
Im Flugzeug um die Welt
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Band 12
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Das Boot mit den vier Gestalten.
Des Vollmondes silberne Scheibe stand am nächtlichen Firmament gerade senkrecht über dem kleinen Bergsee, der hier inmitten der inneraustralischen Einöden zwischen zerklüfteten Felsenhügeln einsam und unendlich fern von den nächsten Ansiedlungen dahinträumte.
Ein See, fast kreisrund. Steil die Ufer, – wie gigantische Mauern, wie Mauern, die jeden Menschen von dieser friedlichen Stätte fernhalten wollten.
Und doch war der Bergsee nicht so einsam wie es schien. Da gab es in der westlichen Uferwand eine hohe breite Wölbung – den Eingang in eine mächtige, wassergefüllte Grotte, und gerade in diesem natürlichen Torbogen lag ein Fahrzeug vertäut.
Ein Schiff – ein Boot?!
Nein – etwas ganz anderes! Ein Wunderwerk deutschen Erfindungsgeistes: ein Flugzeug, das gleichzeitig auch als Boot und Kraftwagen sich verwenden ließ …!
Es war die berühmte Libelle des deutschen Ingenieurs Holk, der mit zwei Begleitern vor einiger Zeit in Berlin zum Rekordflug um die Welt gestartet war. Und auf dem flachen Gondeldeck der Libelle war bei dem klaren Mondschein deutlich die schlanke Gestalt eines kräftigen Knaben zu erkennen, der soeben den Mechaniker Gustav Riedel als Wache abgelöst hatte.
Ingenieur Holk und der Mechaniker schliefen unten in der Wohnkajüte. Willi Kröger aber, dieser vierzehnjährige tapfere Bursche, lehnte nun oben an Deck, stützte sich gegen eine der Tragflächen und starrte unverwandt nach der Mitte des Sees, wo unter dem Wasser das Geheimnis dieser stillen Hügellandschaft ruhte: die seltsame Insel der Verdammten, ein Gebilde aus Stahl, auftauchend und wieder verschwindend, im Innern bewohnt von noch seltsameren Geschöpfen, die mehr riesigen Fröschen als Menschen glichen und die sich selbst als Verdammte bezeichnet hatten.
Nochmals rief sich der Knabe jetzt die Ereignisse des verflossenen Tages ins Gedächtnis zurück.
Da hatten Bert Holk und Willi einen dieser Froschmenschen aus der Gewalt wilder Aborigines befreit, da war dieses Rätselwesen entflohen und zu den Seinen in die geheimnisvolle Metallinsel zurückgekehrt, von der, wenn sie auftauchte, nur eine flache glatte Kuppe sichtbar war.
Und dann hatte der Ingenieur, überrumpelt von den Rätselwesen, im Innern dieser „Insel der Verdammten“ eine Dynamomaschine wieder in Ordnung bringen müssen, war darauf an die Oberwelt zurückgeschafft worden und hatte die Libelle und seine beiden Begleiter in der Wassergrotte neben dem See wiedergefunden.
Trotzdem er aber das Innere des Metallgebildes auf diese Weise zum Teil kennen gelernt hatte, konnte er nicht sagen, ob es sich um irgendeine besondere Art von Fahrzeug handelte. Nur zwei schriftliche Mitteilungen von den „Froschmenschen“ hatte er seinen Freunden vorlegen können, und daraus ging hervor, daß es sich um Wesen handelte, die aus ihrer Heimat für gewisse Zeit verbannt worden waren und die nun erst dorthin zurückkehren durften.
Bert Holk war im übrigen fest überzeugt, die merkwürdigen Geschöpfe seien Bewohner eines anderen Planeten und mehr durch einen Zufall auf die Erde geraten.
Um all dies, was noch ungeklärt war, womöglich zu ergründen, hatte Bert Holk die Libelle hier im Grotteneingang vertäut und war entschlossen, festzustellen oder zu beobachten, wie die Froschgeschöpfe, die in ihrem Metallgehäuse dort unten auf dem Seegrunde sich verbargen, den Weg in ihre Heimat zurückfinden würden. –
Ein Uhr morgens war es jetzt.
Willi Kröger befand sich in einem Zustande fieberhafter Aufregung. Er vermutete mit aller Bestimmtheit, dass die Fremdlinge noch in dieser Nacht aus der Tiefe des Sees emporsteigen würden. Er stand regungslos mit pochendem Herzen, alle Sinne angespannt und wartete … wartete…
Nichts geschah – nichts.
Der durch die Randberge vor jedem Windhauch geschützte Seespiegel zeigte auch nicht die allergeringste Bewegung. Keine Kräuselung der Oberfläche, keine noch so kleine Wellenbildung deutete darauf hin, daß auf dem Grunde des Gewässers irgendetwas Besonderes vorgehe.
Und doch – es befanden sich lebende Wesen da unten …! Mit eigenen Augen hatte Willi Sie ja geschaut, hatte auch den dunkel metallisch glänzenden, über das Wasser hinausragenden Buckel aus nächster Nähe betrachtet, den sein verehrter Freund und Gönner Holk etwas poetisch „Die Insel der Verdammten“ benannt hatte.
Der Knabe starrte noch immer geradeaus, obwohl es ihm bereits von scharfem Hinsehen vor den Augen flimmerte.
Er wunderte sich nicht weiter, daß nicht einmal ein Fischlein aus der Flut hervorschnellte. Wußte er doch, daß auch das Wasser dieses Bergsees so stark natronhaltig war, daß Lebewesen darin nicht existieren konnten. Die meisten Seen der Einöden Inneraustraliens sind ja leider infolge ihres Natrongehalts „tote Gewässer“ und erquicken nicht einmal einen Durstenden.
