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Die seltsamen Zeichen

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 13

Die seltsamen Zeichen

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Die gefährliche Einladung.

Wer die vorausgegangenen Abenteuer unserer drei deutschen Weltflieger gelesen hat, der weiß, daß Ingenieur Bert Holks genial konstruiertes Flugzeug, die aus Aluminium erbaute Libelle, sich auf ihrer Rekordfahrt um die Erde trotz mannigfachster Schwierigkeiten und Hindernissen in überraschend kurzer Zeit von Berlin bis ins Innere Australiens durchgeschlagen hatte, wo sie zuletzt in den Sand- und Felseinöden dieses kleinsten und doch noch unbekannten Erdteils eine Begegnung mit einem noch weit eigenartigeren Luftfahrzeug hatte, dessen Insassen – man staune! – Bewohner jenes Planeten waren, der gerade im August 1924 wie bekannt der Erde auf seiner Bahn sehr nahe kam.

Nicht minder seltsam, geheimnisvoll und packend wie das Abenteuer mit den Froschmenschen, den Marsbewohnern, ist das nun in diesem Bande wiedergegebene, vielleicht sogar ist es noch aufregender, zumal jetzt abermals jene drei Ausländer, die … Doch nein – der Leser mag selbst hören, was geschah – alles der Reihe nach … –

* * *

Hoch im sonnendurchglühten Äther schwebte die wundervolle Libelle wie ein grauer Riesenvogel.

Erst vor einer Stunde war das Tagesgestirn über dem östlichen Horizont emporgestiegen und hatte die inneraustralischen Wüsteneien aus trüber Dämmerung hervorgezaubert.

„Oh – auch diese Sandebenen haben ihre Reize“, sagte soeben Ingenieur Holk zu seinem kleinen Schützling, dem vierzehnjährigen Willi Kröger, einem schlanken und kecken Burschen, der neben Holk am Fenster der Wohnkabine der Libelle stand, während der Mechaniker Gustav Riedel vorn im Führerstand den Riesenadler lenkte.

„Ja – ihre Reize, mein Junge“, fügte Holk hinzu und schaute nach unten, wo die Wüste durch fahle Eukalyptuswälder und kleine Natronseen mit weißen Ufern, weiß infolge der Salzablagerungen, angenehm belebt wurde.

„Die Wüste ist wie das Meer … Manche nennen es eintönig, melancholisch … Wer die Poesie des Meeres begreift, wird auch die der Wüste verstehen …“

Willi hob die Schultern bis zu den Ohren.

„Na – ich versteh mich nicht darauf, Herr Holk“, meinte er ehrlich. „Ich will mal ‘n vernünftiges Feld und Kühe und Schweine und ‘n Motorradler zur Abwechslung erblicken … Das ist dann …. Gegend!! Dies hier ist gar nichts – nee, – keine Farben in der Landschaft, alles so grau in grau, – ‘n richtiger Quark!“

Quark war nun mal Willis Lieblingsausdruck. Holk lächelte. „Hm – Motorradler! Ob die denn eine Landschaft verschönern, Willi?! Ob es sehr erfreulich ist, wenn Sie knatternd und stinkend dahinrasen und …“

Er schwieg.

Der Junge hatte plötzlich seinen Arm umklammert.

Rief …

„Herr Holk … Herr Holk, dort – dort links an den Bergen – dort … läuft etwas … Nein es Schießt, jagt, rennt …! Was in aller Welt mag das sein?“

Und mit der Linken griff er rasch nach dem an der Wand hängenden Fernglas.

Bevor er es jedoch hatte richtig einstellen können, war das in so wilder Eile dahinhastende Wesen, das, aus dieser Höhe gesehen, kaum die Größe einer Fliege hatte, bereits in einem Eukalyptuswalde verschwunden.

„Schade!“ brummte Willi ärgerlich. „Ob‘s wohl ein Känguru gewesen ist, Herr Holk?“

Der Ingenieur schwieg. Sein nachdenkliches Gesicht bewies dem Knaben, daß sein Wohltäter jetzt über dieses Geschöpf nachgrübelte.

Willi starrte noch immer dorthin, wo gen Osten der Wald das fabelhaft flinke Tier – es konnte ja nur ein solches sein! – verschluckt hatte …

Und – dieser Willi Kröger hatte Augen wie ein Falke! Jeder Seemann hätte ihn darum beneidet. Deshalb auch war er es, dem nun vor dem Walde auf einer flachen, unendlich weiten Stelle der Sandwüste ein paar gerade und gebogene Striche auffielen, die eine gewisse Regelmäßigkeit verrieten.

Neugierig hob er wiederum das Glas und richte es nach unten, schraubte daran und hatte es in kurzer Zeit so scharf eingestellt, daß er die Striche als aneinandergelegte Steine erkennen konnte …

Ein Ruck ging plötzlich durch seinen Körper …

„Herr Holk!“ brüllte er förmlich – „Herr Holk – das da sind Buchstaben, aus Steinen hergestellte Buchstaben – lateinische Buchstaben … B.M.R. und hinter jedem ein Steinhaufen als Punkt!“

Holk warf nur einen kurzen Blick auf die merkwürdigen Striche.

„Bei Gott!“ rief er. „Du hast recht, Junge! Lateinische Buchstaben … B. M. R. … Und – dies hier in Inneraustralien, wo es auf hunderte von Meilen keinerlei Ansiedlung gibt, wo noch nie ein Mensch geweilt haben dürfte, denn auf meinen neuesten genauen Landkarten sind diese Stellen hier weiß gelassen mit Fragezeichen darin. Das heißt: unerforscht! – Bei Gott, diese Buchstaben können nur von Menschenhand aneinandergefügt worden sein! Wozu aber?!“

Und kurz entschlossen riß er die schmale Tür zum Führerstand auf …

„Riedel – nach Osten zu im Gleitflug zur Erde! Sie werden da Steinreihen sehen, die die Form von Buchstaben haben. Wir müssen das untersuchen …“

Und Mechaniker Riedel, klein und stämmig, grob und knurrig, aber treu wie Gold, ließ den Hebel des Höhensteuers spielen und brachte die Libelle in wenigen Minuten tiefer und tiefer …

Und je tiefer der Aluminiumadler glitt, desto imposanter wurden die Buchstaben, desto deutlicher sahen die Insassen der Libelle, daß diese Steinreihen und Steinbogen, diese lateinische Buchstaben, ungeheure Maße hatten.

