Sie sind hier

Miß Grandells letzte Nacht

 

Der Detektiv

Band 166

Miß Grandells letzte Nacht

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Wie Miß Grandell zu uns kam…

Die trübe Wasserfläche des Kutterhafens von Madras glich bei dieser völligen Windstille und bei dieser unerträglichen Sonnenglut geschmolzenem Blei …

Wir hatten uns in Käpten O’Kellings Kajüte geflüchtet, wo wir, nur bekleidet mit seidenen Schlafanzügen, in bequemen Deckstühlen vor uns hin dösten …

O’Kelling, auf dessen Kutter „Lady Hamilton“ wir seit einiger Zeit als Gäste weilten, war in die Stadt gegangen, um sich nach Verdienst umzusehen. Die Küstenfrachtfahrt lag seit einiger Zeit völlig danieder.

Harald Harst, dessen schmales, braunes Gesicht genau wie meine Vollmondwangen von Schweißperlen bedeckt war, saß der offenen Tür am nächsten, vor der ein nasses Stück Segel hing, während auch der Ventilator in der Rückwand dauernd schnurrte. Doch weder das nasse Leinen noch der emsig sich drehende Ventilatorpropeller waren imstande, die Quecksilbersäule des Thermometers herabzudrücken …

Es blieben 34 Grad – dagegen war nichts zu machen. Hin und wieder bewegte sich das Segel, durch den Luftstrom des Ventilators beeinflußt, und dann beugte mein Freund Harst den Kopf jedesmal zur Seite und schien durch die schnell sich wieder schließende Spalte zwischen Türrahmen und Leinwand auf das Deck hinauszuspähen, – was ich nun schon eine ganze Weile beobachtete.

Der Schiffschronometer des Kutters zeigte drei Uhr – drei Uhr nachmittags, also die böseste Stunde für die in Hitzewellen getauchte Stadt.

„Merkwürdig!“ sagte Harst ganz unvermittelt … „Die Frau hat wirklich Interesse für unseren Kutter …“

Ich raffte mich auf … „Welche Frau?!“

„Vor zehn Minuten hat da eine kleine Segeljacht neben uns am Bollwerk festgemacht, mein Alter,“ erklärte Harald bereitwillig. „Ein schmuckes Schifflein, das einer blonden Europäerin zu gehören scheint. Und diese Frau beobachtet jetzt durch das Oberlichtfenster der Achterkajüte unsere „Lady Hamilton“ mit einer Ausdauer, die auf einen baldigen Besuch rechnen läßt. Die Blonde hat ein Anliegen, glaube ich. – Die Jacht heißt „Medusa“, ein Allerweltsname, führt die Flagge Englands und …“

Die Leinwand hatte sich wieder bewegt … Und Harst hatte rasch abermals hinausgespäht …

Mit einem Ruck setzte er sich jetzt in seinem Liegestuhl aufrecht …

„Das ist … verdächtig!“ rief er leise … „Die Frau ist offenbar gewaltsam vom Oberlichtfenster entfernt worden … Ich sah noch gerade ihr verzerrtes, wütendes Gesicht, und zweifellos schlug sie mit der Faust nach jemandem, den ich nicht bemerken konnte …“

– Was doch solch eine Mitteilung bewirken kann …! – Meine Schlaffheit war wie weggeblasen … Auch ich setzte mich aufrecht …

Aber Harald winkte lässig … „Bemühe dich nicht, lieber Alter … Wir können in der Sache selbst vorläufig gar nichts tun – gar nichts … Nur aufpassen werde ich … Es scheint draußen windig zu werden, denn die Leinwand flattert stärker …“

Auch er lehnte sich wieder zurück …

Sein Gesicht jedoch war völlig verändert … Ich kenne diesen Ausdruck … Es ist, als ob ein guter Schweißhund Witterung bekommt und die Nackenhaare leicht sträubt …

Es stimmte übrigens, was den Wind anbetraf. Der Himmel hatte ein Einsehen und führte vom Meere her einen kühleren Luftzug herbei …

Harald hatte jetzt dauernd Gelegenheit, die „Medusa“ draußen im Auge zu behalten … Mitunter meldete er mir, was er feststellen konnte …

„Farbige Besatzung, Inder, – fünf Mann … Ein Europäer – hm, seltsames Gewächs … ein Gelehrter ohne Frage vom Schlage der Witzblattprofessoren … Der Herr äugt von Deck zu uns herüber, fast ängstlich … Die blonde Frau bleibt unsichtbar …“

Das etwa teilte er mir in längeren Zwischenräumen mit. Mein Interesse für die „Medusa“ war daher auch wieder sehr stark abgeflaut, zumal das Thermometer nur noch 29 Grad zeigte und sich bei mir ein erfreulicher Appetit meldete.

Dann kehrte auch Freund O’Kelling aus der Stadt zurück, Mundwinkel traurig herabgezogen, traurig nach Whisky duftend, den er sich zur Zerstreuung seiner Mißstimmung anscheinend in gehöriger Portion zu Gemüte geführt hatte …

„Wieder nichts!“ knurrte er und zeigte seine drei berühmten schwarzen Zahnstummel, die am Hafen hier eine gewisse Berühmtheit erlangt hatten, weil sie dem Käpten ein sehr komisches Aussehen verliehen, wie er denn ja überhaupt eine recht ulkige Figur war. Der Leser kennt ihn noch vom „Rätsel der drei Schlüssel“ her …

Seufzend warf er sich nun in die Sofaecke … „Wenn Sie beide nicht so anständig für Kost und Logis bezahlen würden, müßte ich meine Ersparnisse angreifen, was doch jeden Menschen hart ankommt. Und – wer weiß, wie lange Sie noch bleiben …! Das – das ist nicht allein des Geldes wegen,“ betonte er herzlich. „Nein, ich möchte Sie ungern missen … Ich alter Junggeselle bin in Ihrer Gesellschaft geradezu verjüngt worden … – Übrigens habe ich die Abendzeitungen mitgebracht …“

„Und ich habe Hunger,“ sagte ich ehrlich … „Was begreiflich ist, denke ich … Um zwei aßen wir Mittag, und jetzt ist’s beinahe sechs Uhr …“

O’Kelling klatschte in die Hände – Handschuhnummer 14 –, was wie Böllerschüsse klang. Auf dies Signal hin erschien vom Vorschiff einer der vier malaiischen Matrosen, der treue geschwätzige Paratu, dem Leser gleichfalls kein Fremder.

„Das Abendessen, Paratu!“ befahl der Käpten kurz …

Paratu verneigte sich … „Sofort, Käpten … Haben die Tuwans (Herren) gesehen, daß wir vornehme Nachbarschaft bekommen haben? Eine Segeljacht, vierzehn Meter, Aushilfsmotor, Name „Medusa“, Besitzer Doktor John Grandell aus Negapatam(1) …“

Harst drohte dem Malaien scherzhaft mit den Finger … „Paratu, du scheinst dich mit den Indern der „Medusa“ schon wieder angefreundet zu haben! Denke an Tschamo, den alten Chinesen, der dich damals so fein ausgehorcht hat!“

Paratu grinste harmlos … „Tuwan Harst, die Jacht ist doch was anderes als der dreckige alte Chinamann … Sind nur Inder außer den Geschwistern Grandell an Bord, Tuwan, rechtgläubige Inder …“ Darunter verstand Paratu Buddhisten, denn auch er war Bekenner Buddhas …

Aber Harald schien dem Frieden nicht recht zu trauen und fragte weiter: „Du hast dich also mit einem der Inder unterhalten … Hat er sich nicht erkundigt, wem der Kutter hier gehört und ob der Käpten nicht Gäste hat?“

„Gewiß, Tuwan Harst, – wie man so aus Langerweile miteinander spricht …“

„Hm – und wie ich dich kenne, hast du natürlich unsere Namen genannt und auch erzählt, daß wir Detektive sind.“

Paratu nickte … „Weshalb nicht, Tuwan? Weshalb sollte ich’s verschweigen, wo es doch in den Zeitungen stand … Es ist doch kein Geheimnis, Tuwan Harst … Unser Ausflug nach Dauli war doch auch erwähnt …“

„Schon gut … – Und was erzählte der Matrose dir? Was mag der Doktor Grandell von Beruf sein?“

„Oh – ein sehr gelehrter Herr … Er studiert die indischen Tiere. Er wohnt in Negapatam auf Kosten der Universität London … Aber – – seine Schwester ist sehr krank, Tuwan Harst …“ – wobei er sich an die Stirn tippte … „Sehr krank, hier oben im Kopfe … Doch nichts Gefährliches – nur immer so mit den Gedanken anderswo … Sie hat Furcht …“

„Furcht – wovor denn?“

„Vor … vor nichts, Tuwan … Sie bildet sich etwas ein, was nicht da … Mehr weiß ich nicht(2) …“ –

„Entschuldige, Harald … Hätte das alles nicht Zeit?! Auch der Käpten macht schon einen ganz verhungerten Eindruck …“

Harst lachte heiter … „Also dann vorwärts, Paratu! Du hörst ja: Deine Mitteilungen über unsere Nachbarn stoßen hier auf vollkommene Gleichgültigkeit …!“

Als wir am Tische Platz nahmen, fegte ein recht kräftiger Nordost über den Hafen hin, wirbelte den Staub an den Kais empor und hüllte zuweilen die nahe Häuserreihe der Hafengegend in grauschwarze Wolken …

Die Jacht „Medusa“ konnten wir drei uns nun in aller Ruhe ansehen …

Wirklich ein schmuckes Schifflein, das stimmte …

Nur – von den Geschwistern Grandell war nichts zu erspähen …

Harald schien die „Medusa“ auch vollends aus seinen Gedanken gestrichen zu haben. Nur O’Kelling meinte so nebenbei:

„Sonderbar, daß dieser Doktor eine geisteskranke Schwester mit nach Indien genommen hat – sehr sonderbar … Finden Sie das nicht auch, bester Harst?!“

Und Harald achselzuckend: „Möglich, daß sie erst hier krank geworden ist …“ Und er blätterte weiter in den Abendzeitungen …

Nach einer Weile las er uns dann folgendes aus der Madras-Post vor:

„Die Ereignisse im Palast des Fürsten von Dauli dürften noch in aller Erinnerung sein. Sir Lionel Wardner, der bekanntlich den geheimen Aktionsfond der indischen Unabhängigkeitspartei dort im Auftrag der Regierung beschlagnahmen sollte (der Fonds wurde nicht gefunden, und der Radscha leugnete die Existenz hartnäckig ab), hat einem Vertreter unseres Blattes sehr interessante Einzelheiten über eine Persönlichkeit am Hofe des Fürsten mitgeteilt – über einen jungen Inder ohne Arme und Beine, der dort in Dauli weit gefürchteter als der fanatische Radscha sein soll. Dieser Riwuri Tumir, der angeblich zeitweise als zweite Verkörperung seines Ichs mit Armen und Beinen sich zeigt, ist nun plötzlich aus Dauli verschwunden, da Sir Wardner ihn gleichfalls über den Verbleib des Millionenfonds vernehmen wollte.“

O’Kelling, der weit über die Hälfte seines Lebens in Indien zugebracht und uns bereits manch seltsames Erlebnis erzählt hatte, lachte ironisch …

„Vielleicht wird jetzt noch ein Steckbrief hinter Tumir erlassen!! Das fehlte noch! Diesen Menschen wird man niemals erwischen … Ich kenne das …“

Harald legte die Zeitung wieder beiseite, und unser Gespräch glitt in eine andere Bahn. Paratu räumte den Tisch ab … Wir genossen die Abendkühle, sahen das Tageslicht schwinden, sahen das Abendrot die Dächer und Fenster in rosige Glut tauchen und lauschten den Worten des alten Käpten, der uns eine spannende Schmugglergeschichte als Nachtisch servierte …

Und mitten in O’Kellings lebhafte Schilderung platzte wie der jähe Knall einer unerwarteten Explosion ein heller Schrei hinein … von der Jacht her …

Schrei einer Frauenstimme …

So daß wir drei aus den Stühlen hochfuhren …

Dann erschien drüben auf der Medusa eine Frauengestalt auf der Achtertreppe – – stürmte über das Deck – – über die Laufplanke auf den Kai …

Hinterdrein ein schmächtiger blondbärtiger Kerl mit Hornbrille …

Mit tollen Sätzen …

Erwischte die Frau gerade noch mitten auf unserer Laufplanke …

Hielt sie am Arme fest, suchte sie zurückzuziehen …

Aber Miß Grandell wehrte sich …

Kreischte vor Wut …:

„John, du hast mir gar nichts zu befehlen – – gar nichts!! Laß mich los, John …“

Da war Harald schon neben den beiden … Und O’Kelling und ich sprangen gleichfalls zu … Ebenso unsere vier Malaien …

Miß Grandell rief abermals: „Meine Herren, helfen Sie mir …! Ich flehe Sie an – helfen Sie mir! John glaubt mir nicht … John denkt, ich bilde mir all das Gräßliche nur ein … – Sie sind Mr. Harst, nicht wahr? Ich will …“

Doktor John Grandell gab seine Schwester frei und sagte hastig:

„Ich möchte nicht, daß man mich falsch beurteilt … –

Mr. Harst, Sie sollen hören, was meine Schwester Betsy bedrückt … – Wahnvorstellungen, nichts weiter!“

Dieser John Grandell machte keinen üblen Eindruck … Und seine Schwester war eine jener blonden Engländerinnen, die durch ihre dunklen Augen und Brauen verraten, daß in ihren Adern nicht lediglich das kühle Blut der abgeklärten Töchter Oldenglands(3) fließt …

 

 

2. Kapitel.

Was Miß Grandell erzählte…

So saßen wir denn nun zu fünf um den Tisch herum …

Miß Betsy Grandell hatte zwischen Harald und mir Platz genommen. Ihr Bruder neben O’Kelling uns gegenüber. Sie war jetzt vollkommen ruhig, und in ihren Augen bemerkte ich nicht die Spur von einem krankhaften Ausdruck. Auch die Art, wie sie uns dann von den Gründen ihrer seelischen Niedergeschlagenheit erzählte, war durchaus die eines geistig normalen Menschen.

„Zunächst etwas über John und mich, Mr. Harst …“ begann sie, nachdem Harald ihr eine Mirakulum angeboten hatte … „Wir sind Waisen und haben von jeher sehr aneinander gehangen. Als John vor einem Jahre nach Indien ging – auf Staatskosten – nahm er mich mit. Wir nahmen in Negapatam Wohnung, weil John von dort aus die beste Gelegenheit hatte, die noch ziemlich unerforschten Gebiete des südlichen Vorderindiens zu besuchen. Wir mieteten einen Bungalow weit außerhalb der Stadt auf den gesünderen Anhöhen. John war sehr viel abwesend. An seinen oft wochenlangen Ausflügen konnte ich nicht teilnehmen, weil ich gleich nach unserem Eintreffen in Negapatam leicht an Malaria erkrankt war. Ungefähr ein halbes Jahr mochte vergangen sein, als ich eines Nachts über einem Geräusch in meinem Zimmer aufwachte. Ich schaltete das Licht ein, konnte jedoch nichts Verdächtiges wahrnehmen, sondern spürte nur einen sehr aufdringlichen Verwesungsgeruch, der mich jedoch nicht minder erschreckte, als dies vielleicht die Anwesenheit eines fremden Eindringlings im Zimmer getan hätte. Der Geruch war so stark, daß mir fast übel wurde. Ich erhob mich, öffnete die Fenster und die Tür nach Johns Schlafzimmer und …“

„Verzeihung, Ihr Bruder war also nicht daheim, Miß Grandell?“

„Nein … – Der Geruch verflüchtigte sich wieder, und ich ging abermals zu Bett, konnte jedoch nicht einschlafen, lag im Dunkeln mit aufgestütztem Kopfe da und lauschte … Meine Nerven, durch die leichten Malariaanfälle etwas in Unordnung geraten, waren durch den betäubendem Geruch noch mehr angegriffen und täuschten wir nun draußen auf der Veranda allerhand seltsame Töne vor.

