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Der Mann aus Eisen

 

Der Detektiv

 

Kriminalerzählungen

von

Walter Kabel.

 

Band 162:

Der Mann aus Eisen

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1925 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

1. Kapitel.

Zwei vor der Tür.

Wir hatten Fräulein Elisabeth Walker (der Leser besinnt sich noch, daß sie von Erpressern entführt war) persönlich zu ihren Angehörigen nach Breslau zurückgebracht und verlebten im Hause ihres Vaters ein paar angenehme Ruhetage.

Aus dieser mir sehr wohltuenden himmlischen Muße scheuchte uns eine Depesche auf, die uns von Berlin hierher nachgeschickt worden war.

Sie lautete:

„Bitte sofort kommen. Honorar Nebensache. Handelt sich um einen Fall von seltener Eigenart. – Dr. Martin Geßling, Langfuhr-Tanzia, Mirchhauer Weg 10.“

Am anderen Vormittag elf Uhr standen wir vor einem großen, alten Gebäude, das mitten in einem ausgedehnten verwilderten Garten lag.

Dies war Mirchauer Weg 10.

Wir läuteten an der Gartenpforte, läuteten nochmals …

Niemand kam und öffnete …

Dann erklang hinter uns eine etwas heisere Stimme:

„Sie wünschen, meine Herren? “

Wir drehten uns um …

Ein alter buckliger Herr mit blauer Brille zog jetzt seinen zerknitterten Filz …

„Doktor Martin Geßling …“

Harald desgleichen:

„Harald Harst … Hier mein Freund Max Schraut.“

„Gott sei Dank!!“ entfuhr es dem buckligen Männchen. „Es ist auch die höchste Zeit, daß Sie kommen … Die Sache wächst mir über den Kopf …“

Und er streckte uns freudig erregt die Hände hin …

„Bitte – ich schließe sofort auf … Wo haben Sie denn Ihre Koffer? Sie wohnen doch natürlich bei mir. Ich habe ja übergenug Platz … Ich bewohne mein Haus ganz allein …“

Harald schüttelte den Kopf …

„Und das Wohnungsamt, Herr Doktor?“

Geßling öffnete die Gartenpforte und erwiderte dabei: „Aber – aber!! Haben die Herren denn noch nie etwas von dem Geßlingschen Privatmuseum gehört?! – Meine Sammlung westpreußischer Altertümer ist doch einigermaßen be … kannt …“

Er hatte offenbar „berühmt“ sagen wollen …

Wir betraten den Garten …

Es war Tauwetter, und vielleicht lag es daran, daß das große Haus und der Garten so düster und unheimlich wirkten. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, und hin und wieder stäubte ein dünner Regen herab, der hier längst allen Schnee in üble Wasserlachen aufgelöst hatte.

Als wir die Diele dieses alten Hauses sahen, bekamen wir bereits einen Vorgeschmack von all den antiken Schätzen, die der Privatgelehrte hier im Laufe eines arbeitsfreudigen Lebens aufgestapelt hatte.

Hier in der Vorhalle lernten wir nun auch des Doktors seltsames Faktotum(1) kennen, Herrn Emanuel Mollant, einen Menschen, der die Bezeichnung Hopfenstange(2) mit Recht verdiente.

Emanuel maß mindestens zwei Meter. Dabei hielt er sich trotz seiner Jahre – er konnte kaum jünger als sein Herr sein – kerzengerade und war offenbar nicht nur der Vertraute seines Herrn, sondern(3) auch „Mädchen für alles“.

Harald erlaubte sich die Frage, weshalb Emanuel auf unser Läuten hin nicht geöffnet habe.

„Nun, Herr Harst,“ erklärte Geßling mit einem geheimnisvollen Lächeln, „das hängt mit den Dingen zusammen, die ich Ihnen sofort erzählen werde. Bevor Sie hier nicht eingetroffen waren, sollte niemand mein Haus betreten. Man kann ja nie wissen, was … – Doch – davon nachher … – Emanuel, nimm den Herren die Mäntel und Hüte ab. Dann wirst du die Koffer der Herren holen. Vorher heize noch die beiden Zimmer, die ich für Herrn Harst und seinen Freund bestimmt habe.“

Emanuel klappte wie ein Taschenmesser zusammen, – eine Verbeugung, die außerordentlich komisch wirkte. Und dabei sagte er mit seiner knarrenden Stimme: „Sehr wohl, Herr Doktor … Die Zimmer sind im übrigen schon geheizt, sonst würden sie an einem Tage kaum warm zu bekommen sein.“

Das ganze „Milieu“ hier hatte ohne Zweifel etwas Familiär-Behagliches an sich. Und ebenso behaglich war auch des kleinen buckligen Doktors Studierzimmer, in dem wir nun Platz nahmen.

Kaum hatten wir uns in die weichen, tiefen Sessel niedergelassen, als Emanuel auch schon lautlos mit einem Teebrett erschien und außer eine Flasche Rotwein allerhand gute Dinge als Frühstück auf dem Tische vor uns aufbaute.

Da waren Sardinen, Hummern, Röstschnittchen mit Kaviar, wunderbarer Schinken, drei Sorten Käse …

„Langen Sie zu, meine Herren,“ bat Geßling …

Und wandte sich an Emanuel:

„Bitte Fräulein Gilsky hierher … Ich möchte sie meinen Gästen vorstellen …

Der Lange verschwand.

Und der Bucklige erklärte – wieder mit einem halb geheimnisvollen Lächeln:

„Alle guten Dinge sind drei … Wir wohnen hier zu dreien … Fräulein Gilsky ist meine Nichte, das heißt, so eine Nichte dritten Grades. Sie ist Waise. Vor drei Monaten nahm ich sie bei mir auf. Sie ist der Sonnenschein meines Hauses und meines Alters geworden …“

Sein Lächeln wurde strahlend.

Ich war sehr gespannt auf die junge Dame. Meine Erwartungen wurden jedoch noch übertroffen.

Ellinor Gilsky war eine pikante Schönheit, dazu Dame von Welt und von jener abgeklärten Heiterkeit, die ebenso viel Geist wie Takt in sich vereinigt.

Ihre Bewegungen waren schön und abgerundet. Ihre Hände hätten jeden Bildhauer entzückt. Sie blieb nur ein paar Minuten im Zimmer, ohne Platz zu nehmen, aber schon diese wenigen Minuten genügten, mich geradezu zu begeistern. Man freut sich ja stets, wenn man einem jungen Mädchen begegnet, das im Gegensatz zu den meisten Damen von heute durch ein vornehm-ruhiges Benehmen und durch ein bescheidenes Herauskehren einer glänzenden Unterhaltungsgabe angenehm auffällt.

Kaum hatte sie sich wieder zurückgezogen, als Geßling uns fragte, ob er nun mit seinem Bericht beginnen dürfe …

„Sie werden ja fraglos neugierig sein, Herr Harst, weshalb ich eine Berühmtheit wie Sie hierher gebeten habe … Und Sie dürften auch nicht im entferntesten ahnen, was mich seit einer Woche so halb aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht hat …“

Harst nahm ein zweites Kaviarschnittchen …

„Vielleicht ahne ich es doch, Herr Doktor …,“ meinte er scherzend.

„Unmöglich! Wirklich unmöglich,“ ereiferte sich Geßling …

„Oh – ein Unmöglich gibt es für einen Menschen nicht, der seine Augen und seinen Verstand zu gebrauchen weiß … Die Angelegenheit, die Sie uns vortragen wollen, spielt in Saal Nummer drei Ihres Museums …“

Der bucklige Doktor schüttelte wie ungläubig den Kopf. „Unbegreiflich!! Sie haben recht, Herr Harst! – Aber – – wie in aller Welt haben Sie nur …“

Harald lachte harmlos-vergnügt. „Die Erklärung ist ungeheuer einfach. Ich habe Ohren wie ein Luchs, und so verstand ich unten in der Vorhalle ganz deutlich, wie Sie Ihrem famosen Emanuel noch zuflüsterten, er solle Saal Nr. 3 aufschließen und daß Sie mit uns gleich nach oben gehen würden. Mithin lag es doch sehr nahe, daß in Saal Nr. 3 das Seltsame geschieht, womit wir uns beschäftigen sollen …“

„Stimmt, stimmt!“ rief der Doktor. „Und das Seltsame ist eine Ritterrüstung, die seit einer Woche nachts in Saal 3 spazieren geht …“

Harald warf einen prüfenden Blick auf Geßling …

„Entschuldigen Sie, Herr Doktor, – haben Sie uns etwa wirklich eines solchen … albernen Geschehnisses wegen hierher gerufen? Wandelnde Ritterrüstungen gehören in das Gebiet des Okkultismus oder dergleichen …“

Geßling hatte sich aus seinem Sessel erhoben …

„Verehrter Herr Harst,“ sagte er überaus feierlich, „Herr Harst, wofür halten Sie mich?! Wenn hier in diesem alten Hause nicht wirklich Dinge sich abspielen würden, denen gegenüber mein kritischer Verstand machtlos ist, dann würde ich es doch niemals gewagt haben, einen Mann von Ihrem Weltruf damit zu belästigen …!“

Er hob feierlich die rechte Hand …

„Herr Harst, es handelt sich ja nicht nur um die alte Ritterrüstung … Diese Rüstung ist nämlich das einzigartigste in ihrer Art, weil sie eben gefüllt ist.“

„Gefüllt?!“

„Ja … Sie wurde vor zehn Jahren in dem sogenannten Trebitscher Moor unweit der berühmten Marienburg gefunden … Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß das Moorwasser zuweilen die Eigentümlichkeit hat, Leichen zu konservieren …“

„Ah – ich verstehe,“ nickte Harald. „In dieser Rüstung steckt noch der tote Ritter, dem sie einst gehörte …“

„Ja …! Die Mumie des Ritters, Herr Harst … Und wenn man das Visier des Helmes herunterschlägt, sieht man das Mumiengesicht ganz deutlich …“

„Und somit wandelt nicht die Rüstung, sondern der tote Ritter …?“

„Ja … so ist’s, so ist’s … Und ich habe es mit eigenen Augen gesehen!“

„Wann?“

„Vor … ja vor sechs Tagen zum ersten Male …“

„Nachts?“

„Natürlich nachts … Ich erwachte gegen zwölf Uhr, weil ich über meinem Schlafzimmer in Saal 3 schwere Schritte vernahm …“

„Und Sie gingen nach oben …“

„Ja … Aber nicht zur Saaltür, sondern in den kleinen Nebenraum, dessen Verbindungstür vergitterte Glasfenster hat …“

„Und sahen?“

„Daß in Saal 3 Licht brannte …“

Bei diesen Worten ließ Doktor Geßling sich wieder in den Sessel fallen …

Bei diesen Worten … – Und das hatte seinen guten Grund … Denn die letzten Worte hatte Geßling nur noch überhastet hervorstoßen können, weil draußen im Flur irgendwo in einiger Entfernung ein halblauter Aufschrei erklungen war, der ohne Zweifel aus Ellinor Gilikys Kehle kam …

Und jetzt – – jetzt, als der kleine Gelehrte mit schreckerfüllten Augen auf die Tür starrte, da … fiel vor der Tür im Flur mit unheimlichem Krachen und Klirren etwas zu Boden …

Harst war mit zwei Sätzen draußen … Ich hinter ihm …

Da lag auf dem Flurläufer der Ritter mit seiner Rüstung, die gerüstete Mumie, der Tote in Eisen, der Mann aus Eisen …

Auf dem Rücken lag er …

Das Visier war hochgeschlagen …

Unheimlich grinste uns das braunschwarze Mumienantlitz mit den leeren Augenhöhlen entgegen …

Und – zehn Schritte weiter nach der Haupttreppe zu lag Ellinor Gilsky – – bewußtlos – – vor Schreck und Grauen umgesunken, wie der Ausdruck ihrer verzerrten Mienen deutlich erkennen ließ …

 

2. Kapitel.

In Wahrheit ein Rätsel.

Dottor Geßling sagte hinter uns – und seine Stimme klang so hohl, als ob sie aus einem irdenen Topf käme:

„Herr Harst, nun … nun sehen Sie’s ja selbst …!! – Oh, wenn ich nur von Emanuel nicht die Tür hätte aufschließen lassen …! Eigentlich hätte ich’s mir denken können, daß dieser tote Satan auch am Tage mal Luft zum Umherwandeln verspüren würde!“

Dann eilte er zu seiner Nichte hin …

Und fünf Minuten darauf war Ellinor Gilsky wieder bei Bewußtsein, während Harald und ich inzwischen den Mann aus Eisen genauer besichtigt hatten …

Es gab an dieser gerüsteten Mumie mancherlei Unschönes zu sehen. Soll ich den Leser hier dadurch langweilen, daß ich ihm genau die Rüstung und die Mumie schildere?! - Nein, es gibt bei diesem Abenteuer noch so unheimlich viel zu berichten, so viele Einzelheiten, die unbedingt erwähnt werden müssen, daß ich mich auf die Bemerkung beschränke: Die Rüstung war über und über mit Rost bedeckt, und der tote Ritter mit seinem scheußlichen Gesicht konnte einem wirklich im Traume erscheinen!!

Wir hatten das junge Mädchen in Geßlings Studierzimmer auf den Diwan getragen, und der Altertumssammler hielt nun getreulich neben ihrem Lager Wacht, während wir uns draußen im Flur ungehindert und unbeobachtet bewegen konnten.

