
Lene und Lotte
lustige Mädchenstreiche
6. Streich:
von
Walther Neuschub
Mit Bildern von
R. Hansche
Verlag moderner Lektüre, G.m.b.H.
Berlin, S.O.26. – Elisabethufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1922 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin 26.

Fräulein Irma Immergrün
Rosenrot die Wangen glühn.
Dies ist leider nicht Natur,
Sondern von der Schminke nur.
Vor dem Spiegel steht sie heiter,
Tuscht die Bäckchen sich noch weiter.
Dann nimmt sie den falschen Zopf,
Steckt ihn oben auf den Kopf.
Jetzt wird sie besonders schöne,
Da sie einsetzt noch die Zähne.
Nun nimmt sie das Seidenkleid.
Das seit Jahren ihre Freud.
Nähet in den Rock hinein
Eine Tasche nicht zu klein.
Diese Tasche ist aus Leder.
So was trägt wohl nicht ein jeder.
Nein – zu ganz besonderem Zwecke
Schafft die Irma dies Verstecke.
Heute ist sie eingeladen
Zu Kaffee und Kuchenfladen,
Und weil geizig ihr Gemüt,
Sie sich zu bereichern sieht.
Mancher Torte süßes Stück
Soll verschwinden mit Geschick.
Fräulein Immergrüns Beruf
Ihr nur wenig Arbeit schuf,
Denn von ihrem Zinsgenuß
Lange sie schon Leben muß.
Rein aus Geiz sie hungert stets.
Mager ist sie sehr, ihr seht’s.
Ihrem Kater Baldrian
Merkt man auch den Hunger an.
Baldrian im Sessel ruht
Und sich eifrig lecken tut,
Was man nennet Katzenwäsche,
Weil’s geschieht meist ohne Nässe.
Jede Rippe sieht man klar,
Da der Kater mager war.
Ach, der arme Baldrian
Niemals recht sich sätt’gen kann.
Zwischen ihm und Klops dem Affen
Aus dem Lande der Giraffen
Bittre Feindschaft längst besteht.
Klops ihm aus dem Wege geht.
Denn des Katers Krallen spitz
Rissen Klops ins Fell ’nen Schlitz,
Als die beiden ein Duell
Fochten aus gar wütend schnell.

Während Irmchen Immergrün
Will das Kleid nun überziehn,
Hört der Baldrian „Miau“
Draußen von ’ner Katzenfrau.
Als galanter Katermann
Springt er auf das Fenster dann,
Sieht im Garten in dem Gras
Wirklich langsam kreuchen was.
Baldrian ist hoch bei Jahren,
Schwach nur seine Augen waren.
Und drum eilt mit kühnem Satz
Hin er jetzt zu Fräulein Katz’.

Wehe, dieser alte Wicht
Ahnt der Rache Tücke nicht,
Denn der Klops ist hier zur Stell’
Eingehüllt in ’n Katzenfell,
Und im Buschwerk nahe bei
Lauern auch der Schwestern zwei.
Lene kneift die Lotte froh
Ganz verstohlen hinten wo,
Flüstert leise: „Aufgepaßt!“
Fester sie das Fröschchen faßt.
Dieser „Frosch“, von Pulver voll,
Sollte später knallen toll.

Mittlerweile Baldrian
Schleicht sich an den Klops heran,
Und als Kater – Don Juan
Hebt er seinen Zagel an.
Da – mit einem Male, schwapp,
Kriegt er böse etwas ab.
Einen Beutel blitzgeschwind
Streift ihm über ’s Affenkind,
Zieht am Hals den Beutel fest,
Wenig Luft er ihm nur läßt,
Und der Kater, halb erstickt,
Wehrt sich nur sehr ungeschickt,

Muß es dulden, daß am Schwanz
Man bind‘t an den Frosch nun ganz.
Lotte tut dies, während Lene
Trotz des Baldrians Gestöhne
Setzt in Brand den Zünder eilig,
Sein Feind Klops, der lachte greulich,
Reißt den Beutel von dem Kopf
Wieder weg dem armen Tropf,
Und selbigen Momang
Schon der erste Knall erklang

Hinten an dem Katzenschweif,
Der sich drehte wie ein Reif,
Da der Pulvergase Kraft
Den Katerschwanz zum Kreisel macht.
Baldrian nach rückwärts blick,
Rast dann vorwärts wie verrückt,
Rast zum Fenster wieder rein,
Hopst nun auf den Spiegel fein,
Wehe, wehe, was ist das?!
Plötzlich splittert dessen Glas!
Wieder sind’s die Pulvergase,
Die verderblich hier dem Glase.

Dieses war der zweite Knall,
Und dem Kater ist’s egal,
Wo er sich jetzt niederläßt,
Drum auf Irmchens Zopfesnest
Landet er mit wildem Hüpfen,
Um dem Frosche zu entschlüpfen.
Fräulein Irma Immergrün
Möchte jetzt sehr gern entfliehn,
Doch der Schreck lähmt ihre Glieder.
Hei – da knattert es schon wieder!
Im Genick der Irma hing
Katerschwanz und Pulverding,

Und durch diese Explosion
Fliegt sie auf die Nase schon,
Während Baldrian, der Kater,
Weiter spielt hier dies Theater,
Denn er flüchtet in ’ne Vase,
Groß und bunt aus feinem Glase.
.Ah – schon wieder kommt ein Krach,
Und die Vase ganz zerbrach,
Ringsum fliegen ihre Scherben,
Größer wird noch das Verderben:

Scheiben klirren, und die Uhr
Wurd’ ein Trümmerhaufen nur.
Baldrian jedoch zum Glück
Verlor vom Schwanz ein langes Stück,
Daran hängt die Pulverdos,
Knallet nun von neuem los,
Und der Zagel, losgesprengt,
Fühlt sich hier zu sehr beengt,
In den Garten saust er jetzt,
Knallt noch mal zu guter Letzt,
Dann naht eine freche Krähe,
Hebt das Schwanzstück in die Höhe,

Fliegt damit nach ihrem Nest
Und verspeist hier diesen Rest. – –
Fräulein Irma Immergrün
Rafft sich auf mit ein’gem Müh’n,
Packt den armen Baldrian
Und verdrischt ihn tüchtig dann.

Traurig kriecht, beleidigt sehr,
Der Kater in die Ofenröhr’.
Irma aber, wutentbrannt,
Ist von Hause weggerannt,
Denn sie ahnet, wessen List
Diese Tat zu danken ist, –
Frauen sich gar oft vereinen
Zum sehr kaffeefeuchten kleinen
Kuchenreichen Plauderstündchen.
Hier sehr rege dann die Mündchen
Sprechen über dies und jenes,
Vielfach über wenig Schönes:
Über Leute, die man kennt! –
Was man treffend „Klatschen“ nennt.
So ein Kaffeekränzchen auch
War in diesem Städtchen Brauch,
Wo der Bäcker Blätterteig
Wohnte in der Vorstadt gleich. –
Frau Auguste hatte heut’
Wieder die recht mäß’ge Freud’,
Zu empfangen die vier Damen,
Die zu ihr zum Kränzchen kamen.
Was nicht weiter wunderbar
Bei so gutem Kuchen war.
Ach, Frau Gustchen fürchtet immer,
Daß verläuft das Kränzchen schlimmer
Durch der Mädel Übermut,
Der sich oft betät’gen tut,
Wo und wie man irgend kann
In gleicher Weis’ an Frau und Mann. –

Frau Augustchen ahnungslos
Schneidet auf die Torte groß,
Da erscheint das dürre Irmchen
Mit dem alten Sonnenschirmchen
Vor dem Fenster wutentbrannt,
Beugt sich vor und hebt die Hand
Wie zum Racheschwur gen Himmel:
„Ach, der Klops, der Affenlümmel,
Tat dem armen Baldrian
Etwas furchtbar Ages an!“
Ruft sie und erzählt das Ganze
Von dem abgesprengten Schwanze,
Von der explodierten Vase. –
Irmchens Stimme, schrill und hell,
Lockt Herrn Blätterteig zur Stell’,
Der dann bald gefunden hat
Unser lust’ges Dreikleeblatt.
Auf dem hohen Appelbaum
Sieht man hier die dreie kaum,
Doch schon rutschen sie herunter

An dem Stamme froh und munter,
Stehen nun vor Blätterteig,
Der sie fraget aus sogleich.
Lene, ehrlich, bieder, keck,
Leugnet nicht des „Frosches“ Zweck,
Gibt auch zu der Rache Plan, –
Und der Vater hat getan,
Was zu tun die Väter pflegen,
Wenn sie übers Knie sich legen
Ihre lieben Kinderlein,
Die nicht wollen artig sein. –

Dann trotz dieser dreie Jammer
Sperrt er sie in eine Kammer,
Hoch gelegen unterm Dach,
Die durchaus kein Prunkgemach.
Aber Klops, der nie verlegen,
Turnt als erster sehr verwegen
An des Hauses Blitzableiter
Zwei Etagen abwärts weiter.
Hurtig folgen ihm die Mädel,
Klops hat schon in seinem Schädel
Einen neuen Streich ersonnen,
Und das Kleeblatt hat begonnen
In dem nahen Ententeich
Eine Menge Frösche gleich
In den Beutel einzufangen,
Der auf Katers Kopf gehangen.

Bald das Kleeblatt in dem Zimmer,
Wo die Damen sitzen immer,
Unterm Sofa sich versteckt,
Damit niemand es entdeckt. –

Ah – es öffnet sich die Tür,
Und sogleich erscheinen hier
Fräulein Irma Immergrün
Und Frau Fleischer Wurstelsplien,
Weiter noch Friseuse Putz
Und Frau Kaufmann Anna Lutz.

Frau Auguste, rundlich-klein
Trägt die Kaffeekann hinein,
Füllt die Tasse der ergrimmten
Und noch immer sehr verstimmten
Seidenkleidgeschmückten Irma,
Die den Platz hat auf dem Sofa.
Reicht die Torte dann herum,
Bleibt vor Ärger völlig stumm,
Da die Immergrün vor Wut
Nochmals hier erzählen tut,
Was das Kleeblatt angetan
Ihrem armen Baldrian. –
Unterm Sofa die drei Sünder
Ärgern sich darob nicht minder. –
Neben Irmchens Rock aus Seide
Sieht drei Köpfe man vor Freude
Grinsen über alle Backen,
Als den ersten Frosch tut packen
Lene mit geschickter Hand,
Um zu stecken ihn gewandt
In die Tasch’ der Immergrün,
Die sie öffnet sacht und kühn.


In demselben Augenblick
Irma stiehlt ein Tortenstück.
Und der tiefe Ledersack
Wird der Torte dunkles Grab,
Wie die Immergrün voll Geitz
Auch ein zweites klemmt bereits. –
Unterm Sofa unsre drei
Merken jetzt die Schweinerei,
Daß die Irma Immergrün
Will nachher von dannen ziehn
Mit den schönen leckren Dingen!
Ah – das soll ihr nicht gelingen!
Lene wartet eine Weile,
Steckt dann ohne Hast und Eile
In die Ledertasch’ hinein
So ein grünes Fröschelein.
Da – kaum hat man dafür Worte! –
Wieder stiehlt die Irma Torte,
Wieder in die Kleidertasch’
Schiebt ein Stück sie leis und rasch.
Doch auch Lene, gar nicht faul,
Schiebt was rein ins Taschenmaul,
Und zwar eine Pogge[1] mächtig,
Die sich reget bald verdächtig

In dem dunklen Taschenschlund,
Wo ein weiter Frosch verschwund.
Nun sind dreie schon darin,
Doch – das ist nur der Beginn,
Noch drei Poggen, munter sehr,
Machen Irmas Tasche schwer,
Und das halbe Dutzend dann
Fing vergnügt zu hüpfen an.
Seht, der Seidenrock bewegt sich
Bei der Irma etwas regt sich,
Und sie blicket ganz entsetzt
Nach der Tasche abwärts jetzt.

Ach – mit einem Male da
Sie ’ne Riesenpogge sah,
Die von ihrem Seidenkleid
Einen Sprung tut hoch und weit
Und die ohne viele Mühe
Landet in der Kaffeebrühe.
Ei – es spritzt der braune Trank!
Doch der Pogge es gelang
Wieder mit ’nem Satze kühn
Dieser Tasse zu entfliehn,
Und sie sitzt nun, frech und böse,
Irmchen grade auf der Neese.


Aus nun war das ganze Spiel.
Irma gleich in Ohnmacht fiel,
Sinkt aufs Sofa, käseblaß,
Und das Fröschlein, kaffeenaß,
Durch das Fenster rasch entfleucht
Und zum Ententeiche kreucht.
Doch im Zimmer die vier Damen
Gar nicht zur Besinnung kamen,
Weil jetzt unterm Sofa vor
Schnell erschien der Rachechor.
Auch der Meister Blätterteig
Stellt sich pünktlich ein sogleich,
Hat den Rohrstock in der Hand,
Der doch keine Arbeit fand.
Lene nämlich, schlau wie stets,
Faßt hinein, schaut her und seht’s,
In der Diebstasch’ tiefe Gründe,
Und sie zieht heraus geschwinde
Erst fünf Frösche, dann die Torte
Aus dem stillverschwieg’nen Orte,
Wirft die Poggen schnell hinaus
Aus dem Kaffeekränzchen-Haus. –
Allen wurde nunmehr klar,
Was hier heut’ geschehen war.
Blätterteig, der spricht dann trübe:
„Ah – so fängt man Tortendiebe!
Dieser Jungfrau Immergrün
Müßt man ein paar überziehn!
Sie schilt hier die beiden Kinder
Als zwei abgefeimte Sünder,
Und ihr eigenes Gemüt
Ist ganz schrecklich abgebrüht.“

Drauf nimmt er ’ne Kanne Wasser
Und macht Irmchen etwas nasser.
Plötzlich fährt sie in die Höh’
Und erbleichet wie der Schnee,
Als die Torten, arg zerdrückt,
Auf dem Sofa sie erblickt.
Blätterteig zeigt auf die Tür,
Und er öffnet weit sie ihr.

So sieht man die Immergrün,
Deren Wangen schamhaft glühn,
Schwer blamiert das Haus verlassen,
Und sie eilt durch die Gassen
Heim von diesem Kaffeekränzchen
Zu dem Kater ohne Schwänzchen,
Der noch in der Ofenröhr’
Leckt sich seine Wunde sehr.
Doch der Meister Blätterteig
Streichelt seine Kinder weich,
Krault auch Klops den Affenschädel,
Schenket Torte jedem Mädel,
Während Klops fraß jene Stücke,
Die zu Irmas Mißgeschicke
Durch der Frösche Zappelmacht
Wurden an das Licht gebracht. –
Dieses Kaffeekränzchen heut’
Zeigt Euch eine Lehr’ erneut:
Mause niemals! Bleibe ehrlich!
Stehlen ist allzu gefährlich!

Anmerkung:
[1] Niederdeutsch umgangssprachlich Kröte oder Frosch
Männe und Max
Lustige Bubenstreiche
von
Walther Neuschub
mit Bildern von R. Hansche
Diese Ausgabe hat den Beifall weitester Kreise gefunden. Der zündende Humor der Dichtung und die goldige herzerfrischende Komik der Illustrationen kann nicht übertroffen werden. Die Heftchen haben ein dreifarbiges Titelbild und enthalten meist über 25 Textillustrationen.
Bisher sind die nachstehenden Heftchen erschienen:
1. Onkel Adolars Geburtstag – 2. Schornsteinfeger Krause. – 3. Das Gespenst. – 4. Der Gang zum Photographen. – 5. Der Schweinestall. – 6. Köchin Line. – 7. Räuber Trald. – 8. Die Kindtauffeier. – 9. Die Reise nach Berlin. – 10. Knödelmeyers neue Köchin. – 11. Eine Kremserfahrt. – 12. Der Ritt nach Afrika. – 13. Kohn, der Papagei. – 14. Der Flohzirkus. – 15. Daniel in der Löwengrube. – 16. Der tote Puterhahn. – 17. Die Kartoffeldiebe. – 18. Der strenge Kandidat. – 19. Bobbis Begräbnis. – 20. Das Motorrad. – 21. Sonntagsjäger Haberland. – 22. Die Moorbadkur. – 23. Äppelschnuts Lehrlinge. – 24. Die Gauner Klapp und Pelle. – 25. Der Boxkampf. – 26. Der Indianer Heitawai. – 27. Josua Grind, der Pirat. – 28. Die Fuchsjagd. – 29. Der Dreibund im Zoo. – 30. Der Meisterschuß. – 31. Die Walfischjagd. – 32. Die sechs Mohren.
Erschienen bis Band: