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Die Geschichte eines Irrsinnigen

 

Der Detektiv

Band 177

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Walter Kabel.

Die Geschichte eines Irrsinnigen(1)

 

 

1. Kapitel.

Am Schluß des vorigen Bandes habe ich darauf hingewiesen, daß ich dem Leser mit der „Geschichte des Irrsinnigen“ hier das Geisteserzeugnis jenes kranken Verbrechers vorlegen wollte, der in unserem Abenteuer „Das schwerste Problem“ die abschreckende und zugleich bemitleidenswerte Rolle eines Massenmörders aus Eitelkeit und Ruhmsucht spielte.

Der Leser mag selbst urteilen … Er wird vielleicht lediglich an der wilden Phantastik des in der Erzählung behandelten Problems merken, daß hier nicht Max Schraut am Werke gewesen … – –

* *

*

Der warme Junimorgen hatte uns beide, Harald und mich, frühzeitig in den Gemüsegarten gelockt.

Um sieben hatten wir auf der Veranda des Harstschen Hauses gefrühstückt, und um halb acht arbeiteten wir bereits mit Spaten und Harke.

Der Himmel war vollkommen klar.

Ein angenehmer Luftzug milderte die Kraft der Sonnenstrahlen … In den uralten Kastanien und Linden des Hofes lärmten die Spatzen wie toll … Zierliche Meisen schlüpften flatternd durch die Hecke, und drüben jenseits des Fahrweges in der Laubenkolonie ging es ebenso munter her …

Das ferne Knattern des Motors eines Flugzeuges ließ Harst und mich gleichzeitig aufschauen …

Seltsam – zwei Eindecker schwebten dort oben im Äther, und es machte ganz den Eindruck, als ob der eine den anderen verfolge …

Nur zwei Minuten beobachteten wir die Flugzeuge, und schon war es uns zur Gewißheit geworden, daß es sich in der Tat um eine Verfolgung handelte.

Und weitere zwei Minuten …

Da geschah gerade über uns in reichlich tausend Meter Höhe das Unglaubliche: der Verfolger strich über dem kleineren Eindecker hinweg, und dieser legte sich jählings nach vorn und stürzte, sich mehrfach überschlagend, in die Tiefe … – genau in die Krone der Kastanie hinein, die der Südwestecke unseres Gemüsegartens so sehr zur Zierde gereicht.

Der Sturz in die Baumkrone war so heftig, daß dicke Äste knickten, daß die Tragflächen weggerissen wurden und der Rumpf sich unten in unseren Komposthaufen einbohrte …

Der Motor explodierte …

Zum Glück hatte ich den Gartenschlauch noch in der Hand.

Zum Glück sprang Harald sofort zu und holte aus der kleinen Kabine des zerstörten Eindeckers einen ganz in Leder gekleideten Mann heraus – – bewußtlos zwar, aber lebend.

Einen Mann?!

Nein – in Haralds Arbeitszimmer sahen wir dann, daß wir ein junges Weib vor uns hatten …

Ein blondes Weib, dessen prachtvolle Haarfülle nun unter dem Lederhelm hervorquoll …

Sie kam sehr bald wieder zu sich …

Sie schaute uns mit schreckerfüllten Augen an …

Sie blickte sich um …

Sah das ihr fremde, elegante Zimmer …

Richtete sich auf …

Fragte mit keuchenden Atemzügen.

„Wo bin ich?!“

Fragte nicht in deutscher, sondern in schwedischer Sprache. Und ebenso antwortete ihr Harald:

„Gerettet und in Sicherheit … Mein Name ist Harald Harst … Dort mein Freund Schraut … – Bitte, trinken Sie nochmals …“

Sie leerte das Portweinglas …

In ihr jetzt wieder frisches, leicht gebräuntes Antlitz trat ein nachdenklicher Ausdruck …

Sie blickte Harald lange an …

Sagte dann wieder:

„Ich kenne Sie dem Namen nach, Herr Harst … Sie werden mich schützen, mir helfen … Verbergen Sie mich … Oder … bringen Sie mich anderswohin, wo ich sicher bin … Man verfolgt mich, weil ich meinen Gatten vergiftet haben soll … Und – – zögern Sie nicht! Ich habe mächtige Feinde … Werde ich verhaftet, ist lebenslängliches Zuchthaus mir sicher … Helfen Sie mir!“

Harst überlegte kurz …

Meinte dann:

„Wir verlassen das Zimmer und das Haus … Wenn Sie eine Treppe höher in die Räume meiner Mutter eilen, dann … wissen wir nichts davon …“

Sowohl Frau Harst als auch die Köchin Mathilde hatten mit angesehen, wie wir die Bewußtlose ins Haus trugen. Sie würden schweigen …

Wir eilten wieder in den Garten, nachdem wir Mathilde einen entsprechenden Wink gegeben hatten … –

Vor unserem Zaun hatte sich inzwischen um die Trümmer des Eindeckers bereits eine Menge Neugieriger versammelt, und bald tauchten auch ein paar Polizeibeamte auf.

Wir mußten Rede und Antwort stehen …

Harst erklärte, der Eindecker habe nur eine einzelne Person enthalten, und diese Frau liege nun im Hause auf einem Diwan, noch recht matt und kaum fähig zum Sprechen …

Der Oberwachtmeister bat, ihn zu der Flugzeuginsassin zu führen …

Harst nickte …

„Bitte, kommen Sie nur …“

Wir gingen mit dem Beamten über den Hinterhof … in den Flur hinein … Vorn stand die Haustür weit offen … Und in Haralds Arbeitszimmer war der Diwan leer …

„Entflohen!“ rief Harst …„Hier lag die Frau … Hier steht noch das Portweinglas … Entflohen – – unbegreiflich! Deshalb auch die offene Haustür …! Deshalb!!“

Der Oberwachtmeister lief auf die stille Blücherstraße hinaus …

Von der Frau war natürlich nichts mehr zu sehen …

Er kehrte ärgerlich zurück …

„Die Sache kann nicht sauber sein, Herr Harst“, meinte er.

„Allerdings nicht …!“

„Sie haben also gleichfalls beobachtet, daß der größere Eindecker den kleineren zum Absturz brachte?“

„Es schien so …“

„Der andere Eindecker soll nach dem Flughafen Tempelhofer Feld gesteuert sein … Die Insassen werden vielleicht Polizeibeamte sein …“

„Das müßte man annehmen, wenn nicht etwas dagegen spräche, Herr Oberwachtmeister …“

„Und das wäre?“

„Ein Polizeiflieger hätte wohl kaum die Verfolgte in die Tiefe geschickt … Die Frau wäre unfehlbar umgekommen, wenn ihr Eindecker nicht in die Kastanie gestürzt wäre …“

„Hm – allerdings, Herr Harst … Eine rätselhafte Geschichte …!“

„Ganz gewiß, Herr Oberwachtmeister … Wollen Sie nicht mal den Flughafen Tempelhofer Feld anrufen?“

„Oh – – das wäre das einfachste …“

Wir betraten wieder Harsts Arbeitszimmer …

Und gleich darauf wußten wir, daß der große Eindecker tatsächlich ein schwedisches Polizeiflugzeug aus Göteborg war.

Drei Beamte hatten mit dem Eindecker heute früh fünf Uhr die Verfolgung der Frau Helga Baarsör aufgenommen, die wegen Giftmordverdachts hatte verhaftet werden sollen.

Eine halbe Stunde später waren die drei Schweden in der Blücherstraße.

Der eine, Kommissär Haaglund, erklärte folgendes:

Der Gutsbesitzer und Ingenieur Sigurd Baarsör besaß unweit von Göteborg ein kleineres Anwesen und gleichzeitig eine Flugzeugfabrik. Am 2. Juni hatte man ihn tot in seinem Bureau aufgefunden. Er war ohne Zweifel vergiftet worden. Schon am 4. Juni lenkte sich der Verdacht auf seine Frau, mit der er in sehr unglücklicher Ehe lebte. Heute am 5. Juni in aller Frühe hatte Frau Helga Baarsör verhaftet werden sollen. Sie schien jedoch geahnt zu haben, was ihr bevorstand, stieg mit einem startbereiten Eindecker auf und wurde verfolgt. Hier über Berlin suchte das Polizeiflugzeug die Flüchtige zum Landen zu zwingen, indem es dicht über dem kleineren Eindecker hinwegflog … Vor Schreck hatte Frau Baarsör dann wohl die Gewalt über ihre Maschine verloren …„Es ist sehr schade, Herr Harst“, schloß der Kommissär, „daß Sie die Frau hier bei sich nicht besser bewacht haben … Nun werden wir wohl lange suchen müssen, bis wir das Weib finden, die keine zu verachtende Gegnerin ist … Sie stammt aus ganz einfachen Kreisen … Ihr Vater endete im Zuchthaus … Ihre Mutter ist Hehlerin … Ihre Brüder treiben sich als Hochstapler in der Welt umher … Der Ingenieur heiratete das Mädchen vor drei Jahren gegen den Willen seiner Familie, mit der er sich völlig entzweite.“

Harst meinte nur:

„Ich konnte nicht gut ahnen, Herr Haaglund, daß eine soeben erst aus tiefer Ohnmacht Erwachte flüchten würde …“

Wir saßen zu vieren hier in Harsts Arbeitszimmer um den Sofatisch herum: wir beide, der Kommissär und der Oberwachtmeister.

Harst fügte hinzu:

„Lagen denn gegen diese Frau überzeugende Verdachtsmomente vor?“

„Jawohl, Herr Harst“, nickte Haaglund, eine sehr ruhige, sympathische Persönlichkeit …„Diese Helga wußte, daß Baarsör sich von ihr scheiden lassen wollte, da er durch diese unwürdige Heirat in der Göteborger Gesellschaft unmöglich geworden war. Baarsör war sehr reich. Die Frau wollte eben die Millionen erben …“

„Hm – und die Scheidungsgründe?“

„Sehr einfach: die schöne Helga stahl! Sie stahl, wo sie nur stehlen konnte … In jedem Geschäft verstand sie irgend etwas verschwinden zu lassen … Das lag wohl bei ihr im Blute – – bei den Eltern!! Wir fanden in ihrem Damensalon in einem schlau angelegten Versteck alles mögliche – alles Diebesbeute …“

„Hat Baarsör Geschwister?“

„Nein … Aber seine Eltern leben noch … – Ich weiß, woran Sie denken, Herr Harst: daß die Geschwister vielleicht gegen die schöne Helga intrigiert haben. Es sind keine Geschwister da, und das alte Ehepaar Baarsör gehört in Göteborg mit zu den angesehensten Leuten – vornehme Naturen, die natürlich unter dieser Heirat des einzigen Kindes sehr gelitten haben und nun völlig zusammengebrochen sind …“

Haaglund erhob sich …

„Ich will nun nicht weiter stören, Herr Harst … Ich muß mich mit der hiesigen Kriminalpolizei in Verbindung setzen, damit wir das Weib schleunigst einfangen …“

Dann waren wir allein …

Die Polizei ließ die Trümmer des Eindeckers wegschaffen, und um zehn Uhr vormittags erinnerten nur noch die abgebrochenen Äste der Kastanie an das Drama dieses Morgens.

Wir nahmen absichtlich unsere Gartenarbeit wieder auf, damit es nicht etwa auffiele, daß wir im Hause blieben.