Vielleicht war dieses angestrengte Hinschauen daran Schuld, daß der wackere Junge plötzlich überraschend müde wurde. Vielleicht waren es auch die Folgen des überaus anstrengenden vorausgegangenen Tages. Jedenfalls: Willi begann immer häufiger zu gähnen, und seine Erregung verwandelte sich allmählich in einen Zustand fast gleichgültigen Hindämmerns. Die Augen fielen ihm mitunter zu, und wenn er sie gewaltsam wieder aufriß, merkte er, daß ein Sekundenlanger Schlaf allerlei Traumbilder in seinem Hirn hatte entstehen lassen.
Abermals schreckte er jetzt wieder empor. Ärgerte sich, daß die Müdigkeit ihn stets aufs neue übermannte und sagte sich, ein kurzer. wüster Traum müsse ihm da eben einen schrillen Hilferuf vorgetäuscht haben.
Doch – jäh schnellte sein Kopf herum …
Der Körper folgte der Drehung, und Willi blickte mit halb zusammengekniffenen Lidern in das tiefe Dunkel der Seegrotte hinein.
Denn – ein heiserer Schrei, widerhallend an der hohen Steinwölbung der Grotte, war klar und deutlich an sein Ohr gedrungen.
Kein Hilferuf … nein – ein Schrei, der in einem tiefen qualvollen Stöhnen endete ….
Schaurig klangen diese Töne – unendlich schaurig.
Und den Jungen überlief es eiskalt …
Doch – Furcht war nicht Willi Krögers Sache. An Gespenster, Geister oder Übernatürliches glaubte er nicht. Er wußte: wenn man den seltsamsten, unheimlichsten Dingen auf den Grund ging, fand man stets eine sehr natürliche Ursache.
Er horchte jetzt …
Alles blieb ruhig.
Da ging er auf seinen leichten Segeltuchschuhen mit Gummisohlen ans andere Ende des Gondeldecks, bückte sich, öffnete die lange schmale Lukentür und hob aus dem Behälter das kleine Aluminiumboot heraus, in dem zwei leichte Ruder lagen.
Ohne Mühe brachte er es zu Wasser, stieg hinein, setzte sich auf die Mittelbank, stellte die große elektrische Laterne vorn in das kleine Fahrzeug, so daß ihr Schein die Umgebung weithin in grelles Licht tauchte.
Leise und bedächtig ruderte er so in die Seegrotte hinein, indem er die Ruder derart handhabte, daß das Boot in Richtung seiner Augen vorwärtsglitt.
Die Grotte war genau wie der Bergsee fast kreisrund und hatte einen Durchmesser von vielleicht zweihundert Meter.
Der Knabe trieb sein kleines Fahrzeug am Grottenrand entlang, wo überall Steinschutz und Felsstücke einen breiten Uferstreifen bildeten, bevor die Höhlenwölbung sich im flachen Bogen nach oben zog.
Der Laternenschein tanzte vor ihm her, enthüllte immer neue Teile des Uferstreifens – einige schmale Landzungen, größere Felsblöcke und auch Felsspalten, die als schwarze Striche das Gestein durchzogen.
Bisher hatte keiner der drei Insassen der Libelle in dieser Weise die Grotte umrundet. Willi Kröger hoffte jetzt hier auf irgendetwas Besonderes zu stoßen, mußte aber bald feststellen, daß das Bild der Grottenufer stets das gleiche blieb: Steine, Felsen, Vorsprünge und breite Risse in der Deckenwölbung.
So langte er denn schließlich wieder nach etwa einer Viertelstunde bei der Libelle an, war nun unschlüssig, was er tun sollte. Er sagte sich selbst, daß es seine Pflicht wäre, Herrn Holk und den Mechaniker zu wecken, denn daran war ja nicht zu deuteln: der schrille Schrei war aus menschlicher Kehle gekommen, und das leise verklingende Stöhnen bewies weiter, daß ein Mensch sich hier irgendwo in höchster Not befände.
Willi zauderte …
Wie stets bei solchen Gelegenheiten – und die drei Weltreisenden hatten wahrlich schon genügend Abenteuer hinter sich! – siegte sein kecker Unternehmungsgeist und sein jugendlicher Leichtsinn.
Abermals ruderte er bis zum nächsten Punkte des Grottenufers, stieg an Land, stellte die Laterne auf einen Stein und zog das Boot aufs Trockene.
So begann er jetzt zu Fuß die Seegrotte zu Umkreisen.
Als er die Stelle erreicht hatte, die dem gewölbten Eingang gegenüberlag, schaute er nach der Libelle aus, die gegen den hellen Hintergrund des mondbeschienenen Bergsees sich in der Eingangsöffnung scharf abhob.
Außer der Libelle bemerkte Willi jedoch noch etwas anderes: das kleine Aluminiumboot, das soeben, mit vier Gestalten bemannt, aus der Finsternis der Grotte in dem Lichtkreis des Eingangs auftauchte und auf die Libelle zuhielt.
Ein heißer Schreck durchzuckte den Knaben da …
Er witterte Verrat – Gefahr.
Und blitzschnell fuhr seine rechte Hand in die Jackentasche, holte die Mauserpistole hervor …
Als die beiden Alarmschüsse mit betäubendem Echo in der Seegrotte widerhallten, hatten sich jedoch bereits drei der Gestalten drüben an Deck der Libelle geschwungen und waren in der Treppenluke zur Wohnkajüte verschwunden.
2. Kapitel.
Der Sterbende.
Willi begann zu laufen … Lief auf dem Uferstreifen dahin, sprang über Steine und Felsstücke, stolperte oft, raffte sich immer wieder empor – hetzte weiter, nur getrieben von dem einen Gedanken, diesen Überfall auf die Libelle womöglich doch noch durch sein Eingreifen zu vereiteln.