Die Höhe der Buchstaben, besser die Länge, schätzt Holk auf zweihundert Meter, und die dazu verwandten Steine waren flache Platten, die fraglos mit großer Mühe und Geduld in dieser Weise zusammengefügt worden sein mußten.

Aber – von wem – und wozu?!

Das waren die beiden Hauptfragen, mit denen die Weltflieger sich jetzt, auf Deck der Libelle stehend, beschäftigten.

Dicht vor dem zum B. gehörigen Punkte war die Libelle gelandet.

Und Gustav Riedel, der für alles Geheimnisvolle wenig Sinn hatte, meinte nun brummig:

„Schade um die Zeit, die wir hier opfern die Steinbuchstaben konnte man doch von oben besser sehen. – Weshalb also sind …“

Und da – da schnitt ihm ein schriller Ruf aus Willis Kehle das Wort vom Munde ab.

„Vorsicht … Vorsicht …! Hinwerfen!!“

Und des Jungen starke Fäuste packten jeden der beiden Männer und zwangen sie gleich ihm sich eilends niederzulegen.

„Du bist verrückt, Bengel!“ schimpfte Riedel wütend. „Was Soll der Unsinn?! Tust ja gerade so, als ob hier in dieser Wildnis …“

Doch – er verstummt nur zu jäh …

Eine unsichtbare Kraft hatte ihm die blaue Schirmmütze vom Schädel gerissen, hatte sie durch die Luft gewirbelt und über die niedere Reling des Decks in den Sand geschleudert.

Der Knall eines Schusses folgte diesem unfreiwilligen Mützenflug. Das Geschoß war früher am Ziele angelangt gewesen als der Knall das Ohr der drei Deutschen erreicht hatte.

Und im selben Moment auch schon Willis helle Stimme:

„Dort – hinter dem Punkt des M, hinter dem Steinhaufen, sah ich einen Kerl mit einem Gewehr! Deshalb zog ich Sie auf den Bauch, Herr Riedel! Besser sich den Bauch drücken, denn als tote Leiche mit ‘nem Loch im Schädel stehend in den Himmel kieken“, meinte er mit seiner unverwüstlichen Schn… Schnabelöffnung, trotz der unangenehmen Situation in bester Laune …

All das hatte sich in Sekunden abgespielt.

Und – ein paar Sekunden darauf pfiff schon eine zweite Kugel über das Gondeldeck hinweg …

Eine dritte … vierte folgte …

Und so unheimlich gut gezielt waren die Schüsse, dass der eine rechts von Holk ein Stück vom Metallrande der Reling wegriß und ihm kleine Metallsplitterchen in das Gesicht spritzte

„Verdammt!“ fluchte Riedel in ehrlichem Zorn. „Ist das ein Benehmen!! Uns Weltflieger hier mit Schnellfeuer zu empfangen. Was mag das für ein Lump sein, der da …“

„Ein Weißer ist‘s“, flüsterte Willi eifrig. „Ein Europäer in einer Art Sportanzug … Und mir schien es vorhin so, als ob da noch ein zweiter Gewehrlauf zu sehen war … Ich muß doch mal vorsichtig den Kopf heben und …“

„Laß das!“ rief Holk warnend.

Aber Willi hatte bereits den Denkzettel des Feindes weg. Auch Seine Mütze tanzte wirbelnd davon und in seinem dichten Bondhaar hatte die Kugel eine Gasse gerissen und auch ein wenig Kopfhaut mitgenommen.

Blut rann aus der Wunde, die wie Feuer brannte …

Der Knabe war leichenblaß geworden und hatte den Kopf schleunigst wieder geduckt …

„Oh – das ist … kein Quark!“ stammelte er … „Herr Holk … mir ist im übrigen nichts passiert … Und – genau gesehen habe ich nun, daß zwei Weiße hinter dem Steinhaufen hervorfeuern …“

Der Ingenieur war gleichfalls erblasst – nur aus Sorge um seinen Schützling.

„Du hast Glück gehabt“, meinte er schwer atmend. „Anderthalb Zentimeter tiefer, und es wäre mit Dir vorbei gewesen , mein Junge! – Wartet hier …!“ fügte er befehlend hinzu. „Ich werde zur Treppenluke kriechen und in den Führerstand hinabsteigen. Dann werden wir …“

Da – abermals zwei Kugeln. Klatschend durchschlugen sie die Reling, und es war wirklich ein Wunder, daß keiner der drei Deutschen getroffen wurde.

Bert Holk sprang empor – ohne jede Rücksicht auf sich selbst …

Er sah ein, daß es hier um Leben und Tod ging.

War mit zwei Sprüngen an der Luke, mit einem dritten auf der Treppe.

Und da – – – zwei neue Schüsse …

Holk schrie auf – warf die Arme in die Luft und stürzte in die Kajüte hinab.

 

2. Kapitel.
Unerwartete Zwischenfälle.

Riedel und Willi hatten nur das Pfeifen der Kugeln und den Schrei gehört – dann den dumpfen Fall des Körpers ihres verehrten Herrn und Gefährten.

Ihre Köpfe waren herumgefahren. Sie sahen nichts.

Aber sie ahnten, was geschehen, starrten sich an aus weiten entsetzten Augen und wagten nicht, einer dem andern die traurigen Befürchtungen anzuraunen.

Dann trat in das schmale, gebräunte Gesicht des wackeren Jungen ein besonderer Zug – etwas wie das Zusammenraffen aller Tatkraft zu tollkühnem Wagnis.

Und – er schnellte empor, der schlanke Bursche, – schnellte zur Luke mit einem einzigen Satz – wie ein Pfeil, der von der Bogensehne fliegt. So tadellos hatte er den Panthersprung berechnet, daß er genau in die Luke hineinflog, daß er auf einer der unteren Stufen der Lukentreppe landete.