Nachdem wir den Ritter genügend in Augenschein genommen hatten, trugen wir auch ihn dorthin, wohin er gehörte, also nach oben in Saal 3. Da das Faktotum Emanuel unsere Koffer holen gegangen war, hatten wir keinerlei uns lästige Aufpasser zu fürchten und konnten uns den Saal in Ruhe ansehen.

Harald machte mich darauf aufmerksam, daß der Saal drei Türen hatte. Erstens die vom Flur her hineinführte, zweitens die in einen kleinen Nebenraum rechter Hand (das war die Tür mit den vergitterten Glasscheiben, die der alte Herr erwähnt hatte), und drittens die in den Nebensaal.

Im übrigen zeigte Harald für die hier zur Schau gestellten Altertumsschätze weit weniger Interesse als ich. Und das bedauerte ich, denn es gab hier wirklich sehr viel Interessantes zu sehen.

Während ich noch ein paar Urnen betrachtete, hatte Harst sich lautlos entfernt.

Wo war er geblieben?!

Er war wie durch Geisterhand entführt …

Ich ging in den Flur, in den Nebensaal …

Keine Spur von ihm …

Schließlich schritt ich die Treppe hinab …

Und als ich Doktor Geßlings Studierzimmer betrat, saß da mein Harald auf einem Stuhl dicht am Kopfende des Diwans, auf dem die schöne Ellinor ruhte …

Schöne Ellinor!! Ich fand, sie sah in liegender Stellung noch pikanter und anziehender aus. Sie hatte den Kopf leicht in den linken Arm gestützt, und als ich eintrat, sagte sie gerade, offenbar auf eine Frage Haralds:

„Ich kam ahnungslos den Flur von der Küche her entlang. An der Biegung stand der grauenvolle Ritter plötzlich vor mir … War’s da ein Wunder, daß meine Nerven versagten?!“

„Nein,“ nickte Harald. „Ich wundere mich sogar, gnädiges Fräulein, daß Sie noch so viel Kraft fanden, den Schrei auszustoßen …“

Vielleicht ist es gut, den Leser auf diese Äußerungen Harsts und Ellinors hinzuweisen. Zu Ieicht könnten meine Freunde und die Verehrer Harald Harsts über diese Sätze flüchtig hinweg lesen, die doch von so außerordentlicher Wichtigkeit sind. Hierzu möchte ich bemerken, daß jene scharfe Biegung des Flurs, die von Fräulein Gilisky erwähnt wurde, etwa zwölf Meter von der Tür des Studierzimmers unseres freundlichen kleinen Gelehrten und Gastgebers entfernt liegt.

Unter der geradezu rührenden Fürsorge Geßlings hatte Ellinor sich, wie gesagt, rasch erholt und stand nun auf, in dem sie lächelnd meinte:

„Ich bin nicht so zart besaitet, um sehr lange an solch einem Nervenchock zu laborieren … – Onkel, gib mir bitte noch einen Schluck Portwein, und damit ist die Sache dann abgetan. Ich will in die Küche und meinen Hausfrauenpflichten nachgehen.“

Sie trank, nickte uns zu und verließ das Zimmer.

„Ein tapferes Mädel!“ meinte Geßling stolz …

Harald hatte eine Mirakulum angezündet. Geßling sog den Duft der Zigarette prüfend ein. „Das ist wohl Ihre berühmte Spezialmarke, Herr Harst?“ fragte er.

Harald hielt ihm das Etui hin. „Bitte, probieren Sie, Herr Doktor … Ich rauche diese leicht mit Opium getränkten „Sargnägel“ nur, wenn ich mein Hirn anfeuern will, was hier sehr nötig ist, wie Sie zugeben müssen, denn diese wandelnde Rüstung ist denn doch das Unerklärlichste, was ich je erlebt habe.“

Harald sprach mir aus der Seele.

Wenn wir heute auch in einer Zeit leben, wo Spiritismus und Okkultismus unheimlich frisch ins Kraut schießen und sogar die gebildetsten Kreise an okkulte Phänomene zu glauben bereit sind (ich erinnere nur an die Vorgänge im Wiener Palais der ehemaligen Erzherzogin Elisabeth und an das dort „tätige“ vierzehnjährige Medium Vilma Balföldi, wovon der Leser fraglos durch die Zeitungen Kenntnis erlangt hat); – so kann ich selbst diesen merkwürdigen Begebenheiten gegenüber immer nur ein arger zweifler bleiben, obwohl die Ereignisse in jenem Palais, wo Gegenstände ohne sichtbare Ursache gleichfalls „wandern“, sehr zu denken geben. –

„Erzählen Sie nun weiter, lieber Herr Doktor,“ bat Harald. „Sie standen also hinter der vergitterten Glastür und …“

„… und in Saal 3 brannten sämtliche elektrische Lampen, während im Mittelgang der mumifizierte Ritter in seiner schweren Rüstung langsam auf und ab schritt …“

„Verzeihung – wie schwer schätzen Sie die Rüstung ohne Inhalt, Herr Doktor?“

„Etwa neunzig Pfund, Herr Harst…“

„Hm – eine Leistung also!“ murmelte Harald …

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, eine Leistung für die Ritter von dazumal, solch ein Ding zu schleppen und noch zu fechten …“

Das kang ganz harmlos. Aber in Haralds grauen Augen wetterleuchtete es dabei, wie nur ich wahrnahm.

Geßling erzählte weiter: „Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich den Ritter wie einen Lebenden …“

Harst kürzte ab …

„Sie betraten dann den Saal, Herr Doktor?“

„Ich wollte. Aber die Glastür war verschlossen, und als ich daran rüttelte, schaltete der eiserne Mann das Licht aus. Als ich vom Flur aus dann in den Saal eindrang, stand der Ritter auf dem Sockel, wo er immer steht, gehalten durch eine eiserne Stütze.“

„Und die nächste Nacht?“

„Habe ich mit Ellinor gewacht. Auch Emanuel war bei uns. Da geschah nichts. Trotzdem blieben wir auch in der folgenden Nacht auf. Abermals umsonst. Erst vorgestern, als wir wie sonst zu Bett gegangen waren, hörte ich wieder die schweren Schritte, zog mich an, weckte Ellinor und Emanuel und …“

„Halt, – – auch Emanuel? – Also eilten Sie zu dreien nach oben?“

„Ja, zu dreien … Aber als wir die Flurtür von Saal 3 aufgeschlossen hatten, war alles in Ordnung, der Saal dunkel und der Ritter an seiner Stelle.“

„Weiter …“

„Gestern nacht machten wir drei es schlauer. Als ich die Schritte vernahm, schlichen wir in den kleinen Nebenraum, der ja ebenfalls eine Tür nach dem Flur hat. Und die andere Tür, die Glastür, hatte ich abends aufgeschlossen und den Schlüssel abgezogen. Diesmal sahen wir drei den unheimlichen Eisenmann. Da ich an einen üblen Scherz glaubte, wollte ich nun durch die Glastür in den Saal. Doch – unerklärlicherweise ließ die Tür sich nicht öffnen, und unsere Kräfte reichten nicht aus sie aufzusprengen …

„Und der Ritter schaltete wieder das Licht aus?“

„Ja – – wir kamen durch den Haupteingang wieder zu spät … – Mehr habe ich Ihnen nicht zu berichten, Herr Harst. Inzwischen war ich jedoch von meiner Annahme, daß ein Fremder diesen Spuk inszeniere, wieder abgekommen, und da depeschierte ich an Sie …“

„Womit Sie nur das richtige taten, Herr Doktor …?“

„Und – Ihre Meinung nun?“

„Damit möchte ich noch zurückhalten, Herr Doktor … Ich überschaue die Dinge noch nicht ganz.“

Geßling seufzte … „Ich muß Ihnen noch ein Geständnis machen, Herr Harst … Ellinor … hm ja, – Ellinor ist überzeugte Okkultistin …“

Harald blickte den alten Herrn scharf an …

„Sie meinen, daß durch Fräulein Gilskys okkulte Kräfte vielleicht hier übernatürliche Vorgänge ausgelöst werden?!“

Geßling hob die Schultern. „Ellinor äußert sich über diese Dinge nicht, und ich bitte Sie auch, Ellinor nicht weiter befragen zu wollen. Ich möchte nicht, daß sie erfährt, daß ich von ihren okkultistischen Studien gesprochen habe.“

„Ganz wie Sie wollen, Herr Doktor. – Würden Sie uns jetzt unser Zimmer, bitte, zeigen. Wir möchten ein wenig ruhen.“

Dieses Zimmer lag im zweiten Stock nach hinten heraus, war sehr groß, aber ebenso behaglich. Unsere Betten standen hinter einem Vorhang, der ein Stück des Zimmers abteilte.

 

3. Kapitel.

Nachtlager im Schranke.

Geßling verabschiedete sich. Gleich darauf kam Emanuel mit den beiden Koffern.

Inzwischen hatte Harald mit größter Sorgfalt die Zimmerwände, die beiden Türen, den Fußboden und die Zimmerdecke geprüft. Sein ganzes Benehmen verriet ein starkes Mißtrauen. Anderseits hatte er mir zugeflüstert, keinerlei Bemerkungen zu machen, die einen Verdacht oder dergleichen äußerten.

Als Emanuel die Koffer auf einem Gestell untergebracht hatte, fragte Harald:

„Hören Sie mal, Herr Mollant, Sie sind doch nun bereits dreißig Jahre bei Ihrem Herrn …“

„Einunddreißig, Herr Harst, wenn Sie gestatten …“

„Sie hängen an Ihrem Herrn?“

„Er ist mir mehr Freund als Herr …“

„Was halten Sie denn von diesem Mann aus Eisen?“

Emanuel zog die Nase kraus und zuckte die Achseln …

„Keine Ahnung, Herr Harst … Jeht über meinen Horizont …“

„Hm erlauben Sie, daß ich Ihnen sage, daß dies nicht ganz stimmt, Herr Mollant … Sie sind über zwei Meter lang, und Ihr Horizont somit weiter als der normaler Menschen.“

Das faltige, bartlose Gesicht des Faktotums rötete sich …

„Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Harst … Wie soll ich mehr wissen, als der Herr Doktor?!“

„Vielleicht durch Zufall … – – Mit wem verkehrt Geßling? Wer geht hier im Hause am häufigsten aus und ein?“

„Oh, Herr Harst, das sind alles ältere Herren von Rang und Würden. – Nein – da käme keiner in Betracht.“

„Wofür in Betracht?!“

Emanuel wurde wieder rot …

„Nun – ich meine, es muß doch hier ein … ein … bewußter und sehr schlauer Schabernack vorliegen, und …“

Er schwieg, hob wieder die Schultern und blickte sorgenvoll vor sich hin, fügte leiser hinzu: „Mein Herr ist durch die Geschichte schon halb krank geworden, Herr Harst. Er nimmt sich vor Ihnen nur zusammen. In Wahrheit beunruhigt ihn die Sache außerordentlich. Ich kenne ihn … Er ist nicht mehr wie früher, schläft keine Nacht und grübelt nur immer …“

Sie könnten uns also wirklich keinen Fingerzeig geben?“ fragte Harald nochmals …

„Nein – wirklich nicht …“ Aber er blickte dabei zu Boden.

Dann ging er.

Harald schritt auf und ab, die Hände auf dem Rücken …

Schwieg …

Ich saß im alten Plüschsessel und beobachtete ihn … Ich hätte zu gern ihm erklärt, daß mir Fräulein Gilsky nicht so ganz harmlos erschiene, nachdem ich von ihren okkultistischen Studien gehört hatte. Freilich hatte ich keine Ahnung, wie etwa die junge Dame den „Spuk“ lebendig werden ließ. Prüfte ich die Vorgänge in Gedanken, so waren da überall nur Tatsachen, die gerade Ellinor entlasteten. Kurz, die ganze Geschichte blieb dunkel.

Harald begann mit einem Male unsere Koffer auszupacken. Ich half ihm.

„Halt – Lege die Beinkleider in den alten Schrank,“ bat er mit gewöhnlicher Stimme, nicht zu laut, nicht zu leise …

Aber – flüsternd fügte er hinzu:

„Vorsicht! Wir werden belauscht …“

Und als ich nachher den einen Koffer schloß, raunte er mir zu:

„Es muß ein Fremder im Hause sein …“

Dann rief Emanuel uns zu Tisch.

Nach dem Mittagessen unternahmen wir beide einen Spaziergang in den nahen prächtigen Wald.

Gerade dieser Langfuhrer Wald war uns nicht fremd. Wir hatten hier vor Jahren schon einmal zu tun gehabt, und wir feierten nun ein winterliches wiedersehen mit all den schönen Aussichtspunkten und uralten Baumbeständen, mit der Heide hinter dem Walde und mit den flinken Eichhörnchen, die blitzschnell über den Schnee huschten.

Harald spielte den Naturschwärmer, und erst auf dem Rückwege sagte er ganz unvermittelt:

„Natürlich Ellinor! Aber – – weshalb?! Darüber werde ich mir nicht klar …“

Also doch!!

„Du hast bereits Beweise?“ forschte ich.

