen Taschen verschwinden. Dann wurden die Araber mit den Eseln entlohnt und fortgeschickt und das Motorboot zur Insel bestiegen. Nun endlich wurde Georg Gilbert wieder redselig und unterhaltsam. Allen Versuchen des Geheimrates und seiner Tochter, ihm für seine tatkräftige Hilfe zu danken, setzte er jene leichte, spöttische Art entgegen, durch welche er Marie Ewald schon so manches Mal geärgert hatte.

„Aber Sie müssen doch selber zugeben, Herr Gilbert,“ meinte der Geheimrat, „daß ein solcher Sandsturm in dieser Jahreszeit eine äußerst seltene Ausnahme ist. Man brauchte wirklich nicht damit zu rechnen.“

Georg Gilbert zog auf diese Rede seine Feldflasche hervor und tat einen kräftigen Schluck daraus.

„Prost, Herr Geheimrat!“ rief er dabei voller Übermut. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Chamsin hängt irgendwie mit der Zahl fünfzig zusammen. Aber Sie haben ja gesehen, daß auch noch nach dem fünfzigsten Tage von Frühlingsanfang gerechnet solche unliebsamen Scherze möglich sind.“

Der Geheimrat schüttelte verwundert den Kopf. „Die Geschichte ist und bleibt mir unerklärlich.“

Der Ingenieur aber fuhr zu Marie Ewald gewandt fort:

„Aber weil doch jede gute Geschichte ihre Moral haben muß, so wollen wir sie auch hier ziehen, mein gnädiges Fräulein. Und die Moral lautet, man gehe nicht ohne einen guten Kompaß in die Wüste. Denn wenn der Sandsturm losbricht, helfen einem keine Hieroglyphen und Götter aus dem Sande.“

Marie Ewald saß im Fauteuil des Motorbootes. Sie fühlte sich noch reichlich angegriffen und ermattet. Aber die Bemerkungen des Ingenieurs reizten sie doch.

„Wissen Sie was, Herr Gilbert,“ rief sie ihm zu. „Für Ihre Hilfe aus schwerer Gefahr bleiben wir Ihnen zeitlebens verpflichtet. Ich glaube sogar, daß wir Ihnen unser Leben verdanken. Aber gestatten Sie mir, daß ich trotz alledem und neben alledem die Meinung beibehalte, daß Sie ein gräßlicher Mensch sind.“

Da lacht Georg Gilbert und rief:

„Dann also, mein gnädiges Fräulein, wollen wir den munteren Krieg weiter führen. Aber zunächst werde ich Sie jetzt zu Ihrer Frau Mutter führen, denn nach dieser Strapaze bedürfen Sie einer langen Erholung und Ruhe.“

Danach half er ihr galant aus dem Boote an das Ufer und geleitete sie in das Hotel.

 

Viertes Kapitel.

Eine Woche später fehlte der Ingenieur in der kleinen Gesellschaft. Er war mit dem Frühdampfer den Strom hinab noch Komombo abgereist.

Dr. Benari hatte seinen Freund zum Schiff begleitet. Dann war er mit Sir Charles Howard zum Beduinenlager gegangen, um dort die Fortschritte in der Heilung seines Patienten zu konstatieren.

Die Frau Geheimrat hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen und las einen Band der Hotelbibliothek nach den andern. Der Geheimrat und seine Tochter schweiften auf der Insel Elephantine umher und studierten mit Interesse die Ausgrabungen am nördlichen Rande des Eilandes. Die Lust an der Wüste war ihnen nah dem Abenteuer für einige Zeit vergangen. Miß Eveline Howard aber lag in ihrem verdunkelten Schlafzimmer und fühlte sich gar nicht wohl. Seit Tagen litt sie an leichten Kopfschmerzen und Mattigkeit im ganzen Körper.

* *

*

„Und ich sage Ihnen, Herr Oberst,“ wandte sich Dr. Benari an Sir Charles, während die beiden Herren vom Beduinenlager zurückkehrten, „wir werden mit diesen parasitären Fiebern hier noch manche unangenehme Überraschung erleben. In dem Maße, in welchem das Land wieder kultiviert wird, werden sich auch diese Krankheiten einstellen.“

Der Engländer schüttelte einige Male nachdenklich das Haupt.

„Ihre Prognose ist nicht eben erfreulich, Herr Doktor. Aber anderseits haben Sie uns ja durch die Heilung dieses Arabers einen schlagenden Beweis dafür gegeben, daß die Wissenschaft gute Mittel gegen diese Krankheiten hat. Ich werde heute noch einen Bericht über Ihre Erfindung an den Vizekönig abgehen lassen.“

„Tun Sie das, Sir Charles. Es ist wichtig, daß möglichst wenig Zeit verloren geht. Wir dürfen die Krankheit erst gar nicht einreißen lassen. Wir müssen systematisch jeden verdächtigen Fall sofort untersuchen und, wenn nötig, heilen.“

Der Oberst blickte auf.

„Sie haben gewiß recht, Herr Doktor. Aber die Heilung scheint doch auch keine ganz ungefährliche Sache zu sein. Wir werden gewiß mit einem starken Widerstand der eingeborenen Bevölkerung zu rechnen haben. Das Leben dieses Ali hat doch auch Stunden hindurch an einem seidenen Faden gehangen.“

„Gewiß, Herr Oberst. Aber vergessen Sie nicht, daß wir es hier mit einem bereits veralteten, sehr schweren Fall zu tun hatten. Es wird natürlich ein Stadium der Krankheit geben, in welchem überhaupt keine Rettung mehr möglich ist. Wird die Erkrankung aber beizeiten erkannt, so handelt es sich um eine recht harmlose Sache.“

„Das wollen wir hoffen, lieber Doktor,“ meinte Sir Charles.

Mehrere Minuten hindurch schritten die beiden Herren schweigend in der Richtung auf den Strom zu weiter. Endlich begann der Arzt von neuem.

„Sir Charles, ich bin ernstlich um Ihre Tochter besorgt.“

Der Oberst blieb überrascht stehen und blickte den Arzt groß an.

„Was soll das heißen, Doktor! Meine Tochter ist seit einigen ein wenig Unwohl. Sie hat Kopfschmerzen und fröstelt. Ich denke, es ist ein leichtes Übelbefinden, das sich in wenigen Tagen heben wird.“

Der Arzt preßte die Lippen zusammen.

„Sie können recht haben, Herr Oberst, aber Sie können auch unrecht haben. Ich möchte mich Ihnen nicht aufdrängen. Aber bei dem Interesse, das ich an Ihnen und Ihrer Familie nehme, hin ich um das Befinden der Dame ernstlich besorgt und würde sie sehr gern sehen und, wenn nötig, behandeln.“

Der Oberst blickte den Arzt hocherstaunt an.

„Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte deuten soll, Herr Doktor. Was um alles in der Welt befürchten Sie denn?“

Der Arzt blieb die Antwort geraume Zeit schuldig.

„Ich will keine unbegründeten Befürchtungen aussprechen,“ erwiderte er endlich. „Aber ich möchte das gnädige Fräulein sehen. Dann werde ich in der Lage sein, ein Urteil zu fällen.“

Wieder stockte das Gespräch für lange Minuten. Dann sagte der Oberst:

„Sie haben mich nun doch ernstlich beunruhigt. Ich werde nach unserer Ankunft im Hotel alles weitere veranlassen.“

* *

*

Nun stand Dr. Benari in dem halbdunklen Zimmer von Miß Eveline Howard. Er sah, wie das liebliche Gesicht von einer unnatürlichen Blässe bedeckt war. Er ergriff das zarte Handgelenk und zählte die matten Pulsschläge, während sein Blick der Wanderung des Sekundenzeigers folgte. Dr. Benari machte dabei eigenartige Empfindungen durch. Er hatte im Laufe seiner zehnjährigen Praxis an Tausenden von Krankenbetten gestanden. Er war es gewohnt, den kranken Menschen völlig leidenschaftslos als Objekt zu betrachten. Er war es gewohnt, seine Patienten wie die Figuren eines anatomischen Atlas zu besehen und mit geschärftem Blick jede Erscheinung des Leidens zu erfassen und zu zergliedern. Es konnte dem Doktor Benari wohl passieren, daß er am Schlusse solch einer Untersuchung nicht wußte, ob der Patient ein Mann oder eine Frau war, während er jede einzelne, auch die winzigste Erscheinung der Krankheit genau beobachtet hatte.

Nun mußte der Arzt ganz plötzlich die Entdeckung machen, daß ihm diese eiskalte, objektive wissenschaftliche Betrachtung hier nicht gelang. Hier sah er zum erstenmal an einem Krankenlager nicht irgendein Objekt, sondern ein lebendiges und leidendes Wesen, und zwar ein junges und liebreizendes Geschöpf, in dessen Nähe sein Herz schneller zu schlagen begann.

Als Miß Eveline jetzt für wenige Sekunden ihre schönen, aber ein wenig verschleierten, blauen Augen aufschlug, da dachte der Arzt nicht an Iris und Selera. Er dachte nicht daran, die Färbung der Konjunktiva zu studieren, sondern er fing den Blick dieser blauen Sterne nur mit den eigenen Augen auf und spürte ein tiefes Mitleid mit dem jungen, schönen Wesen. Dann tat der Doktor Benari noch etwas, was er bis jetzt an keinem Krankenbett getan hatte. Er nahm die schlanke, weiße Hand, deren Pulsschläge er eben noch gezählt hatte, zwischen seine beiden Hände und druckte und streichelte sie. Jetzt verließ er das halbdunkle Gemach. Aber er tat es mit dem Gefühl, als bliebe ein Teil seines Ichs in diesem Raume zurück, als ließe er all sein Sehnen und Hoffen in dieser dunklen Krankenstube.

Und dann saß der Arzt dem Obersten in dessen Wohnzimmer gegenüber und versuchte im hellen Lichte des Tages wieder der objektive und wissenschaftliche Mann zu sein, der er bisher gewesen war. Eindringlich sprach er auf den Engländer ein.

„Ich bin meiner Sache noch nicht ganz sicher, Sir Charles, vielleicht ist es wirklich nur eine leichte Sache. Meine mikroskopischen Untersuchungen geben noch keinen bestimmten Ansatz für ein schweres Fieber, obwohl die Resultate in mancher Hinsicht verdächtig sind. Vielleicht hat nur eine ganz leichte Infektion stattgefunden und die kräftige Natur Ihrer Tochter heilt sich selbst. Das wäre wohl denkbar und würde mit meinem Befunde übereinstimmen.“

Der Oberst atmete erleichtert auf.

„Dann, Herr Doktor, dürfen wir doch das beste hoffen und sind aller Sorge enthoben.“

Aber der Arzt schüttelte den Kopf dazu.

„Nein, Herr Oberst. Ich rate Ihnen ganz dringlich, verlassen Sie diesen Aufenthalt hier. Bringen Sie Ihre Tochter für einige Wochen in ein trockenes Wüstenklima. Das wird der beste Schutz sein und wird die Genesung herbeiführen. Ich warne Sie dringend, die Sache leicht zu nehmen.“

Der Oberst erhob sich von seinem Sessel und schritt ein paarmal durch das Zimmer.

„Was raten Sie mir also, Doktor? Wohin soll ich gehen?“ erwiderte er dann,

Der Arzt überlegte einen Augenblick.

Ich mache Ihnen einen Vorschlag,“ erwiderte er dann. „Sie wissen ja, daß mein Freund Gilbert reichlich Raum in seiner Behausung hat. Der sitzt augenblicklich ganz allein in seiner großen Villa in Komombo. Er hat uns alle wiederholt eingeladen und wird sich freuen, uns bei sich zu beherbergen. Das Klima ist dort das richtige. Gehen Sie dorthin oder noch richtiger, wir wollen zusammen hingehen.“

Der Oberst sträubte sich geraume Zeit gegen diesen Vorschlag. Aber Doktor Benari verstand es vorzüglich, seine Gründe vorzubringen. Er leitete überdies in der nächsten Stunde eine Depeschenkorrespondenz mit Georg Gilbert ein und konnte bereits am Abend dem Obersten eine warme um dringlich gehaltene Einladung Georg Gilberts vorlegen. Da den Vater die Sorge um sein Kind in Wirklichkeit weit mehr bedrückte, als er es äußerlich erkennen ließ, so gab er den Ratschlägen des Arztes schließlich nach.

Als der Morgen des nächsten Tages heraufkam, geleitete der Arzt die junge Engländerin vorsichtig über die Stufen und Wege vom Hotel zum Landungsplatz. Und so sorgfältig und behutsam wie heute hatte Doktor Benari noch niemals in seinem Leben einen Patienten betreut.

Schützend und stützend hatte er den rechten Arm um die Taille von Miß Eveline Howard gelegt und zärtlich, mit unendlicher Sorgfalt geleitete er sie in das Motorboot des Obersten und bettete sie dort unter einem Sonnensegel auf einem weichen Lager.

* *

*

Die Frau Geheimrat hatte an diesem Mittag, wie das schon des öfteren geschehen war, ohne die Gesellschaft ihres Gatten und ihrer Tochter dinieren müssen. Der Geheimrat und Marie steckten irgendwo bei irgendeinem alten Papyrus und hatten über dessen Studium, wie so manches Mal, die Zeit vollkommen vergessen. Zuerst wollte die Frau Geheimrat sich das Menü auf ihrem Zimmer servieren lassen. Aber dann beschloß sie doch, in den großen Speisesaal und an die Table d‘hote zu gehen. Wenn ihre Angehörigen sie hier vergaßen, so spürte sie darum noch keinerlei Verpflichtung, nun auch bei der Mahlzeit noch der Einsamkeit zu pflegen.

Bietet doch das stets wechselnde Publikum an einer solchen gemeinsamen Wirtstafel Material für allerlei interessante Beobachtungen und Bekanntschaften. Und so saß die Frau Geheimrat denn heute wieder an ihrem gewohnten Platz und betrachtete ihre Umgebung mit prüfendem Blick, während die Kellnerschar eben eine Schildkrötensuppe aufzutragen begann. Die Frau Geheimrat bemerkte die leeren Plätze des Obersten, seiner Tochter und des Doktor Benari, und sie erinnerte sich, daß der Zimmerkellner ihr mehrere Karten mit dem ominösen p.p.c.(6) gebracht hatte. Also waren diese Herrschaften auch mit einer gewissen Geschwindigkeit von der Bildfläche verschwunden, dachte die Frau Geheimrat bei sich.

In diesem Augenblick tauchte ein neues Paar auf und nahm die leeren Plätze gerade gegenüber der Frau Geheimrat ein. Ein hochgewachsener, breitschultriger Herr, etwa Ende der vierziger Jahre, der auch im Zivil den ehemaligen Offizier in der Haltung verriet, und eine Dame, die vielleicht die Mitte der Dreißiger eben überschritten hatte und offenbar die Gattin ihres Begleiters war.

Die Ankömmlinge nahmen mit einer kurzen Verbeugung Platz und die Frau Geheimrat konstatierte zunächst mit Befriedigung, daß sie ebenfalls Deutsch sprachen. Sie vernahm weiter, wie der servierende Kellner den Herrn als „Herr Hauptmann“ anredete und vermöchte bei der kurzen Entfernung den größten Teil der Unterredung der beiden zu verfolgen.

„Weißt du, Klara,“ sagte der Herr, nachdem er den ersten Löffel Suppe genommen hatte, „das hat deine brüderliche Liebe ja mal wieder sehr fein gemacht. Da beeilen wir uns, um aus dem Sudan rechtzeitig hierher zu kommen und lassen die besten Jagden im Stich. Und was finden wir hier? Nur ein simples Briefchen. Der edle Lord ist fort per Schiff nach Frankreich.“

Die Dame hatte den Worten des Hauptmannes ruhig zugehört.

„Na, so schlimm ist es nun doch am Ende nicht,“ sagte sie jetzt. „Erstens ist er nicht nach Frankreich, sondern nur nach Komombo gegangen, was kaum vierzig Kilometer von hier entfernt ist, Und zweitens hat er uns seinen Aufenthalt und die Gründe dafür ja sehr genau angegeben.“

Der Herr zuckte die Achseln.

„Gründe sind wohlfeil wie Brombeeren,“ rief er. „Was soll denn das heißen? Er ist genötigt eine ernstlich erkrankte Patientin auf einige Zeit zu begleiten. Seit wann ist dein Bruder denn so ein Docteur voyageur geworden, Ich denke, er ist nach Ägypten gegangen, um hier allerlei Studien zu treiben und auf das Bakterienviehzeug zu jagen, wie wir auf das edle Hochwild.“

Die Dame sah ihren Gemahl lächelnd an.

„Wir ist gut gesagt, mein Lieber. Du hast gejagt, und ich habe mehr oder weniger dabei gestanden und mich gottsträflich gelangweilt.“

Die Frau Geheimrat spürte bei diesen Worten eine lebhafte Sympathie für die Dame. Sie mußte an ihren Gemahl denken, der auch auf die Hieroglyphenjagd ging und sie allein ließ.

Inzwischen nahm das Gespräch an der anderen Seite des Tisches seinen Fortgang.

„Na jedenfalls,“ meinte der Herr Hauptmann, „steckt da irgend etwas dahinter. Wenn dein Bruder plötzlich seine Forschungen aufgibt und praktiziert und sogar Patientinnen begleitet, so muß das seine Gründe haben. Ich werde mich einmal ein wenig nach dieser kranken Dame erkundigen, die er da in die Behausung seines Freundes Gilbert mitgeschleppt hat. Es gibt ja verschiedenerlei Patientinnen. Recht bejahrte ehrwürdige Damen, die sich noch persönlich an die Befreiungskriege erinnern, und jene jungen hübschen Dinger.“

Die Dame mußte auf diese Äußerung lachen.

„Ich setzte von dem guten Geschmack meines Bruders natürlich voraus, daß er sich eine von der letztgenannten Sorte ausgesucht hat,“ sagte sie.

Auch die Geheimrätin hatte bei den Worten des Hauptmanns ein Lächeln nicht unterdrücken können, und ihre Blicke hatten sich mit denen ihres Gegenübers gekreuzt. Und wie es so geht, kam man schnell ins Gespräch und zu gegenseitiger Vorstellung.

„Ich kenne die junge Dame, welche Ihr Herr Bruder begleitet, in der Tat,“ sagte die Geheimrätin. „Es ist die zwanzigjährige Tochter Sir Charles Howards, und ich kann sie vollkommen beruhigen, Herr Hauptmann Gerlach,“ wandte sie sich an den Herrn. „Die Dame ist nicht nur jung, sondern auch recht hübsch. Die Erkrankung muß ziemlich plötzlich gekommen sein, denn Doktor Benari hatte ursprünglich die Absicht, Sie hier zu erwarten und hat zu mehreren Malen davon gesprochen.“

Der Hauptmann hielt es nun für geboten, ein wenig zurückhaltender mit seinen Äußerungen zu sein. Seine Frau aber, welche Dinge und Menschen mit wohlwollendem Verständnis beobachtete, konnte trotzdem nicht umhin, ihm auf die eine oder andere seiner Reden mit einer Erwiderung zu dienen.

„Nun sage einmal, Karl, um alles in der Welt, was willst du eigentlich? Dein Schwager ist doch schließlich kein kleines Kind mehr. Er ist seit zehn Jahren majorenn und Herr seiner Entschlüsse. Du kannst ihm doch wirklich keine Vorschriften machen, wohin und mit wem er reisen will.“

„Ja, aber,“ rief der Hauptmann, „Das ist doch keine Sache, so mir nichts dir nichts mit einem hübschen jungen Mädchen loszugehen.“

Jetzt aber setzte sich seine Frau in Positur.

„Erlaube einmal, mein Lieber. Der Vater ist doch auch noch dabei. Und schließlich, wenn das Mädel ihm gefällt und wenn er sie am Ende heiraten will, so wirst du diese Tatsache doch einfach hinnehmen und anerkennen müssen.“

Der Hauptmann zeigte ein maßloses Erstaunen und ließ die Hand mit der Gabel wieder auf den Tisch sinken.

„Was … was! Heiraten?“ sagte er völlig verblüfft.

„Ja, ja, mein Lieber, heiraten. So sagte ich,“ erwiderte ihm seine Gemahlin. „Du mußt nämlich wissen, daß die meisten Menschen, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, daran denken, sich zu verheiraten.“

„Unsinn!“ brummte der Hauptmann vor sich hin.

Aber seine Frau fuhr unentwegt fort: „Ganz und gar kein Unsinn, mein Lieber. Das ist nun mal im Leben so. Du wirst dich daran gewöhnen müssen, deinen Schwager allmählich als erwachsen zu betrachten. Du denkst immer noch an die Zeit, da wir uns kennen lernten und er mit kurzen Hosen in die Schule ging. Das ist aber jetzt rund fünfzehn Jahre her.“

Der Hauptmann fühlte, daß er in diesem Wortgefecht schwerlich Sieger bleiben würde. Und so lenkte er denn die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet hinüber.

„Meinetwegen mag dein Bruder machen, was er will,“ rief er. „Jedenfalls bin ich froh, daß man mal wieder unter zivilisierten Menschen ist. Ein halbes Jahr lang nur unter Somaliern und Sudanesen, das fällt schließlich doch auf die Nerven.“ Dann genoß der Herr Hauptmann Gerlach mit ersichtlicher Befriedigung die Freuden der Zivilisation, zu denen bekanntlich auch eine gute Tasse Mokka und eine dito Zigarre gehören. Die Frau Geheimrat kehrte mit mancherlei Gedanken und Empfindungen in ihre Räume zurück.

Marie Ewald war eifriger denn je mit ihrem Vater bei der Arbeit. Meisterhaft handhabte sie die photographische Kamera. Da war kein Stein, keine Säule und kein Sarkophag, die unphotographiert blieben. Wo immer die schreibseligen alten Ägypter ihre Sprüche und Bilder hingemalt hatten, da arbeitete jetzt nach so vielen tausend Jahren der photographische Apparat und zeichnete die Dinge noch einmal auf das Chlorsilberpapier.

