Sie sind hier

Der Taubenzüchter von Totenmoor

 

Der Detektiv

Band 175

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Walter Kabel.

Der Taubenzüchter von Totenmoor

 

 

1. Kapitel.

Dort, wo die Waldpromenade des Ostseebades Kranz nach Osten zu, von alten Birken eingefaßt, neben der Fahrstraße nach Kranzbeck zum Kurischen Haff hinläuft, zieht sich rechts von dieser Straße und Promenade ein weites mooriges Gelände hin, in dessen undurchdringlichen Dickungen noch der Elch haust und zuweilen bei seinen Wanderungen auch bis an die Straße vordringt, harmlose Spaziergänger erschreckt und doch in stolzer Ruhe niemals irgendwie von ihnen Notiz nimmt.

Ein Teil dieses Moores, durch das nur wenige Wege und Pfade laufen, die stellenweise unter Wasser stehen, heißt im Volksmund das Totenmoor.

Einer alten Sage nach sollen hier einmal die Ordensritter eine kleine Feste erbaut haben, die dann eines Nachts von den heidnischen Preußen gestürmt worden war(1). Die Besatzung aber, so berichtet die Sage weiter, wurde von den Siegern in einem großen Moorloche versenkt. –

Von diesem Totenmoor handelte auch der Brief, den Harald Harst an einem heißen Julitage von dem Besitzer des dem Moor benachbarten Gutes Ludau erhielt.

Nachdem Harald den Brief langsam gelesen, Umschlag, Briefmarke und Poststempel nach seiner Gewohnheit gründlich geprüfte hatte, reichte der ihn mir über den Tisch hin und meinte:

„Wenn die Angaben stimmen, scheint es sich in der Tat um eine recht merkwürdige Angelegenheit zu handeln …“

Wir saßen auf der Veranda des Harstschen Familienhauses, hatten soeben gefrühstückt und dabei unsere Tauben gefüttert, die so zahm waren, daß sie vom nahen Stalle stets sofort durch die offenen Fenster in die Veranda geflogen kamen, sehr zum Ärger der Köchin Mathilde, die stets etwas von „Schmutzerei“ murmelte, weil die Tierchen eben nicht stubenrein waren und auf den Dielen der Veranda ihren rückwärtigen Nöten freien Lauf ließen.

Ich las folgendes:

Ludau bei Kranz,

Samland, Ostpreußen

den 3. Juni 19 …

Sehr geehrter Herr Harst!

Sie gestatten, daß ich mich mit einer Angelegenheit an Sie wende, die mich seit Wochen schon beschäftigt, jedoch gestern erst sozusagen spruchreif wurde.

Ich habe am 1. Mai dieses Jahres das zu meinem Gute gehörige Totenmoor – (es folgte eine nähere Beschreibung) - an einen Amerikaner verpachtet, der, geborener Deutscher ursprünglich, sich jetzt wieder in seinem einstigen Vaterlande und in seiner Heimatprovinz ansässig machen wollte. Er hat seinen Namen Gutschmidt amerikanisiert und nennt sich jetzt Goudsmith, ist etwa fünfzig Jahre alt und ein stiller, ernster Mann, der mir eigentlich recht sympathisch war – – war! – Er pachtete also das Totenmoor auf zwei Jahre, ließ sich von einer Königsberger Firma dort auf der höchsten und trockensten Stelle des Moores ein Blockhaus errichten, das fertig und auseinandernehmbar geliefert wurde und nebenbei einen ebensolchen Stall.

In acht Tagen waren die Gebäude fix und fertig.

Inzwischen war auch Goudsmiths Diener, ein riesiger Dunkelhäutiger, mit dem Gepäck seines Herrn eingetroffen, eine ganze Wagenladung von Koffern und Kisten und in weiteren drei Tagen lieferte ein Königsberger Geschäft die Möbel, so daß Goudsmith mir bereits am 12. Mai sein neues Heim zeigen konnte. Das heißt: er zeigte mir nur das Blockhaus, den Stall nicht. Er meinte, an dem Stallgebäude sei ja doch nichts zu sehen. Ich merkte aber genau, er wollte mir den Stall nicht zeigen. Und hiermit begann mein Mißtrauen gegen die beiden Leute, die dort im Totenmoor von den Mücken buchstäblich aufgefressen werden müssen.

Dieser geringe Anlaß, eben Goudsmiths Bestreben, mich von dem Stalle fernzuhalten, genügte mir, bei diesem ersten Besuche auch weiter die Augen gründlich zu gebrauchen.

Noch etwas fiel mir dann auf: der Dunkelhäutige, der sich James Kaspar nennt, behandelte seinen Herrn durchaus als Gleichgestellten und trat auch mir gegenüber in einer Weise auf, als ob er nicht Diener, sondern Mitpächter sei. Im übrigen machte dieser James den Eindruck eines gebildeten Mannes.

Als ich von diesem Besuch mit meinem Jagdwagen heimfuhr, wandte sich plötzlich mein alter Kutscher um und meinte:

„Herr Baron, in dem Stalle sind Tauben, mindestens fünfzig Stück … Ich habe durch das eine Fenster hineingeschaut, denn der von innen angebrachte Vorhang war durch eine der Tauben beiseite geschoben worden.“

Mein Kutscher wußte mir dann noch zu berichten, daß die Tauben in der einen Hälfte des Stalles frei umherflogen, und daß im Dache zwei wenig auffällige Türchen vorhanden seien.

In den nächsten Tagen vergaß ich all dies. Wir hatten mit der Frühjahrsbestellung genug zu tun.

Dann – so Ende Mai – meldete mir mein Förster, daß er auf einem nächtlichen Pirschgang beobachtet habe, wie ein Schwarm Tauben von mindestens dreißig Stück von dem Stalle Goudsmith aufgeflogen und in der hellen Mondnacht dann nach Westen davongezogen sei.

In der ersten Juniwoche wieder hörte ich von dem Vorsteher des Bahnhofs Ludau - (die Bahnlinie Königsberg-Kranz führt dicht an meinem Gut vorüber) - daß Mr. Goudsmith jede Woche eine große Kiste aus Holland erhalte – – mit Tauben! Als Eilfracht! Immer aus demselben holländischen Grenzdorf Vallenviep.

Und am 15. Juni konnte mir mein Förster abermals mitteilen, daß ein großer Taubenschwarm nachts von dem Blockhaus gen Westen davongeflogen sei.

Ich war nun bereits überzeugt, daß die beiden Einsiedler vom Totenmoor nicht ganz reinliche Dinge trieben, beauftragte den Förster, die Blockhäuser ein paar Nächte hindurch zu beobachten und gab gleichzeitig der Kriminalpolizei in Königsberg einen Wink, doch einmal über Goudsmith und James Kaspar genauere Erkundigungen einzuziehen.

Die Polizei arbeitete schnell. Gestern erhielt ich von dem mir persönlich bekannten Leiter der Kriminalabteilung folgendes Schriftstück, das ich hier wörtlich wiedergebe:

„Gegen die beiden von Ihnen beargwöhnten Herren liegt nicht das geringste vor. Ernest Goudsmith besaß bis vor fünf Monaten in New Orleans, Vereinigte Staaten, ein Juweliergeschäft, das er veräußerte, weil er nach Deutschland zurückkehren wollte.

Mit ihm befreundet war James Kaspar, Doktor der Chemie an der Akademie in New Orleans. Kaspar beschäftigte sich schon dort in Amerika viel mit der Erforschung des Vogelfluges, mit den Wanderungen der Zugvögel und der wissenschaftlichen Prüfung des Orientierungssinnes der Brieftauben. Er gab vor vier Monaten seine Stellung an der Akademie auf und erklärte, er wolle in Deutschland seine Forschungen über Vogelflug usw. fortsetzen.

Die von Ihnen festgestellten Einzelheiten über das Treiben der beiden Amerikaner im Totenmoor dürften durchaus harmlos sein. Doktor James Kaspar wird, wie viele Gelehrte dies tun, seine Forschungen geheim halten wollen.

Nach alledem liegt für uns kein Grund vor, die beiden irgendwie zu belästigen.“

Dieses Schreiben, Herr Harst, konnte jedoch meinen Argwohn nur verstärken …

Ich entschloß mich, Ihnen den Fall vorzutragen, und betone, daß es doch höchst

merkwürdig ist, daß nach wie vor jede Woche eine Kiste Tauben für Goudsmith eintrifft und daß Doktor James Kaspar auch fernerhin hier die Rolle eines Dieners spielt.

Außerdem noch eins, Goudsmith ist Witwer. Vor zwei Wochen erschien nun im Totenmoor sein einziges Kind, seine Tochter Bessy, die bis dahin in einem Schweizer Pensionat gelebt hatte.

Er machte mir mit dem jungen Mädchen einen offiziellen Besuch, stellte sie mir vor und bat, ob Bessy uns nicht zuweilen auch zwanglos besuchen dürfe, da sie sich dort in der Einsamkeit doch zu sehr langweilen würde.

Uns gefiel Miß Bessy ausgezeichnet. Sie kam fast jeden zweiten Tag zu uns herüber, machte aber seit ein paar Tagen einen merkwürdig gedrückten Eindruck.

Seit drei Tagen ist sie nun ausgeblieben. Mein Ältester, der mir bei der Bewirtschaftung von Ludau hilft, war nun gestern nach dem Blockhaus gewandert und hörte dort, daß das junge Mädchen zu Bekannten nach Berlin gereist sei.

Erkundigungen bei den Bahnbeamten unserer Station Ludau ergaben jedoch, daß Miß Bessy von niemandem auf dem Bahnhof bemerkt worden war. Auffallend ist ja auch, daß sie uns von dieser Reise nichts gesagt hat, obwohl sie mit meiner Frau auf recht vertrautem Fuße stand, ebenso mit Erwin, meinem Ältesten.

Sollten nun Ihnen, Herr Harst, diese meine Beobachtungen den Eindruck machen, daß mein Verdacht vielleicht begründet ist, so bitte ich Sie, hierher zu kommen. Über die Honorarfrage werden wir einig werden. Geben Sie mir bitte Nachricht, ob ich Sie erwarten darf. Am besten einen Brief in einem Umschlag mit irgendeinem Firmenaufdruck und ohne Ihre volle Namensunterschrift, da man nie wissen kann, ob ein Schreiben nicht in falsche Hände gerät. Ich habe diesen Brief selbst meinem Sohne verschwiegen, denn ich kenne Ihre Arbeitsmethode, möglichst niemanden einzuweihen.

Ihr sehr ergebener

Udo Freiherr von Balitzki“

– Ich hatte dieses Schreiben ebenfalls sehr langsam gelesen und mir sofort alle Einzelheiten eingeprägt. Unsereiner ist ja daran gewöhnt, eine Unmenge von solchen Einzelheiten nicht vergessen zu dürfen, denn ein Detektiv mit schlechtem Gedächtnis gliche einem Klaviervirtuosen ohne Gehör.

„Nun?“ fragte Harald, als ich den Brief beiseite legte.

„Faul!!“

„Stimmt – sehr faul! Die „Reise“ der Tochter am faulsten!! Denn beachtet man ihre „gedrückte Stimmung“, so darf man vermuten, daß das geheimnisvolle Treiben ihres Vaters und des Amerikaners ihre junge Seele belastet. – – Setz’ dich bitte an die Schreibmaschine, mein Alter, nimm einen der Bogen mit der Pseudo-Firma und – dann los …“

Er diktierte – ich tippte …

In der linken obersten Ecke des Briefbogens stand protzig in Zweifarbendruck:

Horst & Schrack,

Agenturen

Telephon: Kurfürst 1982-1987

Berlin-Schm., Blücherstraße 10

Ich tippte …

Herrn Baron von Balitzki:

Ludau bei Kranz

Samland, Ostpr.

5. Juli 19..

Euer Hochwohlgeboren Angebot interessiert uns. Wir werden uns erlauben, in den nächsten Tagen persönlich Gegenvorschläge zu unterbreiten.

Hochachtungsvoll

Horst & Schrack

Dieser harmlose Brief ging noch an demselben Tage ab.

Und am nächsten Morgen reisten wir beide dann nach Kranz …

 

 

2. Kapitel.

Hier in dem vielbesuchten Ostseebad etwa als Harst und Schraut aufzutreten – gar noch unmaskiert, war ausgeschlossen – gänzlich ausgeschlossen, denn auch in Ostpreußen hatten wir übergenug persönliche Bekannte, die Haralds kühne Hakennase und mein gemütliches Komikergesicht unter Tausenden sofort herausgefunden hätten …

So tauchten denn auch auf der Kranzer Uferpromenade am 7. Juli zwei neue Erscheinungen auf, die jedoch auf niemanden Eindruck machten und von niemandem beachtet wurden …

Zwei ältere Herren, gänzlich Typ von braven Beamten aus einem Provinznest …

Bei herrlichstem Wetter schleppten sie ihre Schirme mit sich herum – Schirme von der Gattung „Musspritze“ …

Nein – kein holdes Mädchenauge kümmerte sich um diese ehrbaren Gestalten, die in einem Häuschen an den Tennisplätzen Quartier bezogen hatten: Erdgeschoßzimmer mit Veranda – schlicht und sauber!

Und vor dem Häuschen lief die Fahrstraße nach Kranzberg entlang … Zum Teufelsmoor waren’s von hier keine zwanzig Minuten, wenn man die Wege im Moor kannte und nasse Füße nicht scheute … –

Also am 7. Juli beehrten wir Kranz in diesem soliden Aufzuge und mit den ebenso soliden Namen zweier Mittelschullehrer aus der schönen Käsestadt Tilsit – – alles angeblich – angeblich … – Die Hauptsache war, unsere biedere Wirtin glaubte uns und meldete uns als Hommel und Schnierke an, wobei ihr nur das Mißgeschick passierte, daß sie auf dem Anmeldezettel statt Hommel Hammel gelesen hatte und nun Freund Harald mit konstanter Bosheit mit „Herr Hammel“ anredete, obwohl Harst mit feinster Rede sie auf diese Verwechslung zweier Buchstaben aufmerksam machte … Hammel schien ihr eben geläufiger zu sein, und wenn sie schon mal zufällig Hommel sagen wollte, wurde sie wieder unsicher, ob’s auch stimmte, und sagte … Hummel!!

Das so nebenbei … Denn ich konnte diese kleine Episode Harst-Hammel unmöglich übergehen … –

Wie gesagt, wir waren nun richtiggehende Kurgäste in Kranz … Kurgäste, die durchaus nicht zur Erholung hier weilten, sondern im Gegenteil etwas sehr Anstrengendes und unter Umständen Gefährliches beabsichtigten: dem Taubenzüchter von Totenmoor hinter seine Schliche zu kommen!!

Denn so nannte man hier in Kranz den Mr. Ernest Goudsmith unter der einheimischen Bevölkerung, wie uns unsere Wirtin mitgeteilt hatte, als Harst-Hommel auf das Moor zu sprechen kam.

Im übrigen waren die Kranzer dem Amerikaner gegenüber jedoch durchaus arglos – durchaus! – Warum sollte ein Mann nicht Tauben züchten, und warum sollte er nicht dort im Moor hausen, wo er den Grund und Boden so billig hatte pachten können ..! –

Es war für uns recht wertvoll, die Stimmung der Kranzer gegenüber dem neuen Nachbar kennen zu lernen. Volkesstimme – Gottesstimme! Das Volk hat ja im allgemeinen eine sehr feine Nase für anrüchige Dinge. Wer es versteht, aus einem Wust von Klatsch und Übertreibungen den Kern herauszuschälen, wird auch das Körnlein Wahrheit finden. Hier gab es nichts herauszuschälen … Die Bevölkerung zeigte keinerlei Interesse für das Blockhaus, – ein Beweis, daß der Förster des Barons zu schweigen verstand, denn der wußte ja, daß sein Herr die Einsiedler dort in der Mückenwildnis durchaus nicht für harmlos hielt. –

Am Nachmittag dieses 7. Juli unternahmen Herr Hommel und sein Freund Schnierke einen Spaziergang durch das Moor, bewaffnet mit Schmetterlingsnetzen und Botanisiertrommeln. Unsere eigentliche Bewaffnung war die übliche: Clementpistolen, Taschenlampen, Dietriche, Patentmesser, – außerdem Mückenschleier und Lederhandschuhe zum Schutz gegen die fliegenden Blutsauger.

Wir wollten eben zunächst mal das Terrain sondieren!! Wollten als Jugenderzieher und Schmetterlingssammler das Moor durchstreifen und so ganz zufällig uns der neu entstandenen Siedlung nähern … Alles weitere würde sich dann von selbst ergeben … –

Es war ein glühend heißer Tag …

Als wir von dem Fahrwege abbogen und nun sehr bald auf dem weichen, federnden Pfade auf gut Glück in diese Wildnis von Birken, Erlen, verkrüppelten Kiefern, Farnsträuchern und Moosbeerengestrüpp eindrangen, legte sich uns diese würzige, schwere, feuchte Luft mit einem dumpfen Druck auf die Brust, beinahe als ob wir einen indischen Dschungel betreten hätten …

Der Pfad, so schmal, daß wir hintereinander gehen mußten …

Schlängelte in langen Windungen über die höher gelegenen Stellen hin und war doch oft genug durch bräunliche Wasserlachen gesperrt, in denen es von Käfern und allerlei Gewürm nur so wimmelte …

Wundersam war’s, daß schon hier keine zweihundert Meter von der Promenade entfernt, auf der geputzte Menschen sich fröhlich bewegten, eigentlich eine andere Welt begann – eine Welt für sich …

Keiner der Badegäste hätte sich hier in das Moor hineingetraut … Schon die erste Wasserpfütze hätte Neugierige zurückgescheucht … –

Dann teilte sich der Pfad … Ein kaum erkennbarer Steig lief nach Süden, und den benutzten wir, denn nur im Süden war das Totenmoor zu suchen, wie wir auf einer Karte von Kranz und Umgebung festgestellt hatten …

Emsig bemühten wir uns, die hier im Sumpfe hausenden Falter mit unseren Netzen zu erwischen …

Ein leichter Tod war ihnen beschieden – durch Äther … Dann spießten wir sie auf lange Nadeln und steckten sie auf unsere Strohhüte … Das sah durchaus sammlermäßig aus … Das gab uns noch mehr das Gepräge völlig harmloser älterer Herren, die lediglich einer ebenso harmlosen Neigung zuliebe diese Wildnis durchqueren …

So kamen wir denn allmählich jenem Teile des Morres näher, das dem Baron Balitzki gehörte: Dem Totenmoor!

Und mit einem Male standen wir vor einem Grenzpfahl, auf dessen Holztafel kaum mehr leserlich in schwarzer Ölfarbe stand:

Majorat Ludau

Betreten verboten!

Wir waren also am Ziel …

Wenn auch noch nicht in der Nähe des Blockhauses … Weit konnte es jedoch nicht mehr sein … Das Gebiet des Totenmoores maß keine achthundert Meter im Geviert.

Der Karte nach hatten wir nun noch einen breiteren Wassergraben zu passieren, über den eine Brücke führen mußte …

Die Brücke fanden wir …

Vier roh behauene Birkenstämme ohne Geländer … Von dem ebenso rohen Sperrbalken, der wie eine Eisenbahnschranke geschlossen war, hing an Drähten ein Kistendeckel herab, auf dem man mit Teer in lateinischen Buchstaben gepinselt hatte:

Gesperrter Weg!

Lebensgefahr!!

Der Pächter.

Ah – – also Mr. Ernest Goudsmith war der Urheber dieser Warnung!

Pilze und Beeren suchende Frauen aus Kranz mochten sich vielleicht an diese Warnung kehren … Wir beide stiegen getrost über den Balken und verfolgten den Pfad weiter …

Wenn wir bisher das Moor nur in seiner bescheidenen Art von Wildnis kennen gelernt hatten, – hier begann nun in der Tat ein sumpfiger Urwald, wie wir ihn bis dahin nirgends in Deutschland angetroffen hatten … Das hügelige Terrain war von offenen Wasserlachen überall durchzogen, und die Hügel bildeten jeder für sich eine Insel, in die man nur mit dem Buschmesser hätte eindringen können. Der Pfad wurde breiter, dafür jedoch immer sumpfiger. An manchen Stellen lagen Bretter und flache Steine, über die man hinwegbalancieren mußte.

Gerade als wir eine dieser Stellen hinter uns hatten und vor uns einen größeren Hügel, an dessen Rande der Steig dicht am Wasser hinlief, hörten wir mit einem Male rechts von uns Stimmen – – ganz gedämpft …

Eine helle Stimme, die mit allen Zeichen höchster Erregung die tiefere Männerstimme unterbrach …

Zu verstehen war nichts …

Und – wie sollten wir wohl hier in diese Mauer von Ästen, Zweigen, Gestrüpp und Brombeerranken uns einen Weg bahnen?!

Aber Harst-Hommel war in solchen Fällen nie verlegen.

Er bückte sich, schob ganz unten an der Erde die Ranken auseinander und begann dann mit dem Taschenmesser zu arbeiten …

Siehe da – – es gelang!

Diese grüne Mauer war keine zwei Meter dick, und wie Indianer aus den poetischen Zeiten eines Lederstrumpf krochen wir nun in einem Tunnel von Farnkräutern den Hügel höher hinan, bis uns Mauerreste den Weg versperrten …

Mauerreste, die an dieser Stelle vielleicht zwei Meter hoch waren …

Mauerreste, dick mit Moospolstern überzogen …

Und in Augenhöhe etwa ein Fensterloch mit einem Vorhang von Brombeerranken, durch die man bequem hindurchlugen konnte … hinein in einer Art Hofraum …

Wir sahen’s auf den ersten Blick: es war dies die Ruine der sagenhaften Ordensritterburg …

Keine bloße Sage, wie wir hier in Kranz erfahren hatten.

Nein, – es hatte hier im Totenmoor wirklich einst eine kleine Burg gegeben, deren Bestimmung gewesen, den Zugang zum Kurischen Haff freizuhalten …

Und in dem ehemaligen Burghofe erblickten wir ein junges Mädchen, das auf einem Marmorklotz saß und jetzt bitterlich weinte, dazu noch einen jungen schlanken Herrn in einer Art Jagdanzug, der soeben wütend mit seinem derben Krückstock in die auch dort wuchernden Farnkräuter hineinhieb …

Die beiden glaubten sich ohne Zweifel unbeobachtet und unbelauscht …

Die beiden konnten nur Bessy Goudsmith und Erwin von Balitzki sein …

Und wie richtig ich geraten hatte, bewiesen schon die nächsten Minuten …

Das Mädchen, das übrigens ein sehr schlichtes helles Kleid und einen lila Schleier und das aschblonde Haar gewunden trug und ein mehr pikantes als schönes Gesicht hatte, dem freilich ein gewisser Liebreiz nicht abzusprechen war, – dieses junge Wesen hatte jetzt die Hände von dem tränenfeuchten Antlitz sinken lassen und rief dem schlanken Manne mit klagender Stimme zu:

„Sie müssen mir versprechen, zu schweigen, Herr Baron … Sie müssen!! Es wäre besser, Sie hätten mich hier nie entdeckt!!“

Baron Erwin Balitzki erwiderte ebenso laut und erregt:

„Bessy, ich will wissen, weshalb man uns diese Lüge auftischt, Sie seien verreist! Weshalb kommen Sie nicht zu uns, weshalb verbergen Sie sich hier in diesem Gemäuer? Ich flehe Sie an, Bessy: haben Sie doch Vertrauen zu mir!! Fordere ich denn so Unbilliges?! Waren Sie bei uns nicht ein stets gern gesehener Gast?! Habe ich …“

„Oh – – quälen Sie mich doch nicht!!“ Und das klang wie ein Schrei der Verzweiflung.

„Quälen Sie mich nicht – – haben Sie Mitleid mit mir! Dieser unselige Zufall, daß Sie mich hier entdeckt haben, kann … kann nur dadurch wieder gutgemacht werden, daß Sie … schweigen ..!! Geben Sie mir Ihr Wort, Baron ..!! Ich flehe Sie an!!“

Balitzki beugte sich zu ihr hinab und haschte nach ihrer Hand …

Und – in demselben Augenblick flüsterte Harald mir zu:

„Achtung ..!! Links – – in dem Turmrest!!“

Dieser Hofraum wurde von Süden zu von der Ruine eines Turmes begrenzt, die fast völlig unter Hopfen- und Brombeerranken verschwand …

Ich schaute dorthin …

Ich sah zwischen den Ranken etwa drei Meter über dem Boden ein tiefbraunes Gesicht ..: Doktor James Kaspar!! Nur er konnte es sein – – nur er!!

Und dieses Gesicht war derart in flammender Wut verzerrt, daß man für den jungen Baron alles befürchten konnte.

Haß, Eifersucht, tierische Wildheit gaben diesen Zügen einen Ausdruck, wie man ihn selten auf dem Gesicht eines Menschen finden wird …

Ungezügelte Leidenschaften lohten aus den aufgerissenen Augen …

Jede Spur von geistigem Leben war von diesem Antlitz weggewischt … Nur die Bestie, das heiße Mischlingsblut zeichneten ihre Kerben um Mund und Augen …

Dann zog sich der Doktor langsam wieder in das grüne Gestrüpp zurück … Aber die Umrisse seines Kopfes blieben hinter den Naturvorhängen der Ranken immer noch erkennbar.

Obwohl ich James Kaspar so scharf beobachtet hatte, obwohl ich also meine Aufmerksamkeit gleichsam hatte teilen müssen, war mir jedoch nichts von dem entgangen, was sich zwischen den beiden jungen Leuten inzwischen weiter abgespielt hatte …

Baron Erwin hielt Bessys Hand …

Seine Stimme war nicht mehr gereizt und erregt, sondern nur sehr ernst und tief bewegt …

„Bessy, ich kann Sie nicht leiden sehen … Nein, das kann ich nicht ..! Und obgleich ich weiß, daß ich mich den Meinen gegenüber gleichsam schuldig mache, wenn ich ihnen verschweige, wo und wie ich Sie gefunden habe: von mir wird niemand erfahren, daß … daß Sie sich nur verborgen halten – niemand! – So, und nun seien Sie nicht mehr so traurig … Und erlauben Sie mir, daß ich hin und wieder Sie hier besuchen darf …“

„Nein – – nein!!“ Und sie sprang auf … Auch über ihre Lippen kam nun die vertrauliche Anrede … „Ich beschwöre Sie, Erwin, betreten Sie nie mehr das Totenmoor – – nie mehr, bis … bis ich Ihnen vielleicht eines Tages … alles … erklären kann …“

Hand in Hand standen sie da …

Und Baron Erwin lächelte jetzt fast glücklich …

„Bessy, Sie haben Angst, daß mir hier im Totenmoor etwas zustoßen könnte … Sie fürchten für mich irgendeine Gefahr … – Oh, Bessy, dann … dann bin ich Ihnen nicht gleichgültig … dann …“

Sie war schnell zurückgetreten …

„Gehen Sie … gehen Sie …!! Wenn … wenn Sie mich lieb haben, lassen Sie mich allein … Und … kommen Sie niemals wieder hierher ..! Erwin – – hören Sie auf mich!! Erwin, – – später … später …!! – Gehen Sie jetzt …“

Sie war in eine Erregung geraten, die der junge Baron für sich nur günstig deuten konnte …

Erwin Balitzki schaute sie an …

„Ich werde … wachsam sein, Bessy!“ rief er halblaut … „Leben Sie wohl, Bessy ..!“

Und er zog grüßend sein Jagdhütlein und entfernte sich nach rechts hin, drängte sich durch die Büsche und verschwand.

Harst war mit einem Male neben mir verschwunden …

Ich ahnte, daß er beobachten wollte, auf welchem Wege der Baron sich entfernte …

Und ich selbst konnte zweierlei feststellen: das Gesicht des Doktors war jetzt völlig unsichtbar geworden, und Bessy hatte sich wieder auf den Mauerblock gesetzt und die gefalteten Hände gegen die Brust gepreßt …

Sie weinte … weinte …

Mir aber wurde siedendheiß bei dem Gedanken, daß der Doktor etwa dem Baron auflauern könnte …

Zuzutrauen war diesem sonderbaren Gelehrten alles. Aber ich hoffte auf Harst. Vielleicht hegte er dieselben Besorgnisse für den Baron …

Nein – sicherlich hegte er dieselben Besorgnisse!! Gerade er würde die Sachlage ja weit genauer überschaut haben als ich!

So blieb ich denn getrost hier auf meinem Lauscherposten unter den grünen großen Blättern der Farnstauden. Und mir ging so mancherlei durch den Kopf …

Den Inhalt des Briefes des Barons Udo Balitzki vergegenwärtigte ich mir … Und für mich unterlag es kaum noch einen Zweifel, daß Bessy irgendwie hinter das geheimnisvolle und ohne Frage verbrecherische Treiben ihres Vaters und des Doktors gekommen war und sich gleichsam von den beiden losgesagt hatte, indem sie hier in die Ruine flüchtete und für die Öffentlichkeit verreist war …

Aber – – worin bestand dieses verbrecherische Treiben der beiden Amerikaner?!

Schon Harald und ich hatten hin und her geraten und doch nicht einmal einen Anhalt dafür gefunden, wozu Goudsmith die Tauben benutzte …

Man konnte ja vielleicht annehmen, daß die Taubenschwärme, die den Weg nach Westen einschlugen, ihrer Heimat, dem holländischen Grenzdorfe Vallenviep wieder zuflogen und vielleicht an ihren Flügeln wie Brieftauben etwas mit sich führten … Was jedoch?! Es konnte sich dabei nur um ganz leichte Gegenstände handeln! Ich hatte gemeint, Goudsmith sei vielleicht Banknotenfälscher … Und die Tauben beförderten eben die Falsifikate(2) über die deutsch-holländische Grenze … – Harald hatte erwidert, diese Beförderungsart von Falschgeld sei einmal viel zu umständlich und auch zu gefährlich, da zu leicht eine der Tauben unterwegs abgeschossen werden könne, wodurch für die Fälscher sofort die Gefahr des Entdecktwerdens auftauche. – Dann hatte Harst hinzugefügt, vielleicht läge Diamantenschmuggel vor, – aber auch dagegen spräche der Umstand, daß die Tauben in Kisten von Holland nach Deutschland kämen, und daß die holländischen Grenzbeamten fraglos auch die Tauben selbst untersuchen würden. – Kurz – wir hatten vorläufig auch noch nicht die geringste Ahnung, was Goudsmith und der Doktor hier im Totenmoor heimlich gegen das Strafgesetz unternahmen …

Und wie ich mir dies so überlegte, da … sprang drüben Bessy plötzlich auf, streifte ihre kostbaren Brillantringe von den Fingern und löste die Brillantbrosche von ihrer Bluse, schleuderte alles mit einem Gesichtsausdruck, in dem Schmerz, Ekel und Empörung lohten, in das Gestrüpp …

Dann wandte sie sich um und schritt der Turmruine zu, schob einen Erlenbusch beiseite und betrat tief gebückt das innere des Turmrestes …

 

 

3. Kapitel.

Inzwischen war es sechs Uhr geworden und ich begann mich allgemach zu langweilen.

Bessy erschien nicht wieder … Und auch Harald ließ sich Zeit.

Meine Gedanken begannen also von neuem das Rätsel der Blockhaussiedlung zu umschwärmen, genau wie mich die Mücken umschwärmten. –

Dann ruckte ich plötzlich hoch …

Der Doktor betrat den Burghof … In der Linken trug er einen Korb, der mit einem Tuche zugedeckt war.

Er schritt auf den Erlenbusch zu, der den Eingang zur Turmruine verdeckte.

Rief hier laut:

„Hallo, Miß Bessy, – – hallo!“

Es dauerte eine geraume Weile, bevor Bessy sich zeigte.

Was die beiden sprachen, konnte ich nicht verstehen … Aber Bessys Bewegungen deuteten an, daß ihr der Doktor gründlich verhaßt war …

Sie nahm ihm den Korb ab und trat in die Ruine zurück. James Kaspar drehte sich um und ging davon.

Stille und Einsamkeit ringsum …

Dann – hinter mir ein ganz schwaches Geräusch …: Harald!!

Aber – – wie sah der Ärmste aus!! Gesicht und Hände mit Mückenstichen bedeckt … Die Nase aufgeschwollen … an den Wangen klebten noch ein paar der kleinen Blutsauger, die er zerdrückter hatte …

Und trotzdem nickte er mir schmunzelnd zu und flüsterte:

„War ‛ne lohnende Sache, mein Alter! Wir sind einen guten Schritt vorwärts gekommen!! Habe da so allerlei ausbaldowert … Schlaue geriebene Leute, der Goudsmith und der Doktor … – Doch davon später … Ist hier inzwischen etwas geschehen, das dir wichtig erschien? – James Kaspar mit dem Nahrungsmittelkorb, – das weiß ich …“

Ich berichtete kurz von Bessys Verzweiflung, von Ihrem Wutanfall, wie sie die Ringe in das Gestrüpp schleuderte …

„Ah – – also ihren ganzen Schmuck?“ fragte Harst …

„Ja … Mit Wut und Ekel entledigte sie sich ihrer Brillanten … Und den Doktor fertigte sie dann in einer Weise ab, als ob er ein verhaßter Lakai wäre … – der Erlenbusch vor dem Turme verdeckt den Eingang … Bessy befindet sich jetzt in der Ruine …“

„Dann wollen wir es für heute genug sein lassen“, meinte Harald. „Komm’ nur … Hilf mir aber vorher den Mückenschleier zu befestigen … Diese Viecher sind ja wie toll …“

Wir krochen dann wieder lautlos auf den Pfad zurück.

Harald voran … Und als wir nun die Richtung nach der primitiven Brücke eingeschlagen hatten, als wir eine jener sumpfigen Stellen des Pfades erreichten, wo Steine und Bretter gelegt waren, er blieb Harst plötzlich auf einem der flachen Steine stehen und deutete vor sich auf eins der Bretter …

„Schau dir das Ding mal genau an!“ meinte er. „Es ist eine Alarmeinrichtung, nichts anderes ..!“

Ich bemühte mich ganz umsonst, irgend etwas Auffälliges zu entdecken. – Alarmeinrichtung?! Dann hätte ich doch unbedingt etwas sehen müssen …

Harald zeigte auf das uns zugekehrte Ende des Brettes.

„Da, mein Alter, – ein dicker Baumast liegt unter diesem Brettende … Nun verfolge diesen Ast mal mit den Augen in das Gestrüpp hinein … Blicke aber recht scharf hin … So ganz leicht ist der Draht nicht zu bemerken …“

Ich bemerkt ihn dennoch … Es war dunkler Eisendraht, der nach oben in das Geäst einer Kiefer führte …

„Und dort oben“, ergänzte Harald, „ist ein elektrischer Zugkontakt angenagelt … Und von dort läuft ein isolierter grünbrauner doppelter Kupferdraht nach Süden, also nach dem Blockhause hin … Wer ahnungslos auf dieses Brett tritt, drückt den Ast in den schlammigen Boden mit herab. Dann wird durch den Kontakt der Stromkreis geschlossen, und im Blockhause schlägt eine der Alarmglocken an. Es werden dort mehrere vorhanden sein, ebenso viele, als das Totenmoor Zugangswege hat. Die beiden Amerikaner wissen also stets genau, ob jemand ihr Pachtgebiet betreten hat und von welcher Seite …“

„Wie bist du denn auf diese Alarmeinrichtung gekommen?“ meinte ich kopfschüttelnd. „Hast du etwa danach gesucht?“

„Nein – der Doktor begab sich hierher und hat die Einrichtung nachgesehen. Ich war hinter ihm … Er blieb eine ganze Weile hier … Irgend etwas muß ihm verdächtig erschienen sein … Ich weiß auch was …“

„Und das wäre?“

„Das wären wir, lieber Alter … Sieh’ mal, die Sache ist die! Als wir dieses Brett auf dem Hinwege überschritten, schlug die betreffende Alarmglocke an … Da machte sich dann der Doktor sofort mit dem Korbe auf den Weg, um festzustellen, wer von Norden her nahte. Und so fand er im Hofe der ehemaligen Ordensburg den Baron Erwin, der jedoch mit einem sogenannten Moorkahn Bessy besucht hatte, also zu Wasser von Süden bis hierher vorgedrungen war … –

Der Doktor beobachtete das Liebespaar, beobachtete dann auch den sich wieder entfernenden Baron. Er wußte also, daß der Baron die Glocke nicht zum Läuten gebracht haben konnte, und deshalb ging er hierher und … suchte nach den Spuren des anderen Eindringlings … Fand jedoch nichts, wie mir sein unzufriedenes Gesicht verriet … Wird gedacht haben, ein Elch sei vielleicht auf das Brett getreten … – Kurz: wir waren es, die den Doktor herbeigerufen haben … Wir haben dem Liebespaar den eifersüchtigen James Kaspar unwissentlich auf den Hals gehetzt … Wir sind schuld daran, daß man Bessy nun wahrscheinlich noch strenger bewachen und auch die Gräben des Totenmoors mit Alarmeinrichtungen versehen wird … – So, jetzt wollen wir das Brett umgehen, wenn wir uns dabei auch die Schuhe voll Schlamm schöpfen … Folge mir …“

Schuhe voll Schlamm schöpfen – – ich danke!!

Bis zu den Knien sanken wir ein, und ich war heilfroh, als wir die Steine hinter dem Brett erreicht hatten …

Dann ging’s im Eiltempo heimwärts …

Um sieben Uhr waren wir wieder in unserem Quartier. Unsere Wirtin, Witwe eines Schiffkapitäns, verpflegte uns auch und hatte das Abendbrot schon bereit.

Um neun Uhr gingen wir zu Bett. Um halb zwölf weckte Harald mich … Wir zogen uns leise an und gelangten durch die Veranda lautlos ins Freie.

Die Luft war schwül und mit Elektrizität gesättigt … Im Süden stand eine schwarze Wolkenbank …

Der Weg bis zur Brücke war nicht allzu schwierig zurückzulegen, da wir wenigstens zuweilen unsere Taschenlampen einschalten konnten.

Hinter der Brücke begann ein äußerst beschwerlicher Marsch in halber Finsternis …

Das gefährliche Brett umgingen wir …

Die Ruine ließen wir rechts liegen …

Inzwischen war die Wolkenbank höher und höher gestiegen, bedeckte fast schon den halben Himmel …

Der Pfad war uns jetzt ganz unbekannt … Wir tasteten uns vorwärts … Die Finsternis nahm zu …

Dann merkten wir, daß der Boden beträchtlich anstieg, und mit einem Male sahen wir vor uns ein schwaches Licht aufleuchten … sahen zwischen Tannen und Kiefern hindurch undeutlich die Umrisse zweier Gebäude …

Gleichzeitig hörten wir das erste lautere Grollen des Donners …

Wir standen nun zehn Schritt vor dem einen erleuchteten Fenster … Es zeigte nach dem Stalle zu, und der Lichtschein genügte, auch die eine Tür des Stalles zu erkennen …

Harald raunte mir zu:

„Der Schlüssel in der Stalltür ..!! Achtung!!“

Ein Blitz fuhr hernieder …

Im selben Augenblick flog oben auf dem Stalldach eine große Luke auf, und ein Schwarm Tauben flatterte heraus, war im Nu in der Finsternis verschwunden …

Die Luke schlug zu …

Und als sie sich schloß, vernahmen wir trotz des Nachgrollens des Donners im Stalle eine überlaute Stimme …

Dann wurde die Stalltür aufgerissen …

Ein untersetzter Europäer mit einer Laterne trat heraus … Ihm folgte der Doktor …

Goudsmith rief wütend:

„Wenn du nachmittags nicht die Zeit in der Burg vertrödelt hättest, wären es zwanzig mehr gewesen!! Diese verfluchte Narretei! Laß das Mädel in Ruhe, sage ich dir!! Schlimm genug, daß mein Kind jetzt dort in der Ruine haust!! Auch daran bist du schuld – – nur du!!“

Dann verschwanden sie im Wohnhause …

Harst glitt bis zum Fenster … Ich ihm nach … – Der Vorhang schloß nicht ganz … Dicht am Fenster stand ein Tisch …

Der Streit zwischen den beiden ging weiter …

Der Doktor hatte sich in den Stuhl vor den Tisch geworfen …

Auf der Wachstuchdecke des Tisches lagen allerlei Instrumente, wie sie die Juweliere benutzen …

Leider war infolge des unaufhörlich tobenden Donners kein Wort zu verstehen. Nur der Gesichtsausdruck der beiden Streitenden bewies, daß es mit ihrer Freundschaft nicht weit her war …

Goudsmith lief in dem kleinen Zimmer erregt hin und her … Der Doktor verfolgte ihn mit Blicken, die geradezu Bände sprachen …

Es begann zu regnen …

Das weit überhängende Dach schützte uns …

Harst hatte nur Augen für die Instrumente auf dem Tisch.

Hin und wieder verschwand der ruhelos auf und ab streitende Ernst Goudsmith aus unserem Gesichtsfeld …

Der Streit der beiden schien abzuflauen …

Wieder wurde Goudsmith unsichtbar … Wir sahen, daß der Doktor scharf dorthin schaute, wo Bessys Vater sich befinden mußte.

James Kaspar fragte dann etwas …

Was – wir konnten es nicht verstehen …

Darauf gähnte der Doktor herzhaft, erhob sich faul und verließ das Zimmer …

Goudsmith aber setzte sich an den Arbeitstisch und packte die Instrumente bedächtig zusammen …

Es goß in Strömen …

Das Rauschen des Regens, das Toben des Donners und einzelne Windstöße verursachten so viel Lärm, daß wir beiden ahnungslosen Horcher vor dem Fenster nichts von dem merkten, was uns bereits aus nächster Nähe bedrohte …

Hinter uns jählings eine Stimme:

„Hallo, was tun Sie beide denn hier?!“

Der Doktor ..!!

In der Rechten einen Revolver …

In der Linken einen Gummiknüttel …

Wir waren herumgeschnellt …

Und ehe wir noch irgendwie zu Worte kamen, klatschte mir der Gummiknüttel schon über die Schläfe …

Umsinkend sah ich nur noch mit schwindendem Bewußtsein, daß auch Harald seinem Geschick nicht entging …

Die Hiebe dieses Armes hatten uns für längere Zeit kampfunfähig gemacht und unser Hirn der Arbeit des Nachdenkens gänzlich überhoben …

Als wir so allgemach unsere fünf Sinne wieder beieinander hatten, lagen wir auf ein paar Wolldecken in einem Mauerloch, das gerade lang genug war, daß wir uns ausstrecken konnten. Die Höhe war gering … Zur Not konnten wir gebückt stehen …

Eine scheußliche Moderluft erstieg hier … Eine Petroleumlampe brannte an einem in das alte Gemäuer eingeschlagenen Nagel … Die Tür dieser Zelle bestand aus dicken Balken und war so klein, daß man nur kriechend hindurchgelangen konnte. Und in der Tür war eine kleine Klappe – eine Art Schiebefenster, aber aus Eisen …

 

 

4. Kapitel.

Also ich hatte meine fünf Sinne wieder beieinander …

Und Freund Harald schien schon früher den Krallen tiefer Bewußtlosigkeit entschlüpft zu sein …

Freund Harald begrüßte meine geistige Rückkehr in diese zuweilen so unschöne Welt mit den klassischen Worten:

„Wir haben uns wie die Schulbuben benommen, mein Alter … Genau so!! Zwei wie wir stehen da vor dem Fenster und merken nicht, daß Goudsmith die telephonische Nachricht erhält, daß Spione in der Nähe … Diese Nachricht kann er nur von Bessy bekommen haben … nur!! Bessy wird vielleicht aus Angst vor dem Gewitter hier nach dem Blockhaus geeilt sein, sah uns und kehrte um – – telephonierte … Nun sitzen wir vor allem in der Patsche … Nun können wir zusehen, wie wir die Geschichte wieder einrenken, denn in diesem Mauerloch holen wir uns unfehlbar das Rheuma!“

Ich rieb mir die Beule an der Stirn und wiederholte nachdenklich:

„Hm – – einrenken … – Geschichte einrenken?! – Wie stellst du dir das vor?“

„Oh – – sehr einfach, mein Alter … Es handelt sich lediglich darum, mit Bessy einmal sprechen zu können … Wir befinden uns hier in der Turmruine, und da Bessy uns zweifellos verraten hat, wird sie uns auch bewachen, denn sie liebt ihren Vater und tut aus Liebe zu ihm manches, was ihr zuwider … Sobald sie uns also das erste Menü reicht, werde ich den Kavalier spielen, obwohl ich mit dem von Mücken punktierten Gesicht und mit der Beule an der Schläfe keineswegs einem Adonis gleichen dürfte …“

Und – siehe da! – Dem Adonis wurde sofort eine Antwort zuteil …

Das Schiebefenster der Tür hatte sich lautlos geöffnet …

Jedoch nicht gerade lautlos war die Stimme, die nun von dorther ertönte … Es war der tiefe, volle Baß des Doktors, der uns zurief:

„Miß Bessy werden Sie niemals sprechen, Herr Harst!! – Wir wissen, wer Sie beide sind … Sie hätten in Ihren Brieftaschen nicht Ihre Ausweise mit sich herumschleppen sollen! Einrenken können Sie die Geschichte also nur, wenn Sie mit der Wahrheit herausrücken … Wer hat Sie beide auf unsere Fährte gehetzt?“

Harald lachte den Kerl aus … „Können Sie nicht noch naivere Fragen stellen, James Kaspar?!“

Aber mit dem Doktor war jetzt nicht zu scherzen.

Er brüllte sofort wie ein grimmer Leu:

„Sie werden noch um Ihr Leben winseln, Sie beide!! Glauben Sie etwa, daß ich, Doktor James Kaspar, mir von Ihnen das Spiel verderben lasse?! Gestern nachmittag sind Sie mir entwischt … Jetzt habe ich Sie, und keine Macht der Welt holt Sie früher aus diesem Turme heraus, als ich dies zulasse ..! In vier Wochen sind wir so weit … Dann verschwinden wir … Diese vier Wochen müssen Sie schon hier zubringen …“

Seine anfängliche Erregung legte sich … Jeder seiner Sätze klang ruhiger, der letzte fast schon höflich …

Und das war keine Gehörtäuschung, war kein Irrtum von mir … Denn nun kam als allerletztes, als Hauptpunkt gleichsam:

„Es sei denn, Herr Harst, daß Sie auf zwei Bedingungen eingehen … Erstens: Sie beide betreten nie wieder das Totenmoor, und zweitens: Sie teilen Ihrem Auftraggeber mit, daß gegen Goudsmith und mich nichts Verdächtiges vorliegt, und daß Bessy aus freien Stücken hier im Turme wohnt, um den ihr lästigen Bewerbungen des Barons Erwin zu entgehen … – Ihr Auftraggeber kann nur Baron Udo von Balitzki sein … kein anderer! Balitzki hat ja bereits den Förster, seinen Ältesten, und sogar Bessy gegen uns eingenommen … – Wie steht’s damit, Herr Harst?!“

Und Harald: „Wie’s steht?! Schlecht, sehr schlecht … Daß wir Ihre Bedingungen auch nur einer Erörterung für wert erachten könnten, damit haben Sie wohl kaum gerechnet … Sie müssen sich also schon der Mühe weiter unterziehen, uns hier zu bewachen, was für Sie sehr umständlich und zeitraubend ist … Natürlich werden wir jede Gelegenheit zum Entfliehen sofort benutzen, und dann … hat Ihr Stündlein geschlagen, Doktor James Kaspar!“

Der Doktor schob das Türfenster krachend zu.

Harst sah jetzt nach der Uhr …

„Zehn, mein Alter … Zehn Uhr vormittags ohne Frage – am 8. Juli ..!“

Dann zog er die Uhr langsam auf …

„Unter Umständen müssen wir hier wirklich vier Wochen ausharren“, fügte er hinzu. „Dann sind wir Rheumatiker für alle Zeit … Dann können wir uns in ein Sanatorium auf Lebenszeit einkaufen und in Rollstühlen fahren … Ich denke, wir versuchen eine andere Art der Einigung mit dem Doktor …“

Er sprach das ziemlich laut …

Seine Absicht war klar: Er wollte feststellen, ob James draußen noch horchte … Dann hätte James sich fraglos gemeldet und sich erkundigt, wie diese „Einigung“ aussehen sollte. Aber niemand meldete sich.

Da erhob Harald sich, trat an die Balkentür, und versuchte, die eiserne Scheibe des eingelassenen Fensters zur Seite zu schieben …

Es gelang nicht …

Er setzte sich wieder neben mich …

„Also einen Monat … Dann haben sie ihr Schäfchen im Trockenen,“ meinte er gedämpft. „Dann verduften sie hier aus dem Totenmoor … Und man wird sie kaum wiederfinden … Schlaue Kerle … schlaue Kerle ..! Die stecken sogar uns in die Tasche …“

Diese Worte machten auf mich ganz den Eindruck, als ob Harald nunmehr wüßte, was Goudsmith hier in seiner Einsiedelei gegen das Gesetz sündigte …

„Wodurch haben sie dann ihr Schäfchen im Trockenen?“ erlaubte ich mir zu fragen … Ich dachte dabei an das Juwelierhandwerkszeug auf den Tische … Und fügte vorsichtig hinzu, um mich nicht zu blamieren ..: „Goudsmith war in New Orleans Juwelier … Wenn es sich also doch um Edelsteine handelte?!“

Harald nickte zerstreut … „Natürlich, Edelsteine ..! Um dies bestätigt zu bekommen, genügte schon Bessys haßvolle Wut gegen ihren Schmuck … Aber nicht gewöhnliche Edelsteine … Das betonte ich früher bereits … Ein ausgesprochener Schmuggel über die Grenze ist unmöglich … Nein, hier handelt es sich bestimmt um anderes …“ – Er sprach ziemlich geistesabwesend … Mußte irgend etwas entdeckt haben, was ihn stark beschäftigte … Und – sah sehr bald, daß seine Augen stets dieselbe Richtung beibehielten: auf den flachen, großen Feldstein in der Mauer neben der Tür – jenen Stein, in den das Ordensschild mit dem Kreuze eingemeißelt war.

Was es dort zu sehen gab, begriff ich nicht recht …

Allerdings, die an der Mauer über unseren Köpfen hängende Laterne war alles andere als ein Kronleuchter, vielmehr eine recht verschmutzte Karbiblaterne … Der Stein lag mithin in trüber Dämmerung da …

Und doch mußte ihm etwas Besonderes anhaften … Ein Harst stiert nicht umsonst einen Feldstein an …

Ich flüsterte wieder ..:

„Was gibt’s dort?!“

Merkwürdige Antwort, die ich erhielt …

„Sollte mich wundern!!“ meinte Harald …

„Was denn?!“

„Nun, die ganze Anlage …“

„Anlage?!“

Seine Stimme wurde noch leiser …

„Allerdings – – Anlage!! – Kennst du die Kellerräume der Marienburg?“

„Nein …“

„Nun – dort in den Kellern könntest du Ähnliches finden … Die Ordensritter hatten sich geheime Gänge angelegt … Die Türen waren harmlose, flache große Steine – – wie der da! Ich würde mich wundern, wenn meine Vermutung falsch wäre …“

Ah – das gab mir Leben und Feuer!! Diese Worte wirkten wie der Freiheit köstliche Fanfaren!!

Meine Stimme sank zu einem Hauch herab …

„Du glaubst also, daß der Stein uns …“

Er unterbrach mich nicht …

Aber seine Hand hatte sich schwer auf meinem Arm gelegt …

Der Stein … bewegte …

Drehte sich … Drehte sich wie eine Drehtür … in Zapfen, die in die Mitte seiner

Ober- und Unterkante eingelassen sein mußten …

So wurde dann in der Mauer eine Öffnung frei, die durch den flachen Stein von oben nach unten halbiert wurde … Und diese beiden Hälften der Öffnung waren gerade breit genug, einen erwachsenen und nicht zu dicken Mann hindurchzulassen …

Doch – kein Mann erschien …

Ein Frauenkopf mit lila Schleier …

Bessy – – Bessy!!

Sie legte den Finger auf die Lippen …

Sie legte denselben Finger dann auf den Stein …

Und hob die beiden Hände mit gespreizten Fingern … Das konnte nur zehn bedeuten – nur zehn Uhr abends …

Und – – der Stein schwang lautlos wieder herum und fügte sich in die Maueröffnung genau ein … –

Ich konnte meine Neugier nicht bezähmen …

Ich fragte Harald rasch und leise:

„Was sollte das?“

„Hm – ganz verstanden habe ich’s auch nicht, mein Alter … Ich denke, Bessy wird uns heute abend um zehn Uhr die Geheimpforte wieder öffnen … Vielleicht irre ich mich auch … Vielleicht sollen wir selbstständig fliehen … Bessy hätte ihre Zeichen unbedingt sorgsamer geben müssen … So war wirklich schwer zu erraten, was sie wollte – – sehr schwer zu erraten!“

Und – – er suchte in seiner Brusttasche nach dem Zigarettenetui …

 

 

5. Kapitel.

Es hätte keinen Zweck, hier die Stunden bis zehn Uhr abends eingehender zu schildern. Es ereignete sich auch nichts von Wichtigkeit. Wir schliefen, aßen, rauchten und unterhielten uns. Als ich Harald fragte, in welcher besonderen Art denn Goudsmith und der Doktor Brillanten zu Betrügereien benutzten, da winkte er lässig ab ..: „Später, mein Alter … Ich mag mich ja täuschen … Alles mag ganz anders sein …“

So wurde es denn zehn Uhr …

Im der letzten halben Stunde hatte ich vor Ungeduld meine Taschenuhr etwa alle fünf Minuten befragt … –

Endlich zehn – – endlich ..!!

Fünf Minuten verstrichen …

Zehn Minuten …

Nichts …

Eine Viertelstunde … – nichts!

Da raunte ich Harald zu: „Sie kommt nicht, handeln wir!!“

Er hob den Arm … Die Laterne erlosch …

Ich will noch bemerken, daß der Doktor sich bisher nicht wieder am Schiebefenster gezeigt hatte …

Fenster gab’s in diesem Kellerloch nicht. Also war die Finsternis tatsächlich pechrabenschwarz … Nicht die Hand vor Augen zu sehen …

Und doch sahen wir etwas …

Etwas sehr Eigentümliches …

Bekanntlich gibt es einige Pilzarten, die im Dunkeln leuchten – mit einem gelbgrünlichen Licht …

Diese Schmarotzerpilze sind im allgemeinen in Deutschland selten …

Hier aber in der Ruine, hier im Totenmoor waren sie ansässig …

Und sie waren’s, die bewirken, daß die pechrabenschwarze Finsternis in einer geradezu geisterhaften Art durch diese gelbgrünen Lichtstreifen der Pilzwucherungen unterbrochen wurden …

Lichtstreifen … Uns gegenüber an der Mauer …

Aber keine willkürlichen Streifen …

Nein, durchaus nicht ..!

Da hatte Menschenhand nachgeholfen, hatte einen Namen in großen lateinischen Buchstaben entstehen lassen …

M. Burton …

M. Burton ..!!

Vielleicht Maxwell Burton …

Aber – wie war dieses M. Burton von Menschenhand gerade hier an die Wand gezaubert worden?! Wann?! Von Burton selbst?! Hatte ein Burton hier eingekerkert gesessen?!

Viele Fragen, keine Antwort …

Oder – – doch eine Antwort?!

Denn wie Harald und ich noch verwundert die leuchtende Inschrift anschauen, wie wir noch nebeneinander dastehen und uns fragen, was dieses M. Burton zu bedeuten haben könnte, da … ein Geräusch …

Eine Gestalt mit einer abgeblendeten Laterne …

Bessy – – Bessy!

Also doch gekommen!!

Und steht und stiert mit vorgestrecktem Kopf auf die leuchtenden Pilzwucherungen, die hier den Nahmen Burton bilden …

Ihre Lippen bewegen sich, flüstern heiser und wie zitternd vor unnennbarem Entsetzen:

„Matthias Burton ..!! Also doch ..!!“

Dann schwankt sie … taumelt … mir in die Arme …

Eine Bewußtlose halte ich … Harst hat die Laterne aufgefangen …

Dann tritt er rasch dicht an die Wand heran … Seine Fingernägel zerstören die Buchstaben, die Pilze, den Namen, bis nur noch etwas davon übrig – – leuchtende Flecke, die nichts mehr verraten …

Es gibt nun hier keinen Namen M. Burton mehr …

Es gibt hier nur noch zwei Männer und ein ohnmächtiges Weib …

Zwei Männer, die jetzt mit Bessy Goudsmith die Zelle durch die Geheimtür verlassen …

Hinter der Tür ein schmaler feuchter Gang. Harald trägt das Mädchen … Ich gehe voran, leuchte …

Sehe mit einem Male Gestrüpp vor mir – den überwucherten Ausgang …

Wir sind außerhalb der alten Burgruine … Sind vor einem jener undurchdringlichen Dickichte angelangt, in denen nur ein Messer freie Bahn schafft …

Aber hier hat jemand vor uns gearbeitet … Hier hat ein Messer Rankenzweige, Äste beseitigt und ein Schlupfloch hergestellt, das man gebückt gehen kann … Hier legt Harst seine leichte Bürde nieder und sagt: „Bleib bei ihr!“

Kehrt um – verschwindet wieder in dem gemauerten Gange …

Ich stelle die Laterne in das Gestrüpp und bemühe mich um Bessy …

Ganz umsonst …

Ihre Ohnmacht ist tief und anhaltend …

Dann erscheint Harst wieder …

Beugt sich über Bessy …

„So – noch immer bewußtlos ..?! – Vielleicht ganz gut … Denn Doktor James Kaspar liegt vor unserer Zellentür als Leiche … erdolcht … von hinten … Drei Stiche ins Herz … Das wäre kein Anblick für das Mädchen …“

Und er nahm sie wieder in die Arme … Er trug sie durch den Burghof und durch den Erlenbusch in die Erdgeschoßräume des Turmrestes …

In ein Gelaß, das recht wohnlich hergerichtet war, daß eine neue Tür hatte und ein von Brombeeren umranktes neues Fenster …

Hier legte er sie auf das Bett …

Und nach fünf Minuten war Bessy wieder zu sich gekommen, saß nun aufrecht da und weinte bitterlich …

Wir hatten auf den einfachen Holzstühlen am Tische Platz genommen …

„Miß Bessy!“ begann Harald zartfühlend … „ich möchte Sie einiges fragen … Zunächst aber betone ich, daß ich durchaus begreifen kann, wenn Sie aus Liebe zu Ihrem Vater jede Aussage verweigern … Sie wissen, wer wir sind, und Sie ahnen sicherlich auch, wer uns beide hierher gerufen hat … Ihr Vater und James Kaspar, der Doktor, sind … Brillantenfälscher …“

Das Mädchen zuckte merklich zusammen und warf einen scheuen Blick auf Harald …

„… Brillantenfälscher, wie ich jetzt bestimmt weiß“, fuhr er fort … „Denn ich habe die von Ihnen weggeworfenen Schmuckstücke gefunden und untersucht … Auch Ihre Diamanten sind sogenannte „Halbsteine“, das heißt, die obere Hälfte ist echt und die untere Hälfte ein tadelloser Simili(3) … Werden diese Hälften nach besonderen Verfahren aneinander geklebt und in Fassungen gebracht, so kann kaum ein Juwelier den Schwindel herauserkennen, geschweige denn ein Laie … Diese Halbsteine, die im Blockhause hergestellt wurden, trugen dann die Tauben über die Grenze, und ich vermute, daß jede Taube zehn bis fünfzehn Steine tragen konnte … Diese Art Betrug ist außerordentlich lohnend. Man kann den oberen echten Teil eines Halbsteines ganz flach schleifen, braucht dazu nur wenig echtes Material und erhält dennoch durch den großen Simili-Unterteil einen Stein von respektvoller Größe. – Also, Miß Bessy, wollen Sie antworten?“

Die schaute Harald aus tränenverschleierten Augen an …

„Sie … Sie wissen ja bereits alles, Herr Harst“, sagte sie mit schwerem Seufzer … „Ich hatte keine Ahnung, weshalb der Pa mit diesem … diesem elenden Amerikaner, der von jeher sein böser Geist war, in diese Einsamkeit gezogen … Lange konnte mir nicht verborgen bleiben, daß die beiden hier Heimlichkeiten vorhatten. Ich beobachtete sie … Und als sie vor acht Tagen wieder einen Taubenschwarm aufsteigen ließen, wollte ich mir Gewißheit verschaffen und …“

„… habe eine der Tauben heruntergeschossen – mit einer Luftbüchse ..!“

Bessy starrte Harald fassungslos an …

„Wo … Woher wissen Sie dies?! Waren Sie damals schon hier, Herr Harst?“

„Nein, Miß Bessy … Aber ich hatte genau denselben Gedanken wie Sie … Auch ich hätte eine gute Luftbüchse benutzt, um festzustellen, was die Tauben nach Holland trügen …“

Bessy schluchzte auf … „Herr Harst, … fünfzehn Halbsteine waren in winzigen Stückchen aus Schleierstoff dem Tierchen, das meine Kugel getroffen, an die Schwungfedern gebunden … Und da bin ich denn mit der Taube zu meinem Vater geeilt und habe ihn auf Knien angefleht, sich doch nicht dieser Gefahr und der Schande des Entdecktwerdens auszusetzen … Doch der Doktor besaß den größeren Einfluß … Ich flüchtete in die Turmruine … Ich wollte …“

Tränen erstickten ihre Stimme …

Eine Weile Stille …

Dann sagte Harst leise:

„Miß Bessy, Doktor Kaspar ist tot … Ermordet …“

Bessy fuhr mit einem Schrei empor …

„Oh(4) Gott, halten Sie mich etwa für die Mörderin, Herr Harst?!“

Und abwehrend streckte sie die Hände vor, hob sie plötzlich empor zu flehender Gebärde …

„Ich schwöre Ihnen, Herr Harst, – – ich habe den Doktor …“

„Das weiß ich“, unterbrach Harald sie. „Einen solchen Hünen wie den Doktor Kaspar zu fällen, dazu gehören mehr Kräfte, als Sie sie besitzen … Nein, Miß Bessy, – Sie sind nicht die Täterin … Aber Sie werden den Täter vielleicht kennen … Hier spielt noch ein zweites Geheimnis mit, und dieses heißt: Matthias Burton!!“

Bessy erblaßte abermals bis in die Lippen …

„Nein – nein, Herr Harst, danach dürfen Sie nicht fragen! – Nein, – das ersparen Sie mir ..!! Als ich die leuchtende Schrift erblickte, ging’s mir wie ein Blitz durch das Hirn … – Nein, hierüber verweigere ich die Aussage … Machen Sie mit mir, was Sie wollen ..!! Mag das Gericht mich einsperren ..! Mag …“

Harald nahm ihre Hand …

„Miß Bessy, kein Mensch wird Sie einsperren … – Kommen Sie, wir bringen Sie nach dem Blockhause … Ihr Vater ist seinen Verführer los … Von den Tauben werde ich den Behörden vorläufig nichts mitteilen. Den Mord muß sich melden … Kommen Sie … Wir haben draußen Mondschein … Schraut mag hier den toten Doktor bewachen …“

So war ich denn allein in der Turmruine …

Ging und fand die Stelle, wo der Körper des Doktors vor der Zellentür auf dem Gesicht lag …

Meine Laterne beleuchtete die massige Gestalt …

Beleuchtete noch etwas …

Noch etwas … –

Dort steht das Etwas …

 

 

Die Kreuzottern

 

 

1. Kapitel.

Meine Laterne zeigte mir auf dem Rücken des Toten ein fingerbreites, zerknittertes, farbiges Band …

Erst bei näherem Hinsehen erkannte ich es als eine Schlangenhaut …

Bekanntlich häuten sich auch die Kreuzottern, schlüpfen also, wenn ihre Zeit gekommen, aus ihrem alten Kleide heraus und lassen es liegen.

Diese „Schlangenhemden“ oder „Vipernmäntel“, wie sie im Mittelalter hießen, spielten in den abergläubischen Vorstellungen des Volkes eine große Rolle.

Eine solche abgestreifte Haut einer Kreuzotter lag also auf Doktor James Kaspars Rücken.

Ich beschaute sie mir, rührte sie aber nicht an, denn ich wollte zuerst mal Haralds Urteil darüber hören. Die Haut konnte ja nur von dem Mörder hier zurückgelassen worden sein, besser hingelegt worden sein!

Hingelegt – als ein besonderes Zeichen, wie ich mir schnell zusammenreimte … –

Aber – ich mußte mich sehr in Geduld fassen, sehr ..! Ich mußte bis ein Uhr morgens warten … Da erst erschien Harald wieder … Seltsam aufgeregt … So, wie ich ihn selten gesehen habe …

„Denk dir, mein Alter, – Ernest Goudsmith ist nicht zu finden … Er muß entflohen sein … Und ich hatte meine liebe Not mit Bessy, daß sie im Blockhause blieb … Deshalb hat es so lange gedauert …“

Dann lehnte er sich an die Tür unseres Kerkers, schaute zu dem Ermordeten hinab und sagte:

„Kreuzotter!!“

Ich blickte ihn an … Nickte. „Die Haut muß doch eine Bedeutung haben …!“

„Und ob, mein Alter, und ob ..! Sogar eine Bedeutung, die den Doktor und seinen Mörder in ein ganz besonderes Licht rück t..!“

„Wie meinst du das, Harald?“

„Besinne dich bitte mal … Als wir an dem erleuchteten Fenster des Blockhauses lauschten, verstanden wir nur immer Bruchstücke des Streites zwischen Kaspar und Goudsmith … Eines dieser Bruchstücke aus dem Munde Goudsmiths lautete „Die Ottern werden dich doch noch …“ – Das war alles … Damals maß ich dem unvollendeten Satz keinerlei Bedeutung bei. Heute kann ich ihn mir nur dahin ergänzen: „Die Ottern werden dich doch noch erwischen – töten – – oder so ähnlich …“

Das heißt also: Es muß einen Geheimbund geben, der sich als geheimes Zeichen der „Otternhemden“ bedient, der sich „Die Ottern“ nennt und der vielleicht nun Matthias Burtons Tod gerächt hat, falls dieser Burton eben nicht selbst der Mörder ist. Ich glaube bestimmt, daß dieser Burton nicht mehr lebt, daß er in unserer Zelle saß, daß er dann von dem Doktor gegen den Willen Goudsmiths beseitigt wurde – hier im Moor eine Leichtigkeit … Das Moor gibt keine Toten mehr heraus … Und nun sind Burtons Rächer, eben die Ottern, hier erschienen und haben James Kaspar „erledigt“, – vielleicht auch noch Goudsmith … Und der Doktor wurde erstochen, als wir den Gang passierten … Deshalb hörten wir seine Todesschreie nicht, deshalb konnten die Mörder unbemerkt entkommen. Es waren zwei Leute, ein Mann und ein Weib, wie ich dir schwarz auf weiß zeigen kann, mein Alter, das heißt auf einer Zeitung, die vorn am Ausgang des Turmes liegt und die die nassen, schmutzigen Abdrücke der Schuhe von zwei Personen festgehalten hat. – Das Schlangenhemd hier auf Kaspars Rücken ist eben das Signum des Bundes … – So, nun komm’ nach vorn … Die Zeitung liegt noch dort …“

„Stimmt – ich sah sie ..!“

„Wir wollen sie sorgfältig aufbewahren … Die Spuren darauf waren wie Stempel …“

Und – als wir zum Eingang kamen, da sahen wir … Bessy Goudsmith, und in ihrer Rechten flammte die Zeitung, loderte hell auf und zerfiel in Asche …

Geisterbleich war Bessy …

Aber um ihren Mund lag ein Ausdruck von Trotz und rücksichtsloser Energie …

„Miß Bessy!!“ rief Harald vorwurfsvoll … „Weshalb haben Sie das Blockhaus wieder verlassen und sind hierher zurückgekehrt, – weshalb …“

„Oh – – weil ich noch größeres Unheil verhüten wollte!! Ist’s nicht genug an zwei Toten!!“ Gellend schrie sie’s uns entgegen … „Denn auch mein Vater ist bestraft worden! Ich ahne es!“

Sie lehnte sich an die Mauer …

Harst trat dicht vor sie hin …

„Und Sie … schützen die … Ottern, indem Sie diese Zeitung vernichteten?!“ fragte er streng und vorwurfsvoll.

Bessy schwieg …

Dann – ganz leise:

„Was … was reden Sie da von Ottern, Herr Harst?! Ich … ich kenne die Mörder nicht … Die Zeitung lag hier am Boden, und ich wollte sie lediglich als Fackel benutzen!“

„Schade!!“ meinte Harald hart und verächtlich … „Schade, daß Sie … lügen, Miß Bessy! Ich hatte Sie höher eingeschätzt, weit höher … Sie kennen die Ottern so gewiß, wie Sie vorhin, als ich Sie nach dem Blockhause geleitete, von der Schwelle blitzschnell eine Schlangenhaut aufhoben, die meine Taschenlampe beleuchtet hatte …“

Bessy zuckte zusammen …

Und Harst fragte streng: „Geben Sie zu, die Schlangenhaut aufgenommen zu haben?!“

Da schnellte ihr Kopf wieder hoch …

„Ich weiß nichts von einer Schlangenhaut – nichts von Ottern – – nichts weiß ich.“

Dann aber trat in ihr Antlitz ein weicherer Ausdruck …

Wie verzweifelt, wie in stummem Flehen flüsterte sie: „Ich … kann nicht anders …! Das Schicksal ist hart und erbarmungslos ..! Jetzt werde ich auch Erwin Balitzki verlieren ..! Mag es sein! Mag alles um mich herum zusammenstürzen, mag man mich einsperren – – jahrelang. Meine Lippen bleiben stumm!! – – Herr Harst, wenn die Polizei mich sucht: Ich bin im Blockhause!“ – Und hastig trat sie ins Freie hinaus und verschwand im Dunkel der Nacht …

 

 

2. Kapitel.

Als ich Harald fragend anblickte, da nickte er mir zu und meinte:

„Bessy wird nicht fliehen – – ganz ausgeschlossen! Bessy wird nur ihr Geheimnis verteidigen … Und dieses Geheimnis ist das der … Kreuzottern, des Bundes der Ottern! – Wir haben hier nichts mehr zu tun … Suchen wir aber auf dem Burghof nach Spuren der beiden Personen, die hier den Doktor beseitigten …“ – Und er trat ins Freie hinaus, wo der ausgestirnte Nachthimmel bereits Morgendämmerung vortäuschte …

Aber wir suchten umsonst …

Was wir bemerkten, waren ältere Fährten, und was Harald dann schließlich doch entdeckte, waren lediglich Beweise dafür, daß die beiden Personen … sich kleine Bretter unter die Schuhe gebunden hatten und daß die Spuren auf der Zeitung uns und die Polizei wohl nur hatten täuschen sollen – – nur das!

Harst betonte denn auch: „Zwei Leute waren’s … Ob ein Mann und eine Frau, bleibt fraglich. – Es können ebensogut zwei Männer gewesen sein. Du siehst, daß diese „Bretter-Fährte“ bis zum Wassergraben läuft … Die beiden kamen in einem Motorkahn … Fuhren in einem Motorkahn davon … – Gehen wir also gen Kranz und tun wir unsere Pflicht als Staatsbürger: melden wir den Mord!“

Und doch blieb er noch stehen …

Zögerte …

Meinte leiser:

„Etwas könnten wir mitnehmen … Die Schlangenhaut … Es ist besser, wir beide allein forschen nach dem Ottern-Bunde … Und – noch besser ist’s, Bessy nicht in Gewissenskonflikte zu bringen … Warte, – ich hole den Otternmantel …“

Er eilte in die Turmruine hinein …

War sehr bald wieder neben mir …

Dann traten wir den Rückweg an.

Genau um halb drei morgens läuteten wir den Amtsvorsteher heraus … –

Ich will hier nun auf die polizeilichen Ermittlungen nicht weiter eingehen. Ganz kurz: Wir begleiteten die Polizei sowohl zur Burgruine als auch nachher zum Blockhaus …

Und – wir fanden das Blockhaus nicht etwa leer ..! Nein, in dem großen Vorderzimmer brannte Licht, und schon das Geräusch unserer Schritte und unsere Stimmen hatten genügt, Bessy an die Haustür zu locken. Sie öffnete und ließ uns ein.

Harst gab dann als erster seine Aussage zu Protokoll, so daß Bessy sich, was ihre eigenen Angaben betraf, völlig danach richten konnte. So wurde denn der „Ottern-Bund“ und die Schlangenhaut vollständig verschwiegen …

Bessy blieb dabei, daß sie nicht wüßte, was aus ihren Vater geworden, und ebenso erklärte sie, daß ihr Vater und der Doktor mit Hilfe der Tauben Halbsteine, die hier hergestellt worden waren, nach Holland befördert hatten. Mehr wüßte sie nicht, auch nicht über den Mörder des Doktors. –

Eine Besichtigung des Stalles zeigte, daß dort auch nicht mehr eine einzige Taube vorhanden war.

Auch die Durchsuchung des Wohnhauses ergab nichts, was hier erwähnenswert wäre.

Inzwischen war es längst Tag geworden.

Der Amtsvorsteher nahm auf Harst Wunsch davon Abstand, Bessy irgendwie durch behördliche Maßnahmen zu beunruhigen. Man erlaubte ihr, weiter im Blockhause zu wohnen, und als wir alle uns dann entfernten, drückte sie uns stumm und fest die Hand zum Abschied – ein stummer vielsagender Dank, weil wir sie geschont und beschützt hatten.

Unsere Rollen als Jugenderzieher Hommel und Schnierke waren nun ausgespielt. Und unsere redselige Wirtin, die nach ländlicher Weise mit den Hühnern zu Bett und wieder mit den Hühnern aufzustehen pflegte, empfing uns denn auch bei der Heimkehr mit einem ungeheuren Wortschwall. Einer der Gemeindediener hatte ihr inzwischen bereits mitgeteilt, wer ihre Gäste seien, und sie war nun nicht wenig stolz darauf, daß sie eine Berühmtheit ersten Ranges – Harst – und eine Berühmtheit minderer Qualität – Schraut – bei sich beherbergte. – Aus ihrer Enttäuschung, daß wir uns so völlig über die nächtlichen Geschehnisse ausschwiegen, machte sie allerdings ebenso wenig ein Hehl. – Um halb sieben morgens gingen wir zu Bett. Um elf saßen wir in unserer Veranda beim Frühstück. Und da fand sich bei uns der Herr Amtsvorsteher in Begleitung eines kleinen mageren Herrn mit ausgesprochenem Schauspielergesicht bei uns ein.

Dieser Herr war der Königsberger Kriminalkommissar Dickhut – Döktor Franz Dickhut …

Peinliche Situation für uns, da dieser dünne Dickhut mit der Untersuchung des Falles Goudsmith-Kaspar beauftragt worden war und sich sehr bald als ein außerordentlich hartnäckiger, intelligenter und neugieriger Beamter herausstellte …

Mit verblüffender Offenheit erklärte er:

„Herr Harst, ich hatte bisher zwar nicht das Vergnügen, Sie persönlich kennen zu lernen, habe aber übrigens übergenug von Ihnen gehört und weiß deshalb, daß Sie zumeist den Behörden nur die Hälfte dessen mitteilen, was Sie in Wahrheit bereits festgestellt haben. Ich habe das Protokoll gelesen und daraus gleichfalls den Eindruck gewonnen, daß die Vorfälle der Nacht in diesem Protokoll lückenhaft wiedergegeben worden sind. Wollen Sie mir bitte also …“

Harald unterbrach ihn …

„Woran ist Ihnen mehr gelegen, – daß ich nach Berlin sofort zurückkehre, mich also um den Mord nicht weiter kümmere, oder daß ich die Lücken nicht ausfülle und mit Schraut den Mörder suche?“

„Herr Harst, als Mensch würde ich auf die Ausfüllung der Lücken verzichten … Als Beamter darf ich dies um so weniger, als ich bereits eine Spur des Täters entdeckt habe …“

„So?! Eine Spur?!“ Harald lächelte halb humorvoll. „Sollten Sie etwa an den Baron Erwin Balitzki denken?!“

„Ah – – auch Sie hegen gegen den jungen Baron Verdacht!“

„Ich?! – Nein, niemals ..! Wirklich nicht. Und ich kann Sie nur warnen, trügerischen Anzeichen etwa zu trauen … Vielleicht hat man Ihnen erzählt, daß der Baron und der Doktor Nebenbuhler waren … Vielleicht wissen Sie darüber Einzelheiten …“

„Allerdings, Herr Harst … Die weiß ich … Zum Beispiel ist bereits erwiesen, daß der Baron Erwin in der verflossenen Nacht im Blockhause war …“

„So?! Das ist mir neu – tatsächlich!“

„Ich könnte Ihnen noch mehr berichten, Herr Harst … Ich werde es nicht tun. Von Ihnen verlange ich jetzt aber, daß Sie Ihre Angaben ergänzen.“

Haralds Gesicht wurde sehr kühl und förmlich …

„Wie Sie wünschen … – Daß der Doktor uns niedergeschlagen und in ein Turmgelaß eingesperrt hatte, wissen Sie … Aus diesem Gelaß hat uns Miß Bessy bekanntlich befreit … An der Wand dieses Raumes war durch Leuchtpilze der Name M. Burton dargestellt. Als Miß Bessy diesen Namen bemerkte, rief sie: „Mathias Burton ..! Also doch!!“ – Wer dieser Burton war und was es mit ihm auf sich hatte, war nicht von ihr zu erfahren. – Ferner fand ich auf dem Rücken der Leiche die Haut einer Kreuzotter. Außerdem hatten Schraut und ich gehört, wie Goudsmith bei seinem Streit mit dem Doktor rief: „Die Ottern werden dich noch …“ – das Schlußwort verstanden wir nicht … – Als ich Bessy vorhielt, daß es vielleicht einen Ottern-Bund gäbe und daß sie heimlich von der Schwelle des Blockhauses eine Otternhaut aufgehoben habe, zeigte ihr ganzes Benehmen, daß sie einen solchen Bund kennen müsse – trotz ihres Ableugnens. – Das wäre alles, Herr Kriminalkommissar. Nun können Sie Bessy ja ins Verhör nehmen … Ob Sie etwas aussagen wird, bezweifle ich. Und Sie werden deshalb in die Sache selbst keinen Schritt vorwärtskommen, haben nur zwei Helfer verloren – uns –, die Ihnen vielleicht von Nutzen gewesen wären. Ich dränge mich niemandem auf.“ Und zu dem Amtsvorsteher gewandt: „Sie werden es uns nicht verargen, daß wir so einiges für uns behielten … Ich habe es nur gut gemeint. Denn diese Einzelheiten werden nun sehr bald an die Öffentlichkeit dringen, und dann werden die Täter nie gefaßt werden … – Im übrigen entschuldigen uns die Herren jetzt … Schraut und ich wollen baden gehen …“

Aber Doktor Dickhut blieb ruhig sitzen, streckte Harst die Hand über den Tisch hin und meinte:

„Verehrter Herr Harst, so dürfen wir nicht auseinandergehen ..! Bedenken Sie, ich bin Beamter, nicht nur Mensch … Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihre ergänzenden Angaben niemandem mitteilen werde … Dasselbe Versprechen gibt Ihnen der Herr Amtsvorsteher. Und – ich bitte Sie höflichst, mich weiter zu unterstützen, da ich fühle, daß mir die Sache über den Kopf wächst …“

Nun, wer Harald kennt, weiß genau, wie schnell er zu versöhnen ist.

Wir blieben mit den beiden Herren in der Veranda sitzen und erörterten den Fall Goudsmith, sowohl die „Halbstein-Sache“ als auch den Mord …

Als sich Dickhut und der Amtsvorsteher dann verabschiedet hatten, als wir nun noch einen vollen Tag vor uns hatten, den wir lediglich als Badegäste zubringen sollten und wollten, als wir, bereits ohne Masken, schleunigst das von unsere Wirtin hergerichtete Mittag verspeist hatten, da nahmen wir unsere leichten Mäntel und zogen in die Dünen zu einem ergiebigen Nachmittagsschlaf …

Fanden auch eine Mulde, in der einzelne Stauden Strandhafer angenehme Kopfkissen abgaben und streckten uns lang hin, ließen uns von Mutter Sonne braten und schlummerten auch sehr bald ein.

Ich erwachte als erster …

Nicht von selbst …

Oh nein! – Da hatte jemand einen Kiefernast wie eine Lanze in unsere Mulde geschleudert, und diese Lanze war mir halb auf die Brust gefallen …

Ich starrte den Ast schlaftrunken an …

Denn – da gab es etwas anzustarren …

Da war an dem dünnen Ende dieses Speeres ein Stück Papier befestigt …

Mit … einer Schlangenhaut …

„Harald!!“

Schon war er munter und löste den Zettel ab …

Wir lasen – Bleistiftzeilen – offenbar verstellte Schrift:

Reisen Sie morgen nicht nur zum Schein ab! Reisen Sie nach Berlin zurück – in Ihrem Interesse!!

Das war deutlich ..!

„Otternbund!“ sagte Harald nur …

 

 

3. Kapitel.

Für viele Worte ist er ja überhaupt nicht.

„Otternbund!“ – damit war ja auch die Sachlage geklärt.

Der Bund war kein Phantasiegebilde. Das hatte ich schon an dem ganzen Benehmen Bessys bemerkt, die übrigens nach unserer Vereinbarung mit Doktor Dickhut vollkommen unbelästigt bleiben sollte … –

Otternbund ..! – Der gab uns manches Rätsel auf … Wir hatten ja bereits mit dem Kommissar und dem Amtsvorsteher darüber gesprochen. Der Amtsvorsteher als geborener Kranzer hatte sein Lebtag nichts von einem solchen Geheimbund gehört, und doch hatte Harald behauptet, diese Vereinigung müsse hier oder im nahen Königsberg existieren. „Kreuzottern gibt es nur hier in Deutschland oder im mittleren Euro-pa“, hatte er betont.

Und darauf hatte Dickhut gefragt:

„Wie sollte dieser Bund sich aber gerade mit James Kaspar, dem Doktor, befaßt haben, einem Ausländer?!“

Worauf Harald achselzuckend erwidert hatte: „Das muß eben noch aufgeklärt werden ..!“

Und jetzt – – die erste Nachricht des Bundes an uns.

Jetzt konnte ich ihn beobachten, wie er mit jener Sorgfalt, die ihm stets eigen, im nahen Walde nach der Kiefer suchte, von der der Ast abgeschnitten worden war …

Er entschwand meine Blicken …

Ich blieb sitzen …

Ich besichtigte die Lanze genauer …

Kiefernäste sind nie ganz gerade … Dieser hier mochte etwa zwei und ein halb Meter lang sein … Die Schnittflächen am unteren Ende waren ganz frisch … Sand klebte an den harzigen Stellen.

Und dann der Zettel … Ein Blatt aus einem größeren Notizbuch war’s … Die Bleistiftschrift war tadellos verstellt. All das, was eine Schrift charakteristisch machen kann, war vermieden – alles …

Ich dachte an Matthias Burton, der vor uns im derselben Zelle der Ruine gesessen haben mochte …

Harst hatte behauptet, dieser Burton sei ermordet worden … Und weil er gewußt hätte, daß man ihn beseitigen würde, habe er seinen Namen an der Zellenwand verewigt – in der Hoffnung, daß auf diese Weise vielleicht ein Zufall seine Beseitigung zu irgend jemandes Kenntnis bringen würde.

Von Burton wieder glitten meine Gedanken zu Erwin Balitzki hinüber … Der Kommissar Dr. Dickhut hatte nachher bei unserer Unterredung zugeben müssen, daß seine Beweise, der Baron sei in der verflossenen Nacht in der Nähe des Blockhauses gewesen, nur auf einige Fußspuren sich stützten, die jedoch auch älteren Datums sein könnten … Er hatte uns beiden gleichsam eine Falle stellen wollen …

Mithin schied der Baron hier aus. Harald meinte, Erwin Balitzki sei eines Mordes gar nicht fähig … Außerdem seien auch bestimmt zwei Leute beteiligt gewesen.

Und trotzdem wurde ich persönlich immer wieder von der unbestimmten Ahnung geradezu gepeinigt, Balitzki könnte zum mindesten seine Hand mit im Spiele gehabt haben.

Mit einem Male war Harald dann wieder neben mir …

„Nun?!“ fragte ich gespannt …

„Der Bund ist versammelt“, erwiderte er …

Man kann sich unschwer vorstellen, was diese Worte bewirkten …

Ich schnellte hoch …

„Versammelt?!“

„Ja …“

„Wo denn?“

„Drüben jenseits der Düne in einer der Sandburgen …“

„Unmöglich!“

„Gestatte mal, ich habe keinerlei Ursache, hier mit diesen Dingen Scherz zu treiben … Diese Dinge sind verdammt ernst – – sehr ernst. Diese Dinge verwirren das Bild noch mehr …“ Und er zeigte auf den Ast und die Schlangenhaut … „Folge mir nach dem Walde … Die Düne deckt uns …“

Wir hatten bis zum Dünenwald keine fünfzehn Schritt.

Hier deutete Harald auf viereckige Eindrücke im Boden … im Sande …

„Bitte – – dieselben Spuren wie im Burghofe … genau dieselben … Nur hier eine einzelne Person … mit Brettern unter den Schuhen …“ – Er ging weiter … Bis zu einer Kiefer … „Hier ist der Ast abgeschnitten worden … Dann ist der Mann an den Waldrand gegangen, hat den Ast uns in die Mulde geschleudert und darauf kehrt gemacht, ist nach Möglichkeit in dieselben Fährten getreten … – Weiter ..!“

Die Spur lief bis zur Waldpromenade … Erst auf der harten Promenade, wo der Boden keine Eindrücke annahm, hatte der Mann die Bretter losgebunden. Er konnte dies unbeachtet(5) tun, denn die Promenade war wenig belebt.

„Und – – die Ottern?“ fragte ich … „Wie hast du herausgebracht, daß sie …“

„Wenn du genau hinsehen würdest, mein Alter, müßtest du hier vor uns etwas bemerken, was schon neben der Kiefer zu bemerken war … Der Mann hatte einen Spazierstock mit langer spitzer Zwinge bei sich … Bitte – dort laufen die Löcher weiter, die die Zwinge in den Boden drückte … – Folge mir nur …“

Es stimmte …

Die Löcher liefen auf der Promenade entlang … Dann verschwanden sie nach etwa vierzig Schritt. Der Mann hatte sich auf seinen Stock gestützt und nicht daran gedacht, daß die Löcher seine Wegrichtung verrieten …

Und an dieser Stelle war der Mann von der Promenade in den Dünenwald abgebogen …

Hier nun sahen wir auch die Spuren seiner Stiefel …

Und diese Spuren durchquerten den Dünenwald, führten in die Dünen hinein und stiegen eine Düne aufwärts …

Harald duckte sich … kletterte empor … Oben am Dünenrand wuchs Strandhafer … Der war wie ein Gestrüpp, das uns verbarg …

Hinter dieser wehenden Wand hervor schauten wir zum Strande, zu den Sandburgen hinab …

Da war eine Burg mit zwei Strandkörben unter einer Fahnenstange, an der eine grün-schwarz-rote Flagge im Winde lustig knallte …

Harst flüsterte:

„Die Wappenfarben der Freiherren von Balitzki!“

Ich starrte hinüber …

Sah ein älteres, vornehmes Ehepaar, sah drei jüngere Herren, darunter den Baron Erwin, und zwei junge Mädchen – alles rassige Gestalten, ostpreußischer Schlag …

„Baron Udo mit seiner Familie“, raunte Harald mir zu.

„Unmöglich!! Das sollen die Ottern sein?!“

„Ja … die Ottern ..! – Als ich sie vorhin eine Weile beobachtete, als ich die Fahne musterte, da …“

„… da bemerktest du dasselbe wie ich jetzt … Quer durch die drei Farben zieht sich ein dunkelgrünes geschlängeltes Band hindurch … – es soll eine Schlange sein …“

„Das Wappentier der Balitzkis … Keine Schlange – ein Lindwurm, immerhin etwas ähnliches … Und wenn du neben dem Baron Erwin den derben eichenen Spazierstock betrachtest, so wirst du in diesem Stock denjenigen vermuten müssen, der die Löcher im festen, lehmigen Boden der Promenade schuf … – Es sind die Ottern …!“

Ich war zunächst stumm …

Die Balitzkis – und es konnten nur die drei erwachsenen Söhne in Betracht kommen, wenigstens zwei von ihnen – sollten die Mörder des Doktor sein?! Also hatte meine Ahnung mich doch nicht betrogen!

Dann sagte ich leise:

„Ich … ahnte es, Harald! Doch ein Mord aus Eifersucht!“

„Hm – vielleicht auch nicht, mein Alter …“

„Nicht?!“

„Nein ..! Die Dinge liegen nicht so einfach, als du glaubst … Ich habe so meine besondere Vermutung, die ich freilich erst nachprüfen muß … – Machen wir kehrt …“

Er kroch die Düne hinab …

Ich folgte ihm ziemlich widerwillig …

Als wir die Waldpromenade erreicht hatten, meinte er:

„Nun wollen wir den Mörder suchen … Am Bahnhof bekommen wir ein Auto … Wir fahren nach Ludau …“

„Ludau?“

„Ja … Es kommt uns ganz gelegen, daß die Familie Balitzki den schönen Tag zu einem Ausflug nach Kranz benutzt hat … sehr gelegen … Wir können so ungestört die Umgebung des Gutes nach dem Totenmoor uns ansehen.“

Wir fuhren, – die Chaussee nach Königsberg hinab …

In kaum zehn Minuten waren wir unweit des Gutes angelangt. Harald lohnte den Chauffeur ab, und dann gingen wir zu Fuß auf einem Feldwege weiter, der nach Osten führte.

Harald war still und stumm …

Ich hatte vieles zu fragen … Aber ich mochte ihn nicht stören … Wahrscheinlich hätte ich auch keine Antwort erhalten …

Den Mörder suchen?! – Wen? Etwa Ernest Goudsmith?! Etwa den geheimnisvollen Matthias Burton?! Oder – waren die „Ottern“ doch die Mörder?! Spielte Harald nur wieder vor mir Versteck?! Hatte er nicht schon so und so oft mich durch Ableugnen eines in Wahrheit bei ihm bestehenden Verdachtes getäuscht – aus einer Eitelkeit heraus, die man ihm schon verzeihen muß?!

Jetzt hatten wir einen der Gräben dicht an der Waldgrenze erreicht …

Keine fünfzig Meter lag am Ufer ein Moorkahn mit einer Stoßstange darin … Da weit und breit niemand zu sehen war, kletterte Harald schleunigst in das plumpe Ding hinein und dies auf mich einsteigen …

Er nahm die Stoßstange, befahl mir:

„Gib genau auf das Wasser acht … Knie dich vorn nieder … Wir müssen damit rechnen, daß inzwischen hier gleichfalls Alarmvorrichtungen angebracht worden sind …“

In kurzem glitt unser Kahn in die Dämmerung des Waldes hinein …

Jetzt wurde mir klar, was Harald beabsichtigte: er wollte dem Blockhause unbemerkt einen Besuch abstatten!

Und – so kam’s denn auch …

Der Graben hatte verschiedene schmalere Abzweigungen … Harald bog in einen dieser Seitenkanäle ein. Hier war das Fahrwasser so eng, daß wir oft genug an den Rändern mit dem ungefügen Nachen entlangstreiften …

Meine Aufgabe war nicht ganz leicht … Frösche, Unken, und Wasserratten rührten den moorigen Grund nur zu oft auf. Dann breiteten sich trübe Schleier im Wasser aus, die mir das Sehen bedeutend erschwerten.

Und doch – ich hatte Glück …

Rechtzeitig bemerkte ich am Grunde einen Pfahl, der zwar ganz schräg lag, aber doch von jedem über ihn hinweggleitenden Moorboot berührt und noch tiefer gedrückt werden mußte …

Wir hielten an …

Prüften den verdächtigen Pfahl …

Es stimmte: er war an zwei Drähten befestigt, die von Ufer zu Ufer unter Wasser entlanggespannt waren. Der elektrische Kontakt befand sich in einer am linken Ufer eingegrabenen Blechbüchse. Aus dieser führten isolierte Drähte in eine Erle empor.

Wir versuchten zunächst von hier aus zu Fuß bis zum Blockhause vorzudringen …

Wir kehrten sehr bald um … Ich habe den landschaftlichen Charakter dieses Moores bereits vorher geschildert. Hier gab es eben keinen Weg durch dick und dünn … Hier war man gezwungen, die spärlichen Pfade zu benutzen.

Also hoben wir unseren Kahn aus dem Wasser und umgingen die Alarmvorrichtung, brachten den Nachen wieder zu Wasser und fuhren weiter.

Haralds tadelloser Orientierungssinn leitete uns dann bis dicht an die Siedlung heran.

Wir stiegen aus und schlichen näher …

Es war jetzt sechs Uhr nachmittags.

Still und verlassen lagen das Blockhaus und der Stall da … Wir umkreisten zweimal die Baulichkeiten. Von Bessy war nichts zu sehen und zu hören …

Harald wagte sich noch näher an die Seitenwand des Wohnhauses heran … Wir standen nun hinter demselben Raume, der uns auch in der Nacht gedeckt hatte, als wir Goudsmith und den Doktor aus dem Stalle kommen sahen und dann der Streit zwischen den beiden Männern sich in der Hinterstube fortsetzte.

„Ich möchte mich von Bessy nicht gern bemerken lassen“, flüsterte Harald. „Vielleicht ist sie in der Ruine … Dickhut wird ja fraglos inzwischen hier gewesen sein und Bessy vernommen haben. So mag sie erfahren haben, daß die Leiche des Doktors bereits fortgeschafft ist … Wer weiß, was sie nach der Ruine hinzieht … – Wollen mal …“

Er schwieg plötzlich …

Sprach aber sofort in demselben Tone weiter:

„Der dunkle Lappen, der da vor dem kleineren Stallfenster hängt, bewegte sich ganz wenig … Ich sah auch die Finger, die den Vorhang beiseite geschoben hatten … Es ist also ein Mensch im Stalle … Vielleicht gar Goudsmith.“

„Dann könnten wir ihn zu einer Aussage zwingen“, meinte ich eifrig …

„Ja – und das wäre so ziemlich das dümmste, was wir machen könnten, mein Alter … Bedenke, daß wir weit mehr im Vorteil sind, wenn wir wissen, daß der Stall dem Vater Bessys als Versteck dient … – Nein, Freund Schraut, wir werden etwas Klügeres tun … Wir schleichen nochmals um die Gebäude herum und entfernen uns dann, besteigen den Kahn und pirschen uns an die Ruine heran, verbergen uns und warten ab, ob nicht für uns dort etwas zu erlauschen ist … Ich habe so das Gefühl, als ob wir etwas erleben werden …“

Gesagt – getan …

Wir umkreisten also die Baulichkeiten, taten so, als ob wir keine Ahnung hätten, daß im Stalle jemand steckte. Dann gondelten wir davon …

Wieder mit aller Vorsicht … Kamen durch schmale Gräben, erkannten auch bald die Örtlichkeit wieder … An einer Stelle, wo ein größerer Tümpel neben dem Graben lag, drängten wir den Kahn in diese Wasserwildnis hinein.

Von den Pflanzen, dem Schilf, den Erlen – von überall stiegen Mückenschwärme auf.

Und wir ohne Handschuhe und Schleier!! Wir diesen kleinen Bestien schutzlos preisgegeben!!

„Unmöglich!“ meinte Harald … „Versuchen wir, ob wir das Ende des unterirdischen Ganges finden, dessen andere Seite auf den flachen Stein in der Zellenmauer zuläuft.“

Wir krochen, wateten, liefen …

Wir fanden den Eingang … Wir hatten uns so vorsichtig bewegt, daß wir kaum bemerkt worden sein konnten …

Und standen nun gebückt vor dem drehbaren Stein …

Harald drückte gegen die rechte Steinkante … Der Stein drehte sich …

Und meiner Taschenlampe greller Lichtkegel fiel in die Zelle hinein, fiel auf die wollenen Decken, die uns als Lager gedient hatten …

Auf diesen Decken lag ein Mensch …

Lag auf der Seite … Schlief … schlief wie ein Toter … Schnarchte leise …

Ein Fremder …

Und Harst – halb wütend:

„Licht aus ..!!“

Der Lichtkegel erlosch …

 

 

4. Kapitel.

Nur von dem Lager des Fremden her die untrüglichen Zeichen eines todmüden Schläfers, tiefes Atmen, leise Schnarchtöne …

Harald raunte mir ins Ohr:

„Das kann nur Matthias Burton sein … Wer sonst?! Der Mensch hat ein typisch amerikanisches Gesicht, bartlos, wulstig und selbst seine braunen breiten Schnürschuhe deuten auf einen Yankee hin …

Dann schob er den Stein wieder vor die Öffnung – ganz leise …

Und meinte nun: „Übrigens haben wir Doktor Dickhut von diesem Gang sehr wenig mitgeteilt … Ich glaube, den Stein erwähnten wir gar nicht … Vielleicht hat gar der Kommissar den Burton zufällig erwischt und vorläufig dort eingesperrt … Oder aber: Bessy bewacht den Schläfer, sorgt für seine Sicherheit … Jedenfalls wollen wir vorläufig hier in dem gemauerten Gange bleiben … – Du siehst: etwas hat sich schon ereignet! Ich werde den Stein wieder öffnen … Mit aller Vorsicht – nur ein paar Finger breit …“

Harst hatte den Stein wieder ein wenig herumgedrückt und sich dicht vor diese Öffnung gesetzt. Ich neben ihn …

So saßen wir denn und warteten …

Worauf, – – ich ahnte es so ganz entfernt … Vielleicht auf einen des Ottern-Bundes, auf den Baron Erwin Balitzki … Vielleicht ..!

Und dann … bewegten sich die Büsche und Sträucher vor dem Eingang …

Ein Mann drängte sich hindurch, kam in den Gang …

Ein zweiter, dritter, vierter, fünfter …

Ein halbes Dutzend …

Kamen – mit hellgrünen Masken vor den Gesichtern …

In grünen, getupften Umhängen … Mit grünen Kappen.

Harst hatte mich angestoßen …

„Clement – für alle Fälle!“

Ich verstand …

So – nun konnten die Vermummten uns guten Abend sagen …

Und – sie tatens’s …

Sie kamen näher … Jeder hatte jetzt einen eingeschalteten Leuchtstab in der Linken …

Jeder in der Rechten dasselbe wie wir: Repetierpistolen!

Der Vorderste machte zwei Schritt vor uns halt …

Sprach mit tiefer Stimme:

„Herr Harst, Sie und Ihr Freund haben sich in Dinge gemischt, die Ihnen verboten … Der Bund ladet Sie beide vor sein Gericht …“

Die Geschichte wirkte trotz der gruseligen Aufmachung erheblich erheiternd …

Harald erwiderte mit einer Stimme, der wohl nur ich das heimliche Kichern anmerkte:

„Diese Ladung lehnen wir ab! – Wer sind Sie?!“

„Die Ottern ..!! Eine alte Vereinigung, ein Bund, der sich zum Ziele gesetzt hat, das Recht zu schützen und das Unrecht zu strafen …“

„Sehr empfehlenswerte Grundsätze, ohne Frage! Nur scheinen Sie, meine Herren, zuweilen Recht und Unrecht zu verwechseln. Denn Schraut und ich sind als Schützer des Rechtes vielleicht etwas bekannter als Sie ..! Und doch laden Sie uns vor Ihr Gericht?! Wie reimt ich das zusammen?!“

„Es handelt sich hier um eine Angelegenheit, Herr Harst, bei der Sie Ihre Ironie getrost sich sparen können. Wir sind keine läppischen Spießbürger, die an Mummenschanz gefallen finden, sondern Männer, die vor nichts zurückschrecken. – Ich fordere Sie auf, Ihre Waffen abzuliefern und sich ohne Widerstand fesseln zu lassen …“

„Und ich fordere Sie auf, diesen Unfug nicht auf die Spitze zu treiben! – Hier ist meine Pistole …!! – Wer sind Sie?!“

Natürlich waren’s die Söhne des Barons Udo Balitzki und drei weitere junge Leute … Weshalb tat Harald so, als ob er nicht wüßte, wen er vor sich hätte?!

Ich schrak zusammen …

Denn hinter uns jetzt eine andere Stimme – durch die Lücke zwischen Stein und Mauer …

„Hüten Sie sich!! Ich drücke ab, wenn Sie nicht augenblicklich gehorchen!!“

Der Schläfer!!

Also – – eine Falle das ganze …

Man hatte uns erwartet.

Und nochmals rief der Amerikaner – und man hörte seinem Deutsch den Ausländer an:

„Werfen Sie Ihre Pistolen weg – augenblicklich! Ich drücke ab … Und das, was Ihnen dann geschieht, ist kein Kugelschuß ..!!“

Harst schaute zu dem Sprecher der Ottern auf …

„Herr Baron, wir wollen doch besser auf andere Art …“

Ein schrilles Lachen …

„Mann, – – Baron, ich?! Wie kommen Sie denn darauf?! Wäre für mich eine große Ehre, Baron zu sein!! – Geben Sie Ihre Pistolen her! Ich warne Sie! Unser Freund dort in der Zelle verfügt über eine Waffe, die Ihnen verteufelt unangenehm werden könnte!“

Oh – das war nicht mehr die Sprache eines Mannes, der hier nur einen halben Fastnachtsscherz inszenieren wollte.

Das war trotz der verstellten Stimme bitterer Ernst!!

Und – – Harald legte jetzt achselzuckend seine Pistole vor sich auf den Boden und erhob sich. Ich folgte seinem Beispiel.

Und ebenso gutwillig streckten wir die Hände vor …

Ebenso schnell schnappen Stahlfesseln zu …

Nun trat der Amerikaner in den Gang … – gleichfalls im Otternkostüm …

Dann mußten wir in die Zelle hinein … Man führte uns durch die offene Zellentür bis an eine mit Moos und Schimmel über und über bedeckte Mauer …

Hier warf man uns Tücher über die Köpfe … Wir hörten das Kreischen rostiger Türangeln, dann hinter uns nochmals das Kreischen und nun zog man uns die Tücher weg. Ein Gewölbe … Fackeln brannten in eisernen Ringen.

Ein eichener uralter langer Tisch …

Dahinter die sieben Vermummten …

Und – – neben uns noch drei Gefesselte …

Ich traute meinen Augen nicht …

Bessy – – ihr Vater – – und Doktor Franz Dickhut, der Kriminalkommissar … –

Jetzt war mir nicht mehr fastnachtsmäßig zumute …

Die Aufmachung hier war keineswegs auf plumpe Effekthascherei berechnet …

Auf dem Tische stand als einziges Zeichen des Bundes ein Holzgestell in Kreuzform, an das mit Draht sieben lebende Kreuzottern befestigt waren.

Die Schlangen wanden sich unaufhörlich hin und her … suchten sich zu befreien … Es waren armlange Exemplare … Ihre Perläuglein blinkten im Fackellicht …

Hinter dem Tische saßen die anderen sieben Ottern, in der Mitte der Sprecher, der nun mit seiner tiefen, verstellten Stimme begann:

„Ernest Goudsmith und Bessy Goudsmith, euer Urteil ist bereits gesprochen. Ihr beide habt den Diamantenhändler Matthias Burton zusammen mit dem von uns bestrafen Doktor James Kaspar ermordet – im Moor versenkt! Ihr habt eure Schuld eingestanden … Ihr kennt eure Strafe ..!“

Bessy weinte, lehnte sich an ihren Vater …

Goudsmith rief in ohnmächtiger Wut:

„Mörder seid ihr – – feige Mörder! Schont mein Kind! Sie hat keinen Teil an dem Verbrechen, das ich ruhig eingestehe – – als Tat meines Genossen James Kaspar! – Schont mein Kind!!“

Ich starrte Bessy an …

Sie taumelte jetzt vorwärts …

Sank vor dem Tische in die Knie, reckte die gefesselten Hände empor …

„Erbarmen – – Erbarmen!! Auch mein Vater ist schuldlos!“

Der Sprecher lachte höhnisch …

„Ein Feigling ist er!! – Stehen Sie auf, Bessy Goudsmith!! Ihr Vater soll geschont werden, wenn die drei Herren da …“ – er zeigte auf uns – „auf unsere Bedingungen eingehen ..! – Herr Harst, ich frage Sie also – auch Sie, Herr Doktor Dickhut, – auch Sie, Herr Schraut: wollen Sie hier vor uns Ihr Ehrenwort dahin abgeben, daß Sie scheinbar sich um den Mord an dem Doktor weiter bekümmern, daß Sie dann aber schließlich erklären werden, nichts herausgefunden zu haben, was auf eine bestimmte Person als Täter deuten könnte? Wollen Sie dieses Versprechen leisten, so soll Bessy geschont werden …“

Doktor Dickhut, der kleine hagere Mann mit dem intelligenten Schauspielergesicht, sagte verächtlich:

„Narrenpossen das alles!! Niemals werde ich …“

„Halt – – nicht zu voreilig!“ warnte der Sprecher …

Und gab den anderen Ottern einen Wink …

Man warf uns wieder die Tücher über die Köpfe …

Man führte uns davon …

Vor uns kreischten die Türangeln …

Hinter uns kreischte Bessy … weinte … schrie …

Mir lief’s kalt über den Rücken …

Harst und ich hatten 1923 der Hinrichtung der Giftmörderin Marie Schnedeck beigewohnt … Genau so gellend hatte die Mörderin vor Angst geschrien … entsetzlich anzuhören …

Man führte uns ins Freie …

Dann flogen die Tücher vom Kopfe …

Vor uns ein Moortümpel …

Neben uns drei der Vermummten, die den gefesselten und geknebelten Goudsmith festhielten.

Er wehrte sich… Er tobte fast …

Man band ihm einen Mauerstein an die Füße, hob ihn empor …

Ich brüllte:

„Unholde – – Mörder!!“

Der flog Goudsmith auch schon in den Tümpel …

Noch war’s hell genug, das Furchtbare genau beobachten zu können …

Mir troff der kalte Schweiß von der Stirn …

Und gefühllos sagte der Sprecher der Ottern.

„Er ist gerichtet! Gehen wir!“

Die Tücher flogen uns wieder über die Köpfe …

Man führte uns zurück in das Gewölbe … zurück vor den Eichentisch …

Vor dem Tische lag Bessy, – anscheinend bewußtlos …

Der Sprecher wandte sich an Doktor Dickhut:

„Nun, Herr Kommissar, werden Sie jetzt Ihr Ehrenwort geben oder wünschen Sie, daß auch die Tochter dem Vater nachfolgt?! – Noch eine Warnung, bevor Sie antworten … Sollten Sie Ihr Ehrenwort brechen, so werden Sie dasselbe Schicksal erleiden wie Goudsmith! – Überlegen Sie es sich reiflich, ob der Schuft von Doktor ein Mädchenleben wert ist ..!“

Harald mischte sich ein …

„Obwohl es mir schwer wird, Ihnen, die ich nur mit tiefster Verachtung strafen kann, mein Ehrenwort zu geben, will ich es doch in Rücksicht auf dieses fraglos schuldlose Wesen tun … auch in Schrauts Namen … Wir versprechen, daß wir uns um den Mord nicht mehr kümmern und nichts von dem verraten werden, was hier geschehen … Im übrigen betone ich nochmals, daß nur das Mitleid mit Bessy mich zu diesem Versprechen bestimmt und daß ich euch Ottern für jämmerliche Schurken halte …“

Das war deutlich …

Und das veranlaßte nun auch den Kommissar, Harsts Beispiel zu folgen, wobei er diese Mörderbande noch mit ganz anderen Ausdrücken belegte.

Was das Lumpenpack auch verdiente.

Man führte uns drei hierauf bis zu dem Versteck unseres Moorkahns …

Im flammenden Abendbrot nahm man uns die Fesseln ab und befahl uns sofort auf kürzestem Weg nach Kranz zurückzukehren …

Wie wir im Kranz ankamen, kann sich jeder denken ..: Zerstochen, hungrig, durstig und in einer Stimmung, als ob wir einen Tag in der Hölle zugebracht hatten.

Dickhut begleitete uns nach unserem Heim …

Unsere Wirtin geriet rein aus dem Häuschen, als ihre hochverehrten, berühmten Berliner Gäste in einer solchen Verfassung sich bei ihr einfanden.

Die gute Seele hatte dann auch im Nu ein Abendbrot für uns bereit.

Gegen elf Uhr verabschiedete sich Dickhut. Er hatte sich bereits darüber getröstet, daß er als Beamter mit dieser Verbrecherhorde, die Ernest Goudsmith so kaltblütig ertränkt hatte, sich auf einer Art Vertrag eingelassen habe.

Wir begleiteten ihn bis auf die schmale stille Dorfstraße hinaus …

Hier meinte der Kommissar nochmals: „Ich werde die Nacht nicht schlafen können – unmöglich! Mir wird immer das Bild vorschweben, wie die drei Unholde den armen Goudsmith wir einen tollen Hund ertränkten …“

Zufällig schaute ich Harald in das von der nächsten Straßenlaterne hell beschienene Gesicht …

Täusche ich mich?!

Glitt wirklich ein Lächeln über seine Züge?!

Ich blicke genauer hin … Da war das Lächeln schon wieder verschwunden … Ich mußte mich getäuscht haben.

Dickhut schritt davon, drehte sich nochmals um und winkte uns zu …

Wir winkten zurück und wandten uns dem kleinen Vorgarten wieder zu – unserer Glasveranda, über der im ersten Stockwerk genau eine solche Veranda lag.

Ich blickte empor – zum ausgestirnten Nachthimmel …

„Recht so!“ flüsterte Harald. „Recht so!! Eine der Ottern muß dort oben wohnen … Denn nur von der oberen Veranda aus können wir belauscht worden sein … Belauscht wurden wir, denn wie konnte sonst auf dem Lanzenzettel stehen, daß wir nicht nur zum Schein abreisen sollten?! So eine zweistöckige Veranda ist sehr hellhörig – sehr!! Und ich habe denn auch bereits von unserer Wirtin erfahren, daß dort oben jetzt ein Herr aus Königsberg sich eingemietet hat, ein Baron Günther von Balitzki, ein Neffe des alten Barons aus Ludau …“

Dann traten wir in die Veranda ein …

 

 

5. Kapitel.

Diese so leise geflüsterten Sätze hatten mich völlig aus dem geistigen und seelischen Gleichgewicht gebracht …

Ottern – – und wieder Balitzkis?!

Sollten die Ottern also doch die Balitzkis sein?! –

Harst zog mich rasch in unser Schlafzimmer …

„Spare dir alle Fragen, mein Alter … Ich sehe es dir an, daß du wie vor den Kopf geschlagen bist … Glaube ich dir gern … Die Geschichte war wirklich tadellos gedeichselt – tadellos! – Jetzt ins Bett … Morgen vormittag kommt die große Enthüllungsfeier … Da machen wir unserem Auftraggeber, dem alten Baron, endlich die Antrittsvisite.“

Und er begann sich so entkleiden, war für keine Frage mehr zu haben, rieb sich vor dem Spiegel Gesicht und Hände mit einer Salbe ein, die uns unsere Wirtin als schnellstes Heilmittel gegen Mückenbeulen empfohlen und besorgt hatte … Dann schlüpfte er ins Bett, rief mir ein Gute Nacht zu und war im nächsten Moment eingeschlafen. – Bemerkenswerte Natur!! Ich wünschte, ich hätte Hirn und Körper auch so sehr in der Gewalt. Denn bevor ich einschlummerte, gingen noch Stunden hin … Zu vieles gab’s, was mich beschäftigte … Hauptsächlich die Ottern!! „Tadellos gedeichselt“, so hatte Harald sich ausgedrückt … – Also schien die Szene im Gewölbe doch nur Spiegelfechterei gewesen zu sein?! – Unmöglich – – unmöglich!! Ausgeschlossen, daß man zum Beispiel etwa nur eine Puppe in den Mordtümpel geworfen hatte – – ausgeschlossen!! Dieser Mord an Ernest Goudsmith war nicht anzuzweifeln ..!! Niemals!! Meinen Kopf hätte ich zum Pfande gesetzt, daß Goudsmith ertränkt worden. – Und – das sollten die Balitzkis getan haben?! – Freilich – gegen sie sprach der Lanzenzettel, sprach auch anderes: unser Überwohner Günther von Balitzki!

Und dann – – schlief ich doch ein …

Dann träumte ich, daß man mich selbst in einen Moortümpel werfen wollte … Ich verteidigte mich mit aller Kraft gegen drei Ottern …

Schlug mit den Händen um mich …

Fühlte das kalte Moorwasser auf meinem Gesicht und das schrille Hohngelächter der Mörder …

Erwachte … Schweißtriefend …

Schaltete die Nachttischlampe ein …

Und – sah die Bescherung …

Die Wasserkaraffe hatte ich herabgestoßen … Ihr Wasserstrahl hatte mich getroffen … Auf dem Bettvorleger war sie zerschellt … Das war das Hohngelächter gewesen – das Klirren des Glases!

Und dann – ein Blick nach Haralds Bett hinüber …

Leer – – leer!!

Und an den Fuß der Nachttischlampe ein Zettel gestützt …

Ich las:

„Solltest du frühzeitig aufwachen, mein Alter, so kannst du nach dem Blockhause kommen. Ich konnte nicht schlafen.

H.“

Ich sah nach der Uhr …

Genau eins …

Also raus aus den Federn.

Helle Sommernacht …

Ich marschierte im Eilschritt …

Ich gelangte an das Alarmbrett, umging es …

Kam in die Nähe der Blockhütte … Sah die Vorderfenster erleuchtet …

Und – prallte zurück …

Über mir aus der Krone einer Kiefer das schauerliche Lachen eines Käuzchen …

Und dem Lachen folgte ein zischender Laut … Ich blickte empor …: Harst – Harst!!

Er rutschte herab … War im Augenblick neben mir …

„Brav, mein Alter ..! – Sie sind alle versammelt … alle … Komm’ nur … Die Dachluke ist offen … Ich hole die Leiter …“

Die Fenstervorhänge waren dicht geschlossen, wie ich noch schnell feststellte. Nur an dem einen Fenster klafften sie oben etwa zwei handbreit … Und diese Nachlässigkeit hatte Harald genügt … Er hatte gesehen – alle!! Wen also?! Wen?!

Zeit zum Fragen?! Keine Möglichkeit …

Die Dachluke an der Rückfront war gerade groß genug uns beide einzulassen …

Der Weg in die Erdgeschoßräume keine Schwierigkeit …

Lautlos die Treppe hinab …

Lautlos durch den Flur bis zu der eine Tür …

Der einen, die in die kleine Nebenstube führte …

In der größeren waren die Ottern … – und wer noch?!

Diese Stube dunkel …

Die Verbindungstür geschlossen …

Haralds Taschenmesser arbeitete still und schnell ein Loch in die Füllung …

Haralds Geschicklichkeit vermied jedes Geräusch …

Das Schlüsselloch konnten wir nicht benutzen … Die dort drüben Anwesenden saßen außerhalb des Sehfeldes der kleinen Öffnung …

Nun aber war’s mit dem Loch in der Füllung ein günstigeres Spiel …

Harst schaute hindurch …

Zu lange …

Ich wollte ihn ungeduldig beiseite drängen …

Da … legte er die Hand bereits auf den Türdrücker … Da … stieß er die Tür auf … ganz weit …

Rief laut:

„Guten Abend, meine Herren … Wir kommen als Freunde … Wir kommen, um Ihnen unnötige Arbeit zu ersparen …“

Jetzt sah ich …

Sah ich rechts an der Wand um den Sofatisch neun Personen sitzen …

Sechs jüngere Herren, darunter Erwin von Balitzki …

Neben ihm Bessy – ganz dicht neben ihm … Und neben Bessy wieder ein graubärtiger Unbekannter … Ferner der Amerikaner, der Mann, den wir für Matthias Burton gehalten hatten …

Als Harst die Tür aufgerissen hatte, waren nur Erwin von Balitzki und Burton aufgesprungen …

Der Baron trat rasch auf uns zu: „Wer sind Sie, meine Herren?! Was wollen Sie?!“ – Seine Stimme sollte drohend klingen, aber der Ton gelang ihm nicht ganz.

Harst, den Hut in der Linken, verneigte sich leicht …

„Baron Erwin, ich denke, wir lassen jetzt jedes Komödienspiel … Gewiß, Schraut und ich haben Ihnen unser Wort verpfändet … Aber unter Verhältnissen, die in keiner Weise der Wirklichkeit entsprachen … Ihr Otternbund wollte uns beide und den Kommissar lediglich ausschalten … Fräulein Bessy hat dabei ihre Rolle ebenso vorzüglich gespielt wie Herr Ernest Goudsmith, der jetzt dort in der Maske eines bejahrten Herrn sitzt. Ich war mir keinen Augenblick im Zweifel, was Sie mit dieser Gerichtssitzung bezweckten. Meine Anerkennung für die … Ermordung des Herrn Goudsmith … Leider sah ich jedoch genau, daß der anscheinend Gefesselte im Wasser sofort die Hände frei hatte und einen Gummischlauch in den Mund führte, dessen anderes Ende in einen durchlöcherten Ball führte, der oben auf dem Tümpel zwischen den Wasserpflanzen schwamm, so daß Goudsmith weiter atmen konnte … – Kurz: Sie haben Goudsmith nicht ertränkt, sondern wollten ihm nur die Flucht ermöglichen … Er sollte als tot gelten … – Herr Baron, von uns beiden haben Sie nichts zu fürchten … Wir werden schweigen … Nur die volle Wahrheit möchten wir bestätigt haben … Diese Wahrheit glaube ich herausgefunden zu haben … Gestatten Sie, daß wir Platz nehmen … Ich werde Ihnen kurz entwickeln, wie ich mir die Vorfälle als Ganzes im Geiste zusammengeschmiedet habe …“

Gegen Harsts liebenswürdige Bestimmtheit ist schwer etwas auszurichten …

So kapitulierte denn nun auch Baron Erwin vor der überlegenen Intelligenz und meinte mit einem halb komischen Seufzer: „Bitte, meine Herren, – setzen Sie sich … Wir sind gespannt, was Sie, Herr Harst, von all diesen Geschehnissen denken, die doch wahrlich nicht so einfach zu überschauen sind …“

Wir rückten uns zwei Stühle an den Tisch … Nahmen Platz … Dann begann Harst:

„Daß der Doktor der böse Geist Herrn Goudsmiths gewesen ist, hat uns schon Fräulein Bessy bestätigt … Und daß dieser dunkelhäutige Doktor der eigentliche Macher des Halbstein-Schmuggels war, entnahm ich einzelnen Sätzen während des Streites zwischen den beiden. Herr Goudsmith wollte seiner Tochter wegen, die er über alles liebte und die sich vergrämt und verzweifelt in die Ruine zurückgezogen hatte, den Schmuggel sofort beenden und schnell auch den Rest der Steine fortschaffen … Der Doktor, eine sehr habgierige Natur, dazu noch in Fräulein Bessy auf seine Art verliebt, weigerte sich entschieden, das lohnende Geschäft aufzugeben, und überraschte uns beide denn auch als Lauscher, schlug uns nieder und hatte fraglos die Absicht, uns … für immer verschwinden zu lassen … Sie, Herr Goudsmith, haben dann zur selben Stunde, als Ihre Tochter uns befreite, zusammen mit dem Baron Erwin den Doktor in der Ruine stellen wollen, damit er …“

Hier mischte sich zu unserer Überraschung der Amerikaner ein …

„Entschuldigen Sie, Herr Harst, – ich möchte hier zunächst auf meine Person zu sprechen kommen … Über mich können Sie unmöglich das Richtige kombiniert haben. – Ich unterhielt schon in New Orleans Geschäftsbeziehungen zu Goudsmith. Ich bin Edelsteinhändler. Dann schrieb der Doktor ohne Wissen Goudsmiths an mich und bestellte Edelsteine, die ich hier persönlich abliefern und bezahlt erhalten sollte. Der Doktor jedoch sperrte mich in die Ruine, in jene Zelle ein und beraupte mich. Das war drei Tage vor Ihrer Ankunft hier. Zum Glück wußte er nichts von dem beweglichen Stein, so daß Bessy mich hinauslassen konnte. Wir täuschten einen Unfall vor. James Kaspar glaubte, ich sei ertrunken. In Wahrheit brachte mich Bessy zu Baron Erwin, der mir insgeheim bei dem Förster seines Vaters Quartier besorgte. Wir wollten nun im Einverständnis mit Goudsmith James Kaspar das Geheimnis entlocken, wo jener die mir geraubten Diamanten versteckt hatte. Dann trafen Sie beide hier ein, Herr Harst, und wir griffen zu allerlei Mitteln, Goudsmiths Vergehen, eben den Halbstein-Schmuggel, um jeden Preis nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

Als der Doktor Sie beide eingekerkert hatte, waren es Goudsmith und ich, die den Doktor zwingen wollten, das Blockhaus und Europa sofort zu verlassen. Wir überraschten ihn gerade dabei, als er meine Edelsteine in der Ruine aus einer Mauerritze vor der Kerkertür hervorholte. Es kam zu einem kurzen Kampf, in dem ich in der Notwehr den Doktor niederstach …“

Er wandte sich darauf an den Baron Erwin …

„So, und nun können Sie Herrn Harst das übrige mitteilen …“

Da rief Bessy, und in diesem Augenblick, wo sie aufsprang und nun mit leidenschaftlichen Worten für den Vater und den Geliebten eintrat, zeigte sie erst so recht, wie liebreizend sie aussehen konnte …

Auch Baron Erwin suchte dann noch seinen zukünftigen Schwiegervater auf das wärmste zu verteidigen …

Liebe formte hier die Sätze … Liebe machte all diese Menschen beredt …

„Herr Harst“, erklärte der junge Baron, „der Otternbund existierte einst, als wir noch Primaner waren … Nur Angehörige der Familie Balitzki gehörten ihm an … Jetzt, wo wir den Bund als Schreckmittel benutzen wollten, fanden wir uns wieder zusammen, und benutzten die alten Umhänge, Kappen und Masken. Auch den Doktor haben wir auf diese Weise einschüchtern wollen … Er war jedoch zu schlau … – Ich liebe Bessy, und Bessys Vater will aus Liebe zu seinem Kinde fernerhin als tot gelten … Die Waise eines Gesetzesübertreter werden meine Eltern als Schwiegertochter nicht ablehnen …“ –

Und wenn du nun, freundlicher Leser, dir die Einzelheiten dieses unseres Abenteuers nochmal ins Gedächtnis zurückrufst, so wirst du unschwer nach dem Inhalt dieses letzten Kapitels dir selber die geistigen Brücken zwischen den einzelnen Vorgängen schlagen können … –

Ich habe nur noch etwas hinzuzufügen: Ernest Goudsmith hat sich nachher auf Harsts Zureden doch der Polizei gestellt, und ebenso hat Harald bei dem alten Baron den Vermittler gespielt. Goudsmith kam mit einer geringen Strafe davon, und Erwin und Bessy sind längst ein glückliches Paar … –

Hiermit für heute ein freundliches „Auf Wiedersehen“ ..!

 

 

Nächster Band:

Harsts schwerstes Problem.

 

Druck, P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkungen:

(1) Im Original steht „sein“ - durch „war“ ersetzt.

(2) Falsifikate - Als „Falsifikate“ (Singular: das Falsifikat) bezeichnet man in Täuschungsabsicht hergestellte oder bearbeitete Fälschungen von Objekten, Dokumenten oder Geld.

(3) „Simili“ - Das Wort Simili bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt „das Ähnliche“ und bezeichnet vor allem eine Imitation von Edelsteinen aus Glas.

(4) Im Original steht „Um“ - in „Oh“ geändert

(5) Im Original steht „unbedingt“ - in „unbeachtet“ geändert.