„Ja – eine große Wirtschaftsschürze …“

„Schürze?!“

„Natürlich, denn Ellinor hat den Eisenmann aus dem Saal nach unten getragen. Dabei hat sie die Schürze, weil sie die Rüstung beim Tragen fest an sich drücken mußte, mit Rost beschmutzt. Die Schürze stopfte sie hinter den Flurschrank und – wurde dann … ohnmächtig. Außerdem aber hat sie noch eine zweite kapitale Dummheit gemacht. Sie sagte doch, daß ihr der Ritter an der Biegung des Flurs plötzlich gegenüberstand. Und doch lag sie nicht dort am Boden, als wir hinausstürmten, sondern fünf Meter weiter … Diese Unstimmigkeit ist böse für sie …“

„Wie kam dir denn der erste Verdacht gegen sie?!“

„Weil ich merkte, daß sie gar nicht ohnmächtig war … – In jedem Falle ist sie ein äußerst gefährliches Geschöpf, mein Alter. Nur – was bezweckt sie?!“

Mir ging bereits anderes durch den Kopf … Ich dachte an den „Fremden“, der im Hause sein sollte …

Und fragte nun: „Wer belauschte uns, Harald?“

„Da ist an der Westwand unseres Zimmers ein Bücherregal, lieber Alter, so ein altmodisches Ding …“

„Ich weiß …“

„Und außer den Büchern stehen da noch allerhand Rippsachen(4), natürlich von Wert, auch eine mächtige Tritonmuschel – wie eine Trompete …

„Ah – ich beginne zu begreifen …“

„Der spitze Teil der Muschel, man kann sagen, das Mundstück, ist in ein Loch in der Wand hineingedrückt. Du sahst ja, daß ich das Zimmer in all seinen Teilen genau prüfte. Ich habe die Muschel nicht verschoben. Es genügte mir, daß ihre große Öffnung als Schalltrichter dient … Da nun Emanuel oder gar Doktor Geßling als Lauscher nicht in Betracht kommen, da ferner Ellinor in der Küche mit der Bereitung des Mittagessens zu tun hatte – ich öffnete ja einmal das Fenster und horchte nach unten, da die Küche im Erdgeschoß unter unserem Zimmer liegt, und ich hörte dort allerlei kennzeichnende Geräusche –, so muß noch eine vierte Person im Hause anwesend sein …“

„Verzeih’, – aber wie kannst du wissen, daß jemand gerade zu der Zeit diesen Schalltrichter benutzte?!“

„Weil die Muschel sich einmal ganz wenig bewegte …“

„Ah – deshalb! Und – wer mag diese vierte Person sein?!“

„Ein Mann, mein Alter … Obwohl ja hier der winterliche Wald bei diesem Prachtwetter recht belebt ist, so habe ich doch sehr bald herausgefunden, daß ein Herr uns dauernd nachkam – sehr vorsichtig natürlich …“

Ich war mit einigem Recht verblüfft …

„Bitte, sieh’ dich nicht um … Er ist noch immer hinter uns … Ich möchte ihn gern aus der Nähe sehen … Wir werden daher noch durch die Straßen schlendern …“

So bogen wir denn in den Jäschkentaler Weg ein, der auf den Markt mündet. Inzwischen war es dunkel geworden. Wir betraten das am Markt gelegene Cafee und nahmen einen Fensterplatz …

Aber – der Verfolger kam nicht vorüber. Harald war recht enttäuscht. Nachher begann es leicht zu schneien … Erst gegen halb sechs waren wir wieder im Geßlingschen Hause, wo uns der Doktor mit gut gemeinten Vorwürfen empfing, weil wir die Kaffeestunde versäumt hatten.

Ellinor war, wie der alte Herr so nebenbei erwähnte, erst vor ein paar Minuten nach Danzig mit der Straßenbahn gefahren – Besorgungen wegen.

Ihre Abwesenheit kam uns sehr gelegen. Wir konnten nun, ohne dies den Doktor oder Emanuel wissen zu lassen, einmal im zweiten Stock oben die Räume neben unserem Zimmer uns ansehen. Und fanden rechter Hand ein Gemach, das als Abstellraum für alte Möbel benutzt wurde, fanden hier auch hinter einem kleinen Bilde das Loch in der Wand, das bis zu der Muschel hinführte.

Wir bewegten uns recht lautlos. Harald nahm alles in Augenschein, aber auch alles … Sogar die Fenster … Und – an dem rechten Fenster lief eine eiserne Feuerleiter vorüber, während das Fenster selbst nicht verriegelt war. Auf dem Fensterbrett hätte auch ein ungeübtes Auge unschwer Spuren von Füßen erkannt – ein Beweis, daß die Feuerleiter und das Fenster zum Einsteigen benutzt wurden.

Die seltsamste Entdeckung machten wir aber in einem riesigen, altertümlichen Bauernschrank, – das heißt: Harald öffnete den Schrank!

Darin lagen wollene Decken, Lebensmittel, eine Karbidlaterne, Zigarettenreste, zwei Kopfkissen und ein paar warme, dicke Filzschuhe mit hohen Schäften …

„Das Nachtlager des Fremden,“ nickte Harald. „Und dieser Fremde ist’s natürlich, der den eisernen Mann marschieren läßt … – So, kehren wir in unser Zimmer zurück. Vorläufig genügen diese Feststellungen …

Leise schlichen wir hinaus …

Ich öffnete unsere Zimmertür … Schaltete gleichzeitig das Licht ein …

Schrak leicht zurück …

In dem einen Plüschsessel saß ein unbekannter Herr, blondbärtig, Hut in die Stirn gedrückt …

Leider waren wir beide bereits im Zimmer, und Harald hatte die Tür schon halb zugedrückt …

Der Mann sagte halblaut:

Sobald Sie im geringsten Schwierigkeiten machen, sind Sie beide geliefert … Bitte – setzen Sie sich dort auf das Sofa …“ – Leidlich höflich war das … leidlich …

Er hatte keine Waffe … Aber rechts von uns hinter den Vorhängen, wo die Betten standen, bewegte sich etwas.

Der Lauf einer Luftbüchse erschien zwischen den Vorhängen … Und dicht darunter ein zweiter …

Luftbüchsen machen keinen Lärm. Und – auch wir hielten es für ratsamer, gegenüber diesen drohenden stillen Waffen zu gehorchen …

Setzten uns …

„Sie beide werden noch heute abend abreisen,“ sagte der Blonde wieder. „Ich verlange Ihr Ehrenwort … Wenn nicht, wird man heute hier zwei Tote finden … Der Abendzug geht um zehn Uhr vom Danziger Hauptbahnhof ab …“

 

 

4. Kapitel.

Ellinor.

Das kühl-überlegene Lächeln Haralds erschien mir in dieser Situation sehr unangebracht. Wenn ich auch, offen gestanden, diese Drohung nicht recht ernst nahm, so hatten wir es hier doch fraglos mit Leuten zu tun, die über eine gehörige Dosis Unverschämtheit verfügten …

Eine unglaubliche Frechheit war es in jedem Falle, hier in einem bewohnten Hause bei unverschlossener Tür mit uns derart umzuspringen.

Aber – Harst lächelt den Mann im Sessel weiter so etwas von oben herab an und fragte schließlich:

„Wir sollen abreisen und uns hier bei Doktor Geßling nicht mehr sehen lassen?“

„Ganz recht …“

„Nun – ich bin einverstanden. Betone aber, daß ich nicht etwa aus Furcht vor den Waffen dort das Feld räume, sondern … aus anderen Gründen …“

Der Blonde, der ja ohne Zweifel einen falschen Bart trug, genau wie auch seine starken Augenbrauen angeklebt sein mußten, – – dieser Blonde meinte achselzuckend:

„Aus was für Gründen Sie sich aus dem Staube machen, ist uns gleichgültig – – vollständig sogar! Und was Sie Geßling gegenüber als Anlaß Ihrer Rückkehr nach Berlin angeben, erst recht. Das Geschäft, das wir hier zu erledigen haben, Herr Harst, ist so besonderer Art, daß Sie doch nicht dahinter kommen würden. Sie wirken nur störend … – Ich habe also Ihr Wort?“

„Ja – unter einer Bedingung …“

„Und die wäre?“

„Falls ich vielleicht noch bis zu unserer Abreise heute den Zweck dieses … Spuks herausfinden sollte und dies auch etwa Geßling gegenüber beweisen würde, muß uns gestattet werden, nach Belieben zu handeln …“

Der Blonde schien seiner Sache sehr sicher, nickte großmütig und erklärte:

„Gut – es sei …! Jetzt werden Sie beide hinüber in Geßlings Studierzimmer gehen …“

Hinter dem Vorhang erklang da ein tiefes Räuspern …

Dann flog dem Blonden ein Papierkügelchen in den Schoß … Er las den kleinen Zettel und wandte sich dann aufs neue an Harald …

„Herr Harst, haben Sie den Zweck des Spuks schon herausgefunden?“

„Nein! Noch nicht!“

„Dann ist es gut. Dann, bitte – gehen Sie …!“

Und wir erhoben uns, verließen unser Zimmer, schritten die Treppe hinab – bis in den ersten Stock …

Hier blieb Harald ein paar Sekunden stehen, sagte leise: „Jetzt haben wir die Partie gewonnen, mein Alter, – überraschend leicht gewonnen … Du wirst staunen, wenn du unsere Unterhaltung beim Abendbrot verfolgen wirst …“ – Ich wollte um näheren Aufschluß bitten. Doch er ging schon weiter, pochte unten bei Geßling an …

Der rief uns entgegen:

„Aber, meine Herren, wo bleiben Sie denn so lange?! Sie wollten doch nur Ihre Mäntel ablegen … Und nun warte ich hier bereits fast eine Stunde auf Sie …“

Worauf Harald erwiderte: „Lieber Herr Doktor, wir hatten eine kleine Abhaltung … Wir haben dem Rätsel Ihres Hauses nachgespürt …“

„So … so … – Nun setzen Sie sich aber, bitte … Hier stehen Zigarren bereit, Liköre … Machen wir es uns bis zum Abendbrot gemütlich … Ich liebe solche intimen Plauderstündchen bei gedämpftem Licht – und besonders im Winter … – Also dem Rätsel des eisernen Mannes haben Sie nachgespürt … Und – der Erfolg?“

Harald hatte eine Zigarette aus dem silbernen Kästchen genommen und rieb langsam ein Streichholz an.

„Herr Doktor, über diese Dinge wollen wir später sprechen … – Ist Fräulein Ellinor schon aus Danzig zurück?“

„Nein. Vor sieben Uhr kann sie kaum wieder hier sein.“

„Ihre Verwandtschaft mit Fräulein Gilsky ist also ganz entfernt …

„Ja … Ich habe Ellinors Eltern kaum gekannt. Und wenn Ellinor, nachdem sie Waise geworden, mich nicht um Unterkunft, um eine neue Heimat gebeten hätte, würden wir uns wohl nie zu Gesicht bekommen haben – nie, genau wie früher, wo wir einander auch ganz fremd waren.“

Harald senkte plötzlich seine Stimme …

„Herr Doktor, wissen Sie genau, daß diese junge Dame Ihre Nichte ist?“

Der kleine Gelehrte ruckte empor …

„Herr Harst, wie … meinen Sie das?!“

„Nun, Herr Doktor, es könnte doch die Möglichkeit vorliegen, daß eine Bekannte Ihrer Nichte sich hier als Ellinor Gilsky eingeschmuggelt hat …“

Geßling schüttelte den Kopf … „Das ist doch wohl ausgeschlossen!“ - Aber er war offenbar sehr nachdenklich geworden und schien jetzt diesem Gedanken weiter nachzuhängen, denn er qualmte hastig mehrere Züge aus seiner Zigarre, bis er dann hervorstieß:

„Weshalb dieser Verdacht, Herr Harst?!“

„Eine Gegenfrage … Erwähnten Sie nicht vormittags, daß Ellinor keine Geschwister habe …?“

„Ja … Sie ist das einzige Kind …“

Sehen Sie, Herr Doktor, das kann nicht stimmen“ Unmöglich kann das stimmen. Ellinor ist ein Zwilling, hat eine Schwester … – Aber – auch dieses Thema wollen wir uns für das Abendbrot vorbehalten, Herr Doktor … Für Sie liegt kein Anlaß vor, Ellinor nun vielleicht anders zu behandeln, denn … sie mag gar nicht wissen, daß sie noch eine Schwester besitzt …“

Mir war dieses ganze Gespräch nach Zweck und Ziel völlig schleierhaft. Und es erging mir fraglos genau wie Geßling, der auch von Herzen wünschen mochte, daß diese Unklarheiten erst gelöst sein möchten.

Es folgte nun eine längere, bedrückende Pause. Mit einem Male hörten wir draußen im Flur eine Tür knarren, dann Ellinors volle Stimme, die nach Emanuel rief … Wir verstanden, wie sie halb scherzend sagte:

„O – ist das ein Wetter und ein Schneetreiben, Emanuel … Ganz weiß bin ich …“

„Na, so schlimm ist’s denn doch nicht …,“ entgegnete das lange Faktotum …

Ich schaute zu Harald hinüber …

Der blinzelte mir zu, lächelte ironisch … Und da wußte ich, daß Ellinor niemals in Danzig gewesen und daß sie … wahrscheinlich ebenfalls die Feuerleiter benutzt hatte …!!

Nach einer Weile trat sie ein … Begrüßte uns … Den Onkel sehr herzlich, uns beide mit berückender Liebenswürdigkeit … Erzählte, wie voll die Straßenbahn gewesen sei …

Der kleine Gelehrte nahm sich sehr zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen …

Bald gingen wir hinüber ins Speisezimmer …

Und jetzt begann Haralds Angriff, begann mit der Bemerkung, daß Ellinor hinter dem linken Ohr eine Narbe habe – wohl von einer Stoßverletzung …

„Sie irren sich, Herr Harst …,“ erklärte sie gleichmütig und aß mit Zierlichkeit und Behagen … „Es ist ein Muttermal, nichts weiter …“

„O – ein Muttermal – – nichts weiter,“ nickte Harst wie in Gedanken verloren.