Sofort duckte er sich auch völlig zusammen.

Und – zu seinem Glück.

Wie ein Schnellfeuer sausten die Kugeln jetzt über das Deck, schlugen in die Gondel ein, deren dünne Aluminiumwand der Durchschlagskraft nicht widerstehen konnte.

Willi wollte in den Führerstand, wollte die Libelle aufsteigen lassen …

Wollte!

Seine Augen suchten Bert Holk, der doch am Fuße der Treppe liegen mußte.

Sahen nichts.

Holk war nicht in der Wohnkabine …

Aber da – die Tür zum Führerstand offen, – da – saß der Ingenieur auf dem Drehsitz vor dem großen gewölbten Fenster, saß vor den Hebeln und Kurbeln – gesund scheinbar unverletzt …

Und – der Propeller sprang bereits an … Der Motor
knatterte …

Ein Ruck ging durch die Libelle.

Auf Ihren vier Pneumatikrädern rollte sie an, – rollte nicht, nein, schoß vorwärts wie ein lebendes Wesen schwenkte herum, schwang empor – leicht, graziös – fast senkrecht, wie eine Lerch, die im Frühling jubilierend der Sonne zustrebte …

Schüsse knatterten.

Immer noch.

Dumpfer Schlag zeigte die Treffer in die Metallhaut an.

Bis die Libelle aus dem Bereich der Kugeln heraus war.

In Minuten … in kaum zwei Minuten…

Und staunend stand der blonde Junge noch immer in der offenen Tür der Führerkabine, staunend und überglücklich.

Rief jetzt – und seine Stimme war wie erfüllt von Herzensjubel:

„Oh, Sie sind unverletzt, Herr Holk?“

Bert Holk wandte sein schönes, hageres, männliches Gesicht dem Knaben zu.

Der Eindecker flog jetzt im Kreise langsam über den geheimnisvollen Zeichen dahin.

„Prellschuß, mein Junge …! Da – sieh, das Geschoß sitzt im Räderwerk!“ Dann drehte er sich wieder nach vorn, fügte hinzu, indem er durch das Fenster beobachtete:

„Die beiden Kerle sind verschwunden …! Nun – dieser Angriff soll ihnen nicht geschenkt werden!“ In seiner Stimme war ein Drohen … Und Bert Holk drohte nie umsonst!

„Wäre auch noch besser, wenn wir uns das gefallen ließen!“ nickte Willi und ballte unwillkürlich die Fäuste.

Riedel war soeben hinter ihm erschienen.

Rief gleichfalls: „Ich bin wahrhaftig nicht dafür, dass wir uns unnötig auf Abenteuer einlassen, Herr Holk! Aber den Lumpen rücken wir gehörig auf den Pelz! Die sollen merken, daß Gustav Riedel … zu schießen versteht!“

Und er ging zum Wandschrank der Wohnkajüte und nahm zwei Karabiner heraus, zwei frühere Militärkarabiner, die zu Büchsen umgearbeitet waren.

Holk hatte sich umgeschaut …

„Recht so, Freund Riedel!“ meinte er. „Begeben Sie sich mit Willi wieder an Deck. Ich werde unsere Libelle in Spiralen niederlassen. Schießt auf jeden der Schufte, der sich zeigt. – Glaubt mir …“ – und seine Stimme war ernst – „dieses Erlebnis hier ist fraglos nur der Auftakt zu anderen Abenteuern, diese Kerle hier müssen Verbrecher gefährlicher Art sein, die um keinen Preis dulden wollten, daß wir hier bei den seltsamen Steinbuchstaben landen! – Vorwärts – diesmal sind wir im Vorteil! Ich werde unseren braven Vogel schon so steuern, daß wir vor jeder Überraschung sicher sind!“

Riedel und Willi, jeder einen Karabiner im Arm, lagen oben auf Deck hinter der Reling an verschiedenen Seiten, so daß sie das ganze Gelände überblicken konnten.

Die Libelle ging nun in Spiralen tiefer und tiefer …

Nirgends ein menschliches Wesen – nirgends auch nur ein Tier, ein Vogel …

Wie ausgestorben war die Wüste.

Und die Sonne stand bereits recht hoch … sieben Uhr morgens war es.

„Sehen Sie etwas, Herr Riedel?“ fragte Willi ungeduldig. Er war wie stets geradezu erpicht auf irgendein recht tolles Erlebnis. Ihm konnte es gar nicht toll genug hergehen. Er war tapfer, der schlanke Bursche, fast zu tollkühn und zu voreilig – genau wie mit dem Mundwerk!

„Nichts sehe ich – verdammt!“ knurrte Riedel. „Gar nichts! Weiß der Deibel, wo das Lumpenpack hingeraten sein mag!“

Der Eindecker schwebte jetzt fünfzig Meter über den Buchstaben, umkreiste sie.

Willi faßte den Karabiner fester … Er hatte den Patronenrahmen hineingeschoben und das Schloß gespannt, hatte den Finger am Abzug.

Unten im Sande vor dem Steinhaufen des Punktes des M schimmerten zwei blaue kleine Kleckse: Riedels und des Knaben Mützen!

Und diese Mützen, Willis blutige Schramme und die Schusslöcher in der Reling erinnerten allein noch an den frechen, heimtückischen Angriff, den man sonst bei der Schnelligkeit, mit der sich alles abgespielt hatte, leicht für einen bösen Traum hätte halten können, zumal ja von den Gegnern auch nicht das Geringste mehr zu bemerken war.

Noch tiefer ging die Libelle.

Bis zwanzig Meter. Beschrieb noch weitere Kreise, überflog den Rand jenes Eukalyptuswaldes, in dem das windschnelle Geschöpf vorhin verschwunden war.

Und hier nun war es, daß des Knaben Adleraugen im Sande eine breite Fährte erspähten – einen Strich, wohl fünfundzwanzig Zentimeter breit. Einen einzelnen Strich, der dort in den Wald einbog, wo das merkwürdige flinke Tier zuletzt sichtbar gewesen.

