
Lene und Lotte
lustige Mädchenstreiche
3. Streich:
von
Walther Neuschub
Mit Bildern von
R. Hansche
Verlag moderner Lektüre, G.m.b.H.
Berlin, S.O.26. – Elisabethufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1922 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
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Max und Männe sind bekannt |
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin 26.

Als der Wanderzirkus Greite
Machte hier im Städtchen Pleite,
Wurd verkauft der Elefant,
Der einst kam aus Indierland.
Jumbo hieß der alte Herr,
Und er war beträchtlich schwer,
Hatte Stoßzähn’ weiß und zart
Und ‘ne Haut fast eisenhart.

Mauermeister Friedrich Schmidt,
Nahm das Tier nach Hause mit,
Tausend Taler kostet ihm
Dieses kräftge Ungetüm,
Das fortan sollt Zugpferd spielen
Bei den Bauten, bei den vielen.
Außerdem hat Schmidt auch noch
Angeworben Makloboch.
Dieses war ein brauner Inder,
Der sehr liebte kleine Kinder,
Mehr jedoch den Elefant
Aus dem schönen Heimatland,
Den als Wärter er gepflegt. –
Jumbo auf dem Rücken trägt
Hier den Makloboch zu Schmidt
In bedächtgem Wiegeschritt.
Hinterher geht Jumbos Käufer,
Und es folgen ihm als Läufer
Lotte, Klops und auch die Lene,
Werfen hurtig ihre Beene. –
Ach, der lange Maurermeister

Schätzte sehr des Weines Geister,
Und auch heute hatte er
Morgens schon geladen schwer.
Seht, zuweilen hält er nicht
Ordentlich das Gleichgewicht.
„Torkeln“ nennt man diese Art,
Die ein Räuschlein offenbart.
Ah – jetzt fällt er gar nach vorn,
Und mit seinem Nasenhorn
Stößt er Jumbo an den linken
Runden dicken Hinterschinken.
Beinah’ wär’ er ausgeglitten
Zwischen Jumbos Beine mitten,
Doch als Rettungsanker faßt
Er noch schnell die Schwanzesquast’,
Jumbo, der doch wahrlich zahm,
Dieses aber übelnahm,
Nämlich, weil des Schmidts Zigarre
Unterm Schwanz ihm brennt ‘ne Schmarre,
Und aus Ärger und Verdruß
Hebt er ‘n rechten Hinterfuß,
Stößt forsch zu und trifft denn auch
Schmidtchen vor den magern Bauch.
So ein Elefantenbein
Soll zuweilen lästig sein,
Und auf diesen bösen Stoß
Läßt der Schmidt die Quaste los.

Fliegt, gekrümmt wie eine Schlange,
Gleich nach rückwärts auf die Stange,
Wo Frau Gustchen heute grad’
Teppiche gesäubert hat.
Ach, zu spät erblickt sie jetzt
Nachbar Schmidt und hat versetzt
Mit dem Klopfer einen Streich
Auf den Hosenboden gleich.

Schmidt, der strampelt und schreit „au!“
Zeigt sich weiter wenig schlau,
Spielt vor Wut sofort den Büttel,
Schlägt den Jumbo mit dem Knüttel.
Unser Kleeblatt steht dabei
Und erhebt ein groß’ Geschrei,
Denn sie fühlen Mitleid hier
Mit dem Elefantentier.
Ganz besonders Klops vor Wut
Weiß nicht recht mehr, was er tut.

Um den Schmidt ganz schnell zu blenden,
Nimmt er mit den Affenhänden
Einen Teppich, wirft ihn dann,
Hüllet ein den zorn’gen Mann.
Während Schmidt nun gräulich flucht,
Jumbo rasch das Weite sucht.
Ach, der arme Elefant
Einen schlechten Herren fand.
Schmidt war Jumbo furchtbar gram,
Jumbo sehr viel Schläg’ bekam.
Er und Makloboch, der Inder,
Liebten nur die beiden Kinder
Und dazu noch Klops, den Affen,
Aus dem Lande der Giraffen.
Doch den Schmidt, den Wüterich,
Haßten sie ganz fürchterlich.
Schmidt und Blätterteigs daneben
Ebenfalls in Feindschaft leben,
Da der erstre nie vergißt,
Daß er ausgeklopfet ist
Und daß Klops die Teppichmatte
Über ihn gebreitet hatte.
So vergingen vierzehn Tage.
Jumbo hat zu trüber Klage
Immer wieder reichlich Grund.
Schnell ihm seine Fettschicht schwund,
Arbeit gab es immerzu,
Und nur selten hat er Ruh’.
In ‘ne kleine Mittagsschüssel
Tunkt er stets den langen Rüssel.
Kurz: es war ein Hundeleben!
Jumbo hat jetzt nur ein Streben:
Zu entfliehen diesem Herrn!
Ach, er tät’ es nur zu gern.
Leider Wärter Makloboch
Hindert diese Pläne noch,
Denn er hatte Pflichtgefühl
Hier in diesem Fall zu viel.

Oft das Kleeblatt heimlich schleicht
Hin zu Jumbo und ihm streicht
Zärtlich seine Rüsselnas’,
Bracht ihm Heu und Kohl zum Fraß.
So auch diesen Sonntag früh
Bei dem Jumbo sieht man sie,
Der, am Fuß die Kette dick,
Stumm beklagt sein Mißgeschick

Auf der Wiese bunt und grün,
Wo die Butterblumen blühn.
Oh, wie freut sich Jumbo jetzt!
Lene hat ihm vorgesetzt
Einen Korb mit Kuchenresten,
Denn die schmeckten ihm am besten.
Als er alles aufgefressen,
Will den Dank er nicht vergessen,
Hebt mit seinem Rüssel fein
Aufs Genick die Kinderlein
Und lässt sie zur Probe reiten.
Klops besieht sich das von weitem.

Plötzlich – ‘ne Idee genial! –
Löset er vom dicken Pfahl
Rasch der Kette andres Ende,
Damit mehr Bewegung fände.
Dieser arme Elefant
Aus dem fernen Indierland. –
Ah – der Jumbo merket dies.
Schneller streckt er aus die Füß’,
Und vor Freude wackelt er
Mit den großen Ohren sehr.
Dann streckt er den Rüssel hoch,
Und durch’s kleine Rüsselloch
Kommt ein Ton wie ‘ne Fanfare,
Allen sträuben sich die Haare,
Denn nun ist der Elefant
Im Galopp davongerannt.
Hinterdrein der Affe jagt,
Tut ‘nen Sprung dann unverzagt,
Und mit Glück er grad’ noch faßte
Unten an die Schwanzesquaste.

Auf des Jumbo Rücken weiter
Turnt er zu den Kindern heiter,
Die sich haben längst erkoren
Hier als Halt des Jumbo Ohren.
So rast das erlöste Vieh
In die Freiheit wie noch nie.
Daß er sehr bald auf der Brücke,
Doch es will des Schicksals Tücke,
Die das Flüßchen überspannt,
Einen Haufen Feinde fand. –
Des Athletenklubs zwölf Leute
Machen ausgerechnet heute
Einen Ausflug in den Wald,

Singen, daß es nur so schallt.
Plötzlich sie den Jumbo sehn,
Bleiben auf der Brücke stehn,
Heben ihre Schwergewichte
Hoch bis zu den Augen dichte,
Und mit diesen Wurfgeschossen
Wollen fraglos die Genossen
Jumbos Flucht verhindern hier.
Dieses merkt das schlaue Tier,
Und noch vor der Brücke bald
Macht es einen kurzen Halt.

Taucht den Rüssel in die Flut,
Wasser es nun saugen tut,
Streckt sodann das Rüsselrohr
Auf die zwölf Athleten vor,
Spritzt sie an mit Schlamm und Dreck,
Bis sie rennen eilends weg,
Da die Sportkostüme hell
Leiden unter diesem Quell.
Jumbo, der trompetet froh,
Und es lachen ebenso
Unsere drei auf seinem Rücken,
Bald entschwand auch ihren Blicken
Der Athletenklub durchnäßt,
Der sich erstmal trocknen läßt. –
Unser Jumbo später dann
Hielt an einem Zaune an,
Wo die vollen Kirschenbäume
Lockten wie recht süße Träume.
Und es sättigten sich hier
An den Kirschen alle vier,
Bis der Bauer Ratzebeck
Kommt gelaufen um die Eck’,
In der Hand ein Schießgewehr,
Innen mit ‘ner Kugel schwer.
Klops, die Lotte und die Len’
Sind im Baume nicht zu sehn.
Ratzebeck bemerkt den dicken
Jumbo nur beim Kirschenpflücken

Ach – es rinnen schon dem Bauer
Übern Rücken Eisesschauer.
Nie bisher begegnet ihm
So ein gräßlich Ungetüm.
Darum wollte Ratzebeck
Schleunigst laufen wieder weg,
Doch es zittern ihm die Knie,
Kläglich er „O jerum!“ schrie,
Und in seinen Ängsten groß
Drückte er die Flinte los.
Bums – gab’s einen Riesenknall,
Und die Sache ward fatal
Für den armen Ratzebeck,
Weil der Schuß verfehlt den Zweck.
Jumbos Schädel war sehr fest,
Keine Kugel durch er läßt,
Und so prallt, welch Mißgeschick!
Das Geschoß sofort zurück,
Trifft den Bauer vor den Magen,
Das bereitet Unbehagen.

Andererseits vor Schreck die drei
Fallen von dem Baum, ei wei!
Platt auf Jumbos breiten Rücken.
Jumbo will sich schleunigst drücken,
Denn es brummt etwas der Kopf
Diesem Elefantentropf,
Und es schwillt ihm an in Eile
Vorne eine Riesenbeule.
Seht nur, ganz verändert schnell
Ist des Jumbos Schädelstell’.
Als die Lotte dies erblickt,
Sagt dem Jumbo, daß er muß
Laufen wieder zu dem Fluß,
Weil man dort mit Wasser spülen
Kann die Beule und sie kühlen. –
Mittlerweile Meister Schmidt
Rüstet sich zum raschen Ritt,
Um den Jumbo einzuholen
Auf des Pferdes schnellen Sohlen.
Schmidt hat einen schönen Schecken,
Der kann fein die Beine strecken,
Und der Schecke, „Bluff“ geheißen,
Tut die Hufe mächtig schmeißen.
Doch der Meister Schmidt dem Bluff
Mit der Peitsche wichst eins druf.
Immer noch nicht schnell genug
Ihn der Gaul von dannen trug.

Bluff, im Herzen sehr empört,
Wie der Teufel weiter fährt,
Raset über Stock und Steine,
Kaum sieht man noch seine Beine. –
Jene zwölf Athleten jetzt
Haben sich hier hingesetzt
An des Ufers steilen Rand
In den heißen Sonnenbrand,
Um zu trocknen ihre Kleider,
Die recht sehr beschmutzt ja leider
Da – der eine rückwärts schaut!
Kaum er seinen Augen traut:

Hinten dort kommt angerannt
Jener schlimme Elefant,
Offenbar nur zu dem Zweck,
Damit er mit schwarzem Dreck
Salbe ein die Herrn Athleten,
Die jetzt hier in ihren Nöten
Wie die Frösche schnell und kühn
In des Flusses Wogen fliehn.

Jeder tut rasch einen Hops.
„Feige Bande!“ schreit der Klops.
Hoch die Wasser klatschend spritzen,
Die Athleten so entflitzen.
Ach, im Hemde sind sie nur,
Als begann die Schwimmertour.
Ihre Oberkleider dort
Nimmt die Lene jetzo fort.
Und aus Hosen, o Blamage,
Macht sie Jumbo ‘ne Bandage.
Artig sitzt der Elefant

An dem schroffen Uferrand.
Des Athletenklubs Zylinder
Brauchen nun die schlauen Kinder
Hier als Eimer, die sie füllen,
Um des Jumbo Schmerz zu stillen.
Klops jedoch, wie immer frech,
Heimlich nahm vier Hüte weg,
Und Athletengürtel schlau
Bind’t er um den Rand genau.
Hat gebauet so ein Floß,
Rudert auf demselben los,

Und benutzt als Ruder nett
So ein Gummi-Chemisett.
Ach, dies Beispiel lockt die beiden
Zu den gleichen Ruderfreuden.
Schon die acht Zylinder dann
Zu vereinen man begann,
Und auch dieses größre Floß
Sehr bald in das Wasser schoß,
Während auf der andern Seite
Stehen die Athletenleute

Und mit Steinen bombardieren
Nach den Kindern und den Tieren.
Doch – es war ja viel zu weit,
Und sie tuen hier kein Leid.
Nein, das gerade Gegenteil!
Dort jagt nämlich schon in Eil’
Wütig her der wilde Gaul,
Und die zwölfe gar nicht faul

Reißen aus vor Meister Schmidt,
Der bei diesem tollen Ritt
Längst verlor den Sonntagshut,
Ebenso auch Peitsch’ und Mut,
Und der nun vor diesem Wasser
Ward vor Angst beträchtlich blasser.
Ach – ganz plötzlich bockt der Schecke
Zu ‘nem hinterlistgen Zwecke.

Nur zu gut gelingt der Streich,
Da der Schmidt nun flieget gleich
Hoch im Bogen übers Pferd
In das Wasser schlammbeschwert.
Mit dem Kopfe und der Brust
Hat er in den Schlamm gemußt.
Und in feuchter Tiefe sehr
Mit den Beinen strampelt er
Und versucht mit aller Kraft
Zu entgehn des Todes Macht.

Wehe, wehe, Schmidt, den groben
Nichts hat aus dem Schlamm gehoben.
Traurig wohl er in dem Fluß
Jetzt vom Leben scheiden muß. –
Doch der Jumbo, brav und edel,
Reißt sich ab von seinem Schädel
Die Bandage schwer und dick,
Watet mit verständgem Blick

Jetzt ganz langsam zu der Stelle,
Wo der Schmidt verschwand so schnelle.
Seinen Rüssel tunkt er ein,
Packt den Schmidt am linken Bein.
Zieht ihn aus dem Moder raus,
Rettet ihn vor Todesgraus.
Legt ihn auf dem Ufer nieder,
Hebt empor alsbald ihn wieder,
Schüttelt ihn, bis aller Schlamm
Wieder aus Schmidts Munde kam.

Da erwachte dieser Mann
Und umarmte Jumbo dann,
Dankte auch dem Kleeblatt sehr,
Für die heut’ge schwere Lehr.
Denn es sah der Schmidt jetzt ein,
Daß man niemals roh soll sein
Zu den Tiere, die gar oft
Bringen Segen unverhofft. –
Jumbo steckt fortan den Rüssel
Stets in eine Riesenschüssel,
Hatt’ es gut und lebte froh
Wie der Mops im Paletot. –
Kinder, nehmt Euch dies zu Herzen:
Machet Tieren niemals Schmerzen.
Denkt an Jumbo und den Schmidt
Und den Elefantentritt!