Aber dem Geheimrat wollte es scheinen, als ob seine Tochter heute nicht so recht bei der Sache war. Wiederholt mußte er sie ermahnen, zur rechten Zeit den Deckel wieder auf das Objekt zu legen.

„Was machst du denn, Kind?“ rief er ihr zu. „Du hast ja schon dreißig Sekunden exponiert. Die Platte wird total verdorben sein.“

Erschreckt war Marie Ewald zusammengefahren und hatte Linse geschlossen und die Platte gegen eine andere umgewechselt.

Der Geheimrat war zwar ein großer Ägyptologe, aber mit seinen psychologischen Kenntnissen sah es weniger berühmt aus. Nicht einen Augenblick kam er auf den Gedanken, der Zerstreutheit seiner Tochter irgend welche tiefere Gründe beizumessen.

„Eine momentane Zerstreutheit,“ dachte er, „wie sie schließlich überall einmal passiert,“ und wandte seine eigene Aufmerksamkeit von neuem seiner Arbeit zu.

Er hatte eine Tafel vor, einen flachen Stein, der beinahe einen Meter im Quadrat maß und in gedrängter kleiner Schrift Zeile bei Zeile mit den alten Zeichen bedeckt war. Die Schriftzüge waren vertieft eingemeißelt, und der Geheimrat beschloß, die Oberfläche dieses Schriftsteines nach dem bekannten Verfahren zu klischieren, Er entnahm seinem Ranzen ein ganzes Bündel feiner Seidenpapierblätter, die auf einer Seite mit einem bestimmten Klebstoff bedeckt waren, machte eine Schale mit Wasser und allerlei Schwämme und weiche Bürsten und Griffel und Stifte zurecht,

Marie Ewald schob den photographischen Apparat zusammen und ging dann ihrem Vater bei der Vorbereitung der neuen Arbeit hilfreich zur Hand. Und endlich hatte der Geheimrat den ersten seinen Papierbogen gleichmäßig angefeuchtet. Er breitete ihn über den Stein aus und begann nun mit Bürsten und Hölzern das Papier in alle feinen Vertiefungen des Steines hineinzutreiben,

Marie wußte, daß solche Klischierung eine langweilige Arbeit war. Wohl ein Vierteltausend solcher feinen Papiere mußten übereinandergelegt und durch Klopfen und Bürsten bearbeitet werden, bis man endlich eine starke Pappe erhielt, die auf der einen Seite mit mikroskopischer Genauigkeit die Oberfläche des Steines wiedergab. Heute versuchte sie während dieser rein mechanischen Arbeit ein Gespräch mit ihrem Vater anzuknüpfen.

„Was meinst du, Väterchen, ist es wirklich berechtigt, die Insel Philae unter Wasser zu setzen und die herrlichen alten Bauwerke zu ruinieren, damit ein paar Tausend schmutzige Fellachen mehr Brot in Ägypten finden können?“

Der Geheimrat zuckte mit den Achseln, während er eifrig fortfuhr, das Papier mit der Bürste zu schlagen.

„Aber, liebes Kind, es ist doch selbstverständlich, daß das Unsinn ist. Der Herr Gilbert behauptet natürlich, daß er eine Kulturtat ersten Ranges verübt, wenn er Nilwasser in die Wüste pumpt. Ich denke, uns beiden sind die Schätze des Altertums wertvoller als diese neuen Kunststücke.“

Dann hielt der Geheimrat einen Augenblick in seiner Arbeit inne, um sich die Stirn zu trocknen. Denn es war wirklich anstrengend, in einer Sonnenglut von einigen fünfzig Graden das Klichee zu bearbeiten. Während er sich einen neuen Bogen herlangte, warf er einen Blick auf seine Tochter und konstatierte, daß sie traumverloren in die Ferne sah, daß ihre Blicke nicht wie sonst an seiner Arbeit hingen.

„Ja, es gilt zu retten, was noch zu retten ist, und die wertvollsten Stücke zu kopieren, bevor sie endgültig vernichtet werden,“ fuhr er fort und begann von neuem zu klopfen und zu bürsten.

„Ja, aber,“ sagte nun Marie, „gerade Herr Gilbert bringt doch allerlei recht sachliche Gründe für sein Unternehmen vor. Er behauptet, daß er das alte Ägypten wieder in vollem Glanze erstehen ließe. Daß das Land, wie wir es heute sehen, nur ein elendes Zerrbild aus der Zeit seiner Macht und Größe sei.“

Der Geheimrat warf einen erstaunten Blick von seiner Arbeit auf seine Tochter.

„Aber, liebes Kind, seit wann machst du dir denn die Anschauungen dieser … ich will nicht Banausen sagen … also sagen wir, dieser Techniken zu eigen. Das ist doch selbstverständlich, daß sie für ihre faule Sache auch fadenscheinige Gründe vorbringen.“

Seine Tochter schüttelte den Kopf.

„Ich mache mir die Gründe des Herrn Gilbert ganz und gar nicht zu eigen, Väterchen, Ich möchte ja nur deine Meinung darüber hören.“

Der Geheimrat legte wiederum einen neuen Bogen auf den Stein und begann ihn ingrimmig mit der Bürste zu bearbeiten.

„Meine Meinung willst du hören? Die will ich dir mit wenigen Worten klipp und klar sagen. Herr Gilbert vertritt die Interessen einer großen Maschinenfabrik. Und diese Interessen heißen einfach: so viele Maschinen wie irgend möglich zu verkaufen. Das kennt man ja seit langem. Wenn irgend ein Fabrikant den Somalis Hosenträger oder den Baschkiren Rasiermesser verkauft, hängt er der Geschichte irgend ein moralisches Mäntelchen um. In Wirklichkeit ist es den Herren Fabrikanten natürlich absolut und total egal, zu was die verkauften Sachen dienen. Die Hauptsache ist eben, daß sie verkauft werden und daß das Geld dafür prompt eingeht und auf das Gewinnkonto verbucht werden kann.“

Der Geheimrat schwieg. Aber er hatte sich ordentlich in eine Empörung hineingeredet und klopfte mit der Bürste, als ob er den alten Schriftstein zerschlagen wolle.

Marie schwieg eine Weile.

„Ich kann mir nicht denken, daß du recht hast, Väterchen,“ erwiderte sie endlich. „Ich kann mir nicht denken, daß alle die Gründe, die gerade Herr Gilbert so überzeugend vorzutragen wußte, reine Heuchelei sind. Ich bin ja überzeugt, daß er in der Sache unrecht hat, daß diese ganzen sogenannten neuen Errungenschaften höchst überflüssig und schädlich sind. Aber ich kann nicht glauben, daß er absichtlich und wissentlich lügt, daß er Dinge vormacht, an die er selber nicht glaubt.“

Der Geheimrat brummte allerlei Unverständliches vor sich hin und ließ seinen Ärger an dem Stein und der Bürste aus,

Marie Ewald aber hub von neuem an:

„Ich bin diesem Herrn Gilbert wirklich keine Antwort schuldig geblieben. Ich habe ihm bei jeder Gelegenheit meinen Standpunkt präzisiert, daß ich seine ganze Bauerei für eine recht unangebrachte Barbarei halte. Aber von dir wollte ich hören, ob sein Unternehmen nicht doch eine Spur von Berechtigung hat.“

Der Geheimrat ließ einige Zeit verstreichen, bevor er sich zu einer Antwort entschloß.

„Ich kenne Herrn Gilbert zu wenig, um ein Urteil über ihn zu fällen. Und ich kannte seinen verstorbenen Vater zu genau, als daß ich ohne die triftigsten Gründe ein ungünstiges Urteil über den Sohn fällen möchte. Aber eins ist sicher. Die Mehrzahl aller dieser sogenannten Kulturförderer pfeift im Stillen auf alle Kultur und verehrt lediglich den Geldbeutel. Es mag mit Gilbert anders sein. Vielleicht! Ich weiß es nicht. Aber so mancher von diesen Herrschaften lacht im Inneren, während er dir mit ernster Miene und poetischem Schwung seine kulturellen Ideale aufzählt.“

„Du gibst aber doch zu,“ rief Marie Ewald, „daß Herr Gilbert an die hohen Ziele und Aufgaben glaubt, die er hier proklamiert hat, daß er wirklich meint, dem Wohle des Landes mit seinen Anlagen und Bauten zu dienen.“

„Möglich ist alles!“ brummte der Geheimrat. „Daß er in der Sache nicht recht hat, ist jedenfalls außer allem Zweifel. Stelle dir vor, daß jemand das alte Forum Romanum in Rom von alten Altertümern reinigt und dafür etwa einen modernen Warenhauspalast oder meinetwegen auch ein großes Krankenhaus hinbaut. Du wirst doch nicht einen Moment darüber in Zweifel sein, daß ein solches Unternehmen eine ganz grobe Barbarei ist.“

Der Geheimrat hatte während dieser Worte den letzten Bogen aufgelegt und die ganze Papiermasse, die noch leicht feucht war, mit einem Hammer bearbeitet. Jetzt packte er einige Steine darauf, um die Masse festzuhalten und trocknen zu lassen. Dann wischte er sich tief aufatmend die Stirn und ließ sich selber auf einen Stein nieder.

„Nun jage einmal, Väterchen,“ begann Marie Ewald von neuem, „Herr Gilbert behauptet, daß das ganze Land in seiner Blütezeit viel größer und fruchtbarer als heute gewesen sei. Er behauptet, daß die Wüste erst in den Zeiten des Verfalles bis dicht an den Strom gerückt sei. Er behauptet daß König Ramses über den heutigen Zustand des Landes erschrecken würde. Wie ist das? Weißt du Genaueres über die frühere Ausdehnung des Reiches?“

Der Geheimrat schnitt ein höchst mißmutiges Gesicht.

„Du hast dich ja auffallend mit den Originalansichten dieses Herrn Gilbert vertraut gemacht,“ sagte er. „Woher will denn der Mensch, der eine Hieroglyphe nicht von einem Skarabäus unterscheiden kann, das wissen.“

„Woher er seine Kenntnisse hat, weiß ich natürlich nicht,“ warf Marie ein. „Ich will ja auch nur wissen, ob seine Meinung stimmt oder nicht.“

Der Geheimrat schnitt ein Gesicht, als ob er einen sehr sauren Wein trinken solle.

„Die wissenschaftliche Ehrlichkeit erfordert es, bei dieser Auskunft nichts zu verschweigen und nichts hinwegzusetzen, wie es so in der bekannten Eidesformel so schön heißt,“ erwiderte er. „Es ist in der Tat richtig. Zur Blütezeit des Landes sind reichlich zweimal so große Flächen unter dem Pfluge gewesen wie heute. Darüber kann nach den ausführlichen Berichten gar kein Zweifel bestehen. Aber damals waren eben die geologischen und klimatischen Verhältnisse andere als heute. Afrika ist in früheren Jahren überhaupt sehr viel wasserreicher gewesen. Es ist von Jahrhundert zu Jahrhundert trockner geworden …“

Der Geheimrat schwieg eine Weile sinnend.

… „Und das ist vielleicht unser Glück gewesen,“ fuhr er fort „Denn in einem feuchten fruchtbaren Klima hätten sich die Altertümer wahrscheinlich nicht halb so gut erhalten wie in der Wüste. Wenn hier erst wieder feuchte Lüfte wehen werden, wenn dazu allerlei Dampfmaschinen Ihren schwefligen Rauch in die Atmosphäre speien werden, dann wird manches alte Bauwerk daran glauben müssen. Aber jetzt ist unser Klischee trocken und es wird Abend. Wir wollen heimkehren.“

Der Geheimrat räumte die Steine fort und begann mit unendlicher Sorgfalt die trockene Pappe von der Platte abzuheben. Befriedigt betrachtete er sein Werk. In der Tat zeigte die Papptafel auf der einen Seite die Schriftzüge des Steines in wunderbarer Genauigkeit und Feinheit.

„Siehst du, Marie,“ sagte er, während er sich seinen Ranzen umhängte und die große Tafel zusammenrollte, „in Berlin werde ich das Klischee mit Zement ausgießen. Dann habe ich den Stein da so genau in meinem Hause, als ob ich ihn selber mitgeschleppt hätte. Es ist manchmal doch etwas ganz schönes um die Errungenschaften der Technik. Man muß sie nur an der richtigen Stelle und zu guten Zwecken benutzten.“

Aber Marie achtete nicht auf die Worte ihres Vaters. Während sie an seiner Seite dem Hotel zuschritt, wirbelten ihre Gedanken wild durcheinander.

Also Georg Gilbert hatte doch recht. Es hatte eine Zeit gegeben, da dieses alte Kulturland unter mächtigen Königen sehr viel größer und furchtbarer war als heute. In schlechten Zeiten war das Land arm und klein geworden. Und nun kamen die Ingenieure und brachten die allen goldenen Zeiten wieder. Sie sandten die fruchtbaren Wasser in die tote Wüste und webten einen grünen Pflanzenteppich, der von den Ufern des heiligen Stromes viele Meilen weit bis zu den Kämmen der Berge in blauer Ferne reichte

Die Gedanken von Marie Ewald begannen ein wildes Spiel zu treiben. Sie sah im Geiste jene fernen Berge mit dunklen Wäldern bedeckt. Sie sah die Pyramiden und Sphinxe nicht mehr in der trostlosen öden Wüste, sondern in grünen Gärten liegen. Und Zweifel stiegen ihr auf, ob das Bild des heutigen Ägypten denn wirklich das schöne Ideal sei, für das sie es Bisher angesehen. Sie fragte sich, ob die alten mächtigen und reichen Könige wirklich ihre Prunkbauten in die Wüste gesetzt hatten. Und dann spürte sie, wie ihre alten Anschauungen ins Wanken gerieten, wie sie die Arbeiten dieses Ingenieurs mit ganz anderen Augen zu betrachten begann. Sie erinnerte sich einer Unterredung, die sie mit ihm an der Tafel gehabt hatte. Da hatte er auf eine ihrer absprechenden Behauptungen sehr ruhig erwidert:

„Mein liebes gnädiges Fräulein. Ich will viel lieber Neuland erobern, neue Lebensmöglichkeiten schaffen, und die alten goldenen Zeiten des Landes wieder heraufführen, als hier alte Steinhaufen und vertrocknete Mumien bewachen.“

Und jetzt empfand Marie Ewald, daß dieser Ausspruch, den sie damals als höchst verwerflich sehr pikiert zurückgewiesen hatte, doch seine Berechtigung besaß. Sie begann diesen jungen Ingenieur, der jetzt fern von ihr bei seiner Arbeit weilte, als einen Kulturträger, als den Pionier einer neuen Epoche anzusehen.

Na, mein Kind, was träumst du denn heute eigentlich zusammen,“ rief sie der Geheimrat an, als sie bis zur Überfahrtsstelle nach der Insel Elephantine gekommen waren.

„Und wie aus tiefen Träumen fuhr Marie wirklich empor und stieg in das Fährboot. Ihre Gedanken waren heute in Bewegung geraten und wollten auch während der ganzen Nacht nicht zur Ruhe kommen. Es schien ihr, als wäre alles das, was sie bisher getrieben hatte, ziemlich schal und zwecklos. Als habe das Leben nach andere Aufgaben, als alte Schnarteken(7) und Knochen zu sammeln. Und als der Träger solcher neuen und wertvolleren Aufgaben trat immer wieder Georg Gilbert vor ihr geistiges Auge. Die Nacht war zum größten Teil vorüber, als sie endlich Ruhe fand und in einen tiefen und traumlosen Schlummer verfiel.

* *

*

Die Tage des ägyptischen Hochsommers gingen dahin und wuchsen zu Wochen zusammen.

Von Doktor Benari war wiederholte Nachricht an seine Schwester gekommen. Er schrieb, daß ihnen das Leben in ständiger Arbeit dahinflösse. Merkwürdig kurz waren seine Mitteilungen über Sir Charles Howard und dessen Tochter. Desto ausführlicher verweilte er bei den Arbeiten von Georg Gilbert und berichtete über den stetigen und erfreulichen Fortgang der großartigen Bauten.

Und des öfteren schrieb auch der Ingenieur selber einige Zeilen unter diese Karten und Briefe. Niemals unterließ er es dann, seine Empfehlungen auch an die Familie Ewald zusprechen und dem Wunsche Ausdruck zu geben, bald alle Bekannten aus Assuan in Komombo begrüßen zu können.

Aber einstweilen blieben das fromme Wünsche. Der Hauptmann Gerlach spürte das Verlangen, sich erst einmal einige Zeit von den Strapazen seiner großen Jagdreise zu erholen. Der Herr Hauptmann widmete sich den Diners und Soupers des Hotels mit einem hingebenden Eifer, der seine Gemahlin zu mancherlei nicht eben unzutreffenden Bemerkungen veranlaßte.

„Es ist gräßlich mit dir, mein Lieber,“ sagte sie öfter als einmal. „Nun hast du im wilden Afrika bei Reis und Huhn und Huhn und Reis endlich wieder eine einigermaßen anständige Figur bekommen und jetzt setzt du dich hier hin und machst eine richtige Mastkur durch.“

Aber der Hauptmann schmunzelte nur auf solche Vorwürfe.

„Altes nur Kummerspeck, liebe Klara,“ erwiderte er dann. Und von dem nächsten Gericht nahm er doch wieder eine Portion, von der, wie seine Frau behauptete, eine schlesische Weberfamilie mit sieben Kindern hätte sieben Wochen gut leben können.

Nach den Maßzeiten aber zog sich der Hauptmann zu seinen Sammlungen zurück. Er hatte in der Tat einen stattlichen Besitzstand von allerlei Gehörnen und Fellen, von Jagdtrophäen der mannigfachsten Art mitgebracht und sorgte dafür, daß diese Dinge jetzt für einen ordnungsmäßigen überseeischen Versand zurecht gemacht wurden. Stundenlang war er dabei, irgendein Fell mit Arsenikpulver zu präparieren oder irgendein Gehörn mit hundert Papieren zu umwickeln.

So kam es, daß Frau Hauptmann Gerlach geborene Benari nicht eben viel von dem ihr angetrauten Ehegemahl hatte. Es gab viele Stunden, in denen sie auf sich selber angewiesen war. Nicht viel anders erging es der Frau Geheimrat Ewald. Sie empfand es im Laufe der Tage immer mehr, daß sie hier an den Ufern des Niles recht wenig am rechten Platze war. Ihr Gatte und ihre Tochter hatten nur Interesse für die alten Wunder des Landes, für die Überreste vergangener Jahrtausende.

Wo die Frau Geheimrat die unangenehmen Erscheinungen einer kleinen Gegenwart, den Schmutz, Unrat und Betrug der gegenwärtigen Generation sah, da erblickten diese beiden nur den goldenen Schimmer einer großen Vergangenheit. Jeden Morgen zogen sie mit Kamera und Klischierapparat auf Beute aus und kamen gewöhnlich erst am Abend zurück.

Und was das alles kostete. Die Frau Geheimrat überdachte es bisweilen mit stillem Schauern. Für irgendeinen gräßlichen alten Papyrus zahlte der Geheimrat die blanken Goldstücke reihenweis auf den Tisch.

Und die Ewalds waren nicht eben reich. Wohl hatte die Frau Geheimrat ihrem Manne ein ganz hübsches Vermögen zugebracht. Aber die langen kargen Jahre seines Privatdozententums hatten daran gezehrt. Die Zeiten seiner außerordentlichen Professur hatten auch noch gekostet, dann waren die Kinder da, die auch ihre Ansprüche stellten.

Voller Sorge überschlug die Frau Geheimrat den Stand der Dinge. Ihre älteste Tochter Marie war jetzt 23 Jahre alt. Ein schönes blühendes Mädchen. Das mußte ihr der Neid lassen. Dazu weit über den Durchschnitt gebildet. Aber eine Erbin war sie einmal nicht. Auch waren noch zwei jüngere Knaben vorhanden, die jetzt in einer Pension in Berlin steckten, und die einmal studieren wollten und sollten. Das alles kostete Geld und nochmals Geld.

Obwohl die Frau Geheimrat niemals Latein gelernt und niemals die Verse des Quintus Horatius Flaccus gelesen hatte, ging ihr doch der Sinn jener alten Strophe durch den Kopf: Genieße den jetzigen Tag, erwarte vom nächsten nicht viel. Das Endergebnis solcher Überlegungen gipfelte stets darin, daß die Frau Geheimrat zu dem Wunsch kam, ihre Tochter möchte recht bald eine recht gute und glückliche Partie machen. Aber die Aussichten dafür waren nicht eben vielversprechend.

Marie Ewald lebte nur ihrer Wissenschaft. Sie trug im Umgang mit Männern ein wenig allzu stark das Selbstbewußtsein der studierten Frau zutage. Und wagte ja einmal einer, trotz alledem die Augen zu ihr aufzuheben und ihr näherzutreten, so wurde sie geradezu unausstehlich. Stachlig wie ein Igel pflegte die Frau Geheimrat zu sagen. Die Mutter betrachtete diese Entwickelung recht besorgt.

Nun führte der Zufall sie mit der Frau Hauptmann Gerlach näher zusammen. Beide Damen waren tagelang auf sich selber angewiesen und unter solchen Verhältnissen wird die Unterhaltung wohl vertrauter, es wird manches ausgesprochen, was sonst verborgen bliebe. So ging es auch an diesem Nachmittag.

„Ich verstehe Ihre Sorgen sehr wohl,“ sagte Frau Gerlach, welche Dinge dieses Lebens sehr wohlwollend aber auch sehr nüchtern betrachtete. Aber ich teile Ihre trübselige Auffassung der Dinge noch nicht. Ihre Tochter ist noch jung und sie macht mir wirklich nicht den Eindruck, als ob sie dazu prädestiniert sei, als alte Jungfer zu sterben. Lassen Sie nur den Rechten kommen, und das Blättchen wird sich überraschend schnell wenden.“

Die Frau Geheimrat seufzte.

„Sie wissen nicht, Frau Hauptmann, wie unausstehlich Marie sein kann. Ich bin ja mancherlei von ihr gewöhnt. Aber den Freund Ihres Bruders, den Ingenieur Gilbert, hat sie geradezu abscheulich behandelt. Es war wirklich schon nicht mehr mit anzusehen.

Die Frau Hauptmann lächelte ein leises kaum merkliches Lächeln.

„Wie hat denn der Ingenieur diese Behandlung aufgenommen?“

„Erstaunlich gut,“ rief Frau Ewald, „Er hat sie ausgelacht, wenn sie allzu grantig wurde und er hat auf alle ihre Pikiertheiten und bizarren Behauptungen mit wohlwollender und höflicher Ausführlichkeit geantwortet.“

Wieder lächelte Frau Gerlach.

„Ich will Ihnen was sagen, meine liebe Frau Geheimrat,“ sagte sie dann, „Ich würde es für sehr nützlich halten, wenn wir uns die beiden Patienten mal aus der Nähe betrachteten und sie eventuell näher zusammenbrächten. Ein ganz klein wenig verstehe ich mich auf solche Scherze auch.“

Die Frau Geheimrat blickte ungläubig auf.

„Damit die ewigen Wortgefechte und Nörgeleien von neuem losgehen. Ich sage Ihnen, ein Genuß ist das wirklich nicht.“

Aber Frau Gerlach schüttelte nur vergnügt ihr weises Haupt.

„Abwarten und Tee trinken,“ meinte sie und rauschte dann aus dem Zimmer hinaus, um ihren ungebärdigen Gemahl ein wenig zu Überwachen.

* *

*

Nach dem Souper traf Frau Hauptmann Gerlach wieder mit Frau Ewald zusammen.

„Wo ist denn das gnädige Fräulein?“ fragte sie interessiert.

„Meine Tochter hat sich zurückgezogen. Sie klagte über Kopfschmerzen und wollte nicht mit auf die Veranda kommen.“

„Das ist nicht gut, Frau Geheimrat, man soll eigensinnige Kinder mit ihrer Verbocktheit nicht zu lange allein lassen,“ erwiderte Frau Gerlach. „Wir wollen der kleinen Widerspenstigen einmal einen Kondolenzbesuch machen.“

„Sie wird unausstehlich sein,“ seufzte die Frau Geheimrat.

Aber Frau Gerlach lachte nur.

„Das wird sich finden. Übrigens Karl,“ rief sie und warf ihrem Gemahl einen Löwenbändigerblick zu, „gehe gefälligst in meiner Abwesenheit mit dem Wein von Konstantine ein wenig vorsichtig um. Du weißt, der Mensch soll nicht mehr trinken, als in ihn hineingeht.“

„Ja doch, ja doch,“ brummte der Herr Gemahl. Die Frau Hauptmann aber schritt mit der Mutter Mariens davon.

Marie lag im nur matterleuchteten Zimmer auf der Chaiselongue ausgestreckt, Sie hatte die schweren braunen Flechten gelöst und eine Kompresse auf die Stirn gelegt.

Widerwillig sah sie auf, als der Besuch eintrat.

Aber Frau Hauptmann Gerlach ließ sich durch solche Kleinigkeiten nicht abschrecken.

„Nun, mein liebes Fräulein,“ begann sie sehr harmlos, „ist die Sache so schlimm? Da werden wir die gemeinsame Fahrt nach Komombo wohl verschieben müssen? Schade darum. Wir sind wiederum dringend eingeladen worden!“

Marie schwieg einige Minuten.

„Mir ist alles gleich,“ sagte sie endlich.

Die Frau Hauptmann trat näher.

„Ja, was haben Sie denn eigentlich, Kind? Ich denke, Sie sind ein kräftiges junges Mädchen und nun finde ich Sie hier ganz Invalide.“

Marie richtete sich ein wenig auf.

„Es ist wohl nicht so schlimm. Heute mittag etwas viel Sonne und der ewige Lärm dazu, das hat mich etwas angegriffen.“

Frau Hauptmann Gerlach warf einen prüfenden Blick auf die junge Dame.

„Nun, auf einige Tage kommt es schließlich nicht an,“ sagte sie dann. „Die Leute in Wadi-Kom-Ombo(8) können uns am Ende entbehren. Da ist ja ganz nette Gesellschaft. Da ist ja Sir Charles Howard mit seiner Tochter.“

„Ach die!“ knurrte Marie unwillig

„Ein recht nettes und hübsches junges Mädel,“ fuhr Frau Gerlach unbeirrt fort.

„So, die Ansichten darüber sind jedenfalls nicht ungeteilt,“ stieß Marie unwillig hervor.

Wieder trat auf das Gesicht der Frau Hauptmann jetzt stille und vielsagende Lächeln. Aber unbeirrt fuhr sie fort.

„Gott, dem armen Kerl, dem Gilbert ist ein wenig Geselligkeit schließlich zu gönnen. Mein Bruder schreibt mir, daß er den ganzen Tag mit schweren Maschinen und widerspenstigen Fellachen zu tun hat. Da ist ihm eine anmutige und zerstreuende Gesellschaft wohl zu gönnen.“

Marie Ewald warf der Frau Hauptmann einen prüfenden Blick zu.

„Sie kennen die Dame wohl nicht persönlich,“ fragte sie kurz. Die Frau Hauptmann aber konstatierte, daß die Kompresse weggerutscht war, und daß Marie Ewald keine Anstalten traf, sie wieder aufzuheben.

„Ich kenne die junge Dame noch nicht persönlich, mein liebes Fräulein, aber ich habe viel Gutes von ihr gehört. Besonders wurde mir ihr liebenswürdiges und umgängliches Benehmen gelobt. Man sagte mir, daß auf ihrem ganzen Wesen eine gewisse Charme ruhe …“

Jetzt fuhr Marie Ewald mit einem Ruck in die Höhe und saß aufrecht auf der Chaiselongue. Von dem Kopfschmerz schien sie augenblicklich nichts zu fühlen.

„Ich bin anderer Meinung,“ stieß sie hervor. „Ich halte das für ein berechnetes Getue, ja für die reine Koketterie.“

Die Frau Hauptmann Gerlach hatte das mit Herren Gottlieb Schulze gemeinsam, daß sie bisweilen einmal, wenn auch selten ein kräftiges Berliner Wörtlein redete. Und so sagte sie jetzt zu sich selber:

„Ih! Sieh mal, mein Kind! Kukst de aus die Luke. Also eifersüchtig … —“

Laut aber fuhr sie fort:

„Ich werde mir mein Urteil natürlich erst bilden können, wenn ich die junge Dame sehe. Zu dem Zweck wollen wir ja recht bald einen Abstecher nach Komombo machen. Ich will meinen Bruder wiedersehen und dann auch diesen Freund von ihm kennen lernen. Das soll ja ein ziemlich nüchterner Zeitgenosse sein, der an den Herrlichkeiten des Landes vorübergeht und nur an alten Maschinenteilen Interesse hat. Der geeignete Umgang für meinen Bruder scheint er mir gerade nicht zu sein.“

Jetzt richtete sich Marie Ewald gänzlich auf und setzte die Füße auf den Teppich.

„Ich glaube, gnädige Frau, diesem Ingenieur tun Sie unrecht,“ rief sie. „Ich habe ihn doch näher kennengelernt. Gewiß, er betreibt das prosaische Geschäft eines Maschinenbauers. Aber er hat doch große Ziele. Er will dem Lande die alte Fruchtbarkeit und Herrlichkeit wiedergeben, die es vor langen Zeiten einmal besessen hat.“

„Nun,“ meinte Frau Gerlach leichthin, „das werden wir ja alles an Ort und Stelle kennen lernen. Aber wie ist es denn nun mit Ihnen, mein liebes Fräulein? Wollen Sie nicht aufstehen und mit auf die Terrasse kommen? Ihr Kopfweh ist wohl etwas besser geworden?“

Und diese Besserung war in der Tat eingetreten. Eine halbe Stunde später kam Marie Ewald in Begleitung der beiden Frauen auf die Terrasse, und sie kamen nicht zu spät, denn Frau Gerlach sah sich sofort genötigt, ihrem Ehegespons den Wein fortzurücken und ihm einen Vortrag über die Vorzüge eines guten Mineralwassers zu halten.

Die Frau Geheimrat aber wunderte sich im stillen darüber, wie ihre neue Freundin mit den Menschen umzugehen und fertig zu werden verstand. Sie hatte es niemals für möglich gehalten, daß ihre Tochter an diesem Abend noch unter die Leute gehen und daß der Hauptmann gutwillig die eben angebrochene Flasche aufgeben würde.

 

Fünftes Kapitel.

Der Reisende, der bis Wadi-Kom-Ombo das Nilufer entlangschreitet, findet neben uralten ägyptischen Bauwerken auch mancherlei recht Modernes. Da kommt aus dem Nilstrome ein eigenartiges Bauwerk. Ein mächtiges großes Rohr aus eisenhartem Zementbeton taucht wie ein gigantischer Elephantenrücken aus den Fluten empor und kriecht über das Ufer, um dann im Sande zu verschwinden.

Kaum hundert Meter entfernt erhebt sich ein rotes Gebäude, welches verwunderlich von den alten Tempeln absticht. Ein lustiger Riese scheint sich einen Spaß gemacht zu haben, scheint mitten in die modernen Industriezentren hineingegriffen zu haben und eines der neumodischen Maschinenhäuser in diese altertümliche Landschaft gesetzt zu haben. Das ist das große Pumpwerk von Wadi-Kom-Ombo, das die fruchtbringenden Nilfluten in unendlichen Mengen aufsaugt und weithin in das Land ergießt.

An jenem Junitage herrschte dort reges Leben und Treiben. Ein Frachtdampfer hob seinen glänzendschwarz und brennend rot gestrichenen eisernen Rumpf vom Gelb der Landschaft und vom Blau des Himmels ab. Hunderte von braunen Arbeitern schwärmten wie die Ameisen am Ufer neben dem Dampfer und im blendend weißen Tropenanzug stand Georg Gilbert unter ihnen.

Vom Ufer bis zum Maschinenhaus war eine Bahn aus mächtigen Eichenbohlen gelegt, und allerlei Rundhölzer und Brechstangen lagen daneben im Sande.

„Ein Stück noch, Kapitän!“ rief der Ingenieur dem Schiffsführer zu.

„Yes Mr. Gilbert. Ein Stück noch, und das ist verdammt schwer.“

„Zweihundert Tonnen, Kapitän; sehen Sie sich mit Ihrer Winde vor, damit wir es glücklich herunterbekommen.“

„Wird schon gehen, meine Ketten halten,“ brummte der Kapitän.

Und dann begann eine Dampfwinde knarrend und quietschend zu arbeiten. Klappernd rollte die Kette über die Blöcke eines mächtigen Flaschenzuges. Dann tauchte es wie ein schwarzgrauer Berg aus der offenen Deckluke auf. Das mächtige Gehäuse einer zweitausendpferdigen Kreiselpumpe hing schwer und massig an den Ketten des Ladebaumes. Langsam schwenkte der Baum mit seiner Last vom Schiff zum Ufer hin.

Geschäftig schoben die braunen Arbeiter große Rundhölzer auf jene Stelle der Bohlenbahn, wo die Last herunterkommen sollte, und legten Längsbalken darauf. Und dann ging die Dampfwinde wieder an und begann die ungeheure Last langsam abzusenken. Gespannt verfolgten hunderte von Augen den Vorgang. Stand dieser letzte Teil erst sicher auf festem Boden, so war alles für den Erweiterungsbau notwendige glücklich am Lande. Meter um Meter senkte sich die Last. Jetzt war sie nur noch um etwa doppelte Mannshöhe vom Bohlenweg entfernt.

Da plötzlich drang ein Ton durch die Luft, als ob eine riesenhafte Violinsaite angerissen würde. Und dann fiel das mächtige Stück schwer und massig auf die Bohlenlage und schlug dort mit ungeheurem Krach auf.

Der Frachtdampfer aber, von der einseitigen Last befreit, schlingerte mehrere Male kräftig hin und her und warf weißschaumige Wellen an den Strand.

Entsetzt sprang Gisbert an das Stück heran, welches die Bohlen in seinem Falle wie dünne Brettchen zerknickt und zerschlagen hatte. Ein Blick zeigte ihm, was geschehen war. Die Kette, mit welcher die Last am Kranhaken befestigt hing, war an einer schlechten Stelle zersprungen. Das abgefallene Stück aber zeigte in der großen Fundamentplatte einen bösen, gerade durch die Mitte laufenden Sprung.

Der Kapitän kratzte sich nachdenklich hinter dem rechten Ohr.

„Dunner Schlag,“ brummte er, „dat het ick nicht glöwt, dat die Kett‘ reißen würd‘.“

Georg Gilbert warf ihm einen mordlustigen Blick zu. Er hätte diesen Kapitän auf der Stelle totschlagen können. Der Bruch da in dem Hauptstück bedeutete für ihn eine Verzögerung seiner Arbeiten um ein rundes halbes Jahr, bedeutete einen Geldverlust von vielen Hunderttausenden. Er hätte den Kapitän wirklich auf der Stelle ermorden mögen. Aber dann machte er sich selbst schwere Vorwürfe. Er war schließlich Ingenieur und verantwortlicher Leiter dieser Bauten. Er hätte dem Kapitän einfach nicht glauben sollen. Ketten sind überhaupt immer eine unsichere Sache, Er hätte seine bewährten, armstarken Taue aus Kokosfasern benutzen sollen.

Das alles sagte sich Georg Gilbert, und dann begann sein Geist zu arbeiten. Was sollte er tun? Das Stück sofort wieder einladen und zur Reparatur nach Europa zurückzuschicken? Zweckloses Beginnen! Da war es richtiger, er bestellte telegraphisch ein neues.

Während der schuldbewußte Kapitän sein Schiff zur Abfahrt klar machte, disponierte Georg Gilbert die Arbeiten für die nächsten Monate. Die Dampfmaschinen konnte er immer aufstellen. Dann konnten seine Leute an die Erweiterung des Rohrnetzes, an die Erbauung jener gewaltigen Betonkanäle gehen, in denen ganze Schiffe fahren können.

„So wird es gehen,“ murmelte der Ingenieur vor sich hin, während er seinem Wohnhause zuschritt.

* *

*

Ein besonderes Ereignis unterbrach die Einsamkeit Georg Gilberts. Sein Freund Benari bat ihn um kurze Gastfreundschaft für sich, und die beiden Howards, Dr. Benari schrieb, daß der Zustand der jungen Engländerin ihm schwere Sorge mache, und daß ein kurzer Kuraufenthalt in dem Klima von Komombo das beste Mittel wäre. Und Georg Gilbert hatte mehr als einen Grund, dem Wunsche seines Freundes zu entsprechen. Er empfand lebhaftes Mitgefühl mit dem Leiden der jungen Engländerin. Er war erfreut, ein wenig Besuch in seine Einsamkeit zu bekommen, und endlich war es ihm gar nicht unlieb, mit dem englischen Obersten, der ja zur Bauverwaltung des Landes gehörte, engere Fühlung zu gewinnen.

So hatte Georg Gilbert denn eine dringend und herzlich gehaltene Einladung an Sir Charles gesandt, und seit mehreren Tagen weilten die Engländer bei ihm zu Gaste.

Aber sehr bald mußte er die Erfahrung machen, daß der Besuch ihm die gewünschte Geselligkeit nicht brachte. Miß Eveline Howard lag Tag und Nacht fest und zeigte alle Spuren eines schleichenden Leidens. Der Doktor Benari und ihr Vater weilten stundenlang an ihrem Lager. Und dann hatte der Oberst eine umfangreiche Korrespondenz mit den zahlreichen Verwaltungsstellen des Landes zu führen. Wenigstens jeden Tag einmal legte ein schlankes, schnelles Motorboot der Regierung an der Landungsstelle an und brachte oder holte die Post des Obersten.

So blieben eigentlich nur die Mahlzeiten, an denen die drei Herren sich trafen. Und gelegentlich einmal ein Plauderstündchen zwischen Georg Gilbert und dem Arzte, der von Tag zu Tag ernster und schweigsamer wurde.

Es hatte ein jeder seine Sorgen. Dem Ingenieur ging seine Bauarbeit, ging die unwillkommene Verzögerung durch den Kopf. Und der Arzt überlegte alle Möglichkeiten einer Heilung

Georg Gilbert fand ihn jeden Morgen über mikroskopische Untersuchungen sitzend und fand, daß der einst so redselige und heitere Doktor auch ein recht schlechter Gesellschafter sein könne. Der Ingenieur kam zu der Einsicht, daß es nicht immer wohlgetan ist, ein Landhaus zu einem Lazarett herzugeben.

* *

*

Acht Tage waren seit jener Katastrophe, seit dem Bruch der großen Maschine, ins Land gegangen. Nach den neuen Dispositionen wurde rastlos geschafft. Vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang war Georg Gilbert hinter seinen Leuten her. Bald stand er im Maschinenhause, wo sich die neue Dampfmaschine unter der Leitung eines europäischen Monteurs auf den Fundamenten zu erheben begann. Bald wieder ritt er auf seinem Shetlandpony meilenweit durch die sandige Wüste und verfolgte den Werdegang der großen Kanäle.

Jetzt eben stand er wieder nachdenklich vor jenem verunglückten Stück, das da immer noch auf den Bohlen lag, gerade da, wo es vor einer Woche niedergestürzt war. Der Ingenieur hatte das Stück beinahe jeden Tag betrachtet. Wohl hatte er längst ein Ersatzstück bestellt. Aber immer wieder kam ihm die Idee, ob es nicht auf irgendeine Weise möglich sei, diesen gebrochenen Teil zu flicken, zu benutzen und dadurch Monate zu gewinnen.

Auch jetzt stand er wieder, in solchen Gedanken versunken, vor dem Torso. Plötzlich fuhr er zusammen. In jenem unverfälschten Berliner Dialekt, den er vom Damm von Assuan her noch in der Erinnerung hatte, drangen Worte an sein Ohr.

„Ein verfluchter Riß, Herr Gilbert, mitten durch die Fundamentplatte, den Heuochsen möchte ich kennen, der das besorgt hat.“

Georg Gilbert drehte sich befremdet um. Das war ja dieser Schulze aus der Muskauer Straße, der ihm schon neulich auf die Nerven gefallen war.

Im selben Augenblick wollte er grob werden und sich brüsk abwenden. Aber dann fiel sein Blick auf den drolligen Berliner und er sah, daß der sich den zerbrochenen Teil mit fachmännischem Auge betrachtete. Und im Grunde mußte er dem Manne recht geben. Es war wirklich jammerschade um das Stück. Und schließlich, wenn man jetzt zehn Tagen beinahe ausschließlich auf sich selber angewiesen ist, so ist einem auch ein Gespräch willkommen, den man in Europa weniger goutieren würde.

So wandte sich denn Georg Gilbert dem Berliner wieder zu und sagte:

„Ja, Herr Schulze, wo kommen Sie denn her?“

„Na, wo soll ich herkommen?“ erwiderte Herr Schulze – „Als Vergnügungsreisender gehe ich hier aus langer Weile ein bisschen am Nil spazieren. Und da seh‘ ich die Bescherung hier, so ein ausgesprochenes Pech – gerade mitten durch, so ist das nicht aufs Fundament zu schrauben,“ dabei schritt er langsam um das Stück herum und betrachtete es kopfschüttelnd. Und Georg Gilbert sah, wie er ein paarmal die Finger auf die Platte an Stellen legte, die eventuell für die Bohrung neuer Bolzenlöcher in Frage kommen konnten.

„Sie sind wohl Fachmann, Herr Schulze?“ konnte sich Gilbert schließlich nicht enthalten, zu fragen.

„Wie man‘s nehmen will,“ erwiderte Herr Schulze lakonisch, und setzte mit suchenden Blicken seinen Rundgang fort.

„Nein, so geht‘s absolut nicht,“ stieß er schließlich hervor. „Jammerschade um das schöne Stück – und die verlorene Zeit ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen.“

Dem Ingenieur tat es wohl, eine mitfühlende Seele an seiner Seite zu haben.

„Was nützt alles Sinnen,“ sagte er, „lassen wir den Unglücksklumpen hier einmal liegen und gehen zu mir vernünftig Frühstücken, dabei schlägt man sich wenigstens den Ärger etwas aus dem Sinn.“

„Können wir machen, Herr Gilbert. M. W.“ erwiderte der Berliner. „Soll mir 'ne Ehre sein, – und wegtragen wird uns das Stückchen ja derweile keiner.“

Und so gingen die beide einträchtig in Gilberts Landhaus.

Der Ingenieur ließ durch seinen schwarzen Diener ein solides Frühstück nach englischem Brauch auftragen. Weiche Eier, geröstete Brotschnitten, Schinken, Butter, allerlei Fruchtmarmeladen und Tee.

Herr Schulze ließ sich nicht lange nötigen. Er tat den Speisen und Getränken alle Ehre an. Nur für die Marmeladen, den fruit-jam der Engländer, war er nicht zu haben.

„Wissen Sie, Herr Gilbert,“ meinte er, „das Zeugs ist mir zu wabbelig. Ich bin mehr für‘s Kräftige, darauf verzichte ich gern. Aber der Schinken, der ist eine sehr vertrauenerweckende Sache.“

Dann setzte Herr Schulze bei dem besagten Schinken Vertrauen gegen Vertrauen, wobei der Schinken zusehends weniger wurde. Aber Herr Schulze war bei diesem Frühstück nicht recht auf der Höhe. Wiederholt versuchte Georg Gilbert, ein Gespräch in Gang zu bringen. Wiederholt versuchte er etwas über die technische Vorbildung seines Gastes herauszubringen.