So näherte er sich rasch der Eingangsöffnung. Doch – trockenen Fußes bis an das Flugzeug heranzugelangen, war ausgeschlossen, da die Grottenwand gerade hier ohne Übergang steil ins Wasser abfiel.
Willi sah nun auch, daß ein einzelner Mensch noch in dem neben der Libelle liegenden Boote hockte. Es waren ja auch nur drei im Innern des großen Wundervogels untergetaucht.
Ganz leise watete er in das laue Wasser., wollte zur Libelle hinüberschwimmen …
Und – machte halt.
Surrend war der Propeller des großen Metallvogels angesprungen.
Die Libelle glitt auf den Bergsee hinaus, zog das Boot mit, machte eine Wendung und verschwand den Blicken des wie versteinerten dastehenden Knaben.
Mit jäher Wucht kamen dem kecken Jungen da die reumütigsten Gedanken. Er erkannte, daß durch seine Schuld hier abermals eine Verwicklung herbeigeführt war, deren Tragweite er noch gar nicht übersehen konnte.
Allerlei Fragen stürmten auf ihn ein, für die er keine Antwort fand. – Wer waren die Vier, die nun doch offenbar die Libelle geraubt hatten?! Waren es – – – jene Geschöpfe, die Ingenieur Holk für Marsbewohner hielt? Und – woher waren Sie gekommen?! Wie hatten sie sich des kleinen Bootes bemächtigen können, da er sie doch vorhin bei der Rundfahrt um die Grotte nirgends bemerkt hatte …?! Ob Sie etwa in einer der Felsspalten verborgen gewesen waren, die den Granitdom durchzogen?
Unschlüssig, niedergeschlagen und halb verzweifelt stand der Junge noch immer bis zu den Hüften im Wasser, die Pistole in der Rechten, die Augen starr auf den Grotteneingang gerichtet.
Er lauschte jetzt.
Vernahm draußen auf dem Bergsee das rasch anschwellende Surren des Propellers der Libelle, erblickte jetzt auch das vorwärtsschießende Flugzeug, das sich leicht vom Wasserspiegel in die stille Nachtluft emporschwang und stolz und sicher davonsegelte.
Das Surren verklang nur zu schnell …
Die Libelle enteilte – entführt von irgendwelchen Leuten, die vielleicht Holk und Riedel … ermordet hatten …!
Tränen stiegen dem Knaben in die Augen, Tränen der Reue und tiefster Verzweiflung …
Und gerade in diesem Moment, wo er sich so unendlich verlassen und unglücklich fühlte, schrillte abermals ein langgezogener Schrei über den Grottensee hin …
Und diesmal endete der Schrei in dem deutlich vernehmbaren deutschen Worten: „Hilfe – Hilfe – Hilfe!!“
Willi war herumgeschnellt. Hob mit der Linken die elektrische Laterne, die zum Glück trotz des mehrmaligen Stolperns vorhin unbeschädigt geblieben, ganz hoch empor und watete rasch zum Uferstreifen zurück.
Begann zu laufen – wie vorhin, – nur vorsichtiger …
Und rief wiederholt: „Hallo – hallo, wer da …?!“
Keine Antwort.
Stille – Totenstille in dem hohen Gewölbe …
Die Granitfelsen ragten wie vorhin noch düster und zackig am Uferstreifen empor … Die dunklen Spalten gähnten finster und geheimnisvoll, als ob sie tausend Rätsel bargen.
Willi war stehen geblieben.
Er befand sich wie vor kaum fünf Minuten dem Grotteneingang gerade gegenüber.
Und – schickte nun wiederum Sein lautes „Hallo! – Hallo!“ in die tiefe Stille hinein.
Horchte … horchte …
Nichts regte sich – nichts …
Dem Knaben ward es unheimlich zu Mute … Äffte Ihn denn ein Spuk?! Bildete er sich nur ein, die Schreie zu hören?!
Doch nein! Nur zu klar, war das schrille „Hilfe – Hilfe!!“ erklungen! Kein Spuk, keine Einbildung! Hier war ein Mensch in Not! Lag nun vielleicht bewusstlos irgendwo auf dem Uferstreifen zwischen den Steinblöcken …
Willi schritt weiter. Ganz langsam. Leuchtete den Boden ab, hoffte irgendwelche Spuren zu finden.
Und – stutzte jäh.
Bückte sich tiefer … flüsterte scheu: „Blut, Blut …!! Das sind Blutstropfen! Und – diese rote Fährte läuft dort nach jener breiten Spalte hin!“
Er richtete sich wieder auf. Er fühlte, daß er blaß geworden …
Biß jedoch die Zähne zusammen, dachte ärgerlich: „Willi, Du bist ein netter Held! Schäme Dich …“
Und kletterte behutsam über das Steingeröll – bis dorthin, wo die schwarze Kluft sich in die Granitmassen hineinzog, wo ein steiler, meterbreiter Schlund nach oben lief …
Willi leuchtete vorsichtig auch hier den Boden ab.
Wieder einige rote Tropfen …
Und – weiter empor blitzte es wie von blankem Stahl auf dem dunklen Gestein …
Er kletterte höher, hob ein dolchartiges Messer auf von einer so merkwürdigen Form wie er es bis dahin nie gesehen, obwohl sein väterlicher Beschützer Holk doch daheim in Berlin eine große Waffensammlung besaß, deren einzelne Stücke der Knabe ganz genau kannte.
Der Griff der Waffe schien aus Gold zu bestehen und war mit Edelsteinen reich verziert. Den Knopf oben am Griff bildete ein grüner Stein von der Größe einer Walnuß – ein Stein, dessen wunderbares Feuer im Lichte der elektrischen Lampe so recht zur Geltung kam.
Die Klinge wieder war aus einem weißen Metall gefertigt, das weder Platin noch Silber sein konnte.
Auf den ersten Blick glich es feinstem poliertem Marmor.
Willi schob den Dolch in den Gürtel seiner Sportjacke und klomm weiter empor.
Zu seinem Erstaunen sah er nun, daß hier, wo die Felsspalte noch enger und noch steiler wurde, glatte Stufen in das Gestein gehauen waren.
Er hob abermals die Laterne hoch und ließ den Lichtschein auf diese Treppe fallen. Sie setzte sich nach oben zu endlos weit fort.
Mit ganz seltsamen Empfindungen klomm der kühne Junge nun höher und höher. Er ahnte, daß wichtige Entdeckungen ihm bevorständen und daß die Grotte noch Geheimnisse berge, die mindestens ebenso seltsam waren, wie die metallene Insel der Verdammten.
Unwillkürlich zählte er die Stufen.
Als er die vierzigste erreicht hatte, stand er auf einem schmalen Vorplatz – vor dem Eingang in eine Höhle, in der ein mattes Licht schimmerte.
Wieder zögerte er. Fester umklammerte er seine Waffe, trat dann rasch auf Fußspitzen durch den gewölbten Türbogen ein … – Und – stand wie angewurzelt – wie gelähmt – mit unnatürlich geweiteten Augen…
Was das Laternenlicht ihm hier enthüllte, war ein Höhlengemach von phantastischer Pracht – mit Möbeln, die in Form und Ausführung ihresgleichen nicht auf Erden hatten …
Köstliche glitzernde Stoffe waren über die Felswände gespannt. Der Boden war mit Teppichen von feinster Farbenzusammenstellung bedeckt. Seltsame Ruhebetten, Tische, Sessel und andere Dinge, zumeist aus jenem weißen, förmlich leuchtenden Metall bestehend, füllten den vielleicht sieben Meter langen und etwas schmalen Raum in geschmackvollster Anordnung aus.
Von der gleichfalls durch köstliche Gewebe verhüllten Steindecke hing eine merkwürdige Lampe herab, eine Art flache Schale, in der jedoch keine Lichtquelle zu bemerken war. Es machte den Eindruck, als ob die Schale selbst Licht ausströme.
Auf einem der niederen Ruhebetten aber lag eines jener Rätselgeschöpfe, die in der ebenso rätselhaften „Insel der Verdammten“ hausten …
Regungslos lag das Geschöpf da – mit dem nackten, grünbraunen Leibe, dem dicken Schädel, der aus den Schultern ohne Hals hervorwuchs, und den Händen und Füßen mit durchsichtigen Schwimmhäuten zwischen Fingern und Zehen.
Willi trat näher …
Richtete die Laterne auf den Froschmenschen, sah, daß das immerhin menschenähnliche Gesicht dieses Wesens von unzähligen Falten wie das eines Greises durchzogen war.
Und – sah noch mehr …
In der linken Brustseite, dicht über dem Herzen, klaffte eine breite Wunde. Blut hatte die kostbare Decke des Ruhebettes rot gefärbt, und blutig war die eine Hand des Greises, die mit dem Arm schlaff herabhing.
In dieser Hand schimmerte ein Stück Papier, – ein zusammengeknüllter großer Bogen, wie der Knabe sehr bald erkannte.
Zögernd beugte er sich über den Reglosen …
Kein Atemzug verriet mehr, daß noch Leben in dem Geschöpf war.
Als Willi nun das Papier den starren Fingern entwand, in der Annahme, daß der Tote vielleicht irgendeine schriftliche Mitteilung hinterlassen habe, schlug das Rätselwesen noch zum letzten Male die großen Augen auf, in denen so überzeugend ein Ausdruck menschlicher Intelligenz schimmerte …
Willi prallte leicht zurück, als er den Blick dieser Augen fühlte … Und beugte sich wieder vor, da auch die schmalen Lippen sich zu bewegen schienen …
Horchte – horchte …
Und wie ein Hauch drang anklagend ein Wort an sein Ohr – ein einzelnes Wort: Larison!
Dann ging ein Zucken durch den Leib des Verwundeten, ein letztes Zucken …
Die Augen schlossen sich wieder. Die Glieder verloren jede Spannkraft.
Das Geschöpf war tot.
3. Kapitel.
Marsbewohner.
Willi Krögers Mut sollte hier noch eine weitere harte Probe bestehen. Während er noch wie in stummer Ergriffenheit vor der Macht des Todes dastand und auf die Leiche hinabschaute, ereignete sich etwas so Spukhaftes, daß der arme Junge mit schlotternden Gliedern, eiskaltem Schweiß auf der Stirn diesem unerhörten Wunder zuschaute …
Der Tote veränderte sich langsam …
Es war, als ob die Umrisse seines Leibes sich dehnten, gleichzeitig aber auch verschwommener wurden. Und diese verschwimmenden Konturen dehnten sich immer mehr nach der Mitte des Körpers aus, der sehr bald nur noch wie durch Schleier sichtbar war.
Mit einem Male begriff Willi dann, was hier vorging: der Tote löste sich auf, schwand dahin wie … wie eine Fata Morgana – löste sich in Nichts auf.
Dem Knaben sträubten sich vor Entsetzen die Haare.
Er … flüchtete – raste von dannen, raste die Treppe hinab – hinein in die Grote – auf dem Uferstreifen entlang …
Machte erst Halt, als es keinen Weg mehr für ihn gab, als das Ufer zu Ende und das Wasser seine Schuhe netzte.
