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Der rauchende Berg

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 14

Der rauchende Berg

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Willi sucht seine Uhr.

„List – nur List kann helfen!“ sagte der Ingenieur Herbert Holk zu seinen Gefährten und zu dem Engländer Benjamin Maxwell Redding, den die deutschen Weltflieger hier im Innern Australiens getroffen hatten.

Drei Männer und ein kräftiger Knabe waren es, die auf dem Gondeldeck der Holkschen Wundermaschine, des Eindeckers Libelle, im prallen, sengenden Nachmittagssonnenschein standen und über die Wasserfläche des merkwürdigen Sees hinüberblickten zum südlichen Ufer, wo ein großer Doppeldecker vom Typ der australischen Postflugzeuge vor kaum zehn Minuten gelandet war.

Sieben Leute waren ihm entstiegen, drei in Sportanzügen, vier in der schlichten Tracht der australischen Polizeibeamten. Diese vier Polizisten hatten ein leichtes Maschinengewehr am Ufer in Stellung gebracht, und der eine der Zivilisten war‘s dann gewesen, der den Ingenieur Holk aufgefordert hatte, sich zu ergeben.

Holk kannte diesen Mann nur zu gut. Das war derselbe Smitson, der schon in Berlin die Abfahrt der deutschen Rekordflieger zu verhindern gesucht hatte, das war derselbe Beauftragte ausländischer Flugzeugfabriken, der auch nach der Abfahrt dann in Verein mit zwei ebenso gefährlichen Burschen namens Brown und Ogly die Libelle mit einem Eindecker verfolgt hatte, den Holk dann notgedrungen vor einigen Tagen an der Nordküste Australiens in Brand geschossen hatte.

Und nun waren Smitson, Brown und Ogly in Begleitung von Polizeibeamten wieder aufgetaucht, hatten also ihre finsteren Pläne. den deutschen Rekordflug zu verhindern, noch lange nicht aufgegeben. Und diesmal hatten sie ihr Eingreifen besonders überraschend und wirksam gestaltet, hatten die Behörden auf ihrer Seite und wollten Holk und seine Freunde Gustav Riedel und den Knaben Willi Kröger angeblich wegen Vernichtung der Shallow verhaften lassen.

Holk hatte mit den Polizisten über den See hinweg verhandelt. Auch Redding hatte sich eingemischt. Die Beamten blieben jedoch dabei, daß die Libelle ausgeliefert werden müßte und daß Holk und die seinen vor Gericht sich verantworten sollten. Eine Stunde Bedenkzeit hatte man dem deutschen Ingenieur bewilligt. Dann würde das Maschinengewehr die Libelle zu einem Sieb zerschießen, – so hatte Smitson gedroht.

Und als Holk nun ernst und beklommen nochmals betonte, daß nur List in dieser verzweifelten Lage Rettung bringen könnte, da nickte der schlanke, sonngebräunte Willi Kröger ebenso ernst und nachdenklich und meinte wie tröstend:

„Oh – es wird uns schon etwas einfallen – es wird uns schon etwas einfallen …!“

Der englische Forschungsreisende Redding, der hier in den unermeßlichen Sandwüsten Inneraustraliens einen Strauß mit zwei Buschkleppern ausgefochten hatte, die von Holk gefangen genommen, beim nahen des Doppeldeckers aber wieder freigelassen worden waren und sich in dem nahe Eukalyptuswalde verborgen hatten, – dieser kühne Forscher Benjamin Maxwell Redding hatte an dieser Stelle der Wüste, wie im vorigen Band berichtet worden ist, durch eine Explosion in einer weiten Grotte den Abfluß eines unterirdischen Wasserfalles verstopft und so die Wassermassen gezwungen, sich nach oben hin durch den Höhlenausgang an der Erdoberfläche zu verbreiten. So war erst vor anderthalb Stunden dieser seltsame jetzt bereits fünfhundert Meter breite See entstanden, in dessen Mitte an einem Steinhaufen die Libelle mit angeklappten Tragflächen als Motorboot vertäut lag.

Und dieser See wuchs noch immer …

Noch immer sprudelte etwa hundert Meter vor der Libelle das Wasser in breitem Schwall wie eine niedere Fontäne aus der Grottenöffnung hervor.

Rund um diesen neu entstandenen See aber dehnte sich die australische Wildnis aus: Sand, Felsen, kümmerliche Büsche, fahle saftlose Eukalyptuswälder und hier und dort vereinzelte Grasbäume, deren Stamm in einem Büschel langen Grases ausläuft.

Über alledem aber am klaren Tageshimmel die strahlende Sonne.

Eine friedliche Landschaft – und doch ohne Frieden, weil menschliche Tücke hier mit Tod und Verderben drohte.

Der Mechaniker Gustav Riedel, klein und stämmig mit blondem gesträubtem Katerschnurrbart, sagte jetzt in verbissener Wut:

„Wenn ich diesen Smitson mal in die Hände bekommen, zerquetsche ich ihn wie … wie eine Laus!“

In diesen Worten lag so viel unfreiwillige Komik, daß nicht nur Holk leise auflachen, sondern auch der ernste Redding schmunzelte und Willi Kröger grinsend wiederholte:

„Oh – Laus ist gut … Sie hätten lieber Floh sagen sollen, Herr Riedel, denn der Floh sticht und Smitson kann ebenfalls …“

Da – hielt er mitten im Satze inne.

Und schlug sich mit der flachen Hand knallend vor die Stirn, fügte hinzu:

„Herr Holk – hier steht ‘n blindes Huhn, das auch mal wieder ‘n Körnchen gefunden hat!“

Der Ingenieur blickte den Jungen fragend an. Er wußte: Willi war ein heller Kopf, war mutig bis zur Tollkühnheit, dazu verschlagen und … und zuweilen ein ganz scheinheiliger Racker.

Und der schlanke Bursche fuhr schon fort:

Es stimmt, eine Flucht ohne List ist unmöglich! Das Maschinengewehr haben die Halunken auf uns gerichtet, und einer der Polizisten liegt hinter dem infamen Kugelstreuer und paßt auf, daß wir die Tragflächen unserer Libelle nicht etwa wieder entfalten und aufsteigen. Also …“

Und er machte eine lange Kunstpause.

„– – also gibt es nur ein Mittel, aus dem … Dreck herauszukommen …“

„Das wäre?“ frage Redding gespannt.

Und Riedel brummte: „Wird was Rechtes sein, der Geistesblitz!“

„Oho!“ protestierte Willi empört. „Warten Sie doch erst mal ab, Herr Riedel .…! – Ich denke mir die Sache so … Mister Redding ist doch auf einem besonders konstruierten Motorrad mit breiten Sandpneumatiks hier in die Wildnis gekommen. Das Rad steckt drüben im Walde in einem Gestrüpp. Ich werde nun durch den flachen See zu den Kerlen da hinüberwaten und sagen, Doktor Redding schickte mich, damit ich sein Rad aus dem Walde hole, weil er davonfahren will. Wenn ich nun dies den Sieben da drüben vorschwindle, werde ich schon eine gute Gelegenheit abpassen und … das Maschinengewehr demolieren! Ja – das werde ich! Denn wenn diese Kugelspritze unbrauchbar gemacht ist, können die Herrschaften uns mit Verlaub zu sagen … den Buckel runterrutschen! Ich werde schon auskneifen!“

Holk schüttelte zu diesem opferwilligen Vorschlag jedoch den Kopf.

„Nein, mein lieber Junge“, erklärte er, „das wäre ein zu gewagtes Spiel! Die Leute werden auf Dich schießen und …“

„So – schießen?!“ rief Willi glühend vor Eifer. „Schießen?! Das können sie …! Ich werde so flüchten, daß es mit der Schießerei nicht viel auf sich hat …!“ Und in kurzen Worten setzte er nun den drei Männern auch den letzten Teil seines verwegenen Planes auseinander …

Wenn Redding und der Mechaniker Riedel nicht Holk gegenüber für des Knaben kühne Idee eingetreten wären, hätte der Ingenieur niemals eingewilligt.

Drüben am Südufer lagerten die drei Gegner Holks und die vier Beamten im Schatten eines Steinhaufens. Einer der Polizisten hielt das Maschinengewehr jeden Augenblick zum Feuern bereit. Der Doppeldecker stand acht Meter weiter mit dem Propeller nach Süden zu.

Die Beamten waren Mischlinge, Abkömmlinge von Weißen und Aborigines. Ihr Vorgesetzter im nächsten Städtchen hatte sie zu diesem Dienst kommandiert und im Grunde war ihnen die ganze Sache höchst gleichgültig, zumal Smitson sie sehr barsch behandelte und bei jeder Gelegenheit sie fühlen ließ, daß sie für ihn nur Menschen zweiter Güte, eben Farbige seien.

In die sieben Gestalten kam erst Leben, als Willi Kröger vom Gondeldeck der Libelle an der Außenleiter ins Wasser hinabstieg, das ihm bis unter die Arme reichte.

„Der Junge watet ja hier zu uns herüber!“ rief der hagere Smitson erstaunt und erhob sich. „Ob Holk ihn etwa mit einer Botschaft schickt? Möglich wär‘s schon, denn die Verständigung durch Rufen hat bei der weiten Entfernung ihre großen Schwierigkeiten.“

Er ging dem Knaben bis zum Ufer entgegen.

Inzwischen war das Wasser bereits wieder gut zwei Meter vorgedrungen, und das Maschinengewehr stand kaum noch fünf Schritt vom Ufer entfernt.

„Ha – was willst Du denn, Bursche?“ rief Smitson in seinem mangelhaften Deutsch dem Knaben zu.

Willi tat, als hätte er den langen Kerl nicht verstanden, planschte weiter durch die klare Flut und stieg aufs Trockene, machte vor Smitson eine Art Kratzfuß und erklärte:

„Mister, ich komme im Auftrage Doktor Reddings, des berühmten Forschungsreisenden … Ich soll sein Motorrad aus dem Walde holen. Er frühstückt jetzt noch mit Herrn Holk, und dann will er aufbrechen.“

Die Polizisten und auch Smitsons Freunde Ogly und Brown waren gleichfalls herbeigekommen.

„So – so! Abfahren will der Herr!“ höhnte Smitson. „Na – da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden! Und – ein Motorrad?! Davon weiß ich ja noch gar nichts!“

Willi spielte den Bescheidenen.

„Doktor Redding mag das alles mit Ihnen in Ordnung bringen, Mister …“ sagte er scheinbar sehr kleinlaut. „Und wenn Sie mir nicht erlauben, das Rad herbeizubringen, dann gestatten Sie wenigstens, daß ich meine Nickeluhr unter dem großen Stein dort aus dem Sandloch nehme, wo ich Sie des Wassers wegen trocken gelegt hatte …“

Das war reichlich unklar ausgedrückt. Immerhin aber: es war eine Begründung dafür, daß Willi sich nun bückte und den Stein mit beiden Händen packte.

Smitson lachte und rief den Polizisten, die kein Deutsch verstanden, in englischer Sprache zu:

„Er sucht seine Uhr, der Boy!“

Willi schwang den fast zentnerschweren Stein ohne Mühe in die Höhe.

Und dann … tat er so, als ob das Gewicht des Felsblockes ihn taumeln ließ. Er … taumelte vorwärts … und mit vollem Schwung krachte der schwere Stein(1) genau auf das Schloß des Maschinengewehres, das sich entlud – nur einen Schuß.

Und im selben Moment, als die sieben Männer, selbst der an der Kugelspritze, durch das unerwartete Geschehen und den plötzlichen Knall noch verblüfft dastanden, schnellte der kecke Junge sich seitwärts – hin zum Doppeldecker.

War im Nu an Bord – vorn in der Führerkabine.

Wußte von der Libelle her tadellos mit den Anlaßhebeln des Propellermotors bescheid.

Und gerade als der vor Wut blaurote Smitson jetzt die Hand nach der Gondelleiter des Doppeldeckers ausstreckte, pfiff der Propeller sausend in immer rasenderen Umdrehungen – ein Ruck ging durch das große Flugzeug – es rollte an – rollte weiter – verließ den Boden.

Ogly und Brown hatten ihre Revolver gezogen.

Schossen … schossen …! – Ein lächerliches Beginnen …! Mit Revolvern …!

Und – im Rücken der dem Zweidecker Nachstarrenden entfaltete die Libelle ihre leichtgekrümmten Aluminiumflügel und erhob sich wie ein prachtvoller leichtbeschwingter Reiher zum klaren Äther …

Smitson wandte sich um.

Sah die Bescherung.

„Oh – die Schufte – die Schufte!“ brüllte er. „Überlistet hat der verdammte Schlingel uns …! Überlistet!!“

 

2. Kapitel.

Als der Zweidecker sackte…

Doktor Redding Stand in der Führerkabine der Libelle dicht unter dem Drehsitz, auf dem der Mechaniker Riedel Platz genommen hatte und die Libelle gegen Süden lenkte.

Etwas vor dem Wundervogel flog der Doppeldecker dahin.

Auch Holk lehnte in der Tür des Führerstandes und hörte aufmerksam zu, was Redding zu berichten hatte.

Das war merkwürdig genug.

„Schon in dem letzten südlichen Städtchen am Wüstenrande hörte ich“, so erzählte der Forscher „daß es hier in den unermeßlichen Einöden einen Vulkan geben soll! Schwarze Schafhirten, die sich vor Jahren in der Wildnis verirrt hatten, brachten diese Kunde mit, die dann bisher nie nachgeprüft werden konnte. – Sie wissen, Herr Holk, daß ich mir das Motorrad bauen ließ, um recht viel Proviant und Trinkwasser mitnehmen zu können. Ein Pferd kam für mich nicht in Frage, da bei der Wasserarmut dieser Gegenden ein Tier leicht eingeht. – Um mich kürzer zu fassen: ich fand den Berg, konnte jedoch nicht feststellen, ob es wirklich ein Vulkan ist, da die Bergwände aus einer glatten, lavaähnlichen Masse bestehen und es für mich keine Möglichkeit gab, bis zur Spitze emporzuklimmen. Jedenfalls: der Berg raucht! Eine dicke Qualmsäule entsteigt seinem Gipfel, und diese mächtige, gleichmäßige Rauchentwicklung spricht eigentlich gegen einen Vulkan. Außerdem ist das Innere Australiens noch nie von Erdbeben oder ähnlichen vulkanischen Erscheinungen heimgesucht worden, so daß ich, der ich doch wahrlich ein nüchterner Gelehrter bin, stark vermute, jener Berggipfel birgt irgendein nicht alltägliches Geheimnis, dem wir ja nun sehr leicht auf den Grund gehen können, wenn wir den Berggipfel einige Male überfliegen. Ich denke, daß wir bei dieser Richtung unseres Fluges die Rauchsäule in einer Stunde zu Gesicht bekommen werden …“

Holk nickte. „Oh, den Gefallen will ich Ihnen gern tun … – Jetzt werden wir aber zunächst einmal landen, und unser Willi wird dann dasselbe tun. Sobald wir ihm gedankt haben, und unseren Dank verdient er doch wahrlich, will ich mit Riedel in der Libelle zurückkehren und Ihr Motorrad holen, während unser wackerer Junge Sie im Doppeldecker zum rauchenden Berge bringen kann. Dort erwarten Sie uns dann …“

So geschah es auch…

Willi wehrte den Dank Holks mit den für ihn so recht kennzeichnenden Worten ab:

„Oh – nur nicht so viel Aufhebens von dem Quark machen, Herr Holk! Nur nicht! Was war denn groß dabei?! ‘n Stein hab‘ ich aufgehoben und wieder fallen lassen, und dann bin ich einfach davongegondelt!

So war er eben, der kleine Frechdachs – bescheiden in seiner Art und doch – das Mundwerk stets vorneweg!

Die Libelle stieg mit Holk und Riedel wieder auf, und der Doppeldecker setzte seinen Flug gegen Süden fort.

Kein Wunder, daß Willi Kröger sich jetzt äußerst wichtig vorkam! Mehr als das, er fühlte sich vollkommen als Kapitän des Zweideckers, und als dann tatsächlich am südlichen Horizont die mächtige Rauchfahne sichtbar wurde, drehte er sich nach Doktor Redding um und meinte selbstbewußt:

„Wir werden in zwanzig Meter Höhe über den rauchenden Gipfel hinwegstreichen, Mister Redding – mitten durch den Qualm hindurch. Dann umfliegen wir den Berg …“

Und näher und näher kam die Rauchsäule.

Deutlicher und deutlicher wurde das Landschaftsbild.

Ein ungeheurer Wald jener fahlen, hellstämmigen Bäume, ein Eukalyptuswald, zog sich hier meilenweit hin und war nur stellenweise von Lichtungen unterbrochen.

Und am Westrande einer solchen Waldblöße, von dieser aber noch durch eine Baumkulisse getrennt, erhob sich ein vielleicht hundert Meter hoher einzelner Bergkegel.

Ein Gebilde von so ausgesprochener Kegelform, daß der große Baumeister Natur hier wirklich ein Wunderwerk geschaffen hatte.

Und über dem Berge hing hoch in den Lüften, genau wie bei dem berühmten Vesuv, eine Rauchmasse in Form einer Pinie.

Immer dichter rückte nun der Doppeldecker an die Rauchsäule heran, ging tiefer herab – bis er, wie Willi beabsichtigte, etwa zehn Meter über dem Gipfel dahinflog.

Nein – nicht dahinflog.

Denn – jetzt ereignete sich etwas, womit weder der kühne Junge noch Doktor Redding auch nur im entferntesten gerechnet hatten.

Jetzt – wurde der Doppeldecker, als er gerade mitten im Qualm schwebte, als tiefste Finsternis im Führerstand und in der Wohnkabine herrschte, wie durch Zaubergewalt, wie Eisen durch einen Riesenmagnet, nach unten gezogen.

Sackte durch – wie die Flieger sagen …

Sackte so urplötzlich, daß Willi vor Schreck zu spät das Höhensteuer herumriß.

Zu spät …

Denn Schon prallte das Flugzeug krachend und splitternd auf den Südrand des Gipfels auf, kippte um, nachdem es einige Sekunden hin und her geschwankt war wie eine Schaukel – und glitt, das Laufgestell nach oben, den glatten Berg hinab.

Prallte gegen einen Vorsprung.

Ging vollständig in Trümmer …

Zum Glück hatte der Junge noch im letzten Moment die Zündung abgestellt und dadurch eine Explosion des Benzinbehälters und einen Brand verhütet. Er selbst, der waghalsige, schneidige Willi, lag zwischen den zerdrückten Wänden der Gondel – bewußtlos – mit blutender Nase.

Doch – nicht lange …! Schon raffte er sich auf, blaß, verstört …

Sah das Unheil – sah durch die zersplitternden Fenster, daß der Zweidecker auf dem Rücken ruhte – auf halber Bergeshöhe.

Und sein erster Gedanke galt der Tatsache, daß er hier eine Maschine zu Bruch gefahren hatte, die weder ihm noch Holk gehörte, die das Eigentum der australischen Behörden war.

Und sein zweiter Gedanke war: „Was wird Herr Holk zu alledem sagen! Schelten wird er – und wie! Und wird Dich wahrscheinlich nie mehr die Libelle steuern lassen, weil du hier Pech gehabt hast!“

Mühsam kroch er nun aus dem Führerstand in die Kabine.

Der Doppeldecker war fast genau so eingeteilt wie die Libelle. – Aber auch hier war … nichts von Doktor Redding zu sehen – nichts.

Und dieser Umstand erhöhte noch Willis Angst.

Wo in aller Welt mochte der Doktor nur geblieben sein?!

Er rief – rief immer wieder.

Räumte die übereinander gefallenen Sachen beiseite.

Suchte … suchte …

Kletterte schließlich zum Fenster hinaus und beschaute von hier die Trümmer des Doppeldeckers.

Der hing auf einer kleinen Felszacke und unter ihm ging die glatte Bergwand wieder Steil hinab.

Doch – auch hier draußen keine Spur von Redding.

Nirgends – nirgends.

Nur der qualmende Gipfel dort oben – und unten Bäume und Gestrüpp.

Willi lehnte an den Trümmern des Flugzeuges.

Bleich, verstört, erschöpft, die Brust beklemmt von allerlei trüben Gedanken,

Wo war der Doktor?! – Diese Frage quälte ihn am meisten.

Aber – er fand keine Antwort darauf.

Nochmals vergegenwärtigte er sich die letzten Minuten … Als der Doppeldecker so urplötzlich durchsackte, hatte Redding in der Verbindungstür zur Kabine gestanden. Vielleicht – vielleicht war er – als das Flugzeug dann kenterte, durch die offene Gondelluke hinausgefallen.

Und – Willi trat jetzt der eiskalte Schweiß vor Entsetzen auf die Stirn.

Vielleicht – war Redding gar in die Öffnung des Berges hineingestürzt – in den Qualm – in den Krater des Vulkans, falls der Berg wirklich ein Vulkan war.

Willi stierte geisterbleich vor sich hin …

Welch furchtbarer Tod! Vielleicht war Redding in flüssiger glühender Lava elend verbrannt …!

Der arme Junge fühlte, wie sich ihm die Augen mit Tränen feuchteten.

Tränen – er, Willi Kröger, und heuten wie ein Schulmädchen?! Noch besser! – Er biß die Zähne zusammen.

Schaute nochmals empor.

Nein – da gab es keinerlei Möglichkeiten, auf den Gipfel hinaufzugelangen.

Und so kletterte er denn in die zerstörte, verbeulte Gondel zurück und suchte in dem Vorratsraum nach einem Tau.

Fand ein dünnes Drahtseil, wohl hundert Meter lang, schleppte die schwere Taurolle nach draußen, trieb einen Bolzen in eine Spalte hinein und befestigte das eine Ende des Seiles daran. So … klomm er abwärts – abwärts an der glasglatten, glasharten Wand – bis zu dem Gestrüpp am Fuße des Kegels.

Und hier fand er Doktor Reddings Ledersportmütze mit den Ohrenklappen – nur die Mütze leider.

Sonst nichts …

 

3. Kapitel.
Australische Götzen.

Willi Kröger besann sich nicht lange .… Er mußte jetzt um jeden Preis die Insassen der Libelle vor dem gefährlichen Berge warnen, mußte die Aufmerksamkeit Holks und Riedels auf sich lenken und den Wundervogel zum Landen veranlassen.

So lief er denn durch die Waldkulisse auf die Lichtung hinaus, bis er sich etwa in deren Mitte befand.

Hier trug er trockenes Reisig zusammen, schichtete es zu einem mächtigen Haufen auf und hielt sein Benzinfeuerzeug bereit, um das Strauchwerk jeden Augenblick in Brand setzen zu können.

Beim Einsammeln des Reisigs waren ihm am Waldrande eine ganze Menge Spuren aufgefallen, – die fraglos von nackten Aborigines herrührten. Doch da die Fährten schon recht verwischt, also nicht frisch waren, maß der Junge ihnen keine besondere Wichtigkeit bei.

Außerdem hatte er aber auch am anderen Ende der Lichtung ein Rudel Riesenkänguruhs bemerkt, die nachher im Walde verschwunden waren. Jetzt lag die Lichtung völlig einsam da. Nur unser Willi Kröger stand neben dem Reisigbündel und starrte unverwandt gegen Norden zum Himmel empor.

Seiner Berechnung nach mußte die Libelle sehr bald auftauchen. Waren doch inzwischen zwei Stunden seit der Trennung verflossen und in dieser Zeit konnte Holks Riesenvogel die Entfernung bis zum neuen See und zurück bis hierher bequem zurückgelegt haben.

Willi schmerzten bald die Augen von dem andauernden Absuchen des in Sonnenlicht gebadeten Äthers.

Zuweilen schloß er die Lider, um den Sehnerven Ruhe zu gönnen.

Und gerade als er abermals in dieser Weise für einige Minuten die Augen mit der Hand bedeckt hatte, fühlte er sich plötzlich von hinten gepackt und zu Boden gerissen.

Über ihm grinsten die Schwarzen, bärtigen Gesichter dreier Aborigines, von denen der eine jetzt mit einem Steinbeil zum tödlichen Hieb ausholte.

Willi hatte noch in der linken Hand das Feuerzeug – hatte den Deckel bereits abgenommen gehabt und den Daumen an dem Stahlrädchen.

Mit verzweifelter Kraft entwand er nun in heller Todesangst diese Hand den schwarzen Fäusten und … streckte sie gegen den Schwarzen mit dem Steinbeil aus, drehte das Rädchen – und sprühend flackerte das Flämmchen auf …

Wie so oft gerade in den gefährlichsten Lagen uns in Bruchteilen von Sekunden ein rettender Gedanke blitzartig kommt, genau so hatte der wackere Junge hier sein Leben durch das kleine den Wilden unbekannte Feuerzeug gerettet.

Der Schwarze hielt mitten im Hiebe inne, wich zurück, und auch die beiden anderen gaben den Gefangenen frei.

Im Nu war der Knabe wieder auf den Füßen.

Im Nu hatte er die Mauserpistole aus der Tasche gerissen.

Und – die kannten die Schwarzen offenbar …

Ließen nun, feige gegenüber der verderblichen Feuerwaffe, die eigenen primitiven Waffen, Steinbeile und Wurfhölzer (Bumerangs) zu Boden fallen und legten zum Zeichen der Unterwerfung die Hände in gekrümmter Körperhaltung flach auf die Oberschenkel.

Der Anblick dieser schwarzen Wilden, die in der Tat mehr Riesenaffen als Menschen glichen, war so überaus komisch, daß bei unserem kleinen Helden rasch wieder die gute Laune über den ersten Todesschreck siegte und er den Schwarzen lachend zurief:

„Feine Gesellschaft seid Ihr! Mut habt Ihr wie elende Schakale, die auch nur zu Rudeln einen Menschen angreifen!“

Immer noch bedrohte er die drei mit der Pistole.

Daß sie seine Worte nicht verstehen konnten, wußte er. Aber – er hoffte sich durch Zeichen mit ihnen zu verständigen.

Ihm war der Gedanke gekommen, die Schwarzen zu befragen, ob man den Bergkegel irgendwie erklettern könne. Indem er nun auf den Berg deutete und die Beinbewegungen des Emporklimmens machte, zeigte er immer wieder auf den rauchenden Kegel.

Und – merkwürdig genug – diese Gesten übten auf die drei eine ganz unglaubliche Wirkung aus.

Schreiend warfen sie sich zu Boden, streckten flehend die Arme empor und schnatterten dann in den kreischenden Kehllauten ihrer Sprache unaufhörlich irgend etwas vor sich hin.

Ein einzelnes Wort fing Willis Ohr aus diesem Geschnatter immer wieder auf.

Es klang wie Uriburru oder Oriburru.

Und dieses Wort mußte für die Schwarzen eine furchtbare Bedeutung haben, da sich ihre Gesichter stets in wilder Angst verzerrten, wenn Sie dieses Uriburru hervorstießen.

Willi sah schließlich ein, daß er sich mit diesen Aborigines doch nicht verständigen könne.

So nahm er ihnen denn ihre Waffen weg und deutete ihnen an, daß sie sich entfernen sollten.

Diese Handbewegungen begriffen sie, schnellten empor und waren in wenigen Minuten im Walde verschwunden.

Willi amtete erleichtert auf.

Er besann Sich wieder auf seine Pflicht und musterte den nördlichen Teil des Himmels.

Von dort her war ja die Libelle zu erwarten. Von dort mußte der Wundervogel Holks jetzt jede Sekunde erscheinen, falls eben Riedel und Holk nicht irgend etwas zugestoßen war.

Willi suchte nochmals den Äther mit den Augen ab.

Wieder umsonst.

Dann wandte er den Blick nach links – zum rauchenden Berge hin.

Und – zuckte zusammen.

Schob den Kopf vor.

Täuschte ihn ein Blendwerk der Hölle?! Stand nicht da oben, neben der Qualmsäule, eine Gestalt in hellen Sportanzug?! Mußte das nicht Doktor Redding sein?! Winkte Redding nicht …?!

Ja – es war so … – Willis Adleraugen erkannten den Forscher.

Und – beobachteten nun etwas noch Merkwürdigeres.

Redding breitete plötzlich die Arme aus – fiel zu Boden – war verschwunden.

Erschien auch nicht wieder. –

Der kühne kleine Bursche zauderte.

Überlegte – Sollte er hier neben dem Strauchhaufen bleiben, sollte er nach dem Bergkegel eilen und versuchen, ihn zu erklimmen und Redding Hilfe zu bringen?!

Was tun – was tun?!

Und – er schickte einen forschenden Blick zum Himmel empor.

Sah dort im blauen Äther ein Pünktchen.

Die Libelle.

Ein Pünktchen, das sich rasch vergrößerte.

Und – das Feuerzeug knisterte auf.

Das Reisig lohte … feuchte Blätter qualmten in der Glut.

Willi winkte mit seinem Taschentuch … winkte.

Er wußte, daß entweder Holk oder Riedel von einem Fenster aus mit einem Fernglas die Gegend beobachten würde.

Sie mußten ihn sehen neben dem brennenden Reisighaufen, mußten das Flattern des Tüchleins richtig deuten.

Und wirklich kam nun die Libelle pfeilschnell aus der Höhe herab – in elegantem Gleitflug.

Da hielt nichts mehr den Knaben zurück. Er stürmte davon, dem Berge zu, der Waldkulisse.

Umrundete den Kegel, fand an der Westseite einen Geröllhügel, fand hier auch einzelne Spalten, Vorsprünge und Grate, wollte den Aufstieg beginnen.

Da – ganz unerwartet erhob sich vor ihm ein rätselhaftes Ungetüm – ein Aborigine in einer Maske aus Rinde, die mit Federn und Haaren geschmückt war, in einem bunten Fellanzug.

Ein Ungetüm – so sah dieser Schwarze aus … abschreckend, wie ein Abbild eines phantastischen Teufels.

Aber Willi Kröger war durch derartigen Mummenschanz nur für Sekunden aus der Fassung zu bringen.

Raus mit der guten Mauserpistole.

Und hoch den Arm.

Nein – nicht hoch den Arm.

Die Pistole flog zur Seite.

Ein Hieb hatte des Knaben Handgelenk von rückwärts getroffen.

Ein Hieb, den ein zweiter, jäh aufgetauchter maskierter Schwarzer geführt hatte.

Dann sprangen noch zwei dieser lächerlichen Teufel hinzu. Rissen Willi nieder, fesselten ihm die Arme mit Baststricken …

Und einer der Wilden … streute dem Knaben eine Hand voll Salz in die Augen – Salz von den Rändern der Natronseen.

Geblendet schloß Willi die Lider … Furchtbare Schmerzen zerschnitten seine Pupillen. Tränenströme entquollen den mißhandelten Sehorganen.

Man trug ihn von dannen.

Wohin – wohin wohl?

Und als die Schmerzen in den Augen nachließen, da – – – roch er ganz deutlich beizenden Rauch, da öffnete er die Lider, sah durch Tränenschleier hindurch eine glühende Lohe – wie in einem riesigen Ofenloche.

Hörte das Knistern und Knallen von Holzklötzen.

Hört noch mehr …

Dicht neben sich eine flüsternde Stimme – die Doktor Reddings.

„Mein Junge, ich wollte der Bande entfliehen … Aber oben auf dem Kegel erwischten sie mich wieder, warfen mir eine Schlinge um den Hals … Nun – werden Sie uns braten, diese entsetzlichen Verehrer des Götzen Uriburru, den man am besten mit dem Gott Baal vergleichen kann…“

Was Redding weiter sagte, ging in dem wahnwitzigen Geheul der maskierten Priester unter, die den primitiven Riesenofen wie im Reigen umtanzten.

 

4. Kapitel.
Riedelsche Kolbenstöße …!

Die Libelle hatte im Bogen nach Osten zu sich dem Walde genähert, in dem Reddings Motorrad verborgen lag, und war die letzte Strecke nur auf Ihren vier Pneumatikrädern über den Sandboden als Kraftwagen hingeglitten, damit der lange Joe Smitson und seine Garde die Libelle nicht bemerken sollten.

Alles ging gut.

Riedel holte das Motorrad, und gerade als es auf Deck verstaut war, tauchten in wilder Hast aus dem Walde die beiden Buschklepper auf, die Holk hier am Morgen gefangen genommen hatte.

Welche Rolle diese beiden australischen Banditen hier gespielt hatten, wie sie aus Goldgier Redding beraubt und dann in die Wildnis eingedrungen waren, – alles das, ist im vorigen Band(2) berichtet worden.

Jetzt waren Smitson, Brown und Ogly hinter den beiden her, die sie im Walde aufgespürt hatten.

Jetzt rief James Albergy, der kleinere der beiden Buschklepper, Holk flehend zu:

„Nehmen Sie uns mit, Mister Holk … wenn man uns erwischt, werden wir aufgeknüpft … Und – wir wollen doch wieder anständige Menschen werden, wollen ehrlich arbeiten …“

Keuchend standen sie neben der Libelle mit angstverzerrten Gesichtern – keuchend, atemlos … „Gut – hinein in die Libelle!“ erklärte Holk kurz. „Ich habe gerade sie, Albergy, als noch leidlich besserungsfähigen Charakter kennen gelernt …“

Albergy klomm schon die Außenleiter der Gondel empor.

Da – vom Waldrande drei … vier Schüsse.

Dort waren soeben die drei Feinde Holks aufgetaucht.

Und – mit gellendem Schrei stürzte Albergys Freund, der weit brutalere Morris, mit Kopfschuß nach vorn auf das Gesicht.

Abermals Schüsse … und Gustav Riedel ließ den Eindecker anrollen – steigen …

Wutgebrüll erklang hinter dem stolz sich in die Lüfte erhebenden Riesenvogel …

… gegen Süden entschwand die Libelle.

Und in der Wohnkabine preßte der Buschklepper Albergy Holks Rechte und stammelte:

„Ich danke Ihnen … Ich danke Ihnen … Ich werde mich bessern, Mr. Holk …“

„Ich hoffe es“, meinte der deutsche Ingenieur ernst. „Im übrigen haben auch Sie, scheint s, eine Kugel abbekommen. Da – Ihre linke Schulter blutet. Ich werde die Wunde verbinden.“

Albergy fiel in Ohnmacht, als Holk die Revolverkugel aus der Wunde entfernte. Und er war noch immer ohne Bewußtsein, wie die Libelle nun im Gleitflug auf die große Waldlichtung unweit des rauchenden Berges niederging.

Holk hatte mit dem Fernglas den brennenden Reisighaufen und auch den Knaben beobachtet, sagte nun zu dem stämmigen Mechaniker: „Ich begreife nicht, weshalb der Junge plötzlich dort nach dem Bergkegel hinüberrannte … Und wo mag Redding sein, wo der Doppeldecker …“

Die Libelle stand jetzt still.

Riedel hatte einen Blick nach draußen geworfen – nach Osten.

„Aborigines!!“ brüllte er … „Aborigines, die eine Treibjagd auf Känguruhs abhalten … Hm – eine ganze Menge … Und jetzt hat die schwarze Bande unsere Libelle bemerkt … jetzt stürmen sie herbei … – Soll ich wieder aufsteigen, Herr Holk?“

„Nein – bleiben Sie hier, lieber Riedel, damit Sie jeder Zeit unseren Vogel in die Lüfte senden können … Ich werde einen Karabiner nehmen und die Halunken da draußen schon abwehren …“

Und – mit der Waffe in der Hand eilte er an Deck.

Da waren sie schon ganz nahe heran, die schwarze nackte Gesellschaft – nur mit Rindenschurzfellen bekleidet.

Bumerangs schwingend.

Heulend – kreischend.

Und – schwirrend Sauste nun so ein tadellos gezieltes Wurfholz haarscharf an Holks Kopf vorüber.

Holk schoß … schoß den vordersten Schwarzen in den Schenkel.

Das Gebrüll des Verwundeten ließ die anderen stutzen.

Noch eine Kugel – noch ein Treffer, und die schwarze Gesellschaft entfloh, nahm die beiden Verletzten mit.

Holk lächelte verächtlich.

Und schaute nun zu dem nahen rauchenden Kegel hinüber.

Sein Blick wurde starr.

Er hatte den zertrümmerten Doppeldecker bemerkt – die Reste des Flugzeuges, in dem Willi und Redding hierher geeilt waren.

Riedel erschien an Deck.

Und – sah gleichfalls den zerstörten Zweidecker.

„Ich ahne, was geschehen“, meinte Holk dumpfen Tones. „Willi wird allzu dicht über den Gipfel des Berges hinweggeflogen sein, ohne daran zu denken, daß der Rauch und die Hitze die Luftschicht über dem Kegel so sehr verdünnt, daß sie ein Flugzeug nicht trägt. Nur so kann das Unglück sich ereignet haben, und vielleicht hat Doktor Redding dabei den Tod gefunden.“

Gustav Riedel war hoffnungsfroher.

„Ich nehme eher an, Herr Holk, daß Willi dorthin gelaufen ist, wo Redding weilt … Wenn Sie erlauben will ich mal mit einem Karabiner im Arm mich da draußen im Walde am Berge umschauen …“

„Gut – einverstanden, lieber Riedel … Aber seien Sie vorsichtig. Ich muß jetzt Albergys Verband erneuern, damit wir das Wundfieber unterdrücken … – Nochmals: größte Vorsicht! Diese schwarze Banden mit ihren Bumerangs sind feige, aber heimtückisch!“

Der athletische Riedel lachte kurz auf.

„Die sollen nur kommen …! Dann setzt es was!“

Und mit der ihm eigenen Ruhe kletterte er von der Gondel herab und schlenderte dem Walde zu.

Ließ die Augen unaufhörlich umherschweifen.

Folgte der deutlich sichtbaren Stiefelfährte des Knaben um den Berg herum bis zu dem Steingeröll.

Hier auf dem harten Boden war von Spuren nichts mehr zu sehen.

Aber – etwas anderes sah Riedel.

Da lag ein kleines vernickeltes Benzinfeuerzeug.

Und – das war Willis Feuerzeug! Mithin war der Knabe hier gewesen, mithin mußte er auch irgend wo in der Nähe stecken.

Riedel wollte gerade rufen, hatte schon die Hände als Schalltrichter vor dem Munde gewölbt …

Da … riß ihm jemand den Karabiner unter dem Arme weg.

Der Mechaniker schnellte herum … stand einem der herausgeputzten Uriburru-Priester gegenüber.

Sah noch zwei solcher albernen Gesellen auftauchen – albern für Riedels absolute Wurstigkeit gegenüber jeder Gefahr.

Tat einen Sprung, schlug dem Kerl da vor ihm, der ihm den Karabiner entrissen, die Faust gegen den Magen, packte die Schußwaffe – sprang zur Seite, teilte zwei Kolbenstöße aus.

Nur zwei …

Aber Riedelsche Kolbenstöße …! Gegen den Magen! Und selbst so ein Aborigine ist in der Magengegend empfindlich und krümmt sich wie ein Wurm vor Schmerzen.

Ja – da lagen die drei Ungetüme, alle drei, stöhnten, ächzten, heulten, schnappten nach Luft.

Und Gustav Riedel schnitt nun in aller Gemütlichkeit eins der Fellkostüme mit dem Taschenmesser in Streifen und band die drei fein säuberlich an Händen und Füßen, band sie dann noch aneinander und nickte zufrieden. „So – Ihr seid versorgt! Nun muß ich doch mal sehen, wo Ihr Schufte so plötzlich hergekommen seid!“

 

5. Kapitel.
Bergrutsch.

Gustav Riedel war ein bedächtiger Mann.

Eile mit Weile! – Immer langsam voran! – Das waren seine Leitsprüche.

Und so ließ er sich auch hier Zeit.

Vielleicht nur deshalb fand er, was er suchte.

Da waren in dem Felsgeröll ein paar größere Blöcke.

So zwei ganz harmlos aussehende mächtige Steine, deren Spitzen sich aneinanderlehnten.

Und zwischen ihnen war mithin ein Hohlraum, und darin lag eine flache Steinplatte – wie zufällig.

Doch wer so gute Augen wie der Berliner Riedel hatte, dem fielen eben die blanken Stellen auf dieser Platte an den Rändern notwendig auf.

Die sahen so aus, als ob dort Hände, schmierige Pfoten, sehr, sehr alt … angefaßt hatten.

Natürlich um die Platte zu heben – zu bewegen!

Und das tat nun auch Gustav Riedel.

Hob sie empor.

„Aha!“ nickte er. „Ein Loch – ein nettes Loch, das natürlich in eine Höhle führt!“ Und er kroch hinein. Aber er irrte sich: es war nur eine schmale Felsspalte, die … in den hohlen Bergkegel mündete. –

Riedel stand nun in der Spalte und schnupperte. Es roch nach brennendem Holz – nach Rauch.

Und da vor ihm im Dunkeln glühte es wie ein riesiges Auge – wie … ein Ofenloch.

Riedel spannte den Karabiner, steckte seine Pistole für alle Fälle in die linke Jackentasche.

So schlich er vorwärts.

Zwanzig Schritt, – drückte sich an die Felswand. Sah dort in dem hohlen Berge einen primitiven Ofen aus Steinen stehen, sah schwarze Priester um die Feuerung beschäftigt.

Und – erkannte Willi.

Willi Kröger, den gerade zwei dieser schwarzen Halunken offenbar in die Glut werfen wollten …

Hei – wie da unser Gustav vorschnellte! Wie der Kolben wieder Arbeit bekam.

Wie – die Pistole knallte, daß das Echo in der Berggrotte wie Kanonenschüsse widerhallte.

Die Priester kniffen aus. Fünf blieben liegen. Die würden nie wieder Menschen zu Ehren des Götzen Uriburru rösten – nie wieder.

Die anderen entwichen heulend durch die Felsspalte.

Da bückte Riedel sich.

Zerschnitt Willis Fesseln.

„Na, mein Junge, hast wohl furchtbare Angst ausgestanden …“ meinte er mitleidig.

„Gräßlich war‘s“, stöhnte Willi. „Dort liegt der Doktor, Herr Riedel.“

„Ah …Sollte auch geschmort werden!“

Noch zwei Schnitte, und Redding war frei.

Die Gefährten schauten sich in der Höhle des Kegels genauer um.

Da waren überall Stöße von Eukalyptusholz aufgestapelt. Da hatte der Ofen oben eine Art Schornstein, und aus diesem quoll der Rauch empor und durch das Loch in der Bergspitze gen Himmel.

Das war der … Vulkan …

„Eine Kultstätte des Gottes Uriburru“, erklärte Redding ganz sachlich. „Die Aborigines hier im Innern des fünften Erdteils stehen vollständig unter priesterlicher Gewalt. Wer sich unbeliebt macht, wird zu Ehren Uriburrus verbrannt.“

„Bande!“ knurrte Riedel und lud seine Pistole.

Willi hatte sich jetzt von den ausgestandenen Schrecken erholt und … rief plötzlich:

„Da – eine ganze Schar Schwarzer – dort in der Spalte …!“

Eine Menschenwoge füllte die Spalte aus.

Schwarze Leiber – wutverzerrte Gesichter, vom rötlichen Feuerschein beleuchtet.

Zwanzig – dreißig …

Und Redding erkannte sofort, daß es hier nur eine Möglichkeit zur Rettung gäbe.

„Mir nach!“

Und zog Willi und Riedel mit sich …

Hinter den Ofen …

Zu den Holzleitern, die nach oben zum Loche des Kegels führten.

Wie die Katzen kletterten die Drei …

Riedel als letzter …

Und Riedel feuerte …

Schoß ….

Schuß auf Schuß …

Und Bumerangs, Steinbeile flogen den Flüchtlingen nach, klatschten gegen das Gestein.

Leiter auf Leiter …

Gefährlicher, wankender Weg …

Endlich oben hindurch durch den Qualm.

Und – freier Ausblick.

Dort – die Libelle auf der Waldlichtung.

Dort die Trümmer des Doppeldeckers, und daneben das Stahltau.

Riedel prüfte den weiteren Fluchtweg.

„Rutschen müssen wir – bis zum Doppeldecker und mit den Hacken bremsen. Dann am Stahlseil hinab. Gewiß – der Hosenboden wird dabei flöten gehen! Es hilft nichts!“

Das – war der Bergrutsch der drei …

Da war ein tolles Wagnis.

Es … glückte.

Während oben der Chor der Schwarzen heulte, liefen die drei bereits der Libelle zu.

Nur Riedel blieb zweimal stehen.

Hatte da oben auch ein paar der vermummten Priester bemerkt.

Zielte bedächtig … – Eile mit Weile …! Schoß und traf.

Schoß wieder … traf.

Da war der Gipfel leer.

Holk stand auf dem Gondeldeck der Libelle und schaute den Freunden entgegen.

Willi kam angejagt, rief:

„Herr Holk – Uriburru heißt die Schwarze Götzenkanaille, für die ich gebraten werden sollte!“

Holk ahnte nichts.

„Du bist übergeschnappt, mein Junge! – Was ist das?“

Da drehte Willi sich um, beugte den Oberkörper vor und zeigte seinen zerfetzten Hosenboden.

„Das ist los!! – Und der Kerl heißt doch Uriburru, Herr Holk!“

So endete dieses Abenteuer unserer Weltenflieger.

Die Libelle stieg auf, flog gegen Süden.

Zum … Posträuber von Jorravalla .

Das – steht im folgenden Heft.
 

Nächster Band:

Der Posträuber von Jorravalla.

 

 

Anmerkungen:

(1) Vorlage: Steinhammer

(2) Die seltsamen Zeichen