
Der Detektiv
Kriminalerzählungen
von
Walter Kabel.
Band 156:
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1925 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin
1. Kapitel.
Der Brief aus Rügen.
Wir hatten damals ein paar Erholungstage wirklich nötig. Das ebenso interessante wie vielseitige Problem, das ich unter dem Titel „Der Traum der Lady Gulbranor“ im vorigen Band geschildert habe, hatte selbst Haralds robusten Nerven ein wenig geschadet. Wir erholten uns jedoch in dem behaglichen Heim der Lady in Bawalar sehr schnell, und nach fünf Tagen meinte Harst morgens zu mir, daß es nun wohl an der Zeit sei, an die Heimreise zu denken.
Gerade an diesem Tage erreichte uns dort in der kleinen Residenz des Fürstentums Bawalar am Nordrande der indischen Thar-Wüste ein Brief eines deutschen Gutsbesitzers. Dieses Schreiben war vier Wochen unterwegs gewesen. Die ursprüngliche Adresse „Harald Harst, Berlin Schmargendorf, Blücherstraße 10“ war von Haralds Mutter ergänzt worden. So erhielten wir den Brief denn einen Monat später hier in Bawalar. –
Während ich dies niederschreibe, liegt Herrn von Platens Brief neben mir. Ich gebe ihn also wortgetreu wieder:
Rittergut Sellinhof, Post Seebad Sellin,
Insel Rügen, den 8. Mai 192…
Sehr geehrter Herr Harst!
Sie werden gestatten, daß ich Ihnen Mitteilung von höchst eigentümlichen Vorgängen mache, für die ich keine einleuchtende Erklärung finde. Sollte Ihre Zeit es zulassen, einmal einige Zeit auf einem ländlichen Besitz zuzubringen, so sind Sie und Ihr Freund Schraut hiermit freundlichst zu mir eingeladen. Vielleicht interessiert Sie das, was ich zu erzählen habe. Vielleicht steckt weit mehr dahinter, als ich als schlichter Agrarier(1) annehme.
Herr Harst, ich bin mein Lebtag außerordentlich schreibfaul gewesen und daher, was Briefstil angeht, nicht sehr gewandt. Ich schreibe also so, wie mir der Schnabel gewachsen ist …
Über mich: Junggeselle, sechzig Jahre, Besitzer von sechstausend Morgen Land nebst Zubehör, eifriger Jäger, eifriger Segler, denn mein Gut stößt an das Meer, und das Gutshaus liegt keine tausend Meter vom Strande ab. – Dazu Freund eines guten Tropfens und lustiger Gesellschaft.
Über die Sache selbst:
Ich war am zweiten Mai nach Berlin gefahren, wollte einen neuen Motorpflug kaufen und mal wieder Berliner Luft atmen, die trotz Staub und Benzingestank mich immer wieder lockt.
Habe da entfernte Verwandte in Berlin, denen es mordsschlecht geht: Witwe eines Vetters nebst zwei Töchtern. – Bei denen wohne ich immer und nehme ihnen dann ein anständiges Freßpaket mit, das für zwei Monate langt.
Also ich wohnte wieder bei Henriette, Charlottenburg, Waitzstraße 26, Gartenhaus rechts zwei Treppen … –
Meine Nichten, wie ich sie nenne, waren bisher Tippfräuleins gewesen, aber abgebaut worden – am ersten April. So hatte Henriette denn vernünftigerweise ein Zimmer vermietet.
Und damit kommen wir auf den Kern der Sache …
Nämlich den Mieter …
Der junge Mann ist ein Amerikaner aus Chikago, der hier in Deutschland Medizin studiert – an der Berliner Universität.
Kein Jüngling mehr. Schätze ihn auf dreißig (denke eben dran, dreißig stimmt, denn es stand in der polizeilichen Anmeldung).
Also dieser Mr. Harry Longfield zog am zweiten April ein. Forscher, netter Kerl so weit. Nur ein Bummler. Kommt selten vor Morgengrauen heim. Im übrigen pünktlicher Zahler, ruhig, still und stets darauf bedacht, den Mädels und Henriette eine kleine Freude zu machen: Konfekt, Theaterkarten – und so weiter. Wie gesagt: netter Kerl!
Aber: das dicke Ende kommt nach! – Er hat zwei mächtige Koffer in seinem Zimmer. Und als Wera, die ältere meiner abgebauten Nichten, am fünfzehnten April mittags in Longfields Anwesenheit das Zimmer aufräumte, da hatte der Chikagoer die Schlüssel des einen Koffers stecken lassen.
Mädels sind neugierig. Also Wera öffnet das Kofferungetüm und findet darin nichts als einen riesigen Schlüssel aus Pappe, aus zwei Teilen bestehend …
Riesig – eben eine Schlüsselattrappe, mit hellgrauem Papier beklebt, unterhalb des Bartes zwei Löcher … Und unten der Schlüsselgriff nur halb, zwei gebogene Röhren, die mit Leinwand beweglich an das Hauptstück angeklebt sind, – beide Teile der Attrappe etwa anderthalb Meter lang und das Mittelstück mit einem Durchmesser von gut fünfzig Zentimeter.
Wera denkt an ein Maskenkostüm oder derartiges und verschließt den Koffer wieder.
Das war am fünfzehnten mittags.
Abends fragt Longfield die Mädels vorsichtig so von hinten herum aus, ob sie etwa den Koffer geöffnet haben.
Sie merken’s und schwindeln natürlich, und der Chikagoer ist beruhigt.
Am achtzehnten liest Wera in der Zeitung, daß ein Polizeiwachtmeister (jetzt heißen sie Schupo, früher hießen sie „Blaue“) nachts einem Mann angehalten habe, weil ihm dessen großes Paket auffiel … Der Mann versetzte dem Schupo einen kunstgerechten Kinnhaken (so nennt man ja wohl einen Boxhieb), warf das Paket weg und kniff aus. Der Schupo erholte sich, öffnete das Paket und fand darin … – raten Sie, was, Herr Harst?! – Nun – eine riesige Schlüsselattrappe, nichts weiter. –
So war es in der Zeitung zu lesen. Wera ist nun keineswegs auf den Kopf gefallen. Sie dachte sofort an Longfield – eben, daß der Chikagoer vielleicht der Boxer gewesen. Aber das stimmte nicht, denn Harry Longfield glich in keiner Weise der Beschreibung, die dann abends in der Zeitung von dem Boxer veröffentlicht wurde.
Henriette und die Mädels vergaßen die Sache, bis – ich in der kleinen Wohnung als Gast erschien. Mir erzählten sie es, und Henriette meinte, eigentlich hätte man wohl der Polizei melden sollen, daß Longfield in seinem Koffer eine gleiche Schlüsselattrappe aufbewahre. –
Werden Sie – nicht ungeduldig, Herr Harst. Mein Geschreibsel wird sehr bald recht spannend …
Wie gesagt: am zweiten Mai traf ich in Berlin ein. Am dritten abends hatten wir mit alten Bekannten eine ziemlich schwere Sitzung bei Kempinski. Ich hatte mich etwas übernommen, und als ich um halb zwei das Haus Nr. 26 aufschließen wollte, merkte ich, daß ich die Schlüssel vergessen hatte … Ich schlenderte vor dem Hause hin und her, wartete auf einen Schließer, der mir öffnen sollte.
Und da – kam jemand aus Nr. 26 heraus … Ich hatte den Chikagoer schon kennen gelernt, erkannte ihn sofort. Er trug ein mächtiges Paket in der Hand.
Wenn ich nun nicht so viel Alkohol im Schädel gehabt hätte, wäre mir nie im Leben der Gedanke gekommen, dem Amerikaner zu folgen …
Aber damals hatte die schwere Sitzung mir einen höchst sonderbaren Unternehmungsgeist eingeflößt. Jedenfalls: ich spielte zum ersten Mal in meinem Leben so was Ähnliches, wie Sie es sind, Herr Harst: Detektiv!
Der Chikagoer hatte mich nicht gesehen, bestieg ein Mietauto – ich auch …
Um nicht zu weitschweifig zu werden: ich konnte dem Amerikaner bis zur Müllerstraße im Norden Berlins folgen … Dort verschwand er, nachdem er das Auto vorher hatte halten lassen, in einem kleinen Häuschen, das mitten in einem verwilderten Garten liegt.
Wie ich noch so auf der anderen Straßenseite hin und her bummle, kommt ein zweiter Mann – auch mit solch einem Riesenpaket, schlüpft in den Garten – ist weg …
Und – noch vier weitere kamen … Dann war’s Schluß.
Inzwischen hatte sich mein Schädel etwas ausgelüftet, und wie ich mir eine Zigarre anstecken will, finde ich neben der Zigarrentasche die „vergessenen“ Schlüssel …
Ich hatte nun genug von diesem Abenteuer, fuhr heim und schlief bis elf Uhr. – Nachmittags gegen sechs kam die Abendzeitung. Und – da finde ich zu meinem Schreck in dem Blatt eine Meldung über einen Mord in der Müllerstraße: im Garten eines baufälligen leerstehenden Häuschens hat man morgens einen Mann tot aufgefunden – zwei Messerstiche ins Herz!
Ich lese und lese … Und immer klarer wird mir da, daß es sich um dasselbe Häuschen handelt …
Aber ich sage Henriette und den Mädels nichts davon, denn ich hatte ihnen ja auch mein Abenteuer verschwiegen, außerdem für diesen Abend Karten für die Skala besorgt, für das Varieteetheater …
Trotzdem ließ mir die Geschichte keine Ruhe. Ich wußte, daß der Chikagoer zu Hause war. Ging also zu ihm hinein …
Und – das war, unter uns gesagt, eine ungeheure Dummheit.
Ich wollte mal prüfen, ob er verlegen werden würde, wenn ich ihm erzählte, daß ich ihn in der Nacht mit einem Paket das Haus habe verlassen sehen …
Longfield spricht perfekt deutsch.
Aber – verlegen wurde er nicht … Meinte nur, er sei allerdings noch ausgegangen … Er habe einem Bekannten etwas gebracht …
Wir redeten dann noch eine Weile von anderen Dingen … Ich verabschiedete mich.
In der Skala war’s sehr nett. Weniger nett war’s am nächsten Vormittag, denn da stellten wir fest, daß Longfield samt seinen Koffern … verduftet war … Keine Zeile hatte er zurückgelassen – nur die Miete für Juni.
Wera heulte …
Und da ging mir ein Licht auf: sie hatte sich in den Chikagoer vergafft!
Weil sie nun so unglücklich war, machte ich mich der zweiten Dämlichkeit schuldig: ich meldete der Polizei nichts von dem, was ich beobachtet hatte. Am fünften reiste ich nach meiner Klitsche zurück … – Wera war noch immer die geknickte Lilie …
Und jetzt das Neueste: gestern, am siebenten Mai, war ich in Sellin … Da begegnet mir ein Mensch, der mir recht bekannt vorkommt … Erst als er vorüber ist, fällt mir ein: es war der Chikagoer! Freilich jetzt mit blondem Vollbart. Aber daß er’s war, ging schon daraus hervor, daß ich ihn nicht mehr erwischte. Ich hatte Kehrt gemacht, sah ihn im Walde verschwinden … Er lief – – kniff aus … –
Das wäre alles, Herr Harst.
Sie werden ja wohl gelesen haben, daß man die Persönlichkeit des Ermordeten aus der Müllerstraße bisher nicht festgestellt und nichts über den Täter ermittelt hat …
Nochmals: ich lade Sie beide zu mir ein! Ihnen wird es fraglos gelingen, Longfield hier zu ermitteln. Ich möchte die Sache aufgeklärt haben, denn Henriette schreibt mir heute, daß Wera geradezu dahinsiecht. Ich werde das Mädel nun zu mir nehmen und sie wieder zu Vernunft und Kräften bringen.
Ihr sehr ergebener
Eugen v. Platen.
2. Kapitel.
Der zweite Tote.
Stettiner Bahnhof Berlin … Ferienanfang … In der Halle ungeheure Menschenmassen … Dazu eine Julihitze, die schier beängstigend war …
Wir beide hatten uns rechtzeitig Platzkarten besorgt. Wir brauchten nicht zu fürchten stehen zu müssen. Unsere Koffer hatten wir bereits gestern aufgeben lassen.
Und doch, als wir unseren Wagen zweiter Klasse und unser Abteil gefunden hatten, waren unsere Fensterplätze von zwei Herren besetzt, die in keiner Weise sich überzeugen ließen, daß die Plätze uns gehörten …
Harald blieb durchaus höflich …
„Dann muß ich leider der Schaffner holen,“ meinte er zu den beiden Ausländern, die nur recht gebrochen deutsch sprachen, dafür aber um so flegelhafter auftraten.
Der Schaffner kam … prüfte unsere Platzkarten und gab uns recht …
Die beiden Flegel blieben sitzen … – Machten sogar noch allerhand Bemerkungen, die von den übrigen Insassen des Abteils ebenso deutlich verstanden wurden.
Der Schaffner wußte sich keinen Rat … Holte den Zugführer …
Inzwischen hatte der Zug den Bahnhof längst verlassen …
Es folgte ein sehr erregter Auftritt zwischen den Beamten und den beiden ebenso anmaßenden wie höhnischen Ausländern. Es waren zwei Portugiesen, und erst als der Zugführer Gewalt anzuwenden drohte, verließen sie das Abteil und nahmen auch ihr Gepäck mit in den bereits überfüllten Gang, während wir nun endlich unsere rechtmäßigen Plätze einnehmen konnten …
Wir …
Das heißt: nicht Harst und Schraut!
Nein, wir hatten für die Reise nach Sellinhof zweckentsprechend Maske gemacht. Wir waren blondbärtige, sonngebräunte Agrarier geworden. Die blonden Vollbärte freilich waren Kunst. Die Sonnenbräune echt, denn die Rückfahrt von Indien hatte uns zu einer dauerhaften Gesichtspatina verholfen … –
Unser Abschied von Bawalar und den dortigen Freunden war sehr herzlich gewesen.
Nicht etwa, daß uns der Brief des Herrn Eugen von Platen (der Mann mußte offenbar ein Original sein) zu dieser Abreise bestimmt hatte.
Nein – wir hatten uns lange genug in der Fremde aufgehalten und empfanden Sehnsucht nach der deutschen Heimat und nach unserem gemütlichen alten Harstschen Familienhause.
Am dritten Juli waren wir in Berlin eingetroffen. Am vierten rief Harald Herrn von Platen telephonisch an und vereinbarte mit ihm, in welcher Weise wir in Sellinhof auftauchen sollten. Herr von Platen hatte sofort erklärt, er lege auf unseren Besuch nach wie vor das größte Gewicht, da inzwischen sich abermals mancherlei ereignet habe, was er uns besser persönlich mitteilen wolle. Er versprach, unser Inkognito aufs strengste zu wahren und flocht noch ein, daß seine Nichte Wera von Platen noch auf dem Gute weile und zu den neuen Geschehnissen in etwas unklarer Beziehung stehe.
So waren wir denn jetzt also unterwegs nach Sellinhof …
Und was in unserem Abteil zweiter Klasse geschah, habe ich bereits erwähnt …
Ich hätte es nicht erwähnt, wenn es nicht in merkwürdiger Weise den Gang der Ereignisse beeinflußt haben würde. –
Der Rest der Fahrt verlief ohne weiteren Zwischenfall. Wir kümmerten uns um die beiden Portugiesen nicht weiter, und nur eines fiel mir auf: sie stiegen ebenfalls in Sellin aus.
Ein Jagdwagen Herrn von Platens erwartete uns am Bahnhof. Ein Diener brachte unser Gepäck in den Wagen, und derweil konnten wir uns mit dem „Original“ ein wenig anfreunden.
Herr von Platen hatte nämlich seine „alten Bekannten“ persönlich abgeholt …
Ein kleiner, magerer Herr mit dürren Sichelbeinen … In einem braunroten Vogelgesicht ein Paar vergnügte Äuglein und eine messerscharfe Hakennase, unter der ein grauer struppiger Schnurrbart kampflustig sich emporsträubte …
„Freut mich, daß Sie da sind,“ hatte er uns begrüßt, und sein Händedruck bewies, daß er Muskeln besaß … „Sie heißen also Hartemer und Schrack – damit ich’s nicht vergesse …“
Er lachte verschmitzt …
„Habe hier den Nachbarn schon erzählt, daß ich Besuch bekomme – Kollegen, die leider während der Inflation verkauft haben … – Auf mich ist Verlaß, meine Herren … Ich werde mich nicht verplappern …“
Wir standen vor dem Bahnhof neben dem Wagen …
Harald hatte die Augen auf den Schwarm neuer Badegäste gerichtet, die sich jetzt langsam nach dem Badeorte zu in Bewegung setzten …
Sagte plötzlich:
„Herr von Platen, Sie werden hier noch etwas warten müssen … Ich möchte noch etwas erledigen … Freund Schrack leistet Ihnen Gesellschaft …“
Und – weg war er …
Wir schauten ihm nach, wie er mit seiner Reisetasche und seinem Gummimantel gemächlich davon schlenderte …
„Ha – was hat er?!“ fragte Platen mich verblüfft …
Ich konnte nur die Achseln zucken … „Weiß nicht, Herr von Platen … Bei Harst – pardon – bei Hartemer muß man sich schon an Extratouren gewöhnen … Übrigens: lassen wir unter uns die Anrede „Herr“ weg … Wir sind ja … alte Bekannte …“
„Stimmt – uralte!! Und das ist nicht mal gelogen, lieber Schrack … Denn ich bin seit Jahren eifriger Leser Ihrer Abenteuer, habe mich Ihrer Büchlein wegen sogar mal mit meinem nächsten Nachbar böse in die Haare gekriegt … Der sah eines der Bändchen bei mir liegen, meinte, das sei Schund – wie ich nur daran Gefallen finden könnte … Der Herr ist nämlich ein grundgelehrtes Huhn, so ’ne Art Philosoph, aber ein miserabler Landwirt … Na, ich fuhr ihm gründlich in die Parade, erwiderte, daß nach des Tages Müh’ und Ärger ich und Millionen anderer kaum Lust hätten, uns an sogenannter „guter“ Lektüre zu „erbauen“ … Denn diese gute Lektüre ist zumeist nur für Auserwählte und bannig langweilig … – Das so nebenbei bemerkt … – Was, glauben Sie wohl, hat Hartemer vor?“
„Ich sagte ja schon: keine Ahnung! Aber ohne Zweifel will er irgendeinem Menschen, der ihm im Zuge irgendwie aufgefallen ist, heimlich folgen …“
Da erst gedachte ich der beiden Portugiesen …
Ob Harald es etwa auf diese beiden abgesehen hatte?!
Während der Diener nun unser Gepäck im Wagen verstaute und während Platen und ich hin und her gingen, erzählte ich dem alten Herrn, was wir im Abteil des D-Zuges erlebt hatten …
„… Der Zugführer hat die Personalien der beiden Portugiesen festgestellt,“ fügte ich hinzu … „Sie hießen Otero und Largetto und studieren in Berlin Medizin …“
Platen war mit einem Ruck stehen geblieben … starrte mich an …
„Verflucht!“ entfuhr es ihm … „Die Namen kenne ich, lieber Schrack …“
„Woher?“
„Das hängt mit den neuen Ereignissen zusammen … Ich werde Ihnen und Hartemer nachher alles fein säuberlich erzählen und ich garantiere dafür: Sie werden staunen!“
„Sie machen mich neugierig …“
„Oh – und Sie werden auf Ihre Rechnung kommen, Verehrtester …!“
„Bitte – spannen Sie mich nicht auf die Folter …“
„Na – gut … Hören Sie also … – Sie sind doch Raucher – bitte … Stecken wir uns mal zunächst eine Giftnudel an … Der Arzt hat es mir zwar verboten, aber – das ist Quatsch … – Also – – ich beginne … Ich schrieb Ihnen, daß der Kerl, der Chikagoer, mir in Sellin durch die Lappen ging … Ich fuhr nun häufiger nach Sellin … Ist nur ’ne halbe Stunde für flotte Gäule … Und meine Gäule sind keine Droschkenschinder … – Also häufiger nach Sellin … Wollte doch mal versuchen, ob ich den Kerl nicht wieder zu Gesicht kriegte – den Master Harry Longfield … Inzwischen war meine Nichte angelangt – blaß, matt, – leidende Madonna – Liebesschmerz – – und das wegen dieses fragwürdigen Burschen! – Ich hatte mich natürlich gehütet, Wera zu erzählen, daß der Lump sich hier in der Nähe herumdrückte … Wera begleitete mich nun mal … Und wie wir so oben am Rande der Steilküste im Strandhotel sitzen und Kaffee trinken, da springt sie plötzlich vom Stuhl empor und rennt auf die Straße – ist futsch … Ich denke, sie hat eine Bekannte aus Berlin vielleicht bemerkt … Aber – es kam anders … Sie kam nämlich ganz vertattert an unseren Tisch zurück, fiel in den Stuhl und begann zu heulen … – Schrack, mir ist nun nichts gräßlicher, als weinende Weiber … Sehen Sie, deshalb habe ich nicht geheiratet: weil alle Weiber mal flennen!! – Nun – nach längerem Zureden wurde Wera wieder vernünftig … Aber weshalb sie davonrannte und dann heulte, habe ich bis auf den heutigen Tag mit Sicherheit nicht herausbekommen, nehme aber an, daß sie draußen auf der Straße den Chikagoer erkannt hat, was auch wohl stimmen wird, denn – der Kerl ist noch immer hier, lieber Schrack! Und das erfuhr ich ganz zufällig … vierzehn Tage später – und dann vorgestern wieder …“
Er qualmte erregt dicke Wolken …
„Die Geschichte war so … Ich wunderte mich, daß Wera sich auf Sellinhof mit einem Male überraschend schnell erholte. Sie wurde jeden Tag fideler, war viel unterwegs – sie reitet tadellos, aß immer wackerer, spielte mir abends Klavier vor und sang allerlei Lieder … – Nun – man hat doch nicht gerade ein Brett vor der Stirn! Die Sache kam mir verdächtig vor. Das Mädel war in vierzehn Tagen eine andere geworden, hatte blanke Augen und schien ihren Liebesschmerz total vergessen zu haben … – Nun – ich wollte ihr schon hinter ihre Schliche kommen … – Als sie eines Nachmittags wieder ausritt, lauerte ich ihr auf … war ebenfalls zu Pferde … Und als alter Jäger folgte ich Ihr denn auch von weitem, hatte mein Fernglas mit … Erst ritt sie nach der See zu. Dann bog sie links ab – hinein in den Buchenwald … Da war’s schon schwerer, sie nicht aus den Augen zu verlieren … Und so kamen wir denn schließlich in die äußerste Nordecke meines Gutes, wo auf einer großen Lichtung die Ruinen der alten Schwedenfeste Sellin unter Unkraut und Buschwerk begraben sind … Sie wissen ja, lieber Schrack, daß Rügen und Vorpommern einst den Schweden gehörte …“
Hier mußte Herr von Platen seine Schilderung unterbrechen, denn Harald tauchte wieder auf, trat zu uns und meinte, jetzt könnten wir aufbrechen …
Platen zwinkerte ihm zu …
„Na, wo sind die beiden Portugiesen geblieben, Hartemer?!“
Harald blickte mich an …
„Schrack hat also schon seine Weisheit ausgekramt … Schadet nichts!“
Wir bestiegen den Jagdwagen … Der Diener mußte kutschieren …
Und Platen wiederholte nun das, was ich bereits wußte, für Harald …
Dann beendete er seine Mitteilungen …
„… Ich band meinen Fuchs im Walde fest und schlich dem Mädel zu Fuß nach … Die war inzwischen durch die Büsche in den Hof der früheren Burg eingedrungen … Es ist dies ein freier großer Platz, auf dem nur zwei Eichen stehen, außerdem Farnkräuter und hohes Gras … Aber – ich hatte Pech … als ich so etwa vier Minuten nach Wera mich der Ruine näherte, kam mir meine Diana, die ich sonst stets mitnehme, bellend nachgerast – mit gerissener Kette … Natürlich war Wera nun gewarnt, und wie ich sie dann zu Gesicht bekomme, sitzt sie harmlos unter der einen Eiche und … raucht eine Zigarette, spielt die Erstaunte, freut sich scheinbar unbändig über dieses „zufällige“ Zusammentreffen und heuchelt wie ’ne waschechte Komödiantin, die kleine blonde Kanaille! – Nun: Eugen von Platen hat Augen im Schädel! Ich sah unter der Eiche eine ganze Menge Zigarettenstummel und auch in einem Maulwurfshügel den frischen Abdruck eines Männerstiefels! – Wie Du mir, so ich Dir! dachte ich … und spielte gleichfalls Komödie … Tat so, als ob ich nichts Arges vermutete, ritt mit Wera heim und … war am frühen Morgen wieder im Ruinenhof … Da sah ich denn noch mehr … Da waren ’ne Menge Spuren von Herrenstiefeln … Und die Zigarettenstummel stammten zumeist von denselben parfümierten Dingern, die der Chikagoer in Berlin geraucht hatte … Es stimmte also: Wera und der Kerl hatten sich hier wiederholt, vielleicht gar jeden Tag, getroffen! – Ich überlegte nun, ob ich das Mädel dieserhalb zur Rede stellen sollte … Aber das hätte bei ihr wenig Zweck gehabt, denn sie hat so ’nen richtigen Platenschen Dickschädel! Die könnte man foltern, und sie würde nichts zugeben! Also hielt ich das Maul und die Augen offen! Die Bande war jedoch noch schlauer: seitdem habe ich nichts von heimlichen Zusammenkünften mehr gemerkt … Nur …“
Platen schwieg jäh …
Der Diener hatte die Pferde mit scharfem Ruck hinter einer Wegbiegung zum Stehen gebracht …
Rief: „Ein Mensch – – Blut – – dort …!!“
Vor uns lag mitten auf dem staubigen Wege ein Mann auf dem Rücken …
Eine klaffende Halswunde hatte Kragen, Weste und Oberhemd mit Blut durchtränkt …
3. Kapitel.
Die zwölf Namen.
Vier Stunden später …
Aus dem herrlichen Sommernachmittag war ein regnerischer, windiger Abend geworden …
Wir saßen in der Diele des Herrenhauses von Sellinhof vor dem Kamin …
Hinter der roten Glastür der Feuerung des mächtigen Kamins brannte eine elektrische Lampe und täuschte Winterbehaglichkeit vor.
Gegen die hohen Bogenfenster fauchte der Seewind und schleuderte die Regentropfen wie harte Sandkörner gegen die Butzenscheiben.
Zu Vieren saßen wir hier … Um halb zehn waren wir vom Abendbrottisch aufgestanden. Nun genossen wir drei Herren Platens gute Zigarren, während die blonde Wera verträumt ihre Zigarette rauchte …
Wera von Platen … Bis zum ersten April noch Tippfräulein bei irgendeiner Firma …
Es schien undenkbar, daß diese junge Dame, die den ganzen Scharm nachlässiger Vornehmheit mit der gesellschaftlichen Sicherheit der großen Dame in sich vereinigte, – daß dieses gertenschlanke, dunkeläugige Mädchen mit dem ganz leicht blasierten Zug um den jugendfrischen Mund jemals in einem Geschäftskontor ihre schlanken, feinen Finger über die Tipptasten hatte gleiten lassen …
Keine Schönheit, diese junge Dame … Nein – mehr als das … Schönheit ist stets etwas, das Mutter Natur nach Willkür verteilt … Nur wo Leben und Seele in einem ausdrucksvollen Frauenantlitz von besonderer Eigenart sich paart, wird der Menschenkenner diese Schönheit voll genießen.