Halb betäubt sank er auf einen Stein …
Stellte die Laterne neben sich, lehnte sich an die Felswand …
Grauen erfüllte noch immer seine Seele … Grauen vor dem Unfassbaren …
Und dann … knitterte das Papier in seiner Hand … Der zerknüllte Papierbogen – vielleicht eine Niederschrift jenes Rätselwesens.
Und mit einem Schlage schüttelte Willi alle Angst vor dem unheimlichen Erlebnis von sich, strich das Papier glatt und sah, daß es tatsächlich beschrieben war – mit ungelenkter lateinischer Schrift – mit deutschen, ungeschickt gefügten Worten … Und las folgendes:
Einer der Verdammten spricht zu Euch drei Deutschen, der älteste von zwanzig Bewohnern eines fernen Planeten, die ein harter Richterspruch vor zehn Jahren aus ihrer Heimat vertrieb. Wir haben Euch belauscht. Wir wissen, daß Ihr Deutsche seid. Vor zehn Jahren spielte ein Zufall mir ein deutsches Lehrbuch in die Hände, auch ein englisches. So erlernte ich zur Not Eure Sprache. – Wundert Euch nicht, wenn Ihr meinen Leib nicht findet. Wir Kinder jener fernen Welt, die wir in unserer Sprache Kamiola nennen, lösen uns hier auf Eurer Erde, in Eurer Luft, nach unserem Tode in Gas auf. Wundert Euch auch nicht, wenn ich Euch über unsere Welt nichts mehr mitteile. Ich fühle, daß der Tod naht. Wichtigeres habe ich Euch zu berichten. Wir hielten in dem Fahrzeug, mit dem wir durch den Weltraum auf Eure Erde gelangt sind, seit einem Jahre vier Männer gefangen, die als Goldsucher hier an den friedlichen Bergesee gekommen waren und brutal und ohne Grund drei von uns töteten. Sie haben jetzt meine Gefährten in einen Raum des Fahrzeuges eingesperrt, sind entflohen und haben mich verwundet mit in die Grotte genommen. Sie hoffen von mir das Geständnis zu erpressen, wo wir unsere kostbarsten Güter verborgen haben. Ihr Anführer heißt Larison. Er hat mir ein Kästchen aus jenem weißen Metall geraubt, das wir Ganidi nennen. In dem Kästchen liegt etwas, das Ihr verbrennen sollt, ohne es zu lesen. – Erfüllt meine Bitte! Ich merke, mit meiner Kraft geht es zu Ende … Ich heiße Gadiwu, und meine Heimat ist der Planet Mars, wie Ihr ihn nennt… Wir Kamiolaner sind ….
Hier endete die mit einer Art Bleistift anscheinend geschriebene seltsame Mitteilung mit einem kritzeligen Strich. Hier hatte also den Verwundeten die Kraft verlassen.
Willi Kröger war‘s ganz feierlich zu Mute, als er nun diese denkwürdigen Zeilen nochmals überlas.
Er glaubte zu träumen.
Er, ein schlichter Junge, hielt hier als erster von allen Erdbewohnern den unzweideutigen Beweis in der Hand, daß der Planet Mars tatsächlich von ähnlichen Wesen wie die Menschen bevölkert war …! Er – gerade er hatte somit eine Frage gelöst, die von den Gelehrten bisher stets in sehr widersprechendem Sinne beantwortet war …
Feierlich war ihm zu Mute …
Und die letzte Spur von Grauen war verflogen.
Er erhob sich, nahm die elektrische Laterne und wollte zurückkehren in den Höhlenraum, um sich dort näher umzusehen …
Aber ein Plätschern gerade vor ihm bannte seinen Fuß.
Er schaute hin.
Sah einen Körper auf dem Wasser schwimmen – einen Marsmenschen – mit matten Bewegungen.
Rasch sprang er in den Grottensee, watete vorwärts, packte den Erschöpften und zog ihn an Land.
Zu seinem Erstaunen erkannte er in diesem jungen Kamiolaner denselben Gefangenen wieder, den Holk und er den Aborigines während eines furchtbaren Unwetters entrissen hatte. (Vergleiche den vorigen Band „Die Insel der Verdammten“).
Der junge Marsbewohner nickte dem Knaben dankbar zu. Dann schien es mit seiner Kraft zu Ende zu sein. Noch ein paar keuchende Atemzüge, und er verschied, offenbar infolge einer außen nicht sichtbaren schweren Verletzung.
Und nun wiederholte sich genau dasselbe, was der Knabe schon vorhin zum Teil beobachtet hatte: die Auflösung der Leiche, die hier noch schneller erfolgte!
Doch wieder mit leisem Grauen verfolgte Willi Kröger das unfassbare Schauspiel …
Immer dünner, durchsichtiger, verschwommener wurde der Körper des Toten, bis zuletzt über dem Gestein des Uferrandes nur noch etwas wie grauer Nebel lag.
Auch er schwand dahin.
Bis nichts – nichts mehr von der Leiche übrig war.
Willi ergriff die Laterne und stieg wieder in die kostbare Höhle empor. Er wußte, daß dieser Raum das Wohngemach des Marsgreises gewesen. Als er eintrat, überlief ihn doch ein Frösteln – – – Ihm war‘s als ob der tote alte Gadiwu ihn unsichtbar umschwebte.
Still setzte er sich auf eines der Ruhebetten und wollte nun erst einmal eine Weile seine Gedanken sammeln und überlegen, wie er nun vorläufig sein Leben fristen solle…
Dabei … schlief er vor Müdigkeit ein.