Schließlich erhob ich mich von neuem, ohne Licht zu machen, schlich zu dem einen Fenster und blickte hinaus … Zu meinem Entsetzen sah ich da auf dem Geländer der Veranda im bereits verblassenden Mondenschein eine Riesenschlange von enormer Länge, die langsam in den Garten hinabglitt und schließlich verschwand …“

Hier fiel Doktor Grandell seiner Schwester ins Wort:

„Mr. Harst, um es gleich zu sagen: Diese Riesenschlange existiert nicht! Wenn ich daheim war, hat das Ungetüm sich nie gezeigt, und auch keiner unserer Diener, die ich abwechselnd in meiner Abwesenheit auf der Veranda wachen ließ, hat jemals etwas bemerkt; mithin …“

„John,“ rief Miß Betsy jetzt plötzlich in hellster Erregung, „Du bist’s, der meine Nerven durch deine fortwährenden Zweifel völlig ruiniert hat …! Ich weiß, du meinst es nur gut mit mir, du willst mir diese … diese sogenannte fixe Idee ausreden …!“ Dann zu Harald: „Mr. Harst, vielleicht werden Sie mir Glauben schenken … Mr. Harst, – ich habe ja die Riesenschlange wiederholt in meinem Zimmer gesehen und dann stets auch diesen widerlichen Geruch gespürt … Es ist so – – es ist so!! Ich bin noch Herrin meiner Sinne …! Ich bin nicht … verrückt, noch nicht …! Aber ich werde es bestimmt, wenn sich nicht jemand findet, der mir diese Dinge auf natürliche Weise erklärt …!“

Harst nahm da Miß Betsys Hand in die seine …

„Ruhe, Ruhe …!!“ mahnte er herzlich. „Sie haben sich hier bei mir an einen Mann gewandt, der eigentlich alles für möglich hält … Wenn Sie nun zum Beispiel die Riesenschlange nachts in Ihrem Schlafzimmer bemerkt haben wollten und nicht gleichzeitig diesen typischen Geruch, den die meisten Reptile dieser Art hinterlassen, gleichfalls bemerkt hätten, dann würde ich, wie Ihr Bruder, Zweifel hegen. So aber, wo Sie sich doch nicht gut zweierlei einbilden können, Schlange und Geruch, stehe ich ganz auf Ihrer Seite, Miß Grandell …“

John Grandell lachte da ärgerlich auf … Meinte geradezu gereizt: „O, wenn ich nur hätte ahnen können, weshalb Betsy mich so dringend bat, eine Segeltour hier nach Madras zu unternehmen! Sie hütete sich, mir zu sagen, daß es ihr nur auf eine Unterredung mit Ihnen, Mr. Harst, ankam … Sie dirigierte die Jacht hier in den Kutterhafen, und erst als sie so interessiert diesen Kutter beobachtete, kam mir langsam die Erleuchtung …! – Mr. Harst, verzeihen Sie, aber daß Sie nun meine Schwester noch in ihren Wahnideen bestärken und …“

Harald unterbrach ihn …

„Mr. Grandell, weshalb haben Sie nicht einen anderen Bungalow bezogen?! Weshalb blieben Sie dort wohnen, wo das Reptil sich zeigte?!“

John Grandell seufzte und schaute Betsy an … Die rief denn auch:

„Ich wollte nicht fort, Mr. Harst … Ich bestand darauf, daß wir blieben – nur ich! John trägt daran keine Schuld …“

„Weiß Gott nicht!“ nickte ihr Bruder traurig. „Betsy hat einen Eisenkopf … Sie behauptete, daß man ihr auch anderswo die Riesenschlange … schicken würde, um sie durch das Reptil töten zu lassen … – Mr. Harst, jetzt, wo die Dinge soweit gediehen sind, jetzt bitte ich Sie: Kommen Sie zu uns! Überzeugen Sie sich, ob es möglich ist, daß jemand Betsy nach dem Leben trachtet! Wer wohl – wer?! Wir haben hier keine Feinde. Unsere Diener sind treu … Wir haben niemanden hier auch nur gekränkt … Ich habe Haus, Stall, Garten und Umgebung absuchen lassen, habe selbst gesucht … Wie soll eine Riesenschlange sich in einem Villenvorort von Negapatam verborgen halten?! – Ach – die ganze Sache ist ja so widersinnig, und doch so trostlos traurig …!“

Harald sagte freundlich: „Mr. Grandell, so manches erscheint widersinnig und entpuppt sich nachher als durchaus begründet … – Ich möchte Ihre Schwester noch einiges fragen … Wie gelangte das Reptil denn in Ihr Zimmer, Miß Grandell?“

„Durch das eine Fenster, Mr. Harst …“

„Ließen sie es denn offen?!“

„Nein, nein … Im Gegenteil! Ich verriegelte es vor dem Schlafengehen stets sehr sorgfältig … Und doch – nachher war es offen …“

„Und die Riesenschlange flüchtete, wenn Sie erwachten?“

„Ja … Weil ich regelmäßig vor Entsetzen zu schreien begann … Zweimal war das Untier schon dicht an meinem Bett … Ich hatte auch einen Revolver unter dem Kopfkissen und feuerte … Aber meine Hand zitterte so stark, daß ich stets vorbei schoß … Die Schlange glitt dann schnell zum Fenster hinaus …“

„Hörten Sie auf der Veranda, wenn das Reptil flüchtete, vielleicht besondere Töne?“

Miß Betsy dachte nach … „Töne – Töne?“ meinte sie sinnend. „Ja – – aber nur das schlaftrunkene Schnattern der halbzahmen Affen, die zuweilen auf dem Balken unter dem Verandadach nächtigen …“

„Ihre Angstrufe und die Schüsse müssen doch die Dienerschaft herbeigelockt haben …?“

„Gewiß … Dann war das Reptil nicht mehr zu finden …“

Harst schaute gedankenvoll vor sich hin …

Und als er sich dann wieder an John Grandell wandte, sprach er nur das aus, was auch mir als Frage auf den Lippen geschwebt hatte und was hier die einzig gegebene Lösung des Rätsels schien:

„Sie oder Ihre Schwester haben sich hier in Indien also bestimmt niemand zum Feinde gemacht, Mr. Grandell? – Besinnen Sie sich genau … Haben Sie irgendwann vielleicht auch nur einen Streit mit jemandem gehabt, oder kann sonstwie jemand Ihnen beiden Unheil wünschen? Kann etwa diese Feindschaft bereits von London her datieren?“

Grandell schüttelte den Kopf. „Betsy und ich haben in London ganz zurückgezogen gelebt. Wir beide waren uns stets genug. Wir verstanden uns so gut, daß wir Verkehr nicht vermißten, und ebenso wenig wie in London können wir uns hier die Feindschaft, ja nicht einmal die Abneigung eines Menschen zugezogen haben … – Sehen Sie, Mr. Harst, gerade deshalb mußte ich ja auch notwendig an Betsys Angaben zweifeln … Denn – wozu, aus welchem Grunde sollte jemand derartige Schändlichkeiten begehen und ein junges Mädchen so zu Tode erschrecken?! Und nochmals betone ich: Außer Betsy hat noch niemand das Reptil zu Gesicht bekommen ….!“

„Aber – den Geruch im Zimmer, – den müssen die herbeieilenden Diener doch gespürt haben …?!“

Betsy erwiderte kleinlaut: „Ich habe die Leute ja nie zu mir hereingelassen, Mr. Harst … Es war doch Nacht …“

„Wie oft sahen Sie die Riesenschlange?“ fragte Harald nach kurzer Pause.

„Vielleicht zehnmal …“

„Wann zuletzt?“

„Vor zwei Wochen, Mr. Harst …“

Harald war lebhafter geworden … „Auf diese Weise kommen wir doch nicht weiter,“ meinte er energisch. „Mr. Grandell, wir werden uns in Negapatam einfinden – nach einigen Tagen. Niemand darf erfahren, daß Sie uns erwarten. Das ist die Hauptsache. Erzählen Sie so nebenbei Ihren Matrosen …“

„ …es sind drei von unseren Dienern, Mr. Harst …“

„Desto besser … Also erzählen Sie ihnen so nebenbei, daß ich die ganze Geschichte lediglich für eine Wahnidee Ihrer Schwester hielte und Ihnen geraten hätte, Ihre Schwester in eine Heilanstalt zu bringen … Tun Sie auch so, als ob Sie sich dieserhalb mit einem Sanatorium in Verbindung setzen, zum Beispiel hier in Madras … Wir wollen uns voneinander recht kühl verabschieden, und Sie, Miß Grandell, müssen es Ihren Dienern gegenüber nicht an abfälligen Bemerkungen über mich fehlen lassen … Kümmern Sie sich nicht weiter um uns … Wir sehen uns dann in Negapatam wieder …“ –

Die Geschwister erhoben sich, und alles geschah, wie Harst es vorgeschlagen hatte.

Gegen halb zehn abends waren wir beide mit Freund O’Kelling wieder allein …

Kein Wunder, daß unser Käpten geradezu darauf brannte, nun von Harald gleichsam unter vier Augen eine Meinungsäußerung über den Fall Grandell zu hören …

„Ich denke mir, bester Harst, daß Sie sich über die Dinge bereits ein Urteil gebildet haben … Und ausnahmsweise könnten Sie Schraut und mir einmal freundlichst ein wenig von Ihrer Weisheit schon jetzt verzapfen, obwohl Sie ja für gewöhnlich in dieser Hinsicht bis zur großen Schlußszene den Schweiger spielen …“

Harald, dessen Gesicht im grellen Licht der Karbidlampe sehr scharfe Züge zeigte, erwiderte mit einer halbkreisförmigen Handbewegung:

„Es wird alles von der Zimmerdecke abhängen …“

Unser Käpten stutzte … „Wovon?! Von der Zimmerdecke?!“

„Ja, lieber O’Kelling … Sehen Sie, folgendes kann hier vorliegen: Erstens: Wahnideen als Folge der Malariaerkrankung, was oft als Komplikation auftritt. – – Zweitens: Hypnose! Es kann jemand Miß Betsy, ohne daß Sie es weiß, hypnotisieren und ihr diese nächtlichen Vorgänge suggerieren. Das heißt: Sie bildet sich ein, etwas zu sehen, was nicht da ist. – Mithin fallen Möglichkeit eins und zwei so ziemlich im Endergebnis zusammen: Wahnidee! – Dann drittens: Miß Betsy erlebt nachts überhaupt nichts, sondern erfindet das ganze zu einem bestimmten Zweck, spielt also Komödie …“

„Na – das scheidet wohl aus,“ platzte O’Kelling hervor … „Das wäre denn doch so unglaublich und so …“

„Entschuldigen Sie, lieber Käpten: Ausscheiden tut hier zunächst nichts! Als Detektiv muß man unbedingt mit allem rechnen, was … sein kann! – Also drittens: Miß Betsy täuscht diese Erlebnisse nur vor – mit klarem Bewußtsein! – Und viertens: Ihre Erlebnisse sind Tatsache, alles stimmt, was sie darüber berichtet hat. – – Diese vier Fälle wären zu prüfen, und wenn ich gesagt habe: „Alles hängt von der Zimmerdecke ab,“ so denke ich eben daran, daß Miß Betsy sich nachts stets in ihrem Zimmer eingeschlossen und die Fenster verriegelt hat …“

O’Kelling schüttelte den kahlen Schädel.

„Das … bleibt mir unklar, bester Harst …“ sagte er und rieb sich die Stirn, als wollte er seinen Verstand hierdurch anregen. „Zimmerdecke …?! Zimmerdecke …?! – Heiliger Patrick, ich bin noch auch nicht gerade mit einem Brett vor dem Schädel geboren …!! Aber – – diese Zimmerdecke bringe ich nicht in Zusammenhang mit …“

„ … mit den Fenstern, O’Kelling, – mit den Fensterriegeln, die derjenige, der im Falle Nr. 4 das Reptil zu Miß Grandell hineinschicken wollte, doch erst öffnen mußte, was am einfachsten auszuführen ist, wenn man ein Loch in die Zimmerdecke bohrt und einen eisernen Haken benutzt.“

„Ah – –- Donnerwetter, – – allerdings …“

„Die meisten Bungalows sind einstöckig. Über den Zimmern liegt nur noch ungenutzter Bodenraum. Es kann jemand also ganz ungestört vom Hausboden aus mit einem Eisenhaken, einer dünnen Stange unten mit Haken, die Riegel durch ein Loch in der Decke öffnen. Die Zimmerdecken bestehen immer aus Holz. Ein Loch läßt sich dort schon verbergen … – Wenn wir also in Miß Grandells Zimmer über dem betreffenden Fenster solch eine gut verborgene Öffnung finden, scheiden die Fälle eins bis drei aus. Und ich glaube bestimmt, daß ein solches Loch vorhanden sein wird, ebenso, daß man Betsy töten will, entweder durch die Riesenschlange selbst oder durch die Folgen dieser Schreckensnächte: Durch unheilbaren Wahnsinn, Selbstmord, dergleichen …“

Der Käpten griff rasch nach seinem Whiskyglase …

„Verdammt, man kriegt eine Gänsehaut bei alledem …!! Aber – weshalb stellt man dem armen jungen Mädchen nach?! Weshalb?!“

„Das, lieber O’Kelling, weiß ich genau so wenig wie Sie …! – Aber auch das wird sich ermitteln lassen … – Gehen wir schlafen … Vielleicht kommen Nächte, wo wir einen Vorrat von Schlaf brauchen können!“

 

 

3. Kapitel.

Betsys Freundin.

Es war drei Tage nach dem Besuch der Geschwister Grandell an Bord der „Lady Hamilton“ …

Diese „Lady Hamilton“ hatte inzwischen, bei Damen nichts besonderes, einen neues Kleid erhalten, einen braunen Anstrich mit weißen Zierleisten, hatte aber auch den Namen gewechselt, was schon etwas ungewöhnlicher sein dürfte. Sie hieß nunmehr „Sirene“, und auch ihr Kapitän war entsprechend verjüngt worden, hatte sich seinen roten Schifferbart wegrasieren lassen und seinen Skalplockenschädel mit einer schönen schwarzen Perücke aus unserem Requisitenkoffer bedeckt. O’Kelling war infolgedessen genau so wenig wiederzuerkennen, wie seine „Lady Hamilton“, und auch wir beide waren in diesen drei Tagen zu bärtigen, ziemlich abgerissenen Matrosen herabgesunken, so daß es durchaus keinerlei Verdacht erregen konnte, daß dieser Kutter „Sirene“ gegenüber dem Garten des Bungalows der Geschwister Grandell auf dem Fluß vor Anker gegangen war …

Gegen sieben Uhr abends hatte die „Sirene“ zehn Meter vom Ufer entfernt ihre Anker fallen lassen …

Und dort am Ufer an blendend weiß gestrichener Holzbrücke lag auch die „Medusa“, die kaum zwei Stunden vor uns hier angelangt sein konnte.

Harst und ich, die wir nun als schlichte Matrosen einen winzigen Verschlag im Vorschiff bezogen hatten, konnten von Deck aus auch den Bungalow der Geschwister erkennen, der freundlich durch die grünen Bäume schimmerte …

Sagte Harald da, während er an seiner Holzpiep sog: „Miß Betsy kommt … Sie hat es eilig …“

Und wirklich erschien John Grandells Schwester auf dem Wege, der von der Bootsbrücke zum Bungalow führte … Sie lief fast … Unter den letzten Bäumen machte sie halt … Beobachtete die „Medusa“, dann unseren Kutter, dann die anderen in der Nähe ankernden Frachtboote …

Schon eilte Betsy auf die Bootsbrücke, machte ein winziges, schlankes Boot mit Rollsitzen los und ruderte flußaufwärts. Ihr ganzes Benehmen verriet, daß sie sich heimlich aus dem Bungalow entfernt hatte und auch heimlich ihr uns unbekanntes Ziel erreichen wollte …

Kaum war sie hinter den nächsten Frachtkähnen verschwunden, als auch wir beide schon in das Beiboot des Kutters sprangen und uns kräftig in die Riemen legten, indem wir auf das andere Ufer zuhielten, so daß wir sehr bald mit Betsy uns in einer Höhe befanden … Unmöglich war’s, daß sie in uns Verfolger argwöhnen konnte. Dazu war der Strom viel zu belebt, der auch hier noch als Hafen galt.