Harald und ich waren beide gleichmäßig überrascht gewesen, als wir Wera von Platen kennen lernten … Wir hatten uns etwa ein Durchschnittsbild von ihr entworfen …
Wera sehen, das hieß auch begreifen, daß Eugen von Platen von „blonder Kanaille“ gesprochen hatte – halb im Scherz, immerhin andeutend, daß seine Nichte ein schwieriger Charakter sei …
Bei Tisch war sie lebhaft gewesen. Hatte es doch übergenug Gesprächsstoff gegeben …
Den Toten von der Landstraße – das Eintreffen der Gerichtskommission aus Putbus, die Tatsache, daß der Tote nichts in seinen Taschen hatte, was über seine Person Aufschluß geben konnte, und schließlich das Wichtigste: daß unzweifelhaft ein Mord vorlag und die Tat selbst in völliges Dunkel gehüllt war …
Bei Tisch hatte sie uns, die wir uns um das Verbrechen nicht mehr gekümmert hatten, als dies zwei Gästen Platens zukam, die selbst einmal Agrarier gewesen, – da hatte sie unter ihren langen dunklen Wimpern hervor Harald und mich so und so oft seltsam prüfend angeschaut …
Blicke, die mich etwas beunruhigt hatten …
Und jetzt schien sie müde und abgespannt zu sein, lehnte in einem der hohen altertümlichen Polstersessel und hörte zu, wie wir über Politik, Ernteaussichten und anderes sprachen …
Ich hatte nur einen Wunsch: daß sie sich recht bald zurückziehen möge, denn Platen war uns noch immer den Rest seiner Neuigkeiten schuldig …
Aber – sie hielt aus …
Sie füllte unsere Likörgläser … nahm eine neue Zigarette …
Und wenn der Wind mit besonderer Wucht die Fenster traf, dann … lächelte sie …
Ein – seltsames Lächeln … So, als ob sie sich über das Unwetter draußen freute …
Bis Eugen von Platen mit seiner knarrenden Stimme sagte:
„Weißt Du, Deern, Du könntest nun eigentlich hübsch artig gute Nacht wünschen … Der Doktor aus Putbus hat Dir langes Aufbleiben streng verboten … Denk’ an Deine Gesundheit, Deern …“
Sie erhob sich sofort …
Wir beide mit ihr …
Sie reichte uns die Hand …
Platen küßte sie auf die Stirn …
Dann waren wir allein …
„Endlich!“ seufzte Freund Eugen. „Na – hatte das Mädel Sitzfleisch …!! Nun können wir beginnen … Rücken wir näher zusammen …“
Indem knarrten auch schon die Pendeltüren, und Wera trat vom Flur her hastig ein …
„Verzeihen die Herren … Ich habe mein Taschentuch liegen lassen …“
Und mit harmlosem Lächeln nahm sie es vom Sessel auf, nickte uns zu und schritt wieder hinaus …
Ich hatte das ganz bestimmte Gefühl, daß sie draußen gelauscht hatte …
Und auch Freund Eugen traute dem Frieden offenbar nicht so ganz … Scheu blickte er Harald an, flüsterte:
„Verflucht – ich glaube, ich hätte … hätte meine Stimme etwas dämpfen können …!“
„Allerdings, Platen …! Allerdings – ob auch das noch Zweck gehabt hätte, ist fraglich …“
„Das heißt?!“
„Das heißt, Fräulein Wera scheint Ihren „alten Bekannten“ mit einigen Zweifeln gegenüberzutreten … Ich fürchte eben, daß sie an Hartemer und Schrack nicht recht glaubt …“
„Oho!! Unmöglich!! Ich …“
„Lassen wir das, Platen … Jedenfalls wird Fräulein Wera jetzt nicht mehr Lauscherin spielen … Und daher: beginnen wir! Zunächst – erzählen Sie zu Ende … Sie waren soweit gekommen, daß …“
„Ich weiß, – als letztes erwähnte ich, daß keine Zusammenkünfte mehr stattfanden … Wenigstens war es mir nicht möglich, das Pärchen zu überraschen … Wera war eben vorsichtig geworden … Sie ist ein schlauer Racker … Aber so ganz zu betrügen ist Eugen von Platen denn doch nicht …! Nein, ich merkte recht gut, daß um mich her Dinge geschahen, die das Tageslicht zu scheuen hatten …“
„Und diese Dinge waren?!“ fragte Harald mit gedämpfter Stimme …
„Ja – das war zunächst Weras plötzliche Vorliebe für die Baumlaube … Sie werden rechts neben dem Hause im Garten die beiden uralten Linden gesehen haben. … Die beiden mächtigen Stämme stehen dicht beieinander, und oben in den Kronen habe ich mal vor Jahren eine Laube einbauen lassen, zu der eine vielfach gewundene Treppe aus Eichenholz emporführt – um die Stämme herum … Von dieser Laube hat man eine vorzügliche Fernsicht … bis nach Göhren hin, dem südlich von Sellin gelegenen Bade …“
„Also auch bis Sellin?“
„Gewiß, lieber Hartemer, gewiß … – Ich stellte nun sehr bald fest, daß Wera zu ganz bestimmten Tageszeiten dort nach oben kletterte – stets mit einem Buche … Und das tut sie noch jetzt … Vormittags zwischen zehn und zwölf, und nachmittags gegen sechs Uhr … Was sie dort treibt, weiß ich nicht. Ich denke aber, sie wird sich irgendwie mit dem Chikagoer Zeichen geben … – Und dann zweitens – dies einzugestehen wird mir nicht ganz leicht: ich habe Weras Zimmer mal durchstöbert … – Pfui Deubel, daß man zu so etwas sich entschließen mußte …! Ich schäme mich geradezu vor mir selbst! Aber schließlich bin ich doch für das Mädel verantwortlich!“
„Sie fanden etwas?“
„Ja – und zwar … im Ofen – unten im Aschloch … Da war hinten ein Ziegelstein so aufgestellt, als ob der Aschenbehälter dort bereits ein Ende hätte – sehr schlau! Hinter dem Ziegelstein nun lag ein versiegeltes – flaches Paket. Als Petschaft(2) war eine Münze benutzt worden, ein holländischer Gulden …“
„Sie öffneten das Päckchen?“
„Ja … Und da ich in meinem Schreibtisch außer anderen Erinnerungsmünzen auch einen Gulden zu liegen habe, konnte ich das Paket fein säuberlich wieder verschließen …“
„Und der Inhalt?“
„Sie werden staunen: der Inhalt bestand in Dollarnoten – genau achtzigtausend Dollars … Obenauf aber lag ein Zettel, der nichts als zwölf Namen enthielt …“
„Namen?“
„Ja, Hartemer … Ich habe sie abgeschrieben …“
Er holte seine Brieftasche hervor …
„Bitte – auf diesem Stück Papier stehen die Namen …“
Harald und ich lasen folgendes:
1. Halberson
2. Warrani
3. Longfield
4. Barton
5. Schmidt
6. v. Kersten
7. Albernon
8. Szestöni
9. Otero
10. Largetto
11. Simonsen
12. Nansen.
Und – Nummer drei: Longfield!! Und Nummer neun und zehn: unsere beiden Portugiesen!!
Da sagte Platen hastig:
„Es ist klar, daß der Chikagoer dem Mädel dieses Paket zur Aufbewahrung übergeben hat! Und daher kannte ich eben auch die Namen der beiden Flegel, die mit Ihnen im Zuge den Streit hatten …“
Harald nickte nur …
Griff in die Jackentasche und nahm ein zerknittertes schmales Blättchen heraus …
„Dies fand ich auf dem Platz im Abteil, den der eine Portugiese innegehabt hatte … Nur ein Papierkügelchen war’s … Es muß dem Portugiesen aus der Tasche gefallen sein … Bitte!“
Er strich den Zettel glatt und hielt ihn Platen hin …
Ich sah, daß … zwölf Namen untereinander darauf standen … Dieselben Namen … Nur war hier noch ebenfalls mit roter Tinte wie die Namen ein Schlüssel gleichsam als Unterschrift gezeichnet …
„Donnerwetter!!“ rief Eugen von Platen … „Donnerwetter!! Genau dieselben Namen – und ein Schlüssel!!“
„Allerdings … Und weil ich auf diesem Zettel auch den Namen Longfield und die der beiden Portugiesen gefunden hatte, bin ich den letzteren in Sellin gefolgt … Sie betraten das zweite Haus vom Bahnhof, das Pensionat Waldesblick …“
Platen warf seinen Zigarrenrest in den Aschbecher …
„Also Waldesblick …!! Natürlich Waldesblick!!“ stieß er hervor … „Natürlich!! Denn gerade das Haus ist von der Baumlaube aus am deutlichsten zu sehen!! Gerade das!!“
Harald winkte Platen zu …
„Wir wollen ruhig bleiben … Wir dürfen nicht vergessen, daß wir nur etwas ausrichten werden, wenn wir mit allergrößter Kaltblütigkeit vorgehen … Und weiter wollen wir nicht vergessen, daß es sich hier um sehr ernste Dinge handelt. Meiner Ansicht nach“ – und er begann zu flüstern – „haben wir es hier mit einem internationalen Geheimbund von Studenten zu tun … Wenn man die zwölf Namen prüft, stößt man sowohl auf Engländer, Amerikaner, Italiener, Portugiesen, Deutsche und Schweden oder Norweger … Der Schlüssel auf diesem Papierblättchen weist auf die Schlüsselattrappe hin, die Sie gesehen haben, lieber Platen … Und – Sie sahen noch mehr … Sie sahen fünf Leute das Häuschen in der Müllerstraße betreten … Sie wissen: am anderen Morgen lag dort ein Ermordeter im Garten. Die Polizei hat über diesen Mann nichts ermitteln können … Und heute, hier auf dem Landweg ein zweiter Toter – ebenfalls ein Unbekannter, dem Äußeren nach ein Südländer … Und: Longfield hier in der Nähe, wahrscheinlich auch noch mehr Mitglieder des Schlüsselbundes!!“
„Mein Gott …!!“ entfuhr es dem Gutsbesitzer … „Wera – – Wera mit dabei …!! Wera mit diesem Longfield …“
Harst unterbrach ihn …
„Bitte – keine voreiligen Schlüsse …! Das wäre verfehlt! Wir wissen bisher zu wenig … – Überlassen Sie nur alles weitere uns beiden … – Und jetzt wollen wir zu Bett gehen …“
Unser großes Gastzimmer lag im ersten Stock nach Osten zu … Uns schräg gegenüber wohnte Wera …
Der Sturm tobte noch ärger als zuvor …
Eine Unmenge von Geräuschen war rings um das alte Herrenhaus … Die Parkbäume ächzten … Äste prasselten herab … Windstöße heulten um die Giebel …
Harald schloß die Vorhänge der beiden Fenster …
Gab mir ein Zeichen …
Wir entkleideten uns schnell … Das elektrische Licht erlosch …
Und – wir kleideten uns im Dunkeln ebenso schnell wieder an …
4. Kapitel.
Der Dritte…
Im Dunkeln öffnete Harald einen unserer Koffer …
Im Dunkeln befestigten wir die Strickleiter an dem einen Fensterkreuz …
Der Himmel war mit pechschwarzem Gewölk bedeckt … Die Wolken kamen von der See her, segelten über den hohen Strandwald, über Rügens herrliche Buchenwälder und über die fruchtbaren Felder und Äcker …
Kein Stern am Himmel …
Zuweilen ein prasselnder Regenschauer …
Eine Nacht, in der man keinen Hund ins Freie jagt …
Eine Nacht, in der man kaum die Hand vor Augen sah …
Und doch sahen wir die Kronen der Parkbäume, sahen die beiden gewaltigen Linden als undeutlichen Strich …
Kletterten zum Fenster hinaus … Harald war zweiter … Er band den Fensterflügel fest … Dann war er neben mir …
Wir huschten zum Parkweg, zu den beiden Linden …
Wir stiegen die Holztreppe hinan …
Die mächtigen Stämme schwankten sacht unter den Sturmstößen. Die Treppe rieb sich kreischend an der Rinde. Und je höher wir kamen, desto rauher packte uns der Wind …
Dann der kleine Pavillon hier hoch oben über der Erde … Vor der Tür eine Plattform mit Geländer … Kleine Fenster …
Und – leer …
Wir traten ein …
Wir waren wie auf einem Schiffe auf bewegter See …
Zweige peitschten die Holzwände … Das kleine Bauwerk stöhnte in allen Fugen … –
Harald rief – und mußte rufen, um sich bei diesem Lärm verständlich zu machen:
„Wir wollen warten … Vielleicht kommt sie … Aber wir dürfen nicht hier warten … Wir müssen uns einen Platz in der Krone suchen … – Sie hat uns belauscht … Sie hat uns von vornherein beargwöhnt … Ich merkte es ihr an … Sie ist vielleicht gefährlicher als der ganze Bund … Ein Weib, das liebt, ist zu allem fähig … – Ich werde jetzt voranklettern … Die Plattform geht nach Osten … nach Sellin … Vielleicht haben wir Glück …“
Hinaus also wieder ins Freie … Hinaus in den Sturm …
Finger krallen sich um schlüpfrige Äste …
Ich schwitze vor Angst …
Die Baumkronen sind in steter Bewegung … scheinen uns freche Eindringlinge abschütteln zu wollen …
Endlich dann: wir sitzen dicht nebeneinander – leidlich bequem … Machen den Rücken krumm … Sturm stößt uns ins Genick … Regen peitscht unsere Wangen …
Schräg unter uns die Baumlaube, die Plattform …
Um uns her das Konzert der Natur …
So sitzen wir eine volle Stunde …
Harst hat soeben nach der Taschenuhr gesehen …
Leuchtzifferblatt: drei Viertel eins!
Und da – unter uns auf der Plattform ein Schatten … ein Mann mit Sportmütze wie wir – mit hochgeschlagenem Mantelkragen …
Verschwindet im Baumpavillon …
Wir sehen das eine kleine Fenster … Aber der Mann bleibt im Dunkeln …
Wir warten …
Wir hoffen … Und die Hoffnung trügt nicht …
Eine zweite Gestalt: Wera von Platen …
Hinein in die Laube …
Weißes Licht blitzt auf … eine elektrische Taschenlampe …
Harst hat unseren Sitzplatz klug berechnet … Wir haben durch Äste die Möglichkeit, bis dicht über das eine Fenster zu gelangen …
Im Pavillon zwei Gartenstühle, ein Tischchen …
Der Mann auf dem einen Stuhl, Wera auf seinem Schoße, ihn umschlungen haltend, ihn küssend …
Auf dem Tischchen die Taschenlampe, daneben ein flaches, versiegeltes Paket …
So lernen wir Harry Longfield von Ansehen kennen …
Ein stattlicher Mensch … Ein Gesicht, das imponiert …
Jetzt sprechen die beiden miteinander … Wera deutet nach dem Herrenhause hin … Longfield macht eine wegwerfende Handbewegung … – Gilt sie uns?! Hat er der Geliebten erklärt, daß er uns nicht fürchtet?!
Dann knöpft er das Paket unter die Weste …
Harald zupft mich am Ärmel … Steigt tiefer – vorüber am Baumpavillon, gewinnt die Treppe … Und wir eilen hinab, warten unten …
Harst raunt mir zu: „Longfield wird das Paket anderswo verbergen!“
Ich verstehe: wir werden ihm nachschleichen! Und in diesem Unwetter wird das kaum Schwierigkeiten bieten …
Das Pärchen kommt fünf Minuten später in Sicht …
Nimmt Abschied … Wera von Platen schmiegt sich an den Amerikaner … Küßt ihn …
Huscht davon … –
Harry Longfield glaubt sich sicher …
Er macht uns die Arbeit leicht … Auf einsamen Wegen geht’s der See zu – den Wäldern …
Bis zu einer großen Lichtung …
Harry Longfield schreitet dahin wie ein Mann, der nichts zu fürchten hat und nichts fürchtet. Er hat die Haltung eines Menschen, der seine breiten Schultern zielbewußt und wenn nötig mit brutaler Rücksichtslosigkeit vorstemmt, um sich seinen Weg zu bahnen …
Einen flüchtigen Augenblick zerreißt die sturmgepeitschte Wolkenschicht …
Bleiches Mondlicht fällt auf die Mitte der Waldblöße …
Gestrüpp dort …
Verwitterte Mauertrümmer …
Ein Gedanke schlägt blitzartig in mein Hirn ein: Die Überreste der einstigen Schwedenburg …!!
Der Chikagoer ist verschwunden … Harald hat sich ins feuchte Gras geworfen …
Wir schieben uns rasch vorwärts …
Und doch nicht rasch genug …
Da ist der freie Platz inmitten der Ruine … Da sind die beiden Eichen, die Platen erwähnt hat …
Von Longfield keine Spur mehr …
Wir hocken in triefenden Farnkräutern. Wenn der Amerikaner den ehemaligen Burghof verläßt, muß er an uns vorüber …
Eine gehässige Regenwolke schüttelt ihren Inhalt mit Brausen und Plätschern hernieder … Die dicken Schnüre der Regenflut vereinigen sich zu schweren grauschwarzen Vorhängen …
Minutenlang …
Longfield wird uns entschlüpfen, denke ich ärgerlich und schlage den Kragen des leichten braunen Gummimantels hoch …
Die niederträchtige Wolke ist nach Westen zu abgezogen … Die feuchtwarme Julinacht wird heller … Das Gewölk lichtet sich … schiebt sich wieder zusammen …
Harald erhebt sich plötzlich, zieht mich mit empor …
„Er ist auf und davon,“ sagt er ganz laut und unbekümmert … „Wir können heim … Für diese Nacht mag’s genug sein …“
„Du sahst ihn?“
„Ja – nur wie einen Schatten … Er hat das Paket hier irgendwo versteckt … Gehen wir …“
Und als ob der Mond uns höhnisch zulächeln wollte: mit einem Male ist der Himmel über uns frei – ein schwarz umrandetes Loch mit einem gelblichen Zyklopenauge …
Im Mondschein verlassen wir den Burghof, wenden uns dem Waldrande zu …
Ein greller Schrei …
Zwei Schüsse – kurz hintereinander …
Harald jagt vorwärts …
Reißt die Clement aus der Hosentasche …
Und – unter den ersten Buchen auf mondbeschienenem Waldboden ein Mann – – regungslos …
Harry Longfield …
Auf dem Rücken liegend … –
Harst spielt Arzt … Da ist ein böser Streifschuß an der Stirn … Ein zweiter schräg durch die rechte Brustseite …
Ich breche Buchenäste ab, und auf primitiver Bahre tragen wir Harry Longfield eine Viertelstunde durch neuen Regen und neue Finsternis nach Sellin zu einem Arzt …
Doktor Baake ist zunächst wenig bereit, den Schwerverletzten bei sich aufzunehmen. Er selbst hat uns geöffnet … Harald weißt ihn ein, verlangt Diskretion auf Ehrenwort …
„Sie werden reichlich entschädigt werden, Herr Doktor … Sie bleiben dabei, daß ein Unbekannter Ihnen den Patienten übergab und dann verschwand … – Es handelt sich um eine Reihe von Verbrechen, die nicht unaufgeklärt bleiben dürfen …“ –
Und um drei Uhr morgens trägt uns die Strickleiter wieder in unser Gastzimmer im Gutshaus Sellinhof.
Todmüde legen wir uns nieder … Und doch: meine Nerven wehren sich gegen den Schlaf …! Ich will mein Hirn zur Ruhe zwingen – es gelingt nicht …
Ich höre noch immer Haralds Worte, die er auf dem Rückwege sprach, nachdem wir das Haus des Doktors verlassen hatten:
„Ich stehe vor einem vollkommenen Rätsel, was diesen Fall anbetrifft, mein Alter … Ich finde nicht Anfang noch Ende … Das ist ein Gewirr von bunten Fäden, die von Blut tropfen … Von Fäden, um die noch dazu die Liebe sich schmiegt wie eine Hülle zartrosa Rosenblätter … – Bitte, weißt Du eine Erklärung für diesen Geheimbund der zwölf Schlüssel …?!“
Da war zum ersten Male diese Bezeichnung geprägt worden …
Und ich hatte erwidert:
„Wenn Du keine Erklärung findest, – ich finde sie gewiß nicht!“ –
Aber meine rebellischen Nerven unterlagen schließlich der körperlichen Müdigkeit …
Halb im Einschlafen noch ein mitleidiger Gedanke: Wera von Platen! Wie würde sie diese Nachricht hinnehmen, daß der Geliebte dort in Sellin auf den Tod daniederlag?! Und – – wann würde sie es erfahren?! – Von uns gewiß nicht! …
5. Kapitel.
Der Patient Doktor Baakes.
„Das Sauwetter bleibt!“ begrüßte uns Platen vormittags neun Uhr im Speisezimmer … „Wie haben Sie denn die erste Nacht unter meinem Dache geschlafen? Hoffentlich gut …“
Wir hatten schon am Frühstückstisch gesessen, als er eingetreten war …
„Wo ist Fräulein Wera?“ antwortete Harald mit einer Gegenfrage …
„Oh – das Mädel ist vor einer halben Stunde nach Sellin gefahren … Im Einspänner … Weiß der Teufel, was los sein mag …! Um sieben tranken wir wie immer gemeinsam Kaffee … Da war sie noch ganz vernünftig … Und um acht kommt sie zu mir ins Büro, wo ich mit dem Oberinspektor eine Eingabe fürs Finanzamt entwerfe … Da war sie … wie Käse, lieber Hartemer, glatt wie Käse, konnte kaum sprechen … Migräne behauptete sie … Unbedingt müsse sie sich in der Selliner Apotheke sofort ihre Pulver machen lassen und …“
Harald nickt …
„… somit weiß sie bereits, daß Harry Longfield in der verflossenen Nacht böse eins wegbekommen hat, lieber Platen …“
„Was?! Longfield?!“
„Ja – Sie sollen alles wissen …“
Und Harst erzählte …
„Jedenfalls dürfte Fräulein Wera von Sellin aus telephonisch durch einen Freund Longfields verständigt worden sein,“ schließt er seinen Bericht …
Platen ist sprachlos …
Er muß das Gehörte erst geistig verarbeiten …
„Unglaublich!!“ murmelt er … Und dann: „Aber das eine stimmt nicht, lieber Hartemer … Telephonisch kann Wera davon nicht benachrichtigt worden sein … Das Telephon muß im Büro umgestöpselt werden …“
„War Fräulein Wera etwa nach dem Kaffee im Garten?“
„Ja … im Gewächshaus …“
„Hm – – das Gewächshaus wird wohl der Pavillon gewesen sein – die Baumlaube … Wir werden uns dort doch noch einmal bei Tage umsehen – nach dem Frühstück …“
Der alte Herr füllt die Kognakgläser …
„Zunächst stärken wir uns …! – So – und nun eine Frage, Freund Hartemer: Haben Sie denn von dem Attentäter was gesehen?“
„Nein … Wir hörten nur einen schrillen Schrei und die zwei Schüsse …“
„Schön …! Und wie denken Sie sich die Fortsetzung?! Wie soll Doktor Baake sich denn aus der Affäre ziehen?! Soll er wirklich schwindeln?!“
„Er muß … Er hat das selbst eingesehen … Sollte Longfield sterben, dann können wir die Wahrheit natürlich nicht länger verheimlichen. Bis dahin werden Schraut und ich hoffentlich den Dingen schon auf den Grund gekommen sein, – das heißt: ein Mann wie dieser Chikagoer ist zäh, verträgt einen Puff und wird sich wieder herausmausern …“
„Und – wie wollen Sie den Dingen auf den Grund kommen?! Lassen Sie mich bitte an allem teilnehmen … Ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, Herren Ihres Berufs arbeiten zu sehen …“
„Das sehen Sie ja bereits … Wir arbeiten dauernd … Wenn wir einen Fall vorhaben wie diesen, der an Unklarheit nichts zu wünschen übrig läßt, liegen unsere Augen und Gedanken immer auf der Lauer … Zum Beispiel habe ich gestern nicht bemerkt, daß Sie eine Radioanlage besitzen … Heute sehe ich dort von einer der beiden uralten Linden Antennendraht nach dem Hause hinüberlaufen …“
Eugen von Platen lachte ärgerlich auf …
„Ja – moderner Unfug …!! Die Wera hat so lange gebettelt, bis ich schließlich nachgab … Hundert Mark hat der Apparat gekostet … Das Mädel hat ihn selbst aus Berlin verschrieben … Aber meinen Sie, man hört was damit?! Keine Rede …!! Nur Pfeifen, Brausen, Kratzen und Ticken … Die hundert Mark sind zum Fenster herausgeschmissen … Wera hat mit wahrer Wut an dem Ding herumprobiert und immer wieder behauptet, sie würde ihn schon in Schwung bringen. Ich verstehe davon nichts. Nur meine hundert Mark bin ich los …“
„Und wo befindet sich der Apparat?“
„Oben in Weras Zimmer … Sie hat eine sogenannte „Baumantenne“ angelegt, das heißt, oben in die eine Linde einen Kupfernagel schlagen lassen. Daran ist der Draht befestigt …“
„So … so … – könnten wir mal in Fräulein Weras Zimmer hinaufgehen?“
„Warum nicht?!“ –
So sahen wir denn den Zweiröhrenapparat … von einer der besten deutschen Radiofirmen …
Harald klappte den Hartgummideckel auf …
„Hm – mit diesen Spulen hier, von denen die Hälfte Draht abgewickelt ist, ist nur bis auf einen Wellenbereich von zweihundert Meter zu kommen … Außerdem aber ist der Apparat auch als Kurzwellensender umzuschalten …“
„Keine Ahnung!“ brummte Platen …
„Nun – das heißt, Fräulein Wera hat auf Fernempfang von Radioprogrammen verzichtet und sich mit Empfang von Morsezeichen aus der Nähe begnügt und solche auch anderen vermittelt …“
Platen wurde stutzig …
„Wie meinen Sie das, Hartemer?“
„Ich meine, daß in Sellin im Pensionat Waldesblick, auf dessen Dach ich eine Antenne bemerkte, ein Teil der Schlüssel-Bündler wohnt und mit Ihrer Nichte auf die modernste Art in dauernder Verbindung steht: durch Radiotelegraphie!“
„Heiliges Donnerwetter!!“ platzte der alte frische Herr in seinem urwüchsigen Deutsch heraus … „Und – das in meinem Hause …!! Verbindung mit Leuten, die vielleicht Mörder sind!! Da schlag’ doch der Deubel drein!“
„Langsam – langsam!“ warnte Harald. „Wer die Mörder sind, wissen wir nicht … Wir müssen uns gedulden … Es wird schon alles an den Tag kommen – alles! Jedenfalls ist mir eins nun klar: Ihre Nichte gibt von der Baumlaube aus irgend wie ein Zeichen nach Sellin, – und auf dieses Zeichen beginnt der drahtlose Verkehr auf einer kurzen, vereinbarten Welle. So hat Fräulein Wera auch zweifellos von dem Attentat auf Longfield Kenntnis erhalten. – Jetzt will ich Doktor Baake telephonisch anrufen und mich nach dem Befinden des Amerikaners erkundigen …“
Doktor Baake war jedoch nicht daheim. Seine Haushälterin erklärte, er sei vor wenigen Minuten mit dem Motorrad davongefahren. Wohin – das wisse sie nicht. – Da Harald die Haushälterin nicht fragen wollte, wie es mit Longfield stehe, hängte er ab und meinte zu Platen und mir:
„Warten wir die Rückkehr Fräulein Weras ab … Ich möchte die junge Dame ein wenig ins Gebet nehmen, möchte feststellen, ob sie etwa wirklich weiß, wer wir sind … Danach muß ich meine ferneren Maßnahmen einrichten …“
Der alte Herr von Platen war jetzt in einer Stimmung, die man nur als kriegerisch-gereizt bezeichnen konnte … Er erging sich in Bemerkungen über Wera, die ebenso originell wie grob waren …
Harst mahnte zur Vorsicht …
„Sie verderben alles, wenn Sie nicht Ihren Teutonenzorn eindämmen, verehrtester Gastgeber … Also – bitte: Sie werden der jungen Dame gegenüber Ihr Benehmen in keiner Weise ändern!“
Eugen von Platen grunzte etwas und trank zur Nervenberuhigung ein Sherryglas Kognak … Dann forderte er uns auf, mit ihm die neuen Insthäuser(3) zu besichtigen. – Wir zogen uns dem Wetter entsprechend an und marschierten durch Regen und Sturm nach dem kleinen nahen Dörfchen Sellinhof, wo die meisten Gutsarbeiter wohnten, waren überrascht, was Platen hier an praktischen und behaglichen Wohnhäuschen geschaffen hatte und lernten ihn so auch als Gutsherrn kennen: von der allerbesten Seite! – Wie gut er mit seinen Leuten stand, merkten wir an der Art der Begrüßung mit Frauen und Kindern … Seine herzerquickende Grobheit wurde hier richtig bewertet … Die Kinder lachten – und als er den Rangen noch eine Mark für Süßigkeiten spendete, stob die Schar johlend davon.
Etwa um halb elf waren wir wieder im Herrenhaus.
Und – wer wartete hier auf uns?! – –: Doktor Baake!
Der Arzt war so erregt, daß er kaum sprechen konnte …
Der Grund: Longfield war heute vormittag gegen viertel zehn aus dem Erdgeschoßzimmer, wo der Doktor ihn untergebracht hatte, spurlos verschwunden …
„Mein Haus stößt mit der Rückfront an den Wald,“ berichtete er dann im einzelnen. „Das Krankenzimmer liegt nach hinten heraus. Longfield war schon nach drei Stunden zu sich gekommen und dank seiner Pferdenatur mobil. Aber über Namen, Herkunft und so weiter schwieg er sich hartnäckig aus, schlief zwei Stunden, frühstückte, und als ich dann wieder sein Zimmer betrat, ist das eine Fenster weit offen und das Bett leer … – Herr Harst, ich …“
„Bitte – – Hartemer!!“
„Pardon – also, Herr Hartemer, ich kann durch die Geschichte in Teufelsküche geraten, da …“
„Keine Sorge, Herr Doktor,“ unterbrach Harald ihn. „Ich übernehme die ganze Verantwortung. Sie bleiben bei dem vereinbarten Märchen, melden jetzt dem Gemeindevorsteher das Verschwinden Ihres „namenlosen“ Patienten und kümmern sich im übrigen um nichts …“
Baake fuhr beruhigt heim.
Platen war blaß und zerrte an seinem Schnurrbart … platzte heraus: „Da steckt das Mädel dahinter!!“
Harald nickte … „Wahrscheinlich! – Nun – sie wird ja zurückkehren …!“
„Ist das eine Kanaille …!! Verliebte Weiber, – – verrückt sind sie dann!! – Schrack, reichen Sie mir die Kognakflasche … Mir zittern die Beine …!“
Aber Harald winkte energisch …
„Keinen Tropfen mehr! Sie würden einen miserablen Detektiv abgeben … Mit Alkohol löst man keine Probleme!“ –
Um halb zwölf fuhr der Einspänner mit Fräulein Wera vor der Freitreppe vor …
Wir standen in der Diele …
Sie trat ein … blühend, jugendfrisch, mit strahlenden Augen … Begrüßte uns harmlos …
„Na, Deern, das Apothekenpulver scheint ja geholfen zu haben,“ brummte Platen bissig …
„Glänzend, Onkelchen …! Glänzend! – – Die Herren entschuldigen mich jetzt … Ich muß mich etwas umkleiden … Bei dem Wetter – meine Schuhe sind förmlich durchweicht …“
Harald betrachtete sie von oben bis unten …
„Der Wagen hat doch ein Verdeck, gnädiges Fräulein …“ meinte er kopfschüttelnd. „Wie konnten Sie nur so naß werden?!“
„Oh – ich war noch am Strande … Es ist ja herrlicher Seegang … Der Stegkopf ist völlig von Spritzern eingehüllt … Sie sollten sich dieses Schauspiel einmal ansehen, Herr Hartemer …“
„Vielleicht, gnädiges Fräulein … Vielleicht später … – Sie haben auch noch Einkäufe erledigt – auch in der Apotheke … Das Päckchen in Ihrer Hand riecht nach Jodoform … Vielleicht Jodoformgaze, gnädiges Fräulein …“
Und da veränderte sich ihr Gesicht … Die langen dunklen Wimpern senkten sich rasch über die klaren, klugen Augen …
„Ja …“ meinte sie leichthin … „Onkels Hausapotheke muß in vielem ergänzt werden …“
Eugen von Platen streckte die Hand aus. „Dann gib das Zeug nur her, Mädel … Ich werd’s in das Schränkchen tun …“
Sie zögerte … Nur ganz wenig …
„Bitte, Onkel … – Nachher auf Wiedersehen …“
„Bleib’!!“ – Und Platens Stimme knarrte drohend …
Sie wandte sich wieder um – mit einer hilflosen Gebärde schlecht geheuchelten Staunens …
„Was wünschst Du noch, Onkel?“
Platen riß das Paket auf …
Es enthielt zehn Mullbindenrollen, eine Schachtel Jodoformgaze, zwei Päckchen Verbandwatte und zwei Flaschen Lysoform …
Platen trat dicht an Wera heran …
Ehe es Harald noch verhindern konnte, donnerte er los:
„Für mich hast Du das eingekauft?! Für die Hausapotheke?! – – Schämst Du Dich nicht!! Wir wissen Bescheid!! Für Longfield – für Deinen Liebhaber!! Das ist’s!! Das …!!“
Wera von Platen bewies jetzt so recht, daß mit wachsender Gefahr auch ihre Nerven sich stählten …
Sie wurde ganz „große Dame …“ Hochmütig – ablehnend bog sie den Kopf zurück …
„Verzeih’, was soll dieser Ton mir gegenüber, Onkel?! Noch dazu in Gegenwart Deiner Gäste …?!“
Harald mischte sich ein …
„Gnädiges Fräulein, Sie täten besser, hier nicht länger Versteck zu spielen … – Wissen Sie, wer ich bin?!“
„Ja!“
„Also doch …! – Und Sie wollen nun, nehme ich an, auch weiter ehrlich sein …“
„Nein, Herr Harst …! Ich habe zu schweigen versprochen … Mein Versprechen halte ich, was auch kommen mag. Ich werde auf keine Fragen antworten …! Tun Sie mit mir, was Sie wollen …“
„Mithin schützen Sie … Mörder!!“
„Sie irren sich, Herr Harst … Ich schütze nur Leute, die schuldlos in Schuld verstrickt worden sind …“
Platens Temperament meldete sich wieder …
Und jetzt brüllte er seine Nichte an:
„Oho – – nicht einmal antworten!! Nicht antworten!! Ich werde Dich schon klein kriegen, Mädel …!! Einsperren werde ich Dich!! Hier bin ich Herr im Hause!! Du verläßt Dein Zimmer nicht mehr …!! Einschließen werde ich Dich! Nicht einen Schritt wirst Du …“
Er schwieg …
Draußen war ein Auto vorgefahren: Die Herren vom Gericht aus Putbus …
Der Amtsrichter trat ein … Hinter ihm ein Protokollführer und zwei Landjäger …
Eine halbe Stunde später war Wera von Platen wegen dringenden Verdachts des Mordes an dem gestern auf dem Landwege aufgefundenen Manne verhaftet …
Die Schlüssel – und der
Schlüssel des Rätsels.
1. Kapitel
Die Mordwaffe?!
Eine halbe Stunde später war Wera von Platen verhaftet …
In dieser halben Stunde hatte sich folgendes abgespielt:
Szene: Das Herrenzimmer Eugen von Platens … In der Mitte ein schwerer langer Eichentisch …
Am oberen Ende die Herren vom Gericht … In der Mitte Platen und wir beide … Uns gegenüber, das Gesicht nach den Fenstern zu, Wera, die Angeschuldigte …
Platen bleich, nervös … Groll und Schmerz in den Augen …
Wera von einer unbegreiflichen Ruhe …
Der Amtsrichter hat ihr schon vorhin auf der Diele erklärt:
„Sie scheinen hinreichend verdächtig, den Unbekannten, der gestern nachmittag auf dem Landwege zwischen Sellin und Sellinhof tot aufgefunden wurde, durch einen Hieb mit einem Handbeil getötet zu haben …“
Wera hatte erwidert:
„Ich bin unschuldig …!“ – Kein Wort weiter …
Dann begann das Verhör, nachdem Harst sich unter dem Zwang dieser bedrohlichen Umstände dem Amtsrichter zu erkennen gegeben hatte, worauf wir höflich gebeten wurden, der Vernehmung beizuwohnen.
Der Amtsrichter:
„Wo waren Sie gestern nachmittag gegen fünf Uhr, Fräulein von Platen?“
„Ich machte einen Spaziergang.“
„Nach welcher Richtung hin?“
„Nach Sellin zu durch die Felder …“
„Begegneten Sie jemandem?“
„Ja. In der Waldzunge, die sich in die Kartoffeläcker hinzieht, waren Leute meines Onkels mit Holzfällen beschäftigt …“
„Sie sprachen mit den Leuten?“
„Ja …“
„Was sprachen Sie mit ihnen?“
„Ich … ich weiß es nicht mehr …“
„Landjäger Knuth, der allerlei Ermittlungen angestellt hat, wird Ihrem Gedächtnis nachhelfen. – Knuth, erzählen Sie …!“
Der stattliche Landjäger erklärte:
„In der Waldzunge, die nur fünfhundert Meter von der Stelle entfernt ist, wo der Tote aufgefunden wurde, arbeiteten vier Holzfäller. Einer der Leute kam heute früh zu mir und teilte mir mit, daß ihm sein Gewissen keine Ruhe lasse … Er müsse angeben, was er vielleicht zur Aufklärung des Mordes beitragen könne … Das Fräulein von Platen sei gestern nachmittag etwa kurz vor fünf, als man gerade mit der Arbeit aufhören wollte, sehr erregt angelaufen gekommen und habe sich von ihm ein Handbeil geben lassen, angeblich, um drüben in der Schonung eine kleine Tanne als Zimmerschmuck abzuhauen. Sie habe ihm das Beil förmlich weggerissen und sei in der Schonung verschwunden. Kurz darauf hätten sowohl er als auch seine Begleiter vom Landwege her einen schwachen Ruf gehört, dem sie jedoch keinerlei Bedeutung beigemessen hätten. Um halb sechs sei dann das Fräulein mit dem in Zeitungspapier gehüllten sehr scharfen Beil in seiner Wohnung erschienen und habe es ihm zurückgegeben, habe ihm auch noch eine Mark geschenkt.
Sie sei ganz ruhig gewesen, habe noch mit seiner Frau gesprochen und habe sich wieder – entfernt. Als er das Beil auspackte, fiel ihm sofort auf, daß die Schneide und der Stiel offenbar mit Wasser und Sand ganz sauber gescheuert worden waren. Als er dann abends von dem Morde Kenntnis erhielt und auch im Dorfe erzählt wurde, daß der Unbekannte durch einen Hieb in den Hals getötet worden sei, da habe er sofort unwillkürlich an das aufgeregte Wesen des Fräuleins gedacht und sich hierüber auch mit seinen Freunden besprochen, und die hätten ihm darin recht gegeben, daß er die Sache melden müsse …“ –
Nachdem der Landjäger dies vorgebracht hatte, sank Herr von Platen förmlich in sich zusammen. Wir fürchteten schon, daß ihm etwas Ernstes zustoßen würde. Ich holte ihm rasch einen Kognak, worauf er wieder etwas Farbe und Haltung bekam.
Der Amtsrichter, durch diesen Zwischenfall sehr peinlich berührt, wünschte nun, daß Herr von Platen besser das Zimmer verließe.
„Ich bleibe!“ erklärte der alte Herr kurz.
Wera saß kerzengerade da. Ihre Wangen hatten nur ganz wenig von ihrer frischen Röte verloren. Sie war durchaus gefaßt, und ihr Mund und der Ausdruck ihrer Augen verrieten eine starre Entschlossenheit, ihr Geheimnis unbedingt zu wahren.
Als der Amtsrichter ihr nun die Aussage des Holzfällers vorhielt, gab sie alles zu …
„Ich wollte eine kleine Tanne abschlagen … Da ich jedoch in der Schonung stolperte und das Beil in ein sumpfiges Loch fiel, wo ich es nur schwer herausfischen konnte, kam ich von meinem ursprünglichen Vorhaben ab, säuberte das mit Schlamm bedeckte Beil mit Moos und trug es dem Arbeiter zurück …“
„Wera!!“ rief Herr von Platen da empört. „Bist Du so feige, derartige Lügen zu ersinnen …! Weshalb sprichst Du nicht die Wahrheit?! Daß Du den Mann nicht getötet hast, wenigstens nicht mit Überlegung, ist für mich …“
Der Amtsrichter wurde jetzt sehr dienstlich und verbat sich jede Einmischung in den Gang der Vernehmung …
Platen warf ihm einen wütenden Blick zu, schwieg jedoch, als Harald ihm energisch zuwinkte.
Das Verhör ging weiter …
Wera blieb bei ihren Angaben …
„Ich weiß nichts von dem Verbrechen … Ich bin gar nicht bis in die Nähe des Weges gekommen … Den Schrei, den die Arbeiter hörten, vernahm ich gleichfalls …“
Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.
Der Amtsrichter wandte sich an den zweiten Landjäger, den Selliner …
„Schmidt, nun sprechen Sie!“ sagte er mit Nachdruck …
Schmidt erklärte:
„Ich war gestern mit am Tatort. Ich habe die Umgebung sehr sorgfältig abgesucht und habe dabei auch neben dem Wege im Gebüsch die ganz frischen Spuren von zierlichen Damenschuhen bemerkt. Der dort etwas feuchte Boden hat klare Abdrücke der Sohlen und Absätze angenommen. Ich habe diese Spuren genau so gemessen, wie die anderen frischen Fährten. Die Damenschuhe hatten Gummihacken, die mit drei Nägeln unter dem eigentlichen Absatz befestigt sind. – Die Holzfäller gaben an, daß Fräulein von Platen gestern braune Halbschuhe getragen hat … Die Halbschuhe müßten geholt werden.“
Der andere Landjäger ging hinaus, kam mit den Halbschuhen zurück und gab sie dem Amtsrichter.
Es stimmte: die Gummihacken waren mit drei Nägeln befestigt, und Landjäger Schmidt erklärte, die Maße der Spur und dieser Schuhe glichen einander vollständig.
Wera hatte jetzt den Kopf gesenkt …
Platen atmete schwer und keuchend …
Der Amtsrichter versuchte noch ein Letztes:
„Fräulein von Platen, ich möchte Sie daran erinnern, daß Ihr Herr Onkel hier auf Rügen einer der beliebtesten und angesehensten Großgrundbesitzer ist … Weshalb wollen Sie Ihrem Onkel den schweren Kummer bereiten und …“
Wera hatte sich jäh erhoben …
„Sie werden mich verhaften, nicht wahr?“ fragte sie mit müder Gleichgültigkeit …
„Ich muß, falls Sie nicht …“
„Nein – nein, ich kann nichts mehr sagen – gar nichts! Und wenn Sie mich monatelang einsperren, Sie … Sie werden die Wahrheit nie ergründen – nie!“
„Das bleibt abzuwarten …“
Auch der Amtsrichter stand auf …
Widerwillig nur sprach er nun die inhaltschwere Formel aus …
Und der alte Herr zwischen uns krampfte die Hände um die Tischkante und stierte seine Nichte mit glasigem Blick unverwandt an …
Totenstille im Zimmer …
Plötzlich Haralds Stimme – weich und unaufdringlich:
„Gestatten Sie, Herr Amtsrichter, daß ich zu dem Tatbestand dieses Mordes noch einige Ergänzungen hinzufüge … – Bitte, nehmen Sie wieder Platz … Auch Sie, gnädiges Fräulein … – Ich muß etwas weit ausholen …“
Und er begann mit dem Briefe Herrn von Platens, mit dem Mieter der Frau Henriette von Platen, – erwähnte den Mord in der Müllerstraße, erwähnte alles andere, – nichts verschwieg er … Die Vorgänge der gestrigen Nacht schilderte er … alles – alles … Dann den heutigen Vormittag, Longfields Verschwinden, Doktor Baakes Besuch …
Und selten wohl hat er so rückhaltlos – bevor ein uns beschäftigender Fall restlos geklärt war, und so lückenlos einer Amtsperson Aufschluß über unser Tun gegeben.
Er schloß dann mit folgenden Sätzen:
„Daß dieser Geheimbund, der sich bei seinen Zusammenkünften der phantastischen Schlüsselattrappen bedient, existiert und daß der Bund zwölf Mitglieder hat oder gehabt hat, unterliegt nach alledem keinem Zweifel mehr. Man darf sich auch nicht weiter über diese phantastische Aufmachung, die Schlüsselattrappen, wundern, denn seit Ende des Weltkrieges sind überall die merkwürdigsten Geheimverbindungen entstanden, genau wie Okkultismus, Spiritismus und ähnliche „Geheimwissenschaften“ in außerordentlichem Maße wieder aufgelebt sind. Ich erinnere zum Beispiel nur an den amerikanischen Geheimbund Ku-Klux-Klan … – Was dieser Schlüsselbund bezweckt, wer die beiden Ermordeten sind, ob es sich bei diesen Toten etwa um Mitglieder des Bundes handelt, weiß ich nicht. Fräulein von Platen jedoch dürfte es wissen. Anderseits bin ich überzeugt, daß die junge Dame niemals die Mörderin jenes Unbekannten vom Feldwege ist. Richtig dürfte sein, daß sie gestern nachmittag … diesen Mord verhindern wollte. Sie muß beobachtet haben, daß der Mörder seinem Opfer auflauerte, konnte das Opfer jedoch nicht mehr warnen. Da sie keine Waffe bei sich hatte, holte sie sich das Beil und eilte dorthin zurück, wo dem Manne, der dann getötet wurde, ihrer Meinung Gefahr drohte. Sie kam zu spät … Das Verbrechen war bereits geschehen. Ich bin auch genau so fest davon überzeugt, daß das Beil tatsächlich in ein Moorloch in der Schonung gefallen ist. Leider haben ja die anhaltenden Regengüsse alle Spuren verwischt. Trotzdem werde ich mit Schraut nachher die Schonung absuchen. – Sie sind nun vollkommen informiert, Herr Amtsrichter. Ich rate Ihnen zu folgendem: Lassen Sie Fräulein von Platen hier in ihrem Zimmer bewachen. Ersparen Sie ihr die Haft in einer Zelle. Sie würden die Verhaftung doch wieder aufheben müssen. Geben Sie mir zwei Tage Zeit. In diesen achtundvierzig Stunden hoffe ich Ihnen restlos über all diese dunklen Dinge Aufschluß geben zu können …“
Der Amtsrichter war einverstanden.
Nochmals versuchte er dann Wera zum Reden zu bringen. Auch Eugen von Platen, der durch Haralds Ausführungen sichtlich beruhigt worden war und ihm stumm und dankbar die Hand gedrückt hatte, versuchte ein gleiches. Das junge Mädchen schüttelte nur den Kopf …
Stolz und aufrecht begab sie sich auf ihr Zimmer. Landjäger Knuth übernahm vorläufig ihre Bewachung. Der Radioapparat samt Zubehör wurde aus dem Zimmer entfernt und die Antennenzuleitung abmontiert.
Nachdem wir dann noch einen Imbiß eingenommen hatten, fuhren wir mit den Beamten bis in die Nähe der Schonung.
Harald fand hier tatsächlich einen sumpfigen Tümpel, neben dem ausgerissene Stücke Moos lagen. Im übrigen hatte der Regen alle Spuren ausgelöscht.
2. Kapitel.
Weras Fenster.
Das Problem „Schlüssel-Geheimbund“ war nunmehr in ein neues Stadium gerückt. Hartemer und Schrack gab es nicht mehr. Wir haben unsere Agrariermasken abgelegt, und Harst und Schraut bemühten sich in aller Öffentlichkeit um den absonderlichen Kriminalfall.
Der mißgünstige Wettergott schien hierauf Rücksicht zu nehmen. Die schweren Wolken zogen davon. Der Wind war umgesprungen.
Nach der Durchsuchung der Schonung langten wir bei strahlendem Sonnenschein in Sellin vor dem Pensionat Waldesblick an.
Ich will nun das Ergebnis unserer mit dem Amtsrichter gemeinsam unternommenen Nachforschungen in Sellin hier ganz kurz zusammenfassen.
Im Pensionat Waldesblick wohnten seit Mitte Mai vier Herren, die sich offenbar unter falschen Namen angemeldet hatten. Ihre Zimmer lagen im obersten Stock. Sie hatten sich die Antenne angelegt und sich im übrigen durchaus unauffällig benommen. Einer von ihnen war zweifellos Harry Longfield gewesen, der eine Verkleidung getragen hatte.
Die beiden gestern neu eingetroffenen Portugiesen wieder hatten ein gemeinsames Zimmer genommen – das fünfte im Obergeschoß. Doch auch sie waren heute vormittag wieder abgereist, angeblich nach Saßnitz. Mithin standen die fünf Zimmer leer. Auch Longfields Gepäck hatten die anderen heimlich mitgenommen. Wohin sie sich gewandt hatten, war nicht zu ermitteln. –
Vom Pensionat begaben wir uns zu Doktor Baake. – Die Lage des Zimmers, in dem der verwundete Longfield untergebracht gewesen, hatte dessen Wegschaffung wesentlich erleichtert. Man hatte den Kranken durch das Fenster gehoben und dann in den Wald getragen. Auch hier ließ sich nichts weiter feststellen.
Gegen fünf Uhr nachmittags führte uns das Auto nach den Überbleibseln der einstigen Schwedenfeste. Von Ruinen konnte man nicht mehr gut sprechen, denn es waren eben nur noch Schutthaufen vorhanden, die mit Unkraut, Moos und Farnkräutern völlig bedeckt waren …
Landjäger Schmidt aus Sellin hatte hierher seinen Hund mitgenommen. Aber auch die feine Nase des deutschen Schäferhundes versagte. Harald hatte erwartet, daß wir irgendeinen Zugang zu den Kellerräumen der einstigen Burg finden würden. Wir suchten anderthalb Stunden – ergebnislos …
Darauf ging’s wieder nach Sellin zurück. Der Amtsrichter hatte schon vorher an die benachbarten Badeorte und die Hauptknotenpunkte der Eisenbahn das Signalement der Leute aus dem Waldesblick telegraphiert und um Festnahme der Betreffenden ersucht.
Es war alles geschehen, was nur irgend geschehen konnte, um dieser insgesamt sechs Verdächtigen, einschließlich Longfields, habhaft zu werden.
Die Aussichten, sie zu erwischen, waren insofern günstig, als der verwundete Longfield doch unbedingt mit seinen Begleitern auffallen mußte.
Abends sieben Uhr fuhr der Amtsrichter nach Putbus zurück. Wir beide wanderten zu Fuß nach Sellinhof.
Harald war sehr still und in sich gekehrt. Wir hatten dann erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als er stehen blieb …
„Bechert muß helfen,“ sagte er sehr lebhaft. „Nur ihm, dem Berliner Kriminalkommissar, steht der gewaltige, tadellos arbeitende Riesenapparat einer mustergültigen Polizei zur Verfügung … Ich werde ihm eine Chiffredepesche senden. – Komm’, mein Alter, auf dem Postamt in Sellin entwerfen wir das Telegramm.“
Es lautete dechiffriert:
Kriminalkommissar Fritz Bechert, Berlin, Königstraße 9.
Bitte um beschleunigte genaueste Erledigung folgender Ermittlungen über folgende Personen, die in Berlin Medizin studieren oder studierten. Erstens: Harry Longfield aus Chikago, zuletzt Charlottenburg, Waitzstr. 26, bei von Platen wohnhaft. – Zweitens: Portugiesen Jose Otero und Philippe Largetto, Berliner Wohnung: Charlottenburg, Bismarckstr. 81. – Drittens über nachstehende, nicht näher bekannte Leute: Halberson, Warrani, Barton, Schmidt, v. Kersten, Albernon, Szestöni, Simonsen, Nansen. – Diese Letztgenannten dürften gleichfalls Studenten sein. – Unbedingt nötig, über aller Vorleben möglichst genaue Erkundigungen. – Vermieter der Betreffenden über Lebensführung ausforschen. Jede Kleinigkeit wichtig. Handelt sich um Mord in der Müllerstraße, um Vorfall mit dem Polizeibeamten, der einem Manne nachts große Schlüsselattrappe abnahm, und um einen Mord auf Rügen bei Sellin. – Zeitungen werden hierüber Näheres bringen. Gruß Harst und Schraut. Sellinhof bei Sellin!
Nachdem diese Depesche abgegangen, machten wir uns von neuem auf den Heimweg.
Harald war jetzt sehr gesprächig. Wir stellten allerlei Vermutungen über den Geheimbund auf, ohne daß uns auch nur eine einzige dieser ziemlich haltlosen Kombinationen befriedigt hätte …
„Die Dinge schweben wie Nebelfetzen in der Luft,“ meinte Harst schließlich. „Wir reden um eine Sache herum, die noch keinerlei Fundament hat … Befassen wir uns lieber mit Einzelheiten, so zum Beispiel mit der Frage: wohin sind die sechs Leute geflüchtet – samt ihrem Gepäck – wohin?! Die Eisenbahn oder einen der Rügendampfer können sie nicht benutzt haben. Der verwundete Longfield wäre ihr Verräter geworden. Das Unwetter, das noch vormittags herrschte, begünstigte ihr Verschwinden. Ich behaupte, sie stecken noch irgendwo in der Nähe. Sie haben hier irgendwo einen vorbereiteten Unterschlupf gefunden. Und vielleicht hat Wera ihnen ein solches Versteck nachgewiesen. Bedenke, daß Wera Verbandzeug mit nach Sellinhof brachte. Sie wollte dieses Verbandmaterial ja fraglos für Longfield benutzen. Also …“
„… also ist Longfield unbedingt noch hier!“
„Ja, mein Alter … Und die anderen Schlüssel-Männer auch: – Wo aber?! – Vielleicht läßt sich von Eugen von Platen etwas erfahren …“
„Wie daß?! Wie sollte Platen wohl …“
„Abwarten …!!“
Um halb neun speisten wir mit Platen gemeinsam zu Abend. Der alte Herr war sehr froh, als wir wieder im Herrenhause eintrafen, ließ sich nun alles genau erzählen und berichtete dann seinerseits, daß er zweimal oben bei Wera gewesen sei, die durchaus gefaßt erscheine und ihn unter Tränen in sehr lieber Weise um Verzeihung gebeten habe, weil sie ihm so viel Aufregungen bereite. Dabei hatte sie betont, daß sie nichts mit dem Morde zu tun habe und ihre Schuldlosigkeit schon irgendwie erwiesen werden würde …
Seufzend fügte er hinzu:
„Sie ist doch ein gutes Mädel, die Wera … Eigentlich bedauere ich sie … Dieser Lump von Longfield hat sie eben völlig in seiner Gewalt …!“
„Und zur Sache selbst äußerte sie sich nicht, Herr von Platen?“
„Nein, lieber Harst … In dem Punkt bleibt sie bockbeinig … Da ist nichts zu machen …“
Der alte Diener trug jetzt den Nachtisch auf …
Das Gespräch stockte …
Als wir dann nachher im Garten auf und ab gingen und eine Verdauungszigarre rauchten, fragte Harald unvermittelt, ob sich auf dem Gutsgelände von Sellinhof vielleicht noch andere alte Baulichkeiten außer den Überbleibseln der Schwedenburg befanden …
Platen nickte …
„Nur die Ruinen des einstigen Vorwerks Granitz … – Schloß Granitz mit dem hohen Turm kennen Sie ja, meine Herren … Und vor fünfzig Jahren gab es eben noch ein Vorwerk Granitz. Es liegt in dem Heidestreifen nach Norden zu. Dreihundert Morgen Heideland, die keinen Pfennig einbringen. Mein Vater gab das Vorwerk auf. Die Gebäude hätten gründlich ausgebessert werden müssen, und es fehlte an dem nötigen Kleingeld. – Weshalb fragen Sie hiernach, Herr Harst?“
„Ach – aus Interesse an alten Baulichkeiten … Ich glaubte, es sei hier in der Nähe vielleicht noch eine Burgruine vorhanden …“
„Nein … Nur zwischen Saßnitz und Stubbenkammer gibt es noch Ruinen, die aus der Schwedenzeit stammen sollen …“ –
Ich hatte gespannt zugehört …
Ich wußte nun, wo die sechs Flüchtlinge wahrscheinlich steckten: in dem früheren Vorwerk, um das sich niemand mehr kümmerte und das in der Heide dort ganz abgeschieden lag. –
Um elf Uhr gingen wir zu Bett …
Vielmehr – wir gingen nicht zu Bett …
Um halb zwölf trat unsere praktische Strickleiter wieder in Tätigkeit. Wir benutzten ein paar Minuten, wo eine einzelne Wolke das Mondlicht absperrte, und waren im Moment im Schutz der Gartenbüsche …
Was Harald vorhatte, wußte ich nicht.
Wir legten uns dann den Fenstern Weras gegenüber auf die Lauer …
Die Nacht war heiß und mondhell. Die regengesättigte Erde hauchte schweren Dunst aus. Wie feine Nebelschleier lag es zwischen den Sträuchern und Bäumen … Vom Wirtschaftshofe her kamen aus den Ställen vereinzelte Töne … dumpfes Brüllen von Rindern, das Blöken von Schafen … Irgendwo gurrten ein paar Wildtauben …
Weras Fenster waren dunkel …
Landjäger Knuth hatte schon abends seinen Posten verlassen, da Eugen von Platen die Gewähr dafür übernommen hatte, daß seine Nichte das Zimmer weder verlassen noch Gelegenheit finden würde, mit irgend jemandem draußen in Verbindung zu treten.
Wie leichtfertig dies Versprechen abgegeben war, sollte sich sehr bald zeigen. Und da begriff ich auch, weshalb wir hier in den Büschen kauerten.
Ich sah, daß die geschlossenen Vorhänge des linken Fensters sich bewegten …
Ein Gesicht war nicht zu bemerken. Aber zweifellos spähte Wera hinaus, um festzustellen, ob jemand unten vor dem Hause sie beobachten könnte.
Fünf Minuten verstrichen …
Dann öffneten sich die Vorhänge noch mehr …
Und in der Spalte blitzte ein weißer Lichtstrahl auf: eine Taschenlampe …
Das Licht erlosch …
Glühte von neuem …
Erlosch – in längeren und kürzeren Pausen …
Wera signalisierte …
Wohin aber?!
Die Parkbäume versperrten die Aussicht in die Ferne …
Nur jemand, der drüben jenseits des Gartens, wo das Gelände anstieg und eine kleine Gruppe von Eichen stand, – konnte von dort die Fenster und die Lichtzeichen wahrnehmen …
Harald raunte mir auch schon zu:
„Begib Dich schnell nach der Anhöhe drüben … Du weißt Bescheid … Ich will die Morsezeichen weiter ablesen …“
Ich verschwand …
Zwischen dem Gartenzaun und den Eichen droben zog sich eine Reihe von Haselnußbüschen hin. So konnte ich denn ohne Mühe bis an den Eichenhain heran.
Es waren nur acht mächtige Stämme, das Überbleibsel eines vor langer Zeit ausgerodeten Waldstückes.
Zwischen den letzten Büschen blieb ich liegen. Die Eichen waren etwa zwanzig Meter entfernt.
Zunächst sah ich dort niemand – niemand … Dann wurde jedoch in der Krone der am weitesten links stehenden Eiche der gelbweiße Schein einer Karbidlaterne für Sekunden sichtbar. Gleichzeitig fast hörte ich rechts von mir das schrille Kiwitt – Kiwitt eines Kiebitz …
Der Laternenschein blieb aus …
Und wie ich mich nun etwas mehr aufrichten wollte, um besser sehen zu können, umkrallte plötzlich von hinten jemand meinen Hals mit zwei nervigen Händen … Eine dritte Hand drückte mir ein feuchtes Tuch auf das Gesicht …
Der Griff lockerte sich … Ich wollte um Hilfe rufen … Aber das Betäubungsmittel, mit dem das Tuch getränkt war, mußte weit wirksamer sein als Chloroform oder ein sonstiges Narkotikum …
Ich verlor im Moment die Besinnung …
3. Kapitel.
Der Mann mit der Laterne.
Ein seltsamer Zustand …
Ich wußte, daß ich wieder zu mir gekommen war …
Und doch hatten die Eindrücke, die mein müdes Hirn durch Auge und Ohr empfing, etwas so Traumhaft-Unwirkliches …
Wie im Halbschlaf, – wenn man zwischen Traum und Tatsache zu schweben scheint und beides durcheinandermischt …
Meine schweren Augenlider klappen immer wieder herab …
Wenn ich sie mit aller Macht empor reiße, bleibt doch stets dasselbe Bild …
Kinoszene …
Regiekünste, auf das Grausige eingestellt … Jedoch alles in der Übertreibung, um gleichzeitig das gewollt Groteske zu betonen …
Aber keine gemalten Pappwände …
Diese Umgebung war Natur, war echt. Das bewies der Geruch, das bewiesen die … Ratten, die Fledermäuse …
Modergeruch …
Etwa wie in feuchten Kellern, in denen Kartoffeln verfaulen …
Dazu Harzfackeln mit schimmelbedeckten Mauerspalten …
Keine künstlichen Fackeln …
Jene Kiefernäste, an denen infolge einer Verletzung der Rinde das Harz in Menge austritt und schließlich das Holz in harter Schicht umgibt …
Qualmmassen quollen von diesen düster lohenden Kiefernästen empor …
Verschwanden nach oben zu in pechschwarzer Finsternis …
Kinoszene …
Meine bleischweren Augenlider bleiben offen …
Meine Blicke schärfen sich …
Einzelheiten dieses Verließes werden zu schreckhaften Bildern …
Ich stiere zur Seite …
Täusche ich mich …?!
Bin ich wirklich wach?!
Ist das Gestell dort wirklich ein Fallbeil, wie es einst in der Zeit der französischen Revolution Abertausende abschlachtete …
Wirklich eine Guillotine …?!
Wirklich dieses grausige Instrument, dessen Opfern der Pariser Pöbel zubrüllte:
„Hoppla – wirst bald in den Korb niesen!!“ Denn die Köpfe von den Verurteilten fielen in einen mit Sägespänen gefüllten Korb …
Und – ist tatsächlich auf das Schiebebrett dieses Instruments, dessen Balken halb verfault scheinen, ein großer Hund festgeschnallt?!
Ein Schäferhund, der sich in qualvollem Mühen von den Stricken zu befreien sucht …
Ich stiere … stiere …
Der Kopf des Tieres erscheint mir so bekannt … Ist’s etwa der Hund des Landjägers Schmidt aus Sellin?!
Mein Blick gleitet weiter …
Das ungewisse Licht der qualmenden Fackeln zeigt mir drüben an der Wand einen gekrümmten Tisch, dahinter … – ja – dahinter zwölf seltsame Gestalten …
Riesenschlüssel …
Zwölf …
Genau wie Eugen von Platen sie beschrieben hat …
Der Geheimbund also …
Gerichtssitzung über Harst und Schraut …
Denn: Harald steht neben mir an der kalten Mauer … Wie ich an die Mauer gefesselt …
Und wir schauen uns an … Er nickt mir zu, meint gleichmütig:
„Ein lächerliches Theater!“
Der Gestank dieses Kellerloches benimmt mir den Atem …
Harst wiederholt noch lauter:
„Ein lächerliches Theater!! – Glauben Sie, daß uns derlei mittelalterliche Schreckenskammerromantik imponiert …?!“
Und das gilt den Schlüsseln …
Eine Stimme antwortet von drüben:
„Es wird Ihnen imponieren! Sie haben die Wahl zwischen Tod oder Ehrenwort, Harald Harst! Und damit Sie nicht etwa denken, daß wir weichherzige Memmen sind, erinnere ich Sie an die beiden Opfer, deren Ende Sie so gerne aufklären möchten …! Damit Sie ferner merken, daß wir die Macht und die Brutalität besitzen, jede Gefahr zu beseitigen, werden wir hier vor Ihren Augen den Hund des Landjägers Schmidt … köpfen!“
Das Brett bewegt sich …
Zwei Drähte laufen von der Guillotine zum Tische …
Das Brett bewegt sich, und der Hals des armen Tieres liegt unter dem Fallbeil … –
Ich kenne Haralds Tierliebe … Mir selbst stockt der Herzschlag …
Harst ruft hastig:
„Halten Sie ein! – Was verlangen Sie?!“
Dieselbe Stimme – dasselbe Deutsch, dem man den Ausländer anhört … – vielleicht Harry Longfield …! – Aber nein: Longfield ist krank … Er kann es nicht sein …
„Was wir verlangen?! – Ihr beider Ehrenwort, daß Sie dies Erlebnis verschweigen und sich mit uns nicht weiter beschäftigen …“
„Mit wem?!“
„Mit dem Geheimbund der zwölf Schlüssel, Herr Harst …“
„Und wenn wir’s versprechen?“
„Werden Sie frei sein …“
„Und der Hund?“
„Liegt Ihnen so viel an dem Tiere?!“
„Nur so viel, als ich Mitleid mit jeder Kreatur habe … Wenn Sie den Hund hier töten, um uns zu schrecken, werde ich …“
„… Der Hund wird geschont werden … – Sie geben also Ihr Wort?“
„Noch nicht … Ich verlange vorher Ihr Wort, daß Sie als Vertreter des Geheimbundes mir versichern, weitere Untaten nicht zu begehen und den Beweis zu erbringen, daß Fräulein von Platen unschuldig ist …“
Pause …
Dann: „Gut – mein Wort!!“
Harald scheint noch zu zögern …
Meint dann wie unschlüssig:
„Sie bringen uns in eine böse Lage … Wie soll ich den Behörden gegenüber …“
„… Sie können so tun, als ob Sie Ihre Nachforschungen fortsetzen …“
„Allerdings … – Trotzdem – ich habe mich noch nie auf einen so perfiden Handel eingelassen …“
„Der Hund wird Ihnen …“
„… Halt …!! Schonen Sie das Tier! – – Nun denn: Ich gehe auf Ihre Bedingungen ein … Ich werde mich mit dem Geheimbund nicht mehr beschäftigen … Schraut ebenso wenig …“
„Wir sind zufrieden … Ein Harst hält sein Wort …“
„Wenn denn Sie das Ihrige halten und mich nicht belogen haben!“
Und – der sprechende Schlüssel dort hinter dem alten morschen Tisch erhebt sich …
Die Attrappe fällt nieder …
Ein Mann mit einer schwarzen Seidenmaske vor dem Gesicht kommt und verbindet uns die Augen …
Ich höre allerlei Geräusche …
Man nimmt mir die Fußfesseln ab … Man führt mich eine Treppe empor …
Man zieht und zerrt mich durch Gestrüpp …
Ich höre Bäume rauschen …
Atme Waldesluft … Spüre die Wärme des Sommermonats …
Ein einzelner Mann führt mich …
In den Wald …
Meine Augenbinde läßt keinen Lichtstrahl hindurch …
Dann – stehe ich still …
Und – Stille ringsum …
Nur die Stimme des Waldes, das feine Branden der See.
Bald Schritte …
Näher – ganz nahe …
Wieder Schritte, die sich entfernen …
Zu meinen Füßen ein leises Winseln …
Harst dann – und er muß dicht vor mir stehen:
„Ich glaube, wir sind allein …“
Der Hund winselt stärker …
Harald berührt mich …
„Kehrt! Ich knote Dir die Stricke auf …“
Zwei Minuten später reiße ich mir den Lappen von den Augen …
Morgendämmerung –
Waldesrand … Vor mir der gefesselte Schäferhund …
Auch Harst ist frei …
Wir nehmen dem armen gepeinigten Tiere die brutalen Drahtschlingen ab … Es erhebt sich taumelnd, leckt uns die Hände …
Harald streichelt den Hund … Beugt sich tiefer …
„Ah – die Schurken sind vorsichtig gewesen! Sie haben die Nase des Tieres mit Lysol eingerieben … Das nimmt dem Hunde für Tage jede Witterung … – Wo sind wir eigentlich?“
Zehn Schritt vor uns der Abhang der Steilküste … Nach links in weiter Ferne am hellen Strande in Grün gebettet das Nachbarbad von Sellin …: Binz!!
Noch weiter Saßnitz mit seinem bergigen Hinterland …
Harald schaut nach der Uhr …
„Sechs – sechs Uhr morgens …! – Dann also heimwärts, mein Alter …“
Ich kann nicht länger schweigen …
„Harald, wir hätten diese Zusage niemals geben sollen! Wir …“
Er lächelt ironisch … Seine grauen Augen aber sind drohend und voller Kampfeslust …
„Wir haben etwas versprochen, was an Bedingungen geknüpft war, lieber Alter … Unsere Zusage bezieht sich auf den Bund der zwölf Schlüssel …“
„Nun ja … Und?!“
„Es waren nur zwei Leute, mein Alter … Niemals zwei von den Geheimbündlern …“
Ich kann nur den Kopf schütteln …
„Nicht die …“
„… nicht die Freunde Longfields und Weras, nein, – sondern deren Feinde …! Das ist’s! Doch komm’ … Gehen wir …“
Hinter uns her trottet der matte Hund …
„Woher in aller Welt weißt Du, daß es nicht die Schlüsselleute waren?“ beginne ich wieder …
Er schweigt …
Dann: „Es hätte keinen Zweck, jetzt nach dem Orte zu suchen, wo man dieses üble Theater uns vorspielte … – Woher ich es weiß? Sehr einfach: aus dem Inhalt des Morsetelegramms, der Lichtdepesche, die von Wera in die Nacht hinausgeschickt wurde … Ich habe genau aufgepaßt … Soll ich Dir wiederholen, was sie depeschierte? Du wirst staunen! Mein Gedächtnis ist trotz dieser Nacht, trotz der zwar kurzen, aber schweren Betäubung wie immer glänzend … Also höre:
Bin im Zimmer festgehalten. Rate Euch dringend, die beiden Berliner zu Rate zu ziehen. Sie würden allmählich doch die Wahrheit erfahren. Vergeßt nicht, wer die beiden sind … – Das Verbandzeug werfe ich in die Büsche vor meinem Fenster. Morgen hoffe ich mir eine Leine zu besorgen. Dann werde ich zu Euch kommen. Grüßt Harry und sorgt Euch nicht um mich. Der Berliner ist für mich eingetreten, sonst hätte ich Sellinhof verlassen müssen.
Dies, mein Alter, depeschierte sie … Und als ich nun Dir folgen wollte, um den Mann zu beobachten, der die Lichtzeichen auffing, da ereilte mich das Geschick … Urplötzlich fielen zwei Leute über mich her und machten mich stumm … Ein mit dem neuen Narkotikum Chlorasit getränkter Lappen erledigte mich in wenigen Sekunden … Alles weitere weißt Du …“
„Ja … leider … Denn dieses Weitere war kein Genuß …“
„Oh – sage das ich! …! Es war schon ein Genuß … Mir ist nie etwas lächerlicher vorgekommen als diese famose Szene aus einem Schauerroman … Ratten, Fledermäuse, Fackeln, Modergestank – – glänzende Requisiten! Nur die beiden Schauspieler waren sehr mäßig, waren Dilettanten … Aber – – im übrigen: brutale Halunken, Kerle, denen man mit gutem Gewissen eins auf den Pelz brennen kann!“
„Und – woraus schließt Du, daß es nicht die „echten“ Schlüsselbrüder waren?!“
„Du fragst noch?! – Entschuldige schon – das wundert mich, wundert mich sehr …! Meinst Du, daß nach der Depesche die Leute uns derart behandelt hätten?! Niemals!“
„Nun gut … Und jetzt?!“
„Werden wir ein paar Stunden schlafen … Dann werden wir das Vorwerk Granitz besuchen …“
„Ah so …! Und dort?!“
„Werden wir die Flüchtlinge überraschen … Dort muß sich alles klären … Ich habe ja eine vorzügliche überzeugende Waffe: die Kenntnis der Lichtdepesche Weras!“
Und das sagte er so siegesgewiß, daß ich in genau dieselbe freudige, hoffnungsvolle Stimmung geriet …
Aber – – es war noch lange nicht aller Tage Abend …
Wir näherten uns dem Herrenhause …
Wir sahen am Rande des Gartens Eugen von Platen mit dem Oberinspektor stehen …
Und sahen – noch mehr …
Dicht vor dem Staketenzaun lag mitten zwischen hohen Butterblumen und Brennesseln eine menschliche Gestalt …
Harst begann zu laufen …
Der Schäferhund, der sich jetzt wieder erholt hatte, bellte vergnügt …
Platen schaute auf …
Winkte … Kam uns entgegen … –
So standen wir denn nun neben dem dritten Toten …
Auch dieser junge Mann war zweifellos ein Ausländer … Neben ihm eine Karbidlaterne …
Harald hatte sehr bald festgestellt, – daß der Fremde durch zwei Messerstiche ermordet worden war, die durch den Rücken das Herz getroffen hatten – also von hinten erstochen …
Und auch dieser Tote führte nicht das Geringste bei sich, was über seine Person hätte Aufschluß geben können … Unsere verspätete Nachtruhe war Illusion geworden …
Platen telephonierte nach Putbus an den Amtsrichter …
Und dann weckte er Wera … Rief ihr durch die Tür zu, sie solle hinab in sein Arbeitszimmer kommen …
4. Kapitel.
Wera weiß wenig…
Inzwischen hatte die Wirtschaftsmamsell dort für uns ein Frühstück aufgetragen … Dazu einen Kaffee, der kein Blümchenkaffee war …
Wir taten den guten Dingen alle Ehre an … Derweil bewachten zwei Knechte den Tatort. Keiner durfte sich der Stelle nähern …
Eugen von Platen war jetzt vollkommen niedergeschmettert. Dieser zweite Mord auf seinem Grund und Boden hatte ihn derart außer Fassung gebracht, daß er uns nicht einmal fragte, wo wir in der Nacht gewesen waren …
Harald fragte so gütig, wie ich ihn selten habe reden hören …
„Fräulein von Platen, Sie sitzen hier nun den beiden Berlinern gegenüber … Sie wissen, – denen, die Sie in Ihrer Lichtdepesche erwähnten …“
Sie schrak sichtlich zusammen …
„Haben Sie das Paket in die Büsche geworfen?“
Sie schaute Harald groß an …
„Ja!!“
„Und – wurde es geholt?“
„Das … – weiß ich nicht …“
Harald – leiser:
„Nein, es wurde nicht geholt … Es konnte nicht geholt werden …“
„Mein Gott …!!“ Sie schrie’s hinaus … „Mein Gott, ist Lord Albernon etwa … etwa …“
Ihre Stimme erstickte in wehen Aufschluchzen …
Ihre Gestalt sank in sich zusammen … Ihre Hände bedeckten das tränenüberströmte Gesicht …
Und dann – nur ein Wimmern:
„Ich … ich ahne es, er ist tot … er … er ist … nun auch … gefallen … Mein Gott – mein Gott, wenn ich … wenn ich sprechen dürfte … Aber ich darf’s ja nicht … Ich könnte vieles aufklären – nicht alles … denn … denn auch ich weiß nur wenig …“
Eugen von Platen erhob sich … Das Eis um sein biederes Herz war geschmolzen. Er trat neben Weras Stuhl und streichelte ihr das blonde Haar …
„Deern, liebe Deern, rede Dir in drei Deubels Namen doch das Herz frei …! Deern, sei vernünftig! Sollen denn diese Mordbuben noch mehr Menschen abschlachten …! Du weißt doch fraglos, wer die beiden Halunken sind und …“
Weras Hände sanken …
„Die … beiden?!“ Fassungslos starrte sie ihren Onkel an … „Ich … ich … kenne nur …“
Da schwieg sie … Sie hatte schon zu viel gesagt …
„Ah – also Du kennst nur einen?! – Raus mit der Wahrheit! Wer ist’s?“
„Das … weiß niemand … Beim Allmächtigen: das weiß niemand!!“
Harald blickte mich an …
Schüttelte den Kopf … Er war genau so sprachlos wie ich …
Sagte nun sehr energisch: „Fräulein von Platen, die Dinge werden immer dunkler …! – Ist es Tatsache, daß etwa auch Longfield nicht ahnt, wer diese vier Verbrechen begangen hat, das Attentat auf ihn mit eingerechnet?“
„Nein, Herr Harst …! Nein!!“
„Und – weshalb diese … diese Geheimniskrämerei?! Weshalb dieser Geheimbund, weshalb verschweigen die Leute, was Sie doch …“
„Da … fragen Sie zu viel, Herr Harst …“ Und in hilfloser Verzweiflung streckte sie ihm die Hände entgegen …
„Ich versichere Ihnen, Herr Harst: man hat mich nicht in alles eingeweiht!“
Eugen von Platen nahm jetzt ihre Hände …
„Deern, nun hast Du bereits die Hälfte zugegeben …! Raus mit der anderen Hälfte! Wer sind diese zwölf Geheimbündler? Wozu dieser Blödsinn mit den Schlüsseln?! Wozu?!“
Wera kämpfte mit sich …
„Mein Gott, – – ich … ich habe … geschworen …! Ich habe meinen Schwur schon gebrochen … Und ich … ich weiß ja nicht, ob ich nicht noch ärgeres Unheil anrichte, wenn ich rede …! Nur Longfield kann darüber entscheiden …“
Und Harst – wieder voller Güte und Nachsicht:
„Sie haben nichts verraten, gnädiges Fräulein …! Es stimmt … Sie sind dort!! Und wir werden sofort die Sache ins reine bringen … sofort …! Begleiten Sie uns bitte …“
„Ja – ich will, Herr Harst …! Es ist die einfachste Lösung … – Ich hole nur meinen Hut … Im Augenblick bin ich wieder da …“
Im Augenblick wollte sie wieder da sein … Fünf Minuten verstrichen …
Wir drei werden unruhig … Platen geht zur Tür … drückt auf den Knopf der Hausklingel … – Zwei Minuten … Der alte Diener erscheint …
„Wo ist Wera?!“
Der Alte schlottert … „Das … das gnädige Fräulein … traf … im Flur einen Jungen … der … gab ihr einen Brief … Und – und jetzt ist … das gnädige Fräulein auf dem ungesattelten Fuchs … weggeritten …“
Platen stößt ein wütendes Zischen aus …
„Die … Kanaille …!! Die Kanaille!! – Drei Pferde aus dem Stall …! Fix, – tummle Dich!! Nur Trensen überwerfen …!!“
Und er schiebt den Alten zur Tür hinaus …
Er reißt den Gewehrschrank auf … Harald will ihn besänftigen … Platen wird grob …
„Herr, hier geht’s um meine Ehre!“
Und mit seiner Jagdbüchse stürmt er hinaus – in den Wirtschaftshof – zu den Ställen …
Wir ihm nach …
Drei Gäule stehen schon bereit … Dann beginnt das Rennen …
Platen ist uns bald voraus …
Ich sitze auf dem hochbeinigen ungesattelten Braunen wie ein Häufchen Malheur(4) … Blicke zurück …
Mitten durch die Felder geht die Hetze …
Von Wera ist zunächst nichts mehr zu sehen … Dann aber, als wir ein Waldstück hinter uns haben, taucht sie weit vor uns auf …
Platen reitet wie der Teufel … Harst nicht minder …
Platen holt auf …
Platen hebt die Büchse …
Bei Gott – er scheint auf Weras Fuchs schießen zu wollen …
Da ist Harst neben ihm … Schlägt ihm die Büchse aus der Hand …
Der Gaul Platens scheut – springt zur Seite – und Eugen von Platen fliegt in einen Wassergraben … Kriecht fluchend wieder heraus …
Ich habe sein Pferd glücklich eingefangen. Harald hat die Heide bereits erreicht … Der alte Herr und ich sehen ihn weit vor uns unter den Bäumen eines Streifens von Mischwald untertauchen …
„Das ist das frühere Vorwerk, Herr Schraut,“ ruft Platen … Sein Gesicht ist mit Schlamm bedeckt … Die Mütze hat er verloren … Sein spärliches Haar hängt ihm in nassen Strähnen ins Gesicht …
Plötzlich erscheinen Wera und Harald wieder außerhalb der Bäume, und Harst winkt uns zu, deutet nach Osten …
Dorthin trabt er mit dem jungen Mädchen, und auch wir biegen nach rechts ab, treffen mit den beiden zusammen …
Platen faucht Wera grollend an …
„Zum Teufel, Mädel, was fällt Dir eigentlich ein, so ohne weiteres auszukneifen …!!“
Stumm reicht sie ihm zwei Zettel …
Der eine ist der Brief, den der Junge ihr überbracht hat … Der andere Zettel hat am Haustürpfosten des verfallenen Wohnhauses des Vorwerks gesteckt …
Der erste lautet:
„Wir haben sie – endlich! – Harry.“
Der zweite:
„Wir sind im Burghof … – Sie sind nicht mehr zu retten …“
Und wir vier kommen in den herrlichen, alten Buchenwald, kommen auf die Lichtung – zu den Überbleibseln der Schwedenfeste … In den Burghof … Links im dichtesten Gestrüpp stehen vier Männer, darunter unsere beiden Portugiesen … Auch eine Tragbahre aus Latten steht dort. … Harry Longfield liegt auf der Bahre … Schaut uns ruhig entgegen … Die vier anderen grüßen höflich …
5. Kapitel.
Eine verblüffende Lösung.
Als wir dann neben ihnen sind, sehen wir hier mitten in dem undurchdringlichen Gestrüpp, mitten in den Hügeln von Mauerresten ein tiefes Loch mit steilen Rändern … Noch immer bröckelt Mauerwerk ab … fällt in die Tiefe …
Wera kniet neben Longfields Bahre, hält seine Hände …
Einer der vier, ein schlanker blonder Herr mit feinem, kränklichen Gesicht erklärt dann:
„Mein Name ist von Kersten … Wir sind Ihnen, Herr Harst, und Ihren Begleitern einige Aufklärungen schuldig. Ich will mich ganz kurz fassen … – Unser Geheimbund wurde in Davos vor sechs Jahren gegründet, im Sanatorium „Sonnenblick …“ Dort trafen damals zufällig zwölf jüngere Leute zusammen, die sämtlich mehr oder minder schwer lungenkrank waren. Um uns enger aneinander zu schließen, um gleichzeitig auch eine Zerstreuung und Ablenkung zu haben, schuf Longfield den Bund der zwölf Schlüssel. Wie gesagt – es war eine Laune, das Ganze – eine Laune, wie sie eben nur Leute befällt, die bereits mit anderthalb Füßen im Grabe stehen – fast ein Fastnachtsscherz. – Wir zwölf gehörten den verschiedensten Nationen an. Wir waren zumeist reich. Unsere heimlichen Zusammenkünfte, bei denen wir die Schlüsselattrappen trugen, hatten zunächst lediglich den Zweck, uns eine willkommene Zerstreuung zu bieten. Dann aber geschahen dort im „Sonnenblick“ Dinge, die unserem Bunde ein ernsteres Ziel gaben. Der Chefarzt hatte zwei Assistenzärzte, die, wie wir zufällig herausbrachten, in gewissenlosester Weise ein neues Heilmittel an den Patienten ausprobierten. Drei von uns starben rasch hintereinander – als Opfer dieser Pfuscher, die mit ihrem Serum später einmal reich zu werden hofften …
Nachdem wir anderen durch stetes Beobachten der beiden Assistenten genügend Material gesammelt hatten, erstatteten wir dem Chefarzt Meldung. Da dieser jedoch gleichzeitig Besitzer der Heilanstalt war, fürchtete er wohl für den guten Ruf seines Sanatoriums und drohte uns mit Anklage wegen verleumderischer Beleidigung. Unsere Beweise reichten nicht aus, gegen die Assistenten irgendwie vorzugehen. Wir siedelten in ein anderes Sanatorium über. Zwei von uns erlagen dann noch der Lungentuberkulose, die übrigen wurden gesund. – Wir blieben in steter Verbindung miteinander. In Berlin trafen wir wieder zusammen und studierten dort Medizin, zwei auch Staatswissenschaften. Unser Geheimbund lebte wieder auf. Wir waren alle etwas romantisch veranlagt, außerdem hatten wir jetzt aber noch einen edlen Zweck im Auge: Wir unterstützten heimlich Lungenkranke, denen durch eine Kur in Davos noch zu helfen war. Unsere Versammlungen fanden zweimal im Monat in dem Häuschen in der Müllerstraße statt. Dort wurde dann unser Freund Szestöni, ein Ungar, der keine Angehörigen mehr besaß, ermordet. Er hatte nach einer Sitzung als letzter das Häuschen verlassen. – Wir berieten, ob wir der Polizei Meldung erstatten sollten, nahmen hiervon jedoch aus zwei Gründen Abstand: einer von uns hatte einen Polizeibeamten einmal niedergeboxt, und dann waren zwei andere von uns auf dem Wege zu dieser Zusammenkunft überfallen worden. – Auf Einzelheiten will ich nicht eingehen, Herr Harst, da sie belanglos sind. Jedenfalls mehrten sich diese Überfälle derart, daß wir schließlich die Überzeugung gewannen, wir müßten geheime Gegner haben, die uns allen nach dem Leben trachteten. – Wir verabredeten, Berlin für einige Zeit zu meiden. Longfield, der gern mit seiner heimlich Verlobten weiter zusammenbleiben wollte, schlug Rügen als Aufenthaltsort vor. – Was dann hier geschah, wissen Sie … Der Ermordete auf dem Landwege ist der Norweger Simonsen. Fräulein Wera beobachtete, wie er dort mit einem Fremden einen heftigen Streit hatte. Der Fremde war, was für uns alle eine Überraschung bildete, einer der beiden Assistenzärzte aus dem Sanatorium „Sonnenblick“ … Wera eilte davon, um für alle Fälle eine Waffe zu holen und Simonsen zu schützen. Sie kam zu spät. Simonsen war bereits tot, und der verkleidete Mörder entflohen. Immerhin hatte Wera so viel von dem Streit belauscht, daß wir nun genau wußten, wer uns nachstellte und weshalb: die beiden verbrecherischen Ärzte wollten uns, von denen sie wohl annahmen, daß wir ihnen doch noch schaden könnten, aus dem Wege räumen. Wir beschlossen, diese Schurken nun zu ermitteln und der Polizei zu übergeben. – Es folgte dann das Attentat auf Longfield, der die Kasse des Bundes sich von Wera hatte zurückgeben lassen. Das Geld hatte er hier verborgen, wo die untersten Kellerräume eines früheren Turmes mit einem schwer auffindbaren Zugang uns als Versammlungsort gedient hatten. – In der verflossenen Nacht fiel dann Lord Albernon den beiden Mördern zum Opfer. Ich selbst beobachtete das Verbrechen, konnte es aber nicht mehr verhüten. Als ich dann, nachdem ich Ihre Überrumpelung noch mit angesehen hatte, mit meinen Freunden hier in die Turmkeller eindringen wollte, um Sie zu befreien, gab plötzlich das durch die Regengüsse aufgeweichte Erdreich nach und der unterirdische Teil des Turmes brach in sich zusammen. Wir hörten Hilferufe … Es waren unsere beiden Gegner, die unter den Steintrümmern begraben waren. Der eine lebte noch kurze Zeit, konnte noch, gefoltert von Schmerzen und Todesangst, alles eingestehen. Wir suchten ihn hervorzuziehen. Da fiel noch mehr des alten Gemäuers nach, und mit genauer Not retteten wir uns nach oben.
Die beiden sind tot. Sie haben im nahen Binz als Kurgäste gelebt. Der eine hat eingestanden, daß sie von der Polizei gesucht werden, weil sie noch anderswo mit ihrem Serum Lungenkranke getötet haben. Weil sie in uns diejenigen vermuteten, die die Polizei auf sie aufmerksam gemacht hatten, wollten sie sich rächen.
Ich habe nichts beschönigt, Herr Harst … Daß wir, der Bund der zwölf Schlüssel, vielen Kranken anonym Geld gesandt haben, könnten wir jederzeit beweisen.
Eine Reihe besonderer Umstände hat uns so in einen ganz falschen Verdacht gebracht, ebenso Fräulein Wera. – Um nun doch noch eine Einzelheit zu erwähnen: meine Freunde Otero und Largetto hier haben Sie beide in Berlin beobachtet und sind dann absichtlich mit Ihnen zusammen nach Sellin gereist, da Wera wußte, daß Herr von Platen sich an Sie gewandt hatte.
Was unseren Geheimbund betrifft, so müssen Sie berücksichtigen, daß Longfield als Gründer Amerikaner ist, wo man eine Vorliebe für geheime Klubs und dergleichen hat …
Falls Sie noch etwas zu fragen haben, – bitte, fragen Sie!“
„Ich danke, Herr von Kersten … Ihre Angaben genügen mir vollständig und werden auch dem Gericht genügen … Wir müssen aber unbedingt sofort Arbeiter herbeiholen, die den eingestürzten Turm wieder freilegen. Vielleicht lebt einer der beiden Mörder doch noch …“
Zwei Stunden später waren nur zwei Tote geborgen – und die zwölf unten versteckt gewesenen Pappattrappen und die Reste der zusammengebrochenen Guillotine, die noch aus der Schwedenzeit zu stammen schien …
Der Aufklärung des Geheimnisses der zwölf Schlüssel war ebenso eigenartig wie einfach. – Der Bund existiert nicht mehr. Harry Longfield und seine junge Gattin leben auf Sellinhof, wo der Chikagoer sich eifrig der Landwirtschaft widmet, denn das Gut wird Wera einst erben. –
Ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Höchstens das eine, daß unser Aufenthalt in Sellinhof uns noch zu einem neuen Problem verhalf, das trotz seines Titels, unter dem ich es veröffentlichen will, mit dem vorigen auch nicht die geringste Ähnlichkeit hat …
Nächster Band:
Das Geheimnis des Sanatoriums Waldesruh.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H. Berlin.
Anmerkungen:
(1) „Agrarier“ - Großgrundbesitzer, Gutsbesitzer, Landwirt
(2) Eine Petschaft ist ein Messingstempel mit vertiefter Gravur und einem Holzgriff, der zum Siegeln mit einem persönlichen Text oder Logo genutzt wird.(siehe auch Petschaft)
(3) „Insthaus“ ist eine alte Bezeichnung für ein primitives Landarbeiterwohnhaus (Kate) auf früheren ostelbischen Gutsanlagen. (siehe auch Inste)
(4) umgangssprachlich: nicht sehr folgenschweres Missgeschick, Unglück, das den Betroffenen in eine peinliche Situation bringt. Veraltet: Unglück, Unfall