Dann bog die Libelle wieder nach links ab und landete auf einem flachen Hügel genau zwischen den beiden oberen Spitzen des M.

Holk erschien an Deck, ebenfalls mit einem Karabiner, sprang sofort in den Sand hinab und lief dem Punkte des M, dem Steinhügel, zu …

Riedel sagte schnell:

„Du bleibst hier als Wache an Bord, Junge … Ich folge Herrn Holk.“

Und auch er sprang hinab in den lockeren Sand und eilte dem Ingenieur nach.

Holk hatte den breiten Steinhaufen schon erreicht.

Um diesen herum waren überall Stiefelspuren zu sehen und diese Spuren gingen nach allen Seiten auseinander, waren auch verschieden alt. Einige zeigten sich bereits halb verweht, andere konnten kaum vor Stunden entstanden sein. Da der Sand bei den Rändern der Fährten keine scharfen Umrisse zuließ, war nicht festzustellen, von wieviel Leuten die Spuren herrührten.

Auch Patronenhülsen lagen an der Ostseite des Steinhaufens – eine ganze Menge.

„Seltsam!“ sagte Holk zu dem stämmigen Mechaniker. „Wo können die beiden Kerle nur so schnell sich verborgen haben, nachdem sie das Feuer auf die Libelle einstellen mussten?! Ich habe doch genau hinuntergeschaut … Ich sah nichts mehr von ihnen!“

„Ich auch nicht, Herr Holk …! Fast unheimlich ist das! Und dann – dann noch die andere Fährte dort im Sande.“

„Wo?“

„Drüben am Walde, Herr Holk, Willi hat mich darauf aufmerksam gemacht. Sie sieht aus, als ob da jemand ein Brett mit der Schmalseite hinter sich hergezogen hat …“

„Oh – das müssen wir uns ansehen, Riedel“, meinte der Ingenieur eifrig. „Wir werden diesen Ort nicht verlassen, ohne daß … “

Der letzte Satz blieb unvollendet.

Ein Büchsenschuß von der Libelle her …

Und die beiden Männer fahren herum.

Sehen nichts.

Nichts als die Libelle.

Das Deck der Gondel ist leer.

Stehen da … starren hinüber …

Und – Riedel brüllt plötzlich:

„Der – Propeller …!“

Da dringt auch schon das Knattern des Motors an das Ohr der beiden wie versteinert am selben Platze Verharrenden.

Der Eindecker rollt …

Verläßt den Boden.

„Überfall!!“ kreischt Riedel. „Herr Holk, – – – die Libelle wird entführt!“

Er will vorwärtsstürmen.

Holk hält ihn zurück. „Es ist zwecklos, lieber Freund“, sagte er dumpf … „Die Schufte haben uns überlistet. Jetzt bleibt uns nur eine Hoffnung: unser Willi! Wenn der Junge uns die Libelle nicht zurückbringt, dann – sehen wir sie nie wieder!“

„Oh – der bringt sie, es sei denn, er ist … tot“, meinte der Mechaniker leise. „Diese Lumpen hier gehen ja mit Menschenleben wie mit Wanzen um, Herr Holk!“ Er zeigte auf seine am Boden liegende Mütze – auch auf die des Knaben. „Da, Herr Holk, – die Kugeln hatten durch die Schädel gehen sollen! Die Vorsehung hat uns behütet! Möge Sie jetzt auch unseren kleinen Freund geschützt haben!“

Er sprach so ernst, daß auch der Ingenieur banger Ahnung voll der immer schneller enteilenden Libelle nachschaute.

Nicht lange, und der Eindecker war im Äther nur noch als Pünktchen sichtbar – bis er völlig verschwand.

Holk blickte den Mechaniker an. „Was nun, Riedel? Was nun?! Trinkwasser werden wir hier nicht finden. Eine so wasserarme Gegend wie Inneraustralien gibt es kaum mehr auf der Welt – arm an Trinkwasser, denn das salzig-bittere Zeug aus dem Natronseen ist ja nicht genießbar …“

Gustav Riedel hatte kaum recht hingehört.

Sagte nun ganz unvermittelt:

„Herr Holk, ist es nicht merkwürdig, daß alle diese Fährten ausgerechnet hier nach dem Punkt hinter dem M hinlaufen und von hier auch wieder sich entfernen?! Das sieht ganz so aus, als ob dieser Steinhaufen eine besondere Bedeutung hätte!“

Und mit einem schlauen Lächeln fuhr er nach kurzer Pause fort:

„Nehmen Sie mal an, Herr Holk, der Steinhaufen hier wäre … eine Hütte! Solche eine Hütte ist das Ziel der Bewohner, ist aber auch der Ausgangspunkt, wenn sie sich entfernen …“

Der Ingenieur nickte.

„Ja – ich verstehe, Riedel …! Und – Ihr Gedanke ist allerdings bedeutungsvoll! Sie meinen eben: in diesem Steinhaufen könnte so etwas wie … eine Hütte verborgen sein!“

„Oder – unter den Steinen, Herr Holk! In der Erde!“

„Ganz recht! Und hierfür spricht ja auch, daß die beiden frechen Angreifer so plötzlich uns aus den Augen kamen! – Los denn! Schauen wir uns das Ding mit aller Sorgfalt an. Hier liegen die Patronenhülsen … Und hier ist eine Steinplatte gut ein und ein Viertel Meter hoch …. Wenn wir diese Platte … – Hallo – da habe ich sie ja schon umgekippt! Und – dahinter ein freier Raum – und ein Loch im Sande …!“

„Im Felsen!“ verbesserte Riedel hastig. „Im Felsen, Herr Holk … Das Gestein tritt hier zu Tage …“

Ehe Holk ihn noch warnen konnte, war Riedel schon in den Steinhaufen hineingekrochen, hatte ein Zündholz angerieben und sich tief über das Loch gebeugt.

Sein Gesicht wurde starr.

Er schien zu lauschen …

Irgend etwas mußte seine Ohren vollständig in Anspruch nehmen, denn vergebens rief Holk ihm wiederholt zu, er solle wieder herauskommen aus dem engen gefährlichen Raum, der vielleicht in der Tiefe allerlei Teufeleien berge.

Dann rief der Mechaniker:

„Ich höre Wasser rauschen, Herr Holk … Zu sehen ist nichts … Aber es klingt wie das Rauschen eines Wasserfalles …!“

Holk zog den Mechaniker nun halb gewaltsam hervor.

„Ich werde mein Leben zunächst riskieren, lieber Riedel … Ich bin der Besitzer der Libelle, mir …“

Sie standen dicht vor dem Loche.

Ganz dicht vor dem Steinhaufen.

Und prallten nun beide zurück.

Ein ohrenbetäubender Knall war aus der zackigen Felsöffnung hervorgedrungen, der Knall einer Explosion offenbar.

Und so kräftig war der Luftstoß gewesen, der aus dem Loche hervorschoß, daß ein Teil der Steine des „Punktes“ ins Wanken geriet und zusammenstürzte.

Dann – wieder Stille.

Und als Bert Holk jetzt tief gebückt sich in das Loch des Steinhaufens hineinschob, als er niederkniete und horchte, rief er nach wenigen Sekunden schon:

„Ich höre nichts … Kein Rauschen .… Gar nichts!“

Er wollte noch mehr hinzufügen.

Aber dort in der schwarzen Tiefe des unbekannten Schlundes glühte jetzt ein schwacher Lichtschein.

Wurde größer – stärker.

Bis Holk einen Mann mit einer Karbidlampe erkannte.

Dahinter – einen zweiten.

Und beide rannten der Öffnung zu, über der Holk kniete

„Riedel, meinen Karabiner – schnell!“ flüsterte der Ingenieur.

Und er kroch eilends ins Freie, nahm die Waffe

„Riedel, die beiden Angreifer sind‘s“, flüsterte er weiter. „Eine Holzleiter führt nach oben … Wir werden die Schufte jetzt abfangen …“ Und im Nu hatte er die Steinplatten wieder hochgekippt, hatte den Mechaniker an die andere Seite des Haufens gezogen.

Hier kauerten Sie nieder.

Und – brauchten nicht lange zu warten.

Kaum zwei Minuten.

Da fiel die Steinplatte polternd um, da erschienen zwei in leichten braungelben Touristenanzügen steckende Europäer und … taumelten ein Stück zur Seite, sanken. offenbar vollkommen erschöpft, in den Sand.

 

3. Kapitel.
Das Wasser kam…

Sie hatten ihre Büchsen nicht mehr. Nur am Gürtel hing jedem ein Revolverfutteral.

Blaß, verstört, dicke Schweißperlen auf der Stirn – so hockten Sie im Sande.

Jammerbilder alle beide, unfähig, sich zu wehren.

Und Holk tat vor.

Die beiden sahen ihn, wollten hoch, sanken zurück

„Binden!“ befahl Holk kurz.

Riedel war schnell dabei.

Im Moment hatte er den Kerlen die Gürtel abgenommen und ihnen damit die Hände auf dem Rücken gefesselt.

Dann mußten die beiden aufstehen und sich in den Schatten eines nahen armseligen Strauches setzen.

Hier begann das Verhör.

Aber trotz aller Drohungen Holks war aus den beiden nichts herauszubringen.

Auch nicht ein Wörtchen.

Es waren noch junge Leute, vielleicht Mitte zwanzig, kräftige Burschen mit wettergegerbten Gesichtern und Händen, die breit, ausgearbeitet und muskulös waren. Jedenfalls schon dem Äußeren nach verwegene Gestalten, vielleicht australische Banditen, die dort noch heute einsame Straßen unsicher machen …

Holk gab das Verhör auf.

Auch er und Riedel hatten sich vor den finsteren Kerlen in den Sand und den spärlichen Schatten gesetzt …

Jetzt erhob der Ingenieur sich. „Riedel, bewachen Sie die beiden …! Ich werde …“

Und wieder verstummte er …

Sein Blick war nach links gefallen.

Dort, wo noch soeben der Buchstabe M der geheimnisvollen Zeichen in einer etwas tiefer gelegenen Mulde seine Steinreihen, seinen Steinhaufen-Punkt den Blicken der Deutschen dargeboten hatte, dort … war bereits ein kleiner Teich entstanden … Und dort quoll aus dem Loche des Felsens etwa drei Fuß hoch ein dicker Wasserstrahl hervor, füllte die Mulde immer mehr …

Holk stand wie entgeistert da.

Er, der gewiß nicht so leicht zu verblüffen war, er begriff auch nicht im entferntesten, wie diese ungeheure Quelle so plötzlich hatte hervorgezaubert werden können, er sah sich hier geradezu einem unfassbaren Wunder gegenüber.

Riedel war neben ihn getreten …

Und sagte leise, aber mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme:

„Herr Holk, das ist das Wasser, das ich rauschen hörte! Und jetzt – erscheint es an der Oberfläche! Herr Holk, ich gehe jede Wette ein, jede: die Explosion hat den bisherigen Abfluß des Wasserfalles verstopft, und das Wasser bahnt sich nun, nachdem die Höhle da unten gefüllt ist, nach oben einen Weg! Anders kann es nicht sein!“

„Ja – es muß so sein, lieber Riedel“, flüsterte Holk hastig. „Nicht lange wird es dauern, dann ist der Buchstabe M völlig im Wasser verschwunden …!“ – Und er lief hinüber bis zum Rande des neu entstandenen Sees, bückte sich, schöpfte mit der Hand das klare Naß und fand es köstlich kalt und ohne jeden Beigeschmack.

Er kehrte zu Riedel und den Gefangenen zurück, hatte seine Mütze mit Wasser gefüllt und gab den beiden noch immer so merkwürdig verstörten Kerlen zu trinken.

Sie tranken auch.

Gierig und wie verschmachtet.

Der eine bedankte sich.

Sagte verlegen in englischer Sprache:

„Mister, das war anständig von Ihnen … Nicht jeder hätte so an einem Feinde gehandelt! Sie … beschämen mich!“

„Wer sind Sie?“ fragte Holk aufs neue.

Der Mann senkte den Kopf.