Nach etwa zehn Minuten tauchte links am Ufer die Ruine des ehemaligen portugiesischen Forts Patam auf, von dem der Hauptteil auf einer Insel lag, die jetzt jedoch infolge der Verkrautung des Stromes durch eine grüne Moorwildnis mit dem nahen Ufer verbunden ist.

Vom Fluße aus konnte man von dem verwitterten Mauerwerk der Bastionete kaum noch etwas erkennen. Sie glichen grünen langgestreckten Hügeln mit einzelnen Schutthaufen. Das tropische Dickicht, das hier Jahrhunderte lang ungestört hatte wuchern können, hüllte die Reste der ehemaligen kleinen Festung in einen undurchdringlichen Gürtel ein. Und doch verschwand Betsys Boot urplötzlich in dem Röhricht zwischen Insel und Ufer, so daß die Annahme wohl berechtigt war, das junge Mädchen müsse diesen weltabgeschiedenen und gefährlichen Platz schon häufiger besucht haben …

…Gefährlichen Platz: Denn auf dem Stadtplan war geradezu vor dem Betreten der Ruinen gewarnt, und eine weithin sichtbare Tafel mit der üblichen Aufschrift in englischer Sprache „Vorsicht – – Giftschlangen!“ zeigte an, was diese Warnung bedeutete.

Harald hatte, als Betsy in das Röhricht einbog, verwundert den Kopf geschüttelt, hatte gemeint: „Sieh da, Miß Grandell scheint doch so ihre kleinen Geheimnisse zu haben!“

Gleich darauf hatten wir mit leisen Ruderschlägen die Stelle erreicht, wo Betsy uns aus den Augen gekommen war. Auf den ersten Blick schien die grüne Wand der Wasserpflanzen und die hohen gelben Stängel des Rohres nirgends einen Durchschlupf zu gestatten. Trotzdem fand Harst die Einfahrt zu einer schmalen offenen Rinne, in der durch Menschenhand der ganze Pflanzenwuchs entfernt war.

Hier in dieser engen Wasserstraße zwischen den mannshohen Schilfwänden konnten wir das Boot nur mit den Rudern vorwärts treiben. Der schmale Kanal zog sich in mehrfachen Windungen bis zu einem Winkel zwischen zwei Bastionen der Insel hin, und hier sahen wir auch Betsys Boot an einer kahlen Uferstelle auf zertrümmertem Mauerwerk liegen.

Wir folgten ihr …

Fanden auch hier etwas wie einen Weg, der durch die grüne Wildnis und durch das ehemalige, kaum noch erkennbare Festungstor auf einen freien Platz führte, wo das Gestrüpp ausgerottet und aus Röhrichtwänden eine mittelgroße, viereckige Hütte errichtet war, wie sie hier die Flußfischer zu vorübergehender Benutzung herzustellen pflegen.

Aus dem luftigen Innern des leichten Bauwerks drangen Stimmen hervor … Und es bereitete uns weiter keine Schwierigkeiten, unbemerkt bis hinter die Hütte zu kriechen, deren Wände an einzelnen Stellen genügend breite Ritzen hatten, um die beiden Personen, die dort auf armseligen Holzschemeln sich gegenübersaßen, nicht nur beobachten, sondern auch jedes Wort ihres lebhaften Gesprächs verstehen zu können …

Zwei Personen: Betsy und eine junge Inderin mit prächtigem blauschwarzem Haar!

Eine Inderin, deren Gesichtszüge, eigentümliche Augen und melodische Sprache mich sofort an den geheimnisvollen Krüppel in Dauli, an Riwuri Tumir, den arm- und beinlosen, erinnerten.

Und diese Ähnlichkeit war bei näherem Hinsehen derart verblüffend, daß ich unwillkürlich Harsts Arm drückte und ihm durch Zeichen zu verstehen gab, was mir an dieser Inderin auffiel …

Harald nickte nur …

Und jetzt gerade sagte Betsy in weinerlichem, entschuldigendem Ton:

„Nein, Mr. Harst wird nicht nach Negapatam kommen, Ruwi … Er hat es abgelehnt, mir irgendwie zu helfen … Er meinte, daß ich mir alles lediglich nur einbilde, und John will mich jetzt in ein Sanatorium schicken …“

Die Inderin rief – und wandte uns nun ihr Gesicht voll zu:

„Du lügst, Betsy …! Du lügst …! Ich fühle es, und ich werde die Wahrheit sehr bald erfahren! Habe ich dir nicht so dringend geraten, Mr. Harst aus dem Spiele zu lassen …! Habe ich dir nicht versprochen, daß ich dich heilen will! – Ja, du lügst …! Schau mich doch an, wenn du es kannst …! – Ah – wie verlegen du wirst! Weißt du denn noch immer nicht, daß mir nichts verborgen bleibt – – nichts – – nichts!! Die Wahrheit will ich wissen!“

Betsy bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und weinte …

Und ich – ich starrte nur wie gebannt auf der Inderin merkwürdige Augen … – Augen von seltsamer Größe, noch seltsamerem matten, bleifarbenen Glanz …

Es waren des Krüppels Augen, es war auch seine Stimme, es war sein junges, schönes Antlitz, Zug um Zug …!

Dann … erzählte Betsy … alles, was sich in Madras an Bord des Kutters zugetragen, was wir gesprochen und besprochen hatten.

Die Inderin war jetzt wie ausgewechselt, umschlang Betsy Grandell, streichelte ihre Hände, trocknete ihr die Tränen und redete ihr voller Mitgefühl zu, sich wieder zu beruhigen …

„ …Du mußt Vertrauen zu mir haben, Betsy … Du mußt, sobald Mr. Harst sich bei euch meldet, ihn wieder wegschicken …“ Ihre wohllautende, weiche Stimme wurde strenger, eindringlicher … „Sage Mr. Harst, daß du jetzt selbst überzeugt bist, daß dich nur Wahnideen quälten … Du wirst schon irgendwie erreichen, daß er seine Nachforschungen gar nicht erst beginnt … – Betsy, du weißt, was auf dem Spiele steht … Tue, wozu ich dir rate …!“

Miß Grandell versprach alles …

Sah nicht, wie das Gesicht der Inderin einen Moment in freudigem Triumph aufleuchtete …

Für uns beide aber war es höchste Zeit, daß wir uns zurückzogen. Betsy war aufgestanden.

Wir krochen wieder auf allen Vieren zu der Anlegestelle, machten unser Boot flott und waren in kurzem auf dem Fluße, bald auch an Bord der umgetauften „Lady Hamilton“ …

Sahen noch, wie auch Betsy Grandell ihr Boot an der weißen Brücke am Gartenufer befestigte und dem Bungalow zueilte … –

In unserer Vorschiffkammer saßen wir nun … Harst still und in sich gekehrt … Hatte nur zu mir gesagt: „Störe mich jetzt nicht …!“ Und dann plötzlich erklärt:

„Wir sind in Dauli mit Blindheit geschlagen gewesen!“

„Was heißt das, Harald?!“

„Das heißt: Wir werden ein Loch in der Zimmerdecke finden!“

Merkwürdige Antwort …!!

Aber auch ich hatte mir inzwischen die Dinge durch den Kopf gehen lassen und sagte:

„Diese Inderin muß eine Schwester des Krüppels sein …! Und sie ist’s, die Miß Grandell die Riesenschlange schickt! Ich glaube, wir werden das Reptil dort auf der Insel finden!“

„Vielleicht …!“ nickte Harst nur. „Sobald Mitternacht da ist, besuchen wir die Ruinen des Forts Patam zum zweiten Male …“

 

 

4. Kapitel.

Alte Bekannte…

Jede weitere Aussprache über Betsy und die Inderin lehnte Harald ab …

Nachher aßen wir oben auf dem Vorschiff Abendrot. Die vier treuen Malaien O’Kellings hielten sich bescheiden abseits. Wenn wir nun auch nichts als schlichte Jan Maate(4) vorstellten, so besaßen die braunen Burschen doch Taktgefühl genug, uns genau so als „Tuwans“ zu respektieren wie vordem. – O’Kelling war nicht an Bord, war in der Stadt, um dort in Haralds Auftrag vorsichtig Erkundigungen über die Geschwister Grandell einzuziehen. Und als wir gegen elf Uhr, bevor noch der Mond erschienen war, mit dem Boote von dem Kutter abschießen, war O’Kelling noch nicht zurückgekehrt. –

Unser Boot näherte sich der Insel, diesmal immer an linken Flußufer entlang, vorbei an Gärten und Buschwald, vorbei an freien Stellen, wo ärmliche Hütten der Flußschiffer sich scheu unter Bäumen zusamenduckten …

Wir beständig lauschend, wir stets bereit umzukehren, falls sich etwas Verdächtiges zeigte.

Nichts zeigte sich …

Wir konnten unser Boot in das Schilf neben der Anlegestelle schieben, wo es kaum zu sehen war … Wir sprangen an Land, schlichen weiter, – in tiefer Finsternis durch das einstige Festungstor, – dann vor uns die Lichtung im Innern des Forts und die Hütte, kaum zu erkennen in dem schwachen Sternenlicht …

Jeder von uns als Waffe einen derben Knüttel(5) in der Rechten, in der Linken die Taschenlampe, – der Schlangen wegen …

Wir lagen hinter der Hütte … Der Mond schob sich höher … Es wurde heller und heller …

In der Hütte regte sich nichts … Wir hätten die Atemzüge einer Schlafenden hören müssen …

Harald raunte mir zu:

„Wenn Ruwi die Insel verlassen hat, muß sie doch einen Nachen(6) zur Verfügung haben oder aber von einer zweiten Person abgeholt worden sein … – Wahrscheinlich aber gibt es hier inmitten der alten Mauern noch Verstecke, von denen selbst Betsy nichts weiß … – Warten wir. Vielleicht ereignet sich noch etwas …“

Wir schoben uns weiter, bis zur Nordecke der Hütte … Hier lag ein Haufen dürres Reisig aufgeschichtet: Brennholz fraglos! Und der deckte uns leidlich.

Jetzt konnten wir den freien Platz überschauen – bis nach rechts hin, wo in der grünen Gestrüppwand der dunklere Fleck des Eingangs zu erkennen war …

Und – ich zog rasch den Kopf zurück …

Es hätte gar nicht Haralds warnenden „Achtung!“ bedurft … Auch ich hatte die zwei Gestalten bemerkt, die soeben aus dem Dunkel ins Freie traten …

Wir kauerten uns enger hinter das Reisig …

Die beiden Männer dort schlüpften jedoch an der Hütte vorüber, mit gleitenden, hastigen Schritten …

In den Mondschein hinein …

Zwei Chinesen, ein älterer, ein junger … Bekannte Gesichter: Tschamo und Lipatu, Vater und Sohn, – unsere Gefangenen einst, und entflohen von O’Kellings Kutter mit Hilfe jenes Sir Wardner, der am Hof des Radscha von Dauli eine so eigentümliche Rolle gespielt hatte.

Tschamo und Lipatu jetzt hier in Negapatam, hier auf der Insel sogar?! Was bedeutete das nun wieder?!

Zu langem Nachdenken hatte ich keine Zeit …

Es gab genug zu beobachten …

Sah die beiden an der Nordseite der Lichtung den Stamm einer verkrüppelten, dicken Kuka(7) erklettern …

Hörte Rauschen von Zweigen …

Dann wieder Stille …

Bis Harald flüstert: „Also dort!!“

Ich verstand …: Dort gab es einen Weg, der wahrscheinlich in die versteckte wahre Behausung der jungen Inderin führte! – Sollte Ruwi etwa mit den Chinesen verbündet sein?! War dies nach all dem Vorrausgegangenen möglich?! Waren nicht Tschamo und Lipatu Feinde des Krüppels gewesen, und sollten sie jetzt mit dessen Schwester sich zusammengetan haben?! Denn für mich blieb Ruwi des Krüppels Schwester, obwohl Harald dazu nur sehr skeptisch gelächelt hatte …!

„Folgen wir den beiden!“ munterte ich Harald flüsternd auf …

„Das wäre sehr verkehrt, mein Alter, sehr … Wollen sehen, ob wir nicht mehr erreichen, wenn wir hier geduldig ausharren …“

Wir blieben also …

Und meine Taschenuhr zeigte mit ihrem grüngelben Leuchtzifferblatt gerade die erste Morgenstunde an, als tatsächlich vom Wasser her durch den grünen Pfad die junge Inderin nahte …

Graziös ihre Bewegungen, leicht ihr Schritt, stolz und frei ihre Haltung – genau wie Tumir, der Krüppel, wenn seine „Seele“ wandelte, wie er behauptete, wenn er also wieder im Besitz seiner Gliedmaßen wie ein Wesen von Fleisch und Blut sich uns gezeigt hatte … –

Ruwi tat dasselbe wie die Chinesen, erkletterte den Baum, verschwand …

Drei Minuten ließ Harst verstreichen …

Dann erhob er sich …

Wir eilten auf den Baum zu … Harald packte den einen Ast der Kuka … Und – verharrte regungslos …

Aus der Ferne war ein dumpfer Schrei erklungen – dumpf wie aus den Tiefen der Insel …

Ein einziger kurzer Schrei … Nicht mehr …

Harst schwingt sich empor, ich ihm nach …

Und oben von den Ästen der Kuka nur ein langer Schritt durch grüne Zweige zu einem Mauerstück, einen breiten Vorsprung … Dahinter in dem alten Bastionsgemäuer ein zackiges Loch … Von diesem Loche abwärts eine starke Holzleiter … in die unbekannte Finsternis hinab …

Ohne Licht wir beide abwärts … Harald voran … Kühle Moderluft strömt uns entgegen … Zwanzig Sprossen – dann halt …

Harald flüsterte: „Vorsicht – ein Loch im Boden – eine zweite Leiter …!"

Ich taste mit den Füßen, fand die erste Sprosse …

Weiter hinab …

Diese Sprossen feucht und schleimig, wie mit Pilzen überwuchert – ekelhaft …

Neun Sprossen …

Dann – fuhr mein Kopf ins Genick … Über mir Lichtschein … Das Loch erleuchtet … Zwei grinsende Gelbgesichter … Eine Steinplatte, die krachend niederfällt, das Loch bedeckt und die morsche Leiter durch den Stoß auf die beiden überstehenden Enden zertrümmert …

Ich falle – – falle Harald auf den Rücken, kugele im Dunkeln auf harte Steine, bleibe liegen … All meine Rippen scheinen zum Teufel zu sein …

Als der Lichtkegel von Harsts Taschenlampe aufflammt, setzte ich mich trotz der Schmerzen in dem Mauerschutt aufrecht …

„Das haben wir ja sehr fein gemacht!“ sagte der Freund in bitterer Selbstironie. „Das kommt davon, wenn man mit den Gedanken nicht bei der Sache ist! Ich dachte nur an die Inderin, die von den beiden Schlitzaugen überrumpelt worden ist, wie ich annehmen mußte … Ich hätte klüger getan, diese glitschige Leiter zu beachten, die doch seit langem nicht mehr benutzt sein konnte … Hätte mir überlegen sollen, daß wir auf dieser Leiter in eine Falle hinabtappten … – Hoffentlich hast du dich nicht beschädigt, mein Alter.“

Ich hatte mich erhoben …

Wir befanden uns hier offenbar in einem Gewölbe innerhalb der Mauern des früheren Forts … In einem Raume von vielleicht fünf Meter Breite und gut zwanzig Meter Länge … Die Steinquadern waren dick mit Moos und Flechten überzogen. Der Boden mit allerlei Geröll und verfaulten Holzresten bedeckt … Von irgendeiner Tür, einem Ausgang nichts zu sehen …

Mir kam’s so vor, als ob Harald unser Mißgeschick, das uns hier in dieses feuchte, stinkende Gewölbe hinabbefördert hatte, denn doch sehr leicht nahm … Oder heuchelte er nur eine Gelassenheit, die in Wahrheit gar nicht bei ihm vorhanden?! Wollte er mich nicht unnötig beunruhigen?! – Denn – würden die Chinesen uns wohl hierher gelockt haben, wenn sie nicht bestimmt wußten, daß ein Entrinnen unmöglich?! Ohne Zweifel kannten doch Tschamo und sein Sohn Lipatu diese Ruinen ganz genau …!