* * *
Fast zur gleichen Zeit erwachte Bert Holk, der Erbauer und Besitzer des Wunderflugzeuges Libelle, aus tiefer Bewusstlosigkeit in der Wohnkajüte des Eindeckers und fand sich an Armen und Beinen gefesselt in einer Ecke des kleinen Rohrsofas vor.
Als die drei Goldsucher, wie Willi ja beobachtet hatte, ins Innere der Libelle hinabgestiegen waren, hatten sie hier auf den schmalen Kojenbetten den Ingenieur und den Mechaniker Riedel fest schlafend vorgefunden und ersteren durch einen Hieb betäubt, Riedel aber mit vorgehaltenem Revolver gezwungen, die Libelle aus der Grotte hinaus und in die Luft emporzuführen.
Gustav Riedel hatte sich nur zum Schein zuerst geweigert, und als er dann die Libelle, vorn im Führerstand sitzend, über die Sandeinöden hinwegstreichen ließ, war sein Plan schon fertig, wie er diese vier Banditen am besten überlisten könnte, von denen einer stets hinter ihm mit der Waffe in der Hand achtgab, daß der Mechaniker nicht etwa irgendeine Teufelei beginge.
Riedel, ein kleiner, aber überaus kräftiger Mann in den besten Jahren, hatte bisher mit den verkommenen Goldsuchern noch nicht ein einziges Wort gewechselt und so getan, als verstände er die englische Sprache nicht, deren die vier sich ausschließlich bedienten.
So konnte er denn auch aus ihren rohen Bemerkungen unschwer entnehmen, daß diese Strolche bisher Gefangene der Froschmenschen gewesen und daß sie nun vor deren Rache flüchteten.
Manches war ihm ja noch unklar, was die vier in ihren lebhaften Gesprächen andeuteten. Immerhin: er wußte, daß er sie nicht zu schonen brauchte! Um diese rohen Burschen war es nicht schade.
Die Libelle mochte ungefähr eine Stunden lange immer in Richtung nach Süden geflogen sein, als der Mechaniker am Horizont Wolkengebilde bemerkte, die ein heraufziehendes Unwetter ankündeten.
In Kurzem war denn auch die Sonne hinter dem Gewölk verschwunden, und jetzt erst durfte Riedel es wagen, den Eindecker unmerklich in großem Bogen zu wenden und wieder nach Norden zu lenken. –
Ein sintflutähnlicher Regenguß begünstigte dieses Vorhaben, und wieder eine Stunde später schwebte der Riesenvogel jenen felsigen Hügeln wieder zu, in deren Mitte der Stille Bergsee und der Grottensee eingebettet lagen …
Hier nun geschah das, was Riedel im Stillen erhofft hatte: drei der Banditen begaben sich an Deck, da sie von dort aus genauer Umschau halten wollten, ob nicht irgendwo eine menschliche Siedlung in der Nähe sei.
Inzwischen hatte sich das Unwetter so weit verzogen, daß die Landschaft unterhalb der in zweihundert Meter Höhe dahinziehenden Libelle deutlich zu erkennen war.
Der Bergsee scheint den dreien an Deck doch bekannt vorzukommen. Sie wurden argwöhnisch, und einer von ihnen meinte hastig: „Du, Morris, geh nach unten und hole Larison herauf … Ich glaube fast, der verdammte Mechaniker ist mit dem Flugzeug umgekehrt und …“
Er kam nicht weiter.
Riedel hatte gesehen, daß die Libelle sich genau über dem See befand. Er wußte, wie weit er sich auf den Eindecker verlassen konnte.
Mit einem Ruck riß er den einen Hebel des Höhensteuers herum …
Und – die Libelle bäumte vorn hoch – wie ein edles Pferd, dem der Reiter plötzlich die Sporen in die Weichen jagt.
So plötzlich und so kerzengerade stieg sie hoch, daß die drei Goldsucher nicht mehr dazu kamen, sich irgendwo festzuhalten …
Und – – über das Deck hinweg in die Tiefe schossen.
Im selben Moment riß Riedel den Hebel zurück.
Die Libelle glitt in die wagerechte Lage zurück.
Und – rückwärts sich schnellend fuhr der Mechaniker dem Anführer der Strolche, der sich mühsam am Türrahmen festgehalten hatte, an die Kehle … schmetterte ihm die Faust gegen die Schläfe und sprang wieder zum Drehsitz zurück, um die Libelle im Gleitflug auf dem See landen zu lassen.
4. Kapitel.
Das geheimnisvolle Glasrohr.
Willi Kröger hatte nur kurze Zeit auf dem Ruhebett geschlummert. Schlaftrunken richtete er sich auf und rieb die müden Augen, merkte bald, daß sein Magen vor Leere geradezu rebellierte und daß auch seine Kehle wie ausgetrocknet war.
Er erhob sich, durchsuchte das Gemach nach Nahrungsmitteln, fand jedoch nichts, kehrte in die Grotte zurück und schwamm nun durch die Eingangsöffnung in den Bergsee hinaus und dem Südufer zu.
Plötzlich jedoch hielt er mit den Schwimmbewegungen inne …
Ein Surren war an Sein Ohr gedrungen – Propellergeräusch.
Emporschauend erkannte er zu seiner unendlichen Freude die Libelle, schwamm nun auf dem Rücken weiter, um den stolzen Riesenvogel stets im Auge behalten zu können.
Und da – da ereignete sich das, was bereits erwähnt wurde.
Da ließ Riedel die Libelle sich aufbäumen.
Da – sausten die drei Banditen aus der Höhe pfeilschnell herab.
Prallten keine zehn Meter von Willi entfernt auf den Seespiegel auf und – versanken.