Herr Schulze warf gelegentlich eine seiner sarkastischen Bemerkungen hin, aus denen der Ingenieur ersah, daß er das technische Thema vollkommen beherrschte. Aber er blieb zerstreut und schweigsam. Das hinderte ihn aber in keiner Weise, dem Frühstück alle Ehre anzutun. Eben jetzt schob er mit kummervoller Miene das achte Ei in den Mund.

Georg Gilbert warf ihm einen teilnahmsvollen Blick zu.

„Was ist Ihnen denn, Herr Schulze, Sie sehen ja ganz verstört aus?“

„Verstört? Als wie ich, Herr Gilbert? Na, wieso denn? Ich hab‘ doch nicht mal Kaviar gegessen.“

„Wie meinen Sie denn das, Herr Schulze?“ fragte der Ingenieur.

„Na, das ist doch sehr einfach, Sie wissen doch, daß der Kaviar vom Stör kommt, und wenn man da viel von ißt, dann sieht man verstört …“

Georg Gilbert verzog angesichts dieses blutrünstigen Kalauers schmerzlich seine Mienen.

Herr Schulze aber brach seine Rede plötzlich ab. Es schien wie eine Erleuchtung über ihn zu kommen. Er schob seinen Stuhl zurück und sprang heftig auf. Und dann schlug er sich mit der rechten Faust vor die Stirn, daß Georg Gilbert ernstlich für die Schädeldecke fürchtete. Und dann brach Herr Schulze los:

„Herr Gott! Was ist man manchmal für ein Ochse! Da muß ich erst den faulen Kalauer machen, um darauf zu kommen, Herr Gott! Mein Freund Stöhr ist ja in Alexandrien und schweißt da die Straßenbahnschienen mit Thermit. Da muß ja alles beisammen sein, was wir brauchen, um die kaputtige Fundamentplatte in drei Tagen wieder tipp-topp zusammen zu haben.“

Georg Gilbert hatte dieser Rede mit wachsendem Interesse zugehört. Er hatte in seiner kurzen Bekanntschaft mit dem Berliner herausgefunden, daß der eine ganze Menge mehr wußte und verstand, als man ihm von weitem ansah. Er hegte sogar den leisen Verdacht, daß Herr Schulze unter Umständen ein vollkommenes Hochdeutsch sprechen konnte, und sein Berlinisch mit einer gewissen Absichtlichkeit produzierte.

Im Momente überlegte er. Wenn man schnell größere Mengen des Thermits, jener modernen Hitzemischung, bekommen konnte, dann war es in der Tat möglich, den gebrochenen Teil hier an Ort und Stelle zu flicken. Ja, aber da gehören noch allerlei Nebenapparate, gehören geübte Leute und noch einiges weitere dazu.

Gerade wollte er seine Bedenken vorbringen, als Herr Schulze von neuem den Mund auftat:

„Jetzt hab‘ ich‘s, Herr Gilbert. Wo ist denn hier das nächste Telegraphenamt?“

Der Ingenieur öffnete die Tür des Speisezimmers und deutete mit der Hand auf einen Tisch im Nebengemach. Dort stand glänzend und blitzblank ein Morsetelegraphenapparat auf der Mahagoniplatte.

„Donnerwetter!“ sagte Herr Schulze. „Hier ist ja alles vorhanden. Na, dann werden wir das Ding ja schnell haben. Also wir brauchen dreihundert Kilo Thermit.“

„Woher wissen Sie denn das so genau,“ fiel ihm der Ingenieur ins Wort. „Wäre es nicht besser, wenn wir uns das Stück noch einmal ansähen.“

Herr Schulze warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Na Herr Gilbert, denken Sie denn, ich habe keine Augen im Kopf. Der Riß ist drei Meier lang und durchschnittlich zehn Zentimeter tief. Wenn ich weiter berücksichtige, daß ein ordentlicher Verstärkungslappen raufgeschmolzen werden muß, denn kommen gerade dreihundert Kilogramm heraus. Nun warten Sie mal einen Moment. Denn brauchen wir noch fünf Zentner feuerfesten Sand und denn noch das, und denn das und denn das. Das ist nun aber auch alles.“

Und schon hatte Herr Schulze sein Notizbuch hervorgezogen und begann die Depesche aufzusetzen.

„Wie heißt das Nest hier?“ fragte er Gilbert.

„Wadi-Kom-Ombo.“

„Schöner Name,“ meinte Herr Schulze und leckte an seinem Bleistift. „Nixdorf wäre mir lieber. Also Wadi-Kom-Ombo, den 30. Juni.“

Und dann schrieb Herr Schulze eifrig Zeile um Zeile. Mit gewichtigem Schnörkel setzte er endlich seinen Namen darunter.

„Lassen Sie das Ding schleunigst sausen, Herr Gilbert. Am besten dringend. Dann bekommt es Stöhr noch im Bureau. Dann können wir die Antwort in zwei Stunden hier haben.“

Georg Gilbert setzte sich selbst an den Apparat, rief das nächste Telegraphenamt an und ließ sich der Einfachheit halber gleich selber die direkte Leitung nach Alexandria geben. Dann begann der zierliche Hebel in seiner Hand zu zittern und zu klappern. Als geübter Telearaphist gab er die Depesche des Herrn Schulze auf und mußte dabei konstatieren, daß sie nicht nur technisch vollkommen klar, sondern auch stilistisch gut durchgebildet war.

„Was Sie nicht alles können,“ murmelte der Berliner, während die schwanke Taste in der Hand des Ingenieurs tickte. Dann legte der Ingenieur das Blatt neben den Apparat.

„So,“ sagte er, „wir haben Glück gehabt. Ich habe gerade eine freie Leitung nach Alexandria erwischt. In zehn Minuten hat Ihr Freund das Telegramm.“

„Na, denn ist es gut,“ meinte Herr Schulze. „Dann dürfen wir ja weiter Frühstücken.“

Und gewandt schlängelte er sich an den Frühstückstisch zurück und verschluckte mit phänomenaler Geschwindigkeit auch noch das neunte und das zehnte Ei.

Jetzt war der Berliner sehr viel freier und aufgeräumter als vorher. Philosophisch meinte er:

„Nicht alle Eier werden Hühner! Meistens kommt es anders als man denkt. Eine sehr schöne Einrichtung übrigens das englische Frühstück, bis auf das verflixte Pflaumenmus.“

Georg Gilbert sah ihn lächelnd an.

„Na, jedenfalls schmeckt es Ihnen, ja, Herr Schulze,“ meinte er, „und das ist die Hauptsache.“

„Gott sei Dank, Herr Gilbert,“ entgegnete der Berliner, während er das letzte Stück Schinken vertilgte.

„So provisorisch interimistisch langt es bis Mittag. Bloß ein bisschen trocken die ganze Geschichte. Herrgott, ein Königreich für eine große Weiße.“

Ein Klappern und Ticken unterbrach die gastronomischen Wünsche des Herrn Schulze und ließ ihn aufhorchen. Im Nebenzimmer begann der Morseschreiber zu arbeiten. Langsam lief ein feiner Papierstreifen aus einer Messingtrommel. Unaufhörlich tippte und wippte ein feiner Messingbalken über einen Magneten und schrieb Punkte und Striche auf jenen Papierstreifen.

Schon war Georg Gilbert an den Streifen herangetreten. Geläufig las er die Morsezeichen seinem Gaste vor: „Pumpwerk Wadi-Kom-Ombo. Gewünschte Materialien vorrätig. Gehen soeben mit Dampfer Edfu in Begleitung Monteurs ab.“

Befriedigt vernahm der Berliner diese Botschaft.

„Na, wenn er nichts vergessen hat, denn klappt der Zimt ja,“ meinte er kurzweg.

Georg Gilbert aber holte einen Fahrplan und begann ihn zu studieren.

„Morgen nachmittag kann der Dampfer hier sein,“ sagte er. „Bis dahin müssen wir uns gedulden.“

„Was heißt gedulden,“ rief Herr Schulze. „Wir haben doch alle Hände voll zu tun. Das Stück muß nun schleunigst hierweg an die Fabrik geschafft werden. Und dann müssen wir es noch auf den Kopf stellen und müssen es in den Sand einschaufeln, damit wir die die Unterseite von der Platte zu fassen kriegen. Und dann nehmen wir den Riß gleich mit einem Kreuzmeißel vor, damit das Thermiteisen gut bindet. Ich sage Ihnen, Herr Gilbert wir haben gehörig zu tun. Dafür ist die Maschine aber morgen abend wieder ganz und Sie können sie noch mal hinwerfen.“

Der Ingenieur mußte seinem Gaste wiederum recht geben. Alle die von Schulze genannten Arbeiten konnten bereits in Angriff genommen werden und nahmen gut und gerne vierundzwanzig Stunden in Anspruch.

„Ja, wissen Sie denn mit der Schweißung so genau Bescheid, daß wir alles vorbereiten können?“ fragte er seinen Gast.

Herr Schulze warf ihm einen hoheitsvollen Blick zu.

„Sollt‘ ich denken,“ erwiderte er kurz. „Wegen mir braucht kein Monteur mitzukommen, Nun aber ran an die Gewehre, Trommeln Sie Ihre Rasselbande zusammen, daß wir die Maschine erst mal hier rauf kriegen. Es sind doch wenigstens zweihundert Tonnen.“

Jetzt warf der Ingenieur seinem Gegenüber einen erstaunten Blick zu.

„Sie haben es genau taxiert, Herr Schulze,“ rief er. „Es sind in der Tat zweihunderttausend Kilogramm oder vierhundert Zentner.“

„Ich sage ja,“ meinte Herr Gottlieb Schulze. „Einer trägt das Stück nicht weg?! Aber stellen Sie man Ihre braunen Deibels dahinter und geben Sie jedem ein ordentliches Brechmittel in die Hand, dann werden Sie das Ding schon im halben Tag raufwürgen.“

Georg Gilbert sagte sich, daß der Berliner den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Mit wenigen Worten hatte er die einfachste Art des Transportes angegeben. Wieder ging der Ingenieur an das Telephon und erteilte seine Befehle an seine beiden weißen Monteure.

Herr Schulze hörte mit fachmännischer Miene zu.

„Lassen Sie erst aber ein paar stramme Balken unter die Platte legen, Herr Gilbert,“ sagte er, als der Ingenieur das Gespräch beenden wollte. „Sonst bricht die Geschichte am Ende noch weiter. Das braucht jetzt eine Stütze. Als ob‘s eine Berliner Hausfrau wäre.“

Auch jetzt mußte sich Georg Gilbert sagen, daß die Einzelheiten dieser Angaben durchaus sachgemäß waren, und er gab alle Wünsche des Berliners durch das Telephon weiter.

„Wissen Sie was, Herr Gilbert,“ meinte der Gast. „Wie wär‘s wenn wir mal runter gingen und ein bisschen aufpassten. Ich muß mich so wie so ein wenig um meine Garderobe kümmern.“

Erst jetzt fiel es dem Ingenieur ein, daß der Berliner ja vor vier Stunden eigentlich aus heiterem Himmel hierhergeschneit war, wo in nächster Nähe jedenfalls keinerlei Hotel lag.

„Na ja, wo haben Sie denn überhaupt Ihr Quartier, Herr Schulze,“ fragte er seinen Gast. „Sie tauchten hier so auf, wie jener lustige Musikant, der auch am Nil marschierte.“

„Gott, das ist sehr einfach. Ich wollte mir ein bißchen die Füße vertreten, und da bin ich aus meinem Motorboot ausgestiegen und habe es für den Nachmittag an die Dampferhaltestelle hinbestellt.“

Der Ingenieur horchte erstaunt auf.

„So! Sie fahren in Ihrem eigenen Boot? Das ist jedenfalls eine angenehme Art des Reisens. Aber wohl nicht ganz billig.“

„Wie man‘s nimmt, Herr Gilbert. Das Boot habe ich ja nun mal. Und das bisschen Benzin kostet den Kopf auch nicht. Dafür bin ich mein eigener Herr und kann hinfahren, wo ich will. Brauche in kein Hotel, weil ich zwei anständige Stuben auf dem Boot habe.“

Der Ingenieur sah Herrn Schulze fragend an. „Ja, reisen Sie denn eigentlich zu Ihrem Vergnügen oder in Geschäften?“

Herr Schulze kratzte sich hinter dem Ohr.

„Wissen Sie, Herr Gilbert, eigentlich wollte ich ja bloß zu meinem Vergnügen reisen. Nachdem ich, dreißig Jahre in Berlin geschuftet und dann meine Fabrik gut auf Aktien gegründet habe, konnte ich mir das am Ende leisten. Aber man ist ja schließlich alter Fachmann, und wo ich so was sehe, was ins Fach schlägt, muß ich mich immer wieder drum kümmern.“

Georg Gilbert ließ im Geiste die Berliner Firmenregister Revue passieren. Und dann kam er zu der Erkenntnis, daß dieser Schulze nach aller Wahrscheinlichkeit jener Fabrikbesitzer wäre, der kürzlich seinen Anteil mit einer Million Taler ausgezahlt bekommen hatte. Nun erinnerte er sich auch des Lebenslaufes dieses Mannes, der zwar klein angefangen, aber es im Laufe eines Menschenalters zu einer angesehenen Stellung in der Berliner Industrie gebracht hatte. Er erinnerte sich, daß dieser Mann auch in Berlin als Original bekannt war, daß er aber daneben eine gute Bildung und ein recht bedeutendes Wissen besaß. Und er empfand allen Respekt vor diesem Manne, der aus eigener Kraft den Weg vom einfachen Techniker zum Millionär gefunden hatte.

„Na, nun wollen wir man gehen,“ unterbrach Herr Schulze den Gedankengang des Ingenieurs. „Ich muß doch sehen, wo meine Zille geblieben ist.“

Wieder schritten die beiden Herren vom Wohnhaus in der glühenden Sonne dem Strande zu.

„Gott sei Dank,“ daß hier wenigstens kein Asphalt liegt, sonst wär‘s am Ende noch heißer,“ seufzte Herr Schulze. Und dann kamen sie zu der Landungsstelle, wo die braunen Arbeiter das Maschinenstück inzwischen auf Balken und Rollen gesetzt hatten und mit mächtigen Brechstangen vorwärts wuchteten.

„Na feste, mein Sohn, immer lustig!“ rief Herr Schulze einen der braunen Arbeiter zu, der seine Brechstange nicht richtig ansetzte, Und als ihn der Fellache verwundert anstarrte, nahm er ihm den schweren Brechbaum aus der Hand, setzte ihn richtig unter und förderte beim nächsten gemeinschaftlichen Anrücken das Stück mit weiter. Dann gab er den Baum dem Fellachen zurück und trat wieder zu Georg Gilbert.

„Wissen Sie was, Herr Gilbert,“ meinte er, „es ist mir keineswegs unmöglich, so stundenlang dabei zu stehen und bloß zuzugucken, wenn andere arbeiten. So wenigstens alle halbe Stunde muß ich auch was tun! Und wenn ich bloß ein bißchen anfeuere, wenn ich Nun feste! oder Nun immer mal ran! rufe, dann habe ich wieder für die nächste halbe Stunde Ruhe.“

„Na, das ist doch wenigstens etwas,“ meinte der Ingenieur lächelnd. Aber er mußte die Erfahrung machen, daß auch in dieser scheinbar spaßigen Bemerkung des Berliners ein gutes Stück Wahrheit steckte. Der Umstand, daß Herr Schulze sich jede halbe Stunde einmal unter die Fellachen wagte, wirkte entschieden höchst erfrischend auf den Fortgang der Arbeiten. Als die Sonne an diesem Abend im Westen versank, da stand das schwere Stück dicht bei dem Maschinenhaus gerade an der Stelle, an der es stehen sollte.

„So, na, Feierabend für heute!“ meinte Herr Schulze und wollte sich empfehlen. Georg Gilbert bat ihn dringend, über Nacht zu bleiben. Doch der Berliner war dafür nicht zu haben.

„Nein, Herr Gilbert,“ sagte er, „ich habe da auf dem Kahn mein eigenes Bett, an das ich gewöhnt bin. Aber morgen früh komme ich wieder.“

Mit diesen Worten wanderte er seinem Boote zu, das da elegant und schwanenweiß auf dem Strome schaukelte.

* *

*

Als Georg Gilbert an diesem Abend mit dem Arzt und dem Obersten zusammen am Tische Platz nahm, machten alle drei die gleiche Beobachtung. Jedem der drei fiel es auf, daß die anderen sehr viel froher und aufgeräumter als zuvor waren.

Georg Gilbert konstatierte, daß der Doktor heute zum erstenmal seit vielen Tagen wieder ein umgänglicher Mensch und ein guter Gesellschafter war und daß Sir Charles Howard viel von dem trüben Ernst verloren hatte, der in den vorangegangenen Togen auf seinen Mienen lastete. Und Dr. Benari konnte feststellen, daß der Ingenieur heute einmal nicht über sein persönliches Pech seufzte und stöhnte, sondern daß er guter Dinge war und einige ganz grauenhafte Berliner Kalauer zum besten gab.

Als mir der letzte Gang abgetragen war und die Herren bei der Zigarre und der unvermeidlichen Whisky-Soda beisammen saßen, da gab Georg Gilbert seiner Beobachtung Ausdruck.

„Sagen Sie mal, Doktor, was ist mit Ihnen? Sie kommen heut‘ wie verwandelt vor.“

Der Arzt schwieg kurze Zeit.

„Lieber Gilbert,“ begann er endlich, „Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, daß Sie uns hier Freiquartier gewährt haben. Ich bin die letzten Tage jedenfalls kein angenehmer Gesellschafter gewesen.“

Georg Gilbert lachte.

„Na, Schmeicheleien wollen Sie doch nicht von mir hören. Also, um es offen zu sagen, Sie waren ziemlich … – na sagen wir einmal einsilbig.“

Der Arzt blickte auf.

„Lieber Gilbert, ich habe während dieser letzten Wochen um das Leben eines Menschen gekämpft. Die Sache stand tagelang recht schlimm. Erst heute vormittag ist der große Umschwung gekommen!“

„Merkwürdig“, dachte Georg Gilbert bei sich. „Heute vormittag kam ja in der Person dieses göttlichen Schulze auch bei mir der Umschwung.“

Dann blickte er auf und sagte: „Es handelt sich doch selbstverständlich um Miß Howard. Aber ich hatte keine Ahnung, daß sie so krank war.“

Der Arzt trank mit behaglicher Ruhe sein Glas mit Whisky-Soda aus. Georg Gilbert sah es nicht ohne Erstaunen. Denn diese letzten Wochen hindurch hatte der Arzt so nüchtern gelebt, wie ein eingefleischter Wasserfanatiker.

Lächelnd drohte er mit dem Finger.

„Doktor, Sie exzidieren. Sie werden sich einen ordentlichen Rausch holen, wenn Sie so üppig mit dem Whisky umgehen.“

Aber der Arzt achtete nicht auf den Einwand. Seine Augen glänzten und der Ingenieur war der Meinung, daß dieser Glanz doch wohl eine andere Ursache als den Whisky haben muß.

„Heut‘ kann ich es mir erlauben,“ rief er. „Heute sind wir über den Berg, was, Sir Charles?“

Und der Oberst nickte frohen Blickes.

„Wir sind über den Berg, Doktor, wenn ich überhaupt noch meine Augen zu gebrauchen verstehe. Und wir wollen nicht vergessen, daß wir diesen Erfolg ihrer Kunst und Ihren neuen Mittel verdanken. Mein Bericht an die Regierung über Ihre Erfindung ist fertig und geht morgen früh nach Alexandria ab. Aber Sie können schon heut‘ sicher sein, daß man Ihnen die weitgehendsten Vollmachten und die größten Summen zur Verfügung stellen wird, um Ihre Erfindung weiter auszubauen, zu prüfen und anzuwenden.“

„Nun sagen Sie mal, Doktor,“ sagte der Ingenieur, „Ihre Giftmischereien verfolge ich ja schon von Assuan an. Aber wichtiger erscheint mir die Frage, was Ihr Patient ober Ihre Patientin macht. Sie wissen doch, daß es Mittel gibt, die in der Theorie glänzend, in der Praxis weniger bedeutend sind.“

Der Arzt schwieg. Er schien sich über die freie Bemerkung seines Gegenübers doch zu ärgern. Dafür ergriff der Oberst das Wort.

„Was die Patientin angeht, so befindet sie sich wohlauf. Morgen schon werden wir uns die Freiheit nehmen, und unseren Gastgeber persönlich heimsuchen. Ich denke, Mr. Gilbert, daß meine Tochter morgen schon an der gemeinschaftlichen Mahlzeit teilnehmen wird.“

Der Ingenieur ergriff die Hand des Engländers.

„Ich gratuliere Ihnen, Sir Charles, und ich beglückwünsche mich selber, daß diese Heilung gerade in meinem Hause gelang. Nun freilich wird mir Ihre gehobene Stimmung wohl verständlich.“

„Ja, aber,“ sagte der Arzt, der inzwischen seinen Unmut verwunden hatte, „was ist denn mit Ihnen los? Sie sind doch heute ebenfalls in besserer Laune als sonst?“

Der Ingenieur lehnte sich in seinem Sessel zurück.

„Sowas kommt von sowas,“ begann er dann. „Ich habe heute vormittag einen lieben Besuch gehabt.“

„Wer war denn das?“ fragte der Arzt. „Haben Sie Ihr Herz vielleicht an eine der braunen Huldinnen dieses Landes verloren?“

„Solches sei ferne von mir!“ erwiderte Georg Gilbert mit komischer Feierlichkeit. „Nein! – etwas sehr viel schöneres, etwas wertvolleres war es. Sie werden es ja niemals erraten Doktor, und darum will ich es Ihnen erzählen. Herr Gottlieb Schulze aus Berlin hat mir heute seinen Besuch gemacht.“

Der Arzt ließ sich erschöpft in seinen Sessel zurücksinken.

„Um Gotteswillen,“ rief er, „das ist ja schrecklich. Die Berliner Schandschnauze ist hier gewesen? Und Sie haben sich sprechen lassen? O weh! Wie wird das enden!“

Georg Gilbert lächelte überlegen.

„Urteilen Sie nicht voreilig, Doktor,“ rief er. „Also ich habe mit Herrn Schulze gefrühstückt und dann haben wir uns bis Sonnenuntergang sehr gut und vor allen Dingen sehr nutzbringend unterhalten. Der Besuch des Berliners war für mich rund hunderttausend Mark wert.“

Der Arzt schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Wenn Sie es sagen, wird es wohl wahr sein. Verstehe es, wer es verstehen kann.“

„Wer war denn das?“ fragte Sir Charles. „Etwa jener komische Mensch, den wir in Assuan trafen?“

„Eben jener,“ sagte Gilbert, „Und nun muß ich Ihnen eines beichten, Sir Charles. Ich wollte den Mann in Assuan los werden und erzählte ihm, Sie wären der Vizekönig. Wenn er nun wiederkommt, wird er Sie dafür halten und ansehen.“

Sir Charles lächelte ironisch.

„Eine recht gute Ausrede, Mr. Gilbert. Umsomehr, als es den offiziellen Titel eines Vizekönigs für Ägypten ja gar gibt. Sie wissen ja, daß die Verhältnisse in staatsrechtlicher Beziehung ein wenig verworren sind. Theoretisch untersteht das Land dem Sultan in Konstantinopel und der läßt seine Rechte durch einen Stellvertreter, den Khedive, ausüben, den man wohl Vizekönig nennen könnte. In Wirklichkeit aber …“

„In Wirklichkeit,“ fiel ihm Georg Gilbert ins Wort, „herrscht seine Majestät Georg V., König von Großbritannien und Kaiser von Indien, über dies Land wie über so viele andere. Und der Volksmund versteht unter dem Vizekönig den Vertreter der Londoner Regierung in Ägypten.“

Sir Charles lächelte geschmeichelt.

„Wenn Sie es so auffassen, dann haben Sie mich allerdings als den Lord Kitchener ausgegeben. Wir werden sehen, wie wir die Sache beidrehen. Wenn der Mann Ihnen nützlich war, werden wir ihn nicht schlecht behandeln.“

„Das ist englische Diplomatie und englischer Nützlichkeitsendpunkt,“ dachte der Ingenieur bei sich. „Wir könnten von unseren britischen Vettern manchmal mancherlei lernen.“

Dann wurde noch das letzte Glas getrunken, welches die Engländer so nett „die Nachtmütze“ nennen und auf welches sie nicht wie bei ihren deutschen Vettern noch ein Allerletztes und ein Allerallerletztes folgen lassen. Alsdann begaben die Herren sich zur Ruhe.

* *

*

Es war in der siebenten Morgenstunde. Die Sonne stand noch nicht allzuhoch über dem östlichen Horizont, und noch herrschte eine erfrischende Morgenkühle.

An diesem Tage schritt der Doktor Benari langsam an der Seite von Miß Howard über den gepflegten Weg vom Landhause Georg Gilberts auf eine schattige Tamarisken-Gruppe zu.

Wer die junge Dame nur von Assuan her kannte, der mußte wohl merken, daß sie eine schwere Krankheit überstanden hatte. Ihre Augen lagen noch ein wenig tief in den Höhlen. Aber sie strahlten heute wieder in vollem milden Glanz, und der Teint, der früher schon zart gewesen war, schimmerte heute noch durchsichtig, als hätten die Adern noch nicht die rechte Kraft, das Blut zu halten.

Aber das waren auch die sämtlichen Folgen der Krankheit. Denn das war ja das wunderbare an dem neuen Mittel des deutschen Arztes, daß es die Kranken beinahe momentan wieder herstellte. Es gab in jedem Falle eine scharfe Reaktion, bei der es bisweilen auf Leben und Tod ging. War diese aber einmal überwunden, hatte das Medikament ein einziges Mal die Oberhand über die fremden Eindringlinge, über Spirillen, und Plasmodien gewonnen, dann neigte sich die Wage auch überraschend schnell zum Besseren. Es gab Patienten, die heute noch im schwersten Fieber lagen und vierundzwanzig Stunden später, abgesehen von einer geringen Schwäche, wieder wohlauf waren.

So ging heute Miß Howard frei dahin und schritt aufgerichtet durch den kühlen Morgen, während sie vor vierundzwanzig Stunden noch in der Krisis gelegen hatte. Nur ab und zu schien sie eine leichte Schwäche zu überkommen und dann stützte sie sich auf den Arm des Arztes.

„Oh, wie fühle ich mich heute frisch und wohl,“ begann sie. „Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich krank gewesen bin, und wie ich hierhergekommen bin.“

Der Arzt, der sie um eine volle Haupteslänge überragte, blickte frohen Mutes auf sie herab.

„Mein liebes, gnädiges Fräulein, das ist ja alles glücklich überwunden und liegt hinter uns. Sie sind heute schon fast gesund und werden morgen ganz gesund sein, und dann werden Sie mit Ihrem Herrn Vater weiter nach Alexandrien fahren.“

Ein leiser Seufzer entrang sich dabei seinen Lippen.

Auch Miß Eveline war einen Augenblick verstummt.

„Oh, meinen Sie, daß wir so schnell weiterreisen werden? Ich denke, ich bin noch etwas krank,“ sagte sie dann.

Der Arzt lächelte.

„Sie haben recht, Miß Howard, ein wenig Rekonvaleszenz wird Ihnen ganz gut tun.“

„Aber so sagen Sie mir doch,“ sagte sie weiter, „wie ist diese Krankheit gekommen, wie ist sie gemerkt worden und wer hat so für mich gesorgt?“

Der Arzt errötete.

„Nun, sagen Sie es mir doch, Herr Doktor,“ fragte Miß Eveline von neuem.

Langsam und zögernd, als müsse er sich jedes Wort abringen, begann der Arzt:

„Ich erkannte die Gefahr, in der Sie schwebten, Miß Eveline. Es war ein glücklicher Zufall, daß meine Forschungen sich gerade mit jenen Dingen befaßten, von denen Ihnen Gefahr drohte.“

Die junge Engländerin dachte kurze Zeit nach. Und dann lachte sie. Es war ein silberhelles Lachen, was da nach so langer Zeit zum ersten Male wieder erklang, und dem Arzt schien es eine köstliche Musik zu sein.“

„Ihre Forschungen? Ja, Herr Doktor, was forschen Sie denn eigentlich? Ich habe Sie doch nur Fliegen fangen und in Ihr großes Glas sperren sehen. Ist das in Deutschland auch Forschung? In England machen das die kleinen Boys.“

Jetzt war die Reihe zu lachen an dem Doktor.

„Ich könnte Ihnen unseren größten Dichter zitieren,“ sagte er. „Ein tiefer Sinn liegt oft im kindischen Spiel. Aber ich will Ihnen die Sache erklären. Jene Fliegen trugen ein tödliches Gift in sich, daß sie durch die Stiche auf die Menschen übertragen.“

Miß Howard erschrak sichtlich.

„Oh, und ich bin an jenem Tage gestochen worden.“

„Ich habe es damals gesehen,“ erwiderte der Arzt schlicht.

„Sie sahen es, und was haben Sie weiter getan?“

„Ich beobachtete Sie, Miß Eveline, und als ich am dritten Tage bemerkte, daß das Gift bei Ihnen wirkte, … nun, da habe ich Sie eben zu meiner Patientin genommen, mit Ihrem Vater ein ernstes Wort gesprochen und wie Sie sehen, ist nun alles gut ausgegangen.“

„Wie komisch das klingt,“ sagte Miß Howard nachdenklich vor sich hin. „Sie haben mich genommen und haben mit meinem Vater gesprochen und dann ist alles glücklich ausgegangen … Ha! Ha!“ lachte sie plötzlich laut auf. „Das klingt ja beinahe wie eine deutsche Verlobungsgeschichte. Ist das nicht so?“

Und ehe der Arzt etwas erwidern konnte, fuhr sie fort:

„Bei uns im England sind diese Gebräuche nicht so umständlich. Da sagt der Gentleman nur: I propose.“

Doktor Benari sah seine junge, liebreizende Patientin einen Augenblick an. Dann sagte er: „Wissen Sie übrigens auch, Miß Eveline, daß ich englisch spreche?“

„Oh, warum tun Sie es dann nicht?“ rief Miß Howard. „So muß ich mich mit das schwere Deutsch abquälen.“

„Well than let us talk english,“ sagte Doktor Benari. „Miß Eveline! I propose!“

Die junge Engländerin sah ihn einen Moment zweifelnd und erstaunt an.

„What do you mean Sir?“ fragte sie.

„I propose my dear Eveline! I propose you!“ wiederholte der Arzt und legte seinen Arm fest um seine Begleiterin.

„Aber ich will doch lieber Deutsch reden. Miß Eveline, bis jetzt waren Sie meine Patientin. Und nun frage ich Sie, ob Sie meine liebe, kleine Frau werden wollen?“

Die junge Engländerin erschauerte und errötete. Aber sie entzog sich ihm nicht, als er sie jetzt fester an sich zog und ihr einen Kuß auf die Stirn drückte.

Sie widerstrebte auch nicht, als er diesem ersten einen zweiten Kuß auf den Mund folgen ließ. Doktor Benari verspürte es, daß er dieses Herz nicht nur dem Tode abgerungen, sondern auch für sich erobert hatte,

Arm in Arm schritt er mit der Geliebten, mit seiner jungen Braut, dem Hause Georg Gilberts zu, um Sir Charles aufzusuchen. Vergessen waren in diesem Augenblick alle Spirillen und Plasmodien, alle Präparate und Medizinen.

Der Arzt merkte es, daß Miß Eveline zitterte und schwankte. Mochte es nun die Erregung des Glückes oder die Nachwehen des Fiebers sein. Ihm war es einerlei. Er zog das Liebste, was er auf der Welt besaß, fester an sich, und schritt frohen Sinnes und lachenden Mundes durch den sonnigen Sommertag dahin, an Tamarisken und Palmen vorüber dem uralten, fruchtbringenden Strome entgegen.

* *

*

Herr Schulze aus der Muskauerstraße in Berlin SO. hielt getreulich sein Wort, das er Georg Gilbert gegeben hatte. Er war bei Sonnenaufgang wieder am Lande und stand dabei, als die Maschine gedreht und in richtiger Lage in den Sand gebettet wurde. Er sorgte dafür, daß den Sprung entlang eine Rinne in die Platte gemeißelt wurde. Und er saß neben dem Ingenieur, als der Telegraph zu klappern begann, und die Nachricht brachte, daß der Dampfer Edfu vierzig Kilometer stromabwärts mit Maschiendefekt läge und vor 24 Stunden nicht weiter könnte.

„Es ist ekelhaft,“ fluchte der Ingenieur und zerknüllte wütend den Papierstreifen.

„Kommen Sie,“ sagte Herr Schulze lakonisch. „Nehmen Sie Ihren Hut und kommen Sie!“

Und dann schritt er neben ihm durch den Sonnenbrand der Landungsstelle zu.

„Kommen Sie rein in die gute Stube!“, lachte er dort. „Die Sachen holen wir selber. In vier Stunden haben wir die hier.“

Und dann gab Herr Schulze seinem schokoladenfarbigen Maschinisten einen Befehl, aus dem Georg Gilbert mit Erstaunen entnahm, daß Herr Schulze ganz gut arabisch konnte.

Elegant warf das Boot los und eilte in sausender Fahrt stromabwärts. Während die beiden Männer unter dem Sonnensegel saßen, während Tempel und Palmen an ihnen vorüberzogen, durchschnitt der scharfe Bug des schlanken Bootes unablässig die Fluten und anderthalb Stunden, nachdem es Komombo verlassen hatte, taucht vor ihnen der große graue Rumpf der Edfu auf. Wieder ein elegantes Manöver, eine Schwenkung mit der Spitze in den Strom und das Boot legte sich neben den Dampfer.

Herr Gottlieb Schulze verfolgte das Manöver mit sehr kundigem Blick.

„Jungeken, Jungeken,“ brummte er den braunen Steuermann an. „Daß du mir nicht den Lack anschramst, sonst gibts Katzenköppe.“ Und dann machte Herr Schulze eine Handbewegung, die der Fellache sicher verstand, wenn er auch übrige Rede vielleicht nicht verstanden hatte.

Die Passagiere des Dampfers sahen das Boot mit Interesse anlegen. Sie waren über den unfreiwilligen Aufenthalt nicht sehr erbaut und hofften, mit dem Boot auf irgendeine Weise weiter zu kommen. Aber Herr Schulze ließ sich auf nichts ein. Mit Stentorstimme rief er sich den Monteur aus Alexandrien heran und fünf Minuten später schwenkte der Deckkran des Dampfers die mitgebrachten Vorräte in das Motorboot herunter. Dann ging der Kranhaken wieder hoch, die Schraube begann das Wasser zu schlagen, und in flotter Fahrt eilte das Boot stromaufwärts zurück.

Herr Schulze benutzte die Zeit, um die mitgebrachten Materialien zu durchmustern.

„Habt Ihr auch nichts vergessen?“ fragte er immer wieder. „Euch ist alles zuzutrauen, bloß nichts Gutes.“

Aber der neue Monteur gab auf jede Frage eine befriedige Antwort. Es war wirklich alles da, und Herr Schulze konnte erfreut konstatieren, daß es diesmal wieder klappte.

Dann tauchten die Tempel und die Palmen von Komombo auf und ein wenig später legte das Boot an der Landungsstelle an. —

Na seh‘n Sie, Herr Gilbert, was hab‘ ich gesagt,“ schmunzelte der Berliner vergnügt. „Noch nicht ganz vier Uhr. Da wollen wir heute noch alles besorgen und über Nacht kann die Naht auskühlen.

Dann überwachte er den Transport der Materialien bis zur Maschine. Während die Fellachen die einzelnen Pakete herauftransportierten, zog sich Herr Schulze seinen Rock aus und begann eigenhändig, die Form aufzubauen und mit dem feuerfesten Sand auszustampfen.

Georg Gilbert stand daneben und betrachtete den Vorgang. Er kannte zwar sehr wohl jene moderne Themittechnik, die es erlaubte gebrochene eiserne Maschinenteile durch Aufgießen des zweitausend Grad heißen, weißglühenden Themiteisens wieder zu flicken. Er wußte, daß es damit möglich war, wertvolle Stücke die früher rettungslos verloren waren, wieder völlig neu herzustellen. Aber er wußte auch ferner, daß die geschickte Führung solcher Reparaturen eine Spezialwissenschaft, ja nahezu eine Kunst war. Jede Einzelheit mußte vorher erwogen, jedes Teil genau vorbereitet sein. Denn wenn die Sache im Gange war, wenn die chemische Reaktion einsetzte, wenn im Zeitraume wenige Sekunden viele Tausende von elektrisch verbundenen Pferdestärken in Form ungeheurer Hitze in den Tiegeln frei wurden, dann war zum Nachdenken wenig Zeit übrig, dann mußte alles am Schnürchen gehen. Und er konsternierte mit Genugtuung sehen, daß dieser urwüchsige Berliner diese Technik genau beherrschte. Er prüfte jede Naht der aufgesetzten Formen. Er stopfte hier den Sand nach und visierte dort in jedem Luftrohr und korrigierte den Monteur an mehr als einer Stelle.

Wohl eine Stunde verging. Dann war alles fix und fertig vorbereitet. Die feuerfesten Tiegel standen in den drehbaren Gestellen über der mächtigen Form und waren bis zum Rande mit jenem unscheinbaren grauen Pulver gefüllt, welches so gewaltige chemische Kräfte birgt.

Herr Schulze betrachtete sich vergnügt sein Werk.

„Es ist wie Schiller sagt,“ wandte er sich an den Monteur. „Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Na, denn man los! Stecken Sie den Tiegel an, ich nehme den hier.“

Und mit Behändigkeit entzündete er eins jener chemischen Streichhölzer, die eine Flamme von zweitausend Grad geben und dadurch die Thermitreaktion einleiten. Schnell warf er es in den Tiegel und stülpte den Deckel darüber.

Ein dumpfes Brausen ertönte. Rauch und Flammen schossen aus dem Deckelloch noch oben empor. Auch im zweiten Tiegel ging die chemische Reaktion unter Beben und Dröhnen vor sich.

Georg Gilbert hatte die Uhr gezogen und verfolgte das Schauspiel. Eine Minute war seit der Entzündung verflossen. Da trat der Berliner mit einer kleinen Schlagschaufel heran und schlug die Sperrstifte aus den Tiegelböden heraus. Blauweißglühend und selbst in dieser tropischen Sonnenglut noch blendend strömte das flüssige Eisen aus den Tiegeln in die Form. Es sank in die Tiefe, um dort die Bruchstelle zu umspülen, zu erweichen und mit ihr zu verschmelzen. In dreißig Sekunden war alles Eisen ausgeflossen und die leichte Schlacke die nachkam, stand blendend weiß hoch oben in den Formen.

Georg Gilbert betrachtete sinnend das Schauspiel. Herr Schulze aber machte sich bereits wieder an den Tiegeln zu schaffen. Er schwenkte sie beiseite und schlug mit einem schweren Vorschlaghammer die Formen ab. Er ergriff eine Brechstange und splitterte die rotwarme Schlacke fort. Er forderte einen Besen und fegte allen Formsand beiseite.

Und nun zeigte es sich, daß auf jener Stelle, wo früher der böse Sprung gewesen war, eine immer noch rotwarme zollstarke Eisenlasche aufgeschmolzen war. Befriedigt beschaute sich der Berliner das Bild.

„So!“ sagte er, während er sich aufatmend den Rock wieder anzog. „Das hält jetzt, Herr Gilbert. Das ist wieder wie aus einem Guß. Das können Sie nun ruhig montieren. Morgen früh ist es kalt genug.“

Dann empfahl sich der Berliner. Vergeblich suchte der Ingenieur ihn zum Bleiben zu bewegen.

„Nein,“ meinte er, „nun bin ich hier wieder überflüssig. Nun gehe ich weiter. Aber schließlich ist ein Liebe auch eine Gegenliebe wert. Wenn wir mal wieder zusammen kommen, könnten Sie mich so en passant dem Vizekönig vorstellen.“ Und damit zog sich Herr Gottlieb Schulze auf sein Motorboot zurück.

Als aber Georg Gilbert am nächsten Tage das ausgekühlte Stück völlig aus dem Sande herausnehmen ließ, da mußte er zu seiner Freunde konstatieren, daß die Reparatur wirklich gut gelungen war, daß er den zerbrochenen Teil wie ein vollkommen neues Stück behandeln und einbauen konnte. Er bedauerte es aufrichtig, daß dieses Berliner Original ihn so schnell verlassen hatte.

* *

*

Georg Gilbert fühlte sich einer schweren Sorge enthoben. Er sagte sich immer wieder, daß durch das tatkräftige Eingreifen des Berliners seine Verlegenheiten vollkommen behoben seien und daß die Dinge nun den vorschriftsmäßigen Lauf nehmen würden.

Aber es scheint nicht gut zu sein, wenn ein Mensch zu wenig Sorgen hat. In dem Maße, in welchem der Ingenieur weniger an seine Maschinenanlagen zu denken brauchte, fand er Zeit und Muße, an allerlei andere Dinge zu denken,

Und immer wieder flogen seine Gedanken nach Assuan zurück, und immer wieder tauchte vor seinen Sinnen ein ganz bestimmtes Bild auf. Dann sah er braune Locken und braune, blitzende Augen.

Während er über den Sand dahinschritt, um an dieser oder jener Stelle irgendwelche Arbeiten zu beaufsichtigen, ertappte er sich dabei, daß er mit einer imaginären Persönlichkeit einen Disput über diese oder jene Anlage führte, daß er die Notwendigkeit, diesen oder jenen alten Stein zu erhalten, energisch bestritt. Aus seinem Sinnen auffahrend, entdeckte er dann, daß diese ganzen Bedanken sich doch wieder und immer wieder um Marie Ewald drehten, die er in Assuan wußte und mit der er so manchen Wortstreit ausgefochten hatte.

„Das ist ja ganz verdreht,“ rief er unwillig. „Das geht ja nicht s weiter. Ich muß den Doktor fragen, was ich tun soll. Ich glaube wirklich, das Tropenklima erzeugt auch bei mir Halluzinationen. Na – da kommt er ja. Mir kommt er gerade recht.“

Und in seine eignen Angelegenheiten vertieft, bemerkte der Ingenieur nicht, daß der Doktor heute noch viel freudiger und frohsinniger aussah, als jemals zuvor.

„Hören Sie, Doktor! Ich glaube, ich brauche wirklich Ihren ärztlichen Rat.“

Der Doktor schmunzelte.

„Ach so, Gilbert,“ sagte er. „Bis jetzt haben Sie sich mit Zitronensäure und Whisky selber kuriert. Und jetzt zieht das Mittel nicht mehr. Da kommen Sie zu mir. Na, erzählen Sie mir, wo es bei Ihnen fehlt.“

Und behaglich ließ sich der Arzt in einem Sessel nieder, während der Ingenieur unruhig im Zimmer auf- und ablief.