So schritten wir nun an den Mauern entlang, und immer wieder klopfte Harald mit einem länglichen Stein an die bemoosten Quadern, kratzte auch mitunter den Überzug von Moos und Flechten ab und ging bei alledem mit größter Sorgfalt vor …

So hatten wir das Gewölbe beinahe ganz umrundet, als ich, der ich das Loch in der Decke ständig im Auge behalten hatte, eine Bewegung der Steinplatte bemerkte, die jene Öffnung nun verschloß …

„Harald!!“ – und ich deutete nach oben, indem ich die Taschenlampe noch höher hielt …

Die Steinplatte wurde etwas gelüftet, und ein Mauerstein als Stütze daruntergeschoben … In der Spalte erschien das faltige kluge Fuchsgesicht des alten Tschamo …

„Hallo!“ rief er hinab … „Wer seid ihr? Weshalb kamt ihr hier nach der Insel?“

Harald rief sofort zurück, indem er trefflich die Ausdrucksweise einfacher rüder Jan Maate nachahmte:

„Die Pest soll dir in die Knochen fahren, du gelber Hund …!! Wenn wir dich zwischen die Finger kriegen, wirst du was erleben! Denk’ nur nicht, daß wir unbewaffnet sind …!! Außerdem wissen unsere braunen Kameraden von der „Sirene“ ganz genau, daß wir hier auf der Insel ein paar Kobra totschlagen wollten, um die präparierten Köpfe an Touristen zu verkaufen. Wenn wir also nicht Glock’ zwei wieder an Bord sind, kommen euch sicher ein paar handfeste Burschen auf den Hals und werden euch …“

Tschamo unterbrach diese tadellos erfundenen Drohungen … Und aus dem folgenden ging zweifelsfrei hervor, daß er keine Ahnung hatte, wer wir in Wirklichkeit waren.

„Wir werden euch ein Tau hinablassen,“ rief er … „Und wir legen euch hier oben noch fünfzig Rupien hin, wenn ihr versprecht, die Insel nicht mehr zu besuchen …“

„Hundert Rupien, du gelber alter Affe – hundert Rupien!“ brüllte Harald. „Dafür schwören wir euch beim heiligen Triton, daß wir euch nicht die Hälse umdrehen werden …! – Macht fix mit eurem Tau, wir müssen an Bord …!“

Das Tau fiel denn auch wirklich herab. Die Steinplatte wurde vollends beiseite geschoben, und die Chinesen verdufteten …

 

 

5. Kapitel.

Die Riesenschlange.

Harst kletterte empor. Wir rechneten noch immer mit einer Heimtücke der Gelben. Aber sie hatten es ausnahmsweise ehrlich gemeint. Sogar das Geld lag oben neben dem flachen Steine. Wir ließen es liegen.

Harald winkte mir, flüsterte vorsichtig: „Die Schufte haben die Inderin mitgenommen, wette ich … Trotzdem wollen wir uns nun auch hier mal rasch etwas umschauen.“

Aus dem gemauerten Schacht, in dem die feste Leiter lehnte, führte eine Türöffnung in ein ähnliches, nur trockeneres Gewölbe. Und hier sahen wir in einer Ecke so allerlei, was darauf hindeutete, daß dies der jungen Inderin eigentliche Wohnung gewesen: Ein Lager aus Schilf und Decken, ein eiserner Dreifuß, zwei Kochtöpfe und anderes …

Harald wandte sich sofort dem Schacht wieder zu, hob nun das Geld auf und warf es in eine Mauerritze.

Dann kletterten wir die Leiter empor und erreichten in kurzem die Landungsstelle, bestiegen unser Boot und ruderten davon, – fest überzeugt, daß die Chinesen uns beobachten würden.

Das Mondlicht zog leuchtende Streifen über den nächtlichen Fluß. Harst steuerte zum anderen Ufer hinüber und äugte scharf nach rückwärts. Es folgte uns jedoch niemand, und so konnten wir denn ohne Scheu nach der Insel zurückkehren, indem wir diesmal zunächst weit über die Insel hinausruderten und uns dann von der Strömung auf das Eiland zutreiben ließen … Auf Haralds Geheiß hatte ich mich lang in das Boot gelegt, damit nur einer von uns sichtbar sei …

Und wie richtig dies gewesen, zeigte sich sehr bald. Wir kamen nämlich in einiger Entfernung an einem im Strome ankernden Sampan(8), einem der plumpen indischen Frachtfahrzeuge vorüber, und gerade als wir an dem stillen Schiffe vorbeiglitten, raunte Harald mir zu:

„Tschamo … Tschamo dort auf dem Achterdeck des Sampan …! Also ist der Sampan das Quartier der Gelben! Glück muß man haben, mein Alter …! Der Kerl beobachtet uns nicht, spricht mit einem Inder … Und dort an Backbordseite ist ein Boot festgebunden, das niemals zu dem Sampan gehört …“

Dann waren wir vorüber …

Harst ruderte nur ganz schwach … Wir bogen der Insel unter diesen Umständen aus und suchten Deckung hinter einem kleinen Schleppdampfer … Ich konnte mich nun wieder aufrichten …

Harald meinte: „Was tun wir jetzt? Behalten wir den Sampan im Auge oder benutzen wir die gute Gelegenheit und besuchen nochmals die Insel?“

Da – ein Anruf von dem Dampfer her …

„Hallo, was drückt ihr euch da mit eurem Boote herum?! Wenn ihr denkt, daß es hier etwas zu stehlen gibt, so seid ihr schief gewickelt! Schert euch zum Teufel … Sonst …!!“

„Verschwinden wir!“ meinte Harald. „Der Kerl schreit ja derart, daß es bis zum Sampan gehört wird … Also – dann zur Insel …!“

Und kaum fünf Minuten drauf lag unser Boot wieder im Schilf versteckt, während wir der Lichtung zuschlichen …

Dann … kam die große Überraschung … Dann umwehten uns wieder all die dunklen Geheimnisse des Riesenreiches Indien …

In der Röhrichthütte jetzt Licht …

Flackernder Feuerschein …

Und wir wieder hinter der Rückwand.

Wir wie versteinert durch die Ritzen der Wand starrend …

Äffte uns ein Spuk …?!

Dort in der Hütte eine Sänfte, aus einem Rohrsessel und zwei Tragestangen bestehend …

Eine Sänfte, die wir aus Dauli nur zu gut kannten …

In dem Sessel Riwuri Tumir, der Krüppel …

Genau so, wie wir ihn in Dauli gesehen – mit dem übergroßen Turban, mit dem schönen, fast edlen Gesicht, das so Zug um Zug dem der Inderin Ruwi glich …

Der Krüppel – ohne Arme und Beine … Nur ein Rumpf, Hals und Kopf … Bekleidet mit denselben faltigen dunkelbraunen Seidengewändern … Um den Hals eine Kette aus Elfenbein, an der eine winzige goldene Statue des Gottes Indra hing …

Und … vor dem Krüppel neben dem knisternden, flackernden Reisigfeuer zusammengeringelt eine Boa Konstriktor von einer Größe, wie wir sie noch nie gesehen …

Der flache Kopf des Reptils dem Krüppel zugekehrt … Die Augen offen – schillernd … –

Tumir beugte den Kopf ganz tief, zog mit den Zähnen aus dem Gewande eine kurze Flöte hervor, und mit einer verblüffenden Geschicklichkeit entlockte er dem schlichten Instrument nun eine Reihe seltsam weicher Töne …

Die Boa regte sich …

Der Kopf schoß empor – immer höher … Der halbe Leib folgte, bis das Reptil fast das Dach der Hütte berührte …

Und Tumirs Flöte lockte und sang … Das grünbraune Untier pendelte mit dem Oberleib hin und her – gleichsam tänzelnd …

Und dann – – geschah das Ungeheuerliche …

Dann fuhren Kopf und Oberleib wie ein Blitz auf die Stelle zu, wo wir hinter der Röhrichtwand verborgen waren …

Es ist ja genügsam bekannt, daß die indische Riesenschlange im Gegensatz zu der südamerikanischen Anakonda ihren Kopf wie einen Hammer benutzt, daß die Kiefer einer Boa sehr kräftig gebaut sind …

Und dieser Schlangenschädel von der Größe einer mittleren Schüssel durchschlug jetzt wie ein Rammbock das dünne Rohr …

Der Leib hatte im Moment den zurückprallenden Harald umschlungen … Und ebenso geschwind hatten sich auch zwei Windungen des Ungeheuers um meine Brust gelegt …

All das ging so rasch vor sich, daß wir kaum recht zum Bewußtsein dessen kamen, was hier geschah …

Außerdem aber verließ mich auch infolge des furchtbaren Schrecks und infolge des widerlichen Verwesungsgestanks, den die Boa ausströmte, für Sekunden die Besinnung …

Erst als wir dann, wie durch höhere Gewalt ins Innere der Hütte befördert, die Schlangenwindungen wieder von uns abgleiten fühlten, als wir jetzt vor Tumirs Sänfte auf dem Boden hockten und unser jagender Herzschlag sich wieder beruhigte, – – da begriffen wir so recht, was eigentlich geschehen …

Schauten in Tumirs lächelndes Antlitz … Sahen wieder dieses Rätsellächeln wie damals neben dem Raubtierhause in Dauli …

Hörten wieder seine melodische Stimme, die so sehr der eines reifen Weibes glich … Sein fließendes Englisch, seine gewandte Ausdrucksweise …

„Meine Herren, glauben Sie wirklich, daß mir Ihre Anwesenheit verborgen bleiben konnte?! Daß ich Ihre Masken nicht auch durch die Röhrichtwand durchschaute?! – Fürwahr, Sie beide wagen viel … Zum zweiten Male treten Sie mir in den Weg …! Sie hätten es sich reiflich überlegen sollen, nochmals hier nach der Insel zurückzukehren! Sie müssen doch meine Schwester Ruwi als meine Schwester erkannt haben, und das hätte Sie warnen müssen ….! Weshalb das Schicksal herausfordern, Mr. Harst?!“

Harald erhob sich langsam aus seiner sitzenden Stellung … Ich tat es ihm nach – nicht ohne einen Blick zur Seite zu werfen, wo die Boa sich wieder zusammengerollt hatte …

Und Harald erwiderte: „Ich pflege keiner Unglücklichen meine Hilfe zu versagen, Riwuri Tumir … Und das freventliche Spiel, das hier mit Betsy Grandell getrieben wird, konnte ich nicht länger dulden …! – Tumir, – – ich habe dieses Spiel jetzt erkannt, und ich warne dich – ich … dich!!“

Der Krüppel … lächelte …

„Sie sind gewiß ein Mann von hervorragender Intelligenz, Mr. Harst … Sie mögen Miß Grandell und meine Schwester hier belauscht haben … Aber … ein Spiel erkennen, bei dem ich beteiligt bin, Mr. Harst, – nein, Sie müssen bei der Wahrheit bleiben. Sie … wissen nichts als die Tatsachen, die man Ihnen erzählte und die Sie hier erlebten … Über dies hinaus fängt das Dunkel an – jenes Dunkel, das auch meine Persönlichkeit für eure blinden Europäeraugen verhüllt … – Und – falls Sie sich aus alledem wirklich etwas zusammengereimt haben, so kann es nur etwas Unrichtiges sein … Bitte, sprechen Sie!“

Eine eigentümliche Macht, etwas nicht mit Worten näher zu Kennzeichnendes, ging wieder von dem scheinbar so armseligen Krüppel aus …

Und dazu noch die Nähe der Riesenschlange, der Pesthauch, den sie ausstrahlte …

Mir rann’s kalt über den Rücken …

Harald jedoch erklärte sehr bestimmt:

„Wenn du in der Tat über Gaben verfügtest, die dem Durchschnittshirn unfaßbar, dann würdest du auch meine geheimsten Gedanken erraten und daher überzeugt sein, daß euer Spiel so offen vor mir liegt, wie die Augen eines Würfels … – Ich bestreite nicht, daß dir Kräfte innewohnen, die vielen ein Rätsel. Aber deiner Macht ist eine Grenze gesetzt. Sprich du, wenn du mein Denken …“

Tumir unterbrach ihn … Sein Gesicht war ernst, und in den merkwürdigen Augen, die zuweilen jeden Glanz und Ausdruck verloren, etwa so, als ob der Krüppel in sein Inneres schaute, schien mir ein schwacher Funke von Haß und Feindseligkeit aufzuglühen …

„Mr. Harst,“ sagte er mit einer Höflichkeit, die in diesem Falle unbedingt erheuchelt war, „durch Worte kommen wir nicht weiter … Ich will Ihnen …“

Und – verstummte …

Harald war nicht der Mann, dem diese versteckte Änderung im Wesen des Krüppels hätte entgehen können. Er hatte einen Schritt nach rückwärts getan, hatte gleichzeitig seine Clement gezogen und den Sicherungsflügel mit dem Daumen herumgedrückt.

Das gab einen kleinen, metallischen Knack, einen warnenden Ton …

Seine Blicke beobachteten die beiden Gegner gleichzeitig, den Krüppel und die Boa …

Und ich, der nun merkte, daß die Lage der Dinge sich zuspitzte, – ich entsicherte gleichfalls meine Waffe …

Riwuri Tumir schüttelte wie mißbilligend den Kopf …

„Ein schwerer Fehler von Ihnen, Mr. Harst,“ sagte er laut. „Ich wollte Ihnen einen Beweis meines Vertrauens geben, wollte Ihnen beiden … das Geheimnis dieser Flußinsel zeigen … Dann hätten Sie begriffen, weshalb Betsy Grandell so häufig von der Boa träumen … muß …! – Stecken Sie Ihre Waffen wieder ein, nehmen Sie meine Sänfte und tragen Sie mich in das Gewölbe hinab, wo meine Schwester Ruwi zuweilen nächtigt … – Wenn Sie jedoch … Furcht haben, wollen wir uns trennen, dann … gehen Sie und handeln Sie nach Gutdünken, wundern Sie sich aber nicht, wenn dann manches geschieht, was hätte verhindert werden können …“

Er beugte den Kopf ganz tief, bekam die Flöte mit den Zähnen wieder zu fassen und blies ein paar Takte, worauf das Reptil zur Tür hinausglitt und auf der mondhellen Lichtung verschwand.

Harst zögerte noch, meinte darauf:

„Ich lasse die Waffe entsichert und gespannt, Tumir!!“ Und er schob sie in die rechte Außentasche seiner Matrosenjacke … Ich desgleichen … Wir hoben die Sänfte empor, trugen sie bis zu dem Baume und hoben hier den Krüppel heraus. Harst nahm ihn in die Arme, kletterte an den Ästen hoch und erreichte das Loch in dem Gemäuer …

Bald standen wir in dem Gewölbe, in dessen einer Ecke das Lager der jungen Inderin sich befand … Harald mit Tumir in den Armen … Ich mit der eingeschalteten Taschenlampe in der Linken, die Rechte … griffbereit für die neunschüssige Waffe …

Sagte da der Krüppel: „Links neben dem Lager, Mr. Schraut, in halber Manneshöhe in der breiten Mauerfuge an der Stelle, wo ein Kreuz in den Stein gekratzt ist … Führen sie den Daumen in die Fuge ein, und Sie werden einen Metallknopf fühlen … Drücken Sie, und die Mauer wird sich öffnen …“

Ich trat an die Wand heran, sah das Kreuz … Harst stellte sich neben mich …

Mein Daumen fand den Knopf … Ich drückte …

Drückte stärker …

Und – – jählings wich da der Steinplattenboden unter meinen Füßen … Ich sah noch zwei schattenhafte Gestalten, deren eine Harst mit einer kugelförmigen Keule (es war ein Sandsack) über den Kopf schlug, während der zweite Mann ihm ebenso blitzschnell den Krüppel entriß …

Dann sausten wir auch schon in die Tiefe … Überlistet von Tumir, an dessen beide Sänftenträger wir nicht gedacht hatten …

Sausten in die Tiefe … Schlammwasser spritzte auf …

Ich hatte die Taschenlampe ängstlich festgehalten … Sie war unsere Rettung … Hatte den Arm hochgereckt, hatte, bis zu den Hüften im Morast stehend, den halb bewußtlosen Harst rasch emporgerissen, damit er in dem zähen Schleim nicht ersticke.

Er kam rasch wieder zu sich …

Wir standen in einem gemauerten Schacht von etwa drei Meter Seitenlänge … Triefend von Schlamm, die Augen halb verklebt …

Und über uns in fünf Meter Höhe erkannten wir deutlich die Umrisse der großen Falltür, die uns hier in dieses grauenvolle Loch hinabbefördert hatte …

 

 

 Als Tumir starb…  

 

 

1. Kapitel.

In anderem Kostüm.

In diesem Schacht eine Moderluft, die sich wie ein Bleipanzer auf die Brust legte … Kaum atmen konnte man …

Und unter unseren Füßen – ein schwacher Trost! – fester Boden. Ich fühlte: Auch das waren Steine, und über ihnen das schlammige, zähe Wasser etwa meterhoch …

Ein Trost … Waren wir doch der Angst überhoben, im Morast langsam zu versinken … –

Harst wischte sich die Schlammkruste vom Gesicht …

Und bei mir kam nun der Stimmungsumschwung, kam die Wut zum Durchbruch …

„Der Schuft!“ zischte ich … „Und wir beide laufen ihm so blindlings ins Garn – wir beide!!“

„Meinst du?!“ erwiderte Harst gedämpft. „Meinst du wirklich, daß ich nicht auf eine Büberei vorbereitet war?! – Freilich nicht auf diese … Ich stellte mir den Knalleffekt anders vor … Mit den Sänftenträgern hatte ich gerechnet …“

Und – nach kurzer Pause:

„Licht aus, mein Alter! – So, nun bleibe stehen … Laß mich handeln … Ich glaube, daß Tumir diesen Schacht überschätzt, daß er die Tiefe des Schlammes und die sonstige Eigenart dieses Teiles des alten Forts nicht kennt.“

Er flüsterte nur noch. „Tumir mag wohl annehmen, daß wir hier elend ersaufen werden … Bestimmt nimmt er das an. Für halbe Arbeit ist dieser Krüppel nicht. Wir wollen ihm auch den Gefallen tun und sein teuflisches Herz vor Freude hüpfen lassen … Rufe in allen Tonarten – vom inbrünstigen Flehen bist zu Wut und Verzweiflung … Die Kerle müssen getäuscht werden … Verhalten wir uns still, werden sie stutzig, denn kein Mensch in höchster Todesnot wird schweigen … Rufe, brülle, und – sei überzeugt, daß dieser Schacht eine Verbindung mit dem Fluße hat. Wie käme sonst so viel Wasser hier herein. Ich werde suchen …“

In tiefster Finsternis diese Worte, die so freundlich mein Ohr umschmeichelten …

Ich lebte auf … Hoffte wieder … Und begann die Komödie …

Rief, brüllte, – in allen Tonarten …

„Hallo, Tumir … Tumir! Du wirst uns doch nicht ersticken lassen …“

Und – Ähnliches in kurzen Zwischenräumen … im Dunkeln … immer nach oben schielend, ob dort an der Falltür, die längst wieder hochgeklappt war, nicht ein Lichtschein sich zeigte …

Ich übertrieb die Komödie nicht. Kein Zuviel, kein Zuwenig … Die Bande sollte genarrt werden und nicht etwa merken, daß wir trotz Schlamm und Gestank festen Boden unter den Füßen hatten …

Mit einem Male dicht neben mir eine Stimme – ein Hauch:

„Genug, mein Alter! Ich habe den Mond gesehen … – Jetzt noch einen letzter Schrei … – So, brav gemacht … Hand her … Folge mir … – Nun bück dich, hohle noch einmal tief Atem … Der Kanal, der zum Fluße läuft, ist eng und etwa vier Meter lang … Sein Eingang liegt dicht unter der Oberfläche des Wassers hier …“

Ich bückte mich …

Harst zog, hielt meine Hand …

Über meinem Kopf schlug der ekle Morast zusammen.

Ich fühlte die schlüpfrigen Wände des Kanals – – ich kroch, wurde halb vorwärts gerissen …

Dann ein Ruck … Ich stand aufrecht, wischte mir die Augen aus, schaute umher …

Mondstrahlen fielen durch Dickicht und Baumzweige …

Wir beide am Ufer der Insel nach dem Strome zu, umgeben von der grünen Wildnis … auf Mauerresten, kaum bis zu den Knien im leise plätschernden Wasser …

„Spüle dir das Gesicht ab,“ riet Harald und beugte sich herab …

Und wieder: „Jetzt herunter mit unseren Kleidern … Behalte nur die Hosen an … Stecke Pistole und Taschenlampe in die Beinkleidtasche …“

Er riß ein paar Zweige ab, raufte Schilf und Röhrichts aus …

„Wir müssen unsere Köpfe bedecken,“ meinte er nur … „Fühlst du dich kräftig genug, bis zum nächsten ankernden Sampan zu schwimmen? Dort finden wir schon einen Nachen(9), borgen ihn uns in aller Stille …“

„Nur zu!“ – und ich wäre noch weiter geschwommen.

Wir schwammen …

Der Mond war bereits im verblassen … Der Morgen kam …

Erreichten den Sampan …

Eine Enttäuschung: kein Nachen, kein Boot, das wir hätten „borgen“ können …

Wir ließen uns mit der Strömung treiben … Kamen an einen zweiten Sampan, hatten hier mehr Glück … An Deck keine Seele, am Heck ein Bretterkahn, nur mit einem Tau befestigt …

Hinein … Das Tau gelöst … Zusammengeduckt … Die Strömung entführte uns …

Als wir hundert Meter entfernt, – – die Ruder zur Hand …

„Wohin?!“ fragte ich …

Harst – lakonisch:

„Wir sind mausetot, mein Alter … Nur O’Kelling darf eingeweiht werden … Laß mich nur machen …“

Stromabwärts ging’s …

Sobald ein Boot in Sicht kam, bogen wir aus … Denn wir nackten Europäer, denen nur noch Reste der falschen Bärte an den Wangen klebten, wären hier nur allzu sehr aufgefallen …

Vorsichtig näherten wir uns so der umgetauften „Lady Hamilton“ …

Auch hier an Deck kein Mensch …

Wozu sollte unser Käpten eine Wache aufstellen?! Der Kutter hatte nur Ballast im Raum …

Wir erwischten die Ankerkette am Heck … Unser Kahn trieb weiter … Kein großer Verlust für die Sampanleute …

Harst zuerst an Bord … Achtete, daß die Belastung der Kette den Kutter nicht allzu lebhaft bewegte …

Dann ich, – und hinein in die Heckkajüte, wo Freund O’Kelling auf seinem Lager schnarchte.

Daß Tumir etwa den Kutter jetzt schon beobachten ließ, brauchten wir nicht zu fürchten … Tumir hielt uns für erledigt, und O’Kelling war ihm vielleicht sehr gleichgültig – auch später …

Harald rüttelte den Käpten.

War ein schwierig Stück Arbeit, den Alten munter zu kriegen …

Der glotzte uns an, als ob wir aus der Unterwelt emporgestiegen seien …

Harst gab ihm dann Verhaltungsmaßregeln – kurz, genau …

Wir verschwanden in der Nebenkammer … Unser Koffer lieferte, was wir brauchten. Zehn Minuten drauf ruderten zwei indischen Matrosen und der Käpten an Land, ein Stück stromaufwärts … Die beiden schwarzbärtigen Inder schritten, jeder ein Bündel auf dem Rücken, in die Maisfelder hinein. O’Kelling ruderte zurück. –

Die Morgenhelle nahm zu …

Harald meinte gutgelaunt:

„Eine böse Suppe hat Tumir sich da eingebrockt ….! Wir werden uns jetzt ein Quartier gegenüber dem Sampan unserer beiden chinesischen Freunde suchen, vielleicht eine leere Fischerhütte … Tschamo und Lipatu hatten die Inderin an Bord. Ob Tumir das ahnt, ist zweifelhaft. Jedenfalls – wir haben die Trümpfe, mein Alter … Und das Spiel macht mir Spaß …“

In den Feldern Stille und Einsamkeit …

Auf schmalen Wegen, die von Ochsenkarren aufgewühlt waren, kamen wir der Insel näher. Und jenseits der Insel ankerte der Sampan …

Hier am Flußufer im Gebüsch sogar zwei leere, halb verfallene Rohrhütten … Wir hatten Auswahl, bezogen die höher gelegene, von der aus man den Strom überschauen konnte … auch rechts die Insel, links den Sampan.

Die ersten Sonnenstrahlen drangen aus dem dunstigen Horizont, glitten schmeichelnd über die Hafenstadt, den Fluß, die weißen Bungalows der Europäer …

Wir hatten uns in die Türöffnung gesetzt, ein kleines Feuer angezündet, einen Blechennapf über die Flamme gehängt.

Der Tee war sehr bald fertig, und wir frühstückten mit dem wohligen Behagen von Leuten, denen der Tod auf den Fersen gewesen und die nun in Sicherheit …

Und ebenso unbekümmert schleppte jetzt noch ein kräftiges Ichneumon(10), den Pelz feucht von Wassertropfen, eine armlange Schlange einem nahen Steinhaufen zu und verschwand dort in einem Loch …

Eine Schlange …

Und dies gab den Anstoß, daß in meinem Hirn urplötzlich die schon etwas verblichenen Bilder unseres eigenen Schlangenabenteuers wieder lebendig wurden, – daß ich mich an Harald wandte und fragte:

„Die Riesenschlange Tumirs ist natürlich dasselbe Reptil, mit dem Betsy Grandell nachts belästigt wird …?“

„Tumir hat’s ja gar nicht abgeleugnet, mein Alter … Denn seine lahmen Redensarten bedeuteten doch keinen Widerspruch. Im übrigen: Es gibt hier nur noch unwesentliche Nebenumstände, die ungeklärt sind, was ich schon einmal betonte. Der Hauptpunkt ist mir kein Rätsel mehr … Wenn du, lieber Alter, diese Inderin Ruwi während ihrer Unterredung mit Betsy genau beobachtet hättest, würde dir unbedingt etwas aufgefallen sein, das … gegen diese Ruwi Beweis ablegt …“

„Beweis … ablegt …?! – Harald, das ist ein merkwürdiger Ausdruck in diesem Zusammenhang!“ erlaubte ich mir mit leisem Kopfschütteln zu erwidern.

„Mein guter Alter, wenn es so weit ist: Denke an diese Worte! Wenn es soweit ist, wirst du dir an die Stirn fassen und das unsichtbare Brett davor noch nachträglich wegreißen …! Dann wird dir Betsys unaufdringlicher Liebreiz einfallen, und in deinem kühlen Junggesellengemüt wird das Verständnis für die größte Triebkraft des Weltalls aufgehen …“ Er lächelte fein … Und dieses Lächeln strafte sein braun gefärbtes Gesicht und den schwarzen Bart Lügen, denn es war das geistvolle, halb ironische, halb gutmütige Lächeln eines intelligenten Europäers … Kein Asiate lächelt so …

Ohne Übergang fügte er hinzu:

„Auf dem Chinesen-Sampan wird es lebendig … – Tschamos Fuchsgesicht lauert hinter der Reling mit einem Fernglas und beäugt die Insel. – Wenn du satt bist, lege dich schlafen. Ich wecke dich um zehn Uhr. Dann kannst du mich ablösen.“

 

 

2. Kapitel.

John Grandells Augen…

Ich erwachte ganz von selbst …

Grund: Ameisen!!

Ausgerechnet hatte eine Kolonien der gelbschwarzen Wanderameisen ihren Kurs durch die Hüttenwand und über meine Beine genommen …

Ich war hochgefahren, sah die üble Bescherung, fühlte die kleinen Bestien überall am Körper, riß mir die Sachen vom Leibe …

Ein leises Lachen vom Hütteneingang her …

„Wirf mir deine Lumpen nur zu, mein Alter … Ich werde die Viecher ausräuchern … Hülle dich derweil in mein Stück Segelleinwand … Hast Pech gehabt …“

Harst saß noch an derselben Stelle.

Ich wischte mir die Ameisen vom Körper … Harald hatte das kleine Feuer frisch angefacht und nasses Holz hineingeworfen, räucherte nun mein Kostüm aus …

Ich, in das Segel malerisch eingehüllt, schaute ihm zu … Fragte: „Etwas Neues?“

„Gewiß, gewiß,“ nickte er und schwenkte meine schmierigen weiten Leinenhosen im Rauche. „Gewiß: Tumirs Sänftenträger suchen nach der Inderin … Ich bin nämlich erst vor wenigen Minuten zurückgekehrt, war hinter ihnen her, sah, daß der eine einen Brief an Betsy Grandell beförderte – auf eine sehr eigentümliche Art …“

„Wie denn?“

„Hier hast du zunächst deine Hosen – – bitte … –

Ja, auf eine sehr eigentümliche Weise … Ich wurde erst gar nicht recht klug daraus, denn einer der Sänftenträger kletterte über den Zaun des Grandellschen Gartens und ahmte den wütenden Schrei eines Affen mit solcher Virtuosität und mit solcher Lungenkraft nach, daß dadurch einer der Diener der Geschwister herbeigelockt wurde und dem Affenimitator einen Brief abnahmen und damit verschwand. – So, hier hast du auch dein Baumwollhemd und deine Jacke – angenehm nach Rauch duftend wie eine heimatliche Flunder aus Ahlbeck …“

Ich hatte im Moment für diese Witzeleien absolut kein Interesse, sondern meinte: „Und das bezeichnest du mit „sehr eigentümliche Art der Briefbeförderung“ …?!“

„Nun – ist es etwa nicht eigentümlich, wenn einer der Diener, auf deren Treue beide Grandells doch Häuser bauen wollten, sich nun als Verbündeter Tumirs herausstellt, wenn ihn der Affenschrei prompt herbeilockte und er den Brief nicht nur sofort an Betsy ablieferte, sondern dem Sänftenträger sogar Antwort brachte!! – Ich lag als Zuschauer im Gestrüpp des leeren Nebengrundstücks zwischen verrosteten Konservenbüchsen, unbrauchbaren Emaillieeimern und zerschlagenem Porzellan, dieweil eben die liebe Nachbarschaft die unbebaute Parzelle als Müllplatz benutzt. Ich sah die beiden Sänftenträger verduften, sah auch Betsy im Garten, schlich heran und konnte sehen, wie sie auf einer Bank Tumirs Brief nochmals las und dann in kleine Stückchen zerriß, die sie über den Zaun flattern ließ – in der Annahme, daß das Schreiben so aller Welt entzogen sei, ein Irrtum, den ich beweisen kann, und ich war gerade dabei, sie zusammenzusetzen, als du so jählings munter wurdest. Es ist auch bereits halb elf, und die Ameisen haben dich also keineswegs zu früh geweckt … – So, nun kommen die Briefschnitzel an die Reihe, lieber Alter … Setzen wir uns … Bin gespannt …“

Der mit Bleistift geschriebene Brief lautete:

„Miß Betsy,

meine Schwester Ruwi ist seit dieser Nacht verschwunden. Wissen Sie vielleicht, ob Ruwi Negapatam für kurze Zeit verlassen hat? – Ich bin sehr beunruhigt, da sich leider durch Ihre Fahrt nach Madras und durch Ihre Zusammenkunft mit den deutschen Detektiven die ganze Angelegenheit auch zu Ihren Ungunsten verschoben hat. Schreiben Sie mir sofort ein paar Zeilen als Antwort.

Tumir“

Als Harald mir dies vorgelesen, meinte ich ironisch:

„Tumir kann das doch gar nicht geschrieben haben, es sei denn als „wandelnder Tumir“, als Geist, – nur dann besitzt er ja Arme und Hände …!“

Harald schaute mich mißbilligend an …

„Du scheinst in deiner Jugend wenig Jahrmarktbuden besucht zu haben, Max Schraut … Krüppel, die einen Bleistift zwischen die Zähne nehmen und auf diese Weise schreiben, zeichnen, auch mit einem Pinsel malen, gab es doch oft zu sehen … Und dies ist mit den Zähnen geschrieben … Sieh nur, wie stark die Schrift sich in das Papier eingedrückt hat …!! – Also stimmt es schon: Betsy kennt auch Tumir, und einer der Grandellschen Diener ist bei der nächtlichen Schlangenvisite stets mit im Spiel – natürlich der, der den Brief abholte und die Antwort brachte, die nur dahin gelautet haben kann, daß Betsy nichts über den Verbleib Ruwis weiß, was ja auch stimmt … Denn die Inderin befindet sich als Gefangene auf dem Chinesen-Sampan, und vielleicht wird auch Tumir sehr bald ihr Schicksal teilen, da die gelben Herrschaften leichter an ihr Ziel gelangen, wenn sie beide Geschwister in ihrer Gewalt haben …“

„ …Ihr Ziel?! Und das wäre?!“

„Aber – aber!! Haben die Ameisen dich denn nicht völlig wach gerüttelt?! Denk doch gefälligst daran, daß Tschamo und Lipatu es auf den Geheimfonds, auf jene Millionen, abgesehen hatten, daß Tumir aus Dauli verschwunden ist, wie sogar die Zeitungen erwähnten, und …“

„Stopp!“ rief ich, und ich war verblüfft über die einfache Lösung. „Die Gelben wollen Tumir zwingen, den Ort anzugeben, wo der Fonds jetzt versteckt liegt …!“

„Na endlich – – endlich!! Dieses Lichtlein hättet dir auch von selbst aufgehen können!! So sehr schwer war’s doch nicht, das zu erraten. Chinesen sind zäh, wenn sie einen Plan entworfen haben, – zäher als Sir Lionel Wardner seligen Angedenkens … Für Tschamo und Lipatu handelt es sich hier nur um Geld … Für Ruwi und Tumir keineswegs um Geld – eher im Gegenteil …!“

Und er legte die Briefschnitzel in die glühende Asche des Feuers und sah zu, wie das Papier sich bräunte und ebenfalls zu Asche wurde.

Ich schaute nachdenklich auf die verkohlten hellgrauen Papierstückchen, auf denen die Schrift noch als dunklere Striche zu erkennen war.

Ein Windstoß kam, und diese hellgrauen zusammengekrümmten Flöckchen flatterten davon wie kleine Vögel …

Fragte dann: „Und das Ende von alledem, Harald?!“

„Werden wir herbeiführen, mein Alter … Ich möchte einmal Zeuge sein, wie die Boa nächtlicherweise ihren Weg in Betsys Zimmer nimmt … Ich möchte einen freventlichen Plan, der nur dem Hirn eines Asiaten entsprungen sein kann, bis zum Schein des Gelingens ausreifen lassen … Möchte Tumir beweisen, daß seine Intelligenz denn doch um einige Grade geringer ist, als die unsrige … Wir werden also zunächst mit Doktor. John Grandell uns ins Einvernehmen setzen, dem ich ohnedies viel abzubitten habe, da ich auch einen ganz schwachen Argwohn gegen ihn selbst hegte, diese Nächte des Schreckens vielleicht inszeniert zu haben, um seine Schwester … – doch nein, ich will das gar nicht aussprechen, mein Alter …! Irren ist eben menschlich, und aus schnöder Geldgier haben schon Bruder und Schwester sich oft genug aufs hinterlistigste bekämpft, haben für die Außenwelt gegenseitige Liebe geheuchelt und doch im tiefsten Innern sich mit abscheulichen Gedanken getragen. – Doktor Grandell muß jedenfalls eingeweiht werden. Ohne ihn können wir nicht unbemerkt in den Bungalow hinein, und das wird nötig werden … Und die Nacht, in der wir die Riesenschlange bestimmt erwarten können, wird dann auch Miß Betsys letzte Schreckensnacht sein …“

Er hatte immer langsamer, immer zerstreuter gesprochen …

Sein Blick war halb nach rechts auf den Fluß gerichtet, auf die Ruinen des Inselforts, auf eine ganz bestimmte Stelle scheinbar …

Nun schwieg er …

„Was gibt’s?“ fragte ich leise …

Mußte nochmals fragen:

„Harald, was gibt’s?!“

„Still …!!“ – und seine Handbewegung war ungeduldig, gereizt …

Auch ich spähte durch die Büsche dorthin, wo er irgend etwas entdeckt zu haben schien …

Wir saßen hier vor der Hütte im Schatten … Da waren langblättrige Gipurnasträucher(11) in Menge … Um ihre gelben Riesenblüten schwärmten Dutzende von Bienen. Da war ein wilder Apfelbaum mit tief herabhängenden Zweigen. Es war ein angenehmes Plätzchen, zumal vom Fluße ein etwas kühlerer Lufthauch herüberwehte …

Drüben aber über den verfallenen Wällen und dem Dickicht der Insel lag die pralle, grelle Sonne …

Ich … sah nichts Besonderes. Wenn ich meine Brille hätte aufsetzen können, dann würde ich vielleicht bemerkt haben, was jetzt Harsts ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm … Aber – ein indischer schlichter Matrose mit Hornbrille: Unmöglich!

Dann Harald, neben mir den Kopf noch höher reckend: „Bei Gott, es ist John Grandell, der dort auf der Insel in dem alten Gemäuer umhergeklettert … Sollte er etwa wissen, daß Betsy die Ruinen heimlich besucht?! – Komm’, mein Alter, wir müssen ihn abfangen, wenn er die Insel wieder verläßt … Wir legen uns der Insel gegenüber auf die Lauer. Er kann ja nur dort gelandet sein, wo wir nachts unser Boot versteckt hatten … Es müßte noch im Schilf liegen, aber Tumir wird es wohl mit der Strömung haben davontreiben lassen … – Komm’, beeilen wir uns … Grandell ist verschwunden …“

Bis zu dem verkrauteten Wasserarm zwischen Insel und Ufer waren’s keine hundert Meter. Gebüsch gab es hier überall genug, so daß wir unbemerkt an Ort und Stelle gelangten. Hohe Grasbüschel boten uns ein gutes Versteck. Wir lagen dicht am Wasser, und durch die Rohrstengel konnten wir ungefähr den Platz erkennen, wo man die Insel am bequemsten betreten konnte …

Harald äugte scharf hinüber …

„Nirgens ein Boot – das ist merkwürdig!“ meinte er leise … „Warte doch einmal hier … Ich möchte etwas feststellen, was eigentlich die einfachste Verbindung wäre.

Er kroch davon …

Schob sich durch Gras und überhängende Zweige, kam mir bald aus den Augen …

Dann ein Pfiff – wie der eines Vogels …

Nochmals … nochmals …

Ein Signal für mich … Signal, ihm zu folgen …

Kaum acht Meter weiter lag er im Gestrüpp … Das Ufer fiel hier ziemlich steil ab und ein einzelner knorriger Baum hatte mitten auf dem Abhang sich dem Wasser zugeneigt und seine Krone in die wehenden Rohrstengel gedrückt.

„Sieh dir mal den Baum an …“ raunte Harst mir zu … „Die Rinde …!! Sie ist ein ganze Stück vom Wurzelstock an geradezu glatt getreten … Der schräge Baum dient als Brücke … – Und dann – blicke ins Wasser … Beachte, wie dünn das Röhricht rechts von dem Baum ist … Ich wette, man hat da aus Mauertrümmern und Balken einen Laufsteg unter Wasser hergestellt, eine Verbindung zwischen Insel und Ufer … Und daß …“

Jetzt war ich’s, der ihm ein warnendes „Achtung!!“ zuflüsterte …

Denn – – John Grandell kam …

Kam, als ob er die Fähigkeit besäße, im Wasser nicht zu versinken …

Kam – –- den unsichtbaren Laufsteg entlang, tief gebückt, nur bis zu den Waden im Wasser …

Kam, schwang sich auf den schrägen Baum, erreichte so die Uferhöhe …

Harst hatte mich rasch tiefer in das Gestrüpp gezogen, wo wir von keiner Stelle der Insel aus bemerkt werden konnten …

Grandell schritt keine zwei Meter entfernt an uns vorüber … Da war ein schmaler Pfad ausgetreten, kaum auffällig …

Und Harald rief ihn halblaut an:

„Mr. Grandell – – Mr. Grandell!! Hier ist Harst … Bitte gehen Sie nachher am Ufer im Gebüsch nach Osten zu … bis zu den beiden Röhrichthütten … Lassen Sie sich aber nicht sehen … Man beobachtet Sie fraglos von der Insel aus … Auf Wiederschauen …“

John Grandell erwiderte nur:

„Gut – – verstanden …!“ – und schritt weiter …

Wir krochen wieder näher dem Ufer zu …

Wollten feststellen, ob etwa einer der Sänftenträger dem Doktor auf den Fersen bliebe …

Nichts Verdächtiges …

Auch wir entfernten uns … Und als wir unsere Hütte erreichten, vor der ja die Feuerstelle und andere Anzeichen Grandell zum Eintreten veranlaßt haben mußten, – – nichts von Grandell – – nichts …!

Was mochte das zu bedeuten haben?!

Er konnte Harald doch unmöglich falsch verstanden haben – unmöglich! Hatte ja außerdem bestätigt, daß er der Aufforderung Folge leisten würde …!

Wo war er?!

Und selbst aus Harsts Augen sprach eine lebhafte Besorgnis …

„Wollen doch mal in die andere Hütte hineinschauen,“ meinte er.

Die lag etwa zwölf Meter weiter in einer Bodensenkung, war schon sehr arg mitgenommen und wies in den Wänden große Löcher auf …

Wir eilten hinüber …

Eine Tür gab es auch hier nicht …

Und dicht hinter der Tür auf einem Haufen Schilf lag John Grandell auf dem Rücken …

Die Augen unnatürlich weit aufgerissen … Die Brille verrutscht, der breitkrempige Strohhut tief ins Genick gerutscht …

Und in den Augen einen Ausdruck namenlosen Entsetzens …

Harald war mit einem Satz neben ihm, beugte sich zu ihm hinab …

Rief ihn an:

„Grandell – – Grandell!!“

Und dann …

 

 

3. Kapitel.

Nicht Mädchenhändler, – – was sonst?!

Und dann … regte es sich unter dem Schilfhaufen …

Unter Grandells schlaff herabhängendem Arm und seinem Leibe schob sich der flache, scheußliche Kopf einer Kobra raschelnd hervor …

Harst prallte zurück …

Die Kobra schoß aufwärts …

Die Haube blähte sich …

Der Kopf glitt hin und her … Die gespaltene Zunge zeigte sich, verschwand wieder zwischen den Kiefern … Die Perlenäuglein funkelten …

Und Grandells Gesicht wurde grüngelb …

Diesmal war ich der raschere …

Da lag noch die Hälfte eines Ruders, ein anderthalb Meter langes Stück, eine erbärmliche Waffe … Und doch hier die einzige, die Grandell retten konnte …

Ich bückte mich … Holte aus …

Schlug zu … – Nicht etwa nach dem Kopfe der Kobra … Den hätte ich doch nie getroffen …

Traf aber den Schlangenleib – mit solcher Wucht, daß die Kobra vollends aus dem Schilf herausgerissen wurde und gegen die Wand flog …

Harst riß Grandell empor … Ins Freie … Die Kobra aber verzichtete auf jeden weiteren Angriff, wollte sich durch die Rohrwand nach außen zwängen … Ein zweiter Hieb brach ihr das Rückgrat, ein dritter zerschmetterte den flachen Kopf …

Dann hatten wir Grandell in unsere Hütte geführt, wo ihn ein Schluck Whisky rasch wieder auf die Beine brachte … – Sein Abenteuer mit der Kobra war seinerseits nichts als eine große Unvorsichtigkeit gewesen … Er hatte sich, um uns zu erwarten, ohne weiteres auf den Haufen Schilf gesetzt, hatte dann erst die Bewegungen des Reptils gespürt und nicht mehr aufzustehen gewagt, war sogar noch von selbst ein Stück nach unten gerutscht und lag nun, die Schlange unter sich, regungslos da … Bis wir erschienen.

Nun – fürs erste war ja alles gut abgelaufen … Der Doktor bedankte sich bei mir geradezu gerührt. Dann besprachen wir mit ihm das, was ihm sowohl wie uns am dringendsten am Herzen lag: Betsys Verkehr mit der jungen Inderin!

John Grandell erzählte uns hierüber folgendes:

Sie hätten vor reichlich einem halben Jahre zwecks Einkäufe sich mehrere Tage in Madras aufgehalten, und dort habe Betsy die Inderin auf der Straße kennen gelernt. Ruwi hatte sich an sie herangedrängt und ihr ein altertümliches Schmuckstück zum Kauf angeboten und dafür einen so geringen Preis gefordert, daß selbst Grandell für den Erwerb des Münzenarmbandes war. Nach diesem ersten Zusammentreffen erschien Ruwi dann auch wiederholt in Negapatam, kam in den Bungalow und brachte Betsy regelmäßig kleine Geschenke mit. Da die junge Inderin über eine gewisse Bildung verfügte, hatte der Doktor, zumal seine Schwester an Ruwi Gefallen fand, an diesem Verkehr nichts auszusetzen gehabt und sich um diese Dinge zunächst nicht weiter gekümmert. Erst vor kurzem hatte er dann gemerkt, daß Betsy sich häufiger heimlich aus dem Bungalow entfernte und ihm, wenn er sie nach dem Ziel ihrer kurzen Ausflüge fragte, offenbar die Unwahrheit sagte. Schließlich stellte er fest, daß seine Schwester bei diesen Gelegenheiten regelmäßig die Fortinsel entweder mit dem Boote oder mit Hilfe des geheimen Laufsteges aufsuchte. Er begann jetzt zu ahnen, daß hinter dieser Freundschaft mit der jungen Inderin doch offenbar noch irgendetwas Geheimnisvolles steckte, verschwieg Betsy, daß er ihr häufiger nachgeschlichen war, und hatte dann heute den Vormittag dazu benutzt, die Insel gründlich in Augenschein zu nehmen, hatte jedoch nichts Besonderes entdecken können.

„Wahrscheinlich werden Sie, meine Herren,“ schloß er die Angaben, „mir ebenfalls so manches mitzuteilen haben, denn ich vermute wohl nicht zu Unrecht, daß Sie über die Inderin besser Bescheid wissen als ich … Ruwi hat sich mir gegenüber hinsichtlich ihrer Persönlichkeit stets so etwas in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Sie behauptete Waise zu sein und als Händlerin umherzuziehen.“

Harald nickte sehr ernst … „Allerdings, Mr. Grandell, wir kennen Ruwi denn doch etwas genauer. – Eine Frage, Doktor: Hat die Inderin jemals ihren Bruder Tumir, den Krüppel, erwähnt?“

Grandell schüttelte den Kopf. „Nein, niemals, Mr. Harst … Den Namen Tumir kenne ich lediglich aus den Zeitungen … Ich habe mit Interesse die Berichte über die Vorgänge in Dauli verfolgt, und …“

„Danke, Doktor … – Nun hören Sie, was wir Ihnen zu berichten haben …“

Und er schilderte eingehend die verflossene Nacht und das zwischen Betsy und Ruwi in der Inselhütte geführte und von uns belauschte Gespräch …

John Grandell war zunächst geradezu wie versteinert …

Seine guten, ehrlichen Augen hingen angstvoll an Haralds Gesicht …

„Mein Gott, was soll ich nur von alledem halten?!“ rief er dann. „Was verbindet Betsy so eng mit dieser zweifelhaften indischen Schönheit?! Wie ist es möglich, daß meine Schwester sich derart von Ruwi beeinflussen läßt?! Und dann noch diese unselige Schlangengeschichte …! Sie glauben also wirklich, Mr. Harst, daß Ruwi und der Krüppel die Urheber dieser Schreckensnächte sind?! Wozu nur dies Ungeheuerliche – – wozu?!“

Er war bleich geworden …

Man merkte ihm an, wie groß seine Liebe für seine Schwester und wie ernst seine Sorge um ihr Wohlergehen war …

Harald reichte ihm die Hand …

„Doktor. Sie haben jetzt keinen Grund mehr. Betsys wegen sich zu ängstigen. Eine Gefahr, die man kennt, ist keine Gefahr mehr. Nur das Unbekannte birgt Schrecken. Hier aber ist alles bis auf Kleinigkeiten geklärt …“

„Geklärt?! Dann flehe ich Sie an, Mr. Harst, reden Sie …! Lassen Sie mich nicht im Ungewissen …! Sie glauben ja nicht, wie innig ich meine Schwester liebe – trotz ihrer Schwächen …“

„Und diese Schwächen, Doktor, – gehört dazu auch ein starker Hang nach wertvollem Schmuck, vielleicht sogar der unbezähmbare Wunsch, recht reich zu sein?“

Grandell blickte Harst verblüfft an …

„Woher diese Kenntnis von Betsys Charakterfehlern, Mr. Harst?“ fragte er rasch. „Wie ist es möglich, daß Sie …“

„Darüber später, Doktor … Ich will Ihnen vorläufig nur andeuten, wie die Sachlage sein dürfte … Auch ich kann mich ja irren, obwohl ich dies nicht befürchte … Jedenfalls hat Ruwi im Verein mit ihrem Bruder und dessen beiden Sänftenträgern und Ihrem Diener …“

„ …Laska heißt der Elende,“ warf Grandell ein. „Laska ist Betsys Lieblingsdiener, und auch ich habe dem Menschen bisher genau so mein volles Vertrauen geschenkt, wie das meine Schwester tat …“

„Nun – diese heimlich Verbündeten haben in sehr raffinierter Weise bei passender Gelegenheit den … Schlangenspuk in Szene gesetzt, um das Nervensystem Ihrer Schwester so weit zu ruinieren, daß sie den Einflüssen Ruwis keinen Widerstand mehr entgegensetzen könnte … Beachten Sie, Doktor, daß die Boa Konstriktor zum ersten Male sich zeigte, nachdem Ihre Schwester mit Ihnen in Madras gewesen war, also die Inderin kennen gelernt hatte … Und wenn Sie nun die späteren Zeitpunkte des Auftauchens der Riesenschlange mit den Besuchen Ruwis hier in Negapatam vergleichen, wird sich fraglos ergeben, daß die Boa immer dann erschien, wenn Ruwi hier gewesen war …“

Grandells hatte den Kopf in die Hand gestützt, dachte angestrengt nach, nickte dann … „Ja, es ist richtig, Mr. Harst! Es bedarf ja auch gar keines Beweises mehr, daß diese … diese Schurken, Ruwi an der Spitze, meine arme Schwester so schändlich behandelt haben! Nur – – weshalb in aller Welt wollte die Inderin über Betsy solch uneingeschränkte Macht gewinnen – – weshalb?! Was kann der Inderin an einer jungen Engländerin liegen, die vielleicht hübsch, aber keineswegs reich ist?!“

Harald erwiderte leise:

„Doktor, Ihre Schwester sollte … verschwinden …!“

„Verschwinden?! Wie … wie meinen Sie das?!“

„Ihre Schwester sollte freiwillig und heimlich den Bungalow und Sie für immer verlassen – – eben spurlos verschwinden …, spurlos für Sie, den Bruder, und die Behörden, die dann nach ihr gesucht hätten …“

Als Harald diese Sätze ausgesprochen hatte, begann ich den Zusammenhang zu überschauen …

Und etwas voreilig rief ich nun:

„Also … Mädchenhändler, Mädchenräuber! Miß Betsy sollte dem Harem irgendeines eingeborenen Fürsten zugeführt werden!“

Doch Harst schüttelte den Kopf …

„Nein, Doktor, mein Freund Schraut schießt weit über das Ziel hinaus … Keine Rede von Mädchenhändlern …“

„Ja, mein Gott,“ stöhnte Grandell, „wenn nicht das, – – was denn sonst?!“

„Etwas,“ erklärte Harald schlicht, „das nun nie mehr verwirklicht werden wird – nie mehr! Etwas, das Sie und Schraut … nach Betsys letzter Nacht des Schreckens erfahren werden, früher nicht. – Seien Sie guten Mutes, Doktor … Sie brauchen sich in keiner Weise mehr zu beunruhigen … Die Gefahr ist ja vorüber … – Harst und Schraut sind für die Bande tot … Die Bande rechnet nicht mehr mit uns … Wir sind in dem Sumpfloch ertrunken … Und weil man uns für erledigt hält, werden wir desto leichter die ganze Gesellschaft entlarven …“

Hiermit mußte sich Grandell zufrieden geben. – Was Harald dann noch mit ihm vereinbarte, ergibt sich für den Leser aus dem weiteren Verlauf der Ereignisse von selbst …

 

 

4. Kapitel.

Ein edler Gaunerstreich.

Der Rest dieses heißen, wolkenlosen Tages brachte nicht viel Erwähnenswertes.

Zweimal sahen wir, daß Tumirs Sänftenträger die Insel über den Laufsteg verließen und nach längerer Zeit erst wieder zurückkehrten …

Daß sie nach Ruwi suchten, lag auf der Hand …

Wenn sie geahnt hätten, daß der dreckige, alte Sampan, der dort im Fluße ankerte, die junge Inderin beherbergte!!

Auch auf diesem Sampan war nicht viel zu beobachten.

Wenn Tschamo oder Lipatu sich an Deck zeigten, hielten sie sich stets hinter der Reling sorgsam verborgen.

Die übrige Besatzung des Frachtschiffs bestand, wie wir sehr bald heraus hatten, aus vier weiteren Chinesen und drei Indern … –

So kam denn der Abend heran …

Wir beide saßen wieder vor unserer Hütte am lustig knisternden Feuer und freuten uns all dieser Schönheiten, belauschten die Wasservögel, sahen das Ichneumon aus dem Steinhaufen herausschlüpfen und auf Jagd ausziehen …

Niemand hatte sich bisher hier um uns gekümmert … Niemand beachtete uns … Wir wirkten in unseren Kostümen so echt, daß wir kaum auffallen konnten … –

Die Dämmerung schwand. Die Nacht war da …

Sagte Harald dann, indem er seine Tabakspfeife weglegte: „Punkt eins meines Programms ist erledigt: Grandell weiß Bescheid! – Punkt zwei wird sich schwieriger gestalten, denn – in dieser Nacht werden wir Ruwi befreien.“

Darauf war ich denn doch nicht vorbereitet … Ich hatte eigentlich von der vergangenen Nacht noch ganz genug!! Meinen Bedarf an Nervenkitzel hatten schon allein die Minuten in dem Morastschacht überreich gedeckt!!

„So?! Befreien?!“ meinte ich nur …

„Lieber Alter, du sagst das so gedehnt, als ob es dir nicht recht paßt … Dabei verspricht die Geschichte doch sehr interessant zu werden … Wenn wir zum Beispiel das Glück haben, die Gelbgesichter zu belauschen, werden wir uns endlich auch über die Persönlichkeit Tschamos klar werden … Jedenfalls muß die Inderin unbedingt befreit werden. Ich brauche sie zu dem Schlußakt …“

„Schön,“ nickte ich. „Doch wenn wir sie befreien, wird Tumir erfahren, daß wir noch am Leben und …“

„Gestatte: Erfahren?! Durch wen?! Glaubst du denn, Ruwi wird ahnen, wer ihre Befreier sind?! – Ach nein, wir werden uns hüten, die Masken zu lüften … Wir werden im Gegenteil die Sache so geschickt befingern, daß die Inderin auch nicht im entferntesten auf den Gedanken kommen kann, Schraut und Harst seien von den Toten auferstanden! – Wir müssen uns nun wieder einen Nachen besorgen – nicht borgen …!! Diesmal wollen wir niemand schädigen, sondern ehrlich bezahlen … Da weiter stromaufwärts wohnt ein Fischer auf der Spitze der kleinen Halbinsel … Der Mann wird froh sein, wenn er für einen seiner schlechtesten Kähne eine Hand voll Rupien erhält …

Also – los denn, mein Alter! Entnehmen wir unsere Werkzeuge den Bündeln und verstecken wir diese. Es könnte sich ein Liebhaber dafür finden …“

Halb elf war’s, als wir am Ufer dahinwanderten …

Über den dunklen Fluß drang das eintönige, taktmäßige Singen indischer Schiffer herüber … Frachtboote glitten in den leichten Nebelschwaden dahin wie Geisterfahrzeuge … Im Schilf lärmten die großen Trompetenvögel, deren dumpfe Posaunentöne zuweilen wie das miserable Phantasiestück eines noch miserableren Bläserchors klangen … In einem Waldstück dicht vor der Halbinsel wurde oben in den Ästen eine Affenherde mobil, die uns mit harten ungenießbaren Wildäpfeln bombardierte …

Der Fischer war soeben erst vom Einholen seiner Stellnetze zurückgekehrt. Harald sprach ihn in einem Kauderwelsch an, das ureigenster Erfindung war. In Indien gibt es so zahllose Mundarten, Dialekte und Sprachen, daß ein Eingeborener von der Koromandelküste einen von der Malabarküste niemals versteht. – So wurde denn schließlich in gebrochenem Englisch weiterverhandelt. Der Kahn, den wir käuflich erwarben, hatte lediglich noch Altertumswert. Die Bodenbretter waren so morsch, daß ein Stoß mit dem Absatz unfehlbar ein Leck verursacht hätte.

Und in diesem jämmerlichen Ding ruderten wir nun in den Fluß hinaus. Der Fischer schaute uns lange nach. Wir waren ihm doch wohl so etwas merkwürdig vorgekommen.

Quer über den Strom ruderten wir, dann wieder zurück, bis wir den Sampan der Chinesen vor uns hatten …

Wie Harald dort unbemerkt an Bord gelangen wollte, war mir schleierhaft … Denn der Sampan wurde gut bewacht, und an Deck brannten außer den vorschriftsmäßigen noch vier weitere Laternen …

Man tut jedoch als Gefährte Haralds gut, sich über solche Fragen nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Zumeist löst er sie weit schneller und einfacher, als man sich’s kaum im Traum auszumalen wagte …

Wir spielte sich die Sache folgendermaßen ab …

Unser Seelenverkäufer – (so nennt man in meiner heimatlichen Hafenstadt Kähne aus drei Brettern, die überaus leicht kentern) wurde von der Strömung gegen das Bugankertau des Sampans getrieben, worauf eine der Wachen an Deck sofort saugrob zu schimpfen begann …

Daß dieser Anprall kein Zufall, dafür hatte Harst gesorgt … Und daß die Liebenswürdigkeiten des Chinesen, der uns dergestalt eine erlesene Auswahl von Schmeicheleien zukommen ließ, nicht unbeantwortet blieben, war gleichfalls Haralds Sache …

Und – er war in Kraftausdrücken im allerschönste asiatischen Hafendialekt, der ebenso international ist, wie etwa die grauen Läusekriechtierchen, dem Gelbeikerl entschieden überlegen …

„ …Du Sohn einer krepierten räudigen Hündin solltest besser dein Maul halten …“ brüllte er unter anderem nach oben … „Ich kenne dich, du dreckiger gelber Sandfloh …! In Madras zeigtest du schon dein Galgengesicht am Hafen, und dort …“

Dieses liebliche Duett, das auf hundert Meter im Umkreis jeder mitgenießen konnte, hatte seine Wirkung nicht verfehlt …

Neben der Wache tauchte plötzlich des alten Tschamo faltige schlaue Visage auf …

Rief uns zu, wir sollten nicht solchen Lärm machen und uns zum Teufel scheren …

Worauf Harald noch lauter brüllte:

„Auch du alter Spitzbube warst in Madras, und wenn wir beide hier euch eins auswischen wollten, brauchten wir nur zur Hafenpolizei zu gehen und …“

Tschamo – weit leiser:

„Seid still …!! Kommt längseits … Ich werde euch etwas zu verdienen geben … Ihr lockt ja durch euren Lärm nur einen Polizeikutter herbei …“

Aha – Angst hatte er, Angst …!!

Harsts Andeutungen waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und nun wollte er hören, was wir von ihm und den Seinen Verfängliches wissen mochten …

Harald raunte mir zu:

„Vorsicht ….!!“ – und ließ unserem Kahn an der Steuerbordseite des Sampans entlang schrammen – bis zu der Relingpforte, von der eine Holzleiter herabhing …

Tschamo hockte schon auf der Leiter …

Mit echt chinesischer Hinterlist bat er uns, wir möchten doch in seine Kajüte kommen … Dort könnten wir alles mehr in Ruhe besprechen …

Und – wir folgten ihm auch, nachdem wir den Kahn festgebunden hatten … Daß Tschamo uns wiedererkannte, war ausgeschlossen, zumal in dem schmierigen Loch von Kajüte nur eine verräucherte Petroleumlampe an der Decke an einem Strick hin und her baumelte und die Szene äußerst spärlich beleuchtete.

Tschamo zog die Kajütentür zu und rief dann seinem Sohn Lipatu, der in einer Ecke auf einer Bastmatte ruhte, ein paar Sätze in chinesischer Sprache zu, hatte den letzten jedoch noch nicht beendet, als Harald ihm einen so gutgezielten Boxhieb versetzte, daß er mir halb bewußtlos in die Arme flog …

Lipatu schnellte natürlich hoch …

Nicht fix genug …

Harst war schon über ihm, drückte ihm die Kehle zu und hielt ihm seine Pistole vor die Stirn …

„Lieg’ still …!“ befahl er …

Die beiden Chinesen waren viel zu überrascht, um sich richtig zur Wehr zu setzen … – Tschamo mußte neben seinem Sohne auf der Matte Platz nehmen, und dann hatte … Harald das Wort …

Jetzt sprach er englisch, aber immer noch so, daß er für einen Inder gelten mußte …

Was er Tschamo erzählte, war glorreich erfunden …

„Mein Kollege und ich sind Beamte von der Geheimabteilung der Polizei in Madras … Wir haben euren Sampan beobachtet. Ihr habt hier eine Inderin an Bord … Es ist die Schwester des Krüppels Tumir, den wir suchen. Tumir wird steckbrieflich verfolgt, wie ihr wissen dürftet. Gebt uns das Mädchen heraus, und wenn ihr sonst noch etwas hinzu legt, vergessen wir alles übrige …“

Das war kurz und bündig. Das war die sanfte Aufforderung, Ruwis Gefangennahme und Einkerkerung durch einen Batzen Geld mit dem Mantel der Liebe zu bedecken: Bestechung!

Tschamo, der zunächst wohl noch zweifeln mochte, wen er hier eigentlich vor sich hatte, wurde gerade durch diese zarte Andeutung, unser Stillschweigen zu erkaufen, einwandfrei überzeugt, daß wir in der Tat Beamte seien … Denn er kannte eben die indischen Verhältnisse, besonders in den Hafenstädten, wo die Bestechlichkeit neuerdings genau dieselben traurigen Triumphe feiert wie in anderen Ländern, denen der Weltkrieg die Lebensader zugeschnürt hat.

Tschamo beriet nun leise mit seinem Sohne … Das dauerte eine geraume Weile … Dann fragte er ebenso bündig:

„Wieviel verlangt ihr? – Uns liegt an dem Mädchen nichts mehr …“

„Ja – weil sie euch doch nicht verrät, wohin der Geheimfonds von Dauli geschafft wurde,“ sagte Harst spöttisch. „Und weil ihr jetzt Angst habt, daß herauskommt, wer ihr in Wahrheit seid, nämlich Agenten eines der Revolutionsführer in China, der um jeden Preis Geld braucht … Das stimmt doch, Tschamo?“

„Vielleicht …“ brummte der alte Schlaufuchs, der also zweifellos ein gebildeter Mann und der Vertraute eines der modernen Umstürzler des Riesenreiches war. – Und fügte hinzu: „Wieviel also?“

„Fünfhundert Rupien …“

Das war überaus bescheiden … Und Tschamo biß denn auch sofort an … –

Ich kann wohl sagen, daß ich mir Ruwis Befreiung dramatischer ausgemalt hatte. Trotzdem war ich heilfroh, als Tschamo Harald das Geld hinzählte und noch versprach, mit dem Sampan aus Negapatam sofort zu verschwinden …

Auch das weitere ging ganz nach Wunsch. Als wir wieder im Nachen saßen, brachte Lipatu die Inderin, der man eine Decke über den Kopf gelegt hatte, bis zur Schiffsleiter … Wir nahmen das Mädchen in Empfang, setzten sie in den Kahn und stießen ab … ruderten zum Nordufer, legten an einsamer Stelle an und trugen das Mädchen an Land, wo Harald die Decke von ihrem Kopfe entfernte …

Dann – die zweite Komödie, genau so glänzend gespielt …

„Wer bist du?“ fragte er am Rande der Uferbüschen vor Ruwi stehend … „Wir haben die Chinesen betrogen … Wir sahen, daß sie dich nachts auf den Sampan schafften …“

Und er grinste wohlgefällig … „Wir sind gar keine Polizisten … Die Chinesen sind dumm … – Was gibst du uns dafür, daß wir dich befreiten?“

Ruwi hatte schon zwei goldene Filigranarmbänder von ihrem Handgelenk gestreift …

„Da – nehmt …! Mehr besitze ich nicht …!“

Sie warf die Schmucksachen in den Uferschlamm …

Und Harst mit tadellos gespielter Gier sprang den blinkenden Armbändern nach … Wir erwischten sie, bevor sie noch versanken, und als wir uns wieder aufrichteten, war die Inderin natürlich längst im Dunkel der Büsche in Sicherheit – scheinbar entflohen … –ganz nach Wunsch!

Und ebenfalls nur zum Schein suchten wir noch eine Weile, riefen, schimpften..

Bestiegen den Kahn und ruderten über den Fluß nach unserer Hütte, sahen noch Tschamos Sampan langsam nach der offenen See zu sich davonstehlen …

Als wir die Hütte erreichten, war es genau fünf Minuten über Mitternacht … Wir hatten diesen Doppelstreich also in etwa anderthalb Stunden erledigt …

Nein, nicht wir …! Ich will mein Licht nicht unverdient auf den Scheffel stellen: Harald hatte alles allein „befingert“, – ich war nur Statist gewesen, nichts weiter …

Und wie tadellos befingert! Weder den Chinesen noch Ruwi hatte er durch die Art seines Vorgehens Zeit gelassen, richtig zur Besinnung zu kommen. Beide Gegenparteien hatten unter dem Zwang der Eile gar nicht Zeit gefunden, die Dinge kritisch zu prüfen. Nur der Gesamteindruck blieb in ihrem Hirn haften, und der ließ kaum Zweifel gegen die beiden indischen Matrosen aufkommen …

 

 

5. Kapitel.

Die lebende Schlinge.

Wir schliefen ungestört bis gegen acht Uhr morgens … Während ich das Frühstück zubereitete, schlich Harald zum Gartenzaun des Grandellschen Grundstücks. Er hatte mit dem Doktor vereinbart, daß dieser möglichst alle zwei Stunden dort am Zaune entlang schlendern solle, um von uns unbemerkt Nachricht in Empfang nehmen zu können.

Harst kehrte bald zurück …

„Ich habe Grandell gesprochen, mein Alter … Er wird Betsy sofort mitteilen, daß er mit ihr morgen Abend nach Kolombo reisen wolle, da wir beide uns ja doch nicht sehen ließen – morgen abend! Und natürlich wird Ruwi sich heute mit Betsy in Verbindung setzen und so von dieser Reise erfahren, wird nun, so hoffe ich, die Nacht vor dieser Reise zu einem neuen Schlangenattentat benutzen wollen … zu dem letzten … Es wird Betsy Grandells letzte Nacht dieser Art werden! – Bitte, schenke mir Tee ein … – danke … – Grandell wird seiner Schwester dann heute abend ein ganz leichtes Schlafmittel in die Eislimonade mengen und die Dienerschaft beurlauben. Um halb elf erwartet er uns am Gartenzaun. Um elf müssen die Diener wieder daheim sein. Dann wird Grandell zum Schein noch zu einem Bekannten gehen und den Dienern erklären, er würde wohl erst in der Frühe heimkehren. Der Diener Laska wird dies zweifellos schleunigst nach der Insel melden, und – – die Boa wird erscheinen! Erscheint sie nicht, so müßte das schon ein merkwürdiges Pech sein, denn diese gute Gelegenheit wird Ruwi sich nicht entgehen lassen … – Bitte, noch ein Glas Tee …“

„Mit Vergnügen … – Und wir werden in Betsys Schlafzimmer ein Versteck finden?“

„Ja … Hinter den Vorhängen zur Verbindungstür nach Grandells Zimmer … Betsy dürfte um zehn bereits eingeschlummert sein …“

„Und – das Loch in der Zimmerdecke?“

„O – danach brauchen wir nicht mehr zu suchen … Das hat Grandell schon gestern gefunden …“

„Es ist also vorhanden?!“

„Und ob …! Grandell hat sogar oben auf dem Hausboden neben dem sauber verkitteten Loche den eisernen Haken und ein paar alten Säcken entdeckt … Und in der Staubschicht der Dielen die unverkennbaren Spuren von Laskas Füßen … Denn Laska hat selbst für einen Inder geradezu ungeheuerliche Pedale. Mithin hat Laska mit dem Haken das Fenster geöffnet …“

Harald war mit dem Frühstück fertig … Und wie herrlich war dieses Frühstück hier inmitten Gottes freier Natur … – vor unserer Sommervilla!

Wie herrlich der Gedanke, daß jetzt mindestens noch acht Stunden vor uns lagen, in denen wir nichts, gar nichts zu tun hatten, in denen wir uns lediglich geistig und körperlich auf den Abend vorzubereiten brauchten … – durch Faulenzen …!

Und das taten wir denn auch nach Kräften … Selbst Harald hielt dieses süße Nichtstun bis gegen drei Uhr nachmittags aus. Gerade da, zur Zeit der größten Hitze, erhob er sich mit einem Male von seinem Stück Segelleinen und meinte: „Ich werde mal die andere Hütte aufsuchen … Wir haben uns um die von dir erschlagene Kobra nicht weiter gekümmert … Man soll selbst tote Giftschlangen nicht herumliegen lassen …“

Er ging dann auch wirklich davon, war aber sehr bald wieder zurück und hatte den vom Rumpf abgeschnittenen halb zertrümmerten Kopf des Reptils in der Hand …

„Wozu das?!“ fragte ich erstaunt.

„Der Oberkiefer mit den Giftzähnen und Giftdrüsen ist noch tadellos erhalten … Ich will ihn präparieren … Bis zum Abend haben wir ja doch nichts zu tun …“

Er setzte sich wieder neben mich und begann die wenig appetitliche Arbeit mit einer Sorgfalt und einem Eifer, daß er schon nach zwei Stunden ein Präparat von tadelloser Beschaffenheit hergestellt hatte. Die Giftzähne und Giftdrüsen lagen völlig frei, und letztere waren noch prall gefüllt und in keiner Weise verschrumpelt …

„So,“ meinte er, „das werde ich nun morgen in Spiritus tun, und dann kommt es nachher in unser Raritätenkabinett mit der Aufschrift: „Fall Grandell – von Schraut erlegt am … usw. – wird sich ganz hübsch machen, denke ich …“

Vorläufig packte er den Kobraoberkiefer in Blätter und in ein Stück Leinwand, wobei er sehr vorsichtig war, da er die Giftzähne senkrecht zum Kiefer aufgerichtet hatte. Dieses Päckchen tat er in sein Bündel. – –

Nunmehr kann ich hier die Zeit bis halb zwölf nachts ohne weiteres überspringen. Wir beide, inzwischen wieder in Europäer zurückverwandelt und in unseren üblichen Sportanzügen, standen hinter den Türvorhängen in Miß Betsys Schlafzimmer, – ganz, wie alles mit Doktor Grandell vereinbart worden war.

Halb zwölf nachts also …

Auf dem Nachttischchen zu Häupten des Bettes brannte die kleine, durch einen gelben Schirm bedeckte Lampe …

Der matte Schein ließ nur undeutlich Betsys Kopf erkennen …

Soeben von dem rechten Fenster her ein leises Geräusch … Kein Zweifel, daß der Diener Laska mit dem Eisenhaken den Riegel geöffnet hatte …

Ich atmete wie erleichtert auf …

Die Entscheidung nahte … Das peinvolle Warten war vorüber …

Abermals vom Fenster her ein Geräusch …

Der eine Flügel glitt nach innen, schob den Vorhang mit …

Und über das nun zum Teil sichtbare Fensterbrett gleitet das Ungetüm, das wir bereits kennen, die Boa, Tumirs zahme Riesenschlange …

Ganz langsam schob sie sich in das Zimmer hinein …

Ganz lautlos …

Und – – Betsy Grandell schlaft – schläft fester als sonst infolge des unschädlichen Mittels, daß der Doktor ihr heimlich gereicht hatte …

Die Boa windet sich jetzt auf dem Fußboden entlang – – dem Bette zu …

Und draußen auf der Veranda erkennen wir vor dem Fenster unklar die Umrisse eines Inderkopfes mit gewaltigem Turban – wie ihn nur Tumir trägt … Hören auch etwas: Töne wie das schlaftrunkene Schnattern eines Affen, und doch fraglos Zeichen für das Reptil …!!

Harst hält sich sprungbereit … Ich hatte die Clement in der Hand, verfolgte jede Bewegung des Schlangenkopfes … Ich weiß, daß ich nicht vorbeischießen werde …

Die Boa näherte sich dem Nachttischchen …

„Feuer!!“ raunte Harald mir zu …

Ich will abdrücken … Harst will an mir vorüber zum Fenster …

Da – – von draußen aus dem Garten ein gellender Schrei … etwas, womit wir nicht gerechnet hatten …

Auf den Schrei folgt fast unmittelbar ein lauteres Schnattern des menschlichen Affen dort vor dem Fenster …

Ich … drücke ab …

Die Boa jedoch hat schon blitzschnell den Leib zurückschnellen lassen …

Betsy ist erwacht, sitzt aufrecht, –halb benommen …

Meine Kugel hat das Reptil nur gestreift … Es fährt zum Fenster hinaus, verschwindet …

Wir hinterdrein …

Das Dunkel draußen auf der Veranda wird jäh von drei, vier Strahlenkegeln durchkreuzt: Karbidlaternen der Polizeibeamten, die der Doktor in aller Stille herangeführt hat …

Und im Lichte dieser gelbweißen Lichtkegel ein Anblick, wie man ihn nur einmal im Leben durchmacht:

Die Riesenschlange, durch die Schußverletzung gereizt, hatte den Oberteil ihres Leibes oben um den Verandadachbalken geschlungen und das Schwanzende … Tumir um den Hals geringelt, hat Tumir, der jetzt wieder „der wandelnde“ mit Armen und Beinen ist, emporgehoben – – lebende Schlinge …!

Ist es wirklich Tumir, der dort oben so verzweifelt sich zu befreien sucht, dessen Bewegungen schwächer und schwächer werden?!

Dann – ein unheilvolles Krachen von gebrochenen Halswirbeln …

Harst hat gefeuert … fünf Schuß …

Die lebende Schlinge lockert sich … – zu spät …

Ein Körper fällt zu Boden …

Grandell, sechs Beamte stürmten herbei …

Der Doktor ruft:

„Der Krüppel – – dort am Gartenzaun … Dort, wo Sie Ihre Bündel niedergelegt haben … Der Krüppel stieß den Schrei aus …“

Die wilde Verwirrung hier auf der Veranda dauert nur Sekunden …

Harald läßt Tumir herbeischaffen … Die Boa ist tot … Betsy, in einen leichten seidenen Schlafrock gehüllt, steht zitternd am Fenster …

Zwei Beamte tragen Tumir die Verandatreppe empor … Das Gesicht des Krüppels ist unheimlich verzerrt … Stier blickt er auf die leblose Gestalt seines Ebenbildes dort am Boden …

Sagt dann mit unheimlicher Ruhe:

„Mr. Harst, Ihr präparierter Kobrakiefer hat mir den Tod gebracht … Meine Sänfte dort im Gebüsch stand auf Ihren Bündeln … Ich durchsuchte diese mit den Zähnen … Meine Zähne ersetzen mir die Hände … Diesmal zu meinem Unheil … Als ich das eine Päckchen öffnete, war ich zu hastig … Die beiden Giftzähne des Kobrakopfes drangen mir in die Unterlippe … Das … das Spiel um Betsy Grandell ist aus, und ich und mein …“

Da fällt Harald ihm ins Wort …

„Sie und Ihr Bruder sind die Verlierer, Tumir! – Es hat nie eine Inderin Ruwi gegeben … Ruwi war ein Mann … Ruwi hat sich auf den ersten Blick im Miß Grandell verliebt, wollte sie um jeden Preis für sich gewinnen … Als Mädchen näherte er sich ihr, versprach ihr Reichtümer, die sie gemeinsam erringen wollten – einen Schatz, dergleichen … Miß Grandell sollte durch die nächtlichen Besuche der Boa seelisch immer mehr zermürbt werden, bis sie Ruwis Einfluß völlig erliegen würde … – Daß Ruwi ein Mann, erkannte ich schon auf der Insel, als die angebliche Inderin in der Schilfhütte den Arm um Miß Betsy legte … Diese Bewegung war die eines … Verliebten, eines vor Liebesgier zitternden Mannes … – Tumir, verhält sich alles so, wie ich’s behaupte?“

Der Krüppel nickte nur …

Sein Gesicht verfiel … Das Kobragift wirkte …

Eine Viertelstunde drauf war er tot. – – Seine beiden Sänftenträger konnten nicht ergriffen werden, blieben spurlos verschwunden. Vielleicht hätten sie so manche noch dunkle Frage lösen können, die Tumirs Person betraf. –

Ich habe kaum noch etwas hinzuzufügen … Betsy wurde in kurzem wieder völlig gesund. Wir blieben noch eine Woche als Gäste im Grandellschen Bungalow … Dann ereignete sich das, was ich im nächsten Band schildern will,  … etwas scheinbar sehr Harmloses …

Scheinbar …! –

 

 

Nächter Band:

Das Geheimnis des Inselforts.

 

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

 

Anmerkungen:

(1) „Negapatam- Stadt vor Ostküste Indiens, siehe Negapatam

(2) Im Original steht „Mehr weiß ich …“ - in „Mehr weiß ich nicht …“ geändert. (Das Wort „nicht“ wurde hinzugefügt)

(3) Es handelt sich um ein spezifisches Zuchtlinien-Präfix.

(4)Jan Maat“ (Sprache): Ein Begriff für einen Matrosen oder Seemann (niederländisch/deutsch)

(5) Die Keule, auch Knüppel, Knüttel oder Prügel (von mittelhochdeutsch Brügel, „Prügel, Rührstab“), fällt im Allgemeinen unter die Schlagwaffen, da sie bei der Verwendung den Körper nicht penetriert. Es gibt jedoch auch Versionen, die mit Stacheln oder einer Spitze ausgestattet sind.

(6) Ein „Nachen“ (althochdeutsch Nahho, germanisch Nakwa, indogermanisch Nagua) bezeichnet ursprünglich einen Einbaum, ein kompaktes, flaches Boot bzw. einen Kahn für die Binnenschifffahrt.

(7) In der Literatur und in Reiseberichten aus der Sudan-Region wird der Begriff „Kuka“ als Bezeichnung für den Affenbrotbaum (Baobab) verwendet. Die Beschreibung eines „verkrüppelten dicken Kuka“ bezieht sich wahrscheinlich auf die charakteristische Erscheinung dieses Baumes. Dicker Stamm: Der Kuka ist für seinen massiven, oft tonnenförmigen Stamm bekannt, der enorme Mengen Wasser speichern kann. „Verkrüppeltes“ Aussehen: Im entlaubten Zustand sehen die Äste des Baobab oft wie Wurzeln aus, die in den Himmel ragen. Dies verleiht dem Baum ein bizarres, knorriges oder eben „verkrüppeltes“ Aussehen.

(8) Ein „Sampan“ ist ein flaches, breites Ruder- oder Segelboot, das in Ostasien auch als Hausboot verwendet wird.

(9) siehe Anmerkung (6)

(10) Der Ichneumon“ (Herpestes ichneumon) oder der Melon, deutsch auch Buschteufel, ist eine Raubtierart aus der Familie der Mangusten.

(11) „Gipurnasträucher“ sind nicht bekannt!