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Teja

Teja

Erzählung von Walther Kabel

(Nachdruck verboten).

Als ich meine Reiseeffekten und meine eigene Person glücklich durch die enge Kupeetür eines Abteils II. der nach dem kleinen mecklenburgischen Seebade Bandin führenden Schmalspurbahn hindurchgezwängt hatte, bemerkte ich auch schon eine langbeinige Gestalt, die mit Riesenschritten auf mich zugestelzt kam. Alex Werner streckte mir bereits von weitem in herzlicher Wiedersehensfreude die Rechte zum Gruß entgegen. Und wieder, wie schon so oft, schaute ich unwillkürlich nur auf diese beinahe abschreckend häßliche Hand, deren kurze, dicke Finger den Zeichenstift doch in so ausdrucksvollen, vornehmen Linien zu führen wußten und jene eleganten, nervösen Frauenfiguren schufen, denen man überall in den ersten illustrierten Zeitschriften begegnet.

Gut, daß du da bist, Heinz. Und – was sagst du nur zu Hektors Verschwinden?“ begann er sofort und preßte dabei meine Finger in seiner breiten Bärentatze. „Wir sind hier in rechter Sorge um ihn. Übrigens zweifelte ich keinen Augenblick, daß du auf mein Telegramm hin ungesäumt kommen würdest.“

Neugierig blickte ich mich um, ob sich seit dem Vorjahre hier in Bandin wohl etwas geändert haben mochte.

Ja, schau nur, himmelhohe Mietskasernen hat die Geldschneiderbande in Masse aufgebaut und damit das ganze Landschaftsbild verpfuscht“, knurrte Werner ingrimmig, der mir nächst Hektor Diring, dem genialen Porträtmaler, der liebste meiner Bekannten war.

Da bogen wir auch schon in den sandigen Weg ein, welcher an der äußersten Häuserreihe des Badeortes entlang lief und sich in der von Kieferngruppen bestandenen, bis an den Seestrand hinabreichenden Heide verlor. In dieser Heide, fast einen Kilometer von Bandin entfernt, liegt die kleine, aus mehreren schmucken, einstöckigen Holzhäuschen bestehende Künstlerkolonie, in der auch ich seit ihrer Gründung regelmäßig meinen Sommerurlaub zuzubringen pflegte.

Eine Viertelstunde später saßen wir bei einem Glase gut gekühlten Moselweines in dem großen, dreifenstrigen Zimmer, das fast den ganzen Innenraum des im norwegischen Stil gehaltenen, bisher von Hektor Diring und Alex Werner gemeinsam bewohnten Häuschens beanspruchte. Zu meinen Füßen hatte sich Hektors Wolfspitz Teja gelagert, von dem ich vorhin mit freudigem Winseln und ganz närrischen Sprüngen als alter Bekannter begrüßt worden war. Der Hund, ein selten schönes Exemplar, hatte, wie sein augenblicklicher Pflegevater mir erzählte, seit seines Herrn Verschwinden so gut wie gar keine Nahrung mehr zu sich genommen und irrte am Tage meist ruhelos in der Heide umher, offenbar beständig auf der Suche nach unserem Freunde, an dem er mit geradezu rührender Treue hing.

Laß dir nur berichten“, begann Werner jetzt, indem er nervös im Zimmer auf und ab ging, „was in der letzten Woche hier geschehen ist. Genau heute vor fünf Tagen, am Mittwoch, hatte Gisela Langfeld die Kolonie zu einem kleinen Atelierfest eingeladen. Wer die Langfeld ist, dürftest du wissen. Ihre Bilder haben ja auf der Münchner Sezession viel von sich reden gemacht. – Zu denen, die das geistreiche, eigenartig anziehende Weib sofort nach ihrem Auftauchen hier in Bandin eifrigst umschwärmten, gehörten nun hauptsächlich unser Hektor und dann eine dir bisher sicher ganz unbekannte Persönlichkeit: Camillo Vitruvio, ein geborener Italiener, seines Zeichens Bildhauer, sonst beheimatet in Düsseldorf, zurzeit Mieter von Jean Lorenz’ Häuschen, der diesen Sommer in Rom zubringt und dort die Fresken am Palazzo Orsini erneuert. Um es gleich zu sagen: im übrigen findest du hier nur unsere bewährten Stammgäste vor. Neuerscheinungen in unserem Kreise sind also ausschließlich die Langfeld und Vitruvio. So, nun bist du orientiert. Bei dem vorher erwähnten Bowlenabend – hinter Atelierfest versteckt sich ja zumeist recht viel Alkohol – kam es nun zwischen der Gastgeberin und Hektor Diring zu einer erregten Szene, in deren Verlauf wir erst erfuhren, daß Hektors Schwärmerei für Gisela Langfeld bereits in einer heimlichen Verlobung mit ihr einen gewissen vorläufigen Abschluß gefunden hatte. Unser Freund, der bereits leicht angeheitert war, machte seiner Braut recht erregte Vorwürfe, weil sie seiner Meinung nach in ganz schamloser Weise mit dem Italiener kokettiert hätte.

Gisela lachte ihn aus und ließ eine Bemerkung von „erst Schwips ausschlafen“ fallen, worauf Hektor noch wütender wurde und schließlich ohne Gruß in die Nacht hinausstürmte. Seit diesem Augenblick hat ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen. Man könnte nun vielleicht annehmen, daß er in jener Nacht in der ersten Erregung Bandin für einige Zeit verlassen hat und sich irgendwo in der Nähe aufhält. Aber dies erscheint ausgeschlossen, weil er damals ohne Hut aus dem Atelier der Langfeld davonstürzte, nur bekleidet mit einem leichten, hellen Flanellanzug, und bei einer Durchsicht seiner Garderobe festgestellt wurde, daß kein einziges Stück fehlt. Zudem hätte Hektor mich auch nicht so lange ohne Nachricht gelassen. Dazu waren wir doch zu gute Freunde und er eine viel zu rücksichtsvolle Natur.

Der Fall war interessant, kein Zweifel. Und sofort regte sich in mir der Untersuchungsrichter, ein Amt, das ich tatsächlich an dem Landgericht in D. seit einem Jahre bekleidete. Daher auch hatte Alex Werner gerade auf mein Kommen so großen Wert gelegt. Er hoffte sicherlich, ich mit meiner beruflichen Erfahrung könnte hier Besonderes erreichen.

Freund Alex erzählte mir auf meine Fragen dann noch folgendes: Der Italiener habe damals vor acht Tagen das Atelierfest kurz nach unserem Freunde verlassen, um, wie er angegeben hatte, noch an dem Tonmodell seiner neuesten Statue zu arbeiten, da er trotz des unangenehmen Zwischenfalles gerade in besonders schaffensfreudiger Stimmung wäre. Dieser Umstand, fügte Alex hinzu, habe jedoch erst seinen Argwohn erregt, als Tag auf Tag verging, ohne daß Hektor Diring zurückkehrte. Denn der Verdacht liege doch nur zu nahe, daß der heißblütige Bildhauer, der offenbar für Gisela Langfeld eine tiefe Leidenschaft gefaßt hatte, dem bevorzugten Rivalen gefolgt und daß es irgendwo in der Heide zwischen den beiden zu Tätlichkeiten gekommen wäre, wobei unser gemeinsamer Freund den Tod gefunden haben und dann vielleicht irgendwo verscharrt oder in die See geworfen worden sein könnte.

Diese Mutmaßungen waren bei dem vorliegenden Tatbestand allerdings gar nicht so von der Hand zu weisen, wenn auch das ganze Benehmen des Italieners in keiner Weise auf ein schlechtes Gewissen hindeuten sollte. Jedenfalls hatte meine eingehende Unterredung mit Alex keinerlei Resultat. Die Sache blieb dunkel wie zuvor. Beim Mittagessen, welches das Künstlervölkchen gemeinsam einnahm, lernte ich dann noch an demselben Tage Gisela Langfeld sowie Camillo Vitruvio kennen. Der Eindruck, den die Malerin auf mich machte, war durchaus nicht so überwältigend, wie ich dies nach Alex Werners Andeutungen erwartet hatte. Gewiß – sie war schön, aber in ihrer Art, sich zu geben, lag etwas Zerfahrenes, Unstätes, und mir gegenüber benahm sie sich geradezu scheu, das merkte ich sofort heraus. Über den Italiener konnte ich mir so schnell ein Urteil nicht bilden. Äußerlich gefiel er mir ganz gut. Ich hatte es so einzurichten gewußt, daß ich neben ihm zu sitzen kam, und bald befanden wir uns in lebhaftem Gespräch, das sich, wie die Unterhaltung bei Tisch überhaupt, nur um Hektor Dirings Verschwinden drehte. Ich verhehlte dabei keineswegs, welche Absichten mich nach Bandin geführt hätten und wie ich meinen vierwöchigen Urlaub dazu benutzen wollte, das dunkle Geheimnis, welches über jener Mittwochnacht lagerte, zu enträtseln. Vitruvio warf bei der Gelegenheit sehr höflich ein, er wünsche mir recht guten Erfolg, wenn auch seiner Meinung nach die ganze Sache ziemlich aussichtslos wäre, da er glaube, daß Hektor Diring selbst den Tod gesucht habe.

All das sprach er so harmlos, so ohne jede Gemachtheit mit offenbarem Bedauern hin, daß ich mir unwillkürlich sagte, er könne unmöglich mehr über meines Freundes Schicksal wissen als wir anderen. Doch sehr bald machte ich die ganz merkwürdige Beobachtung, daß Gisela Langfeld den Italiener vollständig ignorierte und ihn doch fortgesetzt forschend betrachtete. Wie sollte ich mir ihr Benehmen dem Bildhauer gegenüber erklären? Vor acht Tagen hatte sie noch bei dem Fest in ihrem Atelier mit ihm derart geflirtet, daß Hektor Diring halb toll vor Eifersucht wurde, und jetzt zeigte sie ihm ganz deutlich ihre Abneigung, nein, noch mehr. Sie verriet durch ihre Blicke einen bestimmten Argwohn – das war’s! – Doch ich vermochte diese interessanten Überlegungen für den Augenblick nicht weiter auszuspinnen.

Irgend einer aus der Tischgesellschaft hatte mich gefragt, wo ich denn für die Zeit meines hiesigen Aufenthaltes mein Heim aufzuschlagen gedächte. „Wahrscheinlich bei Alex Werner, Hektors Bett sei ja jetzt frei“, antwortete ich. „Da würde ich nicht viel zum Schlafen kommen“, meinte Guido Hermanns, der Karikaturenzeichner. „Unser Alex pflegt meistens nachts zu arbeiten oder Zither zu spielen. Jedenfalls ist er ein sehr unruhiger Geist. Hektor Diring war ja daran gewöhnt. Aber ob Sie dabei die hier gesuchte Erholung finden werden, möchte ich bezweifeln.“

Der Karikaturist erzählte mir da nichts Neues. Ich kannte schon von früher her Werners Eigentümlichkeiten, die so echt künstlermäßig, für einen gewöhnlichen Sterblichen aber oft recht lästig waren. Dabei gehörte Alex Werner durchaus nicht zu denen, die auf ihre Mitmenschen Rücksicht zu nehmen pflegten. Und ich wußte genau, daß er sich auch durch mich in seinen Gepflogenheiten in keiner Weise stören lassen würde. Da trat ganz unerwartet der Italiener als mein Retter auf. Er bot mir sein aus zwei großen Räumen bestehendes Häuschen an, da er bereits morgen mindestens für vier Wochen zu verreisen beabsichtige. „Ich habe schlechte Nachrichten von daheim“, meinte er erklärend. „Mein Vater ist schwer krank und wenn ich ihn nochmals sehen will, schrieb meine Schwester mir gestern, müßte ich ungesäumt nach Verona kommen. Verona kommen. Ich brauche ohnehin anderthalb Tage, ehe ich dort bin. Und deshalb gedenke ich noch heute mit dem Abendzug von Bandin abzufahren.“

Daß mein Argwohn bei dieser Nachricht aufs Neue erwachte, ist leicht verständlich. Denn die Geschichte von dem kranken Vater und dem Brief war leicht erfunden. Vielleicht wollte Vitruvio nur möglichst unauffällig von hier verschwinden, wer konnte das wissen …! Übrigens schienen auch die übrigen Teilnehmer der Mittagstafel ähnlichen Gedanken nachzuhängen. Denn wenn auch von niemandem bisher ein direkter Verdacht gegen den Bildhauer geäußert worden war, so hatte doch wohl jeder die Tatsache noch immer nicht als so ganz belanglos von sich abzuschütteln vermocht, daß Vitruvio damals so kurz nach Hektor Diring aus dem Atelier der Langfeld fortgegangen war. Jedenfalls wurde es mit einem Mal in unserem Kreise auffallend still. Ich aber nahm des Italieners freundliches Anerbieten als einen Wink des Schicksals hin und akzeptierte es dankend, womit ich Alex Werner, der sich dazu ganz schweigsam verhielt, sicher einen großen Gefallen tat. Sich irgendeinen Zwang aufzuerlegen, war eben nicht seine Sache.

Gleich nach dem Mittagessen machte ich dann mit Freund Weiner einen längeren Spaziergang, was in der Hitze gerade kein Vergnügen genannt werden konnte. Auf Umwegen schlängelten wir uns nach dem nahen Badeort, wo ich mich auf der Post telephonisch mit der Rostocker Polizeibehörde verbinden ließ. Und wenige Minuten später wußte ich zu meiner Beruhigung, daß ein Kriminalbeamter, der schon nach drei Stunden in Bandin eintreffen konnte, Camillo Vitruvio auf Schritt und Tritt folgen würde.

Abends hielt ich dann meinen Einzug in mein neues, von dem Italiener kurz vorher verlassenes Heim. Das Häuschen gehörte, wie gesagt, eigentlich Jan Lorenz, der jetzt in Rom weilte, und war von Vitruvio nur gemietet worden. Es enthielt zwei große Räume, die durch eine breite, mit Glasscheiben versehene Schiebetür voneinander getrennt wurden. Das eine, größere Zimmer diente als Atelier, das andere gleichzeitig als Wohn- und Schlafstube.

Eine der Fischerfrauen aus Bandin, die in der Künstlerkolonie Aufwartedienste verrichteten, hatte mir das Bett frisch bezogen und auch meine Wäsche und Kleider sauber fortgepackt. Gegen 11 Uhr suchte ich dann mein Lager auf, nachdem ich noch mit Alex Werner vor dem Hause eine Zigarre geraucht hatte. Ich wäre auch sicherlich sehr bald eingeschlafen, wenn mich nicht Hektor Dirings Wolfspitz Teja, der mir den ganzen Tag über nicht von der Seite gewichen war und den ich daher bei mir behalten hatte, durch sein ruheloses Hin- und Herwandern gestört haben würde. Trotzdem ich den Hund des öfteren mit einem energischen „Kusch dich, Teja!“ auf das Unzulässige seines Verhaltens aufmerksam machte, hörte ich doch immer wieder das klappernde Geräusch seiner Krallen auf dem Holzfußboden, bald hier, bald dort. Unter diesen Umständen war natürlich an Schlaf nicht zu denken. Gerade als ich mich im Bett aufrichtete, um Licht zu machen, begann Teja plötzlich wie toll an der nach dem Atelier führenden Schiebetür zu kratzen, wobei er ganz eigenartige, winselnde Töne ausstieß. Kaum hatte ich jedoch die Kerze auf meinem Nachttisch angezündet, da kam das kluge Tier auch schon an mein Bett gelaufen und blieb schweifwedelnd vor mir stehen. ln Tejas großen, dunklen Augen lag ein besonderer Ausdruck, ein stummes Flehen, was ich, der ich selbst Hundebesitzer bin, leichter als jeder andere zu deuten wußte. Zweifellos wünschte der Hund ins Freie gelassen zu werden, da er sich hier in der ungewohnten Umgehung nicht heimisch fühlte und wahrscheinlich auch die vergebliche Suche nach seinem Herrn wieder aufnehmen wollte. Ich stand also auf, kleidete mich notdürftig an und öffnete ihm die Haustür. Aber er dachte auch nicht im entferntesten daran, eilends in der mondhellen Nacht zu verschwinden, wie ich bestimmt erwartet hatte, blieb vielmehr hartnäckig in der Mitte des Zimmers stehen und senkte bei meiner des öfteren wiederholten Aufforderung „Allons, Teja!“ nur ängstlich den buschigen Schwanz. Jedenfalls hatte er sich die Sache in seinem launenhaften Hundehirn wieder anders überlegt. Was blieb mir da übrig, als nach seiner nochmaligen strengen Vermahnung abermals mein Lager aufzusuchen. Leider sollte es jedoch mit dem Einschlafen wieder nichts werden. Denn der dreimal verflixte Köter, der sonst ein Muster an Wohlerzogenheit war, begann sehr bald aufs neue seine störende Promenade durch das Zimmer, wobei er wie vorher in allen Ecken stehen blieb und laut schnüffelnd die Luft einzog, als ob er irgendwo etwas Besonderes witterte. Nachdem eine gute Viertelstunde in dieser Weise verstrichen und ich in meinem Bett schon ganz nervös geworden war, fing Teja plötzlich wieder unter heiserem Winseln wie unsinnig vor der Schiebetür zu kratzen an. Da erst merkte ich, daß der Hund fraglos schon vorhin gar nicht herausgelassen werden wollte, sondern sein feiner Geruchsinn etwas Auffälliges in dem nebenliegenden Atelier entdeckt haben mußte, wofür ja auch der Umstand sprach, daß er nun schon das zweite Mal an der breiten Verbindungstür nach dem Nebenraum und nicht an der Außentür scharrte. Und in demselben Augenblick, wo ich mir das klar machte, durchzuckte mich blitzartig ein anderer Gedanke, der mit Hektors Verschwinden aufs engste zusammenhing.

Ohne lange zu überlegen, schlüpfte ich in meine Kleider, zündete die Petroleumlampe an, öffnete die unverschlossene Schiebetür und betrat mit der Lampe in der Hand den viereckigen, phantastisch mit Bildern, Waffen und türkischen Vorhängen herausgeputzten Raum. Teja war mir schon vorausgeeilt und beschnupperte jetzt mit gesträubtem Haar an der in der Mitte des Gemachs stehenden, gut zwei Meter hohen Statue herum, die den Meergott, auf einer Woge thronend und ein zertrümmertes Schiff in der ausgestreckten Rechten haltend, darstellte. Das Benehmen des Hundes war so auffällig, seine winselnden Laute so merkwürdig, daß ich der dumpfen Vorahnung, hier dicht vor einer furchtbaren Entdeckung zu stehen, den besonders auf der Rückseite noch ziemlich feuchten, recht grob ausgearbeiteten Entwurf eingehend besichtigte. Aber ich sah auch nicht das geringste Auffällig daran. Es war eben ein Tonmodell wie all die anderen, die ich bisher in Bildhauerateliers zu besichtigen Gelegenheit gehabt hatte. Das Verhalten Tejas wurde mir daher immer unverständlicher, besonders da der Hund für keinen anderen Gegenstand in dem Zimmer irgendein Interesse zeigte.

Während ich noch nachdenklich den Gott des Meeres betrachtete, richtete sich plötzlich der Wolfspitz auf den Hinterbeinen auf, legte die Vorderpfoten auf den Sockel der Statue, preßte erst die schwarze Nase dicht auf eine der noch feuchten, dunklen Stellen und stieß dann mit zurückgebogenem Kopf ein langgezogenes Geheul aus, das mir durch Mark und Bein ging.

Da, in dem Moment, fiel es mir wie Schuppen vor den Augen. Und wenige Minuten später klopfte ich schon an Alex Werners Fenster, das noch erleuchtet war.

Nun, und was ist deine Ansicht darüber?“ fragte Alex hastig, nachdem ich ihm meine Beobachtungen mitgeteilt hatte. In seinen Mienen lag dabei ein deutlicher Ausdruck ängstlicher Spannung.

Ich glaube, wir werden bald Hektors Leiche gefunden haben“, erwiderte ich nur.

Ich ahnte es gleich“, meinte er dumpf und griff nach seinem Hut. „In der Statue, nicht wahr?“

Ich nickte nur. Dann eilten wir zurück nach Vitruvios Atelier. Und schon von weitem hörten wir das klägliche Geheul des Hundes, den ich vorhin vergeblich zum Mitkommen zu bewegen gesucht hatte und der hei unserem Eintritt noch immer aufgerichtet, mit gesträubtem Rückenhaar, vor dem hohen Tonbild stand.

Bald hatten wir das nötige Handwerkszeug gefunden. Werner legte jetzt ohne Zögern einen Meißel an die Rückseite der Statue an und trieb ihn mit einem Hammer in die dicke Tonschicht hinein. Bald fiel ein Stück der weißen Masse polternd zu Boden. Immer größer wurde die Öffnung. Und dann – dann erblickten wir plötzlich einen dunklen Gegenstand in dem entstandenen Loche. Zögernd hielt ich die Lampe näher heran. Kein Zweifel – was wir da vor uns hatten, war nichts anderes als die Spitze eines Schuhes, eines breiten amerikanischen Schuhes. Und diese Art Fußbekleidung hatte unser verschwundener Freund vor allen anderen bevorzugt.

Alle Farbe war aus unseren Gesichtern gewichen. Unwillkürlich traten wir, gepackt von fürchterlichem Grauen, einen Schritt zurück und starrten wortlos auf die Statue hin, als müsse der Geist des Toten jeden Moment aus der Öffnung hervorschweben. Und erst Tejas immer lauter werdendes Geheul und seine fortwährenden Versuche, in das Loch hineinzuspringen, weckten uns aus dieser halben Betäubung.

Nach kurzer Beratung nahmen wir den Wolfspitz an die Leine, verschlossen das Atelier und das Häuschen und brachten den Hund zu Alex Werner hinüber. Dann eilten wir nach Bandin, weckten den Postvorsteher und gaben eine längere Depesche nach Rostock an die Kriminalpolizei auf. Daraufhin erschienen bereits um 9 Uhr in einem Automobil mehrere Beamte, in deren Gegenwart der Gott des Meeres vorsichtig auseinandergeschlagen wurde, nachdem von der Statue noch mehrere photographische Aufnahmen gemacht worden waren. In ihrem unteren, breitesten Teile fand sich dann wirklich der in zusammengekrümmter Stellung erstarrte Leichnam Hektor Dirings vor, dessen rechtes Schläfenbein, wie die Untersuchung durch den Gerichtsarzt zeigte, durch einen wahrscheinlich mit einem Hammer geführten Schlag völlig zertrümmert worden war.

Camillo Vitruvio, welchen der mit seiner Überwachung betraute Kriminalbeamte nicht aus den Augen gelassen hatte, wurde an demselben Tage in Hamburg, wo er sich bereits eine Schiffskarte zur Überfahrt nach Amerika gelöst hatte, auf Ersuchen der Rostocker Staatsanwaltschaft verhaftet. Er legte ein umfassendes Geständnis ab, nach dem sich die traurigen Vorgänge jener Mittwochnacht folgenden maßen ergänzen ließen: Der Italiener war damals kaum in seinem Atelier angelangt und hatte gerade Licht gemacht, als schon Hektor Diring draußen an die Tür klopfte und Einlaß begehrte. In dem Atelier kam es dann zu einer äußerst erregten Aussprache, in deren Verlauf der vor Eifersucht halb Sinnlose plötzlich mit einem von der Wand gerissenen indischen Dolch auf Vitruvio eindrang und diesen durch einen Stich in die Schulter allerdings nur oberflächlich verletzte, worauf der Italiener, um den Angreifer von sich abzuwehren, einen Hammer ergriff, blindlings zuschlug und unglücklicherweise gleich mit dem ersten Hiebe die Schläfe des anderen derart traf, daß dieser sofort lautlos umsank und wenige Minuten später sein Leben aushauchte. Vitruvio, der im ersten Entsetzen über das Geschehene keines klaren Gedankens fähig war und sich gar nicht überlegte, daß er nur in der Notwehr zum Mörder geworden war, meißelte nun aus der Statue, nachdem er die Atelierfenster dicht verhängt hatte, einen großen Teil des Rückenteiles heraus und brachte die Leiche in dem so entstandenen Loch unter, das er sofort wieder mit Ton verschloß, indem er der Statue nach Möglichkeit wieder ihr altes Aussehen zu geben suchte. Wie er unumwunden eingestand, hatte er die Absicht gehabt, den Körper des Erschlagenen später, wenn die erste Aufregung über das Verschwinden Hektor Dirings etwas abgeflaut sein würde, bei passender Gelegenheit in der See zu versenken. Von diesem Plane habe er jedoch Abstand nehmen müssen, da es ihm unmöglich gewesen wäre, länger mit dem Leichnam unter einem Dache zu weilen. Daher habe er jetzt nach Amerika flüchten wollen.

Inwieweit diese Angaben mit den tatsächlichen Vorgängen übereinstimmten, ließ sich, weil keine Zeugen vorhanden waren, nicht weiter nachprüfen. Jedenfalls fand man an der linken Schulter des Italieners wirklich eine kaum vernarbte Stichverletzung vor, und ebenso waren seine Kleidungsstücke an der betreffenden Stelle durchlöchert und blutgetränkt, so daß das Gericht zu einer recht milden Auffassung des durch die begleitenden Nebenumstände so grausigen Verbrechens kam und den Bildhauer nur wegen Überschreitung erlaubter Notwehr zu einem Jahr Gefängnis verurteilte.

Bei der Verhandlung war außer mir und Alex Werner auch Gisela Langfeld als Zeugin vorgeladen, die damals völlig gebrochen Bandin sofort fluchtartig verlassen hatte und die ich seitdem zum ersten Male wieder sah. Der tiefe Groll, den ich gegen die leichtfertige Malerin gehegt hatte, durch deren Gefallsucht einzig und allein ein blühendes Menschenleben vernichtet worden war, wurde durch das, was sie bei ihrer Vernehmung aussagte, völlig gemildert. Denn mit Tränen in den Augen klagte sie sich selbst in herzbewegenden Worten als die eigentliche Urheberin des unseligen Totschlages an. Das hatte ich von ihr nicht erwartet. Und als ich sie dann nach Schluß der Verhandlung auf dem Korridor des Gerichtsgebäudes ansprach, sagte sie zu mir mit halberstickter Stimme …

Niemand ahnt, wie sehr ich Hektor Diring geliebt habe. Nur im Übermut des Glücks suchte ich seine Eifersucht zu erregen, nicht aus wirklicher Herzensverderbtheit. Ich habe unendlich gelitten, und niemals werde ich wieder meines Lebens froh werden können – niemals …!“

Auf meinem Schreibtisch aber steht im schmucklosen Rahmen eine mittelgroße Photographie, die damals in Vitruvios Atelier von den Kriminalbeamten aufgenommen wurde. Sie zeigt den „Gott des Meeres“, jene Statue, die einst den Leichnam meines besten Freundes barg. Teja, der Wolfspitz, dessen überaus feinem Geruchssinn wir allein die schnelle Aufdeckung des geheimnisvollen Verbrechens zu verdanken hatten, hängt jetzt mit derselben Treue an mir, die er einst seinem ersten Herrn entgegenbrachte, und ist mir ein wertvolles lebendes Andenken an den Toten geworden.