Starr vor Entsetzen hatte der Knabe das Furchtbare mit angesehen …
Wußte nicht, ob nicht etwa Holk und Riedel sich unter den drei Abstürzenden befunden hatten …
Atmete er erst auf, als die Libelle nun auf dem See landete und der Mechaniker, Holk stützend, an Deck erschien.
Und Holk und Riedel schwenkten die Mützen, winkten Willi zu.
Oh – eine Freude herrschte über dieses Wiedersehen, wie sie nur möglich ist, wenn drei durch Gefahren und Abenteuer so eng verbundene wahre Freunde sich wieder zueinander finden wie die Insassen der Libelle.
Willi war rasch an Deck geklettert. Und immer wieder Holks Hände drückend, gestand er nun ehrlich ein, weshalb es den Goldsuchern möglich gewesen, sich des Flugzeugs zu bemächtigen.
Bert Holk zupfte Willi am Ohr.
„Eigentlich verdientest Du ja Hiebe, lieber Junge!“ meinte er lächelnd. „Da nun jedoch alles gut abgelaufen ist, soll Dir verziehen sein. – Hast Du etwas von den Froschmenschen bemerkt?“ fügte er gespannt hinzu.
Willi reckte sich höher … Jetzt war der große Moment da, wo er seine wunderbaren Erlebnisse auskramen konnte.
Und – er tat‘s …! Er tat‘s mit der ganzen Zungenfertigkeit und eindringlichen Art seiner jungen Jahre.
Er redete und redete – fuchtelte mit den Armen.
Und als er schilderte, wie der Marsgreis sich in Luft aufgelöst hatte … da … riefen Holk und Riedel gleichzeitig:
„Bengel – das hast Du ja nur geträumt!“
Aber Willi ließ sich nicht beirren …
Noch stolzer holte er das Schriftstück hervor …
Reichte es Holk.
„Bitte – lesen Sie nur, Herr Holk! Da haben Sie es Schwarz auf Weiß!“
Holk las laut vor. Und der gute Riedel riß vor Staunen den Mund immer weiter auf.
Bis … er plötzlich die Treppe hinabstürmte – in die Kajüte, wo der Goldsucher Larison gefesselt auf dem Boden lag.
Riedel bückte sich, befühlte die Taschen des Gefangenen.
Brüllte … „Aha – hier ist das Kästchen aus dem weißen Metall – hier ist es!“
Larison, ein Schwarzbärtiger, pockennarbiger Kerl mit unglaublich brutalem Gesicht, richtete den Oberkörper empor …
Brüllte seinerseits:
„Lump – das ist mein Eigentum!!“
Riedel schaute ihn durchdringend an.
„Mörder!“ sagte er verächtlich, drehte sich um und stieg mit dem Kästchen an Deck.
Holk und Willi blickten ihm gespannt entgegen.
„Ah – Sie haben es wirklich gefunden!“ meinte der Ingenieur und nahm das zierliche flache Ding in Empfang.
Er besichtigte es sehr genau.
Es hatte einen bunten Knopf an der ein Seite und als Holk es drückte, schnellte der Deckel hoch.
Innen war das Kästchen mit einem goldig glänzenden Stoff ausgekleidet, und darin lag eine Glasröhre, die an einem Ende ein schwarzes Ansatzstück hatte, aus der ein dünner Faden herausragte.
„Hm“, meinte Holk bedächtig, „das Glas ist undurchsichtig, und der Faden sieht fast wie eine Zündschnur aus. Ich denke, wir tun gut daran, recht vorsichtig zu sein. Man kann nie wissen, weshalb der Marsgreis den Wunsch schriftlich geäußert hat, wir sollen den Inhalt des Kästchens verbrennen …“
Er überlegte.
„Riedel“, befahl er dann, „Steuern Sie die Libelle dort an die flache Uferstelle.“
Der Mechaniker eilte in den Führerstand, und gleich darauf lag der Eindecker dicht an dem Felsen.
Holk hatte indessen aus der Vorratskammer der Libelle ein Ende Zündschnur geholt. Setzte sie nun in Brand und sprang auf das Gestade hinüber. Legte hier die Röhre nieder und die schwellende Zündschnur so um sie herum, daß der dünne Faden nach einiger Zeit gleichfalls Feuer fangen mußte.
Dann ließ Riedel die Schiffschraube der Libelle wieder anspringen, und rasch entfernte sich der Eindecker bis zu der etwa achtzig Meter entfernten Uferstelle, wo die drei Gefährten jetzt von einem hohen Steine aus beobachteten, was sich wohl mit dem Glasröhrchen ereignen würde …
Jim Larison, Goldsucher, Straßenräuber und vielfacher Mörder, jedenfalls ein Mensch, der es in Wahrheit nicht wert war, daß ihn die Sonne beschien, hatte indessen nach einigem Mühen seine Hände aus den Schlingen herausgewunden und knotete nun auch in wilder Hast seine Fußfesseln auf.
Stand langsam auf, schaute vorsichtig durch das eine Fenster und erspähte die drei Deutschen. Kroch an Deck, ließ sich behutsam auf der dem See zugekehrten Seite ins Wasser hinab und schwamm davon.
Niemand achtete auf ihn.
Es schien, als ob er glücklich entrinnen sollte …
5. Kapitel.
Die Riesenkugel.
Doch – das Schicksal wollte es anders.
Eine seltsame Fügung – etwas fast Übernatürliches griff hier strafend und rächend ein …
Die Zündschnur glühte und verkohlte.
Das Feuer fraß weiter und weiter, erreichte den Faden, der aus dem dunklen Röhrchen herausragte.
Und da – da ereignete sich das, was selbst Holk kaum zu erklären vermochte …
Ein leiser Knall.
Das Röhrchen war verschwunden, war in Atome zerstoben.
Und gleichzeitig war, scheinbar aus diesem winzigen Glasrohr, ein armdicker, zackiger Blitzstrahl nach der Mitte des Sees zu niedergefahren.
Ein Blitz, der so grell leuchtete, daß die drei Gefährten völlig geblendet die Augen schließen mussten.
Und als sie diese wieder öffneten, sahen sie – und sie stießen alle drei einen Laut grenzenlosen Staunens aus – sahen sie, wie aus den Tiefen des Sees eine dunkle Kuppe hervorwuchs.
Die … Insel der Verdammten!
Höher und höher stieg das metallene Gebilde.
Und – oben – oben auf der Kuppel hockte wie versteinert Jim Larison, der Mörder der Marsmenschen …
Immer weiter stieg das Gebilde, enthüllte seine wahre Form – eine ungeheure Kugel – ein dunkler metallisch glänzender Riesenball – ohne jede Unebenheit – ohne jedes Fenster.
Eine glatte Kugel, die jetzt bereits über dem See schwebte.
Und – nun rascher emporschoß.
So rasch, daß man ihr kaum mit den Augen folgen konnte …
Als letzter hatte Willi noch deutlich gesehen, daß Larison oben auf der Riesenkugel auf den Knien lag und verzweifelt zu beten schien …
Dann war der gigantische Metallball nur noch ein Pünktchen im Äther …
Bis – nichts mehr davon zu erkennen war … nichts …
„Gott sei Larinsons Seele gnädig!“ sagte Ingenieur Holk ernst. „Er … macht die Fahrt zum Mars mit! Er … wird ihn nie erreichen! Schon jetzt dürfte der Luftdruck ihn … zerquetscht haben!“
Da fanden auch Riedel und Willi die Sprache wieder.
„Was – was war das mit dem Blitz, Herr Holk?“ fragte der stämmige Mechaniker, der nur stockend die Worte über die Lippen brachte, so sehr hatte ihn dieses unerhörte Geschehen die Nerven zittern gemacht.
Holk hob die Schultern.
„Lieber Riedel, Sie verlangen da eine Erklärung von mir über Dinge, deren Zusammenhang ich lediglich mutmaßen kann …“
Er holte tief Atem. Auch er war noch wie im Traum.
„Ja – nur vermuten kann ich, daß die seltsame elektrische Entladung der Metallkugel der Marsbewohner die Fähigkeit zum Aufsteigen gab, das heißt, daß der Blitz vielleicht in dem runden Fahrzeug gewisse uns unbekannte Kräfte gleichsam einschaltete, durch die der Riesenball … die Rückreise zum Planeten Mars antreten konnte. – Das ist alles, was ich zu sagen weiß …“
Willi schüttelte den Kopf. Fragte bescheiden:
„Also die Kugel fliegt nun so durch die Sternenwelt bis zum Mars, Herr Holk? – Hm – da möchte ich nicht drin Sitzen!“
„Das tut sie fraglos“, nickte der Ingenieur. „Denn die Marsbewohner sind ja so auch vor zehn Jahren auf unsere Erde gelangt.“
„Hm – und der junge Marsmensch, den ich aus dem Wasser holte und der dann starb, Herr Holk?“
„Mein Junge, was in der Kugel geschehen, werden wir nie erfahren! Nie! Darüber wollen wir uns auch nicht den Kopf zerbrechen … Vorwärts, besuchen wir jetzt des Marsgreises Wohnraum. Ich bin sehr gespannt darauf …!“
Die Libelle glitt bis zum Grotteneingang. Das Aluminiumboot wurde zu Wasser gebracht, und Holk und Riedel ruderten nach der Felsspalte hinüber.
Willi blieb als Wache an Bord des Eindeckers.
Er hatte sich lang auf das Deck gelegt. Er war müde zum Umsinken …
Und doch hielt er sich gewaltsam munter.
Er wußte nur zu gut, daß in der Nähe des Bergsees in den Eukalyptuswäldern im Süden eine Anzahl Aborigines hausten, die ihre Steifzüge auch bis hierher ausdehnten.
Es waren heimtückische Gesellen, diese Schwarzen, und ihre krummen Wurfhölzer, die Bumerangs, hatten schon einmal unserem Willi einen bösen Denkzettel gegeben.
So beobachtete er denn hauptsächlich die Ufer des Bergsees, war auch recht froh, als nach einer halben Stunde das Boot mit Holk und Riedel reich beladen zurückkehrte.
Alles, was die beiden von der eigenartigen Einrichtungen der Höhle hatten mitnehmen können, war im Boote verstaut worden.
Willi half nun, die Sachen unter Deck zu schaffen, denn Holk drängte zur Eile. Man hatte hier ja fast vierundzwanzig Stunden an kostbarer Zeit verloren, und dieser Verlust mußte wieder eingeholt werden.
Kaum war das Aluminiumboot dann ebenfalls in seinem Behälter verstaut worden, als Willi zufällig einen Blick über den See warf.
Er ruckte hoch.
Zehn – zwanzig Wollköpfe der Aborigines zeigten sich da im Wasser – schwammen herbei – wollten fraglos die Libelle überrumpelten.
Holk und Riedel waren unter Deck.
Plötzlich – ein sausendes Schwirren.
Der Propeller drehte sich – pfiff – surrte.
Und die Libelle schoß vorwärts – mitten in die Schwimmer hinein.
Mit gellenden Angstschreien tauchten die Schwarzen ab.
Über sie hinweg stieg der Eindecker zum freien Äther empor.
Und an Deck stand Willi und … machte den wiederauftauchenden Eingeborenen hohnlachend eine lange Nase …
Nächster Band: