
Der Detektiv
Band 168
Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Eine glutheiße Tropennacht …
Der Mond am Himmel als matte Sichel, wie hinter feinen Schleiern …
Schleier, – – Dunstmassen, die die Inseln und Eilande nördlich von Ceylon wie in dünnen Rauch hüllten …: Tropennebel, vom Nachtwind irgendwoher herbeigeweht …
Brandung schäumte an einsamen Inselküsten, an versteckten Riffen …
Und in den an- und abschwellenden Wogen zwischen zweien dieser Inseln die Köpfe zweier Schwimmer …
Köpfe, auf die mit Bindfaden je ein Bündel geschnürt war, wie ein unförmiger Turban aus gelber Ölleinwand.
Ruhig und gleichmäßig arbeiteten die Schwimmer sich vorwärts …
Hob eine Welle sie empor, so spähten sie ringsum nach den Hyänen des Meeres, nach den Rückenflossen gefährlicher Haie …
Aber nur Seetangstücke und zuweilen ein grüner Strauch belebten die nächtliche Meeresoberfläche …
So strebten die Schwimmer der großen, kahlen Sandinsel zu.
Potanur hieß sie bei den Eingeborenen … Auf den Seekarten hatte sie keinen Namen, denn niemand hatte je ein Interesse gehabt, dieses öde Eiland, auf dem kaum ein paar Büsche kläglich ihr Dasein fristeten, irgendwie näher zu bezeichnen …
Potanur …
Das war dem Sprachschatz der Singhalesen, der schlanken Kinder des sonnigen Ceylon, entnommen und bedeutete „Die Insel Nichts“ … – Immerhin ganz charakteristisch für diese kahlen Dünen, kahlen Hügel, kahlen Ufer: Die Insel, auf der nichts gedeiht!
Nach Potanur schwammen die Männer mit den gelblichen Turbanbündeln …
Landeten in einer Bucht zwischen zwei Halbinseln, wo das Meer Berge stinkender, faulender Algen aufgehäuft hatte, – – Berge, die weithin die Luft verpesteten … –
Seltsam genug: Die Schwimmer waren Europäer und trugen nichts als Schwimmhosen am Leibe, – abgesehen von den Bündeln …
Seltsam genug das Benehmen der beiden: Sie hüteten sich, auch nur eine einzige Spur im Sande hervorzurufen, krochen über die stinkenden Berge hin bis zur Flutgrenze und holten hier aus ihren Bündeln kurze Zeltstöcke hervor, die sich aufeinander befestigen ließen durch bewegliche Blechtüllen.
In kurzem hatten die beiden ein niederes kleines Zelt errichtet, das ebenso schnell wieder unter darüber gehäuften trockenen Meerespflanzen verschwand und sich so in nichts mehr von der Umgebung unterschied. Das Zelt war ein Berg Tang geworden, und die beiden Europäer in diesem Berge untergetaucht, nachdem sie ihre Arbeit noch kritisch und sorgfältig gemustert hatten.
In dem auf diese Weise wieder unsichtbar gemachtem Zelte brannte jetzt eine kleine Karbidlaterne …
Der sie angezündet hatte, war der kleinere der beiden Schwimmer, ein Mann mit einer lieblichen Glatze, einer Hornbrille und einem Speckbäuchlein wie ein Säugling: Max Schraut, – – ich, Harald Harsts ständiger Gefährte: Freund, Lehrling und Gehilfe!
„Decke lieber ein Taschentuch über die Laterne,“ meinte Harald nun. „Wenn’s das Pech will, fällt doch ein Lichtschimmer nach draußen, und dann ist unsere ganze Vorsicht für die Katz’…!“
„Ein Taschentuch würde ansengen, Harald …“
„Dann reibe die Glasscheiben mit Schmutz ein … Wir haben allen Grund, auf das Geringste zu achten … Wollen auch leiser sprechen … Wenn hier auf der „Insel Nichts“ tatsächlich das zu finden ist, was wir in Reginald Blooß’ Interesse erhoffen, so haben wir es mit Leuten von vorbildlicher Geriebenheit zu tun …“
Ich wühlte also den trockenen Seetang, der den Boden unseres Zeltes bildete, mit den Händen soweit auf, bis ich an die feuchte, halb verfaulte Schicht gelangte …
Gleich darauf warf unser Laternchen nur ganz trübe Lichtstrahlen auf die Hütte zweier nackter Insulaner, die nun auch den übrigen Inhalt ihrer Bündel auszupacken begannen: Konserven, Hartzwieback, zwei Flaschen kalten Tee und anderes, – jedenfalls eine Auswahl von Dingen, die mit aller Sorgfalt in Rücksicht auf geringes Gewicht zusammengestellt waren. –
Wir saßen auf dem Seetangteppich, und Harald leistete sich die erste Mirakulum …
„Da wären wir nun also,“ meinte er und lächelte mich an. „Alles weitere wird sich von selbst ergeben … Die Hauptsache ist: Geduld! – Für drei Tage sind wir verproviantiert. In diesen drei Tagen müssen wir die Sache aufklären – mit Geduld, ohne Übereilung!“
Die Sache …!!
Und – jetzt will ich einen Sprung in die Vergangenheit zurücktun und meinen Freunden und Lesern in aller Kürze die Vorgeschichte dieser eigenartigen, geheimnisvollen Robinsonade berichten.
Daß wir in Negapatam an der Koromandelküste mit Reginald Blooß bekannt geworden, daß der gute Reginald sich dort mit Betsy Grandell verlobt hatte, weiß der Leser aus dem vorigen Band, in dem ich zum Schluß einiges über die Verlobungsfeier mitgeteilt habe.
Am Tage darauf hatten auch wir beide einen gelinden Kater, schliefen bis gegen Mittag und wurden erst durch Reginalds Erscheinen zum Aufstehen gezwungen, der uns ganz dringend sprechen wollte.
Für uneingeweihte Leser will ich nachholen, daß Reginald Blooß in Negapatam eine Zweigniederlassung des Londoner Hauptgeschäftes seines Vaters leitete.
Sein Anliegen an uns war so recht etwas für Haralds ausgesprochenen Hang für alles Ungewöhnliche. – Blooß teilte uns folgendes mit:
Die Firma besaß auf der Insel Potakiwu (nördlich von Ceylon in der Palk-Straße) eine große Plantage, auf der Tee, Kaffee, Zuckerrohr und Mais gebaut wurde. Die Plantage lag an der Nordostküste und war etwa vierzigtausend Morgen groß, wurde von einem Engländer namens James Billing verwaltet und von rund dreihundert Arbeitern, zumeist Singhalesen, in Ordnung gehalten.
Reginald hatte nun an diesem Tage von Billing einen Brief bekommen, den ich hier im Auszuge wörtlich wiedergeben will …
… Sie kennen Potakiwu, Sir, und Sie wissen, daß etwa eine halbe Meile nordöstlich von Potakiwu die Sandinsel Potanur liegt, unbewohnt und unbeachtet … – Das heißt: unbewohnt, wie ich bisher glaubte! Vor einer Woche aber, als ich mit der Motorjacht spät abends von einer Vergnügungstour zurückkehrte und unweit von Potanur vorüberkam, sah ich mit dem Fernglas dort in den Sanddünen am Ufer eine Europäerin in weißem Kleide stehen. Ich steuerte näher an den Strand heran, aber die Frau verschwand urplötzlich. – Zwei Tage darauf, wieder gegen Mitternacht, erlebte ich dasselbe. Ich landete diesmal und ließ von meinen drei Leuten die Insel absuchen, suchte auch selbst … Wir fanden keine Seele. – Am nächsten Morgen fuhr ich nochmals nach Potanur, durchforschte bei Tageslicht das Eiland und – – fand nicht einmal Spuren von Frauenfüßen – nichts! – In der folgenden Nacht, gestern, wurde dann bei mir eingebrochen und aus dem Kassenzimmer die Summe von achttausend Pfund Sterling, Lohngelder und anderes, aus dem freilich veralteten Stahlschrank gestohlen. Unter den Fährten, die die Diebe zurückgelassen hatten, befand sich auch der Abdruck eines sehr zierlichen Frauenschuhs. Da nun die Nachbarplantagen im letzten Monat gleichfalls verschiedentlich von Dieben heimgesucht worden sind, habe ich heute vormittag gemeinsam mit den Verwaltern der Nachbarplantagen die Insel Potanur, wo ich den Schlupfwinkel dieser Verbrecher vermutete, zum dritten Male durchsucht – wieder umsonst. – Wir alle hier stehen vor einem Rätsel. Die Diebe können nur Europäer sein, die mit den modernsten Einbrecherwerkzeugen ausgestattet sind. Eingeborene kommen auf keinen Fall in Frage. Und dann das Merkwürdigste: die Bande hat überall am Tatort gleichsam als ihr Kennzeichen einen Briefumschlag mit sechs toten Wespen zurückgelassen. – Ich bitte Sie nun, Sir Blooß, von Negapatam womöglich einen tüchtigen Polizeibeamten hierher zu schicken, denn unsere Polizei auf Potakiwu ist absolut nichts wert …“ –
Soweit der Inhalt des Briefes.
Und – was tat Harald?
Wir blieben noch drei Tage bei Grandells. Dann reisten wir angeblich mit der Eisenbahn nach Kalikut an der Malabarküste(1)…
In Wahrheit brachte uns Reginalds Motorjacht in aller Stille nach Süden, setzte uns nach einer Fahrt von vierunddreißig Stunden nachts an einer einsamen Stelle der Nordostküste von Potakiwu an Land – samt unseren Koffern, die wir dort gut verbargen, um sofort … die Schwimmtour nach Potanur zu beginnen.
Jetzt kennt der Leser die Vorgeschichte, und man wird mir kaum den Vorwurf machen können, daß ich mich bei dieser Vorgeschichte zu lange aufgehalten hätte.
Jedenfalls: Wir waren nun auf der „Insel Nichts“, wir durften hoffen, von niemandem beobachtet worden zu sein, wir besaßen ein Zelt, Proviant, Waffen und für jeden einen leichten grauen Leinenanzug, den wir vorläufig freilich nicht anlegten, denn bei dieser Hitze war sogar noch die Schwimmhose lästig.
Ich schwitzte …
Harald kaute an einem Zwieback. Hin und wieder gab er eine seiner vieldeutigen Bemerkungen zum Besten …
So zum Beispiel:
„Sechs Wespen – im Briefumschlag … – Das muß doch irgendeinen Sinn haben …“
Oder:
„Wir werden Potanur Wespennest nennen, mein Alter …“
Oder:
„Die Europäerin, die Billing gesehen hat, ist mir am interessantesten …“
Dann – war es halb zwei …
Wir kochen ins Freie … Die Mondsichel hatte sich empfohlen …
Es war ziemlich finster geworden. Nachdem wir uns jeder eine Menge Seetangstauden unter die nackten Füße gebunden hatten (wir trugen jetzt Leinenhosen), damit wir nur undeutliche Spuren im Sande hinterließen, erkletterten wir tief gebückt die Uferdünen und warfen uns auf einer der höchsten Anhöhen lang in den Sand, um zunächst mit Hilfe der Ferngläser das Vorgelände abzusuchen …
Erst nach gut fünf Minuten wollten wir dann weiter ins Innere dieses so erbärmlich öden Eilandes eindringen …
Wollten …
Es war wohl mehr ein Zufall, daß ich den Kopf wandte und dorthin zurückblickte, wo unser Zelt am Buchtufer sich erhob – nichts als ein Seetanghügel …
Und ich sah etwas …
Sah eine helle Gestalt dicht an dem Platze unseres Zeltes …
Rief Harald leise an …
Zwei Ferngläser richteten sich auf die Gestalt …
Ein Weib – – weiß gekleidet …
Und Harst schnellt empor …
„Wir schneiden ihr den Weg ab … Du nach rechts – – ich links … Sie kann uns nicht entkommen …“
Wir jagen davon …
Wir haben die Dünen hinter uns, haben die weiße Frau für kaum eine halbe Minute aus den Augen verloren …
Sehen wieder den Strand der Bucht …
Weit und breit – – nichts …
Die Frau – – wie in Nebel aufgelöst …
Alles Suchen hilft keinen Deut …
Schließlich kehren wir ganz erschöpft in unser Zelt zurück …
Harald zündet die Laterne an …
Mitten im Zelt liegt auf dem Tangteppich ein weißer großer Briefumschlag …
In dem Umschlag … Sechs toten Wespen und ein Zettel, mit Maschine geschrieben:
„Ich flehe Sie an, Mister Harst: Fliehen Sie!!“
Nichts weiter …
Sechs Wespen – – und der Zettel …!!
„Ein feiner Anfang!“ sagt Harald …
2. Kapitel.
Diese Ironie schlug aber schnell in ehrliche Wut um …
„Wir können hier jetzt abbauen, mein Alter!! Wir sind jämmerliche Anfänger!! Wir sind beobachtet worden … Wir haben uns blamiert!! Und – was soll der Wisch?! Weshalb „fleht“ uns das Weib an zu fliehen?! – Schwindel …!! Komödie!! Aber sie soll Harst kennen lernen!! Ich …“
Und dieses „Ich“ war für einige Zeit das letzte, was ich aus Haralds Munde hörte …
Denn – urplötzlich brach unser Zelt über uns zusammen …
Urplötzlich hatten sich draußen ein paar Kerle auf unser Zelt geworfen …
Die Zeltstangen knickten um …
Wir lagen wehrlos da …
Füße trampelten auf uns herum …
Und als ich den Kopf hob, bekam ich durch die Zeltleinwand hindurch einen Hieb über den Schädel, dem mein Verstandskasten nicht gewachsen war …
Und als ich erwachte, lag ich auf einer Holzpritsche …
Schräg über mir grinste ein helles vergittertes Fenster …
Und … auf meinem Leibe krabbelten Legionen jener Tierchen umher, die überall in der Welt zu finden sind – graue Tierchen – – Läuse, reinblütige asiatische Läuse von einer Gier nach Europäerblut ohnegleichen …!
Es war Tag …
Und ich war, wie ich sehr bald erfuhr, im Polizeigefängnis des Hauptortes der Insel Potakiwu …!
Als ich nämlich gerade den Vernichtungskampf gegen die Läusearmeen begonnen hatte, wurde die Zellentür aufgeschlossen und herein traten zwei Europäer, während hinter ihnen drei Farbige in einer Art Uniform mich staunend anglotzten … –
Die beiden Europäer waren der Polizeimeister und der englische Richter der Insel …
Und – ich war ihres Erachtens einer der so eifrig gesuchten Spitzbuben!!
Kaum hatte ich von dieser angenehmen Verwechslung durch die groben Bemerkungen des Polizeimeisters Kenntnis erhalten, als ich von meiner Pritsche hochfuhr …
Brüllte: „Hat Ihnen denn mein Freund nicht gesagt, wer wir sind?!“
„Nein … Der spricht kein Wort … Hoffentlich sind Sie vernünftiger …! Leugnen hat doch gar keinen Zweck …“
Ich horchte auf …
Harald sprach kein Wort!!
Wollte er etwa unser Inkognito waren?!
Niemand hier auf Potakiwu ahnte ja, daß Reginald Blooß uns gebeten, den Fall der „Sechs Wespen“ zu untersuchen …
Niemand, selbst der Verwalter Billing nicht …
Und wenn Harald nun unsere Namen bisher nicht genannt hatte, so hatte er damit zweifellos etwas Besonderes beabsichtigt.
Ich richtete mich danach …
Ich wurde verhört …
Mein Mund blieb stumm … Nur über etwas beschwerte ich mich – über die Läuse …!!
Der Richter wollte mir einen Salon als Zelle anweisen, wenn ich gestehen würde, wenn ich das Versteck meiner Genossen und der weißen Frau verraten würde …
Mein Mund blieb stumm …
Nur meine Hände blieben in Bewegung …: Kratzen – sich kratzen, nennt man diese Handbeschäftigung.
Schließlich brachte man mich in die Zelle zurück … Der Richter drohte mir, mich schon nachmittags aufknüpfen zu lassen … Der Polizeimeister drohte mit Prügel und Hungerkur …
So war ich denn wieder allein … Nein, nicht allein … Über Vereinsamung hatte ich ja nicht zu klagen … Nie im Leben habe ich wieder einen so läusereichen Raum wie diese Zelle gesehen … Selbst in der finstersten Polackei, wo doch diese Tierchen mit zur Familie gehören, gibt es fraglos nicht derartigen Überfluß an diesen Kriechtierchen …
Allein und nicht allein …
Und doch bei Laune …
Denn … dort von der linken Wand her … von dort kamen jetzt Klopftöne …
Taktmäßig – in Zwischenräumen …
Kurz – lang, lang – kurz …
Und so fort – wie wir’s schon oft erprobt!
Also dort saß Harald …
Und ich lauschte, fügte Klopftöne zu Buchstaben und Buchstaben zu Worten zusammen:
„Nachts brechen wir aus!“
Das war alles … – Es war genug.
Aber – bis zur Nacht hatte ich noch böse Stunden vor mir …
Stunden der Pein … Keine Minute Ruhe …
Läusekampf …
Und – die Gefängniskost – – ausgerechnet Reis mit Seefisch, dort auf den Inseln eine Art Nationalgericht … Und ich kann nun mal keinen Reis essen, wenn er nicht mit Milch gekocht und nicht mit brauner Butter und Zucker und Zimt serviert wird!
Peinvolle Stunden …
Wie sehnte ich den Abend herbei!! Herr, laß es finster werden …!
Und es wurde finster …
Im Gefängnis Stille …
Aber dort an der Wand, die offenbar nur einen Stein stark war, arbeitete jemand unermüdlich …
Harst …
Bis das Loch fertig …
Bis wir uns im Dunkeln die Hände reichten …
„Hast du denn ein Werkzeug?“ war meine erste Frage …
„Natürlich … Ein Stück von dem Eisenbeschlag der Pritsche … -
Wie steht’s mit deinem Fenstergitter, mein Alter? Das meine ist zu fest …“
Nun – jetzt waren wir zu zweien … Und dieses Dorfgefängnis hier auf Potakiwu war nur für mehr oder weniger betrunkene Singhalesen berechnet …
Das Gitter gab nach …
Harst kletterte als erster hinaus … hinaus in den Mondschein, in den Hofraum, der von Gebäuden eingeschlossen war … Half wir dann …
Dunkel die Fenster … Drüben offenbar das Wohnhaus des Polizeimeisters …
„Wir müssen unbedingt unsere Pistolen und die Patronen zurückhaben,“ flüsterte Harst. „Wahrscheinlich hat der Polizeimeister sie in Verwahrung, und …“
… und der stand der eine Gefängnisaufseher, ein baumlanger, engbrüstiger Inder vor uns …
Öffnete schon den Mund zum Alarmruf …
Klappte ihn wieder zu … Der Mann besaß offenbar einen empfindlichen Magen, und die wenig sanfte Berührung der Harald Harstschen Faust mit dieser Leibesgegend nötigste dem Inder außerdem noch einen tiefen Bückling nach vorn ab, so daß ich ihm bequem die Kehle zudrücken konnte …
Der arme Kerl hatte greuliche Angst vor uns …
„Wo sind unsere auf der Sandinsel beschlagnahmten Sachen?“ fragte Harald …
Der Inder deutete auf das Wohnhaus und ein bestimmtes Fenster …
„Dort im Bureau,“ winselte er.
Wir banden ihn, knebelten ihn …
Und holten unsere Sachen, die sauber in die Zeltbahn eingepackt waren …
Wir holten sie … denn wir brauchten nur ein Gazefenster einzuschlagen, was weiter keinen Lärm machte, und einzusteigen.
Dann nahmen wir den Wärter nochmals ins Verhör …
Wie weit es zur Nordostküste sei?
Eine halbe Stunde …
Ob es hier im Dorfe Hunde gebe, die nachts frei umherliefen?
Ja – viele Hunde …
Ob er uns durch das Dorf führen könne und wolle, – wenn nicht, würden wir ihm den Hals abschneiden …
Ja – er würde es tun … –
So verließen wir denn den Hof in Begleitung eines Vertreters der hohen Obrigkeit …
Der Mann dachte auch nicht im entferntesten daran, uns etwa irgendwie zu verraten. Er war heilfroh, als wir ihm dann jenseits des Dorfes Lebewohl sagten und ihm auch noch versprachen, über seine freundliche Begleitung unter keinen Umständen etwas seinem Vorgesetzten mitzuteilen, falls wir wieder festgenommen werden sollten …
Und ganz gemächlich wanderten wir nun die Landstraße entlang, die durch die Plantagenfelder führte …
Als wir an einem Teiche vorüberkamen, nahmen wir ein Bad und rieben uns gegenseitig mit schlammigem Sand die grauen Tierchen vom Körper. Um die verlausten Leinenhosen nicht wieder anziehen zu müssen, hüllten wir uns in die Ölleinwand …
Ich bedauerte aufrichtig, diese unsere Flucht ebenso wie den Aufenthalt in dem Dorfgefängnis von Potakiwu nur so in gedrängtester Kürze geschildert zu haben, aber – es gibt eben über das Wespennest so unendlich viel zu berichten, daß jede Zeile ausgenutzt werden muß.
Deshalb: Wir fanden das Versteck unserer Koffer, und in diesem Versteck durften auch wir uns vorläufig sicher fühlen.
Drei Uhr morgens … Ich war zum Umfallen müde, aber mein knurrender Magen wollte zunächst einmal befriedigt werden. Drei Büchsen Konservenfleisch mußten daran glauben. Harald warnte: „Das kann dir nicht bekommen!“ – O – ich kenne meinen Magen! Es bekam ihm prächtig.
Bevor wir uns dann in diesem Dornendickicht zwischen den Felsen zur Ruhe niedergelegten, unternahmen wir noch einen neuen Vernichtungsfeldzug gegen die – Pardon! – Läusebestien, von denen noch immer eine erkleckliche Anzahl uns zwickte und zwackte. Dieses endgültige Morden mit Hilfe des rühmlichst bekannten flüssigen Insektenvertilgungsmittels „Lausolin“ dauerte bei Harald etwas längere Zeit als bei mir, da Harst sich noch einer in anderen Fällen beneidenswerten Kopfhaarfülle erfreut. In diesem Falle war die Fülle völlig überflüssig, da sie den lieben Tierchen Gelegenheit bot, sich vor den „Lausölin-Strömen immer wieder anderswohin zu verkrümeln.
Dann … schliefen wir …
Als Harald mich wach schüttelte, war es elf Uhr vormittags. Ich war so schlaftrunken, daß ich mich ganz wild umschaute, hatte gerade von der Zelle und von dem Nationalgericht, Reis mit Fisch, geträumt …
Seliges Erwachen! In der Nähe rauschte die Brandung … Duftende Sträucher umgaben uns … Harald hatte bereits den Morgentee fertig und sagte kopfschüttelnd:
„Die Wespen gehen mir an die Nerven!“
Was ich zunächst nicht recht verstand, bis er mir dann einen Briefumschlag zeigte …
Inhalt: sechs tote Wespen und ein Zettel, mit Maschine geschrieben:
„Ich bitte Sie inständigst, Mister Harst: Verlassen Sie die Insel!!“
Das war alles …
Und – es war genug …
Es war die zweite Nachricht der weißen Frau …
Harald meinte: „Sehr bald nach Empfang der ersten Mitteilung der Unbekannten ereilte uns das Geschick und man setzte uns in dem Dorfgefängnis fest. Diesmal wollen wir das Schicksal nicht wiederum herausfordern, sondern uns von hier rechtzeitig empfehlen. Besinne dich, daß Reginald Blooß uns seine Plantage hier genau beschrieben hat … In der Nähe der Gebäude im dichtesten tropischen Walde soll sich die ehemalige Behausung eines sogenannten büßenden Heiligen, eines buddhistischen Mönches, befinden. Reginald empfahl uns diese Steinhütte als geeignetes Versteck, falls wir ein solches nötig hätten. Versuchen wir, unbemerkt bis dorthin zu gelangen …“
Ich hatte nichts dagegen, hatte vielmehr nur etwas zu fragen: „Wie ist es möglich, Harald, daß diese Frau uns ständig beobachtet, daß sie von unserer Flucht wußte und daß sie hier jetzt den zweiten Brief niederlegen konnte?!“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht …
„Wie das möglich ist, mein Alter?! Die Frau verfügt eben über eine Menge von Spionen! – Bedenke, daß Sie mich schon im ersten Schreiben mit „Harst“ anredete, daß sie also wußte, wer die Zeltbewohner waren … – Sie muß also nicht nur hier, sondern auch in Negapatam ihre Späher haben, und sie muß ferner unbedingt davon unterrichtet gewesen sein, daß der Plantagenbesitzer James Billing unseren Reginald um Entsendung eines tüchtigen Polizeibeamten bat. Hieraus geht weiter hervor, daß auch Billing dauernd belauert und seine Korrespondenz überwacht wird.“
„Gut – sehe ich ein, Harald … Wenn wir nun aber von hier die Mönchshütte aufsuchen, so wird dieses Weib auch davon Kenntnis erhalten …“
„Soll sie auch, lieber Alter … – Vielleicht verstehst du das jetzt noch nicht ganz … Aber du wirst es schon noch begreifen … – So – – jetzt … Maskerade! Und dann packen wir wieder unsere Bündel, verbergen die Koffer an anderer Stelle und wandern als braune harmlose Gesellen dem neuen Heim entgegen …“
3. Kapitel.
Haralds untrüglicher Ortssinn ließ uns die Lichtung im Walde wirklich finden, auf der, mit der Rückwand an ein mächtiges Felsgebilde sich lehnend, die aus Steinen erbaute Hütte des Mönches stand.
Dieser büßende Heilige hatte hier nach Reginalds Angaben fast vierzig Jahre gehaust und war erst vor kurzem verstorben.
Die kleine Hütte, gänzlich verwahrlost und offenbar niemals mehr das Ziel Neugieriger, ließ sich in kurzem leidlich aufräumen.
Die Tür aus festen Balken eines der Fäulnis nicht ausgesetzten Holzes, ebenso die beiden Fenster waren noch in Ordnung, genau wie der primitive Herd, das Dach und der Rauchfang.
Gegen sieben Uhr abends waren wir in unserer neuen Villa eingerichtet. Auf dem Herde prasselte ein Feuer, über dem unser Aluminiumkessel hing, und ein aus Steinen und einer Steinplatte hergestellter Tisch war beladen mit köstlichen Früchten aller Art, die Harald vorhin aus dem zwanzig Minuten entfernten Gemüsegarten der Blooß-Plantage „entliehen“ hatte, während ich noch Scheuerfrau spielte.
Die Hüttentür stand offen … Von der Lichtung her, die in einer wahren Farbenorgie von bunten Blumen aller Art prangte, drang das Lärmen von Papageienschwärmen zu uns herein, dazu das Rauschen des Waldes und das nicht allzu ferne Toben der Brandung. Der Salzhauch des Meeres machte sich bis hierher bemerkbar.
Alles in allem war dieses Quartier reizvoll und schön. … Palmen vor der Tür, Blumen, munteres Vogelvolk …
Es gefiel mir hier …
Harald war jetzt am Herde beschäftigt. In dem Aluminiumkessel kochte unser Abendbrot: Büchsenfleisch und Erdnüsse! Es roch höchst appetitlich. – Ich futterte derweil mit Behagen ein paar Bananen und beobachtete draußen die übermütigen Papageien, die man mit Recht die Komiker unter den Vögeln nennt.
Plötzlich flog kreischend ein ganzer Schwarm am anderen Rand der Lichtung empor …
Und unter den Palmen erschien ein großer, kräftiger Europäer mit rötlichem Vollbart, an der Leine zwei prachtvolle englische Wolfshunde, im rechten Arm eine Büchse …
Der rötliche Bart besagte genug: Reginald hatte uns ja Billings Äußeres beschrieben!
James Billing kam näher.
Ich hatte Harald leise auf ihn aufmerksam gemacht, doch Harst meinte nur:
„Programmmäßig!“
Was hieß das?!
Der Verwalter, dessen Hunde Haralds Fährte von der Plantage bis hierher gefolgt waren, machte sich zwanzig Schritt vor der Hütte schußfertig und rief uns an:
„Kommt heraus, ihr Spitzbuben! Ich werde euch lehren, meinen Obstgarten zu plündern …! Verdammtes braunes Pack – raus mit euch!“
Er hielt uns für das, wofür wir gehalten werden wollten: Für beschäftigungslose braune Plantagenarbeiter.
Harald trat denn auch demütig ins Freie …
Ich hinter ihm … Und als er vor Billing stand, flüsterte er rasch:
„Lassen Sie sich nichts anmerken, Sir … Mein Name ist Harald Harst … Blooß hat uns geschickt … Jagen Sie uns zum Schein wieder in die Hütte und folgen Sie uns …“
Einen Moment stutzte der Hühne Billing. Aber er hatte sich gut in der Gewalt …
„Schert euch wieder in die Hütte!“ brüllte er … „Will mal sehen, was ihr alles zusammengestohlen habt …! Vorwärts!“
Und als wir drei nun in dem Steinhäuschen waren, zog er die Tür zu, nachdem er seine Hunde draußen angebunden hatte.
Jetzt wurde er ein anderer …
„Meine Herren, das ist ja eine unglaubliche Überraschung!“ rief er lachend und streckte uns die Hände hin. „Aber – ich freue mich – ich freue mich …! Gerade daß Blooß Sie beide uns zu Hilfe geschickt hat, läßt hoffen, daß diese verdammten Einbrüche nun endlich aufhören und die Spitzbuben gefaßt werden. Denken Sie sich: In der verflossenen Nacht sind uns zwei von den Gaunern, die wir glücklich hinter Schloß und Riegel gebracht hatten, wieder ausgerückt …!“
Harald schmunzelte … Ich lachte …
„Die beiden Gauner waren wir,“ meinte Harst und lachte nun ebenfalls ganz laut. „Tatsächlich, Sir, – wir waren’s … Und daß ich Ihren Obstgarten plünderte und mich dabei von der Dame sehen ließ – es war wohl Ihre Gattin –, hatte nur den Zweck, Sie kennen zu lernen – nur! Diese Bekanntschaft sollte eben ganz unauffällig vermittelt werden, und Sie werden unser Inkognito streng geheim halten, auch Ihrer Gattin gegenüber … – Bitte, nehmen Sie Platz … Unsere Klubsessel bestehen zwar nur aus Steinen, aber bei dieser Hitze ist ein kühler Sitz vorzuziehen …“
James Billing hatte sich mittlerweile von seiner Verblüffung leidlich erholt.
Setzte sich, lachte dröhnend … „Also Sie beide in unserem Dorfgefängnis – – unglaublich!! – Verzeihen Sie mir, daß …“
„Keine überflüssigen Worte …! – Wir werden Ihnen erzählen, was sich dort auf Potanur zugetragen hat … Und dann habe ich Sie einiges zu fragen …“
Billing hörte andächtig zu. Nachher teilte er uns folgendes mit …
Die Plantagenbesitzer und Verwalter von Potakiwu waren überein gekommen, jede Nacht die Insel Potanur mit Ferngläsern zu beobachten … So hatte man nicht nur uns beide, als wir die Dünen erkletterten, sondern auch die „weiße Frau“ bemerkt. Diese war entkommen. Uns beide hielt man für Mitglieder der Diebesbande – mit Recht den ganzen Umständen nach.
Billing fügte dann noch hinzu:
„Sie müssen bedenken, meine Herren, daß wir hier schwer geschädigt worden sind … Kaum eine Plantage ist verschont geblieben … Die Beute der Diebe beträgt bisher rund 40 000 Pfund – ein ganz anständiges Sümmchen! Was uns aber am meisten wütet, ist das, daß den Schuften nicht beizukommen ist! Darum bleibe ich dabei: Die Bande haust auf Potanur drüben! Die Bande hat sich dort ein Versteck hergestellt, das nicht zu finden ist … Wir alle hier sind der Meinung, daß diese Gauner flüchtige Verbrecher sind, die vom Festlande herüberkamen …“
„Vermutungen!“ – und Harald zuckte die Achseln. „Vermutungen, die wenig für sich haben, denn ich sagte ja schon: Die erste Nachricht der weißen Frau enthält genau wie die zweite meinen Namen! – Nein, Billing, die Gesellschaft, behaupte ich, sitzt hier auf Potakiwu. – Nun beantworten Sie mir meine Fragen recht genau und recht kurz … – Wann ereignete sich der erste Diebstahl?“
„Vor rund vier Wochen …“
„Bei wem?“
„Bei den Kaufmann Smieder hier in unserem Dorfe Potakiwu … Für Smieder war es ein harter Verlust, denn er war erst vor kurzem hierher gekommen, hat mal bessere Tage gesehen und hätte seinen Kramladen wieder schließen müssen, wenn wir nicht zusammengelegt und ihm Geld vorgeschossen hätten …“
Harald blickte Billing nachdenklich an …
„Ist Smieder hier auf der Insel der einzige neue Bewohner? Sind sonst noch Leute in letzter Zeit hierher gezogen?“
„Nur die Familie Smieder, die aus fünf Köpfen besteht: das Ehepaar, zwei Söhne und eine Tochter …“
„Die Kinder sind bereits erwachsen?“
„Ja …“
„Besitzt Smieder wohl eine Schreibmaschine?“
„Nein … Was sollte er damit?!“
„Wer hat hier Schreibmaschinen?“ forschte Harald hartnäckig weiter.
Billing wurde stutzig …
„Hegen Sie etwa Verdacht gegen die Familie Smieder?!“ meinte er eifrig. „O – da würden Sie den Leuten bitter Unrecht tun … Das sind durchaus ehrenwerte Menschen, fleißig, still, bescheiden … Wie gesagt, es ging ihnen einst sehr gut … Smieder war Kaufmann in Kolombo, machte aber bankerott(2) und will nun hier von vorne anfangen … Die Tochter Mary habe ich zu mir ins Bureau genommen, und die Söhne verdienen sich auf anderen Plantagen als Buchhalter ihr Geld … – Nein, nein, – gegen die Smieders ist …“
„Danke, Billing … Sie haben mir meine Frage nach den Schreibmaschinen noch nicht beantwortet … – Besitzen Sie denn eine?“
„Natürlich, natürlich … Bei der vielen Schreiberei …!!“
„Die Maschine ist neu?“
„Ja – ganz neu …“
„Das sah ich an dem an Blooß gerichteten getippten Brief … – Und hier sind die beiden Zettel der „weißen Dame“ … auch getippt …! Die Schriftgröße und Buchstabenform entspricht der des Briefes, den Sie an Blooß sandten. Haben Sie den Brief Miß Smieder diktiert?“
„Ja …“ erwiderte Billing zögernd. Auch er war jetzt offenbar nachdenklich geworden …
„Sehen Sie, Billing,“ meinte Harst freundlich, „nun finden Sie meinen Verdacht schon nicht mehr so unangebracht … Miß Smieder hatte Kenntnis von dem Inhalt des Briefes, und Sie … halten doch fraglos Zeitungen, was auch Smieder tun dürfte …“
„Allerdings … Wir bekommen die Zeitungen jeden dritten Tag durch den Postdampfer von Madras …“
„Nun also … Und in den Zeitungen stand, daß Schraut und ich in Negapatam einiges für Blooß tun durften, daß …“
„Freilich, das stimmt!“ murmelte Billing und besichtigte die beiden Zettel der „weißen Frau“ … „Teufel, sollte etwa wirklich die Mary Smieder mit den Gaunern im Bunde sein?! – Ich kann’s gar nicht glauben … Sie ist ein so ruhiges, braves Mädel, immer so traurig und bedrückt … Nein, die Mary würde sich zu so etwas niemals hergeben, niemals!! Ich bin doch jeden Tag mit ihr zusammen … Und man besitzt doch auch so seine Menschenkenntnis …“
„Der Schein trügt nur zu oft, Billing … – Eine andere Frage: Ist hier nur immer bares Geld gestohlen worden?"
„Nein, auch viel Schmucksachen … Einige der Plantagenbesitzer sind sehr reich …“
„Und die Fährten, die die Diebe zurückließen? Sie schrieben an Blooß nur von der Frauenspur …“
„Die Fährten lassen eigentlich auf Eingeborene schließen, obwohl dies unmöglich ist. Die Bande hat ja sogar einen elektrischen Schmelzapparat …“
„Und wieviel Mann waren’s?!“
„Anscheinend vier …“
„Haben Sie denn nie Schweißhunde die Fährte aufnehmen lassen?!"
„Gewiß … Das ist’s ja eben, Mr. Harst … Die Spuren führten stets nach der Küste – stets … Und dort, wo die Spuren am Strande aufhörten, war auch immer der Eindruck eines Bootskieles zu bemerken. Deshalb schwören wir alle darauf: Die Bande haust auf Potanur!“
„Haben Sie denn mal die Hunde mit nach Potanur genommen?!“
„Dreimal … – Ganz umsonst …“
Harald schüttelte den Kopf … „Wenn man zu alledem nun noch die Briefumschläge mit den toten Wespen hinzurechnet, kommt wirklich ein sehr seltsames Rätsel heraus, Billing … Aber – es wird sich lösen lassen … Die Hauptsache: Sie dürfen nicht verraten, daß wir hier hausen – niemandem! Sagen Sie, wir seien zwei wegen Krankheit entlassene Arbeiter von der anderen Seite der Insel, und Sie hätten uns aus Mitleid erlaubt, vorläufig die Hütte zu bewohnen. Das klingt leidlich glaubhaft. Schicken Sie uns auch durch Miß Smieder noch heute etwas Essen her. – Miß Smieder wohnt doch bei Ihnen?“
„Ja …. Bis zum Dorfe ist’s denn doch zu weit …“
„Gut … Sie hören noch von uns … – Auf Wiedersehen …“
4. Kapitel.
Aber der Hühne Billing hatte noch etwas auf dem Herzen … Schaute Harald unsicher an und sagte:
„Mr. Harst, meine Ehe ist kinderlos … Und … und …“
„ … die Mary Smieder ist Ihnen und Ihrer Frau sehr ans Herz gewachsen, nicht wahr?! Sie wollen Mary vielleicht sogar adoptieren, und deshalb ist es Ihnen doppelt schmerzlich, daß ich nun diesen Verdacht gegen das Mädchen geäußert habe …“
Billing nickte ernst. „Ja, so ist’s … Es geht mir sehr nahe, Mary in dieser Weise …“
Harst legte ihm herzlich die Hand auf die Schulter …
„Verdacht ist kein Beweis, Billing … Noch lange nicht …! – Schicken Sie uns das Mädchen, und wir werden wissen, woran wir mit ihr sind … Wiedersehen …“
Der Verwalter schritt langsam über die Lichtung davon. Daß ihm recht schwer zumute war, merkte man schon seinen Bewegungen an …
„Ein biederer, guter Kerl …“ meinte Harald, der neben mir in der Hüttentür stand. „Es würde mir leid tun, wenn wir ihm den Glauben an Mary rauben müßten …“
„Die Beweise sind eigentlich jetzt schon erdrückend,“ äußerte ich zögernd.
„Wie man’s nimmt, mein Alter … Vergiß nicht, daß die beiden Zettel eigentlich Warnungen darstellten … Sollte Mary wirklich diese weiße Frau sein, so spricht doch auch vieles dafür, daß sie nur gezwungen bei alledem mitbeteiligt ist … – Doch – das sind Fragen, die längst nicht spruchreif sind. Essen wir jetzt unser Abendbrot … Vor halb neun kann Mary kaum hier sein …“
Die Fleischbrühe mit Erdnüssen schmeckte tadellos …
Wir hatten unsere „Klubsessel“ dicht an die offene Tür gerückt und hielten die Aluminiumteller auf den Knien.
Die Sonne stand schon recht tief, und die Kronen der Urwaldbäume schimmerten bereits in zartem Rosa …
Eine wundervolle Stille war ringsum … Der Wind hatte sich gelegt, und nur das ferne Rauschen der Brandung erinnerte uns an die Nähe des Meeres. Der ganze Zauber des Tropenwaldes umgab uns … Die drückende Hitze schwand ein wenig, und wie stets gegen Abend öffneten nun auch heute die lieblichen, bunten Kinder der Flora ihre Blütenseelen und erfüllten die Luft mit dem berauschenden Chaos ihrer zarten Düfte …–
Meine Gedanken waren bei James Billing. Der Mann hatte mir gefallen, – einer von jenen Engländern, die nicht nur Sinn für Geldverdienen, sondern die auch ein Herz haben …
Harald aß und träumte vor sich hin …
Sagte dann, als eine große Wespe mit gelbgeringeltem Leib uns umschwärmte:
„Ja – – die sechs Wespen in jedem Brief … Das Zeichen der Bande … Ausgerechnet sechs Wespen …!“
Eine angenehme Müdigkeit überkam mich … Vielleicht war der starke Blumenduft daran schuld …
In meinem trägen Hirn erwachte die Erinnerung an eine der phantasievollen Geschichten des Conan Doyle, des Erfinders der Sherlock-Holmes-Figur, – – an die Geschichte von den fünf Apfelsinenkernen …
Und maulfaul sagte ich:
„Fünf Apfelsinenkerne …!“
„Ja – ähnlich ist’s,“ nickte Harald. „Nur waren die Apfelsinenkerne eine Todesdrohung … Hier sind die Wespen nur ein Zeichen … Aber eine tiefere Bedeutung müssen Sie trotzdem wohl haben … Wespen stechen … Wenn die Bande zum Beispiel aus sechs Köpfen bestände, so könnte man denken: Wir sind unser sechs, und wer uns in die Quere kommt, den … stechen wir! – Ich will nicht behaupten, daß diese Erklärung stimmt, sie hat aber immerhin etwas für sich …“
Ich … wurde immer müder …
Auch Haralds Stimme klang matt …
Und nach einer Weile meinte er mit einer gewissen Unruhe:
„Bist du auch so schläfrig, mein Alter?“
„Sehr … sehr …“
Er blickte mich an …
„Nimm mal die Brille ab …!“
„Weshalb …?!“ – Ich tat’s …
„Weil ich deine Pupillen prüfen will … – Aha – – unnatürlich geweitet! – Du, hier … stimmt etwas nicht … Wir haben …“
Er sprang auf, taumelte leicht, rief:
„Schraut, Schraut, – – Billing hat uns etwas in das Essen geschüttet … Er stand eine Weile mit dem Rücken nach dem Herde hin … Nur er kann’s getan haben …! Und nur in der Fleischbrühe kann …“
Er taumelte wieder …
Fiel auf den Sitzstein zurück …
Ich selbst konnte kaum mehr die Augen offenhalten …
Ein letzter klarer Gedanke ging mir durch den Kopf – träge, wie ein kriechender häßlicher Wurm: „Billing ist ein … Lump!!“
Dann fühlte ich, daß ich von dem Steine glitt, auf den Lehmboden der Hütte rollte …
Und – schlief ein …
Schlief endlose Stunden …
Erwachte …
Glotzte zu dem sonnenbeschienenen vergitterten Fenster empor …
Fuhr hoch – – auf der Holzpritsche …
War munter …
Spürte wieder die frechen Blutsauger …
Umklammerte mit der Hand meine Stirn …
Was – – bedeutete das?! Hatte ich nur geträumt, daß wir aus dem Dorfgefängnis entflohen waren?! Hatte ich nur geträumt, daß wir die Hütte des Einsiedlers bezogen hatten und daß Billing bei uns gewesen?!
Denn – es war ja dieselbe Zelle …
Es waren dieselben Legionen von Läusen …
Es war – – nein, es war kein Traum gewesen …
Dort links an der Mauer sah ich deutlich das frisch zugemauerte Loch, das Harald nachts als Durchschlupf benutzte hatte … Und – – ich war ja verkleidet, trug Leinenhosen, Leinenjacke, Sandalen wie ein indischer Kuli …
Nein – – kein Traum: ich war wieder in das Gefängnis zurückgebracht worden …!
Und entsann mich nun auch genau, daß ich halb bewußtlos an der Hüttentür zu Boden gefallen war, daß Billing, der Schuft, uns das Essen vergiftet hatte …
Also – wieder gefangen …
Und wieder diese gräßlichen Kriechtierchen … – – entsetzlich!!
Dann ging auch schon die Zellentür auf …
Der dicke Polizeimeister erschien, hinter ihm ein Schreiber mit einem Klapbtischchen, zwei Schemeln und Schreibmaterial.
Der Dicke grinste mich an … Zeigte mir warnend einen Revolver … Und in der Zellentür hatten sich zwei farbige Wärter mit Karabinern aufgepflanzt …
Der Schreiber baute das Tischchen auf, setzte sich und tauchte die Feder ins Tintenfaß. Der Dicke setzte sich neben ihn und fragte:
„Name?“
Diesmal antwortete ich … Diesmal hatte ich keine Lust, mich von den Läusen wieder halb auffressen zu lassen …
„Max Schraut …“
Der Dicke und der Schreiber lachten wie die Verrückten …
„Genau so frech wie der andere,“ prustete der Polizeimeister … „Der will Harald Harst sein …! – Nun schön … – Ihr Beruf?“
„Schauspieler a.D. und Detektiv …“
„So … so …! Der andere hat angegeben Doktor juris und Assessor a.D. – Nun schön … – Was tun Sie hier auf Potakiwu?“
Das Komische dieser Situation verscheuchte meine stille Wut …
„Ich suche die sechs Wespen, Herr Polizeimeister …!“
„Ah – genau wie der andere …! – Nun schön … – Sie suchen Sie nicht, sondern Sie gehören mit zu der Bande, Freundchen! – Wollen Sie nun vernünftig werden und …“
Hier gab es eine kleine Unterbrechung …
Denn die in das Loch frisch eingefügten Mauersteine flogen in meine Zelle, und im Nu stand Freund Harald hier vor uns …
Armer dicker Polizeimeister! Deine 250 Pfund haben es sich nie träumen lassen, jemals so brutal behandelt zu werden!!
Harst kriegte den Fettwanst jedenfalls beim Genick, riß ihm den Revolver aus der Hand und benutzte den Dicken als Schutzschild für uns beide …
Ohne sich um das Gezeter des Schreibers und das Gebrüll der Wärter zu kümmern, die wie die Tollhäusler mit ihren Karabinern herumhopsten und doch nicht zum Schuß kamen, – ohne auf die Drohungen des für eine Jahrmarktbude als Schauobjekt reifen Polizeigewaltigen zu achten, befahl er mit echt Harstschem Stimmenaufwand, der ein paar Dutzend Läuse sogar vor Schreck von der Decke fallen ließ, daß der Schreiber und die Wärter augenblicklich mit einem Ponywagen unsere Koffer aus dem Versteck holen sollten …
„In den Koffern befinden sich unsere Ausweise mit Lichtbild … Bis dahin behalten wir euren Chef hier in der Zelle … Und wenn jemand es wagt, in diese Zelle einzudringen, ist euer Chef eine tote Leiche!“
Ich merkte genau, daß dieser ganze Auftritt Harald denselben Spaß machte wie mir …
Es war eine Possenszene … Es war etwas wie der dritte Akt aus Fledermaus: Fideles Gefängnis!!
Jedenfalls: Schreiber und Wärter verdufteten, ich zog die Zellentür zu und stellte das Tischchen vor das Mauerloch …
Der Dicke mußte auf der Pritsche Platz nehmen, und Harald erklärte mit satanischer Niedertracht:
„So, verehrter Sir, nun werden Sie ja selbst sehr bald an Ihrer eigenen Pelle spüren, daß dies Gefängnis lediglich eine Läusezuchtanstalt ist – nichts weiter!! – Wie heißen Sie eigentlich?“
„Thomas Wilson …“
„Aha – Wilson, der große Politiker mit den zwölf Punkten!! Sie werden in kurzen mehr als zwölf Punkte auf Ihrem Kadaver haben!! Es ist ja geradezu unerhört, Menschen in diese total verlausten Löcher einzusperren. Ich werde mich bei dem Gouverneur in Kolombo beschweren, und Lord Baakfield ist mein Freund, verehrter Sir! Der wird Ihnen einen Wischer erteilen, daß Ihnen die Augen tränen!“
Der Dicke begann sich zu kratzen … Sein Antlitz war verstört, zerschmettert, vertattert … Und mit weinerlicher Stimme winselte er nun:
„Jetzt glaube ich Ihnen, Sir, daß Sie Harald Harst sind … Verzeihen Sie mir … Jeder Ihrer Wünsche soll erfüllt werden, und …“
Es klopfte …
Eine Stimme durch die Tür:
„Hier ist der Richter von Potakiwu, Sir Archibald Londsteet … Ich befehle Ihnen beiden …“
Aber Thomas Wilson mit den beweglichen Punkten brüllte:
„Bleib’ draußen, Archi …! Die Herren sind Harst und Schraut … Ich …“
„Nein,“ entschied Harald, „herein mit ihm, nur herein! Kommen Sie, Sir Longsteet … Auch mit Ihnen habe ich zu sprechen … Wir beißen nicht …“
Longsteet trat ein – mit dem Gesicht eine stolzen Gockels … Hinter ihm drängten sich etwa zwei Dutzend Bewaffnete zusammen … Longsteet sagte mit großartiger Handbewegung: „Ich befehle, daß Sie Wilson sofort freigegeben, oder – – ich lasse schießen …!“
Wilson brüllte vor Angst auf … „Sie sind verrückt, Archi …!! Sie sind ein Idiot! Glauben Sie, daß zwei echte Verbrecher mich so behandelt hätten!!“ – Er kratzte sich … „Schicken Sie die Leute nach Hause, Archi …! Hier ist alles in bester Ordnung …“ – Er kratzte sich … „Machen Sie die Tür wieder zu, Archi … Sir Harald Harst wird uns behilflich sein, die Diebe zu fangen … Er kratzte sich jetzt noch kräftiger …
Und Sir Longsteet machte die Tür von innen zu. Sein Gesicht war zerknirscht …
„Bitte, nehmen Sie neben Sir Wilson Platz,“ sagte Harald mit öliger Liebenswürdigkeit … „Bitte, tun Sie es … Es wird Ihren Blick für die … kleinen Unzuträglichkeiten dieses Gefängnises schärfen …“
Der Richter setzte sich auf die Kante der Pritsche …
Harald fragte: „Sie haben eine anonyme Anzeige gestern gegen Abend erhalten, daß wir beide in der Hütte des Einsiedlers uns befinden?“
„Ja …“
„Eine mit Maschine geschriebene Nachricht?“
„Ja …“
Es klopfte wieder …
Es war der Schreiber mit den Koffern …
Harst holte unsere Ausweise hervor …
„Bitte: Harst und Schraut, meine Herren … – Jetzt möchten wir beide ein Bad nehmen. Inzwischen lassen Sie unsere Kleider in einem Backofen ausräuchern …“
Das Bad erhielten wir in der Wohnung des Polizeimeisters …
Um fünf Uhr nachmittags saßen wir, tadellos entlaust und entfärbt, in unseren Sportanzügen im Amtszimmer des Polizeimeisters zusammen mit Longsteet und dem punktierten Wilson …
5. Kapitel.
Diese beiden Machthaber der Insel Potakiwu waren jetzt eitel Liebenswürdigkeit und Entgegenkommen, alles in allem auch verständige Leute, die eben nur durch den langen Aufenthalt auf der Insel, wo sie gleichfalls den lieben Herrgott spielten, zu einer Selbstüberschätzung gelangt, der ein kleiner Dämpfer nichts schaden konnte.
Wilson hatte ein Mittagessen auffahren lassen, wie es kaum im „Grand Hotel“ im Dorfe zu haben gewesen wäre. Wir aßen, tranken und besprachen den Fall „Wespennest“ …
Wobei mir auffiel, daß Harald kein Wort über Billings Schurkerei, über die Vergiftung unserer Fleischbrühe, verlor …
Nicht ein Wort. Nein, er meinte nur:
„Bisher haben Schraut und ich dadurch, daß wir inkognito arbeiteten, nur Schlappen erlitten. Jetzt werden wir unsere Tätigkeit in aller Öffentlichkeit fortsetzen. Vielleicht erreichen wir dadurch mehr …“
Auch von dem Verdacht gegen die Familie Smieder erwähnte er nichts.
Nach Tisch bat er dann Wilson, unsere Koffer sofort nach der Hütte des Einsiedlers schaffen und dort bis zu unserem Eintreffen bewachen zu lassen …
„Wir werden dort wieder Quartier beziehen, denn das Häuschen gefällt uns … Entschuldigen Sie also schon, Sir Longsteet, wenn wir von Ihrer freundlichen Einladung keinen Gebrauch machen … Schraut und ich lieben die Natur, und die Lichtung dort mitten im Walde ist bezaubernd …“
Dabei blieb es.
Dann schlenderten wir durch das langgestreckte Dorf, ließen uns von den Eingeborenen anstieren und betraten den Kramladen des Herrn Smieder …
Fanden in Herrn Smieder ein dürres Männchen vor, dessen kränkliches, vergrämtes Aussehen sofort jeden Argwohn verscheuchte, kauften einiges ein und unterhielten uns mit ihm über den Einbruch in seinem Hause. – Smieder weinte fast. Ihm waren tausend Pfund bares Geld gestohlen worden, das letzte, was er aus den Zusammenbruch seines Geschäfts in Kolombo gerettet hatte …
„Vielleicht erhalten Sie Ihr Geld zurück,“ meinte Harald und drückte ihm zum Abschied die Hand.
Dann schritten wir bis zur Bucht hinab, bis zu der das Dorf sich hinzog. Hier wartete schon Wilson mit seinem Motorboot. Wir fuhren um die Insel zur Hälfte herum und stiegen in der Nähe des Waldes aus, in dem unsere Sommervilla lag. Wilson kehrte mit dem Boot nach dem Dorfe zurück.
Vor der Hütte stand einer der Dorfpolizisten. Unsere Koffer sowie verschiedene Möbelstücke, die der Polizeimeister uns aus eigenem Antrieb geliehen, begrüßten uns als Anzeichen größerer Behaglichkeit. Der Polizist erhielt ein Trinkgeld und entfernte sich dankend.
Endlich – endlich konnte ich nun Harald fragen, weshalb er nicht gegen Billing vorgegangen sei …
Ich hatte aber kaum den ersten Satz über die Lippen gebracht, als Harald meinte:
„Laß doch diese Dinge ruhen … Tragen wir den Tisch ins Freie … Genießen wir die Abendluft …“
Dabei zwinkerte er mir in einer Weise zu, daß ich sogleich merkte, daß er draußen die Unterhaltung fortsetzen wollte.
So saßen wir denn nun unter Palmen, mitten im bunten Blumenflor, acht Schritt von der Tür der Hütte entfernt.
Rauchten, schwiegen erst …
Bis Harald leise sagte:
„James Billing ist unschuldig wie ein Engel …“
„Nanu?!“ entfuhr es mir …
„Leise – – leise …!!“
Und er, der mit dem Rücken nach der offenen Hüttentür saß, hatte plötzlich seinen kleinen Hohlspiegel in der halbgeschlossenen Linken und diese Hand auf dem Tischrand …
Fügte hinzu: „Billing war es nicht, mein Alter … Es war jemand anders …“
„Unmöglich!“
„Bitte – doch möglich! Die Rückwand der Hütte wird von der glatten Seite des Felsens gebildet … Der Herd steht dicht an der Felswand … – All das habe ich mir heute in der Zelle überlegt …“
Jetzt begriff ich … Jetzt wußte ich auch, was der Spiegel sollte …
„Du meinst, daß der Einsiedler noch einen zweiten Ausgang aus seinem Heim sich angelegt hatte …?!“
„Angelegt?! – Es muß in der Felswand eine Spalte vorhanden gewesen sein. Diese Spalte hat er irgendwie verdeckt. Er wird eine dünne Steinplatte von der Farbe des Felsens zurechtgemeißelt haben – als Tür … Diese Tür liegt links neben dem Herd. Vorhin habe ich mir das Gestein genau angesehen. Es ist voller Rillen und schmaler Risse … Und doch erkennt man das eingefügte Stück. Mithin zieht sich die Spalte durch den ganzen Felsen hindurch, und ein Schleichpfad dürfte von der Rückseite des Felsens in das Dickicht führen – als vierter Weg außer den drei anderen, die hier jeder kennt: Einer durch den Wald zur Blooß-Plantage, einer zum Strande und der dritte in der Richtung nach dem Dorfe … – Ich kann hier im Hohlspiegel nun gerade die Steintür neben dem Herd erkennen. Und ich will achtgeben, ob jemand sie öffnet. Wenn nicht, werden wir abwarten, was nachts geschieht. Jedenfalls ist das Schlafmittel in unser Essen geschüttet worden, als Billing uns aus der Hütte zu sich rief.“
„Das wäre möglich,“ nickte ich, denn so recht glaubte ich noch nicht an die Steintür. Weshalb sollte ein Buddhistenmönch sich ein derartiges Schlupfloch geschaffen haben?! Und dies sprach ich nun auch Harald gegenüber aus. Worauf er nachdenklich erklärte:
„Vielleicht hatte es mit diesem Einsiedler eine besondere Bewandtnis … Wir müssen mal mit Billing darüber reden …“
Es wurde jetzt schnell dunkel …
Die Dämmerung währt ja in den Tropen nur kurze Zeit.
Das Abendrot verglühte, und als die ersten Sterne am Firmament auftauchten, begaben wir uns zur Ruhe. Wilson hatte auch zwei Hängematten mitgeschickt, und nachdem wir die nötigen Holzpflöcke zu ihrer Befestigung in die Mauerfugen getrieben hatten, verriegelten wir die Tür und legten uns angekleidet in diese schaukelnden bequemen Betten. Harald wollte bis ein Uhr morgens wachen, dann wollte er mich wecken. Unsere Pistolen und die Taschenlampen hatten wir griffbereit im Schoße.
Einschlafen?! – Einschlafen, wo ich jetzt mit eigenen Augen gesehen hatte, daß die Steintür fraglos vorhanden und daß wir mit einem Besuch der Wespen rechnen konnten!
Unter diesen Umständen einschlafen?!
Das Kunststück hätte mir ein anderer vormachen sollen …!
In der Hütte tiefe Stille …
Die kleinen Fenster offen …
Durch die Fenster die Düfte der Lichtung, des Waldes …
Und meine Ohren dauernd lauschend – dorthin lauschend, wo die Steintür allerlei Überraschungen verhieß …
Zuweilen nur draußen der Laut eines Tieres – einer eine andere Lage einnahmen …
Ich schwitzte …
Meine Nerven meldeten sich …
Und die Zeit schlich – unheimlich langsam.
Ich sah nach dem Leuchtzifferblatt meiner Uhr …
Halb zwölf …
Steckte die Uhr wieder weg …
Und – fuhr leicht zusammen …
Ein scharrendes Geräusch vom Herde her.
Dann flatterte irgend etwas Weißes über meine Hängematte hinweg … Ich dachte sofort an einen Brief der von der Steintür her nach dem einen Fenster zu geworfen worden war … Abermals das scharrende Geräusch … Dann Stille … nichts mehr …
Minutenlang …
In dem Dreivierteldunkel des Innern der Hütte erhob sich Harald aus der Hängematte … Ganz leise … Ein ganz schwacher Lichtstrahl …
Dann ein Ruck an meiner Hängematte …
„Schläfst du?!“
Ich richtete mich auf. „Nein … Eine dritter Brief … Ich sah’s … Es soll den Eindruck machen, als ob der Brief durch das Fenster uns zugestellt wurde …“ – Auch ich flüsterte nur …
Harald hob den Brief von gestampften Lehmboden auf … Schaltete seine Taschenlampe wieder ein … – Wir lasen:
„Jetzt ist alles verloren … Weshalb haben Sie meine Bitte nicht erfüllt?! Vielleicht ist es doch noch Zeit! Fliehen Sie!“
Es war wieder dieselbe Maschinenschrift. Und es war dasselbe Papier und derselbe Umschlag, – – und wieder die sechs toten Wespen als Einlage!
Harald sagte energisch: „Die Sache muß ein Ende haben – so oder so! – Öffnen wir die Steintür!!“
Das war durchaus nicht schwer. Die unregelmäßig viereckige Platte drehte sich in zwei eisernen Angeln, hatte aber keinerlei Verschluß …
Es stimmte: Hinter der Tür lief eine breite Spalte durch den Felsen. In dieser höhlenartigen Spalte standen leere Kisten, leere Fässer, – – lag ein kleines Boot aus Zinkblech! Und neben dem Boote auf einem Brett ein großes Paket …
Harst schlug die Öltuchumhüllung auseinander …
Und – der Inhalt?! – – Man denke: Große Bogen ganz grobkörnigen Sandpapiers, Schmirgelpapiers! Mindestens vierzig bis fünfzig Bogen, ein Quadratmeter groß.
Auf dem Brett jedoch noch etwas: Eine Zigarrenkiste, und in dieser Kiste ein kleiner Hammer sowie sogenannte Dachpappennägel, deren Köpfe sauber mit Schmirgelpapier umwickelt waren …!
„Das Sandpapier liegt hier noch nicht lange …“ sagte Harald sinnend. „Ich behaupte, die Wespen gebrauchen es zu irgend etwas … Hm – – Sandpapier … Und die sandige Insel Potanur …!! Sand … Sand …! – Wenn … wenn das zuträfe, so … so wären diese Gauner kleine Genies …!“
Ich fragte, was denn zutreffen sollte …
Keine Antwort … Nur nach einer Weile: „Jetzt nachts hätte es keinen Zweck … Aber früh morgens … – Legen wir uns wieder hin … Um drei stehen wir auf und holen den Polizeimeister und ein paar Beamte … Das Motorboot bringt uns rasch nach Potanur … – Nichts fragen, mein Alter … Wir werden das Wespennest ausräuchern … Es wird schon so sein, wie ich vermute: Sandpapier – – genial …!!“ – –
Und um vier Uhr morgens verließ das Motorboot des dicken Wilson die Dorfbucht … Kurs Potanur … – Wilson und wir beide am Steuer …
„Nun schießen Sie endlich los!“ bat Wilson … „Sie foltern mich geradezu, verehrter Harst …“
„Sehen geht vor sagen,“ lächelte Harald. „Die Bande hat ihr Versteck auf Potanur. Dieses Versteck ist dort zu suchen, wo angetriebener Seetang bis an die Dünen heranreicht. Der Seetang nimmt keine Spuren an. Und dort im Dünenabhang ist dann der Eingang …“
„Ausgeschlossen!“ rief der Dicke. „Wir haben doch alles abgesucht. Der Eingang müßte doch eine Tür haben. … Jede Tür wäre sichtbar …“
„Vielleicht auch nicht, Wilson … Wenn die Bretter der Tür mit großem Sandpapier benagelt sind, so setzt sich der leichte Flugsand der Dünen auf dem rauen Papier fest und das ganze sieht eben wie harmloser Sand aus, hebt sich in keiner Weise von der Umgebung ab …“
„Donnerwetter – – deshalb also der Schmirgelpapiervorrat!!“
„Ja – falls es regnet, muß das Papier erneuert werden …“ – und Harald rauchte gemütlich seine Mirakulum.
Das Boot lief jetzt dicht am Ufer von Potanur entlang. Harald hatte sein Fernglas an den Augen …
Aber nirgends reichten die faulenden Seetangmassen bis an die Dünen heran …
Dann aber näherten wir uns der Stelle, wo wir vorgestern unser Zelt aufgebaut hatten. Und rechts davon – – da war doch eine Stelle, wo die angespülten Meerespflanzen bis an den Fuß der Dünen emporgetragen worden waren – vielleicht durch Menschenhand … Und das war auch die Stelle, wo die weiße Frau uns so überraschend aus den Augen gekommen war …
Wir landeten …
Der dicke Wilson war einer der eiligsten, der eifrigsten …
Wir wateten durch den stinkenden, faulenden, weiter oben aber trockenen Seetang. Wilson hatte eine Axt in der Hand …
Dann standen wir vor der steilen Düne …
Schauten, prüften …
Scheinbar nur Sand – scheinbar …
Aber Harst nahm die Axt …
Ein wuchtiger Hieb … Es dröhnte wie Holz, und … die dünne Sandschicht rieselte von einer benagelten Brettertür herab …
Noch ein Hieb …
Die Bretter zersplitterten … Wilson riß die Tür auf …
Ein mit Brettern verkleideter Gang … Er führte in das Innere eines im Sande begrabenen Schiffswracks hinein …
Zwei Europäer und drei Singhalesen, die sich im Vorschiff das Mannschaftslogis als Wohnraum hergerichtet hatten, überraschten wir im Schlafe … Über diese fünf Leute habe ich im zweiten Teil unseres Abenteuers noch genug zu sagen …
Hier mag genügen: Sie leisteten keinen Widerstand …! Sie ließen sich fesseln, abführen …
Bis zur Kajüte des Kapitäns arbeiteten Harald und ich uns durch, fanden hier Papiere, aus denen der Name des gestrandeten Seglers hervorging:
Wespe !!
… Ein englisches Fahrzeug, daß ein Orkan vor zehn Jahren hier an Land geworfen und daß der Sand dann rasch unter sich begraben hatte …
Eine Brigg mit Namen Wespe …!
Nun wußten wir, weshalb die sechs Wespen das Zeichen dieser Verbrecher gewesen.
Aber – – nur fünf wanderten vorläufig ins Dorfgefängnis von Potakiwu! Die sechste Person, die weiße Frau, blieb noch zu ermitteln.
Die ganze Diebesbeute wurde auch in dem Wrack gefunden … Der alte Smieder und die anderen erhielten ihr Geld, ihre Schmucksachen zurück … Das war ihnen die Hauptsache … Uns nicht! Während der Rückfahrt nach dem Dorfe sagte Harald leise zu mir: „Glaube mir, mein Alter: Hier gibt es noch weit mehr aufzuklären, als wir jetzt ahnen … Das Abenteuer beginnt erst …!“
Er behielt recht …
Weshalb, – das mag der Leser im zweiten Teile dieses Erlebnisses, nachprüfen …
Um eines Einsiedlers Geheimnis…
1. Kapitel.
Morgens halb acht Uhr am selben Tage in Wilsons Dienstzimmer …
Hier sind versammelt: Die fünf Gefangenen, Wilson, der Richter Longsteet, der Schreiber und wir beide.
Die drei Singhalesen-Wespen junge, kräftige Leute, brauche ich nicht näher zu beschreiben.
Interessant dagegen die beiden Europäer …
Der eine ein schlanker, blonder junger Mensch mit intelligentem Gesicht, tadellos angezogen, tadellos gepflegte Hände …
Der andere einen Kopf kleiner, schwarzhaarig, schwarzer Spitzbart, lebhafte, listige Augen … Ich schätze: Spanier oder Italiener! – Auch sauber in Kluft, dieser Schwarze …
Und beide von einer unerschütterlichen Gemütsruhe und … Schweigsamkeit.
Schon bei ihrer Verhaftung haben sie kein Wort gesprochen …
Jetzt erst recht nicht – genau wie die drei Singhalesen … –
Richter Longsteet gibt sich die redlichste Mühe, etwas aus den Gefangenen herauszuquetschen …
Der Blonde lächelt nur geringschätzig … Der Schwarze … spuckt Longsteet vor die Füße …
Das war alles. –
Papiere besitzt keiner der fünf. Auch im Wrack ist nichts gefunden worden, was über diese Leute Aufschluß geben könnte. Niemand hatte sie hier je gesehen.
Richter Longsteet blickt hilflos zu Harald hinüber, der am Fenster lehnt …
Harst mustert andauernd den Blonden … Und sagt nun:
„Sir Longsteet, ich möchte den Blonden einmal unter vier Augen sprechen … Nur Schraut soll dabei sein …“
Der Richter zögert erst. Aber Wilson winkt schon dem Schreiber …
Dann sind wir mit dem Schlanken, mit diesem Gauner-Gentleman wirklich allein …
Er sitzt auf einem Rohrstuhl, die mit Lederriemen gefesselten Hände im Schoße …
„Sie wissen, wer ich bin,“ beginnt Harald. „Ich habe Miß Mary Smieder bisher geschont und nichts von dem Verdacht gegenüber den Beamten geäußert, den ich mit einigem Recht gegen das junge Mädchen geschöpft habe. An Ihnen wird es nun liegen, ob Mary Smieder gleichfalls verhaftet wird …“
Der Blonde preßt die Lippen zusammen. Auf seiner Stirn erscheinen Falten …
„Wer sind Sie?“ fragte Harald dann.
Der Gentleman atmet schwer … Seine Gemütsruhe ist dahin … Seine grauen Augen irren durch das helle Zimmer …
Dann glättet sich seine Stirn wieder. Man merkt: Der Schreckschuß des Namens Mary verliert an Wirkung!
Langsam erwidert, der Blonde:
„Ich kenne Mary Smieder nicht … Wenn Sie nichts anderes vorzubringen haben, Mr. Harst, so werden wir uns kaum verständigen …“ – Beißende Ironie ist’s … Überlegene Ironie …
„Wie Sie wollen …“ meint Harst. „Sie hoffen vielleicht, daß meine Beweise gegen Miß Mary nicht ausreichen … – Ein Irrtum …!! – – Schraut, rufe die anderen wieder herein. Ich werde zu Protokoll geben, daß wir beide drei Warnungsbriefe erhalten haben, die nur von Mary Smieder herrühren können …“
Ich beobachte den Blonden scharf …
Der hat wieder tiefe Falten auf der Stirn – sagt hastig:
„Einen Augenblick noch, Mr. Harst …“
„Warte, Schraut …“ – Und ich setze mich wieder …
Der Gentleman mit dem intelligenten Gesicht starrt zu Boden … Seine Wangenmuskeln zucken …
„Nun?!“ ermuntert Harald ihn …
Und da … geschieht etwas sehr Seltsames …
Plötzlich klirrt die eine Fensterscheibe …
Ein Stein flog ins Zimmer, rollt dem Blonden vor die Füße …
Um den Stein ein Stück Papier mit Bindfaden festgebunden, und auf dem Papier sind mit Tinte Wespen gezeichnet – deutlich erkennbar …
Der Gefangene lacht kurz auf …
Harst aber ist mit zwei Sätzen an der Tür, stürmt hinaus …
Die Fenster des Zimmers gehen nach dem Hofe zu. Es ist dasselbe Zimmer, aus dem wir nachts unsere Bündel holten …
Ich sehe durch die Fenster Harald im Hofe erscheinen … Hinter ihm Wilson, Longsteet, Polizisten …
Sie suchten nach dem, der den Stein geschleudert hat …
Vergebens …
Nach fünf Minuten betritt Harald wieder das Zimmer …
Der Stein liegt noch zu Füßen des Blonden. Harst hebt ihn auf …
Das Papier ist bis auf die mit Tinte gezeichneten Wespen leer …
Der Blonde lächelt geringschätzig … In seinen Augen blinkt versteckter Triumph …
„Ich soll also Mary Smieder verhaften lassen?“ fragt Harald mit Nachdruck …
Schweigen … gleichgültiges Achselzucken …
„Schraut, hole die anderen …“
So sind wir denn wieder wie vorhin hier versammelt, und Harst diktiert dem Schreiber die Verdachtsgründe gegen Mary, gibt die drei warnenden Zettel zu den Akten.
Richter Longsteet, der über ein kleines Auto verfügt, schickt sofort drei Beamte zur Blooß-Plantage.
Wir warten …
Die Beamten sind in zwanzig Minuten wieder da – – ohne Mary Smieder … Aber James Billing ist mitgekommen … Und Billing berichtet, daß Mary vor einer Stunde etwa die Plantage verlassen habe, um angeblich ein Bad in der See zu nehmen.
Auch Billing kennt die Gefangenen nicht, die nun jeder für sich eingesperrt werden: Die Singhalesen im Gefängnis, die beiden Europäer im Keller, wo sie unter dauernder Aufsicht bleiben. –
Billing ist ganz verzweifelt darüber, daß Mary nun wie eine Verbrecherin von der Polizei gesucht wird … Er trägt es uns bitter nach, daß wir Mary … denunziert haben … Er ist geradezu unliebenswürdig zurückerhaltend, als Harald erklärt, wir müßten einmal Miß Marys Zimmer durchsuchen.
Niemand zweifelt daran, daß Mary den Stein geschleudert hatt, der mit seiner Papierumwicklung so merkwürdig auf den blonden Unbekannten gewirkt hat: Wie eine Ermunterung, fest zu bleiben und nichts zu verraten!
Das Auto bringt uns, Billing und Wilson nach der Blooß-Plantage, während die Polizisten, verstärkt durch Arbeiter, nach Mary fahnden. Richter Longsteet ist zu Smieders gegangen, um diese ein wenig vorzubereiten.
Eine ungemütliche Fahrt durch die blühende, fruchtbare Insel …
Billing beantwortet Harsts Fragen widerwillig und bissig …
„Wann erhielten Sie die Nachricht von der Festnahme, der Wespen und von wem?“
„Das kann Ihnen Wilson genauer angeben, denn der hat’s mir telefonisch mitgeteilt …“
„Ich telephonierte um ein Viertel acht,“ erklärte der Dicke. „Ich wollte doch Billing die Freude nicht vorenthalten, daß die gestohlenen Summen wieder zur Stelle …“
„Wer war bei Ihnen am Apparat? Sie selbst, Billing?“
„Meine Frau …“
„Und die hat’s dann wohl Mary erzählt …“
„Wahrscheinlich …“
„Sie könnten getrost liebenswürdiger sein,“ meint Harald …
Der Verwalter zuckt die Achseln …
Ungemütlich!!
Um elf Uhr lernen wir die Plantage kennen, das stattliche Wohnhaus – alles blitzsauber, – ein großer, moderner Betrieb …
Als wir die Treppe zur Veranda emporsteigen, erscheint in der offenen Tür ein junges Mädchen im schlichten weißen Leinenkleid …
Eine anmutige Erscheinung, ein liebliches Gesicht mit klaren großen Augen …: Mary Smieder!
„Mary!!“ rief Billing … „Mary, du hier?!“
„Ich bin längst vom Baden zurück, Onkel, längst …“ –
Der dicke Wilson weiß vor Verlegenheit nicht, was er tun soll …
Marys Blicke streifen Harst und mich …
„Onkel, das sind wohl die beiden deutschen Herren?“ - Sie fragt’s ohne jede Scheu.
„Leider sind sie’s!“ brummte der Hüne Billing …
Wilson steht da und knetet seine Hände …
Ungemütlich!!
Dann Harst – höflich, aber bestimmt:
„Miß Smieder, Sie waren wirklich am Seestrande baden?“
„Gewiß … Hier – mein Haar ist noch etwas feucht … – Weshalb fragen Sie?!
Ihre Sicherheit, Unbefangenheit sind verblüffend.
Der Dicke gibt sich einen Ruck … Polternd und grob in übertriebener Dienststrenge bringt er die Verdachtsgründe vor …
Marys Gesicht verrät nichts als ungläubiges Erstaunen … Sie heuchelt nicht. So könnte selbst ein Weib nicht heucheln.
Dann sagt sie halb belustigt: „Ich soll heute im Dorf gewesen sein?! Ich soll die Diebe kennen?! Aber – wie … wie kommen Sie nur darauf – – ich?! – Ich hatte ja meine Dienerin mit zum Baden genommen, und jeder hier könnte bezeugen, daß ich …“
Sie schweigt … Billing hat ihre Hand ergriffen … Ruft wieder:
„Nun, Sir … nun?!“ Und das gilt Harald …
Harst verbeugt sich nur, meint: „Ich möchte mir das Haus innen ansehen – alle Räume, nur von Ihnen begleitet, Wilson … Miß Smieder scheint zu Unrecht verdächtigt worden zu sein …“
So wandern wir drei denn von Zimmer zu Zimmer …
Kommen überallhin. Harald entgeht nichts … Harald besichtigt Gegenstände, die scheinbar belanglos sind …
Als wir die Veranda wieder betreten, steht der Hüne Billing Arm in Arm mit seinem Liebling Mary neben einem gedeckten Tisch …
Wilson weiß noch immer nicht recht, was er tun soll … Harald hat während dieser Stunde kein Wort gesprochen …
Jetzt sagt er ganz unaufgefordert:
„Es freut mich, Miß Smieder, daß nun jeder Argwohn gegen Sie geschwunden ist …“
Ich – – bin überrascht … – Schauspieler Harald?!
Nein – er reicht Mary die Hand … Desgleichen Billing …
„Jetzt zürnen Sie uns hoffentlich nicht mehr …“
Billing lädt uns strahlend zu einem Imbiß ein. Wilson taut auf. Er ist froh, daß er Mary nicht zu verhaften braucht.
Wir bleiben noch eine halbe Stunde. Das Gespräch, von Harald gelenkt, berührt nur harmlose Dinge …
Aber – ich habe ein sehr feines Gefühl für Harsts wahre Seelenstimmung. Ich merke, daß er zerstreut ist, daß sein Blick zuweilen gedankenverloren auf dem Antlitz des Verwalters ruht …
Billing entschuldigt sich beiläufig wegen der Abwesenheit seiner Frau … „Sie ist zu den Nachbarn gefahren … Die Frau des Plantagenbesitzers Ruckford ist ihre Freundin …“
Dann verabschiedeten wir uns, besteigen wieder das Auto …
Kaum lenkt der Kraftwagen in den Hauptweg ein, als Harald dem Fahrer zurief, er solle halten.
„Wilson,“ wendet er sich an den Dicken, „Schraut und ich werden zu unserer Hütte zurückkehren und erst einmal ausschlafen … Auf Wiedersehen …“
Der Dicke schaute uns verblüfft nach, wie wir in den Wald einbiegen …
2. Kapitel.
„Ein Detektiv ohne Phantasie ist wie ein Jockey ohne Beine,“ pflegte Harald zuweilen zu sagen …
Jetzt aber, als wir den Waldpfad entlang der Hütte des Buddhistenmönches zuschritten, meinte er:
„Lieber Alter, ein Detektiv mit allzu viel Phantasie ist wie ein Boxer, der über so ungeheure Kräfte verfügt, daß er jeden Gegner sofort für immer niederstreckt …“
„Hm,“ erklärte ich, „bezieht sich dieser Ausspruch etwa auf deine eigene Person?“
„Ja – leider …! Ich hatte mir da, nachdem ich noch diesen blonden Gentlemangauner gesehen, hinsichtlich Marys einen Roman zusammengereimt, der nun wie ein Kartenhaus zusammengestürzt ist. Ich glaubte, Mary habe diesen Menschen vielleicht schon in Kolombo kennen gelernt, lieben gelernt, und er sei ihr heimlich hierher gefolgt. – Alles falsch – alles falsch! Mein Roman war ja leidlich logisch, entsprach scheinbar den uns bekannten Tatsachen. Und doch bin ich diesmal mit meiner Phantasie weit über das Ziel hinausgeschossen, und ich muß nun den Dingen mit allerstrengster Logik auf den Leib rücken, um die Scharte auszuwetzen …“
„Hm – alles sehr schön … Woher weißt du aber so genau, daß Mary unschuldig?“
Er blieb stehen …
Um uns her rauschte der Wald …
„Weil ich in Billings Heim zweierlei fand, mein Alter,“ erwiderte er fast traurig. „Der arme Billing! Mary ist ihm gerettet, die ihn so hübsch vertraulich Onkel nennt … Die andere wird kaum zu retten sein …“
„Wer?“
Er entgegnete ganz leise:
„Frau Billing, Frau Maria Billing …“
Ich prallte fast zurück …
„Frau Billing?! – Harald, wie kommst du in aller Welt auf den Gedanken?!“
Er zog mich weiter …
„Wenn du, Max Schraut, ein wenig schärfer denken und sehen würdest, dann … dann wäre dir folgendes nicht entgangen … Das Ehepaar Billing hat getrennte Schlafzimmer. Das ihre liegt neben ihrem Damenzimmer nach dem Garten zu … In dem kleinen netten Damensalon steht ein Schreibtisch. Auf diesem Schreibtisch lag … dies hier …“
Er faßte in die Tasche, holte sein Zigarettenetui hervor … klappte es auf …
Zwischen den Zigaretten lag eine große tote Wespe …
„Diese tote Wespe, mein Alter, war halb von dem Tintenlöscher bedeckt, einem sehr eleganten Tintenlöscher aus Silber. Als ich ihn umdrehte, sah ich auf dem eingespannten Löschpapier die verschwommenen Figuren von mit Tinte gezeichneten Wespen … – Die tote Wespe hatte der Frau als Zeichenvorlage gedient.“
Jetzt blieb ich stehen … Die Sache ging mir nahe … Auch mir begann Billing leid zu tun.
„Dann hing da ein Bild des Ehepaares an der Wand, ein sehr großes Bild,“ fuhr Harald fort … „Als ich die Gesichtszüge der Frau Billing prüfte, fiel mir die Stirnbildung auf … Eine eckige, vorspringende Stirn … Und darunter dunkle, sehr lebhafte Augen. Der ganze Gesichtsschnitt erinnerte mich an den Genossen des Blonden, an den schwarzhaarigen, unsympathischen Menschen … – Aber gehen wir weiter … – Dann kamen wir in Frau Billings Schlafzimmer. Da mein Verdacht bereits rege, beschaute ich mir die Fensterbleche beider Fenster. Sie sind weiß lackiert. Das eine Blech verriet durch Kratzer ganz deutlich, daß jemand hier häufiger hinausklettert – jemand, Frau Billing natürlich, und natürlich nachts … Ich öffnete den einen Fensterflügel, wie du sahst, und beugte mich hinaus. Unter dem Fenster stand ein Holzkasten. Der Holzkasten war oben sandig. Man benutzt ihn als Trittleiter – man – Frau Billing …!“
Wir bogen in die Lichtung ein …
Dort links unsere Hütte …
Wie idyllisch lag sie doch hier mitten im Grünen mit dem mächtigen Felsen als Hintergrund …! Der buddhistische Mönch, der sich hier ein halbes Jahrhundert lang frommen Betrachtungen hingegeben hatte, war fraglos ein Naturmensch gewesen.
In der Hütte selbst, die wir unverschlossen gelassen, fanden wir alles unverändert vor.
Es war jetzt die Zeit der größten Tageshitze, und das Steinhäuschen immerhin leidlich kühl. – Harald öffnete die Tür nach der Felsspalte, und so strömte uns denn aus dem höhlenartigen Gang ein erfrischender Lufthauch entgegen.
Wir setzten uns in die Hängematten … Harst rauchte ein paar Züge und begann dann wieder:
„Wir haben Frau Maria Billing noch nicht kennengelernt … Angeblich war sie auf der Nachbarplantage. In Wahrheit hat sie den Stein mit dem Zettel geschleudert. Ich schalte bei dieser Behauptung die Phantasie vollkommen aus und halte mich lediglich an die Logik, das heißt an kühles Prüfen von unumstößlichen Tatsachen. Tatsache ist, daß der Gesichtsschnitt der Frau Billing der Photographie nach dem des schwarzhaarigen Menschen auffällig gleicht, besonders die Stirnbildung. Frau Billing schätze ich auf fünfzig. Der Schwarze kann etwa dreißig Jahre zählen, kann also … ihr Sohn sein, – ein Sohn, von dem ihr jetziger Mann nichts ahnt …“
Ich hüstelte …
„Verzeih’, das ist doch wohl wieder mehr Phantasie als Logik, Harald …“
Er rauchte gelassen weiter …
„Verzeih’, das ist nur Logik … – Sahst du, daß ich mir in dem kleinen Damensalon noch ein anderes Bild betrachtete?“
„Hm – ich unterhielt mich mit Wilson …“
„Leider unterhältst du dich immer zur Unzeit … Da hing noch eine Photographie dieser Hütte an der Wand … Ich nahm das Bild vom Nagel … Vor der Hütte stand der Einsiedler, und um den Rahmen war schwarzer Schleierstoff drapiert, als ob es das Bild eines lieben Toten sei. Der Einsiedler selbst, in eine Art Kutte gekleidet, hatte keinerlei Kopfbedeckung auf. Die Stirnbildung war die der Frau Billing …“
Ich starrte Harald an … „Du glaubst …?!“
„Ich glaube, daß der Einsiedler Frau Billings Vater war … – Ich habe das Bild auch umgedreht. Und auf der Rückseite fand ich eine zweite Photographie, einen jungen Menschen von etwa achtzehn Jahren darstellend … Ohne Zweifel der Schwarzhaarige. – Genügt dir das?!“
Ich überlegte … meinte:
„Frau Billings Sohn, – mag sein! Aber Frau Billings Vater?! Der Mönch war doch …“
„Gestatte, nicht der Mönch … Ich sprach von dem Einsiedler. Der Mönch, der Buddhist, mag vorher gestorben sein. Dann nahm ein anderer seine Stelle ein …“
„Hm – – das erscheint mir denn doch allzu … phantastisch …“
„Mir nicht …! Der Trauerflor um den Rahmen sagt mir genug … Willst du behaupten, daß eine Frau ein Bild derart schmückt, ohne einen tieferen Grund dazu zu haben?!“
Ich schwieg … Diese ganze Erörterung von Fragen, die gewissermaßen ohne zuverlässigen Stützpunkt in der Luft hingen, ermüdete mich … Ich gähnte verstohlen … Ich hatte mich halb in die Hängematte gelegt, und zuweilen fielen mir die Augen zu …
Mein Interesse an all diesen Dingen zerflatterte unter dem Einfluß einer übergroßen körperlichen und geistigen Abspannung …
Auch Harald blieb nun stumm …
Ich … schlief ein …
Stimmen weckten mich …
Ich fuhr empor …
Draußen begrüßte Harald den Verwalter Billing, der in der Linken einen Korb trug …
Der Hüne trat ein …
„Entschuldigen Sie, daß ich Sie im Schlafe gestört habe …“ lächelte er freundlich und drückte mir die Hand.
Harst sagte: „Vier Stunden hat er wie ein Sägewerk geschnarcht … – Nehmen Sie Platz, Billing …“
„Meine Frau schickt Ihnen hier ein paar gute Happen,“ erklärte der Hüne und setzte sich …
„Bestellen Sie Ihrer Gattin unseren herzlichsten Dank … – Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten …?“
Ich schaute nach der Steintür neben dem Herd. Die war geschlossen.
Und – ich ahnte, daß Harald nun auf den Einsiedler zu sprechen kommen würde. Ich war jetzt nicht mehr abgespannt … Das Interesse an all diesen Fragen erwachte wieder … –
Billing war glänzender Laune …
Harald kam denn auch sehr bald auf den Mönch zu sprechen …
„Sie könnten uns einiges über den Alten erzählen,“ bat er. „Derartige Sonderlinge liebe ich … Zumeist verschließen sie in ihrem Innern irgendein dunkles Geheimnis …“
Der Verwalter schüttelte den Kopf …
„Das trifft bei Maunaloa, so hieß der Heilige, kaum zu … Und – – erzählen?! Verehrter Harst, ich bin jetzt fünfzehn Jahre hier auf der Insel. Ich habe den Alten vielleicht dreimal von weitem gesehen. Jeder hier nahm Rücksicht auf ihn und blieb der Lichtung fern – jeder! Gesprochen habe ich ihn nie. Das hat wohl überhaupt keiner je erreicht, den Greis in eine Unterhaltung zu verwickeln. Ich weiß nichts von ihm – gar nichts. Nur als er damals gestorben war, habe ich ihn drüben unter der großen Palme beerdigen lassen. Man fand ihn eines Tages tot hier vor der Tür liegen …“
„Wer fand ihn?“
„Meine Frau … Ganz zufällig …“
„So – Ihre Gattin … – Es führt doch aber ein Pfad durch den Wald in Richtung auf Ihre Plantage … Also muß Maunaloa wohl häufiger diesen Weg gegangen sein …“
„Das stimmt schon … In den letzten Jahren holte er sich aus unserem Garten Früchte, was ich gern duldete. Er kam aber immer nur nachts …“
„Ich sah im Zimmer Ihrer Gattin eine Photographie dieser Hütte hängen … Der Greis steht auf dem Bilde vor der Tür …“
„Das ist richtig … Meine Frau hat zuweilen mit ihm einige Worte gewechselt. Die Photographie hat sie selbst aufgenommen … Aber auch Maria hat stets über die Menschenscheu des Greises geklagt. Jedenfalls: Er war ein Sonderling, aber irgend etwas Geheimnisvolles – nein, das hatte er kaum an sich. Derartige büßende Heilige finden Sie in Indien überall …“
„Da haben Sie recht, lieber Billing … Ich habe sogar mit einigen von solchen Einsiedlern die seltsamsten Erfahrungen gemacht … – Ihre Gattin stand dem Buddhisten also doch wohl näher … Ich meine, sie kannte ihn am besten …“
„Kennen?! Nein, verehrter Herr Harst … Das war denn doch nicht der Fall. Maria hat nur ein sehr weiches Herz und sorgte so etwas für den Greis. Aber als Bekanntschaft kann man das kaum bezeichnen … Ich habe mich um diese Dinge auch ehrlich gesagt nie gekümmert(3) … Meine Arbeit nimmt mich vollständig in Anspruch …“
Er erhob sich … „Ich muß mich leider schon verabschieden, meine Herren … Wir haben heute abend eine Versammlung in unserem Klub … Ich möchte Sie sehr gern dazu einladen … Aber Sie erklärten ja schon vorhin, daß Sie gern einmal gehörig ausschlafen wollen … – Auf Wiedersehen also …“
Und vergnügt schritt er davon, von uns noch bis zum Rande der Lichtung begleitet …
Winkte uns noch zu …
Seine massige Gestalt verschwand im Dämmerlicht des Waldschattens … –
Harst sagte seufzend:
„Er ahnt nichts …! Armer Kerl!“ – Und dann zog er mich zu der großen Palme hin, wo sich ein flacher, kaum merklicher Hügel erhob …: Das Grab des Einsiedlers!
Ein Hügel, von Blumen völlig bedeckt …
Und er bückte sich …
Sagte: „Während du schliefst, habe ich hier so mancherlei gefunden, mein Alter …“
Und – drückte die Blumen zur Seite, auch die Gräser, und … enthüllte so ein auf dem Hügel liegendes elfenbeinernes Kruzifix …
„Bitte, mein Alter … Wer mag wohl das Kruzifix hierher gelegt haben?! – Bist du nun bekehrt?“
„Vollkommen …!!“
„Nun – dann will ich dir noch mehr zeigen …“
Wir kehrten zur Hütte zurück … Harst öffnete die Steintür …
Mit leisem Schrei wich drinnen im Felsengang eine Gestalt vor uns zurück …
Unsere Taschenlampen beleuchteten das blasse Gesicht einer grauhaarigen, hageren Frau mit scharfen Zügen …
Sie war gegen die Felswand getaumelt … Kämpfte jetzt offenbar mit einer Ohnmacht …
„Frau Billing,“ sagte Harald höflich, „von uns haben Sie nichts zu fürchten, wenn Sie … ehrlich sind …! – Bitte …“
Und er stützte sie, führte sie in die Hütte …(4)
3. Kapitel.
Ich schob ihr einen der Stühle hin …
Aber sie hatte sich bereits wieder gefaßt …
Durch die offene Hüttentür fiel das bereits abendlich gedämpfte Tageslicht voll auf ihre scharfen Züge, auf diesen schmalen Mund, um den die Falten geheimen Leides so tief eingegraben waren …
Sie stützte sich mit der Linken auf den Tisch … War jetzt ganz Dame …
Nichts mehr von Schwäche, Kleinmut, Angst …
„Eine eigentümliche Art, wie wir uns kennen lernen, meine Herren …“ sagte sie mit einem leichten Neigen des Hauptes … „Ich war meinem Manne gefolgt, kam vom Wege ab und fand plötzlich im Dickicht einen mir bisher ganz unbekannten Pfad, der mich zu meiner Überraschung in den Felsen führte …“
Ja – eine Überraschung war’s allerdings, mit welch verblüffender Ruhe sie jetzt hier dieses Märchen vorbrachte.
Eine noch größere, daß ihr Gesicht gleichsam während dieser Sätze die Maske stillen Grams abgestreift hatte und ein leeres, nichtssagendes Lächeln ihre Lippen umspielte …(5)
Und mit diesem Lächeln wandte sie sich an Harst …
„Ich war über alle Maßen erschrocken, als Sie beide so plötzlich vor mir standen … –
Was sagten Sie doch, Herr Harst, – – ich solle ehrlich sein – – ehrlich?! Ich muß mich wohl verhört haben … Ich wüßte nicht, weshalb ich … lügen sollte … – Nicht wahr, – ich habe mich verhört …?“
Und sie lächelte stärker …–
Bewundernswert war’s, wie sehr sie sich in der Gewalt hatte …
Vielleicht hätte sie jeden anderen getäuscht …
Hier – – war ihr Spiel von vornherein umsonst …
Harst erwiderte denn auch:
„Frau Billing, Sie haben mich durchaus nicht mißverstanden … Ich möchte Sie gern schonen … Ich weiß, daß Sie eine unglückliche Mutter sind, die ihren mißratenen Sohn schützen will … ihren Sohn, der jetzt als … Dieb verhaftet ist …“
Ein Ausdruck grenzenlosen Erstaunens erschien auf dem hageren Frauenantlitz …
„Ich … einen Sohn … ich?!“ Sie lachte hell auf … „Herr Harst, wenn Ihnen Ihr Detektivgenie dies alles eingegeben hat, so muß ich leider …“
Harald unterbrach sie … lächelte gleichfalls …
„Verzeihen Sie, Frau Billing … Ich wollte nur auf den Busch klopfen … Ich glaubte zwischen Ihnen und einem der Verhafteten einige Ähnlichkeit herausgefunden zu haben … Irren ist menschlich … Entschuldigen Sie … Ihre Versicherung genügt mir, daß Ihnen diese Leute völlig fremd sind …“
„Vollkommen fremd, Herr Harst, – in der Tat!“ Sie wurde ernst. „Tun Sie mir aber bitte den Gefallen und erwähnen Sie nichts hiervon meinem Manne gegenüber … Der gute James läßt sich so leicht die Laune verderben. Schon Ihr Verdacht gegen Mary hatte ihn ja vollständig außer Fassung gebracht … – Bitte, vielleicht begleiten die Herren mich jetzt noch eine Strecke … Ich muß heim …“
Und Harald, noch besserer Schauspieler als diese Frau, verstand es meisterlich, den über seinen „Irrtum“ tief Geknickten zu spielen …
Komödie – – beiderseits!
Komödie, Posse, deren tiefster Sinn so bitter ernst war.
Nach beinahe herzlichem Abschied kehrten wir dann zur Hütte zurück … Schweigend … Nur eine einzige Bemerkung kam über Haralds Lippen:
„Armes Weib!!“
Schweigend öffnete er die Steintür neben dem Herde …
Schweigend trat er in den Höhlengang ein …
Da war links an der Wand eine breite Einbuchtung … Hier beleuchtete er das Gestein … Griff in eine Ritzte des Felsens … zog …
Auch eine Steintür … schwingt nach außen …
Dahinter eine kleine Höhle, umgestaltet zu einem winzigen Tempel …
Staunend sehe ich, daß hier ein Mensch mit künstlerischem Verständnis in vielleicht jahrzehntelanger Arbeit sich einen Andachtsraum von eigenartiger Schönheit geschaffen hat …
Die Wände sind vollständig mit Muscheln verkleidet … Die Höhlendecke mit bunten Steinchen … Und auf einem Postament von Muscheln und Steinchen eine Buddhafigur von fast Lebensgröße … – eine Statue, die in ganz eigenartigem Glanze strahlt …
Harst sagt leise:
„Perlen!!“
Und ich begreife …
Ich erkenne: Die aus Holz geschnitzte Statue ist mit Perlen über und über bedeckt – echten Perlen, die mit Harz befestigt sind – dem Harz der Kuwa-Liane, das sehr bald steinhart wird …!
Harald schiebt mich näher an das Postament heran und schließt hinter uns die Tür …
Das erst bemerke ich hinter dem Postament auf dem sauber geglätteten Boden die halb zur Mumie zusammengeschrumpften Überreste eines Greises – – des Einsiedlers …!
Hier also ist der Alte gestorben, – hier, wo er ungezählte Jahre zu seinem Gott gebetet hat …
Gestorben – einsam, wie er gelebt, inmitten der zarten Schönheit dieses frommen Raumes, den außer uns wohl noch kein Fremder geschaut hat …
Kein Fremder!!
Denn wie wäre wohl menschliche Habgier an dem Perlenreichtum dieser Statue achtlos vorübergegangen?!
Perlen, unter denen nicht eine ist, die einen Fehler besäße!
Ich bin wie geblendet von dieser Pracht …
Mein Mund bleibt stumm …
Zu viel haben die Augen zu schauen … Meine Gedanken spüren der Herkunft dieser Perlenschätze nach …
Wir befinden uns hier in diesen Gewässern gleichsam auf historischem Perlenboden … Die Perlmuschelbänke hier in der Palk-Straße sind berühmt … Schon die Portugiesen haben von hier „die erstarrten Tränen“ nach Europa gebracht … –
Neben mir sagt Harald wieder:
„Der Einsiedler hat ohne Zweifel hier an der Küste von Potakiwu eine Perlenmuschelbank entdeckt gehabt und nachts heimlich die Perlmuscheln durch Tauchen heraufgeholt … Die Perlen benutzte er für die Statue, die Muscheln für die Wände …“
Meine Augen können sich nicht losreißen von dem schillernden Buddhabildnis …
Harald spricht weiter:
„Ich glaube, daß Frau Maria Billing diesen Raum kennt …“
Er zeigt auf eine Stelle des Steinplattenbodens …
Ich bücke mich …
Dort liegt eine Haarnadel – nichts weiter …
„Ein etwas schwacher Beweis, Harald …“
„Wie man’s nimmt … Glaubst du, der Buddhist hat die Haarnadel verloren oder hierher getragen?!“
Meine Handbewegung bleibt zweifelhaft … Und ich entgegne:
„Ob Frau Billing nicht ihren Gatten von diesen Perlenschätzen erzählt hätte?!“
„Nein …! Denn der Mönch mag ihr einen Eid abgenommen haben, sein Geheimnis zu hüten … – Frau Billing stand dem Einsiedler fraglos näher, als selbst ihr Gatte es ahnt. Sie war seine Vertraute … und eine verschwiegene Vertraute …“
Ich denke da an das Grab unter der großen Palme …
„Harald, nachher hat doch aber zweifellos Frau Billings Vater hier den Einsiedler gespielt – die Rolle des Mönches, der bereits tot war … Mithin müßte doch auch dieser Mann von dem kleinen Tempelraum und seinen Schätzen Kenntnis gehabt haben …“
„Möglich, mein Alter. Das sind Fragen, die erst die Zukunft klären wird, – – obwohl ich so meine Vermutungen über den Zusammenhang der letzten Ereignisse hier mit Vorgängen der Vergangenheit habe … Vielleicht ist Frau Billings Sohn, der Schwarze, nur der Perlen wegen hierher gekommen – – vielleicht … Vielleicht ahnte er irgendwie etwas von diesen schillernden Reichtümern und wollte von seiner armen Mutter das Geheimnis erpressen, wo die Perlen zu suchen seien … Vielleicht hat er mit seinen Kumpanen die Diebstähle nur verübt, um einen Druck auf seine Mutter …“
Und –schwieg jählings …
Schob mich beiseite … behielt meinen rechten Unterarm mit den Fingern seiner Linken umspannt …
Deutete mit der Rechten auf die breite gewölbte Brust des Götzen …
„Da – – schau’ hin … Da ist ein Viereck durch besonders große Perlen angedeutet … Soeben erst fiel’s mir auf …“
„Stimmt …! Und in der Mitte des Vierecks sind sechs längliche Perlen zu einem Stern vereinigt …“ ergänzte ich …
Harald befühlte diese sechs Perlen bereits …
Und mit einem Male klappt das derart begrenzte Viereck langsam nach unten … wie das Türchen eines altmodischen Schreibtisches … –
Die Brust des Götzen war hohl …
In diesem Geheimfach fanden wir außer drei Lederbeuteln mit Perlen ein Büchlein, das jemand sich aus Briefpapier und einem Pappdeckel selbst hergestellt hat …
Harald schlägt es auf …
Auf dem ersten Blatte stand:
Meine Lebensgeschichte
Patrick Gallargan
Begonnen am 16. April 1899.
Harst blätterte weiter …
Nichts mehr …
Man sah, daß hier eine Menge Seiten herausgerissen waren …
Das Büchlein ist bis auf den Titel leer …
„Patrick Gallargan,“ meint Harald. „Gallargan … Patrick …! Fraglos ein Irländer … Und Frau Billing ist gleichfalls Irländerin … Merkwürdig!“
Er schritt um das Postament herum … zu den Überresten des Mönches hin … Kniete nieder …
„Komm’ mal her, mein Alter …“
Und er zeigte mir in dem noch tadellos erhaltenen Gebiß der mumifizierten Leiche … drei deutlich erkennbare Zementplomben …
Sagte: „Dieser angebliche Mönch war ein Europäer … Vielleicht einer, der zum Buddhismus übertrat … Die Lehre Buddhas übt auch auf Weiße ihren geheimnisvollen Zauber aus … – Die Rätsel mehren sich … Hier auf dem Titelblatt steht: Begonnen am 16. April 1899, – also zu einer Zeit, als Frau Billings Vater hier bestimmt noch nicht die Rolle des Einsiedlers spielte … Mithin hieß der Mönch Patrick Gallargan und nannte sich nur Maunaloa … Mithin kann er ein Verwandter Frau Billings gewesen sein … kann …!“
Und er tat das Büchlein wieder in das Geheimfach zurück und drückte die kleine Tür nach oben … Er tat’s mit langsamen Bewegungen … Seine Gedanken waren fraglos anderswo …
Dann verließen wir den winzigen Tempel …
Draußen war’s inzwischen Abend geworden …
Das Rot des Sonnenuntergangs färbte die Baumkronen der Lichtung, und der Himmel erstrahlte in wunderbaren Farben … Wir trugen den Tisch ins Freie und packten den Korb aus, den der Hüne Billing uns gebracht hatte.
Auch eine halbe Flasche Rotwein war dabei. Harald entfernte die Staniolkapsel vom Flaschenhals und besichtigte den Korken …
„Geöffnet und wieder verschlossen,“ meinte er und … goß den Rotwein zwischen die bunten Blumen. „Man kann nie wissen, mein Alter …!! Frau Maria mag daran viel gelegen sein, daß wir in dieser Nacht recht fest schlafen …“
Ich verstand …
Die Dunkelheit nahte dann …
„Um halb elf brechen wir auf,“ erklärte Harald …
„Wohin?“
„Nach dem Dorfe – zum Hause des dicken Wilson, mein Alter … Ich möchte Zeuge sein, wie eine Mutter noch mehr wagt als bisher …“
„Du meinst, daß …“
„ … daß Frau Billing den Versuch machen wird, die Gefangenen zu befreien … – allerdings! – Zum Schein werden wir uns schlafen legen … Vielleicht überzeugt sie sich vorher, ob wir auch nicht zu fürchten sind … Vielleicht auch nicht …“
Und er gähnt herzhaft …
Dann zogen wir uns in die Hütte zurück …
4. Kapitel.
Als wir nach einem beschleunigten Fußmarsch gegen ein viertel zwölf auf Umwegen am Rande des Palmenwäldchens angelangt waren, sahen wir schon von weitem das Haus des Richters hell erleuchtet. Durch die Gartenbäume erkannten wir auf der mit Lampions geschmückten Veranda die Gestalten einer Menge von Herren: Der Klub tagte ja heute bei Longsteet, und der Wind trug uns immer wieder Stimmengewirr und Gelächter zu, Gläserklirren und ein paar Takte Musik eines Pianos …
„Das Leben ist ein Jahrmarkt,“ flüsterte Harald. „Dort feiern die Plantagenbesitzer und die Beamten die Verhaftung der Diebe und die Wiedererlangung der Beute dieser Wespen …! Und hier vor uns harren im Keller des dicken Wilson dieselben Diebe auf ihre Befreiung … hoffen auf die Hilfe eines Weibes, hoffen auf die Erfüllung der Zusage, die der Stein und das mit Wespen bedeckte Papier verhieß: Die Freiheit! – Ich bin nur gespannt, wie Maria Billing ihr Ziel erreichen wird … Es handelt sich doch immerhin um fünf Männer … Dabei sitzen die drei Singhalesen in dem Gefängnis, und der Schwarze und der Blonde in den Kellergelassen Wilsons … Mit Gewalt kann sie kaum vorgehen. Ihr bleibt nur der Weg der List …“
Dann ließ er mich unter den Palmen allein. Wir hatten schon vorher vereinbart, daß ich die Vorderfront, er aber das Tor zwischen den Ställen beobachten sollte.
Ich lehnte mich an einen der schlanken Stämme und behielt das Haus und die Umgebung im Auge.
Das Dämmerlicht der Tropennacht erleichterte mir meine Aufgabe …
So mochte ich denn vielleicht zehn Minuten gewartet haben, als sich über den Zaun, der den Zwischenraum zwischen Wohnhaus und Gefängnis ausfüllte, blitzschnell eine Männergestalt schwang … Eine zweite folgte – eine dritte, – zuletzt die drei Singhalesen …
Im Nu waren die sechs im Wäldchen verschwunden …
Ich hatte mich eng hinter den Stamm der Palme gedrückt … Kaum acht Schritt an mir vorbei huschten die sechs – der Bucht zu … Und nur zu bald verlor ich sie aus den Augen …
Dann war aber auch schon Harald neben mir …
„Ihnen nach, mein Alter …!! Ihnen nach!! Wir müssen feststellen, wohin sie sich wenden …!“
Er lief voran …
Das Palmenwäldchen ging allmählich in das Ufergestrüpp über … Wir konnten den hellen Strand der Bucht mit der großen Anlegebrücke und den ankernden Fahrzeugen genau erkennen …
Auf der Brücke brannte eine elektrische Bogenlampe. Ein Küstendampfer nahm dort Fracht ein … Die farbigen Stauer lärmten, und die Ketten des Dampfkranes rasselten …
Die sechs Flüchtlinge waren in die Büsche abgebogen. Frau Billing (nur sie konnte verkleidet der sechste Mann sein!) mochte geholfen haben, hier eins der Boote benutzen zu können. Der Dampfer vereitelte diesen Plan …
Wir beide waren sehr bald dicht neben den Fliehenden … Das Buschwerk hatte viele lichte Stellen, und so konnten wir denn unbemerkt in einer Höhe mit den Flüchtlingen bleiben, zumal diese jetzt nur in lebhaftem Schritt sich vorwärtsbewegten …
Nach einiger Zeit wechselte der kleine Trupp die Richtung. Quer durch die Felder und Pflanzungen auf schmalen Pfaden strebten die sechs jetzt dem Nordoststrande zu …
Wir mußten ihnen mehr Vorsprung lassen … Bisher hatten wir kein Wort miteinander wechseln können … Und dabei brannte ich förmlich darauf zu erfahren, wie Maria Billing es wohl angestellt haben mochte, die fünf Männer so ohne jedes Aufsehen zu befreien … –
Harald, stets drei Schritt voran, machte plötzlich halt …
„Wir müssen an ihnen vorüber, mein Alter,“ sagte er hastig … „Wir müssen als erste unsere Hütte erreichen … Frau Billing will dorthin … Dort ist schon unser Wald zu erkennen … Also – – Trab, und wenn wir auch noch so sehr schwitzen …!!“
Halbtot sah ich endlich die Lichtung vor uns – – unser Häuschen …
Halbtot stolperte ich durch die Tür, warf mich in die Hängematte …
Harst schloß die Tür und flüsterte mir zu:
„Ich rechne bestimmt damit, daß Frau Billing aus dem kleinen Tempelraum etwas holen wird – einen der Beutel mit Perlen … Dann …“
Er schwieg … mußte etwas gehört haben … –
Ich erhob mich aus der Hängematte. Meine Glieder hatten die nötige Geschmeidigkeit zurückgewonnen, um jedes Knarren des hängenden Netzbettes zu vermeiden. Im Dunkeln tastete ich mich zu Harst und berührte seine Schulter …
„Ich glaube, daß ich etwas hörte,“ raunte er mir zu … „Leider ist der Wind draußen stärker geworden … Die Bäume rauschen zu sehr, und die Fenster sind offen …“
Mitten im Satz aus dem Innern des Felsens ein merkwürdiger Ton … Kein Schrei, kein Ruf … Und doch ein Laut aus menschlicher Kehle, der nur verschwommen an unser Ohr drang, und den wir nur hörten, weil wir so dicht vor der Steintür hockten …
Vorsichtig öffnete Harst jetzt die Tür und betrat den Felsengang … Und ich folgte langsam. Harst zog die andere Steintür auf … Der Lichtkegel zerschnitt die Finsternis …
Ein Blick …: Die Buddhastatue fehlte!!
Und – vor dem Postament lag gefesselt und geknebelt ein Mann …
Kein Mann: Die verkleidete Maria Billing!
Im Nu hatten wir sie befreit … Ihr Gesicht war aschfahl … Um den Mund lag ein Ausdruck von starrer, finsterer Entschlossenheit … nichts mehr von geheimem Gram …
Die Frau stand vor uns …
„Ich danke Ihnen, meine Herren …! Mein eigener Sohn war’s, der mich hier in dieser Weise zurückließ …! Jetzt – – mag mein Gatte alles erfahren … Es gibt Erlebnisse, die auch das Muttergefühl ersticken …“ – Sie sagte es in einem Tone, der ganz zu ihrem Gesichtsausdruck paßte …
5. Kapitel.
Auf Haralds Vorschlag eilten wir drei jetzt zur Seeküste, zu den Molen. Denn dort war es am ehesten möglich, die Jacht noch abzufangen.
Und daß Harst diesmal das Richtige getroffen, zeigte sich, als wir kaum die Südmole betreten hatten …
Ein dunkles Etwas glitt gerade um die erste Biegung des Kanals: Billings Jacht!
Geduckt liefen wir bis zur Molenspitze, wo an der Innenseite ein paar Kähne der Eingeborenen vertäut waren.
Wir ketteten den größten los, und in kaum zwei Minuten hatten wir ein zu den Fischereigeräten im Boote gehöriges Tau quer über den kaum zehn Meter breiten Kanal gespannt.
Nun warteten wir, in unserem Kahne tief zusammengeduckt, das weitere ab.
Die Jacht tauchte auf … Langsam glitt sie zwischen die Molen hinein …
Frau Billing flüsterte da:
„Herr Harst, keine Schonung …! Mein Sohn hat mir meinen Revolver abgenommen … Über andere Waffen verfügen die fünf nicht …“
Die Jacht kam herangerauscht …
An Deck fünf Leute …
Kam – – und rannte jetzt gegen das Hanftau, wurde zurückgepreßt, legte sich quer neben das Tau …
Unser Boot schoß vorwärts …
Ich ruderte – im Schoße die Clement … Hoch aufgerichtet stand Frau Maria Billing da … Stand dicht hinter mir …
Und – mit einem Griff hatte sie meine Clement an sich genommen …
Sie war’s, die die Flüchtlinge anrief …
„Ergebt euch …!! – – Wage es doch, Harry, auf deine Mutter zu schießen!! Wage es!!“ – Ihre Stimme war schrill wie das Klingen einer allzu straff gespannten Saite …
Die fünf auf der Jacht drängten sich am Heck zusammen und begrüßten uns mit einem Wutgebrüll …
Der kleine Schwarzhaarige hob plötzlich den Arm, aber Haralds Kugel schickte den Revolver über Bord ins Wasser …
Der Schwarze taumelte … Der blonde fing ihn auf.
„Wir ergeben uns!“ rief der Blonde.
Dann war Harst auch schon an Deck …
Dann steuerte Frau Billing die Jacht wieder in den Kanal hinein, während wir die vier und den Verwundeten bewachten …
Der Blonde benahm sich auch jetzt … als Gentleman.
„Herr Harst,“ sagte er höflich, „ich hätte eine große Bitte … Sie werden wohl gemerkt haben, daß der Name Mary Smieder beim Verhör nicht ohne Eindruck auf mich blieb. Ich kenne Miß Mary tatsächlich von Kolombo her … Wir waren gute Freunde, und vielleicht wäre aus uns ein Brautpaar geworden, wenn Smieders nicht verarmt und auch ich nur ein bescheidener Angestellter einer Reederei gewesen wäre … Meine Bitte geht dahin: Ich möchte Miß Mary nicht wiedersehen, denn … ich schäme mich, daß ich so tief gesunken bin …“
Harald kniete neben dem Verwundeten … Dem war die Kugel durch den rechten Unterarm und dann quer durch die Brust gegangen. Er röchelte schwer, und sein eingefallenes Gesicht zeigte das nahende Ende an …
Der Blonde fügte hinzu: „Mein Unglück war, daß ich in Kolombo Harry Leewark kennen lernte … Er fabelte mir von den Reichtümern vor, die wir hier auf Potakiwu mühelos erringen könnten … Ich bin leider ein sehr schwacher Charakter … Jetzt – – werde ich für alle Zeit diesen Leichtsinn zu büßen haben …“ –
Die Jacht war in der Nähe der Plantage angelangt … Am Bollwerk des Kanals standen eine Menge Arbeiter … Mitten unter ihnen James Billing … Die elektrischen Lampen brannten, und ihr grelles Licht beleuchtete uns und Maria Billing, die jetzt den Motor stoppte …
Der Blonde und die drei Singhalesen wurden weggeschafft. Harry Leewark war tot … – –
In der Jachtkajüte lag auf dem schmalen Tische die in Decken gehüllte Buddhastatue …
Und um den Tisch herum saßen das Ehepaar Billing und wir beide …
Der Hüne Billing hielt die Hand seines Weibes in der seinen, während sie jetzt das Geheimnis des Einsiedlers preisgab …
Ich will Frau Marias Geständnis hier mit meinen Worten wiederholen.
Maria Gallargans Onkel namens Patrick Gallargan war von Beruf Seemann gewesen, hatte aber schon in jungen Jahren alle Beziehungen zu seiner Familie abgebrochen und galt als verschollen. Marias Vater wieder, eine ähnliche Abenteurernatur wie sein Bruder Patrick, ließ sich als Kapitän eines Frachtdampfers allerlei Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen und flüchtete. Seine einzige Tochter hörte nichts mehr von ihm, heiratete einen Kaufmann namens Leewark, der sich dann in Point de Galle auf Ceylon niederließ, wo er sehr bald verstarb. Aus dieser Ehe war ein Sohn namens Harry hervorgegangen, der bereits als Zwölfjähriger allerlei Diebereien verübte und bald darauf für immer verschwand, nachdem er kurze Zeit Schiffsjunge gewesen. – Die verwitwete Frau Maria Leewark lernte James Billing kennen und heiratete ihn, verschwieg jedoch, daß sie einen Sohn besäße, verschwieg es nur deshalb, weil sie sich dieses Kindes schämte.
Als Billing Verwalter der Blooß-Plantage auf Potakiwu geworden war, als Frau Maria zum ersten Male den Mönch, den Einsiedler, zu sprechen Gelegenheit hatte, erkannte sie zu ihrem namenlosen Erstaunen in ihm ihren Onkel Patrick wieder. Patrick nahm ihr das Versprechen ab zu schweigen und weihte sie in seine wertvollen Geheimnisse ein. Er war wirklich zum Buddhismus übergetreten, und ließ Maria schwören, daß sie niemals seine Perlenschätze irgend jemandem zugänglich machen würde.
Nach Seltsameres begab sich dann: Eines Tages, als Frau Maria nach dem Dorfe ging, begegnete sie einem zerlumpten, kränklichen Menschen … Es war ihr Vater, der jetzt hier bei seinem einzigen Kinde sein verfehltes Dasein beschließen wollte.
Frau Maria schickte ihn nach der Hütte des Einsiedlers, wo die Brüder Gallargan nun ein volles Jahr zusammen hausten, ohne daß jemand ahnte, die Hütte berge jetzt zwei Männer.
Dann starb Patrick, der Buddhist und Perlensucher, und Frau Marias Vater wurde sein Nachfolger, bis auch er dann plötzlich hinweggerafft wurde.
Inzwischen hatte aber auch Harry Leewark, der längst zum Verbrecher herabgesunken war, seine Mutter verschiedentlich heimlich aufgesucht und von ihr Geld erpreßt. Wiederholt hatte sie ihm auch, da sie nicht über genügend Barmittel verfügte, Perlen ausgehändigt, die sie den Beuteln aus der Statue entnommen hatte. Kein Wunder, daß Harry immer wieder in sie drang, ihm zu verraten, woher sie die Perlen erhielte. Sie hütete sich, ihm das Geheimnis der Einsiedlerhütte zu offenbaren, konnte es aber doch nicht verhindern, daß der verkommene Mensch ihr einmal nachschlich und nunmehr ahnte, daß die jetzt leere Hütte ein Versteck bergen müsse, aus dem die kostbaren Perlen stammten.
So kam es denn schließlich so weit, daß Harry Leewark zusammen mit dem Blonden und den drei Singhalesen sich den Schlupfwinkel auf Potanur baute und seiner unglücklichen Mutter drohte, er würde die Plantagen brandschatzen, falls sie ihm nicht ihren gesamten Vorrat an Perlen ausliefere.
Und diese arme gepeinigte Mutter hatte die Verbrecher stets von neuem in ihrem Schlupfwinkel von Potanur aufgesucht, hatte ihnen Perlen gebracht, hatte sie beschworen, die Insel zu verlassen … Harry blieb in seiner Verderbtheit fest bei seiner Forderung …
Und so ereignete sich denn schließlich das, was der Leser bereits kennt: Harald und ich tauchten auf, und hiermit begann für Frau Maria erst recht Tage und Nächte des Schreckens …
Sie befreite Harry und den Blonden, indem sie ihnen die nötigen Werkzeuge durch das Kellerfenster zuwarf … Sie half mit, die Fenstergitter der Zellen der Singhalesen zu zerschneiden … Sie versprach dem Sohne einen ganzen Beutel voller Perlen, wenn er nur für immer verschwände. Und als sie dann in den Felsen eindrang, als sie die Steintür nach dem kleinen Heiligtum geöffnet hatte, war Harry ihr nachgeschlichen, erwürgte sie fast, fesselte sie … Ihren heiseren Schrei des Entsetzens hatten wir ja gehört … –
Hiermit komme ich zum Schluß dieses Abenteuers … Der Perlen-Buddha ist noch heute im Besitz des Ehepaares Billing. Und der Blonde (sein Name sei verschwiegen!) wird sehr wahrscheinlich doch noch Mary Smieder heiraten, da Harald seine Begnadigung durchgesetzt hat …
Nächster Band:
Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin.
Anmerkungen:
(1) „Kalikut“ - Calicut, Stadt im Bundesstaat Kerala, Südindien, an der Malabarküste, 432 100 Einwohner; katholischer Bischofssitz; Universität (gegründet 1968); Baumwollverarbeitung (Kaliko), Kaffeeaufbereitung.
(2) „bankerott“ - veraltet für bankrott, Bankrott
(3) Im Original steht „bekümmert“ - in „gekümmert“ geändert.
(4) Im Original steht hier ein falscher Teil vom Satz, der an anderer Stelle richtig eingefügt wurde. (ein leeres, nichtssagendes Lächeln ihre Lippen umspielte …)
(5) Hier wurde der falsche Satz an die richtige Stelle eingefügt. (ein leeres, nichtssagendes Lächeln ihre Lippen umspielte …)