
Der Detektiv
Band 167
Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
„Mr. Harst,“ sagte Betsy Grandell eines Abends, als wir auf der Veranda des weißen Bungalows saßen, „wir sollten doch einmal die Insel gründlich durchsuchen … Vielleicht finden wir dort doch etwas Interessantes …“
Ihr Bruder John drohte ihr lächelnd mit dem Zeigefinger, bevor Harald noch etwas antworten konnte …
„Betsy, Betsy …“ meinte Dr. Grandell, „du scheinst noch immer an das gut erfundene Märchen deines indischen Verehrers zu denken – an das Märchen von den verborgenen Reichtümern, die er dir verschaffen wollte …!“
Betsy Grandells blonde Lieblichkeit – sie hatte sich in den letzten Tagen geradezu wunderbar schnell von den ausgestandenen Schrecken erholt – … Betsy Grandells blonde Lieblichkeit drückte sich noch tiefer in den Liegestuhl hinein und meinte:
„Du solltest Ruwi, den Inder, nie mehr erwähnen, John … Ich bin froh, daß ich über diese traurigen und auch so widerwärtigen Dinge so schnell hinweggekommen bin …“ Und leiser und zaghafter: „Trotzdem glaube ich nicht, daß Ruwi mich getäuscht hat … Er tat mir gegenüber stets so, als sei hier ganz in der Nähe wirklich ein Schatz verborgen, und seine vorsichtigen Andeutungen konnten sich eigentlich nur auf die Insel und die alten portugiesischen Befestigungen beziehen …“
Abermals lachte Dr. Grandell da halb ärgerlich, halb belustigt vor sich hin …
„Was sagen Sie nur dazu, Mr. Harst!“ wandte er sich an Harald, der auf dem Geländer der Veranda saß und sich an einen der Holzpfeiler gelehnt hatte … „Man muß meiner Schwester diesen … Unsinn unbedingt ausreden … Die kleine Betsy ist so versessen auf Reichtümer, wie ein Neuyorker Börsenjobber(1) …! Weiß Gott, von wem sie diesen Charakterfehler geerbt hat … Unsere seligen Eltern waren jedenfalls …“
Harald sagte da leise:
„Vielleicht ist Miß Betsys Annahme doch nicht so ganz von der Hand zu weisen, lieber Doktor …“
Und er zog seine goldene Taschenuhr, ließ den Deckel springen …
„Genau zehn …“ fuhr er fort. „Wir wollen einmal zur Bootsbrücke hinabgehen … – Kommen Sie nur … Ich kann Ihnen von dort aus etwas zeigen … etwas Harmloses und doch auch Merkwürdiges …“
Betsy sprang sofort auf …
„Mr. Harst, Sie haben die Absicht, nach der Insel zu rudern?“ meinte sie lebhaft.
„Nein, das nicht … – Gehen wir …“
Er schritt mit Betsy voraus. –
Dr. Grandells Bungalow lag unweit des Flußarmes im Villenviertel der Hafenstadt Negapatam an der Koromandelküste, die dem Leser aus dem vorigen Band noch gegenwärtig sein dürfte. Und genau so dürften meine Freunde und Leser sich auch auf die seltsamen Ereignisse besinnen, die uns nach Negapatam geführt und die dann hier eine recht aufregende Fortsetzung gefunden hatten, – so auf den Krüppel Tumir und seine beiden Sänftenträger, auf Tumirs Bruder Ruwi und auf den verräterischen Diener Laska, der leider in der Nacht der großen Abrechnung genauso spurlos entwischt war wie die Sänftenkulis, während Tumir und Ruwi ihren niederträchtigen Streich mit dem Tode gebüßt hatten. –
Als wir vier die kleine zu dem Bungalow gehörige Bootsbrücke erreicht hatten, war die Nacht bereits völlig hereingebrochen … Die letzten Spuren des Abendrots waren verschwunden, und über dem Flusse zogen die leichten dünnen Streifen nächtlichen Nebels hin wie schwache Rauchfahnen von nicht mehr sichtbaren Dampfern.
Harald deutete am rechten Flußufer entlang nach Westen …
Wir drei schauten angestrengt hinüber …
Wir schauten und … sahen nichts – nichts …
Betsy wurde ungeduldig …
„Mr. Harst, was soll …“
„Verzeihen Sie: Etwas höher,“ fiel Harald ihr lächelnd ins Wort …
„Höher?!“
„Ja … Beachten Sie einmal die soeben aufgetauchten Sterne … Und besinnen Sie sich, daß wir vorgestern und gestern um dieselbe Zeit von einer Bootspartie heimkehrten, daß wir uns also auch so gegen zehn Uhr hier auf der Brücke befanden …“
„Allerdings,“ sagte Doktor Grandell eifrig. „Das stimmt … Nur – – auch ich sehe nichts …“
„Hm – wirklich nicht, Doktor?! – Es ist da nämlich ein Stern zuviel …"
„Zuviel?!“
„Ja – es glänzt dort hoch über der Insel ein Lichtlein, das jeder flüchtige Beobachter fraglos für einen Stern hält … – So, nun nehmen Sie einmal hier mein Fernglas. Ich habe es nicht ohne Grund umgehängt. Ich wollte Ihnen beiden und Schraut heute diesen Stern zeigen …“
„John – mir das Glas zuerst! Damen haben den Vortritt …“
„Bitte, Schwesterlein, – gern … – Nun, siehst du jetzt etwas?“
Betsys blonde Lieblichkeit, die auf den schlanken Ruwi so tiefen Eindruck gemacht hatte, starrte schräg zum Himmel empor, suchte … suchte … Und – – stieß atemlos hervor:
„Nicht möglich …!! Ein kleiner Ballon …!! Und unten an dem Ballon scheint ein Laternchen zu hängen …“
Jetzt wurden auch Grandell und ich lebhaft …
Grandell nahm Betsy das Fernglas ab …
„Wahrhaftig, es ist so!“ bestätigte er …
Dann kam ich an die Reihe …
Prüfte den Ballon sorgfältiger – mit Detektivaugen …
Es war ein Kugelballon von einer Farbe, die genau zu dem Farbenton des Nachthimmels paßte. Mit bloßem Auge war der Ballon nur für sehr scharfe Augen zu erkennen. Und unter dem Ballon glänzte der … falsche Stern … Natürlich eine kleine Laterne – was sonst?!
Ich reichte Harst das Glas zurück … Meinte: „Anscheinend steht der Ballon genau über der Insel … Und dann dürfte die Schnur, an der er befestigt ist, also ebenfalls zur Insel hinablaufen …“
Harald sagte darauf nur:
„Warten wir …!“
Betsy – erregt: „Sie glauben also, Mr. Harst, daß sich noch etwas ereignen wird?“
„Bestimmt, Miß Betsy …“
Wir lehnten nebeneinander am Geländer der Bootsbrücke …
Unter uns gurgelten die gelblichen Fluten des Stromes dahin … Vom Flusse her kamen allerhand Geräusche von den dort ankernden Fahrzeugen herüber … Und weiter stromabwärts hoben sich verschwommen die Umrisse großer Seedampfer aus dem leichten Nebeln ab … Dort rasselten die Ketten von Ladekränen, lärmten die indischen Stauer, heulten Sirenen und gellten die schrillen Pfeifen von eiligen Schleppern …
„Also ein Signal,“ erklärte Doktor Grandell nach einer Weile. „Was soll es sonst sein?! Es kann sich doch nur um ein Signal handeln …“
„Fraglos!“ nickte Harst …
Betsy flüsterte: „Wenn etwa die beiden Sänftenkulis auf der Insel steckten – und vielleicht auch unser ungetreuer Diener Laska?!“
Harst schwieg …
Er hatte das Glas abermals Betsy gegeben, die nun ununterbrochen Ballon und Laternchen beobachtete …
So verging eine volle Stunde …
John Grandell hatte sich eine Zigarre angezündet … Murrte …
„Herrschaften, es ist halb zwölf … Gehen wir zu Bett …!“
Harst gähnte verstohlen …
„Stimmt – gehen wir besser zu Bett … Morgen ist auch noch ein Tag. Morgen werden wir rechtzeitig zur Stelle sein und achtgeben, von wo der Ballon aufsteigt … – Kommen Sie, Miß Betsy … Die Mücken werden immer frecher …“
Wir wünschten den Geschwistern gute Nacht und betraten unser Gastzimmer, wo der große Ventilator unermüdlich schnurrte.
Ich wollte das Licht einschalten …
„Bitte nicht, mein Alter … Wir bleiben ja doch nicht lange hier …“
Ich stand im Dunkeln vor Harald …
„Beabsichtigst du etwa …“
„ … Miß Betsy von einer Unbesonnenheit zurückzuerhalten? – Allerdings, das will ich! Steigen wir durch das Fenster auf die Veranda, nehmen wir unsere Mützen und das Handwerkszeug mit …“ –
Betsys Schlafzimmer lag auf der anderen Seite des Hauses. Da aber diese leichten, luftigen Bungalowbauten alle mit Veranden versehen sind, die ohne Unterbrechung sich um das ganze Gebäude herumziehen, so konnten wir unschwer bis zu den beiden Fenstern kriechend vordringen – bis zu jenen Fenstern, von denen das eine in „Miß Grandells letzte Nacht“ von so großer Bedeutung gewesen.
Wir kauerten nun an der einen Ecke im Schatten des Geländers. Vor uns die beiden Fenster, – – dunkel die Vorhänge zugezogen, die Stabjalousien halb herabgelassen.
Warteten …
Und die Zeit verging …
Irgendwo in der Ferne schlug eine Uhr Mitternacht – – zwölf …
„Die Uhr der englischen Kirche,“ flüsterte Harald und … erhob sich …
Glitt auf die Fenster zu …
Prüfte …
Und – der eine Flügel war nur zugedrückt, nicht verriegelt …
Harst stieß ihn nach innen auf und schob den Vorhang beiseite …
Seine Taschenlampe blitzte … Der Lichtkegel fiel ins Zimmer …
Leer …
Leer das Bett …
„Ein Unfug von dem Mädel!“ sagte Harald ärgerlich. „Sie ist uns zuvorgekommen …! – Vorwärts – auf dem kürzesten Wege zur Insel …! Galopp, mein Alter …!“
Wir liefen durch den Garten …
In kaum zehn Minuten hatten wir den Buschstreifen erreicht, der das Ufer hier in weiter Ausdehnung bedeckte …
Jetzt im Schritt … Vorsicht war hier geboten … Das Dickicht beherbergte giftiges Gewürm … John Grandell hatte das unlängst am eigenen Leibe erfahren, und Harald hatte den Kopf einer von mir mit einem halben Ruder erschlagenen Kobra sauber präpariert, nicht den ganzen Kopf, nur den Kiefer mit den Giftzähnen – zu Tumirs Unheil!!
Im Schritt also durch das Gestrüpp … Zum Wasser – zum hohen Röhricht, wo Tumir und die Seinen unter Wasser einen Laufsteg angelegt hatten – hinüber bis zum alten Inselfort …
Hart am Ufer machten wir im Schatten eines Baumes halt …
Spähten nach oben …
Der Ballon, der falsche Stern waren verschwunden …
Und … Betsy?!
Ob sie es wirklich gewagt hatte, allein die Insel zu betreten?!
Nicht lange waren wir im Zweifel …
Ganz leise eine weiche Stimme rechts von uns:
„Mr. Harst, – – hier Betsy Grandell …!“
Lautlos kam sie zum Vorschein …
„Mr. Harst,“ flüsterte sie hastig, „ich habe … alles beobachtet …“
Harald raunte ihr zu:
„Wie konnten Sie nur so leichtsinnig sein, Miß Betsy!“
„Oh – hören Sie nur erst, was ich gesehen habe, und Sie werden mich nicht mehr schelten …“
2. Kapitel.
In ihrem seidenen Staubmantel und der braunen, weißen Seglerkappe aus Wachstuch war sie gegen den dunklen Hintergrund kaum zu erkennen.
„Was sahen Sie, Miß Betsy?“ fragte Harald leise … „Wurde der Ballon irgendwie bewegt, vielleicht auf und abgezogen – als Signal?“
„Nein, Mr. Harst … Als ich hier anlangte – ich hatte mein Schlafzimmer durch das Fenster sofort wieder verlassen, nachdem wir uns gute Nacht gewünscht hatten –, wurde der Lichtschein der Laterne unterhalb des Ballons schwächer und schwächer, bis der … falsche Stern vollends erlosch. Dann wurde der Ballon eingeholt …“
„Zur Insel hinab?“
„Ja …“
„Und – was dann?!“ Harald wurde bereits etwas ungeduldig …
„O – Sie werden vielleicht denken, Mr. Harst, ich sei einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen, meine lebhafte Phantasie hätte mir etwas vorgegaukelt … – Denn: Sechs Europäer verließen nach einer Weile die Insel …“
„Etwa hier über den geheimen Laufsteg?“
„Nein, nein …! Das war es ja eben … Die sechs Männer erschienen im Zwischenräumen von vielleicht vier Minuten dort links unten am Inselufer, also unterhalb der nördlichen Bastion des ehemaligen Forts … Sie können die Stelle von hier aus erkennen … Es sind dort am Ufer zwei große entwurzelte Bäume angeschwemmt …“
„Ja … die Kronen der Bäume bilden gleichsam zwei Gebüsche im Wasser …“
„Zwischen diesen Baumkronen stiegen die Leute ins Wasser, Mr. Harst, – wie gesagt in längeren Abständen … Sie müssen sich dann schwimmend entfernt haben … Ein Boot hätte ich sehen müssen …“
„Nun gut, Miß Betsy … Also sechs Männer … Und deren Äußeres?“
„Bitte – lachen Sie mich nicht aus … Sie trugen Masken – schwarze Masken, im übrigen Tropenhelme und gelbgraue Leinensportanzüge mit Wickelgamaschen … – Hier – ich hatte mein Fernglas mitgenommen, Mr. Harst … Ich sah alles ganz genau …!“
„Woran ich nicht zu zweifeln wage, Miß Betsy … Weshalb auch?! Nur erscheint es mir wenig wahrscheinlich, daß die Männer davongeschwommen sind …“
„Es kann nicht anders sein, Mr. Harst … Ich wiederhole: Ein Boot hätte ich sehen müssen – unbedingt …!“
„Aber doch auch die Köpfe der Schwimmer …“ meinte Harald nachdenklich. „Der Fluß ist hier ziemlich nebelfrei … Die Sterne spiegeln sich im Wasser wider, und mit Ihrem Fernglas …“
Betsy unterbrach ihn: „Das Schilf am Ufer steht recht hoch, Mr. Harst …“
„Im Schilf kann man nicht schwimmen, und erst recht nicht darin entlangwaten … Der Flußgrund dicht an der Insel ist morastig, Miß Betsy …“
Das junge Mädchen wurde erregt …
„Ich wußte es ja, daß Sie an meinen Worten zweifeln würden, obwohl Sie noch soeben das Gegenteil behaupteten, Mr. Harst …“
„Durchaus nicht … Es handelt sich hier lediglich um die Art, wie die sechs die Insel verlassen haben – nur darum! Doch – das wird ja aufgeklärt werden. – Etwas anderes also: Die Tropenhelme und die Anzüge beweisen doch noch lange nicht, daß es Europäer waren … Es können auch Inder gewesen sein, hier in jedem Falle das wahrscheinlichere …“
„Blondhaarige Inder sind äußerst selten, Mr. Harst,“ erklärte Betsy Grandell sehr bestimmt. „Die sechs waren blond … Ich sah das Schläfenhaar …“
„Dann allerdings … – sehr merkwürdig, sehr …!“ – Harst sagte das in einem Tone, als ob er mit den Gedanken anderswo weilte …
Eine längere Pause entstand …
Ich bat mir von Betsy leise das Fernglas aus und sah mit dessen Hilfe die beiden angetriebenen Bäume an … Die Kronen ragten zur Hälfte aus dem Wasser heraus und bildeten an der Grenze des schmalen Schilfgürtels zwei grüne Hügel – wie Sandbänke etwa, die dicht mit Gebüsch bedeckt schienen.
Dann meldete sich Harald wieder:
„Kehren wir heim … In dieser Nacht läßt sich doch nichts mehr unternehmen … Morgen werden wir wohl mehr erreichen …“
Aber Betsy Grandell widersprach …
„Es ist doch noch gar nicht so spät, Mr. Harst … Weshalb wollen wir nicht noch hinüber und wenigstens nach dem Ballon suchen?! Er muß doch zu finden sein, und …“
„ …und – was hätte das für einen Zweck?! Wir würden nur Spuren hinterlassen und die Leute dadurch warnen. – Nein, gehen wir … Man darf nie etwas übereilen, Miß Betsy … Geduld ist die Hauptsache, wenn man ein schwieriges Rätsel lösen will … Wer etwas übereilt, kommt nie zum Ziel … – Gehen wir!“
Betsy gab mit leisem Seufzer nach …
Wir schlichen langsam davon, wie wir gekommen waren.
Erreichten das unbebaute Grundstück und halfen Betsy über den Zaun …
Um ein Uhr morgens waren wir in unserem Zimmer und legten uns zu Bett. Harald sprach kein Wort mehr. Aber im Bett rauchte er noch mehrere Zigaretten … Als ich einschlief, lag er noch mit aufgestütztem Kopfe da und sann fraglos über den falschen Stern und die sechs Leute nach …
Auch ich tat’s, bevor meine Gedanken in das Traumreich hinüberglitten … Ich wußte nicht, was ich von alledem halten sollte. Nur eins erschien mir gewiß: Die sechs waren niemals Europäer! Hier in Negapatam und Umgegend gab es nicht allzu viele Weiße, und daß gleich sechs sich zusammengetan haben sollten, um etwa nach einem Schatz auf der Insel zu suchen, kam mir sehr wenig wahrscheinlich vor …
Darüber schlief ich ein … – –
Und als wir dann morgens acht Uhr mit den Geschwistern Grandell auf der Veranda beim Frühstück saßen, als John Grandell seinem Schwesterlein eine geharnischte Standpauke ihres nächtlichen Ausflugs wegen hielt, den wir ihm nicht gut hatten verschweigen können, kam plötzlich von der Gartenpforte her Reginald Blooß den Hauptweg entlang, ein junger Engländer, der sehr häufig bei Grandells verkehrte und mit dem wir bereits einige Segelpartien unternommen hatten – ein netter, frischer Mensch, der hier in Negapatam die Firma seines Vaters, Blooß, London, vertrat und die hiesige Zweigniederlassung leitete.
Schon von weitem schwenkte er seinen Panama(2), rief uns zu, ob wir nicht mit ihm heute nach Tanjore, einer Stadt weit flußaufwärts, fahren wollten …
Drückte uns die Hand, küßte galant Betsys schmales Händchen und schaute sie dabei wieder so still flehend an, daß selbst der schlechteste Menschenkenner erraten hätte, wie die Sachen hier standen:
Reginald Blooß war in Betsy verliebt – vorläufig ohne Aussicht!
Dann nahm er mit am Tische Platz und begann von Tanjore zu schwärmen …
„ … Uralte indische Stadt … Uralte Tempel … Eine Basarstraße, die sich sehen lassen kann …– Bitte, kommen Sie doch mit … Meine Motorjacht schafft den Weg in vier Stunden … Für tadellose Verpflegung an Bord werde ich sorgen … Und elf Uhr abends sind wir wieder zurück – spätestens!“ Er wandte sich dabei hauptsächlich an Betsy …
Doch die erklärte ablehnend:
„Ich bin zu müde … Aber wenn die Herren fahren wollen …“ Das galt Doktor Grandell und uns beiden …
Grandell ahnte genau so gut wie wir, weshalb Betsy auf den Ausflug verzichtete: Nur der Insel und des … falschen Sternes wegen – nur deshalb!
Reginald Blooß wurde noch dringlicher … Schließlich sprach John ein Machtwort:
„Wir fahren, Betsy! Zerstreuung tut dir nur gut …“
Das junge Mädchen warf Blooß einen bitterbösen Blick zu …
„Ich habe Kopfschmerzen … Ich bleibe daheim,“ – sie erhob sich und ging ins Haus …
Der Doktor wurde vor Ärger rot …
„Ich werde Betsy den Kopf zurechtsetzen,“ meinte er … „Entschuldigen Sie mich …“
Und er eilte ihr nach.
Reginald Blooß schaute ganz kläglich vor sich hin … Er tat mir aufrichtig leid. Er war doch ein netter Kerl, und mir wollte es gar nicht recht in den Kopf, weshalb Betsy ihn so eisig behandelte. Jedes junge Mädchen ist doch für zarte Huldigungen empfänglich … Und Reginalds Äußeres entsprach durchaus seinem frohen, anständigen Charakter … –
Um es kurz zu machen: Betsy kam mit! Freilich unter der Bedingung, daß wir spätestens um zehn Uhr abends wieder in Negapatam sein müßten, was Reginald auch zusagte …
Der Ausflug nach dem alten Tanjore enttäuschte uns denn auch in keiner Weise. Auf Einzelheiten kann ich mich hier nicht einlassen, nur etwas muß ich genauer schildern, da es eins jener Erlebnisse war, wie sie nur in Indien möglich sind.
Basarstraßen sehen sich zumeist alle ähnlich … Die in Tanjore hatte lediglich den besonderen Reiz für sich, daß hier wirklich echt indische Altertümer ausgestellt waren, darunter Elfenbeinschnitzereien von entzückender Feinheit, ferner antike Schmucksachen, die in den größeren und bequemer zu erreichenden Städten nur noch als Imitationen vorkommen.
So waren wir fünf denn in der Basarstraße vor dem Auslagetisch eines Händlers stehen geblieben, der, würdig und weißbärtig wie ein Patriarch, an der Hausmauer hinter dem Tische lehnte und kaum Notiz von uns nahm … Ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen ringsum, die durch allerlei Kniffe die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchten …
Reginald Blooß, der kaum von Betsys Seite wich, hatte uns auf ein Ebenholztischchen mit reichen Elfenbeineinlagen und Metallverzierungen aufmerksam gemacht, und er war es nun auch, der den alten Händler nach dem Preise fragte.
Der Patriarch nannte schläfrig eine verhältnismäßig geringe Summe … Und Blooß hatte denn auch(3) nichts Eiligeres zu tun, als den Kaufpreis dem Alten in die Hand zu drücken …
„Das Tischchen ist beschädigt, Sahib …“ meinte da der greise Händler mit verblüffender Ehrlichkeit. „Besieh es dir, bitte, erst genau, Sahib … Ich betrüge niemand … Ich habe es vor zwanzig Jahren in Negapatam gekauft und es soll aus den Ruinen eines Gebäudes aus der Portugiesenzeit stammen …“
Bisher hatte Betsy für das kleine dreibeinige Tischchen wenig Interesse gezeigt. Jetzt aber wandte sie sich hastig an den Alten …
„Aus einem Gebäude – aus welchem denn?! Etwa aus den Ruinen des Inselforts am Flusse?“
Der Händler erwiderte mit seiner brüchigen monotonen Stimme: „Das weiß ich nicht, Memsahib (meine Dame) … Hier ist die Beschädigung …“ Und er zeigte auf das eine Bein, an dem die Elfenbeineinlagen herausgefallen waren.
Reginald Blooß schaute Betsy bittend an …
„Miß Grandell, darf ich Ihnen das Tischchen als Andenken an diesen Ausflug schenken? Ihr Bruder hat sicherlich nichts dagegen …“
Der Doktor lachte … „Nein, gewiß nicht! Zumal Betsy sich offenbar auch nicht ablehnend verhalten will …“ Und er zwinkerte seiner Schwester listig zu … Merkte er doch, daß sie insgeheim hoffte, das Tischchen könnte aus dem alten Fort stammen, das ja jetzt in ihrer Ideenwelt eines so besondere Rolle spielte. – Im übrigen hatten wir Blooß nichts von den Vorgängen der Nacht mitgeteilt. Er war völlig ahnungslos, was Betsys energischen Wunsch, schon um zehn Uhr wieder in Negapatam zu sein, anbetraf.
Jedenfalls: Betsy nahm das Geschenk an, und der junge Engländer freute sich darüber wie ein harmloser Verliebter, der endlich einmal Gelegenheit hat, der Erkorenen seines Herzens eine kleine Freude zu bereiten.
Und gegen sechs Uhr traten wir dann wieder die Rückfahrt an.
3. Kapitel.
Das erste, was Betsy nach unserer Rückkehr an Bord der Jacht tat, war eine ganz genaue Besichtigung des Ebenholztischchens.
Wir saßen in Korbsesseln auf dem Achterdeck unter dem Sonnensegel, und auch Harald nahm das zierliche Ding nachher in die Hand und meinte, der Händler schiene kein großer Sachkenner zu sein, denn das Tischchen habe offenbar den drei- bis vierfachen Wert …
Die Elfenbeineinlagen auf der achteckigen Tischplatte zeigten irgendeine indische Gottheit, deren Augen sogar aus kleinen Smaragden bestanden. Außerdem trug der Götze noch eine Art Krone, die ohne Zweifel aus Gold bestand.
Auch Doktor Grandell bestätigte, dieser Kauf sei in der Tat überaus günstig gewesen …
Wollte noch etwas hinzufügen, als Betsy einen leisen Schrei ausstieß …
„O, – – Mr. Harst, wie haben Sie das gemacht?!“ rief sie dann staunend …
Da wurden auch wir anderen aufmerksam, sahen, daß das Postament, auf dem der Götze hockte, der Deckel eines Geheimfaches und jetzt hochgeklappt war …
Harald sagte kopfschüttelnd:
„Ein bloßer Zufall, nichts weiter, Miß Betsy … Ich drückte wie spielend auf die goldene Krone – hier auf diese Stelle … Und der Deckel sprang auf …“
Wieder rief Betsy:
„Da – – es liegt etwas in dem kleinen Behältnis … Eine Papierrolle …!"
Harst hatte sie schon behutsam herausgenommen …
„Nicht Papier, – zusammengerolltes Pergament …!“
Wir beugten uns weit vor …
Langsam rollte er das Pergamentstück auf …
„Eine Zeichnung – – ein Geheimnis!“ jubelte Betsy.
Es stimmte: Auf der Innenseite des Pergaments war eine verwaschene Zeichnung in blaßroten Strichen zu erkennen …
„Mr. Harst,“ flehte Betsy, „nun müssen Sie uns erklären, was die Zeichnung bedeutet … Bitte, bitte …! Das ist doch gerade eine Arbeit für Sie, Mr. Harst …!“
„Vielleicht … Solche Arbeit erfordert jedoch Ruhe und Sammlung … Sie sehen ja, auf den ersten Blick kann man sich unmöglich aus diesem Gewirr von Linien herausfinden … Wenn Sie mir das Pergament also bis morgen anvertrauen wollen, Miß Betsy …“
„Gern, sehr gern …“ – Und dann wanderte die Zeichnung zunächst noch von Hand zu Hand … Bis Harald sie in seine Brieftasche steckte, wo sie vor „Motten, Rost und Dieben“ sicher sei, wie er scherzend zu Betsy meinte, für deren ausgesprochenen Hang zur Romantik das Stück Pergament einen wahren Schatz vorstellte.
Glücklicher Reginald Blooß …! Er durfte jetzt mit Recht im siebenten Himmel schweben, denn Betsys blonde Lieblichkeit behandelte ihn auf der Heimfahrt so, wie er’s seit langem gewünscht hatte …
Selbst beim Abendessen, das wir gegen neun Uhr in der Kajüte einnahmen, redete Betsy von nichts anderem als dem alten Pergament und phantasierte ganze Romane zusammen, die alle den schönen Schluß hatten: Die Zeichnung würde ungeheure Reichtümer ans Tageslicht bringen!
Nur wenn der bei Tisch bedienende Matrose die Kajüte betrat, zügelte Betsy vorsichtig ihre Redefreudigkeit, denn — so hatte sie von uns „auf Ehrenwort“ verlangt: Niemand dürfe von dem Pergament etwas erfahren!
Dieser kleine Spleen der schlanken Betsy gab uns Herren – mit Ausnahme Reginalds, der solches nicht gewagt hätte – Anlaß genug zu halb witzigen, halb ironischen Sticheleien … Es wurde eine recht vergnügte Rückreise, und als die Jacht uns dann um drei Viertel zehn an der Grandellschen Bootsbrücke absetzte, reichte Betsy ihrem Verehrer nochmals mit bezauberndem Lächeln die Hand und meinte herzlich:
„Morgen vormittag dürfen Sie einmal anfragen kommen, was Mr. Harst hinsichtlich der Zeichnung festgestellt hat … Auf Wiedersehen also, lieber Mr. Blooß …“
Na – Mr. Blooß war selig – selig! Endlich hatte er in den Eispanzer um Betsys kühles Herzchen eine Bresche geschlagen – lediglich durch das Tischchen, das Betsy eigenhändig ins Haus trug …
Und diese Freude an dem Geheimnis des Tischchens ging bei ihr so weit, daß sie sogar die Insel, die sechs Maskierten und den falschen Stern vollständig vergessen zu haben schien …
Kein Wort mehr davon, daß sie in dieser Nacht uns begleiten wollte … Nein, im Gegenteil: Sie bat Harald, sich doch ja sofort an die bewußte Arbeit des Enträtselns zu machen, – was Harst auch todernst zusagte.
Um halb elf waren wir beide dann in unserem Zimmer allein …
Das Türfenster nach der Veranda hin stand noch offen, und während ich, ermüdet von diesem abwechslungsreichen Tag, gähnend in einen Sessel sank, schaltete Harald die Lampe auf dem Sofatisch ein und nahm neben mir Platz, griff nach seinem Zigarettenetui und zündete eine seiner leicht parfümierten Mirakulum an …
Ich glaubte, er würde sich nun kurze Zeit wirklich dem Pergamentstück widmen, und dann würden wir beide dem fraglos Interessantere erledigen: Das Inselfort besuchen und die sechs Männer ein wenig unter die Lupe nehmen!
Aber – er rührte sich nicht … Saß, rauchte und sann vor sich hin …
Bis ich ihm, bildlich gesprochen, einen leisen Rippenstoß versetzte …
Er lachte leise auf …
„Unsinn, mein Alter …! Tu’ doch nicht so, als ob du nicht Bescheid wüßtest …!“
Ich vergaß das Gähnen …
„Was heißt das?!“
„Leiser, bitte …!“ Er wurde ernst. „Solltest du wirklich nicht erkannt haben, daß die Skizze die Insel darstellt?!“
„Wahrhaftig – – die Fortinsel?!“
„Ja – ohne Zweifel …!“
„Dann … dann könnte Betsy also vielleicht doch gar nicht so arg im Irrtum sein, wenn sie aus Ruwis Andeutungen …“
Er winkte mit der Hand ab …
„Keine voreiligen Schlüsse …! – Du bist übrigens doch nicht ganz im Bilde, lieber Alter …“
Er schien noch mehr sagen zu wollen, schwieg jedoch und schaute durch die offene Tür in den Garten hinaus – über das Geländer der Veranda hinweg, auf dem bereits die ersten Mondstrahlen milde glänzten …
„Hm – und der Ballon?“ fragte ich nach einer Weile.