Ellinor schaute auf … senkte den Blick wieder …

Und wieder nach einer Weile Harald:

„Ich habe da hinter dem Schrank im Flur eine Schürze gefunden … Wer mag diese gute, wenn auch beschmutzte Schürze dorthin gesteckt haben?!“

Ellinor … preßte einen Moment die Lippen aufeinander … „Ach – – die Schürze …!

Die Schuldige bin ich, Herr Harst … Ich wollte sie schnell ablegen, weil es läutete und weil ich mich in der Schürze nicht zeigen mochte … Das ist mindestens acht Tage her. Gut, daß Sie mich daran erinnern …“

Geßling saß mit etwas verkniffenem Gesicht da und ließ nur die klugen Augen prüfend hin und her gleiten …

Dann wieder Harald, indem er langsam ein Brötchen strich:

„Gnädiges Fräulein, glauben Sie an Augenblickseingebungen?“

Sie erwiderte kühl: „Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Harst …“

„Nun – – sagen wir … Erleuchtungen, die einem blitzartig infolge eines geringfügigen Umstandes kommen.“

„Gewiß, das mag es geben …“ – Aber sie war verwirrt und unsicher, schien nun zu spüren, daß es sich hier um ein Kesseltreiben handelte, und daß sie das Wild war …

„Solch etwas Geringfügiges,“ erklärte Harald, „kann zum Beispiel ein Muttermal sein …“

Sie lachte … „Etwa das meine?“

„Nein, gnädiges Fräulein … – Schraut und ich waren vor kurzem drunten in Schlesien auf einem Schlosse namens Lubowitz, wie ich schon erwähnte. Dort fingen wir einen Gauner ab, der eine sehr elegante Gehilfin bei sich hatte … Sie trat als Baronin Stasia Makröli auf … (vgl. den vorigen Band: „Der Spiritistenklub“). Diese Stasia hatte ebenfalls ein Muttermal … – auch hinter dem linken Ohr …“

Ellinor meinte eisig: „Für mich allerdings nicht angenehm, mit einer Gaunerin ein …“

Harst unterbrach sie …

„Lassen wir das Thema, gnädiges Fräulein … Ihr Onkel erzählte, daß Sie ihm geraten hätten, uns zur Aufklärung des unheimlichen wandelnden Spuks herbeizurufen … Hatten Sie vielleicht schon aus den Zeitungen erfahren, daß wir Fräulein Stasia in Lubowitz kaltgestellt hatten?“

„Ich?! – Ich kümmere mich nie um Sensationsnachrichten, Herr Harst …“

„Hm – und doch steckt in der einen Tasche Ihrer Schürze, die Sie … vor einer Woche hinter den Flurschrank stopften, ein Ausschnitt aus den Danziger Neuesten Nachrichten und ein zweiter aus der Berliner Post über meine Tätigkeit in Schloß Lubowitz …“

Ellinor bekam plötzlich böse Augen …

„Herr Harst …“ – und eisiger konnte ihre Stimme kaum sein – „… Herr Harst, ich habe jene Zeitungsausschnitte jedenfalls nicht in die Schürzentasche gesteckt – bestimmt nicht! Vielleicht tat es Emanuel, der ja überhaupt insgeheim hier mein Widersacher ist, was ich schon lange gemerkt habe …“

Ein Zufall: Emanuel war gerade in seiner lautlosen Art eingetreten und hatte die letzten Worte gehört … Blieb Ellinor gegenüber am Tische stehen und sagte zu seinen Herrn:

„Herr Doktor, ich bin allzeit eine ehrliche Haut gewesen. Wenn mir das Fräulein heute hier so offen ins Gesicht wirft, was ich insgeheim empfinde, will ich nicht weniger offen sein: Fräulein Ellinor traue ich nicht!“

Der kleine Gelehrte saß blaß und verfallen da. Er, der all seine Liebe in diesen letzten Monaten seiner Nichte geweiht hatte, die ihm wie ein eigenes Kind in seiner Einsamkeit gewesen, fühlte genau, daß er eine Unwürdige unter seinem Dache aufgenommen hatte …

Sein trauriger Blick ruhte schmerzlich auf Ellinors bestechendem Antlitz …

Wir waren mit der Abendmahlzeit bereits fertig. Harald erhob sich …

Was würde nun weiter geschehen?! – Es lag in der Luft wie eine unerträgliche elektrische Spannung …

 

5. Kapitel.

Der unheimliche Einfluß.

Harald erhob sich

„Herr Doktor“, meinte er sanft, „wir müssen hier zu einem Ende kommen … Mag Emanuel Fräulein Ellinor hier im Speisezimmer Gesellschaft leisten, bis wir sie nach oben in Saal 3 rufen, wo sie dann vielleicht einiges zu erklären haben wird. – Emanuel,“ – seine Stimme wurde hart – „Sie sorgen dafür, daß Fräulein Ellinor dieses Zimmer nicht verläßt, auch nicht etwa an die Fenster eilt … – Und Sie, Herr Doktor, begleiten uns, bitte … Kommen Sie … Die Komödie hier soll ihren Schlußakt erhalten …“

Geßling stand unsicher auf. Fast schwankend ging er zu der Anrichte, füllte ein Weinglas halb mit Kognak und stürzte den Inhalt hinunter …

Dann verließen wir drei das Speisezimmer … Ellinor saß bleich auf ihrem Stuhl, die Stirn in scharfe Falten gelegt, den Mund fest zusammengekniffen …

Hinter uns schloß Emanuel die Tür von innen ab.

Harst schritt die Treppe empor. Im ersten Stock schräg gegenüber von Saal 3 lag Ellinors Zimmer. Harald betrat es schweigend, winkte uns … schaltete das Licht ein …

Und hier nun erzählte Harald dem alten Herrn, was wir vor dem Abendbrot im Nebengemach unseres Zimmers erlebt hatten …

„Wie gesagt – hinter den Vorhängen hervor bedrohten uns zwei Luftbüchsen, Herr Doktor … Es war ein armseliges Spiel, dem ich gewaltsam eine andere Wendung hätte geben können … Ich verzichtete darauf … Die Luftbüchsen wurden von ein und derselben Person gehalten – von Ellinor, die niemals Ihre Nichte ist, Herr Doktor, die niemals heute in Danzig war …“

Geßling war matt in einen Schaukelstuhl gesunken … Stöhnte leise …

„Dieser blonde Mensch,“ fuhr Harald fort, „hat hier den Mann aus Eisen, den Spuk, gespielt …“

Geßling blickte auf … „Aber – – aber, das … kann … doch gar nicht sein, Herr Harst … Meinen Sie, daß dieser Fremde, der in dem Schranke nächtigte, etwa die Rüstung angelegt hat?! Das ist wirklich unmöglich Herr Harst … Die Mumie läßt sich aus der Rüstung gar nicht entfernen, würde auseinanderfallen …“

„Gewiß, – auch ich habe mir dies gesagt, Herr Doktor, und deshalb muß hier im Hause eben eine zweite Rüstung vorhanden sein, die der eisernen völlig gleicht … Wahrscheinlich eine Theaterrüstung aus Pappe, wie sie leicht zu beschaffen ist … Wenn der Blonde nachts den eisernen Mann spielte, wurde der Mumienritter eben vorher in Saal 3 irgendwo versteckt, und der Blonde marschierte in seiner Papprüstung hin und her, konnte dann, falls nötig, mit Hilfe von Duplikatschlüsseln durch die Nebentüren flüchten, sobald Sie in Saal 3 eindringen wollten. Den Ritter stellte er vorher an seinen richtigen Platz … Und diese Papprüstung werden wir hier finden … Suchen wir …

Geßling blieb sitzen, hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Ihm mußte es in der Tat eine furchtbare Enttäuschung sein, dieses Mädchen mit dem Gehabe der Dame von Welt als Betrügerin entlarvt zu sehen.

Harald brauchte gar nicht lange zu suchen. Die Papprüstung lag unten in einem Kleiderschrank, bedeckt mit Damenwäsche …

Geßling war jetzt nähergetreten.

Sein bleiches, kluges Gesicht hatte sich verändert. Ein harter, finsterer Zug lag um den bärtigen Mund, und seine Stimme war ebenso unbeugsam, als er nun angesichts dieser Theaterrüstung, die der echten vollkommen glich, erklärte: „Jetzt nehme ich keine Rücksicht mehr … Handeln Sie, wie Sie es für richtig halten, Herr Harst … Nur eine Bitte, eine Frage: Weshalb hat dieses Mädchen sich hier bei mit als meine Nichte eingeschlichen? Und weshalb der … Spuk?! – Unbegreiflich ist das alles …“

„Es scheint unbegreiflich, Herr Doktor, und ist doch sehr einfach … Sie werden in Ellinors Gegenwart alles erfahren … – Gestatten Sie, daß wir eine kleine, wirkungsvolle Komödie nun auch unsererseits inszenieren, damit Ellinor jedes Leugnen aufgibt … Die Rolle, die Sie dabei spielen sollen, ist die … des eisernen Mannes …“ –

Ich will mich hier nicht damit aufhalten, unsere Vorbereitungen zu schildern … Sie waren sehr einfach …

Jedenfalls konnte Geßling nach zehn Minuten vom Treppenabsatz aus ins Erdgeschoß hinunterrufen, daß Ellinor nach oben kommen sollte. Als er hörte, daß unten die Speisezimmertür geöffnet wurde, nahm er rasch seinen Platz in Saal 3 am Kamin wieder ein …

Und dann – erschien Ellinor …

Blieb in der Tür verblüfft stehen …

Dort am Kamin, in dem ein Feuer lohte, wir beide – – gefesselt … Und uns gegenüber in einem dritten Sessel … der eiserne Mann, das Visier des Helmes herabgeklappt, und unter dem Helm über dem Gesicht eine schmale schwarze Tuchmaske …

Ellinor stand sekundenlang, regte sich nicht …

Dann wagte sie sich näher, drückte die Tür ins Schloß … Ihre Prüfenden Blicke glitten über uns beide hin … über die Stricke, unsere Fesseln …

Noch war sie ungewiß, was dies, alles bedeutete …

Da winkte der Mann aus Eisen, deutete auf uns – lachte … Das Lachen klang jetzt in dem Papphelm fast unheimlich …

Leben kam plötzlich in Ellinors Gestalt … Zwei schnelle Schritte …

Dann rief sie triumphierend:

„Gisbert, – – du hast mich gerettet! Gisbert, wie nur konntest du …“

Hier stockte sie …

Harst … hatte gleichfalls gelacht …

„Also Gilbert heißt Ihr Verbündeter mit Vornamen! Und – wie heißen Sie …?! Niemals Ellinor Gilsky – niemals! Wer sind Sie?!“

Doktor Geßling spielte seine Rolle jetzt tadellos …

Mit jäher Handbewegung hielt er ein Stück Papier empor – einen Zettel …

Und auf diesem Zettel standen lediglich zwei Namen … in großer klarer Schrift …

Das Weib las …las …und stürzte vor Geßling in die Knie …

„Schonen Sie mich!“ wimmerte sie … „Haben Sie Erbarmen mit mir … Ich will alles gestehen …“

Und – die Namen auf dem Zettel? – Die lauteten:

Anastasia Mattieß

Gertrud Mattieß.

„… Schonen Sie mich, Herr Doktor … Ich bin nicht Ihre Nichte … Aber ich kenne dieselbe sehr gut, wußte, daß Sie mit ihr nicht in Briefwechsel standen, und … kam

hierher … als eine …“

„… von der Polizei Gesuchte …,“ ergänzte Harald. „Hier bot sich Ihnen ein sicherer Unterschlupf, Gertrud Mattieß, Zwillingsschwester jener Anastasta, mit der wir es in Schloß Lubowitz zu tun hatten … Das Muttermal, Gertrud Mattieß, hat mir alles verraten …!“

Geßling hatte jetzt den Papphelm abgenommen und die Maske entfernt.

„Stehen Sie auf!“ befahl er kalt … „Ich werde Sie der Polizei nicht ausliefern, wenn Sie uns mitteilen, weshalb Sie mit diesem Gisbert …“

„… meinem Bruder …“

„… nun gut – mit Ihrem Bruder: diesen Spuk so schlau ins Leben riefen … Weshalb also?“

Die junge Übeltäterin erhob sich – – schwieg …

Auch wir hatten jetzt die nur lose umgeschlungenen Stricke abgeworfen …

Harst meinte: „Herr Doktor, die beiden Geschwister wollten Schraut und mich hierher locken, um an uns Rache nehmen zu können für die Verhaftung Anastasias …! Die Geschwister haben fraglos die Absicht gehabt, uns … zu beseitigen. Aber heute nachmittag verließ sie der Mut zur Tat … Gertrud Mattieß merkte wohl, daß diese Rache denn doch zu gefährlich war … Deshalb zwangen sie uns … zur Abreise … – glaubten uns zu zwingen! — Gertrud Mattieß, Sie steckten heute hinter dem Vorhang und hielten die Luftbüchsen …“

Ein zögerndes leises „Ja“

„Und Sie rieten dem Doktor, mich zu depeschieren … – In der Tat: Diese Falle, die Sie Schraut und mir stellen wollten, war nicht schlecht! Wenn man jedoch Derartiges unternimmt, muß man keine allzu plumpen Fehler machen … Denken Sie an Ihre Schürze …!“

Das Mädchen weinte jetzt …

Geßling konnte sein gutmütiges Herz vor diesem Tränenstrom doch nicht mit Härte panzern und sagte mitleidig:

„Falls Herr Harst Ihnen verzeiht, ich werde nichts gegen Sie oder Ihren Bruder unternehmen … Von mir haben Sie nichts zu befürchten … Sie waren mir monatelang eine angenehme Hausgenossin, die voller Verständnis sogar auf meine doch recht einseitigen Studien eingegangen ist … Ich wünschte, daß es in eines Menschen Macht läge, Sie wieder auf den rechten Pfad zurückzuführen …“

Gertrud Mattieß ließ die Hände von dem tränenfeuchten. Gesicht sinken …

Ihre Augen hingen flehend an Harald …

…Herr Harst, … ich … ich will meinen Bruder Gisbert hier nicht anschwärzen … Ich will mich selbst nicht reinwaschen … Aber ich schwöre Ihnen bei dem Andenken meiner Eltern, daß Gisbert eine unheimliche Macht über mich besitzt und daß er allein diesen Plan ersonnen hat, nachdem er mich hier im Hause des Herrn Doktors leider, leider wieder aufgefunden hatte … Ich hatte alle Beziehungen zu meinen Geschwistern abbrechen wollen – alle …! Glauben Sie mir: ich bin noch zu retten! Stoßen Sie mich nicht wieder herab von diesem schmalen Pfade der Ehrlichkeit … Seien Sie barmherzig!“

Das war keine Komödie … Das waren Töne des Herzens …

Und Harald wäre der letzte gewesen, der eine verirrte Seele in unbeugsamer Härte vielleicht für immer vernichtet hätte … –

Was aus Gertrud Mattieß später wurde, wie sich ihr Schicksal gestaltete, das gehört in den zweiten Teil dieses Abenteuers hinein …

 

 

Das Kap der Guten Hoffnung.

 

1. Kapitel.

Die Kallpfeife.

Gisbert Mattieß …!

Wahrlich kein Name, dessen Klang irgendwie Eindruck machen könnte …

Es gibt Namen, bei denen man von Tonmalerei sprechen kann. So wird man sich bei dem Namen Harald Harst unwillkürlich schon eine energische, kraftvolle Persönlichkeit vorstellen …

Max Schraut dagegen – das klingt weicher, schlaffer, gemütlicher …

Aber: Gisbert Mattieß besagt nach meinem Empfinden gar nichts, absolut nichts … Es ist ein neutraler Klang, etwas Unpersönliches, etwas Ungeklärtes … –

Und diesen Mattieß jetzt persönlich unter die Lupe zu nehmen, war nach der großen Szene in Saal 3 Haralds Absicht …

Gertrud, die vorläufig bei dem gütigen Geßling bleiben sollte, nachdem auch der treue Emanuel zu tiefstem Schweigen verpflichtet, – also diese überglückliche Ellinor-Gertrud hatte uns erklärt, daß ihr Bruder in Danzig, Am Fisch Markt Nr. 7. Wohne. In diesem Hause befinde sich eine Matrosenkneipe, und im ersten und zweiten Stock ein Privathotel. Dort sei er unter dem Namen Gisbert Margitt gemeldet. Wir würden ihn um diese Zeit wahrscheinlich daheim finden, da er die Absicht gehabt habe, ebenfalls mit dem Abendzuge abzureisen, nachdem auf ihr Bitten hin der Plan, uns beide irgendwie zu beseitigen, fallen gelassen worden war. –

Es mochte halb neun sein, als wir das Taxameterauto verließen, das uns bis Fischmarkt 7 gebracht hatte.

Das leichte Schneetreiben hatte aufgehört. Der Mond stand schräg über dem Danziger Innenhafen, und in dem dunklen Wasser trieben Eisschollen aller Größe, die ein Eisbrecher wohl erst vor kurzem beim Freimachen der Fahrrinne losgesprengt hatte …

Es war ein wundervolles, eigenartiges Winterbild, und bevor wir beide das Haus betraten, standen wir eine geraume Weile dicht am Rande des Bollwerks und ließen unsere Blicke hinwegschweifen über die ferne Grüne Brücke, über den seltsamen Bau des Krantores und über die uralten, mächtigen Lagerspeicher drüben auf der anderen Seite – Speicher, von denen die meisten ihre dreihundert Jahre auf dem Buckel haben.

Dann rissen wir uns los von diesem Bilde des Friedens, um mit einem unfriedlichen Menschen ein ernstes Wörtlein zu reden.

Neben der Kneipe lief eine Hühnerleiter von Treppe in diesem ebenfalls uralten Wohnhause in die oberen Stockwerke empor.

Als wir im ersten Stock angelangt waren, sahen wir in einer Art Diele beim Scheine einer großen bunten chinesischen Papierlaterne in einem Korbsessel ein ungeheuer dickes kleines Weib sitzen, das mit ihren fettgepolsterten Händen … Kartoffeln schälte. Neben ihr stand ein Becken mit glühenden Kohlen.

Harald grüßte …

„Entschuldigen Sie, hier wohnt doch Herr Gisbert Margitt …?“

„Hat gewohnt – hat gewohnt, Herrchen … Ist heite ausjezogen, vor fünf Minuten … Hatte es sehr eilig, hat aber alles bezahlt, und das ist schließlich die Hauptsache, mein’ ich, wenigstens für mich als Wirtin …“

Dann wischte sie die Hände an der Schürze ab und setzte eine Brille auf, musterte uns und fügte hinzu:

„Hm – es könnte stimmen … Ein Dünner und ein Dicker, und der kleine Dicke mit ‘ner Hornbrille … So hat Margitt die Herren beschrieben, denen ich den Gruß von ihm bestellen sollte … Und dann hat er noch dies mir jejeben … Ich sollte es dem Dünnen und dem Dicken aushändigen … Na, es is’n ziemlich komisches Geschenk …“

Und wieder nahm sie von dem runden Tischchen, auf dem schon die Brille gelegen hatte, einen kleinen Gegenstand …

Es war eine jener rotbraunen kurzen Tonpfeifen, wie die Schiffer sie in Danzig seit langen Zeiten zum Rauchen benutzen. Drei Stück gibt’s davon für zehn Pfennig. Und jeder Pfeifenkopf zeigt vorn ein anderes Reliefbild – entweder einen Seemann, oder ein liederliches Frauenzimmer in mangelhafter Toilette, oder ein Schiff, eine Küstenlandschaft – dergleichen.

Harald nahm die braune Tonpfeife ganz ernst entgegen und bedankte sich bei der Frau, fragte aber noch, ob wir nicht vielleicht Margitts Zimmer sehen könnten …

„Gewiß … Dort die dritte Tür links … Wollen Sie mieten?“ – erklärte der weibliche Fettklotz gemütlich.

Um ihre Freundschaft uns zu erhalten, legte Harald einen Zehnmarkschein in ihren Schoß …

„Bitte – weil wir Ihre Zeit in Anspruch nehmen …

„D – Das wär’ ja nich nötig gewesen …,“ grunzte sie … Aber der Geldschein verschwand augenblicklich in der Kleidertasche …

Wir betraten das Stübchen …

In diesem uralten Hause konnte es nur Stübchen geben. Früher begnügten sich die Menschen damit, nach dem Grundsatz zu bauen: Klein, aber gemütlich!

Links von der Tür war der Lichtschalter. Die Dekenlampe flammte auf. Es war ebenfalls eine Papierlaterne.

Armselig war die Stube möbliert. Und es roch hier zudem so aufdringlich nach Fischen, daß man annehmen konnte, sich in der Kajüte eines Fischkutters zu befinden.

Wir schauten uns näher um …

Viel gab es ja nicht zu sehen … Harald suchte im Schrank, in den Schubladen, und zuletzt oben auf dem Ofen, wobei er meinte:

„Es gibt Leute, die aus Faulheit die Angewohnheit haben, Papier zusammenzuknüllen und auf den Ofen zu werfen, zumal, wenn wie hier kein Papierkorb vorhanden ist …“

Die Beute waren drei Briefumschläge, zu kleinen Kugeln zusammengeballt …

Drei Briefumschläge von Briefen, die an Herrn Gisbert Margitt gerichtet gewesen … –

Und mit der Tonpfeife und den drei Umschlägen kehrten wir nach Langfuhr zurück.

Wieder im geschlossenen Auto …

Wieder fuhren wir durch die berühmte Große Allee, die Danzig und den Vorort Langfuhr verbindet …

Diesmal hatte Harst die Lampe des Wageninnern eingeschaltet und beschäftigte sich mit den Briefumschlägen …

Strich sie mit zärtlicher Sorgfalt glatt und sagte dann:

„Stets derselbe Absender … Hier steht’s …“

Erich Pastella

Osternothafen-Wollin

Strandgasse 2.

Und dieser Erich Pastella muß doch in Gisbert Mattieß’ Geheimnisse sehr genau eingeweiht sein, weil er eben dreimal an ihn schrieb – an Margitt, nicht Mattieß … Ich denke, wir werden vielleicht bei Herrn Pastella mit Gisbert zusammentreffen, falls …

Und – er verstummte …

„Falls …?“ fragte ich …

„Ja, falls die Tonpfeife nicht auch ihre Bedeutung hat …“

Und er zog sie aus der Manteltasche und betrachtete das billige Ding mit zärtlicher Sorgfalt …

„Schau’, das Reliefbildchen auf dem Pfeifenkopf stellt ein Schiff dar … einen Segler … Und darunter steht:

Maria am Kap der Guten Hoffnung …, was natürlich in seinem Doppelsinn ein zweifelhafter Seemannsscherz, sein soll, mein Alter … Immerhin werden wir vielleicht dieses Bildchen anders bewerten müssen …“

Dann nahm er wieder das Stück Zeitungspapier, hüllte die Tonpfeife ein und steckte sie in die Tasche … –

Jetzt hatte der Anblick dieser Pfeife in mir lediglich Jugenderinnerungen geweckt …

Wie endlos, endlos lange war es doch her, daß ich als kleiner Bengel mit Hilfe einer solchen Pfeife und Seifenwasser die prächtigsten schillernden Seifenblasen hervorgezaubert hatte – manchmal wahre Ungetüme …

Ja – wie lange war das her!! Kindheit – – wundervolle Kindheit … Und – Wehmut beschlich mich …

Neben mir sagte Harald:

„Ja – du denkst an Seifenblasen, mein Alter … Du spitztest soeben die Lippen, als ob du …“

Schwieg … Das Auto hielt mit einem scharfen Ruck …

Wir hatten in der letzten Zeit nicht auf den Weg acht gegeben … Die Autofenster waren ja außerdem beschlagen und unten mit Frostblumen bedeckt …

Jetzt wurde die linke Wagentür aufgerissen …

In der Tür stand … der Blonde, Gisbert Mattieß …

„Bitte!!“ sagte er kühl … „Hände vorstrecken …!!“

Hinter ihm undeutlich noch zwei Gestalten, darunter der Schofför, der natürlich mit im Komplott war, und der am Fischmarkt fraglos auf uns gewartet hatte …

„Hände vorstrecken!“ wiederholte der Blonde – diesmal schärferen Tones …

Und seine beiden Helfershelfer verliehen dem Befehl einigen Nachdruck, indem sie ihre Pistolen auf uns richteten …

Was sollten wir tun?! – Das Auto hielt hier offenbar auf einem Feldweg … Man hätte uns hier niederknallen und in eine Schneewehe werfen können. Dann wären wir vielleicht nach Wochen gefunden worden …

Also – – wir gehorchten …

Gisbert Mattieß hatte mir im Nu Handschellen angelegt … Ich saß ihm am nächsten … Nun kam Harald an die Reihe. Mattieß mußte sich weit in den Wagen hinein beugen …

Harst … packte zu …

Die Kerle draußen konnten nicht schießen, wenn sie nicht gerade Mattieß gefährden wollten …

Und ich, nicht faul, hob die gefesselten Hände und … schmetterte sie Mattieß gegen den Kopf …

Der Mensch sackte zusammen …

Der Schofför und der andere gaben das Spiel verloren und flüchteten …

Harst meinte lachend: „Das haben wir fein gemacht, mein Alter, sehr fein … Warte, ich nehme dir sofort die Armbänder ab … Und dann fesseln wir Freund Mattieß damit …“

So geschah’s …

 

 

2. Kapitel.

Der Schoner Maria.

Mein Kopfhieb hatte Mattieß nur für ganz kurze Zeit außer Gefecht gesetzt.

Schon als Harald ihm die Handschellen anlegte, kam er wieder zum Bewußtsein. Wir packten ihn in eine Ecke des Autos und setzten uns dann zu ihm, schlossen die Wagen- tür und besprachen mit diesem gesunkenen Menschen, was es in dieser Lage zu besprechen gab.

Harst begann mit den Vorgängen im Hause Doktor Geßlings …

„Räumen Sie ein, daß Sie Ihre Schwester halb und halb zu alledem gezwungen haben,“ fragte er …

Mattieß nickte …

Und Harald wieder: „Nur Ihrer Schwester wegen, die wir gern schonen möchten, werden wir Sie nicht der Polizei übergeben, falls Sie … aufrichtig sind. – Sie hatten für uns in dem Privathotel eine Tonpfeife zurückgelassen. Weshalb?“

„Nur um Sie zu … verulken, Herr Harst, nur deshalb … Ich wußte nicht, ob uns der Streich mit dem Auto gelingen würde, und deshalb …“

„Schon gut. – Was wollten Sie mit uns beiden beginnen, falls dieser Streich geglückt wäre?“

Mattieß zögerte mit der Antwort …

Dann gab er sich förmlich einen Ruck, und mit einem Male kam nun all sein wilder Haß gegen Harald zum Durchbruch …

Fast geifernd vor Erregung sprudelte er hervor:

„O – Sie haben meine Schwester Anastasia der Polizei überliefert, Sie haben einen großartigen Plan für uns zum Scheitern gebracht … Ich hasse Sie … Ich wollte Sie vernichten … Sie sollten spurlos verschwinden, Sie beide … Sehen Sie, dieser Landweg hier, auf dem das Auto hält, führt bis zum fernen Strande der Danziger Bucht … Wir hätten Sie beide ertränkt – ohne Erbarmen, – hätten Ihnen Steine an die Füße gebunden, und nie wieder wären Sie vom Meeresgrund emporgekommen …“

Dieser Mensch mit dem falschen blonden Vollbart vor dem Gesicht war wie ein Irrsinniger …

So etwas von überschäumendem Haß hatte ich noch nicht erlebt …

Die Glieder des Verbrechers flogen wie im Fieberfrost …

Seine Augen waren vorgequollen …

„Ich bedauere Sie …,“ sagte Harald kalt. „Sie haben sich da in eine Racheidee verrannt, die unsinnig ist … – Gisbert Mattieß, Ihrer Schwester wegen nehme ich Ihnen jetzt die Handfesseln wieder ab … Schraut und ich werden zu Fuß bis zur Großen Allee zurückkehren … – Aber – ich warne Sie, Mattieß! Kreuzen Sie nie wieder meinen Weg und lassen Sie Ihre Schwester ungeschoren! – Bevor wir Sie verlassen, will ich jedoch Ihr Gesicht unmaskiert sehen …“

Er nahm ihm Hut, Perücke, Bart ab …

Und meine Taschenlampe beleuchtete ein schmales, feines, verlebtes Männerantlitz, dessen Züge einige Ähnlichkeit mit denen Ellinors aufwiesen.

Dann war Gisbert Mattieß frei, und dann schritten wir durch den tiefen Schnee des kaum kenntlichen Feldweges dahin und … schwiegen …

Ich war mit Haralds Handlungsweise nicht ganz einverstanden. So leichten Kaufes hätten wir den Verbrecher denn doch nicht davonkommen lassen sollen …

Bis Harst, gerade als wir in die Große Allee einbogen, sagte:

„Komödie!!“

Nur das eine Wort …

„Was – – was denn Komödie?“

„Sein Haß … Es war Theater, es war Mache, es war ein Zuviel dabei, unbedingt ein Zuviel …“

So unrecht hatte er nicht. Auch mir war dieser Vulkanausbruch von häßlichen Empfindungen etwas zu stark gewesen …

„Mattieß hatte fraglos ganz etwas anderes mit uns vor,“ fügte Harald hinzu … „Und auch die Tonpfeife hat ihre Bedeutung … Wir werden ia sehen …“

Winternacht, Winterpracht war um uns … Links von uns die imposanten Baulichkeiten der Danziger Technischen Hochschule … Dann die ersten Villen Langfuhrs …

Harald war wieder schweigsam geworden … Bis er abermals sagte:

„Ich muß das aufklären! Ich muß!“

Gerade kam eine leere Autotaxe vorüber …

Er winkte. Der Fahrer lenkte den Wagen an die Bordschwelle … Er verhandelte mit ihm, gab ihm genaue Verhaltungsmaßregeln und eine Anzahlung, die den Mann sofort für unsere Absichten völlig gewann … –

So kam es denn, daß, als Gisbert Mattieß das Auto von dem Feldweg in die Allee einlenkte und als er weiter nach Danzig hineinfuhr, wir dem Wagen bequem folgen konnten, – ohne sonderliche Umstände bis in die Altstadt von Danzig … Hier lieferte Mattieß das Auto bei einem Verleiher ab und wanderte dann dem Fischmarkt zu …

Eine armselige Fischerkneipe, eines jener üblen Kellerlokale mit weiblicher Bedienung war’s, in dem er hier verschwand …

Wir konnten ihm nicht auf den Fersen bleiben, denn leider hatten wir nichts bei uns, um unser Äußeres zu verändern.

Draußen patrouillierten wir auf und ab …

Nicht lange …

Er kam die Kellertreppe allein wieder empor und schlenderte am Hafen entlang – den Werften zu, bis er eine Stelle des Bollwerks erreichte, wo ein Zweimastschoner vertäut war.

Er ging an Deck und betrat ohne weiteres die Heckkajüte. Dem Matrosen, der als Wache an der Reling lehnte, hatte er irgend etwas zugerufen.

Jetzt … begann für uns beide wieder einmal jene Arbeit, die wir so sehr lieben …

Ein Auto brachte uns nach Langfuhr … Ein anderes brachte zwei biedere Seeleute nach Danzig zurück … – Anderthalb Stunden waren vergangen, als wir uns, die leicht Angetrunkenen spielend, dem Schoner wieder näherten …

Wir hatten im Hause Dr. Geßlings so tadellos Maske gemacht, daß wir von Mattieß niemals wiedererkannt worden wären … Und so ließ sich Harald denn mit dem wachhabenden Matrosen des Schoners in ein Gespräch in schönstem Schifferplatt ein …

Der Mann war arglos … Der Schoner hieß Maria und gehörte dem Kapitän Patella aus Osternothafen …

Pastella …!! Also – der Absender der Briefe …

Und weiter plauschte der Jan Maat mit uns, erzählte, daß er erst gestern für die Maria angeheuert habe, daß es ihm aber an Bord nicht so recht gefalle … Weshalb, damit wollte er nicht herausrücken.

Als der Mann dann vorn ins Logis (Mannschaftsraum) hinabgehen und die Ablösung wecken wollte, verabschiedeten wir uns scheinbar …

Scheinbar …

Kaum war der Mann verschwunden, als wir auch schon vom Bollwerk an Deck glitten und bis zum erleuchteten Fenster des Kajütaufbaus uns vorwagten – Harald voran …

Hier am Fenster lauschten wir …

Es ging dort drinnen recht lebhaft zu …

Was wir hörten, war wenig, denn wir mußten ja sofort wieder das Schiff verlassen, damit wir nicht bemerkt würden …

Unverkennbar war’s Mattieß’ Stimme, die sehr energisch rief:

„Und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir das Ding nicht wegschaffen könnten! Sollen denn alle die Vorbereitungen umsonst sein …?!“

Eine andere Stimme dann:

„Denk’ an die beiden Berliner, Gisbert!“ Und dies war ein rauher Baß, so eine richtige ausgepichte(5) Kapitänskehle …

Und – die Berliner, das waren wir – wir beide …

Wir beide aber hielten es nun für ratsam, von hier zu verduften …

Schritten wieder dem Fischmarkt zu, und Harald hatte mich untergefaßt und sagte:

„Auf der Tonpfeife steht Maria zu lesen … Und Pastellas Schoner heißt Maria … Mithin hat Mattieß absichtlich diese Tonpfeife als Präsent für uns erwählt …“

„Die Bande will hier irgend etwas stehlen,“ meinte ich. „Es muß ein größerer Gegenstand sein, denn sicherlich sollte der Schoner ihn aufnehmen, auf dem es etwas merkwürdig zugehen muß, sonst hätte der neue Matrose kaum erklärt, daß es ihm an Bord nicht behage …“

„Stimmt, mein Alter … Und damit wir den Schoner leichter im Auge behalten können, werden wir angeblich mit dem Frühzug nach Berlin zurückkehren, werden uns also von Geßling und Ellinor-Gertrud und dem braven Emanuel verabschieden und … in Wahrheit in das Privathotel der dicken Madame Burke übersiedeln – als einfache Seeleute …“

Es – kam anders …

Denn morgens fünf Uhr weckte uns Emannel in unserem Fremdenzimmer im Geßlingschen Hause und teilte uns zitternd vor Entsetzen mit, daß Ellinor-Gertrud sich unten in der Vorhalle erhängt habe …

 

3. Kapitel.

Der Bilderfälscher.

Es war ein bloßer Zufall gewesen, daß Emanuel dieses Unheil noch rechtzeitig entdeckt hatte. Er war schon um halb fünf aufgestanden, um das Eßzimmer zu heizen, war durch die Vorhalle gegangen und hatte hier Ellinor an einem Wandhaken in der Schlinge hängen sehen, hatte das Mädchen sofort losgeschnitten und die Schlinge gelockert.

Nur Haralds fachgemäßen Wiederbelebungsversuchen war es zu danken, daß Gertrud Mattieß gerettet wurde. Bevor sie aber zum Bewußtsein kam, vergingen vier Stunden, und – – der Morgenzug (den wir freilich nur zum Schein benutzen wollten) war längst abgefahren. –

Geßling war völlig niedergeschmettert über des Mädchens Selbstmordversuch. Wie sehr er trotz allem, was geschehen, an ihr hing, zeigte sich erst jetzt so recht.

Gertrud Mattieß ruhte nun in ihrem Bett, und Geßling saß dicht daneben und hielt ihre Hand …

Wir beide standen am Fußende, und dann war’s, daß Harald das Mädchen leise fragte:

Sind Sie freiwillig in den Tod gegangen?! – Ich … glaube das nicht …“

Sie hatte bisher Haralds Augen gemieden und tat es auch jetzt …

Nickte nur matt …

Das sollte heißen: freiwillig!

Die Wintersonne fiel durch das Fenster auf das Lager des jungen Weibes …

Ein Sonnenstrahl umspielte ihr schönes Haar …

O – Gertrud-Ellinor war selbst mit diesem blassen Antlitz eine Schönheit, und Doktor Geßling streichelte förmlich mit seinen mitfühlenden Blicken dieses zarte Gesichtchen mit dem Ausdruck einer leidenden Madonna …

„Kennen Sie den Schoner Maria?“ fragte Harald wieder …

Geßling wußte nichts von unseren nächtlichen Abenteuern und fuhr ärgerlich auf:

„Weshalb quälen Sie Ellinor?! Was soll’s mit dem Schoner?!“

Ellinor war flüchtig errötet und hatte den Kopf ziemlich energisch geschüttelt. Aber sie wagte Harst noch immer nicht anzusehen … – Leute unseres Berufes müssen Menschenkenner sein, müssen in menschlichen Zügen wie in Büchern zu lesen verstehen. Wir beide hatten den gleichen Gedanken: Gertrud Mattieß kannte den Schoner, und sie hatte soeben durch ihr Kopfschütteln wortlos die Wahrheit verheimlicht.

Daß dem so war, bewiesen auch die plötzlich tränenfeuchten Augen und die beiden salzigen Perlen, die sich verstohlen über die Wangen hinab den Weg bahnten.

Wieder rief da der alte Herr:

„Quälen Sie mir das Kind nicht länger, Herr Harst … Lassen Sie es genug sein mit diesem Verhör …“

Wir entfernten uns still …

Draußen im Flur des ersten Stockes geleitete gerade Emanuel sehr würdevoll vier Besucher des Geßlingschen Museums in den Saal 3 …

Wir warfen so noch einen letzten Blick durch die offene Saaltür auf den Ritter der verrosteten Rüstung … Nahmen gleichsam Abschied von ihm …

Und um halb elf Uhr vormittags trug uns ein Auto mit unseren Koffern zum Danziger Hauptbahnhof, um elf verließ der Zug die Halle und um ein Viertel zwölf stiegen wir in Zoppot wieder aus und kehrten mit dem Vorortzuge nach Danzig zurück. Es war das alte Spiel, das wir zur Täuschung unserer Gegner schon so und so oft gespielt hatten.

Ein Uhr mittags mieteten zwei englische Matrosen bei Madame Burke ein gemeinsames Zimmer …

Und damit begann der eigentliche Kampf gegen Gisbert Mattieß und seine Helfershelfer.

Heute taute es zur Abwechslung. Die Straßen waren mit feuchtem, trübem Schneeschlick bedeckt, und nur an den einsameren Stellen des Hafenbollwerks leuchtete die winterliche Decke noch in unberührter Reinheit, so auch in der Nähe der Liegestelle des Schoners Maria, den wir nun abwechselnd beobachteten.

Fünf Uhr mochte es sein, als aus der Heckkajüte des Seglers ein schwarzbärtiger schlanker Mann heraustrat und mißtrauisch die Umgebung prüfte. Mein Kostüm war zu echt, mein Benehmen zu unverfänglich, als daß Gisbert Mattieß (denn er war’s in einer neuen Verkleidung) Verdacht gegen mich schöpfen konnte. Er ging dann bis zum Hause der Madame Burke und betrat unten die Schifferkneipe.

Gleich darauf hatte ich Harald benachrichtigt, und wir beide gingen nun gleichfalls in das verräucherte Kellerlokal, hatten auch sehr bald unseren Mann im Kreise einiger ziemlich verdächtiger Gestalten bemerkt: Hafengesindel!

Eines ber bedienenden jungen Weiber, ein Geschöpf, das kaum fünfundzwanzig Jahre zählen konnte und doch schon vollkommen verblüht und verderbt war, machte sich an uns heran und berichtete uns nach Empfang eines papiernen Händedrucks so allerlei über die Stanımgäste des Lokals … Wenigstens besaß sie etwas noch: Trockenen Witz und so schilderte sie uns harmlosen englischen Seeleuten, die angeblich das Deutsche nur zur Not verstanden, mit aller Offenheit die „Berufe“ der verschiedenen fragwürdigen Herrschaften, wobei sich herausstellte, daß Gisbert Mattieß mit vier gewerbsmäßigen Dieben zusammensaß.

Er spendete diesen Leuten, was sie nur verzehren mochten, und nach einer Stunde brach er mit einem der vier sehr hastig auf – so hastig, daß wir, wenn wir das Mädchen nicht argwöhnisch machen wollten, ihm unmöglich sofort folgen konnten.

So war denn diese Beobachtung des Bruders der bedauernswerten Gertrud bisher ziemlich ergebnislos geblieben. Wir kehrten in unser Stübchen bei Mutter Burke zurück nachdem wir noch einmal bis zum Liegeplatz des Schoners gewandert waren. Dort gab es jedoch ebensowenig zu sehen. Die Kajütenfenster waren dunkel.

Harst hockte nun recht mißmutig auf dem Glanzledersofa unseres ungemütlichen Heims und sann mit halb geschlossenen Augen vor sich hin.

„Wenn nur Gertrud-Ellinor reden wollte!“ sagte er schließlich gereizt. „Ich glaube niemals an einen Selbstmordversuch ihrerseits … Ich behaupte, sie ist in alles eingeweiht und Gisbert hat die Mitwisserin los sein wollen … Natürlich hat er sie nicht etwa persönlich aufgeknüpft … Nein, das nicht … Es handelt sich eben um seelischen Zwang … Er ist nachts bei ihr gewesen, und was er mit ihr besprach, muß das Mädchen in solche Verzweiflung gesetzt haben, daß sie das Leben von sich werfen wollte … Es gibt keine andere Lösung … – Und dabei plant Mattieß ohne Zweifel einen Streich, zu dem er unbedingt den Schoner braucht … – vielleicht zum Wegschaffen der Beute …“

Wie spielend drehte er die Tonpfeife zwischen den Fingern – unermüdlich, während seine Augen dauernd an dem Reliefbildchen des Pfeifenkopfes hingen …

Ich verhielt mich schweigsam …Ich konnte mir aus alledem keinen rechten Vers machen …

Harst sprang dann mit einem Male auf die Füße …

Schütteln wir diesen lähmenden Zustand ungewollter Trägheit von uns ab!“ rief er leise … „Bestellen wir uns bei Mutter Burke ein schlichtes Abendessen und dann – zum Schoner …!!“

Die unheimlich dicke Wirtin brachte uns selbst, was wir gefordert hatten … Nur die beiden Flaschen Bier hatte sie vergessen … Und mit diesen erschien nun das Stubenmädchen des Privathotels, ein junges, schnippisches, schmieriges Ding, in deren halb zugekniffenen Augen Hinterlist und Frechheit lauerten.

Wir aßen … – Ja, die Mahlzeiten bei Doktor Geßling waren reichhaltiger und angenehmer gewesen …

Wir tranken das helle Danziger Bier, das ein wenig nach dem Gummiverschluß schmeckte … Und Harald meint gähnend, das Stübchen sei scheußlich überheizt … Er sei derart müde, daß er unbedingt eine halbe Stunde ruhen müsse. Mir erging es nicht anders. So schliefen wir denn jeder in einer Sofaecke ein … Die letzte Nacht waren wir allerdings nur vier Stunden im Bett gewesen.

Ich erwachte … Das elektrische Licht brannte … Durch das schmale Fenster, das nach dem Hafen hinaus ging, grinste die Dämmerung herein …

Und dieses Dämmerlicht machte mich stutzig … War es etwa bereits Morgen?! Konnte das sein?! Sollten wir wirklich fast zwölf Stunden durchgeschlafen haben?!

Ich wurde im Moment völlig munter …

Sah nach meiner Taschenuhr …

Halb acht …! – Ja – das Morgenlicht war’s – das Licht eines neuen Wintertages …

Weckte Harst …

Und – er dann, meinen Arm umkrallend:

„Das Bier!! Mein Alter, das Bier!! Den Trank hat uns Mattieß gebraut! – O – wir haben uns zu Unrecht in Sicherheit gewiegt … Er hat uns nie aus den Augen verloren gehabt …“

Wir zum Hafen, wie wir waren – zur Liegestelle der Maria …

Der Segler war nicht mehr da … –

Und mittags waren wir beide im Polizeipräsidium, fragten an, ob ein Diebstahl gemeldet sei – größere Sache …

Nichts …

Und auch abends nichts …

Nur eine Meldung besonderer Art war eingegangen: Man hatte den einen Wächter, der das Franziskaner-Museum in der Fleischergasse in seinem Revier hatte, in einem Hausflur geknebelt und gefesselt aufgefunden. Drei Kerle hatten ihn überfallen … Aber – nirgends war etwas gestohlen worden. Man hatte auch im Franziskaner-Museum schon alle Räume geprüft …

Dies erfuhren wir abends sieben Uhr … Um halb acht waren wir in unserer Verkleidung bei Doktor Geßling, der nicht wenig überrascht war, uns nochmals wiederzusehen. Er weigerte sich aber ganz entschieden, uns in Gertruds Zimmer einzulassen. Er fürchtete, wir könnten sie durch ein Verhör allzu sehr aufregen.

Wir saßen in seinem Studierzimmer, und Harald meinte nach einer peinlichen Pause:

„Wissen Sie vielleicht durch Ellinor-Gertrud, welchen Beruf Gisbert hat?“

„Gewiß – Kunstmaler ist er … Und er hat wegen Bilderfälschungen und verwandter Delikte zweimal Gefängnis gehabt …“

Harst stieß plötzlich einen leisen Pfiff aus …

„O – das ist mir viel wert, Herr Doktor, sehr viel wert …!“

Wir verabschiedeten uns …

 

4. Kapitel.

Das blaue Wunder.

Halb neun …

Wir hatten den Museumsdirektor aufgesucht. Harsts Name verschaffte uns sofort eine Unterredung … Aber wir waren bei diesem Besuch mit allergrößter Vorsicht vorgegangen. Harald fürchtete, daß Gisbert uns noch immer bewachen ließ.

Der Direktor war sehr erstaunt, als Harald ihn bat, uns trotz der späten Stunde in das Museum zu führen. Den Grund dieser Bitte verschwieg mein Freund. – Wenn es sich nicht um Harald Harst gehandelt hätte, so wäre der alte Herr wohl kaum so willfährig gewesen.

Um halb zehn waren wir in der Bildergalerie im alten, berühmten Franziskanerkloster …

Schritten durch die Säle …

Der Direktor machte uns auf die wertvollsten Gemälde aufmerksam …

Blieb wieder stehen …

„Hier, meine Herren, – das beste, was wir besitzen, genannt „Das blaue Wunder“ …

Es war ein sehr großes Bild, ein Seestück … Leider kam das prächtige Blau der rollenden Wogen jetzt bei künstlicher Beleuchtung nicht recht zur Wirkung …

„Das Gemälde ist doch auch unter einem anderen Namen weltberühmt, Herr Direktor …,“ meinte Harald …

„Gewiß, der richtige Name lautet: „Am Kap der Guten Hoffnung“ …“

Mir ging’s da wie ein Ruck durch den Körper …

Kap der Guten Hoffnung!! Die Tonpfeife!!

Harald beleuchtete das Bild mit seiner Taschenlampe, lobte es und sagte: „So, nun können wir wieder gehen, Herr Direktor …“

Der war etwas einsilbig und verstimmt … Troßdem erklärte Harald nicht, weshalb er die Gemäldegalerie habe sehen wollen, sagte nur beim Abschied:

„Sie werden mir’s später danken, Herr Direktor, daß ich Sie an diesem Abend so bemüht habe …“ –

Dann wanderten wir beide allein durch die Straßen …

Ich – noch immer ahnungslos …

Und Harald in allerbester Laune …

Als wir über den Langen Markt am Artusbrunnen vorübergingen, faßte Harst mich unter …

„Du, Mattieß ist seiner Sache so sicher, daß er keine Spione bestellt hat … Wir werden mal leichtsinnig sein und uns ein Flugzeug leisten … Dann sind wir nachts drei Uhr in Swinemünde …“

„Swinemünde?! – Ah – – und Osternothafen liegt Swinemünde gegenüber …“

„Stimmt … Und in Osternothafen wohnt Herr Erich Pastella, Kapitän und Besitzer der Maria … Vielleicht erfahren wir dort, wohin die Maria segelt … Nur dort werden wir die Wahrheit hierüber hören – vielleicht … Anderswo könnten wir diese Kenntnis uns nicht verschaffen …“

„Und – was hat die Maria an Bord?“

„Wie – das fragst du noch?! Aber mein Alter, hast du denn im Museum wirklich nichts bemerkt?! – Es handelt sich hier um einen Diebstahl, wie er ziemlich einzig dastehen dürfte … Gisbert ist als Maler ohne Zweifel ein Genie – wie als Verbrecher. Du hörtest doch von dem Direktor, daß Ausländer für das Blaue Wunder schon bis zu einer Million geboten haben …“

Da – – kam mir die Erleuchtung …

„O Himmel – der Schuft hat das Originalbild aus dem Rahmen entfernt und eine Kopie …“

„… eingefügt – ganz recht. Und von dieser Arbeit zeigte der Läufer vor dem Bilde noch geringe Spuren … Auch der Rahmen … – Wie prächtig diese Kopie geraten ist, beweist ja schon die Ahnungslosigkeit des Direktors, der den Betrug nicht bemerkte …“

„Eine Frechheit von Mattieß!“

„O – ein kühner, schlauer Diebstahl … – Und dann: Du weißt doch, was man unter Duplizität der Ereignisse versteht!“

„Natürlich“

„Die Kalkpfeife könnte man hierzu rechnen … Mattieß hat in etwas leichtsinnigem Nachahmungstrieb nach dem Muster des Herrn Doktor Kolger-Smith gehandelt, der uns in Schloß Lubowitz die drei Kartons spendete … Gisbert spendete uns die Kalkpfeife und glaubte genau wie Kolger, daß wir niemals den Zweck dieses Geschenks erraten könnten … Irrtum!! Als der alte Herr Geßling „Kunstmaler“ sagte, dachte ich sofort an den geknebelten Nachtwächter, der hauptsächlich das Franziskaner-Museum zu beaufsichtigen hat … So ergriff ich das eine Ende des Fadens, der uns jetzt auch zu den Dieben hinführen wird …“ –

Und zwei Stunden darauf: Flugzeug gen Swinemünde! Winterfahrt bei sternenklarem Nachthimmel … Hinweg über Pommerns verschneite Wälder und Felder …

Harst im bequemen Passagiersitz schlafend, gleichsam vorläufig ausruhend auf seinen Lorbeeren …

Nun, er hatte den Schlaf verdient … Und wenn ich ihn still betrachtete, wie er so in dem Sessel lehnte, die Züge des geistvollen Gesichtes im Schlafe entspannt und ein verträumtes Lächeln um den Mund, dann freute ich mich für ihn, daß es ihm abermals geglückt war, das seine verbrecherische Gespinst eines nicht alltäglichen Gesezesverächters zu zerreißen …

Und von seinem Antlitz wanderte mein Blick wieder durch das Kabinenfenster in die mondhelle Tiefe … Das Flugzeug glitt in mäßiger Höhe dahin … Und ich konnte dort auf der weißen Decke des Winters die Häuser und Kirchtürme von Dörfern und Städten erkennen, sah die erleuchteten Fenster eines Gutshauses, in dem man wohl ein Fest feierte …

Meine Gedanken irrten jedoch nur zu oft ab – hinaus auf die Ostsee, wo der Schoner Maria nun mit unbekanntem Kurs die Beute davontrug, die Gisbert Mattieß anderswie kaum aus Danzia hätte wegschaffen können … – Auf dem Hafenamt hatte man uns gesagt, die Maria sei mit Ballast unterwegs nach ihrem Heimatort, nach Osternothafen … Wir glaubten nicht daran … Aber wie Harald in Osternothafen das wahre Reiseziel ermitteln wollte, war mir noch unklar. Gelingen würde es ihn schon … –

Drei Uhr morgens …

Swinemünde … Glatte Landung … Wir mit unseren Koffern in die Stadt … in das behagliche alte Hotel am Markt …

Bekannter Boden für uns. Hier haben wir schon so mancherlei erlebt … Aber im Winter hatten wir den idyllischen Badeort bisher nicht besucht …

Dann – mittags gegen zwölf … In Osternothafen … Die Fähre hat uns über die Swine gesetzt, zu Fuß sind wir am Flusse entlang gewandert, vorbei an der kleinen Festung, vor uns den weißen Leuchtturm, das Wahrzeichen von Osternothafen …

Tot und still der kleine Ort, der im Sommer so vielen Fremden Unterkunft bietet, Eldorado der Angler, der Leute mit kleinem Geldbeutel und großem Naturhunger.

Strandgasse 2 wohnt der Kapitän Pastella – im eigenen, abseits gelegenen Häuschen …

Und wir beide, die wir hier aus Vorsicht unser Äußeres wieder umgewandelt haben, stehen dann der Frau Kapitän gegenüber, fragen, ob sie uns aufnehmen könnte … Erholungsbedürftige Berliner seien wir … Eine heizbare Stube genüge uns …

Die Frau ist hager und sieht sehr vergrämt aus … Bittet uns in die Wohnstube, in der die Wände mit ihrem Schmuck von sämtlichen Erdteilen erzählen, in der an der Decke zierliche Schiffsmodelle hängen …

Die Frau ist noch jung … Und so scheu, so bedrückt, so … mißtrauisch …

Doch das Geld lockt … Sie scheint an uns nichts auszusetzen zu haben … Abends könnten wir einziehen … Dann würde das große Verandazimmer oben schön warm sein …

Wir sehen uns das Zimmer an, sehen eine Staffelei, Malerutensilien …

Harald meint: „Malen Sie, Frau Pastella?“

Sie wird rot, und ein bitterer Zug preßt den Mund zur Linie …

„Ein Freund meines Mannes hat einige Zeit hier gewohnt …,“ erklärt sie kurz …

Harald zahlt dreißig Mark an …

Abends sieben Uhr halten wir unseren Einzug …

Den Abendbrottisch hat Frau Pastella uns bereits gedeckt. Und ihre Verpflegung ist tadellos …

So haben wir denn nun denselben Raum inne, in dem Gisbert Mattieß „Das blaue Wunder“ gemalt hat – ohne Zweifel hier in der Einsamkeit, und ohne Zweifel weiß Frau Pastella von alledem … Sie leidet darunter. Sie fürchtet, daß ihr Mann mit dem Strafrichter in Konflikt kommen könnte …

Die Frau hat im übrigen etwas sehr Sympathisches an sich. Als sie das Geschirr abräumt, kommt sie ins Plaudern …

Fünf Jahre verheiratet, kinderlos, der Mann etwas leichtsinnig, spielt und … trinkt …

Ihre Augen schimmern feucht …

„Schlechte Freunde sind das schlimmste für einen schwachen Charakter,“ seufzt sie …

Das ging fraglos auf Gisbert Mattieß …

Man merkte der armen Frau so recht an, wie wohl es ihr tat, daß sie sich einmal das Herz erleichtern konnte … Und Haralds menschenfreundliche, gütige Art erleichterte ihr dieses intime Gespräch in so feinfühliger Weise, daß sie nachher meinte: „Jetzt freue ich mich, daß ich die Herren bei mir aufgenommen habe … Zuerst habe ich die Herren, ich will nur ehrlich sein, für … für … Beamte gehalten und …

Da stockte sie … Sie wurde sich bewußt, etwas verraten zu haben, das sie angstvoll bisher im tiefsten Innern verborgen hatte … Verlegen erhob sie sich …

„O, jetzt muß ich aber gehen … Ich habe schon zu lange gestört …

Harald nahm ihre Hand …

„Bleiben Sie, Frau Pastella …!“

 

5. Kapitel.

Wir als Piraten.

„Bleiben Sie … Setzen Sie sich wieder … Sie haben uns für Kriminalbeamte gehalten, sagten Sie soeben … – Ja, haben Sie denn die Polizei zu fürchten?“

Sie fank mehr in den Stuhl zurück als sie sich setzte – sank mit einem Seufzer in sich zusammen und schlug die Hände vor das vergrämte Gesicht …

Aber – kein Laut kam über ihre Lippen … Ihr Körper flog wie im Krampf …

Dann stand sie mit einem Ruck wieder auf …

„O – erbarmen Sie sich meiner … Dringen Sie nicht weiter in mich … Lassen Sie mich mein Elend allein tragen …“

Und hastig räumte sie das Geschirr ab … Noch ein leises „Gute Nacht“, und sie verließ das Zimmer …

Draußen brauste ein hohler Tauwind durch die kahlen Bäume und um das einsame Haus …

Harald meinte leise:

„Mein Alter, hier gibt es fraglos noch mehr Geheimnisse … Hier werden wir aber auch einen sehr schweren Stand haben … Denn schon dieses armen Weibes wegen möchte ich Pastella schonen …“

Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen …

Zog die Augenbrauen hoch, blickte scharf zur Tür … Und – da hörte auch ich im Flur eine Diele knarren …

Dicht vor der Tür …

Ob die Frau gelauscht hatte?! Und wenn: Dann waren wir entlarvt!

„Du hättest vorsichtiger sein sollen.“ flüsterte ich …

„Ich wollte unvorsichtig sein,“ flüsterte er …

„Weshalb?!“

„Zwei Stunden später, mein Alter … Dann werden wir die Früchte dieser Unvorsichtigkeit ernten … von der Veranda aus …“

„Du meinst?!“

„Ich meine, daß Frau Pastella vielleicht nachts das Haus verlassen wird … Und da hinter dem Haufe die verschneiten Wiesen sich hinziehen, wo sie im Mondlicht so Ieicht zu sehen sein würde, wird sie wohl die Straße in den Dünenwald benutzen …“

„Und …?!“

„Und – das weitere erlebst du ja mit … Wir werden früh zu Bett gehen, zum Schein … Werden uns auf der Veranda mäuschenstill verhalten und die Strickleiter rechtzeitig befestigen …“

Winternacht an der See … Ferne Brandung … Wir beide als Spione in der eisig kalten Veranda … Eine halbe Stunde … dann – – unten knarrt eine Tür … dann Frau Pastella, eilig durch den Vorgarten schlüpfend … Im Arm ein großes Paket …

Davonhastend – die Straße entlang, durch mondhelle Einsamkeit …

Zwei hinter ihr her … Von Baum zu Baum springend … Zwei, die es verstehen, wie man unbemerkt dem schlechten Gewissen auf den Fersen bleibt …

Und - nach einer halben Stunde zwei, die eilends wieder zur Veranda emporklimmen, verschwinden … Frau Pastella erscheint drei Minuten später … Die Tür knarrt … Und im Hause wird’s still … Wir schlafen – schlafen tief und fest … Denn das, was wir beobachtet haben, müssen wir bei Tageslicht nochmals beschauen … –

Vormittags zehn Uhr. Frau Pastellas Gäste unternehmen einen Spaziergang nach dem Leuchtturm, nach der Hafenmole, biegen rechts ab, am Rande des Dünenwaldes entlang …

Sonnenschein liegt über dem winterlichen Meere …

Und wir stapfen durch tiefen Schnee, wir finden die Stelle, wo Frau Pastella in der Nacht an eine einzelne Kiefer hoch auf den Dünen einen langen Fetzen weißen Stoffes angebunden hat …

Finden die zweite Stelle, wo unter dem Wurzelwerk einer anderen Kiefer bei Laternenlicht eine verängstigte Frau ein Bündel in den lockeren Flugsand eingescharrt hat …

Wir legen das Bündel frei, Ölleinwand, darin zwei … zusammengerollte Bilder, Ölgemälde, zwei Kopien bekannter Werke von Rubens …

Das ist alles …

Aber Harald ist zufrieden …

„Tadellose Kopien … Wie fein die Alterspatina künstlich hervorgerufen ist …! Glänzend! – Siehst du, mein Alter, mit diesen beiden Kopien wollten die Verbündeten einen ähnlichen Streich begehen wie den in Danzig. Zufällig weiß ich nämlich, daß die Originalgemälde im königlichen Schlosse in Kopenhagen hängen …“

„Und, der Zeugfetzen am Baume?“

„Ja, der wird uns zu einer winterlichen Fahrt verhelfen … – Kehren wir um … Und frage nicht weiter … Verdirb mir den Schlußakt nicht …“ –

Frau Pastella war keine Schauspielerin, im Gegenteil. Schon als sie uns das Frühstück gebracht hatte, war sie ganz anders als am Abend vorher gewesen: noch bedrückter, scheu und von einer verborgenen Feindseligkeit, wenn man es so bezeichnen darf. Und das blieb nun so, obwohl wir beide so taten, als hätte sich keinerlei trennende Wand zwischen uns und unserer Wirtin aufgerichtet.

So verging auch dieser Tag. Harald hatte nachmittags in Swinemünde einen großen Motorkutter gemietet und mit dem Besitzer vereinbart, daß das Boot jederzeit Tag wie Nacht auf Anruf uns zur Verfügung stehen müsse. Billig wurde die Geschichte nicht. Aber – mir brachte dieses Mietgeschäft Klarheit über den Zeugfetzen: es war ein Signal für den Schoner Maria, ein Warnungssignal, daß er Osternothafen nicht anlaufen solle!

Als ich mit Harald hierüber sprach, erklärte er kurz:

„Natürlich Signal! Und da der Fetzen von See aus nur am Tage zu bemerken ist, brauchen wir auf den Schoner nachts nicht aufzupassen. Morgen können wir ihn erwarten … Ich habe berechnet, wie lange ein Segler wie die Maria bei diesen Windverhältnissen von Danzig bis hierher braucht.“

„Und mit dem Motorkutter willst du …“

“… die Maria entern – stimmt! – Du bist doch unverbesserlich, mein Alter! Ich wollte dir dies gern als nette Überraschung servieren, und nun verdirbst du mir den ganzen Spaß – – ein Jammer!“ – Er war wirklich ärgerlich … Ich kenne ihn ja … Wenn man in dieser Beziehung seine Absichten durchkreuzt, wird er ungemütlich.

Kein Wunder, daß ich mit einiger Spannung dem folgenden Tage entgegensah … Kein Wunder, daß ich mir von dieser Fahrt als … Piraten in meiner Phantasie ein Bild entwarf, das vielleicht zu abenteuerlich sein mochte. Aber – hatte ich nicht vielleicht doch recht, wenn ich annahm, daß die Besatzung des Schoners sich zur Wehr setzen würde?!

So dämmerte denn der nächste Tag herauf. Unser Kutter lag jetzt an der Hafenmole unweit des Leuchtturms vertäut. Wir konnten jederzeit an Bord gehen …

Harald hatte mittags gegen elf mit Hilfe seines Fernglases einen Segler erspäht, der von Osten nahte. Um ein Viertel zwölf wußten wir, daß es die Maria war … Sofort stach unser Motorkutter in See … Noch konnte man von der Maria aus unmöglich das Warnungssignal bemerkt haben. Unser Kutter bog um die Molenspitze herum – hinein ins offene Fahrwasser … Es war ein klarer, sonniger Wintertag, dieser 30. Januar, der in meinen Erinnerungen eine hervorragende Stellung einnimmt. Ein ziemlich frischer Nordost trieb hohe Wogen gegen die Betonblöcke, die ostwärts der Mole versenkt sind. An Bord des Kutters befanden sich außer uns zwei Mann, zwei ältere, stämmige Fischer, denen Harald nun ganz offen erklärte, wer wir in Wahrheit seien und daß wir einen an Bord der Maria anwesenden Bilderdieb festnehmen wollten. Die Fischer waren mit allem einverstanden. Der Name Harst war ihnen nicht fremd und würde sie gegen Ungelegenheiten schützen …

So näherten wir uns denn allmählich dem Schoner, der jetzt auf die Küste zuhielt.

Bald waren wir so dicht heran, daß wir an Deck der Maria drei Leute beobachten konnten – außer dem Manne am Steuer …

Und – bald schöpften die dort drüben gegen uns auch Verdacht … Ferngläser richteten sich auf uns … Harst hatte vorhin den falschen Bart entfernt, und auch ich zeigte den Banditen dort nun mein bebrilltes, rundliches Max-Schraut-Gesicht …

Unser Kutter glitt neben die Maria … Kaum drei Meter trennten uns … Und dann – ein günstiger Augenblick … – wir beide sprangen mit langem Satz hinüber – die Pistolen schußbereit … – wir als Piraten …

Denn ungesetzlich war das, was wir hier taten, in jedem Falle … Nur die ganzen Umstände entschuldigten uns …

Was ich gefürchtet hatte, trat ein …

Gisbert Mattieß, der neben Kapitän Pastella stand, brüllte in ohnmächtiger Wut …: „Lebend bekommt ihr mich nicht, ihr Spitzel …! Pastella – vorwärts, wir sind sechs gegen zwei, und …“

Er hatte einen Revolver aus der Tasche gerissen … Er war wie von Sinnen, hörte gar nicht auf Harsts warnenden Zuruf … feuerte … feuerte eine Sekunde zu spät …

Notwehr war’s … Und doch hatte diese gutgezielte Kugel Haralds, die der des Verbrechers um eine Sekunde zuvorkam, die Lage entschieden … Mattieß war mit Kopfschuß auf die Planken niedergesunken … Pastella wich zurück … Und Pastella, von Harst dann in der Kajüte ins Gebet genommen, begann wie ein Kind zu weinen … –

Ich habe der Geschichte des berühmten Gemäldes nur noch wenig hinzuzufügen. Harst darf sich schmeicheln, eine zerrüttete Ehe, die des verführten Kapitäns, wieder in freundlichere Bahnen gelenkt und dem Freistaate Danzig „Das blaue Wunder“ gerettet zu haben … Pastellas Anteilnahme an dem Diebstahl blieb geheim. – Und damit der Leser auch noch als letztes etwas über Ellinor-Gertrud erfährt: sie ist nach wie vor die Freude der alten Tage des trefflichen Doktor Geßling, und selbst der lange Emanuel hat sich mit dem jungen Mädchen völlig ausgesöhnt. – – Unsere Erinnerung an dieses Abenteuer sind drei Kopien bekannter Gemälde, die in Haralds Musikzimmer hängen: Am Kap der Guten Hoffnung und die beiden Rubens!

 

Nächster Band:

Das Geheimnis der Pagode.

 

 

Anmerkungen:

(1) Der Begriff „Faktotum“ kam im 16. Jahrhundert auf und bezeichnete eine Person, die im Haushalt oder in einem Betrieb alle möglichen Arbeiten zu erledigen hatte.

(2) Bedeutungsverwandte Ausdrücke - (ein) Riese, baumlang, groß, hochgewachsen.

(3) In der Vorlage steht sonden - in sondern geändert.

(4) „Rippsachen“ - ist ein seltener, umgangssprachlicher oder veralteter Begriff, der sich auf wertvolle, oft kleine, kostbare oder kuriose Gegenstände bezieht.

(5) „Ausgepicht“ – beschreibt jemanden oder etwas, das sehr erfahren, durchtrieben, raffiniert oder gerissen ist.