„Straßenräuber, Mister …“ flüsterte er scheu. „Oder Buschklepper – wie Sie es nennen wollen …“

„Und – wie sind Sie hier in die Einöde gekommen? Was treiben Sie hier?“ forschte Holk gespannt, da er hoffte, nun endlich etwas über die Bedeutung der drei Steinbuchstaben zu erfahren.

Doch der Mann schwieg. Sein Gefährte hatte ihm einen finsteren Blick zugeworfen.

Holk wurde ungeduldig.

„Wenn Sie nicht sprechen, werden wir andere Mittel anwenden!“ drohte er ernst.

Und Riedel brüllte wütend:

„Glaubt Ihr Banditen etwa, daß wir mit uns spaßen lassen?! Oh – da kennt Ihr Gustav Riedel schlecht!“

Holk zog den Mechaniker beiseite. Sie berieten flüsternd. Dann nahm Riedel erst den einen der Buchkleppern auf den Rücken und watete mit ihm nach dem Steinhaufen, band ihn hier sitzend neben der Riesenquelle, die schon fast einer Fontäne glich, sitzend an einen Steinblock, holte auch den zweiten und verfuhr mit ihm genau ebenso.

Und nun saßen diese beiden abgebrühten Schurken bis zum Halse im Wasser, sahen entsetzt, daß es nur noch eine Viertelstunde vielleicht dauern würde, bis Sie jämmerlich ertrinken müßten.

Holk und Riedel aber hatten den Schatten des Busches wieder aufgesucht.

„Begreifen Sie das alles?“ meinte der Ingenieur grüblerisch. „Begreifen Sie das, Freund Riedel?! Wer in aller Welt hat denn nur die Libelle entführt?! Waren noch mehr Buschklepper hier?!“

Riedel brummte:

„Ja – hab ich es nicht gleich gesagt …! Weshalb mußten wir auch der Steinbuchstaben wegen landen!! Nun haben wir die Bescherung! Die Libelle ist futsch, und wir wissen noch nicht einmal, ob …“

Da – von dem neuen See her, in dem der Punkt des M wie ein Inselchen hervorragte – ein lauter Schrei …

„He – Mister …Mister Holk, oder wie Sie sonst heißen …! Wir wollen alles gestehen!“

„Aha“, lachte der mißtrauische Riedel grimmig! „Aha, nun haben die Schufte verabredete, was Sie aussagen wollen! – – Nein, Herr Holk, lassen Sie die beiden nur noch in dem kalten Bade sitzen!“

Und er ging näher an den Rand des neuen Gewässers heran und brüllte:

„Freundchen. So dämlich sind wir nicht!! Beschwindeln wollt Ihr uns!!“

„Nein … nein!“ rief der, welcher sich vorhin für den Trunk bedankt hatte. „Morris flucht zwar wie ein Lastfuhrmann, weil ich es mit der Ehrlichkeit halten möchte, aber ich lasse mich dadurch nicht beirren …! Bindet mich los, Mister, und ich schwöre beim Andenken an meine brave Mutter, daß keine unwahre Silbe über meine Lippen kommen soll!!“

Das klang wirklich so, als ob der Bursche es aufrichtig meinte, und deshalb watete Gustav Riedel denn abermals nach dem merkwürdigen Inselchen hin und brachte die beiden Burschen aufs Trockene.

Morris der verstocktere der beiden, überschüttete seinen Freund jetzt mit so unflätigen Schimpfworten, daß Riedel ihm einen Knebel zwischen die Zähne preßte und drohte: „Elender Halunke, wenn Du auch bei Deinem jämmerlichen Schweigen verharren willst: laß Deinen Gefährten tun, was er will!“

Und – James Albergy, so hieß dieser andere, berichtete nun folgendes …

 

4. Kapitel.
B.M.R.

„Mister Holk“. wandte er sich an den Ingenieur, „wir, der Allan Morris und ich, hatten vor drei Monaten weit unten im Süden bei dem einsamen, ersten Städtchen hinter der Sandzone, dem Orte Jarradar, einen einsamen zerlumpten Wanderer angehalten, der einen schweren Sack auf dem Rücken schleppte. Und – in dem Sack war Gold reines Gold, Körner bis Taubeneigröße …! – Noch mehr fanden wir bei dem Mann … Allerlei Papiere auf den Namen Benjamin Maxwell Redding.“

„Aha – B. M. R.“, rief Riedel.

„Ja – B. M. R.“, fuhr der Bandit fort. „Diese drei Buchstaben standen auf einer Skizze, die sich unter den Papieren befand, einer Wegskizze. Diese Zeichnung war so genau, daß wir uns zu Pferde unschwer in drei Wochen bis hierher durchschlugen. Der Morris und ich … – Den Forschungsreisenden Redding aber hatten wir im Walde bei Jarradar an einen Baum gebunden, zurückgelassen. – Sein Gold hatte uns hierher gelockt, den auf der Skizze waren ja auch die von Redding hergestellten Buchstaben aus Steinen vermerkt und auch der Eingang zu … der Goldhöhle. – Mister Holk, da unten in der Höhle lagern Milliarden …! Da unten gab es bis heute einen unterirdischen Wasserfall, der in eine Schlucht stürzte. Und dieser Wasserfall …“

Er unterbrach sich … „Nein – alles der Reihe nach, Mister Holk … Wir waren nun also hier … Aber – aus Hunger mußten wir unsere Pferde nacheinander töten und verspeisen. Das Fleisch haben wir geräuchert gehabt. Oh – es war ein klägliches Leben hier, kläglich, weil wir Milliarden besaßen und doch damit nichts anfangen konnten! Nicht mal in bewohnte Gegenden konnten wir zurück. Wir wagten es nicht, denn ohne Wasser ist ein Marsch durch die Wildnis …“

„Weiter – kürzer!“ drängte Holk voller Spannung.

„Nun – so vergingen uns hier viele viele Wochen, uns armen reichen Banditen! Bis dann heute Ihr Flugzeug erschien. Da fürchteten wir für unsere Schätze … da … beschossen wir Ihren Eindecker. – Und als der emporgestiegen, flüchteten wir in die Höhle. Wie wir dort zusammen in dem Winkel saßen, wo wir unsere Lagerstatt hatten, erhielten wir ganz plötzlich von hinten einen Hieb auf den Schädel – so blitzschnell, daß wir umsanken und nicht mal den Angreifer saßen. Der hat uns dann während unserer kurzen Bewußtlosigkeit gefesselt, und als wir erwachten, stand die brennende Laterne noch neben uns –– und neben ihr glühte eine Zündschnur, die in das Dunkel der Höhle hineinlief …“

Er atmete keuchend in der Erinnerung an die ausgestandene Pein.

„Ja, Mister Holk, da ahnten wir, daß uns jemand in der Grotte durch eine Explosion umbringen wollte. Da haben wir uns mit den Zähnen die Knoten der Stricke gelöst … Und – dann ereignete sich das Entsetzliche … Ein furchtbarer Knall ertönte aus der Richtung des Wasserfalles und dem Knall folgte das Poltern gewaltiger Steinmassen … Wir rasten vorwärts, dem Ausgang zu …. Und sahen beim Laternenschein, daß die Schlucht, in die das Wasser bis dahin hinabgestürzt war, mit Geröll vollkommen gefüllt und daher unfähig sein musste, den Wassermassen fernerhin Abfluß zu gewähren … Alles weitere wissen Sie, Mr. Holk. Und das, was ich Ihnen soeben mitgeteilt habe, ist die volle Wahrheit …“

Bert Holk fragte rasch:

„Und – der Mann, der Sie überfiel? Haben Sie irgendeine Vermutung, wer es sein kann, Albergy?“

„Vielleicht … vielleicht Doktor Benjamin Maxwell Redding, Mr. Holk. Vielleicht! Obwohl ich es nicht glaube… “

„Weshalb nicht? Ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß Redding hierher zurückgekehrt ist, weil er ahnte, Sie beide wollten das Gold …“

Und – da brach er mitten im Satze ab …

Da sprang er empor … rief Gustav Riedel zu.

„Warten Sie hier! Bewachen Sie die beiden, Freund Riedel! Denken Sie an die merkwürdige Spur, die unser Willi bemerkt hatte. Der will ich folgen! Mir ist ein Gedanke gekommen, was für eine Art Geschöpf es gewesen sein kann, das sich so fabelhaft schnell fortbewegte …!“

Und er nahm den Karabiner und lief davon – lief, als ob es um‘s Leben ginge …

Und erreichte den Rand des Eukalyptuswaldes, fand die breite Spur, diesen breiten Strich, drang in den Wald ein, sah, daß die Fährte stets über Lichtungen führte und war so noch keine zehn Minuten gewandert, als das dürre armselige Gehölz ein Ende hatte und das Wüstengelände sich von hier in sanftem Abfall zu einem endlosen Tale vertiefte …

In diesem Tale aber – und Holks Augen weiteten sich vor freudiger Überraschung! – kam von Südost her die Libelle … nicht geflogen, – nein, als pfeilschnelles Auto mit angeklappten Tragflächen näherte sie sich dem Walde …

Holk tauchte schleunigst in den Büschen wieder unter …

* * *

Und nun wollen wir einmal anderthalb Stunden in Gedanken einen Sprung rückwärts tun und jene Szene uns wieder in das Gedächtnis zurückrufen, wie Willi Kröger, unser kleiner Freund, als Wache auf Holks Wundervogel zurückgeblieben war und wie er auf dem Deck sich in den Schatten der einen Tragfläche gelegt hatte, um seinen verehrten Herrn und Wohltäter und den Mechaniker zu beobachten, die dort dem Punkt des M zueilten … So völlig war unser Willi durch dieses Beobachten seiner Gefährten in Anspruch genommen, daß er nicht einmal merkte, wie ein Mann, der hinter den aufgeschichteten Steinen des M herangekrochen war, die Außenleiter der Gondel leise erstieg und … sich urplötzlich über ihn warf …

Mit erstaunlicher Kraft drückte der Angreifer ihm die Kehle zu, hob ihn empor und trug ihn die Treppe hinab in die Gondel, band ihn hier auf das Rohrsofa und betrat den Führerstand …

Willi hatte das Bewußtsein nicht einen Augenblick verloren, sah sich um, wie der Fremde, ein Mann mit blondem Spitzbart, einem derben Touristenanzug und einer Ledermütze, auf dem Drehsitz vorn Platz nahm und … die Libelle emporsteigen ließ …

So sehr der wackere Junge auch an seinen Fesseln riß und zerrte, so laut er nun auch brüllte: das Motor- und Propellergeräusch übertönte selbst sein kräftiges Organ!

Der Fremde, offenbar mit Flugzeugen gut vertraut, landete eine halbe Stunde drauf mit der Libelle, begann den Knaben nun auszufragen.

Willi kochte vor Wut über die Frechheit und Schlauheit, mit der dieser Blondbärtige ihn als Wächter unschädlich gemacht hatte. Seine Antworten waren ebenso keck wie erbittert, und der Fremde, der des Deutschen leidlich mächtig war, wurde sehr bald recht nachdenklich, als er einsehen mußte, daß der Junge wohl kaum die Unwahrheit spräche.

Immerhin, er war vorsichtig und nahm dem Knaben die Fesseln nicht ab, trat in den Führerstand zurück, orientierte sich über die Hebel und Einschalter der Steuerung und klappte die Tragflächen der Libelle an die Aluminiumgondel, stellte den Motor für das Auto ein und fuhr über den sandigen Wüstenboden in raschester Gangart wieder nach Norden, bis er den Südostrand jenes Eukalyptus Waldes erreicht hatte, wo auf der anderen Waldseite die Riesenbuchstaben sich befanden.

Kaum hatte er hier die Libelle verlassen und war rasch nach einem dichten Gestrüpp geeilt, als er … von hinten gepackt wurde.

„Halt, Bursche!“ donnerte Holk ihn an. „Dir will ich beibringen, fremder Leute Eigentum zu stehlen!“ Und seine Pistole dem Fremden vor das Gesicht haltend fügte er hinzu: „Vorwärts – in die Gondel hinein!“

Der Mann mit der Ledermütze verbeugte sich wie ein Gentleman …

„Sie gestatten, Herr Holk …“ sagte er dazu. „Mein Name ist Benjamin Maxwell Redding … Doktor Redding, Forschungsreisender …“

 

 

5. Kapitel.
Die Insel im neuen See.

Holk Schaute Redding forschend an. „Ist das die Wahrheit, Mr. Redding? – Und – wo steckt mein kleiner Freund Willi …?“

„In der Gondel Ich werde ihm sofort die Fesseln abnehmen. Ich sehe, daß er mich nicht belogen hat, Herr Holk … Ihr Auftreten ist das eines gebildeten Mannes …“

Gleich darauf war der Junge frei.

Und mit welch strahlenden Augen drückte er dann Holk wieder und immer wieder die Hand!

Redding stand dabei und lächelte fein, sagte schließlich:

„Herr Holk, ich bin Ihnen eine Aufklärung schuldig …“

„Oh – das Meiste weiß ich bereits, und ich vermute, dass Sie mit einem besonders konstruierten Motorrad hier in die Wildnis als Verfolger der beiden Buschklepper zurückkehrten …“

„So ist es. – Die Höhle – die Goldhöhle hat noch einen zweiten Ausgang unweit der Spitzen des Buchstaben M. Und von da kam ich ans Tageslicht, ahnte nicht, dass Morris und Albergy Sie mit Kugeln empfangen hatten. Hielt Sie für Spießgesellen der beiden und die Libelle für ein gewöhnliches Flugzeug, welches das Gold wegschaffen sollte. Deshalb bemächtigte ich mich Ihres Eindeckers, was mir… “

„… was eine Frechheit war!“ platzte Willi heraus … Und fuhr versöhnlicher fort … „Na – vergeben und vergessen, Mr. Redding – von mir aus!“

Holk lachte vergnügt, ging in den Führerstand – und der prachtvolle Wundervogel schwebte hoch, überflog den Wald.

Der neue See war inzwischen zu einer Breite von ein paar hundert Meter angewachsen.

Staunend sah Willi die im Sonnenschein glitzernde Wasserfläche.

„Mein Werk!“ rief Doktor Redding. „Mein Werk, damit die Goldhöhle für immer unbetretbar bleibt! Niemand soll das Gold sich aneignen! Ich habe die Goldader durch die drei Dynamitpatronen in den Abgrund geschickt, und der – See wird steigen und steigen, wird zum gewaltigen Wasserbecken werden, wird diese Einöde beleben, herrliche Vegetation hervorzaubern! Das ist besser als das elende Gold!“

Und Willi nickte dazu …

Die Libelle landete dort, wo Gustav Riedel die beiden Buschklepper bewachte.

Redding ging rasch auf die Banditen zu … Blieb vor ihnen stehen …

„Brutale Gesellen!“ sagte er verächtlich. „Ihr habt mich an einen Baum gefesselt, dem Tode des Verschmachtens preisgeben wollen! Ich würde Euch bestrafen! Aber ich weiß etwas anderes! Ihr werdet hier an diesem neuen See bleiben, werdet als Ansiedler hier leben! Schwört mir zu, daß …“

Und da – Willis gellende Stimme:

„Herr Holk … Achtung!! Ein …. anderes Flugzeug …! Dort von Süden her …! Ein ganz großer Doppeldecker …!“

Bert Holk holte schleunigst sein Fernglas aus der Libelle, schaute dem raschen nähernden anderen Flieger entgegen.

Sein Gesicht war ernst, fast finster.

Er dachte an die drei Ausländer, die ihm bereits am Anfang seines Rekordfluges allerlei Ungelegenheiten bereitet hatten und deren Eindecker Shallow er schließlich vernichtet hatte.

Und – auch Riedel rief warnend: „Herr Holk – vielleicht sind das die drei Halunken, die …“

Und Willi ergänzte …

„… die uns sofort Dreck in die Augen geschmissen haben, die Lumpazi Vagabundi!!“

Holk ließ das Glas sinken …

Er hatte in den Gondelfenstern des Doppeldeckers sechs – sieben Köpfe bemerkt, sah auch, daß das Flugzeug der Libelle an Schnelligkeit gleichwertig war.

Zur Flucht vor den an Zahl überlegenen Feinden war es zu spät.

„Hinein in die Libelle!“ befahl er …

Nur die beiden Buschkleppern mußten an Land bleiben, während Holks Wundervogel jetzt als Motorboot über den See fuhr – bis zu dem höchsten der drei Punkte neben den bereits mit Wasser bedeckten Riesenbuchstaben – bis zu dem Punkte neben dem R.

Und – an dieser Steinklippe im neuen See machte die Libelle fest. Lag nun da, umgeben von einem Wassergürtel der immer breiter wurde.

Der Doppeldecker, der keine Schwimmkörper besaß, mußte drüben an Land niedergehen. Sieben Männer entstiegen ihm.

Und … brachten … ein Maschinengewehr mit an das Ufer des neuen Sees …

Drohten, die Libelle zum Siebe zu durchlöchern, falls Holk sich nicht freiwillig gefangen gäbe! –

Eine verzweifelte Lage war das für die Weltenflieger … Eine Lage – in der nur eines helfen konnte: List!

Und wirklich: Willi Krögers junges Hirn fand den rettenden Ausweg!

Jedenfalls: die Libelle entkam!

Wie sie entkam, welche List Willi ersonnen hatte und wie dann Doktor Redding den Freunden ein neues Geheimnis mitteilte, das alles kann erst im nächsten Bande berichtet werden.

Der freundliche Leser weiß nun ja, daß die „Seltsamen Zeichen“ ein Werk des Naturforschers gewesen, der sie aus Steinen hergestellt hatte, damit er leichter nach der Goldhöhle zurückfände.

Die Goldhöhle – der See?! Beides Spielt noch eine Rolle bei dem folgenden Abenteuer unserer kühnen Weltumsegler … Auch Morris und Albergy finden wir wieder … am rauchenden Berge!

 

Nächster Band:

Der rauchende Berg.