„Schon gut … Wir können ja mal nachsehen …“ Das klang sehr gleichgültig … Und er erhob sich … „Gehen wir also, obwohl …“
Und wieder verstummte er …
„Du bist ja höllisch zerstreut!“ sagte ich ein wenig gereizt … „Möchtest du nicht erklären, was auf dieses „Obwohl …“ folgen sollte?!“
„Nein … – Denn ich unterstütze deine Denkfaulheit prinzipiell nicht – – ! – Machen wir uns fertig …“ –
Stumm traten wir den Weg nach der Insel an … Ich etwas beleidigt, denn Haralds ironische Art fällt einem manchmal wirklich auf die Nerven!
Stumm erreichten wir den Buschstreifen am Flusse …
Umsonst spähten wir nach dem Ballon und der Laterne aus …
Nichts war zu sehen …
Düster und still lag die kleine Flußinsel mit ihren vom Dickicht überwucherten Ruinen da …
Harald sagte auch jetzt nichts …
„Wollen wir hinüber?“ meinte ich …
„Wir können ja …! Zweck hat es kaum …“
„Weil … der Ballon nicht sichtbar?“
„Vielleicht …“
Er wurde mir immer unverständlicher …
Vorsichtig durchquerten wir die Büsche, bis wir die Stelle des Ufers vor uns hatten, wo der Laufsteg durch das Röhricht den Wasserarm zwischen Festland und Insel überdeckte …
Da war an der Uferböschung ein alter, schräger Baum, von dem aus man am leichtesten sich auf den Laufsteg schwingen konnte …
Harald erfaßte einen der Äste dieses Baumes und wollte gerade den rechten Fuß auf eine vorspringende Wurzel stellen, als ich – mehr ein Zufall – nochmals den Sternenhimmel über der Insel musterte …
„Halt,“ rief ich leise und packte Harsts Schulter … „Der Ballon …!!“
Wirklich – – Dort schoß er von der Insel aus in die Höhe …
So schnell, daß die unter ihm hängende Laterne fast den Eindruck einer Rakete machte … – wie ein leuchtender Strich …
Dann stand der Ballon still, vielleicht achtzig Meter hoch … wurde vom Nachtwind etwas zur Seite gedrückt und pendelte nur ganz wenig hin und her.
Harald hatte sich wieder neben mich in den Schatten der Büsche gestellt …
Wir beobachteten …
Dann flüsterte Harst: „Das Pergament scheint doch nicht mit dem … falschen Stern in Verbindung zu stehen …“ – eine Bemerkung, die mir genau so unklar war, wie Haralds ganzes Verhalten …
Immerhin hatte sich sein Benehmen jetzt insofern geändert, als er in lebhafterem Tone hinzufügte:
„Dann also hinüber …! Aber Vorsicht, mein Alter … Stecken wir unsere Knallbüchsen entsichert in die Jackentaschen … Du bleibst fünf Schritt hinter mir … Die Geschichte hier ist doch nicht ganz sauber …“
Und er faßte nach dem Ast des schrägen Baumes, war im Augenblick auf dem Laufsteg und schritt sehr behutsam, bis zur halben Wade im Wasser, über den schlüpfrigen Steg …
Ich folgte ebenso behutsam … Um nicht auszugleiten, hielt ich mich an den Rohrstengeln fest. Die Strecke bis zur Insel betrug kaum zwanzig Meter. Wir kamen auch glücklich hinüber, hatten nun den Winkel zwischen zwei Bastionen vor uns, wo sich der halb verwachsene Eingang zu dem früheren Fort befand.
Dieses dunkle, tunnelartige Tor kannten wir bereits … Es führte auf den ehemaligen Innenhof der kleinen Feste, der zum größten Teil ebenfalls zugewachsen war. Nur eine wenig ausgedehnte Lichtung war hier noch vorhanden, auf der linker Hand die Röhrichthütte sich erhob, wo wir damals erst Betsy und Ruwi belauscht und dann den Krüppel mit der Riesenschlange angetroffen hatten …
Wieder war Harst hier als erster rasch durch das Tor gehuscht …
Ich konnte ihn genau mit den Augen verfolgen, da die Lichtung in der Mitte der Insel hell vom Monde beschienen wurde …
Ich sah, daß er mir plötzlich eifrig winkte … Im Moment war ich neben ihm …
„Dort oben!“ raunte er hastig und deutete gen Himmel.
Der Ballon … flog mit der Laterne davon … immer höher … immer schlechter erkennbar, bis auch der schwache Lichtschein der Laterne vollends entschwand …
Dann lachte Harald wieder so eigentümlich in sich hinein … Und sagte ganz laut, als ob er genau wüßte, daß die sechs Maskierten längst über alle Berge seien:
„Unglaublich, auf was für Ideen Leute kommen, die sich in einer besonderen Gemütsverfassung befinden ….! Ich hatte also doch recht: Laterne und Pergament hängen innig zusammen, und wir beide haben uns zwecklos nasse Füße geholt, was in dieser lauen Tropennacht allerdings nichts zu bedeuten hat …“
Jetzt wurde ich denn doch energisch …
„Harald, ich möchte sehr bitten, daß du nun endlich …“
… endlich …
Das war das letzte, was mir über die Lippen kam …
Denn ich hatte von hinten einen Stoß ins Genick erhalten, der jeden anderen, dessen Fettpolster weniger dick an dieser Stelle sind, wohl ins Jenseits befördert hätte …
Immerhin flog ich nach vorn in einen Busch, und ehe ich meine fünf Sinne wieder beieinander hatte, lag schon irgendein Lumpenkerl mir auf dem Rücken, riß mir die Arme nach hinten und fesselte mich so brutal, daß die Stricke mir die Haut der Handgelenke zerschnitten …
Dann fuhr mir ein mit Chloroform getränkter Lappen unter die Nase …
Aber – man hat so seine Tricks bei solchen Gelegenheiten … Man hält möglichst lange die Luft an und markiert sehr schön das Bewußtloswerden … Vielfach gelingt’s … Und auch diesmal … Ich war keineswegs betäubt, sondern nur etwas benommen, als man mich aufhob und mir ein Stück Leinwand über den Kopf warf …
Man trug mich durch das Tor zum Inselufer zurück … Ich hörte Flüstern … Dann landete ein Boot … Ziemlich unsanft wurde ich darin verstaut …
Das Boot wurde durch das Röhricht in den Fluß geschoben … Man ruderte mit mir davon … Daß Harald sich gleichfalls im Boote befand, bezweifelte ich keinen Augenblick …
4. Kapitel.
Diese Bootsfahrt dauerte etwa zwanzig Minuten. Inzwischen hatte ich bereits mit ziemlicher Sicherheit durch das Gehör festgestellt, daß sich vier Inder den bösen Scherz erlaubt hatten uns zu überfallen … Ein Europäer war kaum dabei, denn die vier unterhielten sich leise in ihrer Sprache, von der ich leider nur ein paar Brocken verstand. Außerdem waren sie so vorsichtig gewesen, meinen werten, am Boden des Fahrzeugs liegenden chloroformierten Kadaver mit einigen nach Teer stinkenden Segeln zu bedecken, die sehr schalldämpfend wirkten.
Das Boot landete dann wieder irgendwo … Binsen und Röhricht rauschten, und man brachte mich durch Gestrüpp und ein enges Mauerloch in einen nach Moder duftenden Raum, wo ich nun, nachdem man mir den Kopfbehang abgenommen, beim Schein einer Petroleumlaterne mich umschauen konnte.
Ich hielt es für richtig, nicht länger den Bewußtlosen zu spielen, hatte mich aufrecht gesetzt und sah dicht vor mir einen Inder hocken, der sich aus einem schwarzen Lappen eine Gesichtsmaske hergestellt hatte, durch deren Augenlöcher mich ein paar blinkende Sehorgane drohend anstierten.
Dieser Kerl hatte in der Rechten einen langen, leicht gekrümmten Malaiendolch, mit dem er recht auffällig spielte.
Im übrigen war dieser Raum hier fraglos der Keller eines verlassenen Gebäudes …
Und – umsonst blickte ich mich nach Freund Harald um …
Erwartete nun jeden Moment, daß man ihn ebenfalls herbeischleppen würde …
Wartete … umsonst …
Der Kerl vor mir sagte plötzlich mit tiefer verstellter Stimme in leidlichem Englisch:
„Sahib Schraut, kennst du dies?“
Und er holte aus der Innentasche seiner zerfetzten Jacke … das Stück Pergament hervor …
Ich erschrak nicht wenig …
Also hatten die Schufte Harald die Zeichnung abgenommen – gestohlen – aus der Brieftasche …!
Ich brüllte den braunen Halunken daher auch wütend an:
„Wo habt ihr meinen Freund gelassen?! Was wollt ihr von mir?! Ihr werdet mit dem Zuchthaus Bekanntschaft machen! Hütet euch!“
Der Kerl schärfte den Malaiendolch gemütlich an seiner Schuhsohle …
Erwiderte dumpf:
„Sahib Harst ließen wir auf der Insel liegen … Es war uns zu gefährlich ihn mitzunehmen …“
Pause …
„Sahib Schraut, du wirst mir erklären, was diese Zeichnung bedeutet … Wenn du dich weigerst …“ – und er hielt mir den Dolch dicht unter die Nase … „so wirst du sterben …!“
Ah – also darauf kam’s hinaus …!
Ich war im ersten Moment geradezu verblüfft …
Woher wußte dieser Inder etwas von der Zeichnung?!
Woher konnte er erfahren haben, daß Betsy Grandell dem Pergament solche Wichtigkeit beimaß?!
Ich überlegte …
Und unwillkürlich dachte ich da an den indischen Matrosen, der uns heute auf Reginald Blooß’ Jacht bedient hatte und der doch als einziger etwas von unserer Unterhaltung über das Pergament aufgeschnappt haben konnte!
Dieser Matrose hatte Garmi geheißen, und ich hatte dem Burschen zuletzt noch ein anständiges Trinkgeld in die Hand gedrückt, was ich jetzt aufrichtig bedauerte, denn nur dieser Garmi konnte aus Geldgier sich mit ein paar Burschen ähnlichen Kalibers zu diesem Streich zusammengetan haben …!
Um den Kerl mit dem malaiischen Mordinstrument – (der übrigens nicht Garmi sein konnte) außer Fassung zu bringen – fragte ich nun plötzlich:
„He, was macht denn dein Freund Garmi, du Lump?!“
Siehe da: Der Kerl erschrak derart, daß ihm der Dolch entfiel und daß er mich wie einen Geist anstierte …
Ich lachte ihm höhnisch ins Gesicht …
„Ich weiß ganz genau, mit wem ich es hier zu tun habe, und ich kann dir nur den guten Rat geben, mich schleunigst freizulassen und mir …“
Leider hatte der Lump den ersten Schreck nur zu schnell überwunden und langte schon wieder nach dem blanken Halsabschneider, brüllte mich nun seinerseits an:
„Sahib, wenn du nicht sofort sagst, was die Zeichnung bedeutet, so ersäufen wir dich und deinen Freund im Flusse … Rede, Sahib …! Mit uns ist nicht zu spaßen! Wenn Garmi nicht in der Hafenkneipe von der Zeichnung und dem Tischchen ganz öffentlich gesprochen hätte, würden wir euch beide nicht abgefangen haben … Wir sind arme Teufel, die …“
Ich fiel ihm ins Wort …
„Ich kann die Zeichnung nicht deuten … Das kann nur Harst …“
„Du lügst Sahib … Dein Freund hat in eurem Zimmer heute abend gesagt, die Zeichnung stelle die Flußinsel dar … Einer von uns lag draußen neben der offenen Tür auf der Veranda … Und wenn Sahib Harst dies schon herausgefunden hat, daß es die Insel ist, die hier das Stück Lederpapier gezeichnet ist, dann hat er dir auch mitgeteilt, wo … der Schatz zu suchen ist … – auf der Insel … Rede, Sahib …! Wir sind arme Teufel, die Gold gebrauchen können … Und wir ersäufen dich noch in dieser Nacht, wenn du …“
Inzwischen war mir ein guter Gedanke gekommen …
Wieder unterbrach ich den braunen Halunken …
„Du irrst … Mein Freund hat über die Zeichnung nichts weiter gesagt … Deshalb müßte ich mir sie erst einmal genau ansehen … Halte sie mir vor die Augen und leuchte mit der Laterne … Wenn ich die Zeichnung auch in dem Punkte deuten kann, wo der Schatz verborgen liegt, werde ich es tun, denn wir brauchen den Schatz nicht … Wir sind reich … – Also leuchte mal …!“
Der Bursche schien über meine Bereitwilligkeit geradezu entzückt zu sein …
Und als er dann mit der Rechten mir das Pergament vor die Augen hielt und mit der Linken die Laterne erfaßt hatte, – als also der Dolch beiseite gelegt hatte, da geschah ihm das, was er durchaus verdient hatte: Ich stieß mit den gefesselten Füßen urplötzlich zu, gerade vor die Brust, gegen die Herzgrube …
Das Pergament flog nach rechts und die Laterne nach links, der Kerl selbst nach hinten …
Und bevor er wieder zu sich kam, hatte ich schon mit Hilfe des Dolches meiner Hand- und Fußfesseln entledigt … hatte dem Burschen mit Fetzen seiner Jacke gleiches mit gleichem vergolten …
Die Petroleumlaterne war nicht erloschen, so daß ich meine Taschenlampe schonen konnte. Ich nahm dem Inder nun die Maske ab und … erkannte in dem langen Kerl den … Steuermann der Jacht Reginalds …!!
Also doch!! Also doch Leute der Jacht, wie ich gleich vermutet hatte …! Nun – den Kerlen sollte diese Nacht schlecht bekommen! Ich hatte ja noch meine Clement in der Außentasche …
Steckte die Zeichnung zu mir und wandte mich dem Mauerloche zu, das aus dieser Kellergruft ins Freie führte.
Auf allen Vieren, die Laterne unter der Jacke, kroch ich vorwärts, erblickte das Mondlicht auf den Blättern des Dickichts, erblickte durch eine Lücke den Fluß, ein Boot im Röhricht, in dem Boote drei Gestalten …
Ich sah noch mehr …
Zwischen den Büschen lag überall Mauerschutt … Und als ich den Kopf drehte, erkannte ich ein Stück einer eingestürzten Bastion des alten Inselforts!!
Ich … befand mich also auf der Insel …!
Die Kerle waren mit mir nur zum Schein zwanzig Minuten lang umhergerudert …!! Waren dann hier auf der Flußseite der Insel gelandet …!
Nun – sie sollten mich hier nicht mehr lange stören …! Ich freute mich schon, wie sie schleunigst ausreißen würden, wenn ich sie anrief …!
Und ich hatte mich nicht getäuscht …
Vier Worte genügten …:
„Schert euch zum Teufel!!“
Sie flogen aus ihrer zusammengeduckten Haltung empor …
Sahen mich …sahen die drohende Repetierpistole …
Einer der drei war wirklich Garmi, der Steward-Matrose …
Im Nu hatten sie dann das Boot im offenen Wasser …
Im Nu verschwanden sie in leichten nächtlichen Nebelschwaden …
Bevor ich aber diese Uferstelle verließ, wollte ich doch lieber nochmals nachschauen, ob des braunen niedergeboxten Steuermannes Fesseln noch haltbar genug seien …
Ich kroch in das Gewölbe wieder hinein …
Die Laterne beleuchtete die feuchten, pilzigen Mauern, den Schutt …
Aber – – keinen Steuermann …
Der war … verduftet …
Und ich … war starr …
Wo in aller Welt konnte der Kerl geblieben sein?!
Durch das Mauerloch war er niemals entwischt … Ich hätte ihn unbedingt bemerken müssen …
So leuchtete ich denn jeden Winkel ab …
Fand nichts …
Leuchtete die Mauern ab …
Die Geschichte blieb geradezu rätselhaft …!! Zu gern wäre ich ja noch länger hier geblieben und hätte die Sache aufgeklärt. Aber ich dachte an Harald … Der lag gefesselt dort auf der Lichtung … Der würde mir nachher helfen … –
Es war keine Kleinigkeit, sich durch diese Inselwildnis und über diese Mauerreste mit ihrem Netzwerk von Schlingpflanzen bis zur Lichtung einen Weg zu bahnen, dazu noch bei dieser ungewissen Beleuchtung durch Mond und Sterne. Die Laterne oder die Taschenlampe durfte ich nicht benutzen, denn zu leicht hätte ich die Aufmerksamkeit der Wachen der in der Nähe ankernden Schiffe erregen können.
Endlich dann die Lichtung …
Endlich …! Noch ein Sprung, noch ein paar hastige Schritte, und ich schaltete meine Taschenlampe ein …
Kein Harst – – nirgends …
In dem Tunnel des Tores der ehemaligen Festung lediglich ein paar zerschnittene Stricke … Strickenden – – nichts weiter.
Sollte Harald sich bereits selbst befreit haben?! Es schien fast so …
Ich war ratlos … – Was nur tun?!
Vielleicht war Harald auch heimgekehrt … Vielleicht hatte er John Grandell geweckt … Vielleicht waren die beiden jetzt auf der Suche nach mir?!
So entschloß ich mich denn, nach dem Bungalow zu eilen … Passierte den Laufsteg, holte mir zum zweiten Male nasse Füße …
Gelangte an den Gartenzaun, kletterte hinüber … Schlich zum Hause – die Veranda entlang, – dann hinein in unser Zimmer … Schaltete das Licht ein …
Kein Harst … Das Bett unbenutzt …
Doch halt: Dort auf dem Sofatisch ein Zettel, gegen eine Blumenvase gelehnt:
„Lieber Alter, sollte es Dir gelingen, diesen Amateurgaunern zu entkommen, so komm’ sofort zu Reginald Blooß. – Geschrieben um 2¼ Uhr morgens. –
Dein H.“
Ich sah nach meiner Uhr … Es war jetzt genau zwanzig Minuten nach zwei. Harald konnte sich also soeben erst wieder entfernt haben …
5. Kapitel.
Reginald Blooß, einziger Sohn eines vielfachen Millionärs, bewohnte hier im Europäerviertel von Negapatam gleichfalls einen Bungalow, der von der Wohnung der Geschwister Grandell kaum fünf Minuten entfernt und ebenfalls am Flusse lag.
Als ich mich dem Bungalow näherte, sah ich schon von weitem in Reginalds Arbeitszimmer Licht. Die Lage der Räume kannte ich von zwei Besuchen her.
Ich pochte gegen das eine erleuchtete Fenster … Auf den Vorhängen erschien ein Schatten … Blooß öffnete und ließ mich ein. Er trug einen seidenen Schlafanzug, begrüßte mich auffallend kühl und meinte: „Ihr Freund ist soeben gekommen … Bitte …“
Harst saß in einem tiefen Klubsessel neben dem Schreibtisch, nickte mir nur zu und sagte: „Nimm Platz, mein Alter … Ich wollte gerade beginnen, hatte Blooß gebeten, der Wahrheit die Ehre zu geben, worauf er ein sehr offizielles Gesicht machte … Dann klopftest du …“
Blooß setzte sich mit äußerst ablehnender Miene in den Schreibsessel, nachdem ich, ziemlich erschöpft, neben Harst in den zweiten Klubsessel gesunken war …
Und der hübsche, schlanke Reginald sagte dann:
„Mr. Harst, – wie meinten Sie das, ich solle der Wahrheit die Ehre geben?! – Das klang genau so, als ob ich irgendwie mich … schuldig gemacht hätte …“
Harald, der äußerst frisch und lebhaft aussah, erwiderte freundlich:
„Lieber Blooß, glauben Sie, mich wirklich täuschen zu können?! – Ich habe im übrigen für alles Verständnis … Von einer Schuld Ihrerseits kann hier gar keine Rede sein … Sie haben lediglich als Verliebter gehandelt, und das, was Sie getan, verdient Anerkennung, denn es war tadellos ausgedacht und tadellos durchgeführt … Sie hätten nur mich nicht mit nach Tanjore nehmen sollen …“
Reginald senkte den Kopf und preßte die Lippen zusammen …
Dann meinte er achselzuckend: „Sie sprechen in Rätseln, Mr. Harst …“
Da sagte denn auch ich:
„Das stimmt, Mr. Blooß … Auch für mich sind dies absolut unklare Andeutungen.“
Harald blickte mich mit stillem Seufzer an … „Da hat man dich, mein Alter, nun rund zehn Jahre in der Lehre gehabt und sich die redlichste Mühe gegeben dir … die Augen auszuwischen und dein Hirn empfänglich für Kleinigkeiten zu machen … Manchmal gelingt es dir, deine angeborene Pomadigkeit abzuschütteln … – So in dieser Nacht. … Denn ich sehe es deinem Gesicht an, daß du Erfolg gehabt hast … Deine Augen reden eine klare Sprache … Du hast das famose Pergament zurückerobert …“
Blooß fuhr leicht zusammen, rief:
„Zurückerobert?! War es denn …“
„ … Ja, lieber Blooß, es war geraubt worden, und ich vermute sehr stark, daß Ihre braunen Matrosen die Banditen waren, denn nur der Steward Garmi konnte etwas über den Wert des Pergament wissen – hm, den Wert, na ja … – Doch davon später. Schraut kann nachher erzählen. Erst müssen wir miteinander ins Reine kommen, lieber Blooß … Und da Sie offenbar Ihr nettes Geheimnis verteidigen wollen, muß ich schon mit meinen Beweisen herausrücken. – In der Basarstraße in Tanjore schöpfte ich den ersten Verdacht gegen Sie …“
Blooß lachte ärgerlich auf … „Verdacht?! – Habe ich etwas gestohlen?!“
„Nein, im Gegenteil … Sie haben etwas geschenkt, daß Sie auffallend billig kauften: das Tischchen! –
Lieber Blooß, der greise Händler stand mit Ihnen im Bunde. Sie hatten das Tischchen schon vorher bezahlt … zahlten in unserer Gegenwart nur noch den Rest. Und der Händler war angewiesen, die Herkunft des Tischchens hier nach Negapatam zu verlegen …“
„Lächerlich …!!“
„Lieber Blooß, ich sah auf den ersten Blick, daß das Tischchen mindestens das dreifache wert war … mindestens … Und als der Händler dann noch erklärte, es solle aus einem uralten portugiesischen Gebäude in Negapatam stammen, hätte ich am liebsten mich vor Lachen ausgeschüttet … – Dann das Pergament … Eine feine Idee von Ihnen, Betsy Grandell noch mehr zu entzücken … Das Pergamentstück haben Sie von dem Deckel eines alten Buches abgeschnitten … – Gestatten Sie …“
Und er erhob sich und trat an einen Bücherständer heran, zog eine alte zerfetzte Scharteke(4) aus der Reihe …
Und – sie war in Pergament gebunden … Auf der Rückseite des Deckels fehlte das Pergament …
Blooß war sehr rot geworden …
Harst setzte sich wieder …
„Ja – und die Zeichnung rührt von Ihnen her, lieber Blooß … Das Pergament wollten Sie durch das Tischchen Betsy in die Hände spielen … Die Zeichnung würde ich schon deuten, kalkulierten Sie … Und dann würde in den Ruinen der Insel in Gegenwart Betsys … der Schatz ausgegraben werden, den … Sie gespendet hätten, wahrscheinlich antike Goldsachen … Betsy würde jubeln, würde ihre Zurückhaltung Ihnen gegenüber vollends aufgeben … – Aber dies alles genügte Ihnen noch nicht. Sie besitzen Phantasie … Sie wollten die Fortinsel gleichsam vorher interessant machen … Zu diesem Zweck haben Sie … den Ballon erfunden … Und die sechs maskierten Europäer …“
Blooß sagte jetzt gar nichts mehr …
Ganz zusammengesunkenen saß er da …
Und ich?!
Ich starrte ihn unverwandt an … War denn so etwas möglich?! Konnte denn ein Verliebter wirklich einen solchen Plan nur zu dem einen Zweck ersinnen, die Erkorene seines Herzens für sich zu gewinnen?!
Harald fuhr fort:
„Also Sie, lieber Blooß, ließen den Ballon aufsteigen … Und als Sie in der vergangenen Nacht Betsy am Ufer erkannten, da ging das Spiel weiter, da schwammen sechs Europäer davon – und doch nur einer: Sie, der immer gleich wieder zur Insel zurückkehrte …! Wie haben Sie es denn fertig gebracht, sich im Wasser unsichtbar zu machen?“
Reginald Blooß erwiderte leise:
„Bitte – – verraten Sie mich nicht an Betsy, meine Herren … Ich gebe alles zu … Sie haben in allen Punkten recht, Mr. Harst … Und – was die … sechs Maskierten betrifft: Ich bin eben stets sofort an derselben Stelle unter Wasser auf die Insel zurückgekrochen, – höchst einfach …“
„Brav so, lieber Blooß …! Natürlich werden wir nichts verraten … Und nun mag Schraut einmal erzählen …“
Ich tat’s …
Als ich das alte Gewölbe an der Nordseite der Insel erwähnte, wo ich den braunen Steuermann niedergeboxt hatte, sprang Blooß empor …
„Dort … dort habe ich ja die Goldsachen vergraben!“ rief er … „Gerade dort – – in dieser Nacht, nachdem ich den Ballon hatte davonfliegen lassen … Der Matrose Garmi hatte mir einmal von diesem Gewölbe erzählt … Und …“
Auch Harald hatte sich rasch erhoben …
„Mann, – – vergraben, wirklich – – und Goldsachen?“
„Ja, antiken Schmuck … Hat mich eine schwere Menge Geld gekostet …“
„Dann … haben Ihre ungetreuen Leute Sie fraglos beobachtet … Dann ist dieser … Schatz fraglos schon gehoben – von den braunen Kerlen! – Kommen Sie, Blooß … Wir wollen zur Insel … Wir nehmen das Beiboot Ihrer Jacht … Ziehen Sie einen Mantel über … Beeilen Sie sich … Ich muß Gewißheit haben …“
Gleich darauf eilten wir zum Bootsteg, zum Flusse hinab …
Hier war auch die Motorjacht vertäut gewesen …
Gewesen …!!
Sie fehlte …
„Die Schufte!“ stieß Blooß ingrimmig hervor … „Sie sind mit der Jacht entflohen …!“
„Dann dort das Boot!“ meinte Harald …
Wir hinein … Wir ruderten, als gälte es ein Wettrennen …
Wir landeten genau dort, wo ich die drei Inder in dem Boote durch die Clement so schnell verscheucht hatte …
Wir kletterten durch das Mauerloch in das Gewölbe, nachdem Reginald aus dem Gestrüpp noch eine Hacke und eine Schaufel hervorgezogen hatte …
Unsere Taschenlampen beleuchteten den unfreundlichen, stinkenden Raum …
„Dort links,“ meinte Blooß …
Und begann den Mauerschutt beiseite zu räumen …
Wir halfen …
Unter dem Schutt kamen drei kurze, breite Bretter zum Vorschein …
Blooß rief: „Diese Bretter stammen nicht von mir …! Ich hatte hier ein Loch gefunden, und die Goldsachen in einem verschimmelten Beutel in das Loch hineingetan und wieder Schutt darüber gehäuft …!“
Harst zog schon eins der Bretter empor …
Lichtkegel fielen in das Loch …
Beleuchteten … Garmis verzerrtes Totengesicht …
„Mein Gott!!“ stöhnte Blooß entsetzt, – denn neben Garmi lag zusammengekrümmt noch ein zweiter Leichnam …
Harald nahm die beiden anderen Bretter weg …
In dem Loche … lagen die vier Inder von Reginalds Jacht: der Steuermann, Garmi und zwei Matrosen, – also die vier Leute, die uns überfallen hatten …!
Harst richtete sich auf …
Blooß war fahl und zitterte …
„Sie sehen,“ meinte Harald ernst, „hier ist aus einer harmlosen Täuschung ein blutiges Spiel geworden … Die vier sind ermordet worden. – Es hilft nichts … Wir müssen die Polizei benachrichtigen, und wir werden dem Polizeichef notwendig die Wahrheit sagen müssen … Vielleicht, daß sich Ihr frommer Schatzbetrug dennoch verschweigen läßt, lieber Blooß … – Am besten, Sie rudern allein nach der Stadt und holen die Beamten. Sie kennen den Polizeichef ja persönlich … Sehen Sie zu, was Sie bei ihm ausrichten. Schraut und ich bleiben als Wache hier …“
Blooß trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirn.
Er war so vollkommen verstört, daß Harald sich dann doch entschloss, ihn zu begleiten …
So war ich denn in dem muffigen Gewölbe mit den vier Toten allein …
Setzte mich an die Maueröffnung, steckte mir eine Zigarre an und … dachte an die beiden entflohenen Sänftenträger und an den Diener Laska …
Ich hielt diese drei für die Mörder.
Dann – plötzlich draußen ein Geräusch …
Im Nu hatte ich die Clement in der Hand und die Lampe ausgeschaltet …
Der Morgen dämmerte bereits herauf …
Eine Gestalt schob sich durch die Maueröffnung …
Zarter Parfümgeruch wehte mir entgegen: Lavendel!
„Miß Betsy!!“ rief ich leise …
„O – – – Mr. Schraut …!!“ – und unter dem seidenen Staubmantel brachte sie eine brennende Laterne zum Vorschein …
„Bleiben Sie im Freien, Miß Betsy,“ sagte ich eindringlich … „Ich komme …“
Dann standen wir draußen im Gestrüpp …
Über uns wurde der Himmel immer heller … Der neue Tag war da …
Und mit ihm der neue, zweite Abschnitt des Geheimnisses des Inselforts:
Der Berg der Erkenntnis.
1. Kapitel.
Betsy Grandell nahm meine Hand …
„Mr. Schraut, sagen Sie mir die Wahrheit … Ich sah Harst und Blooß den Fluß eilends hinabrudern … Ich konnte ihnen gerade noch mit meinem Boote ausweichen … – Was ist hier geschehen?“
Das war eine böse Zwickmühle für mich …!
Betsy direkt belügen, – das wollte mir nicht recht behagen …
Zum Glück kam sie mir selbst zu Hilfe …
„Mr. Schraut, Sie sind doch auch hier gelandet, weil sich auf der Zeichnung etwa an dieser Stelle die Hand befindet?!“ fragte ich ganz atemlos. „Ich erwachte heute sehr früh,“ fuhr sie ohne jeden Übergang fort. „Und da ich nicht wieder einschlafen konnte und immer an die Zeichnung und die Hand denken mußte, kleidete ich mich schnell an und ruderte hierher … Das niedergedrückte Röhricht und Schilf wies mir den Weg. – Haben Sie etwa dort in dem Gewölbe einen Schatz gefunden?“
„Nein, Miß Betsy … Leider nur“ – ich zögerte – „leider nur … vier Tote …“
„Mein Gott … – Und wer sind die Leute?“
Sie drängte sich dichter an mich und warf einen ängstlichen Blick auf das Mauerloch …
Inzwischen war ich mit mir ins Reine gekommen …
„Entschuldigen Sie schon, Miß Betsy, aber Harst hat mir streng verboten über diese Dinge zu sprechen, bevor nicht die Polizei den Tatbestand aufgenommen hat …“
„Ach – – die Polizei!!“ Das klang sehr wegwerfend … „Sie kennen ja Sir Edward Maccray bereits, Mr. Schraut … Ein Genie ist er nicht … Im Gegenteil …!“
„Ich wage nicht zu widersprechen …“
„Es wäre richtiger gewesen, Ihr Freund Harst hätte die Untersuchung allein in die Hand genommen … Maccray ist ein so … so … eingebildeter Narr! Wenn er nicht in Madras im Gouvernement gute Freunde sitzen hätte, wäre er längst von hier abgerufen worden … In einer Stadt von fünftausend Einwohnern mag es genügen, nicht aber hier in einem so lebhaften Hafenort …“
„Armer Maccray!!“ Und ich blickte Betsy von der Seite an … Edward Maccray gehörte ja gleichfalls zu ihren Verehrern …
Bisher hatte sie noch immer meine Hand umklammert. Jetzt trat sie etwas zurück und meinte: „Ich bin hier in Negapatam zurzeit das einzige junge Mädchen – unverlobte junge Mädchen, Mr. Schraut … Und wenn’s nach mir ginge, würde ich all diesen Herren, die sich mit mir sogenannten ernsten Absichten nahen, unser Haus verbieten, denn … ich werde niemals heiraten, was ich auch John gegenüber schon oft betont habe …“
Sie sprach so ernst und auch wieder so freundschaftlich vertraulich, daß ich in demselben Tone erwiderte: „Etwas Derartiges sollte man mit zwanzig Jahren niemals behaupten, Miß Betsy … Wenn der Rechte kommt,“ (und ich dachte an den guten Reginald!), „fallen all solche Vorsätze in sich zusammen …“
Es ist wirklich merkwürdig, daß gerade ich noch mehr als Harald das zweifelhafte Glück habe, von jungen Leuten beiderlei Geschlechts, denen wir beruflich begegnen, stets so als guter, alter harmloser Onkel behandelt zu werden, dem man getrost sein Herz ausschütten kann. – Zuweilen hat nun solche Onkelrolle ihre beträchtlichen Schattenseiten. So auch hier.
Denn Betsy sagte nun, indem sie mir ihr Händchen leicht auf die Schulter legte: „Lieber Mr. Schraut, der Rechte wird bei mir nie kommen! Und wenn etwa … Reginald Blooß sich Hoffnungen machen sollte, so tun Sie mir den Gefallen und … zerstören Sie diese Hoffnungen, damit ich nicht etwa wieder gezwungen bin, ihn so eisig wie früher zu behandeln.“
Ich fiel aus allen Wolken …! Und der trübe Gedanke zuckte mir durch das Hirn, daß Reginald jetzt all das, was er für seine Liebe ersonnenen und was nun so unheilvoll sich gewendet hatte, sehr bald mit bitteren Selbstvorwürfen würde bereuen müssen …!
Ich wußte nicht, was ich Betsy auf ihre letzte Bemerkung antworten sollte … Ich begriff dieses Mädchen einfach nicht … Mein Gesicht mochte mein Denken wohl widerspiegeln, denn sie ließ die Hand von meiner Schulter gleiten, setzte sich auf eins der Mauerstücke und … vergrub ihr schönes, holdes Antlitz in beide Hände …
Und … weinte …
Weinte …!
Das war eine ganz andere Betsy, die ich hier so unter vier Augen im Morgengrauen kennen lernte …
Meine Onkelrolle behagte mir immer weniger … Weinende Weiber, – – lieber einem hungrigen Tiger nur mit einer Fliegenklatsche bewaffnet gegenüberstehen – lieber das!!
Ich mußte nun doch irgend etwas sagen …!! Aber jeder Satz, den ich beginnen wollte, kam mir so unglaublich unpassend für diese Situation vor …
Denn – das eine stand ja nun für mich fest: Die blonde Betsy litt an einer unglücklichen Liebe! Und das paßte ja auch so recht zu ihrem Hang nach Romantik und Extravaganz! – – Schließlich preßte ich dann hervor:
„Miß Betsy, es … es kann ja noch alles gut werden!“
„Nein, nein!“ schluchzte sie … „Wie sollte das wohl möglich sein …“
Und unberechenbar, wie sie nun einmal war, sprang sie plötzlich auf, drängte sich durch die Büsche bis zu ihrem Boot hinab, stieg ein und … ruderte davon, indem sie mir nur noch zurief:
„Sie werden schweigen, lieber Mr. Schraut …!“
Zwanzig Minuten blieb ich noch allein. Die Sonne hatte bereits ihre ersten Strahlen über Fluß und Ufer und Insel in gleißendem Spiel ausgegossen, als die Hafenpolizeibarkasse herangerauscht kam …
Vier Herren stiegen aus: Harst, Blooß, Maccray und Detektivinspektor Tompsen.
Sir Edward Maccray machte nur eine sehr förmliche Verbeugung. Diese Hopfenstange von Mensch mit dem Gesicht einer mageren Bulldogge besaß einen erstaunlichen Dünkel, fühlte sich hier in Negapatam als „Spitze der Behörden“ …
Anders der kleine Tompsen, ein dickes Kerlchen mit einer funkelnden Säufernase …
Tompsen nickte mir zu … „Morgen, Mr. Schraut …! – Tolle Geschichte das! Blooß hat schon alles erzählt …“
Er verstummte, denn Maccray hatte ihn, seinen Untergebenen, strafend angesehen, – sagte nun sehr kurz:
„Eine Geschichte, die ich recht genau untersuchen werde!“
Das klang wie eine versteckte Drohung …
Wir betraten nun das muffige Gewölbe …
Maccray war überaus eifrig, half persönlich, die Leichen aus dem Loche herauszuheben, und diktierte dann Tompsen ein Protokoll, das dieser mit einem Füllfederhalter niederschrieb …
Schon der Anfang des Protokolls war für den armen Reginald wenig erbaulich …
„Heute, am 2. Oktober 1925, erschienen früh um(5) halb fünf Uhr im Polizeigebäude der deutsche Privatdetektiv Harald Harst und der englische Untertan Kaufmann Reginald Blooß, dieser mit der Bitte, die Begleitumstände eines auf der Fortinsel des Flusses verübten vierfachen Mordes nach Möglichkeit geheim zu halten, ein Wunsch, dem im Interesse der ungehinderten polizeilichen Ermittlungen nicht entsprochen werden kann …“
Es war eine Gemeinheit, dies mit in das Protokoll aufzunehmen …
Reginald rief denn auch:
„Maccray, Sie vergessen, daß ich diese Bitte nicht an den Polizeichef, sondern an den mir persönlich gut bekannten Edward Maccray gerichtet habe!“
Die Hopfenstange sagte dienstlich: „Unterbrechen Sie mich bitte nicht …!“
Und – ich hatte das Gefühl, daß dieser Herr Polizeichef ein ganz niederträchtiger Lump war, der Reginald lediglich vor Betsy gründlich bloßstellen wollte: Motiv Eifersucht!!
Maccray diktierte nachher folgendes:
„Die vier Leute der Jachtbesatzung sind nach den an der Spitzhacke und dem Spaten vorgefundenen Blutspuren mit diesen beiden Werkzeugen erschlagen worden, die nach dem Eingeständnis des Mr. Blooß diesem gehören … Mr. Blooß will Hacke und Spaten, nachdem er die antiken Goldsachen in dem Loche vergraben hatte, außerhalb des Gewölbes im Gebüsch verborgen haben. – Befragt, was er getan habe, nachdem er die Schmuckstücke verscharrt hatte, gab er zögernd an, er sei heimgekehrt und habe sich zu Bett gelegt.“
Abermals fuhr Reginald jetzt empört auf …
„Sir Maccray, ich wüßte nicht, daß ich irgendwie zaudernd geantwortet hätte. Ich protestiere gegen diesen Ausdruck im Protokoll. – Mr. Harst, haben Sie gemerkt, daß ich zögerte?“
„Nein,“ erklärte Harald, der sich auf ein großes Mauerstück gesetzt hatte und in aller Seelenruhe schon die fünfte Mirakulum rauchte …
Die Hopfenstange fletschte förmlich die Zähne …
„Mr. Harsts Urteil ist hier absolut nicht maßgebend,“ sagte er malitiös(6).
Und – urplötzlich dicht vor Blooß hintretend:
„Wie kommen diese Blutflecke hier an Ihren rechten Ärmel?! – Antwort!“
Diese Attacke kam Reginald überraschend …
Er wurde verwirrt …
Starrte auf den Ärmel …
Und Harald da:
„Wahrscheinlich ist der Ärmel mit der Hacke oder den Spaten in Berührung gekommen, als wir vorhin den Mauerschutt wegräumten, ohne uns die beiden Werkzeuge vorher anzusehen … Ich habe hier an meinem Beinkleid auch einen blutigen Streifen, Sir Maccray – – bitte …!“
Die Sache wurde nun höchst ungemütlich …
Maccray fauchte Harald wie ein gereizter Kater an. Harst verbat sich diesen Ton, und der Herr Polizeichef … schickte uns beide aus dem Gewölbe heraus … Wir würden nachher vernommen werden …
Wir mußten gehorchen …
Aber Harald meinte noch, bevor wir uns ins Freie begaben:
„Lieber Blooß, Sie können meines Beistandes sicher sein!!“ Und das war mit solcher Betonung, als ob er andeuten wollte, er würde Maccrays Niedertracht schon gegenstandslos zu machen wissen.
Wir beiden standen nun am Inselufer und hatten vor uns das bunte, wechselvolle Bild des von Fahrzeugen belebten Flusses …
Harst warf seinen Zigarettenstummel in das Schilf …
„Ein widerlicher Bursche,“ meinte er leise … „Dazu leider aber ein gefährlicher Bursche … Denn – es stimmte ja, daß Blooß mit der Antwort gezögert hat, und die Flecken an seinem Ärmel sind Blutspritzer … Irgend etwas verheimlicht Blooß, und das ist von ihm sehr töricht …“
Hiermit sprach Harald nur etwas aus, daß auch ich bereits dumpf im Gefühl gehabt hatte: Reginald war uns gegenüber in irgendeinem Punkte nicht ganz ehrlich gewesen!
„Was mag er denn nur verheimlichen?!“ fragte ich leise, da die Polizeibarkasse nur sechs Schritt entfernt war …
„Keine Ahnung! – Warten wir ab …“
Nach reichlich einer Viertelstunde kam dann Tompsen zu uns heraus. Daß er seinen Chef nicht liebte, wußten wir. Aber er war von ihm abhängig und deshalb vorsichtig.
„Bitte, wenn Sie jetzt wieder sich hineinbemühen wollen …“ sagte er sehr dienstlich …
Wir fanden Reginald bleich und verstört vor …
Maccray meinte ironisch: „Mr. Harst, die Blutflecken an Mr. Blooß’ Ärmel sind dicke Blutspritzer, und da den ganzen Umständen nach Verdunkelungsgefahr vorliegt, muß ich Mr. Blooß wenigstens zunächst in Haft nehmen …“
Worauf Harald höflich äußerte, es müßte doch erst einmal festgestellt werden, ob Blooß diesen jetzt mit Blut befleckten leichten Mantel, den er über dem Schlafanzug trüge, auch vorhin angehabt habe …
„Allerdings – das hat er schon zugegeben,“ triumphierte Maccray. „Er hat den Mantel getragen, wollte auch dies zunächst nicht recht einräumen!“
Dann begann unsere kurze Vernehmung …
Wir waren nicht in der Lage, für Blooß irgend etwas zu tun …
Reginald wurde als Häftling in das Polizeigefängnis eingeliefert.
2. Kapitel.
Als wir den Grandellschen Bungalow wieder erreichten – wie eine Insel des Friedens nach dieser aufregenden Nacht, fanden wir die Geschwister auf der Veranda am Frühstückstisch vor …
Niemals vergesse ich Betsys Gesicht, als Harald nun alles erzählte, was sich in dieser Morgenstunde auf der Insel zugetragen hatte …
Niemals ihre Empörung, als sie aus Haralds Munde von Reginalds frommem Betrug Kenntnis erhielt … Denn Harst hielt es für richtiger, das junge Mädchen persönlich einzuweihen, als daß sie die Dinge vielleicht entstellt durch die Zeitung oder gar durch Maccray erfuhr …
„Pfui!!“ rief sie … „Pfui, wie konnte Blooß nur zu solchen Mitteln greifen, mich zu beeinflussen …!“
Aber – seltsam genug! – als Harst nun auch Blooß’ Verhaftung und die Blutspritzer auf dem Mantelärmel erwähnte, wurde sie mit einem Male totenblaß und … fiel regelrecht in Ohnmacht.
Gewiß, wir konnten sie in kurzer Zeit wieder ins Bewußtsein zurückrufen …
Doch – kaum konnte sie wieder die Lippen regen, da fragte sie schon, indem sie Harst mit geradezu verzehrender Angst anschaute:
„Auf – auf dem linken Ärmel?! Und – – und was für ein Mantel war’s?!“
Wir drei Männer starrten Betsy ganz fassungslos an … Was hatte sie nur?! Weshalb diese Ohnmacht, weshalb nun diese Fragen?!
Harald erwiderte, indem er Betsy unausgesetzt beobachtete:
„War es nicht der rechte Ärmel?“
Sie schloß einen Moment die Augen …
Öffnete sie wieder … „Ja, ja – – es war der rechte Ärmel … Aber – – der Mantel?! Ein bräunlicher Staubmantel, leicht kariert …“
„Ja, Miß Betsy …“
Unbegreiflich das alles …!!
Was fehlte dem Mädchen nur?! Sie machte geradezu den Eindruck, als ob sie ihre Sinne nicht ganz beisammen hatte …!
John Grandell beugte sich denn auch besorgt über sie …
„Betsy, weißt du denn etwas über diese Blutflecken?“
Da erst schien sie völlig zu erwachen …
Ein leiser Schrei …
Ein jähes Erröten … Ein angstvolle Blick zu Harald hin …
Und – ein verlegenes Gestammel:
„Ich … ich bin so verwirrt … Ich muß Ruhe haben … Ich … will mich niederlegen … – John, bringe mich in mein Zimmer …“
Der gute Doktor Grandell machte ein unglaublich hilfloses Gesicht … Er war zweifellos ein sehr tüchtiger Gelehrter. Sonst hätte ihn ja auch die Universität London nicht zu Studienzwecken nach Indien geschickt. Aber vom praktischen Leben verstand er nicht viel, und seine Menschenkenntnis war wohl ebenso gering.
Nur sehr zögernd geleitete er Betsy von der Veranda ins Haus … –
Harald nahm ein Röstschnittchen und legte umständlich eine Scheibe rosigen Räucherlachses darauf … In seinem hageren Antlitz lag ein versonnener Zug …
„Das war sehr merkwürdig, mein Alter,“ sagte er dann leise. „Sehr merkwürdig war das …“
Ich war mit dem Frühstück bereits fertig und nahm mir jetzt vom Nebentischchen einen Likör und eine Zigarre.
Harst schob den Teller zurück … „Gib mir gleichfalls einen Likör, lieber Alter … Betsy und Reginald sind jetzt unsere Schmerzenskinder … Ich bleibe dabei: Betsy hat in dieser Nacht etwas ganz Besonderes erlebt, und Reginald war unerkannt mit dabei …“ Er wollte noch mehr sagen, schwieg jedoch infolge meines warnenden Blickes, denn der alte Inder Tamura, der hier bei Grandells so etwas wie den Hausmeister vorstellte, war soeben um die Ecke der Veranda gebogen und näherte sich rasch dem Tische, verbeugte sich hastig, warf einen scheuen Blick ringsum und flüsterte:
„Sahib Harst, ich möchte Ihnen etwas mitteilen. Ich halte es für meine Pflicht, das, was ich in der vergangenen Nacht erlauschte, nicht zu verschweigen … – Sahib Harst, ich pflege nachts zuweilen die Runde durch den Garten zu machen. In meinen Jahren braucht man wenig Schlaf. In dieser Nacht gegen halb eins gewahrte ich einen Eingeborenen, der drüben auf der Veranda vor der Memsahib Schlafstubenfenster stand und mit ihr sprach. (Er meinte Betsy.) Ich schlich bis zum Geländer, konnte aber nur hören, daß der Mann zweimal den Namen Tschar Mansawata erwähnte … Nachher entfernte sich die Memsahib mit dem Inder, den ich noch nie gesehen habe. Beide gingen zur Bootsbrücke hinab, bestiegen das schnelle Boot,“ (er meinte ein Boot mit Rollsitzen) und ruderten davon …“
Im Hause hörte man eine Tür zufallen.
Der Alte begann schnell das Frühstücksgeschirr auf ein Teebrett zu stellen. Dann erschien auch schon John Grandell und nahm mit ernstem, trübem Gesicht wieder am Tische Platz.
Nachdem Tamura den Tisch abgeräumt hatte, fragte Harald, wie es Betsy ginge … Worauf Grandell uns traurig anblickte und meinte: „Ich werde aus ihr nicht klug … Sie liegt auf dem Diwan in ihrem Zimmer und ist ganz geistesabwesend. Ich habe alles mögliche versucht, sie zum Reden zu bringen … Ich habe das Gefühl, daß sie uns etwas verbirgt …“
„Das tut sie ohne Zweifel, lieber Doktor,“ nickte Harald. „Sagen Sie mal, Grandell,“ fuhr er leiser fort, „Tschar bedeutet Berg …?“
„Gewiß …“
„Und Mansawata?“
Grandell war erstaunt. „Wie kommen Sie so plötzlich auf den Tschar Mansawata, Harst?! – Nun, Mansawata heißt soviel wie Erleuchtung, Erkenntnis, und dieser Berg der Erkenntnis liegt drüben nach Norden zu zwischen den beiden nächsten Mündungsarmen des Kaweri-Flusses inmitten eines meilenweiten, sehr sumpfigen Dschungels. Eigentlich ist es nur ein größerer Felsenhügel, der aus dem Morast emporwächst. Aber gerade für derartige abgelegene Plätze hatten die Hindus von jeher besondere Vorliebe, schmückten sie mit allerhand Sagen aus und benutzen sie als Baustellen für ihre Tempel. Der Tschar Mansawata erleichterte ihnen die Errichtung eines Heiligtumes insofern, als der Berg über und über mit Steingeröll bedeckt ist. Baumaterial war also vorhanden, und der Hindutempel dort ist denn auch fraglos für alle Ewigkeit geschaffen, besteht vollständig aus Felsquadern mit einem gewölbten Dache von Steinplatten, die von Steinpfeilern getragen werden. Es hausen dort ein paar Brahminen, Leute von einem gefährlichen Fanatismus. Ich war zweimal dort, durfte jedoch den Tempel nicht betreten, sollte ihn nicht einmal fotografieren. Ich habe es heimlich getan. – Aber – wie sind Sie auf den Mansawata gekommen?“
Harald dämpfte die Stimme noch mehr … Erzählte, was der alte Tamura uns mitgeteilt hatte … „Ist es denn weit bis zu diesem Berge, Grandell?“ fragte er zum Schluß.
Der Doktor schüttelte den Kopf …
„Nein … Mit einem Boot kann man den Verbindungskanal zwischen unserem Mündungsarm hier und dem anderen benutzen, sogar in den Sümpfen fast bis zum Fuße des Berges vordringen. Eine Stunde wird man etwa brauchen. – Was Betsy nur alles für Bekanntschaften hat!“ fügte er seufzend hinzu … „Glauben Sie, Harst, daß sie mit dem fremden Inder zum Mansawata gerudert ist?“
„Ja, Doktor … Wir wollen ihr aber verheimlichen, was wir wissen und was wir vermuten … Ich behaupte weiter: Betsy ist dort auf dem Berge mit Reginald Blooß zusammengetroffen, ohne ihn zu erkennen. Dort hat Bloß sich die Blutspritzer geholt. Dort hat Betsy etwas Ungewöhnliches erlebt. – Wenn sie gegen halb eins mit dem Boote von hier abgefahren ist, kann sie gegen halb zwei den Berg erreicht haben. Erst nach vier Uhr tauchte sie bei Schraut an der Nordseite der Fortinsel auf. Sie hatte also reichlich eine Stunde Zeit, auf dem Mansawata etwas … zu erleben! Harmlos kann dieses Erlebnis nicht gewesen sein. Sie fiel vorhin nur deshalb in Ohnmacht, weil ich die Blutspritzer auf Reginalds rechtem Mantelärmel erwähnte und weil ihr in demselben Moment zum Bewußtsein kam, daß Reginald es gewesen, der ihr dort auf dem Berge begegnet war und der vielleicht für sie sehr energisch eintrat, sie vielleicht schützte und dabei ins Handgemenge mit Leuten kam, denen er gehörig eins auswischte, – daher die Blutspritzer …“
John Grandell fuhr sich mit der Hand über die schweißfeuchte Stirn …
Meinte kläglich: „Harst, Harst, meine Schwester hält uns dauernd in Atem! Die Aufregungen ihretwegen hören nicht auf!“
„O – keine Sorge, Doktor …! Sie werden aufhören …! Schraut und ich werden noch heute den Mansawata besuchen – am Tage … Nachts sieht man ja nichts … ich will sehen, – es werden sich Spuren finden lassen … – Jetzt werden wir drei Stunden schlafen. Das genügt uns … – Aber – nichts von alledem zu Betsy – – nichts!“ –
3. Kapitel.
Gegen elf Uhr vormittags stahlen wir uns vorsichtig aus dem Hause. Ich trug den prall gefüllten Rucksack. Betsy war noch unsichtbar.
Unten am Bootsteg nahmen wir einen einfachen Nachen(7), der nur von den Diener benutzt wurde, wenn sie einmal angeln wollten.
In einer Viertelstunde hatten wir den Verbindungskanal nach dem anderen Mündungsarm des Kaweri(8) erreicht, in weiteren zehn Minuten den Flußarm selbst und sahen nun drüben am Ufer die Sumpfwildnis vor uns … Der Berg selbst war noch durch die hohen Urwaldriesen mit ihren mächtigen Baumkronen verdeckt …
Wir fanden auch die Einfahrt in die Dschungelsümpfe, die der Doktor uns genau beschrieben hatte …
Legten sehr bald in dieser Wasserwildnis an einer trockenen Stelle an und … kostümierten uns … Denn als Europäer durften wir uns dem Berge nicht nähern … Nur als schlichte ärmliche Inder durften wir hoffen, von den Brahminen(9) des Bergtempels nicht beachtet zu werden …
Mit größter Sorgfalt färbten wir uns die Gesichter, Hals, Nacken und Arme. Viel Farbe war nicht nötig, denn die Sonne Indiens hatte uns bereits zu halben Mulatten verwandelt …
Dann ging’s weiter …
Und jetzt erblickten wir auch den Mansawata, einen zerklüfteten stumpfen Felskegel von vielleicht hundertfünfzig Meter Höhe …
Eine jener unbegreiflichen Launen der Natur hatte hier tatsächlich inmitten einer Sumpfwildnis eine Granitmasse aus den Tiefen des Urgesteins emporwachsen lassen, einen kahlen, düsteren Berg, dessen flache Spitze von einem plumpen Bauwerk gekrönt war – dem Hindutempel …
Und dieser Dschungel hier, den wir auf schmalen Kanälen passierten, war ein Eldorado, ein Paradies für all die mannigfachen Tierarten des unermesslichen indischen Reiches …
Papageienschwärme, Affenherden, Wasserbüffel, – – unmöglich, alles hier aufzuzählen, was wir beobachteten …
Freilich, wir hatten wenig Gedanken für die geflügelten und vierfüßigen Bewohner dieses Dschungels. Uns lag anderes am Herzen … Uns lockte das Rätsel, was sich wohl in der vergangenen Nacht auf diesem zerklüfteten Granitkegel abgespielt haben mochte …
Harald ruderte emsig, war stumm …
Ich steuerte und suchte den bequemsten Weg …
Dann bogen wir in einen breiten natürlichen Kanal ein, und plötzlich streckte uns der Berg eine schmale Felszunge entgegen, auf der wir landeten und unser Boot zwischen Geröll verbargen. Von hier aus war der Tempel nicht sichtbar.
Harald erkletterte nun zunächst einen größeren Felsblock und hielt vorsichtig Umschau, denn das Vorgelände und die nahen Schluchten waren so schlecht zu übersehen, daß man vor Überraschungen sich kaum schützen konnte.
Er legte sich dann mit einem Male auf dem Felsblock der Länge nach nieder und gab mir durch einen Wink zu verstehen, ich solle mich verbergen.
Unten am Fuße dieses etwa sechs Meter hohen Steines lagen kleinere Blöcke, zwischen denen ich leicht ein sicheres Versteck fand.
Für alle Fälle nahm ich meine Clement aus der Hosentasche und schob sie in die rechte Jackentasche … Man konnte nie wissen, was sich ereignen würde, denn wenn sich unser Reginald hier wirklich die dicken Blutspritzer geholt hatte, so konnten die fanatischen Brahminen dort oben im Tempel vielleicht recht kampflustige Herrschaften sein, denen gegenüber so eine neunschüssige Repetierpistole die geeignetste „Friedenspalme“ war – ähnlich wie es jetzt in unserer verdrehten Welt herging, in der jede Nation die Friedensschalmei lustig blies und noch lustiger den Rüstungsetat verdreifachte …
Ich hockte nun also zwischen den grauschwarzen Steinen am Fuße des Felsblockes und lugte durch eine schmale Öffnung nach draußen, konnte in zwei Schluchten des Berges hineinschauen und rechts auf einem kleinen Plateau zwei Sumpfbüffel beobachten, die sich dort sonnten und deren ganzer Leib von einer bräunlichen Schlammkruste überzogen war, dem üblichen Naturpanzer dieser Tiere, die inmitten Legionen von Mücken und Stechfliegen in den Sümpfen hausten.
Plötzlich erhoben die beiden Büffel sich. Trotteten dem Wasser zu, verschwanden … Ich hörte noch, wie sie sich schnaubend und plätschernd in die trübe Flut warfen.
Dann erschien in meinem Gesichtsfeld ein schlanker Inder in einem hellen wollenen Brahminenmantel, mit gelblichem Turban und der Brahminenschnur um den Hals, weißbärtig, mager, aber mit auffallend jugendlichen Bewegungen …
Der Inder trug den linken Arm in einer Schlinge, und die linke Hand war bis zu den Fingerspitzen in einen Verband gehüllt …
Irgend etwas an dem Manne kam mir sofort verdächtig vor. Und als er nun sich langsam näherte, die Augen wie suchend auf den Boden gerichtet, sah ich sehr bald, daß sein junges Gesicht in keiner Weise zu dem ehrwürdigen Barte paßte, sah noch mehr: Der Kerl war kein anderer als Grandells ungetreuer Diener Laska, der damals mit dem Krüppel Tumir und mit dessen Bruder Ruwi gemeinsame Sache gemacht hatte und nachher leider mit Tumirs beiden Sänftenträgern entwichen war. Die Polizei hatte nach den dreien eifrig, aber vergeblich gesucht. Nun war’s ja heraus: Die drei Schurken hatten hier im Hindutempel eine Zufluchtstätte gefunden!
Also Laska war’s – unzweifelhaft Laska …! Und der Bursche benahm sich auch ganz so, als ob er ein verdammt schlechtes Gewissen hatte, schaute alle Augenblick rundum und prüfte dann wieder den Felsboden, als ob er eine Spur verfolgte …
So verschwand er denn langsam nach links, kam etwa in zehn Meter Abstand an dem Felsblock vorüber.
Ich wagte mich nach ein paar Minuten halb aus meinem Versteck hervor …
Erblickte ihn gerade noch, wie er in eine Schlucht emporkletterte – tief gebückt …
Mit einem Male war Harald neben mir …
„Ihm nach …! Es ist Laska!“
„Weiß ich … Und die beiden Sänftenträger werden nicht weit ab sein …“
Harald kroch schon auf allen Vieren davon. Das Geröll deckte uns … Es ging ziemlich steil aufwärts … Dann in die Schlucht hinein …
Ein mühseliges Geschäft, dieses Kriechen. Knie und Hände schmerzten … Der kahle Fels war von der Sonne derart durchhitzt, als ob man heißes Eisen berührte …
Endlich waren wir in der Schlucht …
Aber – von Laska keine Spur mehr …
Freilich, er mußte trotzdem hier irgendwo stecken, denn die Schluchtwände waren steil und glatt, und auch die Rückwand dort hinten unmöglich zu erklimmen. Außerdem gab es hier derart viel Steingeröll in jeder Größe, daß Laska sehr wohl hinter einem solchen Felsblock halt gemacht haben konnte.
Harald kroch denn auch, nur zuweilen den Kopf hebend, ruhig weiter, als ob er seiner Sache ganz sicher sei …
Ich war stets fünf Schritt hinter ihm und deckte uns den Rücken, indem ich nach hinten beobachtete …
Dann winkte Harst mich heran …
Im Nu war ich neben ihm … Lugte wie er über den Stein hinweg … Sah rechts an der Steilwand den ungetreuen Diener, der dort … mit einem dünnen Eisenstab in einer kleinen Spalte des Felsens herumstocherte …
Und – hier zeigte sich nun abermals, wie sehr der Gang von Ereignissen, der ganz Verlauf unseres Erlebens vom blinden Zufall abhängig ist …
Hätte mich jetzt nicht ein unklares Empfinden, das uns von rückwärts Gefahr drohe, dazu veranlaßt, nochmals zurückzublicken, so wären wir beide hier wohl nicht so leicht zu einer wichtigen Erkenntnis gelangt – hier auf dem Tschar Mansawata, dem „Berge der Erkenntnis“ …
Ich blickte zurück …
Konnte dann Harald gerade noch mit kräftigem Ruck mehr nach rechts zwischen die Steine eines Geröllhügels drücken …
„Zwei Brahminen!“ flüsterte ich … „Verbergen wir uns … Sie können uns noch nicht gesehen haben …“
Es stimmte: Sie hatten uns noch nicht gesehen! Das bewies das weitere Geschehen …
Die Brahminen erschienen – halb geduckt …
Eilten vorüber …
Dann ein Aufschrei …
Erregte Stimmen …
Ein dumpfes Klirren …
Noch ein Schrei … Ein Angstgebrüll, immer schwächer werdend …
„Sie haben Laska beim Wickel,“ flüsterte ich … „Wollen wir ihm nicht helfen?! Vielleicht …“
Da wieder dasselbe Klirren …
Und – wieder kamen die beiden Brahminen an uns vorüber, diesmal in aller Gemächlichkeit, wenn auch lebhaft miteinander sprechend …
Verschwanden … woher sie gekommen …
Und abermals nun die trostlose Stille dieser Steinwildnis …
Abermals die ungeheuren Hitzewellen, die über dem nackten Fels flimmerten und uns schier den Atem benahmen …
Fünf Minuten warteten wir noch …
Dann kroch Harst ins Freie …
Dann standen wir dort vor der Steilwand, wo wir Laska zuletzt gesehen hatten …
Und Harald zog sein großes Taschenmesser hervor, ließ die Klinge vorschnellen …
Schob sie in dieselbe schmale Spalte, in der Laska sein Heil mit dem Eisenstab versucht hatte …
Während Harst so diese Ritze mit der Klinge innen abfühlte, beschaute ich mir das Gestein …
Ausgeschlossen, daß es hier etwa eine Tür oder dergleichen gab. Der Felsen war gleichsam wie poliert – nirgends die Umrisse eines beweglichen Teiles …
„Hier ist in der Spalte ein Metallstück, mein Alter,“ sagte Harald plötzlich. „Bitte – beobachte besser nach rückwärts … Die Brahminen könnten doch zurückkehren …“
Ich tat’s … Und Harst meldete mir nun, da ich ihm den Rücken zukehrte, in Pausen den Fortgang seiner Untersuchung.
„Das Metallstück scheint eine starke Feder zu sein …“
Pause …
„Ich möchte jedoch zunächst nicht allzu stark darauf drücken … Ich traue dem Frieden nicht ganz …“
Pause …
„Ich erinnere dich an das dumpfe Klirren … Wenn ich mir nur über die Natur dieses Geräusches klar werden könnte … Es klang so, wie … wie … – ja, wie nur …?!“
Da half ich ihm aus: „Etwa wie das Klirren einer rostigen dicken Kette, die in einem Schacht gerüttelt wird …“
„Bravo, bravo …!! Lieber Alter, treffender konnte das kaum bezeichnet werden … – – Ah – – jetzt habe ich schärfer gedrückt … Da – – das Klirren … Das Klirren …!“
Jetzt wandte ich mich doch um …
Da war das Klirren schon verstummt …
Wir beide schauten uns verdutzt an …
„Woher kam das nun?!“ fragte Harald ziemlich ratlos …
Und ich blickte genau so ratlos drein …
Genau so …
Wir hatten wirklich keine Ahnung, was vorgefallen war …
Und etwas war doch geschehen! Harsts Messerdruck auf die verborgene Feder hatte das Geräusch ausgelöst …
Harald schüttelte den Kopf …
„Unbegreiflich!!“ Und er trat ein paar Schritte von der Steilwand zurück und schaute nach oben …
Seine Augen flammten auf …
„Wer hätte das gedacht, mein Alter …!! Dort hängt die Kette …!! Und wir beide starren die Felswand wie verzaubert an …!!“
Jetzt sah auch ich etwa drei Meter über uns eine rostige Kette mit einem eisernen Ring am Ende – einem sehr großen Ring …
Und diese Kette verschwand weitere acht Meter höher in einem Felsloche, das einen schlanken Menschen wohl hindurchgelassen hätte. –
Jetzt preßte Harald nochmals die Spitze der Messerklinge auf die verborgene Feder …
Und – siehe da, – die Kette glitt tiefer herab, machte in Griffsweite halt und – begann sich wieder nach oben zu bewegen …
Harst sprang zu …
Packte den Ring …
Ich desgleichen …
Und die Kette zog uns empor …
Langsam, gemächlich …
Also – deshalb war das Gestein hier wie poliert – – deshalb!! Hier hatten vielleicht schon Hunderte von Malen Leute, die in das Geheimnis eingeweiht waren, sich emporziehen lassen …!!
Nun waren wir oben …
Harst schwang sich in das Loch hinein … Reichte mir die Hand …
Wir standen in einem Felsengang, der sich schnell verbreiterte …
Lichtschein unserer Taschenlampen glitt über die Wände …
Der Gang wurde zur Grotte …
Und – – wir beide nun wie erstarrt vor ungläubigem Staunen …
Grotte – – Höhle?!
Nein – – etwas ganz anderes …
Etwas, was die sagenhaften Gerüchte bestätigte, die in Negapatam über den Berg der Erkenntnis umgingen … John Grandell hatte uns ja einiges davon erzählt …
Keine Grotte …
Der wundervollste Höhlentempel, den ich je gesehen …
Zauberhaft der Anblick im grellen Licht der elektrischen Strahlen …
Zauberhaft …!! Überall hier ein von Goldglimmer dick durchzogenes Gestein … Daher schimmerte das ganze wie Gold – die Säulen, die mit Reliefs verzierten Wände, die Stufen, die zu einem altarähnlichen Postament emporliefen …
Und auf diesem Postament drei überlebensgroße Götzen: Brahma, Wischnu und Schiwa(10) in den für sie charakteristischen Darstellungen … – ein die Augen blendendes Leuchten ausstrahlend: Das Funkeln unzähliger Edelsteine …!!
4. Kapitel.
Und doch hatten wir für all diese Pracht nur einen flüchtigen Blick …
Denn vor dem Altar saß, an eiserne Ringe mit unzerreißbaren Büffelriemen gefesselt, der Diener Laska …
Der falsche Bart war ihm halb vom Gesicht gerissen … Der Turban saß im im Genick … Und ein dünner Riemen, der einen Knebel im Munde festhielt, war im Genick zusammengeknotet.
Der Elende glotzte uns aus weiten starren Augen derart entsetzt an, daß wir, so wenig Mitleid er auch verdiente, unwillkürlich näher herantraten, weil seine röchelnden Atemzüge bewiesen, daß er mit dem Erstickungstode kämpfte.
Harst nahm ihm den Knebel aus dem Munde. Es war ein schmieriger Lappen, der brutal tief bis in die Kehle hinabgedrückt gewesen war. Ohne unser Eingreifen wäre der Diener in kurzem erledigt gewesen.
Japsend holte er Atem …
Die Angst hatte ihn bereits so kraftlos gemacht, daß er jetzt matt in sich zusammensank und wie ein Lebloser in seinen Fesseln hing.
Wir warteten, bis er sich ein wenig erholt hatte …
Ein wenig …
Denn diesem Burschen Zeit zu lassen, wieder völlig Herr über Geist und Körper zu werden, wäre grundfalsch gewesen. Wenn wir ihn ein unumwundenes Geständnis entlocken wollten, mußten noch die letzten Schauer der Todesfurcht seine Seele mit Grauen erfüllen …
Kaum hob er daher wieder den Kopf und lallte ein kaum verständliches Wort des Dankes, als Harald auch schon sagte – – nicht fragte:
„Du bist verwundet. Dein Arm ist verletzt. Ein maskierter Europäer hat dir einen Messerstich versetzt, der die Pulsader traf … Das Blut sprang im Bogen hervor und bespritzte auch den Maskierten. Dies geschah in der verflossenen Nacht …“
So hatte sich Harald zusammengereimt, wie Reginald Blooß zu den Blutflecken gekommen war, und der scheue Blick, mit dem Laska ihn nun anschaute, genügte als Antwort. In diesem Blick lag banges, ungläubiges Staunen, weil Harald hier Dinge vorbrachte, die der Inder bisher als sein ureigenstes Geheimnis betrachtet hatte.
„Es … ist so, Sahib …“ erklärte Laska leise … – Er hatte Harst wohl sofort an der Sprache erkannt.
„Du siehst,“ sprach Harald weiter, „daß mir schwer etwas verborgen bleibt. Wenn du also milde behandelt zu werden wünscht, so lüge nicht … – Was hat sich in der Nacht hier auf den Berge zugetragen?“
Laska setzte sich aufrechter hin, holte nochmals tief Atem und begann:
„Sahib Harst, ich werde nicht lügen … Ich will alles dir mitteilen – alles … – Nach jener Nacht, als du Tumir, den Krüppel, und Ruwi im Bungalow des Sahib Grandell überraschtest und als die beiden den schrecklichen Tod fanden, entfloh ich vom Dache aus durch die Bäume zum Gartenzaun. Ruwi, der mich bestochen hatte, damit ich das Fenster öffne, hatte mir stets gesagt, ich solle hier in den Hindutempel fliehen, falls mir einmal Gefahr drohe verhaftet zu werden. Ich erreichte glücklich den Mansawata und traf hier mit Tumirs Sänftenträgern zusammen, die dann genau wie ich als Brahminen verkleidet wurden. Und hier blieben wir nun. Ich sollte bei Gelegenheit ins Innere zu Verwandten des einen Sänftenträgers gebracht werden. Ich war hier viel allein, denn die Brahminen des Tempels und die beiden Vertrauten Tumirs wollten mich nicht in ihre Geheimnisse einweihen und zeigten mir oft genug, daß ich ihnen lästig sei …“
Harald fiel ihm ins Wort …
„Der Krüppel Tumir war bei den Brahminen sehr angesehen, nicht wahr?“
Laska nickte eifrig. „Mehr als das, Sahib … Er war aus einer noch höheren Kaste als diese Priester … Er konnte ihnen Befehle erteilen, und sie gehorchten ihm … – Gestern am Nachmittag belauschte ich dann ein Gespräch zwischen den beiden Sänftenträgern, die sich auf der Schattenseite des Berges ein verstecktes Plätzchen gesucht hatten, wo sie sich auch vor den Brahminen sicher glaubten …“
„Du hast Ihnen also nachspioniert?“
„Ja, Sahib Harst … Sie hatten ja auch vor den Priestern Geheimnisse, und schon häufiger waren sie an den Tagen vorher mir spurlos aus den Augen gekommen … – Ich kroch an ihr Versteck heran. Ich konnte doch nicht alles verstehen, was sie sprachen. Der eine sagte – es ist der größere, und er heißt Meffid –, man müsse den Tod Tumirs und Ruwis rächen … Schuld an allem sei die Memsahib Betsy … Und wenn man ihr ein paar Edelsteine zeige, würde man sie wohl hier nach dem Mansawata locken können, wo sie dann niemals mehr gefunden werden würde … – Wie ich schon erwähnte, Sahib, – ich hörte immer nur einiges von der Unterhaltung der beiden, konnte mir aber doch unschwer das Fehlende ergänzen und erfuhr so, daß es hier in dem Heiligen Berge noch einen Höhlentempel geben müsse, der große Kostbarkeiten berge. Aus diesem Tempel, von dessen Vorhandensein selbst die Brahminen offenbar nur Ungenaues wußten, wollte Meffid die Edelsteine holen und sich dann nachts zu der Memsahib Betsy begeben, der ja schon Ruwi vorher stets Reichtümer zugesichert hatte. Und Meffid wollte nun so tun, als ob er Ruwis letzten Willen erfüllte, indem er der Memsahib diesen Schatz zeigte, von dem er ihr eine Probe in Gestalt der Diamanten vorweisen konnte.“
Wieder unterbrach Harald den Diener …
„Was weiter geschah, brauchst du mir nicht mehr zu erzählen … – Betsy Grandell folgte Meffid. Beide ruderten nachts hierher. Als sie aber an der Fortinsel vorüberkamen, sah Reginald Blooß das Boot, erkannte Miß Betsy und folgte dem Boote in seinem eigenen Nachen. – Inzwischen hattest du, Laska, hier den anderen Sänftenträger im Auge behalten und als …“
„Entschuldige, Sahib Harst … Wenn du nicht all das wirklich miterlebt hast, so ….“
Harald hatte sich an eine der golden schimmernden Säulen gelehnt und lächelte Laska ganz freundlich an … Ein Lächeln, vor dem der Inder verstummte …
„Es genügt, wenn ich im Geiste dabei war, Laska,“ meinte Harald nun. „Du beobachtetest also Meffids Freund. Als das Boot mit Meffid und Miß Betsy dann hier landete, entfernten sich die beiden Sänftenträger zunächst, indem sie Miß Betsy ein wenig zu warten baten. Sie wollten das junge Mädchen hier nach der Schlucht und dem Höhlentempel bringen, aber erst den merkwürdigen Kettenaufzug arbeiten lassen, also die Kette herabgleiten lassen …“
Laska wurde jetzt merklich unruhig … Seine Augen irrten unstät umher, und sein Gesicht verriet eine ständig wachsende Verlegenheit. – Ich hatte das Gefühl, als wenn er uns soeben hatte belügen wollen und die Wahrheit außerordentlich fürchtete …
Harald fuhr unbeirrt fort: „Da du selbst nun annahmst, Miß Betsy wüßte bereits über die Lage des Höhlentempels genau Bescheid, hattest du nichts anderes im Sinne, als das junge Mädchen verschwinden zu lassen und es nachher zu zwingen, dir alles zu verraten. Du überfielst sie also … Wahrscheinlich warfst du ihr eine Decke oder dergleichen über den Kopf, damit sie nicht um Hilfe rufen könnte …“
Laska zitterte plötzlich …
Einen dumpfes Ächzen kam über seine Lippen … Dann ein klägliches Winseln …
„Sahib, Gnade … Gnade … Ich …“
„Du wirst schweigen, Elender …! Vielleicht wäre dein Vorhaben geglückt, wenn nicht unerwartet ein maskierter Europäer Miß Betsy beigesprungen wäre, eben Sahib Reginald Blooß, der dich verwundete und zur Flucht zwang.“
Der Diener kreischte jetzt vor Angst …:
„Sahib Harst, ich will alles eingestehen … alles…! Ja – die Gier nach den Schätzen des Höhlentempels hatte mich verblendet … Und als ich der Memsahib von hinten mein Obergewand über den Kopf geworfen hatte, da …“
„Schon gut … Dein Geständnis kommt etwas spät … Du flohst dann, und nachher hast du den beiden Sänftenträgern, die Miß Betsy nicht mehr vorfanden, ebenfalls faustdicke Lügen aufgetischt, hast ihnen erzählt, du seist zufällig an den Platz gekommen, wo Miß Betsy unweit des Ufers wartete, und da hätte dich ein Mann überfallen … Du mußtest doch eine Erklärung für deine schwere Verletzung ersinnen! Scheinbar glaubten dir Meffid und der andere – scheinbar … Heute aber bewiesen sie dir, daß sie dich durchschaut haben! Ihr drei seid in der Tat ein Schurkentrio, wie man es suchen kann!! – Wir nehmen dich jetzt mit nach Negapatam, denn deinetwegen sitzt Sahib Blooß in Untersuchungshaft – nur deinetwegen!“
Laska wimmerte, winselte, heulte … Es half ihm alles nichts …
Wir zwangen ihn, uns zum Versteck unseres Bootes zu begleiten. Wir hatten es eilig, denn wir wollten ja möglichst rasch hierher zurückkehren, um auch die beiden anderen feinen Ehrenmänner noch abzufangen, bevor sie Laskas Verschwinden bemerkt hatten. Für alle Fälle ließ Harald die Büffelriemen, nachdem er sie an mehreren Stellen mit dem Messer durchgescheuert hatte, um eine Flucht des Dieners vorzutäuschen, an den eisernen Ringen hängen, – ein guter Gedanke, wie sich später zeigte.
Wir gelangten denn auch unbemerkt zu unserem Boot. Laska mußte rudern, und daß er nicht faulenzen durfte, dafür sorgte Harald schon … –
Gegen drei Uhr nachmittags landeten wir im Hafen unweit des Polizeigebäudes …
5. Kapitel.
In der Vorhalle trafen wir den kleinen, dicken Detektivinspektor Tompsen …
Er starrte uns drei an, als ob er seinen Augen nicht recht traue, als Harald, der genau wie ich noch im Inderkostüm war, ihn anrief:
„Hallo, Mr. Tompsen, hier bringen wir den Diener Laska ….!“
Laska ging ganz manierlich zwischen uns …
„Ist Sir Maccray zu sprechen?“ fragte Harald in einem Atem. „Wir könnten ihm einiges erzählen, was ihn interessieren dürfte …“
Tompsen, seinem aufgeblasenen Chef durchaus nicht grün, verzog sein feistes Antlitz zu einem fröhlichen Grinsen …
Meinte nur: „Blooß …?!“
Das Stichwort sagte genug, und Harald deutete denn auch auf Laskas verbundenen Arm, erwiderte genau so kurz:
„Blooß!!“
„Aha – Blutspritzer!!“
„Stimmt!!“
„Der Chef vernimmt gerade den des Mordes Verdächtigen … Die Gelegenheit ist günstig … Kommen Sie, meine Herren …“
Man merkte ihm an, wie quietschvergnügt er war, daß Maccray nun eine so ungeheuer bittere Enttäuschung erleben würde.
Er schritt uns voran die Haupttreppe empor …
Klopfte an eine Zimmertür und öffnete sofort …
Hinter einen mächtigen Diplomatenschreibtisch saß Seine Erhabenheit Sir Edward Maccray in seiner ganzen würdevollen Hopfenstangenlänge …
Vor dem Schreibtisch im hellen Licht der Inkulpat(11), unser Freund Reginald … – uns den Rücken kehrend …
Tompsen trat ein … Wir desgleichen … Ich drückte die Tür zu …
Maccray zog die Nase unwillig kraus und fragte seinen Untergebenen: „Wen bringen Sie da, Tompsen?! Wie können Sie mich in dieser Weise stören?! Ich …“
Harst hatte Reginald die Hand auf die Schulter gelegt … hatte gemütlich gesagt: „Tag, lieber Blooß … Da sind wir …“ Und dann erst mit knapper Verbeugung zu Seiner Erhabenheit: „Sir Maccray, ich bin Harst … Das ist Schraut, und das da der bisher flüchtige Diener Laska … – Sie werden sich freuen, Sir Maccray, denn wir bringen Ihnen die Beweise für Blooß’ Schuldlosigkeit …“
Es war erstaunlich, wie wenig dieser Herr Polizeichef seine geheimsten Gedanken verbergen konnte … Seine ausgehungerte Bulldoggenvisage zeigte den Ausdruck grimmer Wut …
„Oho!!“ meinte er … „Beweise?! Beweise?! – Mein verehrter Mr. Harst, was Sie vielleicht als Beweise ansehen, schätze ich wahrscheinlich ganz anders ein …“
„Was in diesem Falle gleichgültig wäre, Sir Maccray … Denn eine Depesche von mir an den Gouverneur in Madras dürfte genügen, Ihre Voreingenommenheit gegen Blooß in überzeugender Art darzutun und Blooß’ Freilassung zu erreichen …“
Maccray verfärbte sich, schnappte nach Luft, suchte nach Worten, suchte Haltung zu bewahren und … brachte doch nur ein meckerndes Lachen heraus und den törichten Satz:
„Das – das bliebe doch wohl abzuwarten – – ach ja – – abzuwarten!“
Harst wandte sich an Laska. „Erzähle!“
Laska erzählte …
Maccray fühlte, daß er hier eine klägliche Rolle spielte … Aber er schwieg, saß mit gesenktem Kopf da und machte sich zum Schein Notizen.
Laskas Schilderung wirkte allmählich … Seine Erhabenheit schaute zuweilen auf, und Seine Erhabenheit hatte sich inzwischen überlegt, daß es doch wohl klüger sei, die Taktik zu ändern …
Als Laska alles berichtet hatte, fügte Harald noch hinzu:
„Die beiden Sänftenträger haben dann Miß Grandell verfolgt, erreichten sie jedoch nicht mehr, sondern landeten mit ihrem Boote auf der Fortinsel, wo sie an der Nordseite gerade die vier Inder von Blooß’ Jachtbesatzung im Gebüsch verschwinden sahen … So muß es gewesen sein … Und die Sänftenträger sind die Mörder, Sir Maccray. Ich hatte das gleich vermutet, wenn ich auch den näheren Zusammenhang nicht gleich überschauen konnte …“
Maccray versuchte ein freundliches Lächeln …
„Mr. Harst, wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet … wirklich, zu sehr großem Dank. Und mir ist es eine angenehme Pflicht, mich bei Ihnen, Mr. Blooß, zu entschuldigen, weil ich Sie beargwöhnt habe, – – obwohl ich nicht recht begreife, weshalb Sie mir diese Dinge verschwiegen haben, die Sie doch sofort entlastet hätten … Sie bestätigen also Laskas Angaben?“
„Ja …“ nickte Reginald widerwillig. „Und wenn ich geschwiegen habe, so geschah’s in Rücksicht auf Miß Grandell, die ich nicht gern dadurch bloßstellen wollte, daß ich ihre gemeinsame Bootsfahrt mit dem steckbrieflich verfolgten Meffid preisgeben wollte … Ich wünsche auch nicht, daß Miß Betsy je erfährt, daß ich es war, der ihr auf dem Mansawata zu Hilfe kam, der ihr also bis dorthin heimlich nachgerudert war …“
Da sagte Harald kopfschüttelnd: „Lieber Blooß, das wird wohl kaum möglich sein … Doch sind das spätere Sorgen … Das wichtigste ist jetzt wohl, Meffid und den anderen Mörder festzunehmen … – Sir Maccray, ich denke, wir fahren nach dem Tschar Mansawata …“
Der Chef sprang auf. „Natürlich – natürlich … Ganz wie Sie es wünschen, "Mr. Harst …“
„Hampelmann!!“ dachte ich …
Aber Harald traf trotz Maccrays innerer Verlogenheit, die eigentlich eine gehörige Abfuhr verdient hätte, seine Anordnungen ganz so, als ob der hohe Herr Chef unser bester Freund wäre.
Laska wurde in eine Zelle des Polizeigefängnisses abgeführt. Maccray, Tompsen und Blooß staffierten sich rasch als Inder heraus, und wir fünf sowie drei eingeborene Polizisten in Zivil bestiegen ein Motorboot, das auch mit drei Riemenpaaren ausgestattet war, so daß es nicht schon von weitem als Polizeiboot auffiel.
In kaum fünfzig Minuten landeten wir an der felsigen Halbinsel, auf der wir beide vorhin schon unser Boot versteckt hatten.
Dann trennten wir uns, um den Hindutempel von allen Seiten einzukreisen.
Harald und ich blieben beisammen … Wir wählten den Weg an jener Schlucht entlang, in deren Nordwand der Höhlentempel lag.
Der Anstieg war recht mühsam … Als wir uns dann gerade über der steilen Nordwand inmitten eines Geröllfeldes befanden, – als ich mehr aus Neugier mich weit über den Rand des Abhangs beugte, um vielleicht das Felsloch zu erspähen, aus dem die Kette mit dem Eisenring durch den sinnreichen Mechanismus nach unten geleitet wurde, vernahm ich deutlich dasselbe dumpfe Klirren der Kette, das uns vor Stunden so rätselhaft erschienen war …
„Harald …!!“
Und er, der schon ein paar Schritte voraus war, stand im Moment neben mir …
„Die Kette!“ flüsterte ich … „Ich habe das Geräusch ganz genau gehört …“
„Dann sind Meffid und der andere in der Grotte …! – Rasch hinab in die Schlucht, damit die Kerle nicht flüchten können … – rasch!“
Wir beide wieder den Berg hinab, – erreichten den Eingang der Schlucht, duckten uns hinter Steine, spähten vorsichtig nach vorn …
Harst drängte sich ich an die Nordwand …
„Weiter …!!“
Und wir schlichen, die Augen stets nach dem Felsloch gerichtet, abermals vorwärts …
Niemand zeigte sich …
Dann hatten wir die Stelle unterhalb des Loches erreicht, wo die enge Spalte die Metallfeder verbarg … Harald nahm sein Taschenmesser … Die große Klinge schnappte auf … Er drückte auf die Feder …
Drückte wiederholt … Nichts regte sich …
„Die beiden haben uns bemerkt,“ flüsterte er. „Der Mechanismus funktioniert nicht … Laufe – gib außerhalb der Schlucht die drei vereinbarten Schüsse ab … Dann werden sich die anderen hier schon einfinden …“ – Und er zog die Clement … „Die Schufte können nicht heraus … Beeile dich!“
Ich begann zu traben … Entsicherte meine Waffe …
War kaum zehn Schritt weiter gekommen, als aus dem Innern der Nordwand ein dumpfer Knall ertönte …
Ich fuhr herum …
Sah Harst mit wilden Sätzen auf mich zustürmen …
Sah aus der Felsöffnung einen Hagel von Steinstücken hervorfliegen, sah dort das Gestein sich bewegen …
Dann ein noch kräftigerer Knall …
Harald riß mich mit sich fort …
Ein Regen von Felsbomben prasselte herab …
Ein Wunder, daß wir nicht getroffen wurden …
Wir blickten nicht zurück …
Machten erst am Schluchtausgang halt, hörten das Poltern und Krachen einstürzender Felsmassen …
Drehten uns um …
Dort, wo der Höhlentempel sich befunden, war die Steilwand in einer Ausdehnung von fünfzig Meter zur Hälfte verschwunden …
Dort gab es jetzt nur noch eine ungeheure Geröllhalde …
Dort … hatten sich die beiden Sänftenträger freiwillig den Tod gegeben …!! –
Harald feuerte drei Schüsse ab …
Als erster fand sich Reginald bei uns ein … Dann die übrigen – und mit ihnen sechs Brahminen, ehrwürdige Greise – – zitternd, das schlechte Gewissen stand ihnen an der Stirn geschrieben …! Hatten sie doch Verbrecher vor der Obrigkeit verborgen gehalten, – – auf des Krüppels Befehl, wie sie nachher zu ihrer Entschuldigung vorbrachten … –
Der Höhlentempel des Berges der Erkenntnis existierte nicht mehr …
Unter viele Meter hohem Steinschutt lagen die beiden Mörder begraben … Dazu die kostbaren Statuen der drei Götter … – Um es gleich an dieser Stelle zu erwähnen: Es dauerte eine volle Woche, ehe ein Trupp von dreißig Arbeitern die Geröllhalde beseitigt hatte. Man fand die beiden Toten, fand die Statuen, die nun im Museum in Madras aufgestellt sind … –
Hiermit nun auch zum erfreulichen Schluß dieses Abenteuers: Man fand nicht nur die Statuen, sondern auch die goldenen Schmucksachen, die der verliebte Reginald als „Schatz“ auf der Fortinsel vergraben gehabt hatte …
Und diese antiken Schmuckstücke, lieber Leser, sind heute Eigentum der jungen Frau Betsy Blooß …
Ja – – Betsy Blooß …! Betsy, geborene Grandell, die jetzt als glückliche Gattin unseres braven Reginald alle romantischen Schrullen(12) aufgegeben hat … alle …
Und die romantischte dieser Schrullen war fraglos die gewesen, daß sie, wie sie mir in jener Nacht andeutete, nie heiraten wollte, weil sie … ihren maskierten Retter, der sie aus Laskas Händen befreite, nicht glaubte vergessen zu können …!
Das war’s …!! – – Rätsel der Weiberseele – –!!
Nun: Der Retter war Reginald, und Reginald hat noch an demselben Tage, als der Höhlentempel in Schutt zerfiel, Betsy an sein ehrliches Herz drücken können …
Und am Abend wurde damals auf John Grandells Veranda Verlobung gefeiert … Sogar Maccray war dabei … Und der dicke Tompsen fehlte ebensowenig …
Nächster Band:
Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin
Anmerkungen:
(1) „Neuyorker Börsenjobber“ – Der Begriff „Neuyorker Börsenjobber“ ist eine historische, oft abwertend gebrauchte Bezeichnung für Spekulanten oder Händler an der New Yorker Börse (Wall Street).
(2) „Panama“ - Es handelt sich um einen klassischen Panama-Hut, der in literarischen Kontexten oft verwendet wird, um ein bestimmtes, oft exotisches oder klassisches Flair zu erzeugen.
(3) In der Vorlage steht „aus“ - in „auch“ geändert.
(4) „Scharteke“ – Eine „Scharteke“ ist umgangssprachlich und abwertend ein altes, wertloses, abgegriffenes oder schlecht geschriebenes Buch.
(5) Im Original steht „ein“ - in „um“ geändert.
(6) „Malitiös“ - (auch maliziös, von frz. malicieux) bezeichnet ein arglistiges, boshaftes, hämisches oder durchtriebenes Verhalten. Es beschreibt eine böswillige Einstellung, oft verbunden mit einer spöttischen oder infamen Art.
(7) „Nachen“ - Ein Nachen ist ein kleines, flaches Binnenschiff oder Boot ohne Aufbauten, das traditionell durch Muskelkraft wie Rudern oder Stochern angetrieben wird. Oft aus Holz gefertigt, dient dieser Kahn-Typ vor allem in Fluss- und Auenlandschaften als Fischer- oder Fährboot.
(8) Mündungsarm des Kaweri - Der Fluss Kaveri (auch Cauvery) in Südindien bildet an seiner Mündung in den Golf von Bengalen im Distrikt Thanjavur (Tamil Nadu) ein ausgedehntes Delta mit mehreren Mündungsarmen. (siehe auch Thanjavur)
(9) „Brahminen“ - Der Begriff „Brahminen“ (oft Brahmanen) bezieht sich hauptsächlich auf die oberste Kaste im Hinduismus, die traditionell als Priester und Gelehrte fungieren.
(10) „Brahma, Wischnu und Schiwa“ - Brahma, Wischnu (Vishnu) und Schiwa (Shiva) bilden die Trimurti, die hinduistische Dreieinigkeit, welche die kosmischen Grundkräfte repräsentiert. Sie verkörpern den zyklischen Prozess des Universums: Brahma erschafft (Schöpfer), Wischnu bewahrt (Erhalter) und Schiwa zerstört oder transformiert (Zerstörer), um Platz für Neues zu schaffen. (siehe auch Trimurti)
(11) „Inkulpat“ - Rechtsprechung, veraltet: Angeklagte
(12) „Schrullen“ - „Schrullen“ sind seltsame Angewohnheiten, Launen oder Marotten. Sie bezeichnen kleine, oft liebenswürdige Eigenheiten im Verhalten einer Person, wie etwa das Tragen stets derselben Glückssocken oder spezielle Ordnungsvorstellungen. Im weiteren Sinne können sie auch für eine leicht verschrobene oder eigensinnige Person stehen. Synonyme für Schrullen: Marotte, Spleen, Tick, Laune, Fimmel