„Also stellen Sie sich vor,“ begann er ein wenig stockend. „Sie wissen doch auch, daß ich mit Fräulein Ewald permanenten Streit wegen der niederträchtigen Altertümer hatte. Und nun denken Sie, ich kann diese alten Streitereien absolut nicht aus dem Kopf bekommen. Wenn ich allein gehe, oder in meinem Zimmer sitze, kommen mir jene längst verflossenen Gespräche Wort für Wort wieder in den Sinn. Ich weiß wirklich nicht, was mit mir ist.“

Der Doktor machte ein so vergnügtes Gesicht, daß man wohl sehen konnte, er hielt den Zustand seines Patienten nicht gerade für ernst.

„Na, zu lachen brauchen Sie wirklich nicht, Doktor,“ sagte der ärgerlich. „Mir ist bei der Sache wirklich nicht lächerlich zumute.“

Der Arzt setzte sofort eine ernsthafte Miene auf.

„Untersuchen wir also den Fall genau,“ sagte er und trat auf den Ingenieur zu. Mit Ernst und Würde ergriff er dessen Puls und zog sein Chronometer,

„Hm! Also!“ sagte er, während er den Pulsschlag verfolgte. „Machen Sie einmal den Mund auf und strecken die Zunge heraus.“

Georg Gilbert tat, wie ihm geheißen wurde.

„So, jetzt sagen Sie einmal Ah,“ fuhr der Arzt mit unerschütterlicher Ruhe fort.

„Na, heiser bin ich doch eigentlich nicht,“ dachte der Ingenieur bei sich, aber er tat, wie ihm geheißen wurde,

„So,“ fuhr der Arzt mit vollkommenster Trockenheit fort, „jetzt sagen Sie einmal Marie.“

Der Ingenieur fuhr zusammen.

„Was sind denn das für Dummheiten,“ fuhr er den Arzt an. Aber Doktor Benari ließ sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen.

„Hm, hm!“ bemerkte er sehr ernst, während er immer noch den Puls des Ingenieurs hielt. „Sie glauben gar nicht, Gilbert, wie wertvoll der Pulsschlag für die Diagnose ist. Ihr Zustand ist ganz und gar nicht unbedenklich. Ich bin überzeugt, Sie sehen auch gelegentlich braune Locken und braune Augen.“

Der Ingenieur riß seine Hand los und trat einen Schritt zurück.

„Mit Ihnen ist ja nicht zu reden, Doktor. Ich will ein vernünftiges Mittel von Ihnen und Sie treiben Narrenpossen.“

„Aber durchaus nicht,“ erwiderte der Arzt mit dem Gefühl der gekränkten Würde, „Ich meine es sogar recht gut mit Ihnen und will Ihnen das geeignete Mittel gleich angeben.“

Bei diesen Worten zog er die Tür auf, durch welche er vorhin hereingekommen war und Miß Howard trat in den Raum. Ein wenig verlegen und errötend blieb sie stehen.

Der Doktor aber trat auf sie zu und zog sie zu sich heran, und zum maßlosen Erstaunen Georg Gilberts gab er ihr einen schallenden Kuß mitten auf den Mund.

„Aber Doktor, um Himmelswillen, was soll denn das heißen?“ rief der Ingenieur bestürzt. „Sie dürfen doch das Gastrecht nicht mißbrauchen. Was soll Sir Charles dazu sagen?'

Er verstummte und sein Erstaunen steigerte sich, als er sah daß Miß Eveline über diesen Kuß ganz und gar nicht böse war und sich dicht an den Arzt anschmiegte.

Der aber lachte.

„Das soll heißen, lieber Gilbert, daß wir, das heißt Miß Eveline und ich, uns vor etwa einer Stunde verlobt haben. Der Sir Charles ist darüber auch nicht böse gewesen, Und was den Kuß angeht, das ist das Heilmittel, was ich Ihnen genau für Ihren Zustand empfehlen wollte. Notabene: der Kuß muß von einer Person gegeben werden, die braune Augen und braune Locken hat.“

Der Arzt schwieg und zog die junge Engländerin fest an sich.

Georg Gilbert aber schüttelte wiederholt und lange sein Haupt und machte nicht eben sein klügstes Gesicht. Endlich raffte er sich zusammen.

„Das ist ja eine recht erfreuliche Nachricht, lieber Benari,“ rief er. „Also dann meinen herzlichsten Glückwunsch zu diesem bedeutsamen Schritt.“

Er trat auf den Doktor zu und schüttelte ihm herzhaft die Hand.

„Und gestatten Sie mir, auch Ihnen, mein gnädiges Fräulein, meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen. Ich hoffe daß Sie …“

Aber Miß Howard ließ ihn mit seiner wohlgesetzten Rede gar nicht zu Ende kommen. Sie sprang auf ihn zu und ergriff mit ihren beiden kleinen Händen seine kräftige Rechte, die sie ihrerseits heftig schüttelte.

„Oh, Mr, Gilbert,“ rief sie dabei, „ich bin so dankbar zu Ihnen, weil ich habe gelernt kennen durch Ihre … wie sagt man in Deutsch … durch Ihre Kommunikation mein Frederic.“

„Oh weh!“ dachte der Ingenieur bei sich. „Die englische Oberherrschaft beginnt schon,“ denn er hatte den Doktor bisher nur mit dem Vornamen Fritz gekannt.

Aber er behielt diese Meinung für sich und erwiderte nur kräftig den Händedruck der glücklichen Braut.

„Na, sagen Sie mal, Doktor,“ begann er endlich, „dann werde ich mich mal an meinen Morseapparat setzen und werde dies außerordentliche Ereignis nach Assuan an Ihre Frau Schwester tippen.“

Aber der Doktor winkte ab.

„Nein, Gilbert, lassen Sie das. Tun Sie mir die einzige Freude und halten Sie noch ein paar Tage dicht. Sir Charles erwartet jeden Tag wichtige Entschlüsse der britischen Regierung betreffs meiner Person. Die sollen erst hier sein. Dann wollen wir alles zusammen offiziell bekanntgeben. Desto schöner wird dann die Überraschung für meine lieben Anverwandten sein.“

Der Ingenieur stutzte.

„Ja, warum denn aber das?“ fragte er mißtrauisch.

„Ja und dann noch einen Grund, Gilbert. Sie wissen doch, es gibt so allerlei unsinnigen Aberglauben. Man soll die Waschsachen von Weihnachten bis Silvester nicht vom Trockenboden nehmen, sonst hängt sich im nächsten Jahre einer auf …“

„Oder man soll beim Wassertrinken nicht »Prost« sagen, sonst ertrinkt einer,“ fiel der Ingenieur dazwischen. „Die Scherze kenne ich.“

„Na also,“ – fuhr der Doktor fort, „und da gibt es auch so einen anderen Aberglauben, daß Verlobte nicht mehr unter einem Dache wohnen sollen. Ziemlich fade, nicht wahr! Aber es ist einmal so. Sobald ich meine Verlobung öffentlich bekanntmache, muß ich Euch hochedelen und vielgetreuen Wadi-Kom-Ombanern ein schmerzliches Lebewohl sagen. Und das will ich erst, wenn die Antwort der britischen Regierung da ist, die über meine Zukunft entscheidet. Ich glaube, Sir Charles hat meine Verdienste nicht unter den Scheffel gestellt und es wird ihm auch lieber sein, wenn erst später herauskommt, daß ich sein Schwiegersohn in spe bin.“

Der Ingenieur lächelte.

„Wenn die Dinge so liegen, dann will ich die edle Kunst der Diskretion noch üben.“

Er erhob sich und nahm dem eintretenden Boten die Post ab.

„Aber,“ fuhr er beim Durchfliegen derselben fort, „lange wird das nicht dauern. Soeben bekomme ich die Nachricht, daß unsere Freunde aus Assuan, Ihr Schwager, Ihre Schwester und die Ewalds in einer Woche hierherkommen wollen. Der Tag ist noch nicht genau festgesetzt. Ihre Schwester stellt noch eine zweite Benachrichtigung in Aussicht. Doch in jedem Falle werden wir uns in unseren Angelegenheiten alle etwas beeilen müssen.“

* *

*

Georg Gilbert war ein Mann von Wort. Seit der Abreise des so nützlichen und lobenswerten Herrn Schulze waren seine eigenen Angelegenheiten in gutem Flusse. Aber seine Arbeitswut stieg bis zur Siedehitze, nachdem er jene Karte bekommen hatte, in welcher die Familie Ewald ihren Besuch für die nächste Zeit in Aussicht stellte.

Er hegte den brennenden Wunsch, seinen Gästen bei ihrer Ankunft etwas Sehenswertes zu zeigen. Er wollte jener Anschauung von Marie Ewald entgegentreten, die in allen den modernen Ingenieurarbeiten mehr oder weniger eine Bedrohung des alten Bestandes erblickte. Er wollte ihr zeigen, wie ein neues Geschlecht mit neuen Mitteln die Wüste wieder erobert, die vor vielen tausend Jahren unter der Herrschaft mächtiger Pharaonen schon einmal fruchttragend war. Er wollte ihr zeigen, wie auch die neue Baukunst dem Lande Segen bringt, wie sie die Fluten des heiligen Stromes viele Meilen weit in die Wüste jagt und Leben und Wachstum in die tote Öde bringt.

Und so ließ der Ingenieur alle Kräfte wirken. Er setzte, um ein Wort des alten Marschalls „Vorwärts“ anzuwenden, den letzten Hauch von Mann und Roß an seine Sache.

Seit Tagen wurde in Wadi-Kom-Ombo mit doppelten Schichten geschafft. Wenn um sechs Uhr die Leute von den Tageskolonnen in ihre ärmlichen Lehmhütten oder Zelte zurückgekehrt waren, so trat nur eine kurze Ruhepause ein. Schon eine Stunde später flammten allenthalben die elektrischen Bogenlampen auf und beim bläulichen Scheine des elektrischen Lichtes rückten die Nachtkolonnen auf die Arbeitsplätze.

Aus dem Maschinenhause drang in die stillen Nächte das Dröhnen der schweren Vorschlaghämmer, das Knarren der Kräne und der singsangartige Kommandoruf der braunen Arbeiterkolonnen, die mit starken Brechstangen die schweren Maschinenteile auf den Fundamenten zurecht rückten.

Da saßen und hockten die weißen Monteure in den unglaublichsten Stellungen auf allerlei Leitern und schraubten hier Leitungsrohre zusammen, schnitten dort Schraubengewinde, schlugen Hafen ein und stellten das ganze komplizierte Leitungsnetz fertig, welches Kessel, Dampfmaschinen und Pumpen verband.

Es war eine anstrengende Arbeit. Sie wäre es im europäischen Klima gewesen und sie wurde es noch mehr in der Gluthitze des ägyptischen Sommers. Der Herr Monteur Krause vergoß manchen Tropfen Schweiß, während er die Leitungen baute.

Aber Georg Gilbert stand hinter ihm und spornte ihn unaufhörlich an.

„Halten Sie durch, Krause. Wenn wir dabei bleiben, ist die Sache in drei Tagen fertig. Wenn wir jetzt aussetzen, dauert sie Gott weiß wie lange. Wir können das Rennen nur noch im Endspurt gewinnen.“

Herr Monteur Krause ließ sich zureden. Die Nächte fügten sich an die Tage und auf die Tage folgten wieder arbeitsvolle Nächte. Georg Gilbert, der es so meisterhaft verstand, im Klubsessel zu liegen und seine Tätigkeit auf ein Minimum zu reduzieren, war in dieser letzten Woche nur noch stundenweise aus den Kleidern und zur Ruhe gekommen.

Doch dann nahte das Ende der harten Arbeit. Es kam der Morgen, da Herr Krause den längsten Schraubenschlüssel nahm und die letzte Rohrmuffe mit einem herkulischen Kraftaufwand anzog. Und dann kletterte er gravitätisch von der Leiter herunter und präsentierte den Schlüssel vor dem Ingenieur, wie die Schildwache vor dem General präsentiert.

„Wir sind fertig, Herr Gilbert,“ meldete er, und setzte den Schlüssel wieder ab, während das elektrische Licht erlosch und die Sonne eines neuen Tages am Osthimmel emporstieg.

Die Nachtkolonne rückte in ihr Lager ab und Georg Gilbert schritt in sein Haus. Aber er suchte sein Lager nicht auf. Ein kurzes Bad nur, gerade so kalt, wie es sich mit dem Nilwasser unter Zusatz einiger Stücke Eis herstellen ließ, und dann eine brühend heiße Übergießung nach japanischem Beispiel.

Eine Stunde später stand der Ingenieur wieder im Maschinenraum. Er trat in das Kellerhaus, in welchem die Fellachen bereits während der Nacht die mächtigen Kessel gefüllt und angefeuert hatten. Er ging an das Manometer und sah, daß ein guter Dampf von fünfzehn Atmosphären in den Kesseln war. Er schritt in den Maschinenraum zurück und ging von Lager zu Lager. Er untersuchte jeden Ölnapf und jeden Schmierdocht.

Und dann trat er an das Hauptventil und drehte es um ein ganz Winziges auf. Zischend schlich ein wenig Dampf in die Rohrleitungen, an denen Herr Krause in der verflossenen Nacht noch so eifrig gearbeitet hatte. Man spürte es, wie der zweihundert Grad warme Dampf die Leitung erwärmte, wie sie sich knisternd und knackend zu regen begann. Nun erreichte der Dampf die mächtige, tausendpferdige Maschine. Auch hier jenes Knistern und Klirren, welches der Anwärmung solch mächtiger Metallmassen stets folgt.

Wohl zehn Minuten ließ Georg Gilbert den Dampf so fließen, der sich in der kalten Maschine sofort zu Wasser verdichtete und aus den Zylinderhähnen ausfloß. Dann sah er, wie aus jenen Hähnen an Stelle des Wassers Dampf trat. Langsam schritt er zur Ventilspindel zurück und drehte sie ein wenig weiter auf. Ein leichtes Zittern ging durch den ganzen Bau. Und dann schien es, als käme Luft in all die blanken Metallteile, die in der Morgensonne rosig glänzten.

Stöhnend ruckten die gigantischen Kolbenstangen an. Langsam schlichen die mächtigen Kreuzköpfe durch die Gradführungen. Langsam begannen die Pleuelstangen die große Maschinenwelle zu drehen. Einmal, zweimal, dreimal ging das langsam, widerwillig und stöhnend, Dann schien die neue Maschine sich auf ihre Pflichten zu besinnen.

Jene Geräusche verstummten, und das riesige Maschinenwerk drehte sich lautlos und spielend. Wieder eine Drehung am großen Dampfventil, und freier, kräftiger strömte der Dampf zur Maschine. Da wurde aus der schleichenden Drehung ein schnelles Spiel. Da begannen die einzelnen blanken Teile sich in ein allgemeines Flimmern und Glänzen aufzulösen. Da fuhren die Kolbenstangen und Kreuzköpfe im sinnverwirrenden Spiele auf und nieder und die Maschinenwelle drehte sich in rasender Eile.

Wohl eine Viertelstunde sah Georg Gilbert dem Spiele der Maschine zu. Dann trat er an das gewaltige Ventil, welches die mächtige Pumpe mit dem Saugrohr zum Nile in Verbindung brachte. Wieder einige Griffe, und die Verbindung war hergestellt. Nun mußte auch das Pumpwerk arbeiten. Gespannt hing der Blick des Ingenieurs am Manometer, welches die wachsende Luftleere im Saugrohr anzeigte. Er sah, wie der Zeiger tiefer und immer tiefer fiel. Dann drang ein Rauschen und Schlürfen von der riesenhaften Kreiselpumpe her an sein Ohr.

Die Maschine hatte das Nilwasser gepackt und jagte es nun im ununterbrochenen Strome vorwärts in die Kanäle. Jetzt rief der Ingenieur Herrn Krause und stellte ihn an das Dampfventil.

„Aufpassen, Krause,“ rief er. „Den Dampf sofort abstellen, sobald etwas Verdächtiges zu hören oder zu sehen ist. Der Ingenieur aber stülpte sich den Panamahut auf und trat in den sonnigen Morgen hinaus. Er wanderte zum Flußufer hin. Und da sah er, wie die blaugrünen Fluten des Stromes über jener Stelle, wo das große Saugrohr im Flußbette endete, wirbelten und strudelten. Er sah, wie sich dort im Spiegel des Flusses ein Trichter gebildet hatte, ein Zeichen dafür, daß die Pumpe gewaltig saugte und schluckte. Und dann wanderte er zum Maschinenhaus zurück und schritt an dem offenen Hauptkanal entlang. Da sah er, wie das Wasser klargrün und leicht schaumig in der mächtigen. Betonrinne dahinschoß, so daß es sich überstürzte und überschlug und vorwärts strömte, immer geradeaus und querfeldein in die gelbe Wüste. Er sah wie der mächtige Kanal sich bis zum Horizont erstreckte und wie das Wasser in ihm seinen Lauf nahm.

Und dann kehrte der Ingenieur zum Maschinenhaus zurück und gab den Befehl, den Dampf abzustellen, die Maschinen ruhen zu lassen und die Kesselfeuer zuzudämpfen. Nach einiger wochenlangen, unendlich harten Arbeitsperiode war jetzt die Zeit wohlverdienter Ruhe gekommen. In langem Schlafe suchten die Männer, die so lange rastlos geschafft hatten, Ruhe und Erholung, während das Werk selbst tot und still dalag.“

 

Sechstes Kapitel.

Marie Ewald fühlte sich von Tag zu Tag unruhiger in Assuan. Wie früher begleitete sie ihren Vater auf seinen wissenschaftlichen Streifzügen, während die Frau Geheimrat im Hotel blieb. Sie bediente wie früher den photographischen Apparat, der alle die alten Inschriften und Architekturen auf das empfindliche Papier bannte. Sie folgte ihrem Vater nach wie vor bei seinen Entzifferungen krauser Papyrusse. Sie hatte keine rechte Freude mehr an den Schicksalen der zwanzigsten Dynastie und an den ausgedehnten Handelsgeschäften des Königs Amenemha.

Öfter und immer öfter eilten ihre Gedanken den Strom hinab, wandten sie sich ab von jenen wunderlichen Zeichen altägyptischen Schrifttums und weilten stromabwärts in der Wüste, wo die neue Kunst im glühenden Sande frisches Leben schuf.

Dann geschah etwas, was bisher noch nie geschehen war. Marie Ewald schlug ihrem Vater selbst vor, seine Arbeiten hier zu unterbrechen und einen Ausflug nilabwärts zu unternehmen.

Der Geheimrat war darüber nicht wenig verwundert.

„Aber Du weißt doch, Marie,“ erwiderte er erstaunt, „daß wir hier mit unseren Arbeiten auch noch nicht annähernd fertig sind, daß wir noch Wochen, ja wahrscheinlich Monate zu tun haben werden. Solch Ausflug bleibt uns ja immer noch. Gewiß, ich erinnere mich. Wir hatten auch einen Besuch in Wadi-Kom-Ombo versprochen. Aber das hat ja noch gute Weile. Der Besuch läuft uns nicht fort. Und im übrigen wird sich unser Freund Gilbert ja auch nicht langweilen. Der hat ja genügend Besuch da. Ich bekam gestern eine Karte von Sir Charles Howard, wonach es dort recht gut geht. Viel Arbeit, aber die Sache schreitet vorwärts.“

Der Geheimrat schloß seine Rede und Marie schwieg verstimmt. Jetzt mischte sich die Frau Geheimrat in die Unterhaltung.

„Ich muß Marie durchaus recht geben. Es wäre gut, wenn ihr beide einmal. für ein paar Tage ausspanntet. Das geht jetzt schon wochenlang ununterbrochen. Jeden Morgen beginnt die anstrengende Tour. Über Mittag treibt ihr allerlei Giftmischerei mit euren Photographien und am Nachmittag geht die Jagd weiter. Ich bin durchaus dafür, daß wir in Komombo einen Besuch machen. Ich werde heute noch telegraphieren und morgen mittag sind wir dort.“

Der Geheimrat brummte allerlei und bezeigte ganz und gar keine Neigung, sich diesem Machtspruch seiner besseren Hälfte zu fügen.

Marie aber sekundierte ihrer Mutter auf das eifrigste.

„Jawohl, sie wäre in der Tat auch recht angegriffen. Sie fühle bisweilen große Mattigkeit bei der photographischen Arbeit. Und Doktor Benari hätte ja auch gesagt, daß das Klima in Assuan nicht viel wert sei. Und sie benötige dringlich einer Erholung. Und überhaupt … man habe doch einen Besuch versprochen und es sei Ehrensache, seine Versprechungen zu halten.“

Solchem zweifachen Ansturm konnte der Geheimrat auf die Dauer nicht widerstehen. Und so ging denn an jenem Nachmittag ein Telegramm nach Komombo, und der Geheimrat kündigte seine Hotelzimmer für den nächsten Tag.

* *

*

Die Frau Hauptmann Gerlach war an dieser Reise nicht unbeteiligt und nicht weniger an dem plötzlichen Entschlusse, sie endlich zu unternehmen. Diese ruhige und natürliche Frau hatte in wenigen Tagen einen erstaunlichen Einfluß auf ihre Umgebung gewonnen.

Die Frau Geheimrat, die doch so manches Jahr älter war, suchte bei allen ihren Sorgen und Zweifeln Rat bei der Frau Hauptmann. Und Marie Ewald, die sich sonst nicht leicht oder gern etwas sagen ließ, fügte sich den Meinungen und Ratschlägen der erfahrenen Frau Hauptmann in beachtenswertem Maße.

Die Frau Hauptmann hatte eines Tages eine muntere Weise gepfiffen. Denn pfeifen konnte sie auch trotz aller fraulichen Würde und Reputierlichkeit. Und was sie pfiff, war der Anfang jenes netten Studentenliedes vom „Enderle von Ketsch“ gewesen. Lustige, schmetternde Noten, denen der bekannte Text unterliegt:

Ott Heinrich der Pfalzgraf bei Rheine,

Der sprach eines Morgens Remplem:

Ich pfeif' auf die sauren Weine,

Ich fahr' nach Jerusalem.

Die Frau Geheimrat war bei dieser Fanfare zusammengefahren und Marie hatte erschreckt emporgeblickt. Aber die Frau Hauptmann ließ ihrer Melodie sehr schnell die Erklärung folgen.

„Herrschaften, jetzt wird‘s mir hier zu dumm,“ rief sie. „Mein teuerer Herr Gemahl sitzt im Hotel und gewöhnt sich immer mehr und mehr ein Schlemmer- und Lasterleben an. Und mein geliebter Bruder liegt in Komombo vor Anker und macht da Gott weiß welche Dummheiten. Dem Herrn Hauptmann ist es gesund, wenn er von den Fleischtöpfen Ägyptens, die zweifellos zu jeder Zeit im Assuan gestanden haben, wegkommt. Und meinem Bruder wird eine leichte Beaufsichtigung auch nichts schaden.“

„Wollen Sie denn wirklich so Hals über Kopf dorthin,“ hatte die Frau Geheimrat erstaunt gefragt. „Kann denn Herr Gilbert so viele Gäste auf einmal unterbringen.“

Darauf hatte die Frau Hauptmann hell aufgelacht.

„Ich bin genau orientiert,“ hatte sie erwidert. „In der Station ist gut und gern Platz und Einrichtung für ein Dutzend Gäste. Sie müssen bedenken, Frau Geheimrat, daß alle diese technischen Anlagen für den gelegentlichen Besuch von Regierungskommissionen eingerichtet sind. Ich kann Ihnen nur dringend raten, kommen Sie alle gleich mit, dann bleiben wir schön zusammen.“

Bei diesen Worten hatte die Frau Hauptmann mit einem bezeichnenden Seitenblick auf Marie die Frau Geheimrat angesehen.

Und dann war sie es gewesen, welche die letzten Bedenken des Geheimrats niederschlug und den Stein ins Rollen brachte, das heißt in diesem Falle die Abreise der ganzen Gesellschaft veranlaßte.

Georg Gilbert hatte einen vierundzwanzigstündigen Schlaf hinter sich, als der Apparat in seiner Wohnung zu klappern begann und ihm zahlreichen Besuch für den nächsten Tag anzeigte.

Vergnügt schwenkte er den Papierstreifen des Morseapparates, als er den Dr. Benari zu sehen bekam.

„Seid mir willkommen, Leute, auf daß mein Haus voll werde,“ rief er lustig. „Wir müssen einen feierlichen Empfang an der Landungsstelle inszenieren. Was wollen wir veranstalten?“

Der Doktor schüttelte nachdenklich sein Haupt.

„Hm, ja, was machen wir. Also ad 1 weißgewaschene Ehrenjungfrauen … Ja, das geht leider nicht. Die werden hier bei allem Waschen nicht weiß. Blieben noch Girlanden, ein festliches Transparent und eine Musikkapelle.“

Georg Gilbert hielt sich erschrocken die Ohren zu.

„Um Gotteswillen, Doktor, seien Sie barmherzig. Eine Musikkapelle unserer Fellachen mit ihren Dudelsäcken und Maultrommeln, das ist so ungefähr das schrecklichste, was ich mir denken kann.“

Wieder schüttelte der Doktor nachdenklich den Kopf.

„Na, dann bleiben eben nur die Girlanden übrig. Die können wir in jedem Falle auftreiben.“

Und so blieb es denn bei dieser einzigen Ehrung. Herr Monteur Krause bekam den Auftrag, eine tadellose Dekoration zu beschaffen. Die Erfüllung war nicht eben leicht, denn frisches Grün war in Komombo nicht allzu häufig.

Aber Herr Krause war Monteur mit allen guten Eigenschaften eines Monteurs. Er verstand es, sich auch unter den schwierigsten Verhältnissen das zu beschaffen, was er brauchte. Die Art und Weise, wie er in den Besitz unendlich vieler Palmenwedel gelangte, war vielleicht nicht ganz einwandfrei, und wo er die zwei mächtigen Tamariskenbäume herbekommen hatte, das ließ sich niemals recht feststellen, denn den Hausgarten hatte er nicht geplündert.

Als aber der nächste Mittag herankam, da erhob sich an der Landungsstelle Komombos eine richtiggehende Ehrenpforte. Da standen zwei schlanke große Masten, von denen die deutsche und die englische Flagge wehten. Und um diesen Ausbau schlangen sich reiche Girlanden üppigen Grüns und trugen in der Mitte zwischen den beiden Masten eine Plakette mit der Inschrift: Herzlich willkommen.

Als Georg Gilbert sich den Aufbau besah, mußte er zugeben, daß Herr Krause alles menschenmögliche geleistet habe.

Dann kam der Nachmittag ins Land und stromaufwärts wurde ein grauer Punkt sichtbar. Immer näher und immer näher rückte der heran. Er vergrößerte sich in zehn Minuten zu einem schmucken Dampfschiff, welches jetzt die Sirene heulen ließ und die Fahrt verlangsamte, um endlich an der Landungsstelle festzumachen.

Jetzt wurde die Laufplanke herüber geschoben und Georg Gilbert, der mit dem Doktor Benari allein zum Empfange gekommen war, begrüßte mit einer kräftigen Schwenkung seines Panamahutes die Ankömmlinge. Da schritt als erster der Geheimrat über den Laufsteg. Die hohe breitschultrige Gestalt wie immer stramm aufgerichtet. Auf dem sonnengebräunten Gesicht Gesundheit und Frohsinn. Ihm folgten seine Tochter, ein wenig blasser und ernster als früher, wie es dem Ingenieur schien. Dann kam die Frau Geheimrat, die sich ängstlich an dem Geländer des Steges festhielt und beim Beschreiten desselben erklärte, daß sie keine Lust habe, den Krokodilen als Vespermahlzeit zu dienen. Und den Schluß bildeten die Gerlachs.

Während der Dampfer wieder loswarf und stromabwärts weiter fuhr, begann an der Landungsstelle ein fröhliches Begrüßen und Händeschütteln.

Die Frau Geheimrat betrachtete das Meisterwerk des Herrn Krause, die Ehrenpforte, wohlgefällig durch ihre Lorgnette. Als sie dann aber ihre Blicke weiter schweifen ließ, und volle dreihundert Meter vom Strome entfernt in einer baumlosen Wüstenebene nur einige einfach niedrige Bauten erblickte, da ging etwas wie eine Enttäuschung über ihre Züge.

Aber Georg Gilbert war nicht gewillt, diesen Eindruck die Oberhand gewinnen zu lassen.

„Sehen Sie, gnädige Frau,“ sagte er, „jetzt sieht hier noch alles wüste im wahrsten Sinne des Wortes aus. In einem Jahr wird alles das vom Ufer bis zum Horizont ein blühender Garten sein. Dann werden wie hier repräsentabler sein als jetzt.“

Die Frau Geheimrat nickte zustimmend und Georg fuhr kühner und wärmer fort:

„Wenn man in einem selbstgeschaffenen Königreich wohnen will, so darf man die weniger angenehme und angreifende Zeit der Eroberung nicht scheuen. Lassen Sie nur, Herr Geheimrat,“ wandte er sich an den Gelehrten, der mit der herbeigeilten braunen Dienerschaft einen Disput wegen des Gepäcks begann. „Die Leute sind genau instruiert und werden alles besten besorgen. Und nun mein gnädiges Fräulein,“ fuhr er sich an Marie wendend fort, „heiße ich auch Sie hier bestens willkommen.“

Die junge Dame verneigte sich förmlich auf diesen Gruß.

„Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Aufnahme, Herr Ingenieur. Aber …“

Sie blickte sich fragend um.

„Wo sind denn Ihre englischen Gäste. Ich sehe nur Ihren Freund, den Doktor …“

Der Arzt trat vor und begrüßte nun seinerseits die junge Dame.

„Sir Charles Howard,“ erklärte er, „wollte uns die Ehre und das Vergnügen lassen, unsere Landsleute allein zu begrüßen.“

„Nun und Miß Eveline?“ stieß Marie ungeduldig hervor. „Wollte sie ebenfalls daheim bleiben?“

Dem Doktor saß der Schalk im Nacken. Er hatte durch seine Diagnose, die er seinerzeit dem Ingenieur stellte, ja sattsam gezeigt, daß er den Stand der Dinge recht gut durchschaute. Und beschloß nach seinen Kräften den Gang der Ereignisse zu fördern.

„Miß Howard war lange Zeit nicht so gesund, wie wir es wünschten. Sie hat wochenlang festgelegen und in schwerer Gefahr geschwebt.“

Der Arzt beobachtete während dieser Worte aufmerksam das Minenspiel der jungen Dame und konstatierte mit Befriedigung, daß diese Nachricht ganz und gar nicht den niederschlagenden Eindruck hervorbrachte, den man sonst wohl davon hätte erwarten können.

Und der Doktor beschloß in diesem Sinne weiter zu wirken und schlängelte sich elegant an den Ingenieur heran, dem er in großer Eile einige Instruktionen zuflüsterte. Dann aber ging er weiter und eine Sekunde später umarmte er seine Schwester und drückte sie an sich, daß ihr die Luft auszugehen drohte.

„Fritz, Mensch, Junge, benimm dich,“ rief die Frau Hauptmann „Du hast dich weiß Gott nicht zu deinem Vorteil verändert!“ Und dann nahmen die Gerlachs den Doktor in die Mitte. Marie Ewald schritt neben dem Ingenieur dahin und begann mit diesem die Unterhaltung.

„Ich höre soeben, Herr Gilbert, daß Miß Howard nicht wohlauf sein soll. Ist sie denn schon lange krank und was fehlt ihr?“

Georg Gilbert zuckte die Achseln.

„Das ist eine medizinische Sache, mein gnädiges Fräulein, von der ich nichts verstehe und in die ich mich auch nicht mischen möchte. Mein Freund Benari hat sich da eine Theorie aufgestellt, bei welcher wir Bewässerungstechniker herzlich schlecht wegkommen. Er behauptet, wir brächten allerlei Fieber in das Land und bei Assuan hätte die Geschichte schon angefangen. Das ist natürlich Unsinn. Aber ich will mich mit ihm nicht streiten. Jedenfalls schlug ich ihm damals vor, wenn die Dame das bewässerte Land nicht vertragen könne, so solle sie doch in ein bisher noch unbewässertes Gebiet gehen. Na, das hat sie ja denn auch getan. Sir Charles nahm meine Einladung gern an und so sind Vater und Tochter hier. Aber viel haben wir bisher noch nicht von einander gehabt. Ich habe gearbeitet nicht wie ein Pferd, sondern wie ein ganzer Pferdestall, und Miß Howard ist den größten Teil der Zeit bettlägerig gewesen.“

Marie Ewald hörte diese Erzählung schweigend mit an.

Blitzschnell wirbelten ihr die Gedanken durch den Kopf. Also Georg Gilbert hatte die Engländer selbst eingeladen. Der Herr gab es mit einer souveränen Gleichgültigkeit zu, als ob es gar nichts wäre. Er hatte hier beinahe drei Wochen mit seinen Gästen unter einem Dache gehaust.

Die Geschichte mit der Krankheit war doch sehr unwahrscheinlich. Das konnte ja wahr sein. Aber es konnte auch ebenso gut eine geschickte Erfindung sein. Und der Doktor Benari steckte vielleicht bei der Sache mit im Komplott.

Marie überlegte weiter. Der Arzt war überhaupt ein hinterhältiger Herr. Sie erinnerte sich daran, wie er im Beduinenlager vor Assuan jene Wunderkur ausgeführt und von der Sache gar kein Aufheben gemacht hatte.

Überhaupt, wenn er jenen todkranken, bereits von allen aufgegebenen Beduinen heilen konnte, so mußte es ihm doch ein leichtes sein, ein Unwohlsein jener englischen Dame zu beheben. Sicher war das alles nur ein abgekartetes Spiel, bei dem sie, Marie, die Getäuschte war.

„Nun, warum so ernst und schweigsam, mein gnädiges Fräulein,“ unterbrach sie der Ingenieur, der ihr zuckendes Mienenspiel und ihre ernst werdenden Züge beobachtet hatte. „Seit langem freue ich mich auf Ihren Besuch. Darf ich nicht auch ein wenig Freude von Ihnen erwarten, nachdem Sie nun hier sind?“

Im Herzen der jungen Dame kämpften Gedanken und Empfindungen miteinander. Bisweilen fühlte sie den Wunsch, auf dem Fleck umzukehren und mit dem nächsten Dampfer irgendwohin fortzufahren, Und dann spürte sie doch wieder den dringenden Wunsch, dieses englische Fräulein zu sehen, und sich selbst von deren Befinden zu überzeugen. Und dann dachte sie wieder bei sich: „Das ist doch alles pure Heuchelei, Wer weiß, wie unwillkommen wir ihm sind und wie sehr er uns jetzt vielleicht fortwünscht, um hier ungestört mit seinen englischen Gästen weiter hausen zu können.“

Georg Gilbert aber fuhr fort:

„Ich habe die letzten Wochen nicht schlecht gearbeitet. Es aber auch geschafft, mein gnädiges Fräulein. Meine Anlagen sind fix und fertig und für Sie habe ich ein besonderes Fest geplant.“

„Nach wie vielen vorangehenden anderen Festen,“ dachte Marie bei sich. Der Ingenieur aber fuhr fort:

„Sie sollen dabei sein, wenn wir die Maschinen in Betrieb nehmen, wenn wir die Kanäle über meilenweites Gebiet hin füllen und die ersten Wasser in die Wüste senden. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, was wir hier schaffen, sollen erkennen, daß auch die neue Zeit ihre Berechtigung hat und daß sie auch heute noch von den fruchtbaren Wassern des alten, heiligen Stromes einen guten Gebrauch zu machen weiß.“

Marie Ewald hörte seinen Ausführungen ruhig zu. Doch ihre Vermutungen wurden nur vorübergehend betäubt, aber nicht erstickt. Und schweigsam blieb sie auch als die Gesellschaft am Hause des Ingenieurs anlangte und in die geschmackvoll eingerichteten Empfangsräume eintrat.

Sie hatte wenig Sinn für den großen Saal, der mit wahren Prachtstücken der arabischen Stilkunst ausgeschmückt war, während die Frau Geheimrat ihre Blicke mit Wohlgefallen auf diesen Dingen ruhen ließ, während auch der Geheimrat sie mit dem Wohlgefallen des Kenners betrachtete, weilten die Gedanken Mariens unablässig bei jener englischen Dame, die sie unter demselben Dache mit sich wußte und in der sie letzten Endes eine Rivalin vermutete.

Georg Gilbert beobachtete diese Verschlossenheit, aber er war geneigt, sie auf die Anstrengungen der Reise zu schieben.

„Gnädige Frau,“ wandte er sich an die Frau Geheimrat, „gestatten Sie mir, da sie am Nachmittage gekommen sind, Sie nach guter deutscher Sitte mit Kaffee und Kuchen zu bewirten. Legen Sie hier ab und kommen Sie in mein Speisezimmer. Jawohl, Kuchen,“ fuhr er fort, als er den erstaunten Blick der Frau Geheimrat gewahrte, „Mein brauner Koch stellt einen Streußelkuchen her, wie Sie ihn bei Kranzler in Berlin nicht besser bekommen. Wir wollen die gute deutsche Sitte der Kaffeestunde pflegen und danach die Zeit vor Sonnenuntergang zu einem kleinen Spaziergang benutzen.“

Die Gäste folgten gern dieser herzlich vorgebrachten Einladung und bald saß man gemütlich am Kaffeetisch zusammen.

„Also Sie wollen aus dieser Wüste fruchtbares Land machen?“ fragte der Geheimrat, „Bis jetzt ist es ja der klare niederträchtigste Sand, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe.“

„Nicht ganz, Herr Geheimrat,“ warf der Ingenieur ein. „Der Sand ist zum großen Teil mit gutem fetten Lehm und mit Mergel vermischt. Meine braunen Kerls haben sich ihre Hütten, die wir morgen besuchen können, aus dem Zeug erbaut. Das ist immerhin schon etwas besser, als der klare Sand.“

„Ja, wo steckt denn eigentlich Fritz?“ warf Frau Gerlach jetzt ein. „Er ist doch mit uns bis zum Tisch gekommen und nun schon wieder verschwunden. Der junge Mann hat auch verzweifelt wenig Ruhe im Leibe. Wissen Sie nicht, Herr Gilbert, wo mein Bruder steckt?“

„Ich weiß es in der Tat, gnädige Frau, oder ich vermute es doch jedenfalls mit großer Sicherheit,“ erwiderte der Ingenieur. Und dabei machte er ein Gesicht, wie jemand, der ein großes Geheimnis kennt, aber es nicht verraten darf.

Die Frau Hauptmann warf ihm einen prüfenden Blick zu und allerlei Gedanken schossen ihr durch den Kopf.

„Wo stecken denn Ihre englischen Gäste?“ fragte sie ganz unvermittelt.

Der Ingenieur wurde der Antwort enthoben, denn gerade jetzt öffnete sich die Tür und Doktor Benari erschien und führte Miß Eveline am Arm. Hinter ihnen wurde die hohe Gestalt des Obersten sichtbar.

Auf die hier versammelte Gesellschaft machten die Ankömmlinge einen sehr verschiedenartigen Eindruck.

Der Herr Hauptmann setzte seine Kaffeetasse nieder und sagte fassungslos: „Na nun?“ Die Frau Hauptmann sagte mehr zu sich selber: „Also doch!“

In dem Kopfe Marie Ewalds aber führten die Gedanken im Zeitraume einer Sekunde einen ganzen Wirbeltanz auf.

Diese beiden haben also doch gelogen, war ihr erster Gedanke, als sie die junge Engländerin aufrecht und frisch daherkommen sah.

„Das unausstehliche Ding hat sich also doch einen erobert!“ folgerte sie weiter, „Aber, Gott sei Dank, es ist dieser Bazillenonkel, dieser giftmischende Doktor und nicht Georg Gilbert“, war, ihr selber nicht ganz scharf bewußt, die dritte Idee. Und dann hörte sie, wie noch einer kurzen Vorstellung der Personen, soweit sie noch nicht miteinander bekannt waren, die sonore Stimme des Obersten ertönte und wie er nun offiziell die Verlobung seiner Tochter mit dem Arzt bekanntgab.

Ein Stimmengewirr erhob sich darauf, Stühle wurden zurückgeschoben und Glückwünsche dargebracht.

Nur die Schwester des neugebackenen Bräutigams blieb noch eine Weile ruhig auf ihrem Stuhl sitzen und überlegte, während ihr Blick unverweilt an der Gestalt ihrer zukünftigen Schwägerin hing.

Was hatte der Oberst gesagt? Er hatte den Bräutigam als Doktor Benari bezeichnet. Aber dann hatte er noch einen langen englischen Titel daran gehängt. So etwas wie delegato und commissioneer of the medical department of the state hatte die Frau Hauptmann verstanden. Und als praktische Frau beschloß sie, sich sobald als möglich Aufklärung über diesen Punkt zu verschaffen. Vorläufig aber erhob sie sich, schritt auf die junge Engländerin zu und schloß sie in ihre Arme.

Und dann kam der Moment, wo auch Marie Ewald ihre Glückwünsche darbrachte. Und die Frau Geheimrat konstatierte mit Genugtuung, daß das mit ungekünstelter Herzlichkeit geschah.

„Dieser Stein des Anstoßes und des Ärgernisses wäre so aus dem Wege geräumt,“ dachte sie bei sich. „Ich bin neugierig, ob die Dinge nicht auch weiter gut gehen werden.“

Man ließ sich wieder an der Tafel nieder und das Brautpaar bildete den Mittelpunkt der Gesellschaft, wie das ja in der Natur der Dinge liegt.

Die Frau Hauptmann aber wandte sich an den Oberst.

„Sagen Sie, Herr Oberst, was haben Sie meinem Bruder vorhin für einen englischen Titel gegeben?“ fragte sie ihn.

Der Doktor horchte erstaunt auf. Er hatte von alledem bis dahin kein Wort vernommen. Und auch Miß Eveline sah ihren Vater fragend an.

Eine kurze Weile amüsierte sich der Oberst über das Erstaunen seiner Umgebung. Dann zog er ein umfangreiches Schriftstück hervor, entfaltete es und schob es dem Arzte hinzu.

„Ihre Berufung, lieber Doktor, in das britisch-ägyptische Gesundheitsamt,“ erklärte er. „Das Dokument ist vor vier Stunden angekommen. Sie müssen morgen nach Alexandria fahren und sich vorstellen. Wir beide werden zusammen reisen. Meine Tochter kann unter dem Schutze Ihrer Schwester hier bleiben,“

Die Frau Hauptmann nahm das Dokument an sich und begann; Seite für Seite durchzustudieren. Sie fand mancherlei, was sie interessierte, aber nicht das, was sie suchte. Sie wußte von Deutschland her, daß es im Staatsdienste gerade für die jungen Herren Stellungen gibt, die zwar einen sehr ansehnlichen Titel, aber nur sehr mäßige Einkünfte bieten. Und sie wußte daher, daß das Vermögen ihres Bruders während seiner langwierigen Studienzeit nicht eben größer geworden war.

Wie sie das Schriftstück zurückgab, fragte sie kurz entschlossen:

„Sagen Sie, Herr Oberst, wie wird die Stellung honoriert?“

Der Oberst lächelte.

„Ach so, gnädige Frau! Sie denken an deutsche Verhältnisse, wo jeder Beamte sein bestimmtes Einkommen hat. Das ist bei uns anders. Wir werden nach Alexandria fahren und unsere Bedingungen stellen. Ich denke, Mr. Benari wird ein Fixum von viertausend Pfund, und Ersatz der laufenden Spesen nehmen.“

Die Frau Hauptmann nahm im Kopfe schleunigst eine Umrechnung vor. Viertausend Pfund, das waren ja mehr als achtzigtausend Mark. Damit konnte er auch in Ägypten recht gut leben.

„Ja, werden denn solche Gehälter bezahlt?“ fragte sie zweifelnd.

„Es kommt alles auf die Verhältnisse und die Leute an, gnädige Frau. Beispielsweise bekam Robert Koch für seine Studien im Betschuanaland pro Tag fünfzig Pfund.“

Die Frau Hauptmann fiel in ihren Stuhl zurück.

„Tausend Mark pro Tag, das sind ja dreihundertfünfzigtausend Mark im Jahre,“ stammelte sie. „Das ist kolossal.“

„Es ist nicht so gefährlich, gnädige Frau. Koch mußte von der Summe freilich die Unkosten seiner Expedition bestreiten, so daß vielleicht nur ein Drittel oder gar ein Viertel für ihn übrig blieb.“

„Aber das sind doch riesige Summen, Herr Oberst.“

„Sie sind gut angelegt,“ erwiderte der Engländer. „Früher starben uns dort in jedem Jahre Hunderttausende von Rindern an der Pest. Seit den Arbeiten von Robert Koch sind die Verluste sehr gering geworden. Und wenn ich es mir genau überlege, weiß ich nicht, ob wir bei der Wichtigkeit der neuen Erfindung für Mr. Benari nicht besser noch mehr verlangen.“

„Nehmen Sie um Gotteswillen alles, was Sie bekommen können,“ dachte die Frau Hauptmann bei sich. Laut aber sagte sie:

„Das muß natürlich Ihrer Sachkenntnis überlassen bleiben, Herr Oberst.“

Bald wurde es Zeit, daß man die Tafel aufhob und die Gäste sich in ihre Räumlichkeiten zurückzogen und von den Anstrengungen der Reise erholten.

* *

*

Die Sonne des nächsten Tages sah im Kraftwerk von Komombos fröhliche und lustig plaudernde Menschen. Bereits in der Frühstunde hatte der Oberst mit seinem Schwiegersohn in spe auf dem Regierungsdampfer die Reise stromaufwärts angetreten. Nun führte Georg Gilbert seine Gäste durch sein Reich. Sie betraten den Maschinenraum und sahen, wie die große Dampfmaschine arbeitete, wie sie in blitzendem Spiel die stahlblanken Glieder bewegte und rastlos die Pumpen antrieb.

Es gibt wohl kaum einen Menschen, auf den eine mächtige tadellos arbeitende Maschine nicht einen gewissen Eindruck macht. Wohl auf jeden wirkt solch ein Sieg menschlichen Schaffens und menschlicher Intelligenz über die Materie erhebend und befreiend.

Mit glänzenden Augen verfolgten die Gäste die Erklärung, welche Georg Gilbert hier an Hand eines Planes gab. Er zeigte, wie die Maschinen hier tagtäglich einen ganzen mächtigen See aus dem Nilstrom schlürften und die Wassermengen meilenweit durch die Wüste verteilten.

Marie Ewald kam zum ersten Mal in ihrem Leben in eine solche Stätte des modernen Industrialismus, und eine ganz neue Weit schien ihr hier aufzugehen.

Gewiß, diese Bauwerke waren nur klein, waren beinahe unscheinbar und ärmlich gegenüber den Riesenbauten der alten Pharaonen, die da nur wenige Kilometer entfernt in der Wüste lagerten. Aber welche Riesenkräfte waren hier auf engem Raume zusammengedrängt, aus einem Gebäude, welches kaum zwanzig Meter im Quadrat maß, strömte die befruchtende Kraft über Quadratmeilen dahin. Diese modernen Menschen schöpften die Lebenskraft aus dem alten heiligen Strom und gossen sie weithin über die durstige Wüste.

Das war doch etwas anderes, als das Studium der alten Trümmer.

Der alte Satz des deutschen Dichters kam Marie Ewald in den Sinn: „Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner(9) zu tun.“

Könige hatten einst jene ragenden Pyramiden und Obelisken errichtet. Aber was waren die, die da heute durch dunkle Gänge und Trümmerfelder schlichen und jeden alten Stein umdrehten, am Ende schließlich anders als armselige Kärrner.

Dann schritt man durch die Wüste dahin. Auf glühendem knisterndem Sand entlang. Aber am Ufer eines künstlichen Flusses, der aus dem modernsten aller Baustoffe, dem Eisenbeton, gefügt, seinen Weg geradeaus in die Wüste nahm. Und im Bette dieses neuen Stromes eilten die Nilwasser rauschend und plätschernd dahin, einem unbekannten Ziele entgegen.

Marie Ewald ließ ihre Blicke den strömenden Fluten nachfolgen. Und es kam ihr die Idee, daß hier wieder Könige wohnten und bauten, die Eroberer eines uralten und lange verloren gewesenen Kulturlandes.

Seit Jahren war sie es gewohnt gewesen, daß alle Bauten, die sie irgend interessierten, seit Jahrtausenden schon standen. Sie war mit der Idee vertraut und gewissermaßen verwachsen, daß solche Mauern und Säulen schon zu Christi Zeiten, ja zu den Zeiten von Salomo und Abraham für die Ewigkeit gefügt dagestanden hatten. Und sie war es gewohnt, zu götterähnlichen mythenhaften Weisen emporzublicken, die von Göttern stammten und auf Götter gefolgt waren.

Und nun schritt sie hier auf den mächtigen Uferquadern eines quer durch die Wüste rauschenden Stromes entlang und vernahm die Erklärungen aus dem Munde des Bauherrn selber. Sie hörte, daß hier noch vor einem Jahr die verdurstete, totbringende Fläche sich ununterbrochen dahingezogen habe. Sie ließ sich erzählen, wie die Arbeiterkolonnen hier vorgestoßen wären, wie man den Leib der Wüste mit gigantischen Excavatoren(10) aufgerissen hatte, wie sich Eisen und Beton zu einem neuen Flußbett verbanden, und wie dann die Maschinen ihre Arbeit begannen und ohne Ruhe und Rast das Wasser des Lebens in die Wüste warfen.

Ihre Blicke hingen an den Lippen des Ingenieurs, der alles das erzählte, während sie am neuen Strom dahinschritten.

Schon lag das Kraftwerk klein und winzig am Horizont. Und nun begann jener wunderliche Strom, der vom Tale zu den Bergen hinfloß, sich zu verzweigen. Hier und dort gabelte sich ein kleinerer Kanal ab und stieß rechtwinkelig in die Wüste.

Man war genötigt den Zweigen zu folgen, wenn man nicht über den Fluß setzen wollte. Und dann wurden aus den Flüssen Bäche, und aus den Bächen Rinnsale. Und endlich an den äußersten Enden des ganzen Systems flutete das Nilwasser frei aus dem steinernen Gefängnis in die offene Wüste. Es lief hierhin und dorthin, bildete tausenderlei wunderliche Figuren und verschwand endlich im warmen Sande.

Sinnend folgte Marie Ewald dem Laufe des Wassers, das da scheinbar für immer verloren ging, versickerte und verdunstete.

Wie im Traume vernahm sie die Erklärungen Georg Gilberts, daß das der erste Kampf gegen die Wüste sei, daß erst seit vierundzwanzig Stunden die Wasser in den Sand strömten. Sie vernahm, daß dieser Kampf durch die nächsten Monate ununterbrochen weiter gehen würde, der harte und erbarmungslose Kampf zwischen der seit Jahrtausenden durstigen Wüste hier und der tausendpferdigen Maschine, die da unten am Strome stand, in jeder Sekunde viele tausend Liter in den Sand warf.

Sie vernahm, daß im Herbste endlich der Riesendurst gestillt sein werde, daß dann neues Leben auf jenem so lange scheintoten Boden beginnen würde.

Und dann fiel ihr Blick wieder auf den brennenden Sand, und sie glaubte, hier und dort in der Nähe des lebenspendenden Wassers ein grünes Spitzchen zu erblicken.

„Das Land ist lebenswillig,“ erklärte Georg Gilbert, der ihren Blicken gefolgt war. „Schon vierundzwanzig Stunden haben genügt, um Keime, die irgendwo und irgendwie in diesem Sande lagen, zum Leben zu erwecken. Schon lange, bevor wir selber zum Pflanzen kommen, wird das Land hier grünen, werden hier Keime wurzeln, die so lange auf das lebende Wasser warteten.“

Wieder und immer wieder ließ Marie Ewald ihre Blicke über diese fremdartige Umgebung schweifen. Sie sah nicht mehr den grauen alten Tempel inmitten der Wüste. Sie sah das neue Leben, welches hier entstehen sollte und es schien ihr, als ob das alles viel schöner und viel großartiger sei, als alle die alten Pyramiden und Obelisken zusammen.

Sie glaubte selbst ein solcher Keim zu sein, der da lange, lange Zeit im glühenden Sande gelegen und gewartet hatte, und der nun endlich, nach so vielen Jahren, die Fluten des heiligen Stromes spürte.

Dann führte der Weg weiter, von den Rinnsalen und Bächen hinweg. Aber die Wüste begann nicht von neuem. Man schritt nicht mehr über den glühenden losen Sand, sondern über festen feuchten Boden, und weithin dehnten sich üppig grünende Felder. Höher und höher wurden die tiefgrünen Baumwollstauden zu beiden Seiten des Weges. Dattelpalmen und Tamarisken mischten sich dazwischen und spendeten kühlenden Schatten.

Erstaunt betrachtete Marie Ewald diese Wandlungen.

„Wir sind durch acht Jahre geschritten,“ erklärte Georg Gilbert. „Wir sind jetzt im Bereich der ersten Anlage, die 1904 errichtet wurde. Hier wirken die Wasser schon seit langem. Hier ist die Wüste schon seit Jahren besiegt.“

„War das einmal Wüste?“ fragte Marie Ewald erstaunt.

Da reckte sich Georg Gilbert empor.

„Vor zehn Jahren lag hier toter, hartgebrannter Sand. Kein grüner Halm war zu sehen. Nur die Schädel und Knochen längstvergangener Menschen, die im Sonnenbrande ein trostloses Ende gesunden hatten … Und heut‘, heut‘ habe ich das Land erobert und mir untertan gemacht, soweit ich es wollte, soweit es mir gefiel, meine Kanäle zu bauen, meine Maschinen wirken zu lassen.“

Gerade jetzt führte der Weg an einem mächtigen Gebüsch der immergrünen Tamarisken vorüber.

Georg Gilbert blieb stehen.

„Sehen sie,“ rief er, während er Marie Ewald am Arme zurückhielt. „Die Bäume vom Grabe des Osiris. Wenn Sie so wollen, das Grab des Osiris selber. Aber ich kann Ihnen die fröhliche Kunde geben, die schon einmal im Jubel durch Ägypten ging. Das Grab ist leer. Jener alte Gott der fruchtbaren Naturkraft, der hier so lange im glühenden Sande verscharrt lag, der neben den vertrockneten Überresten der alten Könige schlummerte, ist wieder auferstanden. Er lebt und Sie sehen sein Wirken, soweit die Ebene hier in grünender Pracht steht.“

Marie Ewald schwieg. Sie fühlte sich besiegt und hingerissen. Sie spürte, daß es doch etwas Großes und Gewaltiges um dieses Kulturwerk des zwanzigsten Jahrhunderts war, und daß diese modernen Baumeister sich ohne Stolz und Überhebung den alten Pharaonen an die Seite stellen konnten.

Und sie wehrte sich nicht, als Georg Gilbert sie jetzt fest an sich zog.

Sie sah in diesem Augenblick ihren Stolz und die Errungenschaften ihrer langjährigen Arbeit zusammenstürzen, aber sie spürte darob kein Bedauern. Sie gab sich willig dem Manne, dessen Lebensarbeit sie nach so langem Streiten und Widerstreben voll zu schätzen gelernt hatte.

* *

*

Drei Monate sind seit jenem Besuche in Komombo ins Land gegangen. Das Jahr ist im Sinken und der uralte heilige Strom im immer wiederkehrenden Wechsel im Steigen begriffen.

Wild umtoben die Fluten der Insel Elephantine, und nur die kräftigsten, maschinenstarken Motorboote vermögen sich ihren Weg durch die Wasser zu der Insel hinzubahnen.

Drohender und trutziger denn je erhebt sich der mächtige Staudamm, gewaltig erhöht in diesen letzten Monaten. Tief bis zum Urgebirge herunter reichen seine granitenen Wurzeln, und seine Kraft spottet der Fluten, die da gurgelnd und brausend vom Süden daherströmen. Seine Granitpfeiler zerschmettern die anstürmenden Wogen, daß das Wasser in weißem Gischt emporsprüht.

Aber noch stehen seine Tore weit offen. Aus der langen ragenden Wand sprüht und sprießt das Wasser an hundertachtundsechzig Stellen. In hundertachtundsechzig langen brausenden, weißschäumenden Streifen eilt der Strom durch das trotzige Sperrwert hindurch. Zerspalten und zersplittert, aber noch ungehindert.

Vorgestern und gestern war es noch anders. Da sahen die Strudel noch gelb aus, und vor einer Woche schimmerten sie sogar braunrot. Das ist jetzt vorbei. Kristallklare Fluten schickt Äthiopien jetzt ins alte Pharaonenland.

Auf der Terrasse des Savoy-Hotels sitzt in der Stunde des Sonnenunterganges eine fröhliche Gesellschaft beisammen. Der alte Geheimrat Ewald, der immer noch auf der Jagd nach Hieroglyphen und Papyrusse ist. Seine Frau, die ein gutes Teil ihrer früheren Unbeholfenheit verloren hat.

Daneben ihre Tochter Marie, Aber jetzt nicht mehr Fräulein Marie Ewald, sondern Frau Marie Gilbert. Die Trauung hat vor einer Woche in Alexandrien stattgefunden. Dann aber zog es die Neuvermählten mächtig zurück zu jener Stelle, wo sie sich zuerst sahen und kennen lernten.

So sitzen sie, der Ingenieur und seine Frau, hier im Kreise lieber Freunde, während in Komombo fleißige Hände an der Arbeit sind, ihr Heim zu schmücken.

Herr Monteur Krause hat, was er nur selten tut, sogar einen Brief geschrieben, in welchem er mitteilt, daß alles ganz erstklassig und tipp-topp würde. Herr Krause hat für bestimmte Sachen keine bestimmten Ausdrücke.

Und dann sitzt da noch der Herr Hauptmann Gerlach, dicker und bequemer und trinklustiger denn je. Die Frau Hauptmann meint, es sei die allerhöchste Zeit, daß er wieder auf die Löwenjagd in die Wildnis ginge, sonst würde er am Ende noch jegliches Fasson verlieren.

Der Herr Hauptmann will gerade etwas erwidern, als vom Staudamm her ein dumpfes Grollen und Donnern durch den dämmerigen Abend herüberdringt.

Marie Gilbert ist erschrocken zusammengefahren. Aber ihr Gemahl gibt schnell eine beruhigende Erklärung.

„Das erste der hundertachtundsechzig Tore ist geschlossen worden. Wir werden den Donner in den nächsten vierundzwanzig Stunden noch hundertsiebenundsechzig Mal hören. Jetzt ist die freie Zeit des Stromes vorbei. Jetzt wird er wieder gefesselt und gefangen und muß seine Kräfte für das kommende Jahr sparen.

Der Ingenieur hat kaum geendet, als wieder der ferne Donner über den Strom daherkam.

„Tor Nummer zwei!“ sagte er ruhig. „Es rasselt ein wenig, wenn die hundert Zentner schweren Stahlplatten sich schließen. Aber dafür halten sie den ungebärdigen Strom auch sicher auf.“

Der Abend schritt weiter vor und Dunkelheit lagerte sich über dem Strom. Die elektrischen Bogenlampen auf der Veranda flammten auf, und jetzt im Oktober konnte man hier so bequem und behaglich sitzen, wie in Europa nur im Hochsommer.

„Wann gedenken Sie nach Deutschland zurückzukehren?“ fragte Frau Gerlach den Geheimrat. Unschlüssig schüttelte der den Kopf.

„Ich habe noch unmenschlich viel zu tun. Seitdem mir meine Tochter nicht mehr hilft … und dabei traf sein Blick halb lustig halb vorwurfsvoll die Genannte … seitdem geht es gar nicht mehr so recht vorwärts. Ich könnte noch Jahre lang hier bleiben.“

Da aber richtete sich die Frau Geheimrat energisch auf. Sie war nicht umsonst bei Frau Gerlach in die Schule gegangen.

„Heinrich,“ sagte sie, „du willst dich gütigst erinnern, daß du noch zwei Söhne hast, die ihren Vater schon seit vielen Monaten nicht mehr gesehen haben. Es wäre ja noch schöner, wenn sie das Weihnachtsfest ohne uns verleben sollten.“

„Sie könnten ja in den Ferien hierherkommen“, meinte der Geheimrat ein wenig kleinlaut. Nun aber wurde die Frau Geheimrat lebhaft.

„Aber Heinrich,“ rief sie, „ich verstehe dich überhaupt nicht mehr. Hast du denn gar keine Sehnsucht nach Deutschland, nach schneeigen Winternächten und dunklen Tannenbäumen.“

Und als der Geheimrat auch darauf schwieg, schloß sie ihre Rede sehr peremptorisch. „Wir kehren doch jedenfalls so zurück, daß du deine Vorlesungen im Wintersemester wieder aufnehmen kannst.“

„Und wie denken Sie über die Heimkehr nach Deutschland?“ fragte die Frau Hauptmann den Ingenieur.

Der aber winkte ab.

„Nein, meine verehrteste gnädige Frau, wir bleiben die nächsten hundert Jahre hier in unserem selbstgeschaffenen Reich. Wir wollen die Palmen und Tamarisken auf dem neuen Lande wachsen sehen.“

Und als ihm der Geheimrat einen Blick zuwarf, der von Neid nicht ganz frei war, fuhr er fort:

„Nicht wahr, Schwiegervater, wen das alte Pharaonenland einmal erst recht gefaßt hat, den läßt es sobald nicht wieder los.“

Darauf hatte nun die Frau Geheimrat einiges zu brummen und zu knurren, wie es einer ordentlichen Schwiegermutter ja auch schließlich von Rechts wegen zukommt.

Aber Georg Gilbert wußte sie zu trösten.

„Denken Sie doch an Sir Charles Howard,“ rief er. „Dessen Tochter und Schwiegersohn sitzen tief unten im Sudan an der Grenze des Kongolandes und haben alle beide auch nicht die geringste Absicht, sobald wieder von dort fortzugehen.“

Dies Argument beruhigte nun zwar die Frau Geheimrat, aber dafür erregte es die Frau Hauptmann.

„Mein geliebter Bruder war von jeher ein verwunderlicher Querkopf,“ meinte sie, „und es empfiehlt sich wirklich nicht, seine Handlungen als Vorbilder hinzustellen. Obwohl er ja, das geht aus dem letzten Brief von Eveline Benari hervor, dort unten ganz glücklich und verständig zu sein scheint. Nur beklagt sich die junge Frau, daß er tagelang Fliegen fängt …“

Die Frau Hauptmann wollte in ihrem Bericht fortfahren, als wieder das Dröhnen eines Schleusentores durch den Raum tönte.

Im gleichen Augenblicke drang eine kräftige Männerstimme vom Seitentisch an das Ohr Georg Gilberts.

„Zum Donnerwetter, Herr Ober! Was ist das hier für ein nichtsnutziger Skandal bei Euch!?“

Marie Gilbert drehte sich indigniert um.

„Da ist ja dieser gräßliche Berliner wieder,“ flüsterte sie ihrem Gatten zu. „Er wird uns den ganzen Abend verderben.“

Aber Georg Gilbert lachte vergnügt.

„Du kennst den Mann noch nicht und weißt nicht, was ich ihm verdanke,“ erwiderte er dann. „Wenn er mir nicht geholfen hätte, dann hätte ich meine Maschinen nicht aufstellen können. Dann hätte ich dir mein Werk nicht vollendet zeigen können, und wer weiß, wie dann alles gekommen wäre.“

Nach diesen Worten stand der Ingenieur auf und schüttelte dem Berliner die Hand. Ohne weiteres zog er ihn an seinen Tisch und rief:

„Herrschaften, jetzt brechen wir zur Ehre meines Freundes Gottlieb Schulze noch einigen Flaschen Sekt den Hals. Sie glauben gar nicht, was für ein edeler Kern in dieser rauhen Schale steckt.“

Der Berliner schnitt ein süß-saures Gesicht. Er schien von dem Werte dieses Komplimentes nicht allzu sehr erbaut zu sein. Aber er kam zu gar keiner Erwiderung, denn am Tische erhob sich jetzt eine lebhafte Debatte über den Vorschlag des Ingenieurs.

Die Frau Hauptmann war sehr dagegen und meinte, man könne auch ohne Champagner vergnügt sein.

Aber der Hauptmann war sehr dafür. Und Herr Schulze sagte: „Es soll mir eine Ehre sein!“

 

— Schluss —

 

 

Anmerkungen:

(1) eingenässt

(2) Bakterien

(3) Aufmarsch von Reitern

(4) Lamm- und Schaffleisch

(5) Auch faranji, fereng. Leitet sich von Franke ab und bedeutet soviel wie Europäer.

(6) Pour prendre congé, frz. zum Abschied, Vermerk auf Visitenkarten

(7) Abwertend: altes Buch oder Urkunde

(8) Vorlage: Wadikomombo. Die Schreibweise wechselt zwischen Wadi-Kom-Ombo und Wadikomombo. Vereinheitlicht auf Wadi-Kom-Ombo.

(9) Fuhrleute

(10) Bagger