Leise besprachen wir das Geschehene …

Harst meinte:

„Die Frau hat auf mich einen vorzüglichen Eindruck gemacht. Ich kann mir gar nicht denken, daß sie wirklich schuldig sein soll … Nun – wir werden ja ihre Lebensgeschichte hören …“

Plötzlich erschien da Harsts Mutter bei uns im Gemüsegarten …

„Sie schläft jetzt“, flüsterte Frau Harst.„Das arme, arme Kind …! Sie hat mir erzählt, was alles sie gelitten hat … Erst zweiundzwanzig Jahre, und schon so tief verstrickt in all die Schlechtigkeiten der Welt – ohne ihre Schuld.“

Die gütige Matrone schaute den Sohn bittend an …

„Harald, du mußt etwas für sie tun … Sie ist gar nicht fähig, einen Mord zu begehen … Sie hat ihren Mann unendlich geliebt … Aber Leute, die sie nicht kennt, müssen den Ingenieur gegen sie …“

Frau Harst schwieg …

Unsere dicke Köchin Mathilde kam den Weg entlanggekeucht …

„Herr Harald … Herr Harald, – – sie ist weg …!! Weg …!! Ich war eben oben, Herr Harald … Im Fremdenzimmer liegt ihr Lederanzug … Sie hat sich Sachen von der gnädigen Frau angezogen … Und auf dem Bett lag dieser Zettel …“

Daß Helga auch die deutsche Sprache und Schrift beherrschte, ersahen wir nun aus dem Zettel …

„Herr Harst, ich will Ihnen nicht weiter zur Last fallen. Ihnen und Ihrer Frau Mutter innigen Dank. Die heimlich entliehenen Kleider sende ich zurück. – Ich schwöre Ihnen nochmals bei der Liebe zu meinem toten Gatten zu: ich bin unschuldig! Und ich werde meine Schuldlosigkeit beweisen! – Helga Baarsör.“

Harst sagte ernst:

„Gehen wir ins Haus, Mutter … Erzähle uns dort, was die Frau dir mitgeteilt hat …“

 

 

2. Kapitel.

Frau Harst erzählte …

„Helga stammt aus einer Familie, die frühzeitig durch harte Schicksalsschläge dem Verbrechen in die Arme gedrängt wurde. Mit vierzehn Jahren kam sie in ein Erziehungsheim, um dem Einfluß ihrer Eltern und Brüder nicht zum Opfer zu fallen. In dem Heim führte sie sich tadellos und erhielt mit neunzehn Jahren eine Stellung als Stenotypistin in einer Bank. Dort lernte Baarsör sie kennen. Trotz des Widerstandes seiner Eltern heiratete er sie sehr bald, und ein Jahr lang lebte das Ehepaar still und zufrieden auf Baarsörs Gut unweit Göteborg. Dann begann des Ingenieurs Benehmen sich allmählich zu verändern. Er wurde unfreundlich und verschlossen, kehrte nur selten heim, sondern mietete sich ein Zimmer in der Stadt, wo er dann die Nächte schlief. Seine Frau, die bis dahin seine beste Kameradin gewesen, vernachlässigte er vollkommen … Umsonst war ihr Flehen, er solle ihr doch ehrlich mitteilen, was er an ihr auszusetzen habe … Er wurde grob … So ging das Martyrium für die Ärmste weiter … Sie lebte in der einsamen Villa wie eine Einsiedlerin … Die Dienstboten, die ihre Herkunft längst kannten, wurden frech und unverschämt … Dann schrieb der Ingenieur ihr Ende Mai – sie hatten sich seit Monaten nicht gesprochen – daß er die Scheidungsklage eingeleitet habe, weil sie überführt sei, Ladendiebstähle begangen zu haben. – Kaum hatte die Bedauernswerte diesen Brief gelesen, als auch schon Kriminalbeamte in der Villa erschienen und Haussuchung hielten. Sie fanden auch im Damensalon in dem Aufsatz des zierlichen Ofens eine Menge Gegenstände, die von Helga in verschiedenen Geschäften gestohlen sein sollten … Als die Beamten dem armen Weibe dies ohne jedes Zartgefühl vorhielten, brach sie bewußtlos zusammen … Dies geschah am 1. Juni … Am folgenden Tage, am 2. Juni also, fand man Sigurd Baarsör in seinem Privatkontor, das im Erdgeschoß seiner dicht bei den Gutsgebäuden errichteten Flugzeugfabrik liegt, gegen zwölf Uhr mittags tot auf. Die Untersuchung ergab, daß er mit Zyankali vergiftet worden war. Reste des Giftes waren noch in dem Weinglase enthalten, das auf dem Schreibtisch neben einer Flasche Portwein stand. Auch der Portwein enthielt dasselbe Gift. Am 4. Juni hatte die Polizei ermittelt, daß Frau Baarsör sich durch einen in Göteborg sehr übel beleumundeten Arzt Zyankali verschafft hatte. Am nächsten Morgen sollte sie verhaftet werden, entfloh jedoch … – Helga Baarsör hat mir nun auf den Knien zugeschworen, daß sie niemals auch nur im entferntesten daran gedacht habe, ihren Gatten zu beseitigen. Das Gift hatte sie für sich selbst besorgt, da sie dieses unwürdige, demütigende und trostlose Dasein nicht länger ertragen wollte. Sie behauptete, daß irgend jemand ihr den Gatten abspenstig gemacht habe und konnte mir trotzdem keine Namen nennen, blieb nur fest dabei, daß entweder eine einzelne Person oder mehrere den Ingenieur völlig in die gemeinsten Intrigen eingesponnen hätten. Als ich sie fragte, ob hier etwa ihres Gatten Eltern in Betracht kämen, erwiderte sie, sie könne dies kaum annehmen, denn die alten Baarsörs seien zwar für sie niemals zu sprechen gewesen, so sehr sie auch eine Versöhnung ihres Mannes mit seinen Eltern herbeizuführen wünschte, aber derartige Schlechtigkeiten traue sie ihnen niemals zu, ebensowenig, wie sie irgendeinen Verdacht äußern könne, was den Mord anbeträfe. – Ich, lieber Harald“, so schloß Frau Harst ihre Mitteilungen, „kann dir als menschenkundige Frau nur versichern, daß diese Helga mir geradezu gefallen hat und daß ich, deine Mutter, dich bitte, diesen traurigen Fall aufzuklären, so ungern ich dich wieder in die Ferne ziehen lasse, denn natürlich werdet ihr beide doch nach Göteborg reisen müssen …“

„Allerdings, Mutter … Und zwar noch heute, da man in solchen Fällen keine Minute verlieren soll …“

Es klopfte …

Die dicke Mathilde brachte eine Depesche …

Aus … Göteborg …

Von … – ja, von Frau Gunvor Baarsör … von Helgas Schwiegermutter also, die sie nur von Ansehen kannte.

Das Telegramm lautete:

 

Harald Harst,

Berlin-Schmargendorf, Blücherstraße 10.

Bitte Sie höflichst hierher. Unser einziger Sohn am 2. d. Mts. ermordet. Täterin entflohen. Viele seltsame Begleitumstände.

Frau Gunvor Baarsör,

Göteborg, Kungsgatan 12.

Harst depeschierte:

Reisen sofort ab. – H. Harst.

Und das taten wir auch.

So erreichten wir noch den Abendtrajekt(2) nach Trelleborg.

Das Fährschiff war wenig besetzt.

Die frische Salzluft der Ostsee tat unseren Nerven recht wohl, und Harald erinnerte mich wiederholt an vergangene Tage, als wir auf dem Fährdampfer die „Dame mit dem dünnen Regenschirm“ gesucht hatten, die nachher beinahe Harst das Lebenslicht ausgeblasen hätte …

„Heute“, meinte er scherzend, „können wir uns sicherer fühlen, mein Alter … Falls diese Sache überhaupt gefährlich ist, so beginnt dies erst an Ort und Stelle …“

Wir standen an der Steuerbordreling unter Wind …

Wir fühlten uns sicher …

Wir sahen nichts von dem heimtückischen Angreifer, der urplötzlich und blitzschnell jedem von uns mit einer Keule oder dergleichen einen Hieb über den Schädel versetzte …

Ich sank nach vornüber …

Mein schwindendes Bewußtsein war nur noch fähig, einen letzten Eindruck zu verarbeiten …: den, daß ich in die See geworfen wurde …! Aber das kalte Bad brachte mich doch verhältnismäßig rasch wieder zur Besinnung …

Ich fühlte, daß mich jemand umklammerte …

Ich fühlte, daß dicht neben mir jemand keuchend atmete.

Ich riß die Augen auf …

Ich in Harsts Armen …

Und Harst kaum mehr fähig, meine Körperlast über Wasser zu halten …

Kaum mehr fähig, mir zuzurufen:

„Es … ist … aus … mit … uns … Ich bin völlig erschöpft … Die Kleider – – alles zu schwer …“

Das brachte mich vollends zur Besinnung …

„Laß mich los!“ quälte ich hervor … „Laß mich los …!! Du allein wirst …“

Und er:

„Der Trajekt wendet …!! Unser Fehlen ist bemerkt worden … Da – das Schiff zeigt die Breitseite … Ein Scheinwerfer blitzt auf …!“

Was doch die Hoffnung macht …!!

Wir, die wir den Tod bereits vor Augen gehabt, fanden die Kraft, uns noch etwa fünf Minuten über Wasser zu halten …

Wo wir diese Kraft hernahmen, war uns selbst unbegreiflich …

Dann hatte der Scheinwerfer uns gefunden … Dann rauschte das Fährschiff heran … Dann flogen uns Taue zu – Rettungsringe …

Wir wurden an Deck gehißt … Man bemühte sich um uns, wollte uns in eine Kabine tragen …

Harst lehnte ab …

„Lassen Sie bitte unsere Koffer in Ihre Kajüte bringen, Herr Kapitän … Wir wollen trockene Sachen anlegen …“

Zehn Minuten drauf hatten wir uns umgekleidet.

Im Speisesaal der „Preußen“ begann nun die Vernehmung sämtlicher Fahrgäste und der Schiffsbesatzung, soweit diese dienstfrei gewesen und in Frage kommen konnte.

Die Passagiere mußten sich genau ausweisen.

Der Kapitän und wir beide saßen wie ein Richterkollegium hinter einem Tisch und beäugten jeden einzelnen auf das schärfste …

Natürlich verlief die Sache völlig ergebnislos.

Inzwischen war Trelleborg in Sicht gekommen …

Wir begaben uns also in den D-Zug hinab in unser Abteil und wurden so mit dem Zuge an Land gesetzt.

Um elf waren wir in Malmö und stiegen nach Göteborg um, fanden ein leeres Schlafwagenabteil und waren froh, daß wir uns nun zur Ruhe begeben konnten.

Wir waren in der Tat mehr tot als lebendig …

Ich schlief sofort ein …

Die schwedischen Schlafkabinen unterscheiden sich von den deutschen nur dadurch, daß sie etwas breiter und bequemer sind.

Harst hatte das obere Bett gewählt …

Hatte die Stoffhalbkugeln vor die Lampe gezogen und mir nochmals von oben ein Gute Nacht zugerufen.

Ich war bereits halb eingeschlummert, als ich in dem Dreivierteldunkel des Abteils beim jähen Hochschrecken infolge irgend eines Geräusches einen Schatten – eine Gestalt an der Tür erkannte …

Im Nu hatte ich die Clement unter dem Kopfkissen hervorgeholt …

Inzwischen waren meine Augen besser an die unsichere Beleuchtung gewöhnt worden …

Ich erkannte Harald …

Er drehte den Kopf …

Winkte mir zu, liegen zu bleiben …

Dann öffnete er die Kabinentür lautlos und schlüpfte in den Gang …

Ich – – und liegen bleiben?!

Im Nu war ich auf den Beinen …

Im Nu ebenfalls im Gang …

Harst stand vor der Tür der dritten Kabine nach links …

Stand und … streute etwas auf den Linoleumbelag des Bodens …

Kehrte um …

Ich trat in unsere Koje zurück …

Harald erschien, schloß die Tür …

Flüsterte:

„Man muß vorsichtig sein … Der Mann dort aus Kabine Nr. 9 ist der einzige vom Trajekt, der in Göteborg daheim ist … Du besinnst dich: Herr Kaufmann Sven Nordscjöld …!“

„Ah – richtig, der rotbärtige …“

„Ja … Ich habe ihm braunen Puder aus unserem Requisitenkoffer vor die Tür gestäubt und den Puder bis zu unserer Kabine verteilt … Morgen früh werden wir ja sehen …!! Lege dich nieder … Ich werde wachen … Nach drei Stunden wecke ich dich … Die Geschichte hier ist zu brenzlich, als daß wir alle beide schlafen dürfen …“

So wachten wir denn abwechselnd …

Nichts geschah …

Morgens um fünf revidierte ich die Puderschicht. Es war schon heller Tag …

Herr Sven Nordscjöld hatte seine Kabine nicht verlassen.

 

 

3. Kapitel.

Göteborg … Hafenstadt …

Elf Uhr vormittags …

Wir beide stehen in der Kungsgatan (Königstraße) vor dem schmalen, altertümlichen Patrizierhause Nr. 12 …

Unten im Erdgeschoß befinden sich die Kontorräume der Holzfirma S. Baarsör – des alten Baarsör …

In den beiden oberen Stockwerken wohnt das Ehepaar.

Wir lassen uns melden, werden in einen muffigen, steifen, halbdunklen Salon geführt …

Dann tritt eine hagere, grauhaarige Dame mit einem wie aus Stein gehauenen, unbeweglichen, kalten Antlitz ein. Kleine Schlitzaugen unter einer niederen Stirn … Ein Mund mit schmalen welken Lippen …

Das ist Frau Baarsör …

Sie begrüßt uns überaus höflich, bedankt sich bei uns, daß wir die weite Reise nicht gescheut haben …

Wir nehmen Platz …

„Mein Mann ist kränklich“, erklärt sie. „Unseres Sohnes Tod hat seine ohnedies leicht schwankende Gesundheit vollends untergraben … Ich trage also doppeltes Leid. Gott wird mir die Kraft geben, über dieses Schwere hinwegzukommen.“

Sie faltet die mageren langen Hände …

Und – in mir steigt ein grenzenloser Widerwille gegen diese Frau auf, an der alles Unnatur ist, die nur in hohlen Phrasen redet, die sich den Totenkopf rosa geschminkt hat, die nach Parfüm duftet und mit ihren Brillantringen kokettiert …

Vogelscheuche!!

Harst drechselt gleichfalls Redensarten …

Und dann beginnt die geschminkte Vogelscheuche von neuem:

„… Unser armer, armer Junge!! Daß gerade er so blind sein mußte, daß gerade er dieses Mädchen heiratete, gegen die freilich nichts vorlag, die jedoch einer vollkommen entgleisten Familie entstammte … – Wir haben Sigurd angefleht, diesen Heiratsplan aufzugeben … Wir waren vielleicht zu hart, als wir ihm unser Haus verboten … Wir hofften ihn zur Vernunft zu bringen …“

Harst erlaubte sich jetzt die Bemerkung, daß er über die Einzelheiten des Falles bereits orientiert sei, da der Eindecker Frau Helgas in unseren Kastanienbaum stürzte … und so weiter …

„Ich bin also genügend informiert, gnädige Frau … Und wir wollen Sie auch nicht länger dem Krankenlager Ihres Gatten entziehen … Wollen Sie uns bitte nur eine schriftliche Anweisung geben, daß man uns draußen auf dem Gute Ihres Sohnes nach Belieben schalten und walten läßt … Sie hegen doch offenbar noch Zweifel, gnädige Frau, ob diese Helga wirklich die Mörderin ist …“

„Ja, Herr Harst … Ich möchte ihr eine solche … solche Verderbtheit nicht zutrauen …“

„Dann nur noch etwas … In Ihrer Depesche erwähnten Sie seltsame Begleitumstände …“

„Gewiß, Herr Harst … – Erstens: diese Frau scheint einen Liebhaber gehabt zu haben. Die Dienstboten der Villa haben mehrmals nachts einen Herrn bemerkt, der die Villa umschlich. – Zweitens: Dieser Herr maskierte sich. Jedesmal sah er anders aus. Nur seine Fußspuren bewiesen, daß es sich stets um dieselbe Person handelte. – Drittens: Diese … Frau leidet an Kleptomanie …“

„Das weiß ich bereits, gnädige Frau … – Sie gestatten, daß wir uns verabschieden … Nur die Anweisung für …“

„Oh, nicht nötig, Herr Harst … Man ist auf Ihr Kommen vorbereitet und wird Ihnen in jeder Hinsicht Rede und Antwort stehen … Wenn Sie wollen, können Sie auch in der Villa wohnen … Meines armen Sohnes Auto bringt Sie in zehn Minuten zur Stadt …“ –

Wir verließen das Haus und traten auf die sonnige Kungsgatan hinaus …

Harst holte tief Atem …

„Die Frau als Schwiegermutter – – ich danke!!“ sagte er dann …

„Ich gleichfalls!“

„Ob sie vielleicht die Intrigantin ist, die das Ehepaar auseinander brachte?“

„Hm – schwer zu behaupten, schwer zu beweisen …! – Wir werden die Villa beziehen … Sehr gut, daß wir unser Gepäck noch auf dem Bahnhof ließen …“ – –

Das Gut des ermordeten Sigurd Baarsör, gleichzeitig auch die Flugzeugfabrik lagen an der Bahnstrecke nach Trollhätta zu …

Dieses kleine idyllische Landgut hatte den Namen Barnalundi. Nachmittags um drei fuhr ein Mietsauto dort mit uns vor der Villa vor …

Eine reizende Villa, ein kleiner Park – alles blitzsauber.

Hinter einem buschreichen Höhenrücken die Fabrik und ein kleiner Flugplatz … –

Ein älterer Diener empfing uns …

So ein Mann, dem man auf den ersten Blick den anständigen Charakter ansah … Högersen hieß er.

Außer ihm wohnten vorläufig noch in der Villa: die Köchin, ein Stubenmädchen, der Chauffeur und der Gärtner – alle im Erdgeschoß des Seitenanbaus.

Högersen nahm hier offenbar eine Vertrauensstellung ein und spielte den Hausverwalter. Es war kaum anzunehmen, daß auch er zu denen gehörte, die der einsamen, verlassenen Frau Helga mit versteckter Frechheit entgegengetreten waren.

Harald wollte nun dem Personal gegenüber sofort unsere Stellung hier im Hause richtig kennzeichnen und befahl Högersen, der uns in die beiden für uns bereitgehaltenen Zimmer geführt hatte, die sämtlichen Mitbewohner unten in der Diele zusammenzurufen.

Högersen verbeugte sich. Sein Gesicht hatte einen merkwürdig verlegenen Ausdruck angenommen.

Harst beobachtete ihn, meinte leise:

„Ihr Verhältnis zu den anderen Hausangestellten ist nicht das beste, Högersen?“

„Nein, Herr Harst … Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der alte Herr Baarsör die … die Bande sofort entlassen … Aber er ist ja krank …“

„Ich weiß, wie die Leute Frau Helga behandelt haben“, nickte Harald …

Högersen war sichtlich überrascht … Sagte jedoch nur: „Ja, es war eine Schande!“

„Glauben Sie, Högersen, daß jemand das Personal aufgehetzt hat? Etwa der junge Herr Baarsör selbst?“

„Nein, nein, Herr Harst, der bestimmt nicht …“

„Und – wer sonst?!“

Der Diener wurde verlegen … noch verlegener als vorhin … Blickte zu Boden …

„Ich … weiß nicht“, erklärte er zögernd.

Harst änderte die Taktik …

„Högersen, Sie hingen an Ihrem Herrn?“

„Ja – sehr … Ich war schon auf der Universität bei Herrn Sigurd … In Stockholm … Es ging mir sehr schlecht damals … Ich war kränklich, und da nahm Herr Sigurd mich als Diener zu sich. Er konnte sich das leisten, Herr Harst, denn damals war der alte Herr Baarsör noch sehr reich und gab seinem Einzigen einen hohen Monatswechsel. Nun hat sich das geändert. Das Holzgeschäft bringt seit Jahren nichts mehr ein, und Herr Sigurd hat gar oft mit Geld ausgeholfen, damit die Firma nicht in Konkurs geriet. Er verdiente ja sehr viel durch seine Erfindungen und durch die Fabrik. Obwohl er kaum dreißig Jahre alt war, besaß er bereits eine Million … Er war sehr intelligent und dabei herzensgut … wirklich, Herr Harst … Und daß er seine arme Frau so … so schlecht behandelte, das … das – – ja, woran das gelegen hat, begreife ich nicht …“

„Hat er ein Testament hinterlassen, Högersen …“

Der Alte preßte die schmalen Lippen zusammen … Ein finsterer Ausdruck glitt über sein Gesicht …

Er schaute Harald an, schob den Kopf vor und flüsterte hastig:

„Es war ein Testament da … bestimmt! Herr Sigurd hat es mir selbst gezeigt, etwa ein halbes Jahr nach seiner Hochzeit, als hier noch eitel Glück und Seligkeit herrschten … Dann … hat er es aber vor vier Wochen in meiner Gegenwart verbrannt und mir dabei gesagt: „So, nun mag das Gesetz einst allein sprechen … – Hier, Högersen, das ist für Sie, treuer Alter!“ Und er gab mir eine Urkunde, die mir ein Legat von 30 000 Kronen sicherte und hier in der Villa den Posten eines Hausverwalters bis an mein Ende. – Ohne diese Urkunde, Herr Harst, wäre ich nicht mehr hier, das können Sie mir glauben …“

„Wer hätte Sie denn … entlassen, Högersen?“

Högersen machte eine bescheiden-abwehrende Handbewegung …

„Sie werden hier wohl sehr bald selbst in allem klar sehen, Herr Harst … Ich verdächtige niemand … Ich tue meine Pflicht, und …“

„Halt, mein Lieber“, fiel Harald ihm ernst ins Wort. „Ihre Pflicht ist, mir alles mitzuteilen, was mir rasch einen Einblick in die hiesigen Verhältnisse ermöglicht … Wollen Sie etwa dulden, daß Frau Helga schuldlos verurteilt wird, wenn man sie wieder ergreift?!“

Högersens Kopf schnellte hoch …

Er griff nach Harsts Hand, umklammerte sie mit seinen beiden breiten, ausgearbeiteten Händen …

„Wie …, Sie … Sie halten Frau Helga nicht für schuldig, Herr Harst?! – Oh – verzeihen Sie mir meine Erregung … Verzeihen Sie, daß ich … so zudringlich wurde.“

Er gab Haralds Hand frei …

Tränen standen ihm in den Augen …

„Herr Harst, – – Sie täuschen mich doch nicht …? – Die Herren Detektive sollen zuweilen …“

Harald unterbrach ihn …

„Ich gebe Ihnen mein Wort, Högersen, daß ich Frau Helgas Schuldlosigkeit beweisen werde … Und dabei sollen Sie mir helfen …“

„Oh – – mit Freuden!!“

„Gut – wir werden nachher Gelegenheit haben, uns auszusprechen … Jetzt also das Personal bitte …“

Högersen verließ das Zimmer.

Und zehn Minuten drauf lernten wir dann auch unten in der Diele die vier Personen kennen, die mit rohester Gefühllosigkeit die verlassene Hausherrin gepeinigt hatten …

Die Köchin war eine ältere Person mit Schielaugen und einer dicken, roten Nase, die auf Vorliebe für Spirituosen hindeutete.

Sie hatte einen genau so frechen, herausfordernden Blick wie das Stubenmädchen, der Chauffeur und der Gärtner – letztere beide noch jüngere Leute von jener Heimtücke in den zugekniffenen Augen, wie man sie bei Vertretern dieser beiden Berufsklassen sonst kaum findet.

Harald sagte zu den vieren etwa folgendes:

„Sie wissen, daß wir hierher gekommen sind, den Mörder oder die Mörderin Herrn Baarsörs vollends zu überführen … Ich rechne damit, daß Sie mir meine Arbeit erleichtern werden. Ich werde Sie vielleicht morgen einzeln vernehmen … Im übrigen haben Sie sich, so lange ich hier in der Villa bin, meinen Anweisungen unbedingt zu fügen … – So, nun gehen Sie wieder …!“

Wenn Harald einen scharfen Ton anschlägt und wenn er dabei mit seinen grauen Augen die Betreffenden, denen dieser Ton gilt, auf seine Art mustert, dann muß jemand schon ein sehr dickes Fell haben, sollten Ton und Blick keinen Eindruck auf ihn machen …

Die vier schlichen denn auch mit hängenden Köpfen davon. Dann geleitete uns Högersen nach der Flugzeugfabrik. Den Schlüssel zum Privatkontor des Ingenieurs hatte er bei sich.

Er schloß auf, und wir betraten vom Flur aus ein mittelgroßes Zimmer, das ganz bureaumäßig ausgestattet war.

Dies also war der Raum, wo der Ingenieur den vergifteten Portwein getrunken hatte, wo man ihn dann im Schreibsessel zusammengesunken tot aufgefunden hatte …

Högersen war an der Tür stehengeblieben, hatte die Hände gefaltet und schien zu beten …

Aber – – urplötzlich war er da mit zwei langen Schritten am Schreibtisch …

„Herr Harst, das Glas und die Flasche sind ja verschwunden!!“

 

 

4. Kapitel.

Harst trat neben Högersen …

„Die Polizei hatte also Glas und Flasche hier auf dem Schreibtisch stehen lassen?“

„Ja, Herr Harst … Und noch heute mittag war ich hier … gegen zwölf … Da waren Glas und Flasche noch vorhanden. – Ich begreife nicht, wer hier eingedrungen sein kann … Nebenan sind doch die Bureauräume … Die Fabrik arbeitet ja unter Leitung des Chefingenieurs weiter …“

Harald beruhigte den treuen Diener …

„Regen Sie sich deshalb nicht auf, Högersen … – Hat man denn bei Frau Helga noch Zyankali vorgefunden?“

„Ja … leider, eine ganze Menge, Herr Harst … Sie hatte es aber fraglos für sich allein besorgt … Der Doktor Aarlt, der es ihr gegeben hat, sitzt jetzt in Untersuchungshaft … Er durfte seit längerer Zeit nicht mehr als Arzt tätig sein, hatte aber trotzdem in der Hafenvorstadt als Wunderdoktor großen Zulauf …“

„Hat die Polizei denn festgestellt, ob von der Dosis Zyankali, die Aarlt Frau Helga überließ, etwas fehlte?“

„Das weiß ich nicht …“

„Und wie war’s mit dem Versteck im Ofen und der Diebesbeute?“

Jetzt quollen dem braven Högersen vor Ingrimm die Augen förmlich aus dem Kopfe … Er ballte die Fäuste, reckte sie nach oben, als ob er dem Himmel drohen wolle, der solche Niedertracht zugelassen habe …

„Herr Harst, – – Diebesbeute?! – Oh – ich hab’s ja Herrn Sigurd gesagt, daß Frau Helga so selten einmal nach Göteborg fuhr … so sehr selten …! Und – – gestohlen soll sie haben?! Das ist genau so wahnwitzig wie der Vorwurf, sie habe einen Geliebten, der sie nachts heimlich besucht hätte – – genau so wahnwitzig!! Aber Gott dort droben wird all diese Heimtücke aufdecken, Herr Harst, und Sie werden sein Werkzeug sein. Ich weiß daß Sie dieser vielköpfigen Schlange das Ende bereiten werden, Herr Harst, – genau wie ich weiß, daß mein armer Herr seinem Weibe bitter unrecht tat, weil man ihn blind und taub gemacht hatte für die Worte derer, die es in Wahrheit mit ihm gut meinten!!“

Jetzt hatte Högersen nur die Rechte wie zum Schwur emporgereckt …

„Und wenn man mich aus dem Wege zu räumen versuchte, – und wenn mich der Tod jede Sekunde umlauern sollte: ich will, daß die Wahrheit an den Tag kommt! Und deshalb, Herr Harst: jetzt will ich alles sagen! Herr Sigurd hatte hier der jungen Witwe Olga Gaarsen den Hof gemacht, bevor er Helga kennen lernte. Und die Gaarsen ist reich und wohl zu allem fähig! Wenn jemand einen Mörder schickte, einen Mörder bestach, dann ist’s die Frau Gaarsen gewesen – nur die! – Nun wissen Sie es … Auch die Polizei weiß, daß die Gaarsen damals, als mein Herr die Helga Sörlarg heiratete, aus Wut erst ihre Hunde erschoß und dann wie eine Furie alles in ihrer Wohnung kurz und klein schlug … Aber – die Polizei wagt sich an eine Dame, die sehr reich ist, nicht so leicht heran … Dabei weiß jedes Kind in der Kungsgatan – dort wohnt die Gaarsen neben den alten Baarsörs, – daß die Witwe schon Dinge berissen hat, die jede andere Frau ins Irrenhaus gebracht hätten …“

Harst hörte aufmerksam zu …

Seinem Gesichtsausdruck merkte ich es an, daß er sich all dies genau einprägte … –

Högersens wilde Erregung war nun wieder etwas abgeflaut …

Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn …

Meinte ruhiger: „Sie werden’s nicht leicht haben, Herr Harst … Die Gaarsen ist schlau … Sie hätten nur sehen sollen, wie sie sich beim Begräbnis benahm … Oh – – eine Schauspielerin …!! Ich wünsche keinem Menschen etwas Böses … Aber – – Gerechtigkeit muß sein! Der angebliche Liebhaber, – den hat sie hierhergeschickt … Und der hat nachts die sogenannte Diebesbeute in den Ofen getan, Herr Harst …!! Meinen Kopf möchte ich zum Pfande setzen, daß es so ist …!“

Harald hatte sich in den Schreibsessel gesetzt …

In denselben Sessel, in dem der Ingenieur vom Tode ereilt worden war …

Und langsam, versonnen zog er nun sein Zigarettenetui hervor und zündete sich eine Mirakulum an …

Der Sessel stand etwa anderthalb Meter vom Schreibtisch entfernt …

Harsts Blick hing unverwandt an der linken Seite der Öffnung des Diplomatenschreibtisches …

Unverwandt …

Dann bückte er sich …

Richtete sich wieder auf …

Meinte: „Wir können gehen, Högersen … Ich möchte nun den Salon Frau Helgas in Augenschein nehmen …“

So schritten wir denn wieder den Weg zurück, der über den buschreichen Höhenrücken nach den Gutsgebäuden führte.

Wir kamen in den Park …

Harald hatte die Augen überall …

Harald hatte keinen Sinn für die Schönheiten dieses Juninachmittags, keinen Sinn für die prächtigen gärtnerischen Anlagen und für die baulichen Reize der zierlichen Villa …

Auf seiner Stirn drohten die drei senkrechten Falten … Sein Blick war in sich gekehrt …

Und so betraten wir drei denn nun den Salon Frau Helgas, – ein molliges, elegantes Nestchen, behaglich, erfüllt von einem zarten Duft nach Lilien …

Harst untersuchte den Ofen …

Högersen erklärte, wo die „Diebesbeute“ gelegen hätte …

Und rief:

„Herr Harst, – – da, ein Brief in dem Aufsatz …!“

Und er zog einen leicht angeschmutzten Brief hervor …

„An Sie, Herr Harst …!“ meinte er staunend …

Harald schob den Brief in die Tasche. „Das hat Zeit.“

Und nun begann der Rundgang durch die ganze Villa …

Über alledem wurde es sieben Uhr …

Högersen fragte, wann wir zu speisen wünschten …

„Wir fahren nach der Stadt“, erklärte Harald … „Wann wir zurückkehren, ist ungewiß … Wir nehmen den Schlüssel vom Vordereingang mit. Lassen Sie den Chauffeur das Auto fertigmachen, lieber Högersen …“

Wir befanden uns jetzt nach Beendigung des Rundgangs wieder in Frau Helgas Salon …

Högersen eilte davon …

Harst zog den Brief aus der Tasche, schnitt den Umschlag auf und zog den eleganten Briefbogen heraus …

Eine flotte, unverstellte Männerhandschrift:

Sehr geehrter Herr Harst,

falls Sie zuverlässige Helfer brauchen, gehen Sie nach der Nordecke der Parkmauer. Wir sind unser drei, die für Helga alles wagen wollen – alles!! Und wir verstehen von Ihrem Beruf etwas, wenigstens zwei von uns, freilich vom … entgegengesetzten Ende!

Die drei.

Harst lächelte flüchtig …

„Was meinst du, mein Alter … Ob wir uns diese Helfer ansehen?“

Wir gingen durch den Park …

Die Nordecke war bald gefunden …

Und gerade hier befand sich eine kleine verschlossene Gitterpforte in der hohen Ziegelmauer, die oben noch durch vier Stacheldrähte geschützt war.

Durch die Gitterpforte sah man über grüne Felder und Wälder hinweg …

Dann erschien plötzlich vor der Pforte ein älterer Mann, der wie ein Bauer angezogen war …

Faßte an den verwitterten Filzhut …

Sagte: „Einer der drei, Herr Harst … – Was befehlen Sie?“

„Bewachen Sie Villa und Park … Wir fahren nach Göteborg … Ich möchte wissen, wer mit dem Personal der Villa verkehrt … Nur Högersen ist ausgenommen …“

„Natürlich!“ nickte der graubärtige Bauer, der ohne Zweifel verkleidet war … Die jungen, lebhaften Augen paßten nicht ganz zu einem Manne in den Sechzigern …

„Wir werden um ein Uhr morgens hier an der Pforte sein“, erklärte Harald weiter … „Auf Wiedersehen …“

Ich wunderte mich …

Wunderte mich, daß Harald diesem Manne Vertrauen schenkte …

Als wir zur Villa zurückkehrten, fragte ich geradezu:

„Bist du so felsenfest überzeugt, daß diese drei es ehrlich meinen?“

„Ja, mein Alter … Denn zwei verstehen etwas von unserem Beruf, aber vom entgegengesetzten Ende, das heißt: es sind … Verbrecher, Gauner, Hochstapler! Und da Helgas Brüder Hochstapler sein sollen, nehme ich an, daß sie ihrer Schwester zu Hilfe geeilt sind und daß Helga … die dritte ist! Gestern auf dem Fährschiff bei der großen Gerichtssitzung, traten auch ein altes Ehepaar mit ihrem Sohne, angeblich Stockholmer, vor den Tisch und wiesen sich aus … Der Ehemann war derselbe Mensch wie der Bauer – – Helgas Bruder, und Helga war als Matrone verkleidet, als Ehefrau … – Ich mag mich täuschen … Ich glaube es aber nicht … – – So, nun hinein ins Auto …“

 

 

5. Kapitel.

Wir spielten hier in Göteborg diesmal zur Abwechselung mit offenen Karten. Wir waren als Harst und Schraut hier eingetroffen, und als Harst und Schraut empfing uns auch die blonde Witwe Olga Gaarsen, eine sehr stattliche Erscheinung, – leider übernervös, zerfahren und mit krankhaft flimmernden Augen …

Diese Augen verrieten dem Eingeweihten sehr viel: Frau Gaarsen war Kokainistin!

Der Raum, in dem wir dann Platz nahmen, war der vermögenden Witwe Bibliothek … –

Harst begann von Sigurd Baarsör zu sprechen …

„… Sie haben ihn gekannt, gnädige Frau … Ob nicht doch die Möglichkeit eines Selbstmordes vorliegt?“

So warf er sein Netz aus …

Frau Gaarsen lachte bitter auf …

„Herr Harst, wir wollen ohne Umwege einig werden“, sagte sie und legte Harald impulsiv die Hand auf den Arm. „Sie haben fraglos über mich vielerlei erfahren … All das ist richtig – größtenteils! Ich habe Sigurd geliebt … Ich war verzweifelt, als er eine andere wählte … Ich griff zu Betäubungsmitteln … Ich habe meine Nerven ruiniert … Nur eins habe ich nicht getan: ich habe nie versucht, Sigurds Ehe zu zerstören! Im Gegenteil: nachdem ich diese Helga einige Male auf der Straße gesehen hatte, kam ich zur Vernunft … Ich konnte es mit Helga äußerlich nicht aufnehmen … Aber – leider war’s da zu spät …“

„Kokain!“ meinte Harst leise …

Sie nickte nur und lehnte sich wieder in den Sessel zurück. Und dann erklärte sie leise:

„Meine blinde Leidenschaft für Sigurd erstarb … Dann drangen Gerüchte an mein Ohr, daß die Ehe unglücklich sei, daß Sigurd hier in der Stadt sehr ausschweifend lebe, daß seine Frau nur noch allein dort in der Villa Barnalundi hause … Die Frau tat mir leid. Ich schrieb an Sigurd … dreimal … Erst auf den dritten Brief antwortete er … Wollen Sie seine Antwort lesen, Herr Harst?“

„Bitte …“

Sie holte das Schreiben aus einer großen altertümlichen Eisentruhe …

Harst hielt den Brief so, daß ich mitlesen konnte …

Verehrteste Freundin,

verzeihen Sie, wenn ich Ihre beiden ersten Briefe unbeantwortet ließ. Ehrlich: ich wußte nicht, was ich antworten sollte! Daß gerade Sie für meine Frau eintraten, mußte mir – ehrlich! – als … Heuchelei erscheinen. Ihr dritter Brief zeigte mir die Dinge jedoch in anderem Lichte. Ich danke Ihnen für Ihre gutgemeinte Einmischung, muß mir aber leider hinsichtlich meiner rein persönlichen Entschließungen meine volle Freiheit bewahren. Meine Ehe wird durch niemand mehr zurechtgerückt werden können. Ich habe unumstößliche Beweise, daß Helga insgeheim Dinge treibt, die sie mir entfremden mußten. Ihr Vorhaltungen zu machen, dazu bin ich zu stolz und stehe auch den Nachtseiten des Lebens zu fern, als daß ich Charakterfehler, die in der Herkunft begründet sind, ausmerzen könnte.

Ihr sehr ergebener

Sigurd Baarsör.

Harald fragte, ob er diesen Brief behalten dürfe …

„Bitte … – Sie können sich wohl denken, Herr Harst, wie sehr ich mir das Hirn darüber zergrübelt habe, was Frau Helga getan haben könnte, welcher Art ihre Verfehlungen sein könnten … – Jetzt weiß es alle Welt: sie war Kleptomanin, Diebin aus unüberwindbarem Zwang zum Stehlen! – Ich verurteile sie deswegen nicht.“

Eine längere Pause folgte …

Harald starrte auf den Brief …

Ich dachte mit einiger Beschämung daran, daß wir diese Frau lediglich auf Högersens Angaben hin für schuldig gehalten hatten … – Oder – hatte Harald es doch nicht getan?!

Frau Gaarsen war ja ohne Zweifel über jeden Verdacht erhaben … Wenn sie auch nur an diesem Giftmord irgendwie beteiligt gewesen wäre, so würde sie niemals einem Harald Harst gegenüber diese Sicherheit des Benehmens aufgebracht haben! –

Dieses Schweigen nahm sehr bald beängstigende Formen an …

Und als er nun endlich wieder zu sprechen begann, da tat er’s, ohne den Blick zu heben …

Immer noch starrte Harald auf den Brief …

Meinte versonnen:

„Gnädige Frau, haben Sie sich über den Mord ein Urteil gebildet?“

„Ja …! Das eine, daß Frau Helga schuldlos ist und daß hier ein ganz infamer Schurkenstreich vorliegt – etwas Ungeheuerliches an Verderbtheit, um die Ärmste völlig zu vernichten! Wenn ich, Herr Harst, Ihnen heute als diejenige hier gegenübersäße, die ich damals vor etwa drei Jahren war, das heißt ein von Eifersucht, Haß und Wut innerlich zerfressenes Weib, dann müßte ich Ihnen vielleicht bekennen: im habe Sigurd umgebracht! Denn mit diesem Gedanken habe ich damals wiederholt gespielt. Ich wollte zuerst ihn und dann mich erschießen. – Doch seitdem hat sich in mir eben eine so vollkommene Wandlung vollzogen, daß ich Ihnen heute offen in die Augen sehen und Sie nur bitten kann: beweisen Sie Helgas Unschuld! – Wenn ich Sie dabei irgendwie unterstützen kann: mit tausend Freuden tue ich’s.“

„Hegen Sie irgendeinen Verdacht?“ fragte Harst gedämpft.

„Nein – – keinen! Ich stehe vor einem Rätsel. – Selbstmord – wie Sie vorhin andeuteten, ausgeschlossen!! Sigurd liebte das Leben, liebte seine Arbeit, seine Erfolge … Er war jung … Das Geld floß ihm zu … Die Stadt war stolz auf den berühmten Sohn … – Weshalb sollte er sich töten?! Seiner Ehe wegen?! Die hatte er doch selbst zerstört! Und sein Benehmen bewies, daß ihm dies in keiner Weise nahe ging. Überhaupt: brauchte er den Namen Baarsör derart in den Staub zu ziehen, daß er die Polizei auf die Diebstähle seiner Frau aufmerksam machte?! War dies Verhalten nicht Unnatur?!“

Harald horchte auf …

„Wie – – er selbst?!“ fragte er ungläubig …

„Gewiß – – er selbst tat es dem Anwalt gegenüber, den er mit der Einreichung der Scheidungsklage beauftragt hatte …! Und durch den Anwalt mußte es doch zur Kenntnis der Polizei gelangen – – mußte! Das war unausbleiblich …! – Konnte ihm also auch nur das geringste an seiner Frau liegen?! Konnte er seelisch leiden?! Niemals – – niemals! Für ihn war Helga abgetan. Und das muß andere Gründe gehabt haben als die, die er mir im Briefe andeutete und die nun geklärt sind. Welch ein Widerspruch in sich, Herr Harst, daß ein Mann einen Skandal heraufbeschwört, der seine Familie, sich selbst und eigentlich die ganze Stadt blamiert …! Und nun, Herr Harst, nachdem ich dies alles gleichsam als Vorrede vorausgeschickt habe, will ich nochmals auf den Mord zu sprechen kommen. Vorhin lehnte ich diese Möglichkeit ab. Jetzt, wo ich mir selbst die Ereignisse nochmals vergegenwärtigt habe, jetzt möchte ich offen meine Ansicht umwandeln und sagen: Nach alledem kann man nur annehmen, daß Sigurd Baarsör, wie dies bei hochintelligenten Leuten oft der Fall ist, doch einen geistigen Defekt gehabt hat, der sich freilich nur auf einen engen Ideenkreis beschränkte …: auf seine Heirat mit diesem Mädchen aus einer … Verbrecherfamilie! Und dieser selbe geistige Defekt macht somit auch einen Selbstmord wahrscheinlich, – einen Selbstmord, den er mit dem Gifte verübte, das er bei seiner Frau fand, – ein Selbstmord, der nichts anderes ist als der Racheakt eines Irrsinnigen am eigenen Weibe, auf das er den Mordverdacht lenken wollte!“

Harald verbeugte sich jetzt vor der schönen Frau. In dieser Verneigung lag so ein ganz klein wenig Ironie …

„Allen Respekt vor Ihrer geistigen Regsamkeit“, meinte er.„Sie übersehen nur das eine, gnädige Frau, daß der Ingenieur die Barnalundi seit etwa ein und drei Viertel Jahren nicht mehr betreten hat, mithin auch das Gift nicht an sich nehmen konnte oder besser einen Teil davon … Der brave Högersen betonte: seit ein und drei Viertel Jahren ist Baarsör nicht in der Villa gewesen!“

„Oh – er kann ja mit einem der Dienstboten unter einer Decke gesteckt haben! Der Chauffeur zum Beispiel soll ein ganz gefährlicher Bursche sein.“

„So?! Wissen Sie genaueres über ihn?“

„Nur von meinem eigenen Chauffeur, der sich sehr gewundert hat, daß Sigurd gerade jenen Menschen an Stelle seines früheren tadellos beleumundeten Fahrers in seinen Dienst nahm. – Halt – noch etwas, ehe ich’s vergesse … Ist Ihnen bekannt, daß Sigurd vor zwei Jahren, also nach einjähriger Ehe, das Personal der Villa gegen den Wunsch seiner Frau bis auf Högersen wechselte?!“

„Nein!“ Und Harst war genau so erstaunt wie ich …

„Ja, denken Sie …!“ rief Frau Gaarsen, „er entließ vier vorzügliche Leute und besetzte die Stellen mit Personen, die niemand anders ins Haus genommen hätte. – Was sagen Sie dazu?!“

„Ich finde das außerordentlich auffällig, und ich bin Ihnen für diese Mitteilung sehr dankbar – außerordentlich dankbar!“ Harald liebt sonst keine überschwenglichen Ausdrücke. Daß er dieses „außerordentlich“ sogar zweimal anwandte, gab diesem Personalwechsel eine besondere Bedeutung.

Was wir sonst noch mit Frau Olga Gaarsen besprachen, brauche ich hier nicht anzuführen.

Wir verabschiedeten uns gegen neun Uhr. Unser Auto mit dem „gefährlichen“ Chauffeur hatte unten vor dem Hause gewartet und brachte uns nun nach der Polizeidirektion, wo wir den Leiter der Kriminalabteilung noch antrafen. Der Herr begrüßte uns mit einiger Reserve. Harald fragte, ob man festgestellt habe, ob von der Dosis Zyankali, die der Doktor Aarlt Frau Helga überlassen, etwas fehle.

„Natürlich muß etwas fehlen“, polterte der Kriminalinspektor hervor …

„Muß?! – Wollen Sie nicht einmal Doktor Aarlt fragen, wieviel Zyankali er Frau Baarsör übergeben hat?“

Erst wollte der Kriminalinspektor hiervon nichts wissen. „Wozu das?! Ich denke, die Frau hat durch ihre leider geglückte Flucht schon genügend bewiesen, daß sie die Mörderin ist …“, meinte er.

Aber Harald blieb hartnäckig, und nach einer Viertelstunde schon war durch Doktor Aarlts Befragung festgestellt, daß das in der Villa gefundene Zyankali genau dasselbe Gewicht hatte wie die Menge, die Aarlt an Helga ausgehändigt hatte: genau ein Gramm – genau! – Doktor Aarlt hatte erklärt, er habe Frau Baarsör ein Gramm abgewogen. Das nehme er auf seinen Eid.

Der Kriminalinspektor machte ein recht langes Gesicht, und Harst sagte beim Abschied: „Halten wir dies vorläufig geheim, damit wir die Dinge ungestört vollends aufklären können.“

Als wir wieder auf die Straße hinaustraten (das Auto hatten wir vorhin schon nach Barnalundi zurückgeschickt), sagte Harald:

„Nun werden wir uns mal, obwohl es bereits zehn Uhr ist, des Ingenieurs hiesiges Heim ansehen. Frau Gaarsen nannte uns ja Straße und Nummer: Farnögatan Nr. 11, eine Treppe … Es soll eine Parallelstraße der Kungsgatan sein …“

Dann standen wir vor dem Hause Nr. 11.

Unten war ein größeres Restaurant …

„Ah – da können wir gleich Abendbrot essen“, meinte Harald …„Also hinein mit uns …“

Das uns bedienende Mädchen war sehr zutraulich, ohne je irgendwie aufdringlich zu werden. Von ihr erfuhren wir, daß Herr Sigurd Baarsör oben im Hause drei möblierte Zimmer innegehabt habe und daß in diesen Räumen die wüstesten Gelage stattgefunden hätten …

Um halb zwölf brachen wir auf …

Seltsam: Harald mußte von der Kellnerin herausgelockt haben, wie man von der Kneipe in den Hof gelangte …

Mit einem Male standen wir jedenfalls auf dem halbdunklen Hofe, sahen vor uns eine Mauer und hinter der Mauer hohe Bäume …

Noch seltsamer: Harald suchte nach einer Leiter, fand sie, lehnte sie an die Mauer und stieg empor …

Ich ihm nach …

Wir schritten oben auf der breiten Mauerkrone entlang und kamen so bis an die Wand des Seitenflügels von Nr. 11, – fast bis an ein Fenster des ersten Stockes heran …

Harst beugte sich zur Seite …

Ein Sprung – er saß auf dem Fenstersims …

Und – der eine Flügel war nur angelehnt …!

Ich folgte …

So kamen wir denn in ein elegant eingerichtetes Schlafzimmer …

Der Lichtkegel von Harsts Taschenlampe glitt umher …

Die Verbindungstür zum Nebenzimmer stand halb offen … Ein Vorhang war an der anderen Seite angebracht …

Lautlos hob Harald den Vorhang …

Und wir konnten nun durch das Nebenzimmer und eine offene Schiebetür in ein drittes Zimmer hineinsehen …

Dort brannte Licht …

Dort saß vor einem großen Diplomatenschreibtisch eine Frau und ordnete Briefe …

Der grünliche Schein der Schreibtischlampe ließ ihre Gestalt im Schatten …

Nun neigte sie den Kopf tiefer …

Und da – – ging mir die Erkenntnis auf: dies waren des Ermordeten drei Zimmer, und das hagere Weib dort war Sigurd Baarsörs Mutter! –

Harst zog mich rückwärts …

Ließ den Vorhang niederfallen …

Wir verließen das Schlafzimmer und standen gleich darauf wieder im Hofe hinter einem kleinen Stalle, behielten das eine Fenster und die Mauer im Auge …

Genau um zwölf Uhr erschien Frau Gunvor Baarsör, schwang sich vom Fenster auf die Mauer und stieg drüben auf einer dort lehnenden Leiter in den Garten hinab … verschwand …

Sagte Harald da flüsternd:

„Das Haus, zu dem der Garten gehört, ist das des alten Baarsör, mein Alter …!“

Wir nahmen ein Auto und ließen uns bis in die Nähe des Gutes Barnalundi bringen.

Zu Fuß wanderten wir dann der Nordecke der Parkmauer zu, wo uns „die drei“ erwarten wollten … –

Die schwedischen Nächte im Juni sind bedeutend heller als bei uns …

So erkannten wir denn schon von weitem neben der Gitterpforte der Parkmauer drei Gestalten, zwei Männer und ein Weib …

Ich war gespannt, ob Harald recht behalten und ob wir hier Helga wiedersehen würden …

Ich hätte nicht so gespannt sein sollen …

Wir näherten uns den dreien …

Der eine Mann kam uns entgegen …

Plötzlich begannen mir die Augen scharf zu tränen …

Ich spürte einen merkwürdigen Geruch …

Mir wurde es schwarz vor Augen …

Und Max Schraut schlug der Länge nach in das grüne Gras …

 

 

Mord oder Selbstmord?!

 

 

1. Kapitel.

… Was war das nur …?!

Was nur?!

Wirklich die Klänge einer Drehorgel?!

Nein – das war ein wildes Durcheinander von Melodien.

Eine Katzenmusik von mindestens sechs Drehorgeln …

Zwischenein brüllende Stimmen …

Kreischende Geräusche …

Läuten von Schiffsglocken …

Und alles verschwommen …

Ein Lärm, der an meine Kindertage mich erinnerte, an Jahrmarkt, Rummelplätze, Schaubuden, Karussells … –

So war der Lärm, der an mein Ohr drang …

Als erstes, nachdem ich das Bewußtsein wiedererlangt hatte.

Um mich her Dunkelheit …

Schräg über mir ein matt rötliches Viereck … Ein kleines Fenster, das mit einem roten Stück Leinwand verhängt war.

Dann fielen mir die Augen wieder zu …

Die übergroße Mattigkeit nach der tiefen Betäubung ließ mich wieder in die Abgründe traumlosen Schlafes hinabgleiten …

Und doch nur für kurze Zeit …

Das erneute Erwachen brachte mir einen klareren Kopf und empfänglichere Sinne …

Ich fühlte, daß ich lang ausgestreckt auf Decken lag, gefesselt und geknebelt … Die Arme waren mir über der Brust festgeschnürt, und die Ellenbogen offenbar an Nägel gebunden, die man durch die Decken in den Fußboden dieses Kerkers getrieben hatte …

In einer Ecke unterschied ich Kisten und Stangen …

Und dann noch: ein übler Geruch herrschte in diesem Raume, ein Geruch nach … Affenhaus … Und in den Kisten drüben bewegte sich etwas …

Ich hörte ein schrilles Kreischen und Schnattern …

Ich hörte ein Rumoren, ein eiliges Hin und Her wie von Tieren, die sich jagten …

Affen …!! Ohne Zweifel Affen! Das Kreischen war zu charakteristisch …!

Außerdem noch etwas: der Lichtschein draußen, der das Fenster erleuchtete, blieb nicht gleich stark, verringerte sich, wurde wieder kräftiger – mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

Das konnte nur einem sich drehenden Karussell und seinen Lampen zuzuschreiben sein!

Und dies und die Affen und die Katzenmusik und die Stimmen der Ausrufer besagten genug – übergenug!!

Ein Rummelplatz!

Und dieser Raum hier ein Wagen von Schaustellern …!! Ein Gerätewagen!

Und – – ich nicht allein in diesem Kerker!!

Neben mir ein Laut – ein tiefes Atmen …

Ich drehe den Kopf …

Erkenne eine menschliche Gestalt …

Neben ihr eine zweite …

Kann jedoch nicht feststellen, wer es ist.

Menschen jedenfalls, Leidensgefährten …

Vielleicht Harald …

Vielleicht – – ja, – wer denn noch?!

Wer?!

Und da fällt mir die Szene ein, wie einer der drei „Helfer“ auf uns zukam, von der Parkmauer her …

Wie wir beide in diesen dreien nichtsahnend Helga und ihre Brüder vermutet hatten und wie dann die unsichtbare Welle betäubenden Gases uns entgegenschlug …

Helga und ihre Brüder?!

Oh – – der Brief im Ofen war ja ohne Zweifel Betrug gewesen … Ein Betrüger der als Bauer verkleidete Mann an der Gitterpforte …

Alles nur darauf berechnet, uns unschädlich zu machen!!

Und doch: wer war das dritte Opfer hier neben mir?! Wer nur?!

Ich strengte meine Augen über Gebühr an, um Einzelheiten zu unterscheiden …

Unmöglich, die Gesichter zu erkennen …

Sie blieben nur hellere Flecke …

Und doch schien es mir so, als ob die dritte Person Harald sein müßte …

Schien …!

Ich konnte mich auch irren …

So lag ich denn da mit meinem schmerzenden Schädel, in dem ein Räderwerk von spitzen Nadeln mein Hirn zu zerreißen schien und ließ dann langsam die Einzelheiten des Falles „Sigurd Baarsör“ wieder an mir vorüberziehen, bunte Bilder, in denen ich nach einem Hinweis auf die Leute suchte, die uns hier nun gefangen hielten …

Ein einzelner konnte es niemals sein … Drei zum mindesten – die drei an der Mauer! Vielleicht noch mehrere!

Und ich schaute eins der Gedankenbilder besonders kritisch an: als wir bei Frau Olga Gaarsen in der Bibliothek gesessen hatten …!! Ob Frau Gaarsen uns getäuscht hatte?! Ob all ihre schönen Reden Lug und Trug gewesen und der Brief des Ingenieurs etwa eine Fälschung?! –

Ein anderes Bild …

Wie eine Kinoszene …

Wir beide in der Tür des Junggesellenheims Sigurd Baarsörs stehend und die hagere Frau Gunvor dort am Schreibtisch beobachtend …

Dann dieselbe Frau aus dem Fenster steigend – auf die Mauerkrone kletternd – im Garten verschwindend …

Seltsam – – sehr seltsam für eine Dame der besten Gesellschaft!

Weshalb hatte sie sich gerade nachts in das Heim des Toten eingeschlichen?! Und – ob sie diesen Weg nicht schon häufiger zurückgelegt hatte?!

Wahrscheinlich!!

Eins war gewiß: der Fall Sigurd Baarsör, der sich nun auf zwei Hauptfragen konzentriert hatte – Mord oder Selbstmord?! – – dieser Fall war nicht so einfach zu lösen … Dieser Fall hatte uns nun seine gefährlichen Seiten gezeigt, hatte sich immer mehr verwirrt …

War der Ingenieur tatsächlich mit einem geistigen Defekt belastet gewesen?! War er irrsinnig gewesen? Hatte er Selbstmord verübt, um seine Frau in eine schwere Anklage zu verstricken?!

Wo lag die Wahrheit?!

Ich schloß die Augen …

Alles Grübeln war zwecklos …

Ich lauschte auf das Gedudel der Drehorgeln, auf das Kreischen der Affen …

Plötzlich … fuhr eine Hand über mein Gesicht …

Eine kühle kleine Hand …

Ich reiße die Augen auf …

Auf meiner Brust hockt ein Äffchen …

Und dort rechts huschen noch drei andere kleine behaarte Gestalten umher …

Die Affen sind ausgebrochen …

Der, der mir auf der Brust hockt, betastet mein Gesicht.

Der Knebel in meinem Munde scheint ihm zu mißfallen.

Er zerrt an der Schnur …

Seine zierlichen Finger lösen den Knoten …

Und – mit einem Male kann ich den Knebel mit der Zunge herausstoßen …

Ich atme tief … ganz tief …

Die Luft hier in dem engen Wagen ist ja wahrlich nicht balsamisch – im Gegenteil …

Aber diese ersten freien Atemzüge bedeuten ja auch … die Freiheit!!

Gepriesen sei der kleine Affe, der jetzt, als ich den Kopf bewege, schleunigst davonspringt …

Gepriesen, – denn – – ich kann meine Zähne gebrauchen …! Ich kann mit meinen Zähnen – und die sind so echt wie meine Glatze! – an die Knoten meiner Handfesseln heran, und nicht zum ersten Male geschieht’s, daß ich Fesseln, Knoten mit den Zähnen löse …!

Ich mache mich an die Arbeit …

Es – – gelingt …!

Ich habe die linke Hand frei …

Es genügt …

In wenigen Minuten kann ich mich erheben …

Die Affen flitzen hin und her …

Ich betaste meine Taschen …

Hallo – – da ist meine Taschenlampe …

Und wahrhaftig, – – da ist auch meine Clementpistole!!

Oh – müssen die Burschen sich sicher fühlen, die uns fingen …! Müssen die von der Güte der Fesselung überzeugt sein!!

Freilich – an die Affen hatten sie nicht gedacht …! –

Meine kleine Lampe blitzt auf …

Und ich sehe Harst …

Da hat dicht neben mir eine Frau gelegen …

Das war meine Nachbarin …

Eine Frau – scheinbar alt, Runzeln, graues Haar … Aber junge blaue Augen …

Helga – – doch Helga!!

Und dort nach der Rückwand des Wagens hin – – noch zwei Männer …

Der eine – – der Bauer, der mit uns gesprochen, Helgas Bruder …!

Als ersten befreie ich Harst, dann die andern …

Und kaum fertig damit, verstummt draußen auch schon die Katzenmusik …

Der Rummel wird geschlossen …

Harst befiehlt – – wir gehorchen …

Kein überflüssiges Wort …

Harst versperrt die Affenkiste wieder … Wir andern legen uns nieder, wie wir vorhin gelegen …

Jeder weiß, was er zu tun hat …

Nun müssen sehr bald die erscheinen, die uns fingen …

Wir warten und halten die Waffen bereit …

Wir wissen, daß wir jetzt die Vorhand haben – das bessere Spiel, die besseren Aussichten. –

Die Lampen der Karusselle erlöschen …

Unser Fenster wird dunkel …

Und doch vergeht noch eine Viertelstunde, bevor wir draußen Stimmen hören, Lachen, Kreischen von Weibern …

Auch das verstummt …

Nur unsere Äffchen in ihrer Kiste, die so kurze Zeit halbe Freiheit gekostet haben, sind unheimlich munter …

Schnattern, – als ob sie uns undankbare Menschen beschimpfen, weil wir ihnen ihren Liebesdienst so schlecht gelohnt haben …

Endlich … Schritte auf der Treppe, die zur Wagentür emporführt …

 

 

2. Kapitel.

Endlich kreischt ein Schlüssel im Schloß der Wagentür.

Endlich fällt Laternenschein in das Dunkel, – gleitet über uns hinweg …

Wir liegen, als ob wir noch immer geknebelt und gebunden …

Zwei Männer, ein Weib …

Alle drei vermummt … Die Gesichter verborgen hinter schwarzen Lappen …

Das Weib drückt die Tür zu …

Ah – so ist’s recht …

Heidi – – aufgesprungen, eingepackt, zugeschlagen …

Heidi – – wir haben sie fest …

Wir sind Sieger …

Wir reißen den dreien die Lappen herunter …

Das Weib, der eine Mann: uns fremd!

Der zweite aber, – he – das ist Herr Sven Nordscjöld, der Fragwürdige von der Fähre!!

Unsere Pistolen drohen …

Die drei sind zahme Lämmer …

Denn was Harst ihnen da vorträgt, ist sehr eindeutig: Ungehorsam – – eine Kugel!! – Sehr eindeutig!!

Sie stehen nebeneinander an der Rückwand, die drei …

Wir fünf ihnen gegenüber …

Grell beleuchtet sind die drei …

Jedes Mienenspiel wird beobachtet …

Und Harst fragt den Kerl von der Dampffähre:

„Wer sind Sie?“

Schweigen …

„Seien Sie verständig, Mann!“ warnt Harald. „Wenn ich die Polizei herbeirufe, wandern Sie ins Zuchthaus. Sie haben uns auf dem Trajekt ersäufen wollen … Sie besaßen Papiere eines Kaufmanns Sven Nordscjöld … Natürlich heißen Sie ganz anders … – Heraus mit der Sprache!“

Der Mann wird gefügig …

„Ich bin der Mitbesitzer eines Karussells … Mein Name ist Holger Hangson … Der dort ist mein Bruder Friedrich, und das da seine Frau Anna …“

„Und das ist die Wahrheit?“

„Ja, Herr Harst …“

„Dann bleiben Sie bei der Wahrheit … Nur das kann Sie vor dem Zuchthaus retten … Ich werde Sie schonen, wenn Sie ehrlich sind – nur dann! Andernfalls … – nun, – Sie kennen mich!“

„Ja, Herr Harst … Ich weiß, daß Sie nachsichtig sein können … – Die Sache ist die, Herr Harst … Die Geschäfte gehen schlecht … Unser Karussell ist veraltet … Da hatten wir denn, mein Bruder und ich, um nähere Schulden loszuwerden, einen … einen Einbruch ausgekundschaftet, der sich lohnte … bei einer reichen Witwe in der Kungsgatan …“

„Bei Frau Gaarsen?“

„Ja … Aber – – woher wissen Sie das, Herr Harst?“

„Sprechen Sie weiter … – Sie führten diesen Einbruch aus und wurden abgefaßt?“

„Erst als wir das Haus durch den Garten wieder verließen – nach der Farnögatan zu – – mit der Beute … Da trat uns ein Mann entgegen … Wir wollten uns nicht verhaften lassen … Der Mann verlangte blinden Gehorsam, ließ uns dann mit der Beute entweichen … Es waren Silbersachen …“

„Und dieser Mann schickte Sie nach Saßnitz, Holger Hangson?“

„Ja … Mit den Papieren des Sven Nordscjöld und mit dem Befehl, Ihnen und Ihrem Freunde Schraut aufzulauern und Sie beide …“

„… zu ermorden …“

„Ja … – Ich sollte dafür 25 000 Kronen erhalten, – wenn es mißglückte, nur 1000 Kronen …“

„Und der Mann hat Sie, Ihren Bruder und dessen Frau dann auch zu dem neuen Anschlag angestiftet …“

„Ja, – – wir sollten Sie fünf überfallen, wie’s dann auch geschehen … Der Mann gab uns zu diesem Zweck eine Gaspatrone … Nachher sollten wir Sie fünf in den Teich neben der Nordecke des Parkes werfen … – Mit Steinen an den Füßen … Das brachten wir nicht über uns … Wir schleppten Sie hier auf den Schaubudenplatz der Fischervorstadt von Göteborg und hier in den Wagen … Dem Manne habe ich gesagt, daß Sie fünf ersäuft seien. Da gab er mir die versprochenen 30 000 Kronen …“

„Wo trafen Sie mit diesem Menschen zusammen?“

„Stets abends oder nachts in der Kungsgatan unter den alten Linden …“ —

„Wie sah der Mann aus?“

„Er war bucklig, hatte einen schwarzen Vollbart und trug immer einen Gummimantel, der ihm bis auf die Schuhe reichte … Dazu einen Schlapphut, der das Gesicht verdeckte … Ich hätte gern festgestellt, wer der Mann war … Aber es gelang mir nicht …“

„Und was wollten Sie nun mit uns fünfen anfangen?“

„Wir wollten morgen das Karussell abbauen und Göteborg mit den Wagen verlassen … Dann wollten wir Sie irgendwo gefesselt am Wege niederlegen und verschwinden … Wir hofften, Sie würden nicht ahnen, wo Sie sich befunden haben …“

Harst lachte …

„Hangson, Sie sind ein Narr!! Aber ein gefährlicher Narr!! Eigentlich verdienen Sie kein Mitleid … Weil mir aber Ihre Angaben wertvoll sind, will ich Gnade vor Recht ergehen lassen. – Ist Ihnen an dem Manne, der Sie zu diesen Verbrechen anstiftete, irgend etwas aufgefallen?“

Hangson dachte nach …

„Hm – ich glaube, Herr Harst, es war gar kein Mann, sondern ein Weib … Vielleicht die Witwe Gaarsen … – vielleicht …“

„Weshalb nehmen Sie an, daß es ein Weib gewesen sein kann?“

„Der Stimme wegen … Die klang so unnatürlich tief, Herr Harst … Und dann noch die Hände … Es waren sehr schmale lange Hände mit vielen Ringen … Im übrigen aber trat das Weib so energisch auf, daß ich und mein Bruder, als sie uns damals im Garten stellte, nicht zu mucksen wagten … – Doch – – es kann auch ein Mann gewesen sein. Kann – – ich weiß es nicht … Friedrich meint, es war ein Mann.“

„Was haben Sie denn mit der Diebesbeute getan?“

„Oh – die brauchten wir nicht mehr … Die haben wir vorhin durch Anna in den Hausflur der Frau Gaarsen legen lassen … Beim Verkauf der Silbersachen wären wir womöglich noch beklappt worden … Wir haben ja nun die 30 000 Kronen …“

„Und der Mann hat Ihnen ohne weiteres geglaubt, daß Sie uns fünf in dem Teich ertränkt haben?“

„Ja … Ich zeigte dem Manne Ihre Sportmützen und außerdem Papiere, die wir den … den Brüdern Frau Helga Baarsörs abgenommen hatten … Sie wissen doch, Herr Harst, daß die … die Dame Frau Helga Baarsör ist?“

„Gewiß … Und ich rechne es Ihnen, Hangson, hoch an, daß Sie nicht versucht haben, Frau Baarsör gegen uns auszuspielen, die doch steckbrieflich verfolgt wird … Sie hätten mir erwidern können, als ich mit der Polizei drohte, daß dann auch Frau Helga und ihre Brüder verhaftet werden würden …“

Holger Hangson erwiderte mit einer Schlichtheit, die sehr für ihn einnahm:

„Herr Harst, mein Bruder und ich sind in den letzten Jahren geradezu vom Unglück verfolgt worden … Das verbittert die Menschen … Das macht selbst anständige Charaktere dem Verbrechen zugänglich … Wir haben gearbeitet und geschuftet, wir haben in der freien Zeit allerlei andere Arbeiten angenommen … Und doch – es ging mit uns immer mehr rückwärts – immer mehr … Und dann kam die unselige Stunde, wo wir den Entschluß faßten, den Einbruch zu begehen, unsere erste schlechte Tat! Dann … wurden wir Sklaven dieses Unbekannten, von dem wir nicht einmal wissen, ob Mann oder Weib … Wenn’s ein Weib ist, dann ist’s ein leibhaftiger Satan!! – Herr Harst, glauben Sie nicht, daß ich so ohne weiteres mich zu dem Mordversuch hergab! O nein – ich habe mich gesträubt, aber dieser Teufel, dieses hagere Scheusal sagte mir, Sie beide kämen nach Göteborg, um den Diebstahl aufzuklären … Und – – das war der größte Trumpf, den dieser Mann ausspielte! Ich kannte Sie von Namen … Ich sah mich schon im Gefängnis – – Doch – ich will mich hier nicht reinwaschen … Ich bin ein Gestrauchelter, und …“

Seine Stimme hatte bei den letzten Sätzen immer mehr gezittert …

Jetzt versagte sie ihm …

Und Holger Hangson heuchelte nicht … Was er vorbrachte, klang ehrlich und überzeugend …

Harst sagte in seiner milden Art:

„Lassen Sie es gut sein, Hangson … Ein reuiger Sünder ist besser als tausend Pharisäer, die da glauben, die Moral in Erbpacht genommen zu haben … – Es bleibt bei meinem Entschluß: Ich werde schweigen … Und wenn ich den Tod Sigurd Baarsörs aufklären sollte – denn nur deshalb bin ich hier –, so werde ich versuchen, Sie drei auch dann nicht zu erwähnen, falls eben die Polizei mit eingreifen sollte … – Jetzt werden wir fünf uns entfernen. Bleiben Sie fernerhin brav, Hangson! Das Geld, das der Unbekannte Ihnen gab, können Sie …“

„Oh – – nichts davon behalte ich, nichts!“ rief Hangson erregt. „Ich werde es …“

„Schicken Sie es anonym einer Wohltätigkeitsanstalt … – Und hier – – diese tausend Kronen können Sie von mir getrost annehmen … Das, was Sie mir mitteilten, ist mehr wert als nur diese Summe …“ –

Dann schritten wir fünf durch die nächtlich stille Fischervorstadt …

Der eine der Brüder Helgas hatte uns erklärt, daß er uns zu seiner Mutter führen würde … „Falls Sie sich nicht scheuen, Herr Harst, das Heim einer … Hehlerin zu betreten“, fügte er hinzu. „Wir haben doch aber manches miteinander zu besprechen, und anderswo dürften wir kaum sicher genug sein, da nicht nur mein Bruder und ich, sondern auch Helga von der verehrten Polizei mit sehnsüchtigen Blicken erwartet werden.“

Harst hatte nur erwidert: „Bringen Sie uns zu Ihrer Mutter …“

Und so geleitete uns denn der als Bauer verkleidete Gustaf Sörlarg, der älteste der drei Geschwister, bis in eine breitere Straße, bis zu einem schmalen, uralten Hause, vor dem gerade eine Gaslaterne stand.

Das Laternenlicht beschien ein Holzschild über der Haustür mit verwaschenen Buchstaben:

H. Sörlarg

An- und Verkauf alter Sachen jeder Art.

Aber – Gustaf Sörlarg schritt vorüber, nachdem er sich flüchtig umgeschaut hatte …

„Dicke Luft!!“ sagte er auf deutsch zu Harald …

Das hieß nichts anderes als: Gefahr droht!

Wir beschleunigten trotzdem nicht das Tempo, sondern schritten harmlos weiter.

Die Straße senkte sich hier, und nach einer scharfen Biegung schimmerte vor uns ein Seitenkanal des Göteborger Hafens …

Linker Hand lief eine verwitterte Mauer hin …

An dieser Mauer gingen wir auf dem schmalen Fußgängerwege entlang …

Gustaf Sörlarg war plötzlich ein paar Meter voraus und … wie spurlos verschwunden …

Frau Helga, die sich dicht neben mir hielt und die bisher kein einziges Wort gesprochen hatte, flüsterte halblaut, so daß Harald und ich es hören mußten:

„Jetzt rasch … Links hinein … Sigmar wird die Tür wieder schließen …“

Tür?!

In der alten verwitterten Mauer gab es hier tatsächlich ein Türchen, gerade hoch und breit genug, einen Menschen hindurchzulassen …

Kein Türchen gewöhnlicher Art …

Nein – mehr ein geheimes Schlupfloch, das nur Eingeweihte bemerken und öffnen konnten …

Ein Türchen ganz nach Art der Geheimtüren in alten deutschen Schlössern und Burgen: ein Eisenrahmen, mit Mauerwerk ausgefüllt!

Wir also hindurch – – hinein …

Wir sahen zu unserem nicht geringen Erstaunen, daß wir uns in einem schmalen Gange innerhalb der alten Mauer befanden.

Gustaf Sörlarg lächelte spöttisch:

„Das Haus meiner Mutter wird zumeist bewacht … Da waren wieder zwei von den Greifern in der Nähe … Nun mögen sie suchen …! Diese Mauer, Herr Harst, stammt aus dem 17. Jahrhundert und stellt einen Teil der früheren Hafenbefestigungen dar. – So, – – folgen Sie mir bitte.“

Nach etwa hundert Meter führte ein schräger Schacht in die Tiefe. Eine steile Holztreppe brachte uns in einen mit Brettern abgestützten Gang, der sich bis zu einer Mauer hinzog.

Gustaf Sörlarg bückte sich und öffnete hier eine genau gleiche Pforte – ein Türchen, meinte mit überlegener Ironie:

„Herr Harst, ich weihe Sie hiermit in das größte und wichtigste Geheimnis meines Elternhauses ein … Ich kann leider auf meine Eltern ebenso wenig stolz sein wie auf mich und Sigmar. Mein Vater sitzt im Zuchthaus … Meine Mutter ist ein besonderer Liebling der Polizei, aber nie abzufassen. Und trotzdem besitzen wir Sörlargs einen stark ausgeprägten Familiensinn …“

Dann durchschritt er das Pförtchen …

Wir folgten und standen in einem Keller, der in einer Ecke lediglich einen Haufen Kartoffeln enthielt …

Und wenig später saßen wir in einem Hinterzimmer des Sörlargschen Hauses um einen Tisch herum …

 

 

3. Kapitel.

Unter einer Hehlerin, die ihr Ein- und Verkaufsgeschäft für alte Sachen dazu benutzt, um Dieben die Beute billig abhandeln zu können, – unter der Frau eines Zuchthäuslers wird jeder sich eine Vorstellung machen, wie er sie vielleicht irgendeinem Schauerroman entnimmt …

Frau Sörlarg hätte in jedes Kaffeekränzchen braver Handwerkerfrauen hineingepaßt …

Sie war ein rundliches, noch recht frisch aussehendes Weiblein mit einem unendlich gutmütigen Gesicht und freundlichen blaugrauen Augen, denen all das fehlte, was die Verbrecherin kennzeichnen soll …

In diesen Augen war nichts Lauerndes, Verstecktes oder Hinterhältiges … Blank, jung und vergnügt waren sie … Und so war auch das ganze lebhafte Persönchen …

Als ihr ältester Sohn uns ihr vorgestellt hatte, da hatte sie uns zunächst staunend gemustert …

Dann machte sie uns eine Art Knix und sagte freundlich:

„Seien Sie mir in meinem Hause herzlichst willkommen … Ich weiß, wie liebevoll Sie Helga in Berlin behandelt haben … Sie haben das Herz eben auf dem rechten Fleck … – Und nun nehmen Sie bitte Platz, meine Herren … Ich will nur wieder die Hunde in den Hausflur lassen … Dann sind wir vor jeder Überraschung sicher …“

Wir hatten die beiden mächtigen, breitbrüstigen englischen Bulldoggen schon vorhin gesehen …

Und nun saßen wir alle um den großen Sofatisch herum … Tranken Tee und aßen die appetitlichen Brötchen, die Mutter Sörlarg und Helga in aller Eile hergerichtet hatten.

Dann begann Gustaf Sörlarg zu sprechen …

„Herr Harst“, sagte der älteste Sörlarg, „Sigmar und ich waren zufällig gerade in Berlin, als Helga auf ihrer Flucht bei Ihnen Unterkunft fand und dann in den Kleidern Ihrer Frau Mutter wieder weiterflüchtete. Ein Zufall führte uns Helga auf dem Fehrbelliner Platz in den Weg … Wir hatten sie seit Jahren nicht gesehen, und da sie dicht verschleiert war, hätten wir sie nie erkannt. Aber sie erkannte uns … Und alles weitere ergab sich von selbst. Wir beschlossen, nach der Heimat zu reisen und für Helga uns mit aller Kraft einzusetzen. Ein Hochstapler ist ja zugleich ein wenig Detektiv, Herr Harst, muß wissen, wie er den Häschern entgeht und wie diese Häscher arbeiten. – Der zweite Zufall: wir trafen mit Ihnen auf dem Trajekt zusammen! Wir konnten uns als gebürtige Stockholmer ausweisen … Niemand beargwöhnte uns. Und unangefochten kamen wir hier nach Göteborg, wo wir genügend Freunde haben, die uns verbergen würden, bei denen wir wohnen könnten. Unsere Mutter wollten wir zunächst nicht besuchen, sondern erst einmal dafür sorgen, daß wir mit Ihnen und Ihrem Freunde in Verbindung kämen. Ich war’s, der sich in die Villa Barnalundi schlich, als Sie gerade in der Diele das Personal sich vorstellen ließen. Ich wußte, daß Sie sich unbedingt von dem Diener Högersen den Ofen im Damensalon zeigen lassen würden. Deshalb legte ich den Brief in den Ofenaufsatz. Alles ging nach Wunsch. Ich sprach mit Ihnen an der Parkecke, und wir drei haben dann Ihrem Befehl gemäß die Villa beobachtet. Aber – – leider bemerkten wir nichts Auffälliges, während wir anderseits wieder bemerkt worden waren … Und mit einem Male passierte uns dasselbe wie Ihnen: die Gaspatrone tat ihre Schuldigkeit, und wir drei waren gründlich außer Gefecht gesetzt – vielleicht eine halbe Stunde vor Ihrem Erscheinen. Die beiden Hangsons hatten uns eben überrumpelt. Und die Hangsons haben natürlich den Befehl, uns drei zu betäuben und zu töten, von demselben dem Geschlecht nach fragwürdigen Gentleman erhalten, der auch für Sie beide ein so gefährliches Interesse zeigte. Alles weitere wissen Sie … – Es handelt sich nun darum, Herr Harst: Wie können wir diesen hageren Buckligen entdecken? – Denn daß dieser Mensch der Mörder Baarsörs ist, unterliegt für mich keinem Zweifel!“

Harst trank einen Schluck …

Dann meinte er in seiner zuweilen so sehr bedächtigen Art: „Ich möchte doch nicht so ohne weiteres einen Mord annehmen … Die Möglichkeit eines Selbstmordes erscheint mir nicht ganz ausgeschlossen …“

Die beiden Brüder Sörlarg machten sehr erstaunte Gesichter …

„Selbstmord?!“ rief Gustaf …„Nein, – nach alledem, was ich über meinen Herrn Schwager weiß, dürfte …“

„Verzeihung, – Sie wissen eben nicht genug“, unterbrach Harald ihn …„Was Sie wissen, ist nicht so erschöpfend wie die Ergebnisse unserer Erkundigungen hier …“

Jetzt begann auch ich doppelt scharf aufzuhorchen …

Denn mein guter Harald hatte ja im allgemeinen weder über die Witwe Gaarsen noch über Frau Gunvor Baarsörs nächtlichen Ausflug in den Seitenflügel des Hauses Farnögatan 11 sich gründlich geäußert, obwohl er doch fraglos seine besondere Meinung über die beiden Damen sich gebildet hatte.

„Und – was haben diese Erkundigungen ergeben?“ fragte der ältere Sörlarg gespannt …

Harald zögerte – erwiderte dann:

„Das Ergebnis ist so widerspruchsvoll, daß ich es noch näher nachprüfen muß. Der Mörder des Ingenieurs müßte ein menschliches Ungeheuer sein, wie es selten gefunden wird … Und zwar ein Wesen von einer … – doch nein, ich will mich nicht näher darüber auslassen. Jedenfalls erscheint es mir sehr fraglich, ob die Person, die ich beargwöhne, zu solcher Tat fähig wäre. Deshalb will ich auch die zweite Möglichkeit nachprüfen: Selbstmord!“

Die stille Frau Helga meldete sich jetzt – ganz bescheiden … ganz leise …

„Herr Harst, Sie haben vielleicht die Witwe Olga Gaarsen im Auge … Aber …“

„Nein!“ fiel ihr Harald ernst ins Wort. „Nicht Frau Gaarsen … Bestimmt nicht!“

Und das meinte er ehrlich …

Helga seufzte …

„Herr Harst, – wenn’s nicht Frau Gaarsen ist, dann wird die Wahrheit nie an den Tag kommen!“

Und Harald – sehr bestimmt: „Die Wahrheit kommt an den Tag!! – Einige Fragen, Frau Helga … Während Ihrer Ehe wurden die Dienstboten gewechselt … Wer wählte die neuen Leute aus?“

„Sigurd …“

„Und wissen Sie, ob er sich dabei eines Vermittlungsbureaus bediente?“

„Nein …“ – Ihre Augen wurden feucht …„Damals hatte er sich bereits völlig von mir losgesagt … völlig.“

„Mein armes Kind“, flüsterte Frau Sörlarg mitleidig und streichelte die Hände ihrer Tochter. „Du warst viel zu schade für den Menschen, genau so wie du auch nicht in unsere Familie hineinpaßt …“

Und sie machte dazu ein so ehrlich bekümmertes Gesicht, daß man eigentlich hätte lachen müssen über diese ehrliche Selbsterkenntnis …

Dann fügte Frau Sörlarg hinzu:

„Herr Harst, unsereiner hat so seine Beziehungen nach überallhin … Es sind ja meist leider Beziehungen, mit denen man nicht prahlen kann … Aber über das, was in der Stadt vorgeht, weiß ich immer sehr gut Bescheid … So auch über die Familie Baarsör … über diese feinen Leute, die von meiner Helga immer nur so redeten, als ob mein Kind was dafür konnte, daß wir Sörlargs bei der Polizei bekannter sind als beim christlichen Jungfrauenverein … – Wer die vier Kanaillen gemietet hat, Herr Harst, – die vier neuen?! Oh – das kann ich Ihnen sagen … aus bester Quelle, nämlich von der Gesindevermittlerin selbst … Die alte Gnädige hat es getan, der magere Drache, der!! Ja, ja, – die alte Gnädige!! Da machen Sie ein erstauntes Gesicht, Herr Harst, – und doch stimmt’s!“

Allerdings: Haralds Miene glich vollkommen der meinen, und ich schaute drein, als ob mir einer erzählt hätte, ich habe das große Los gewonnen …

So ähnlich …

Denn – diese Erklärung Frau Sörlargs bewies ja einwandfrei, daß der infolge seiner Eheschließung zwischen dem Ingenieur und seinen Eltern bestehende Bruch fraglos schon nach einem Jahr etwa wieder heimlich eingerenkt worden war – heimlich, da die Öffentlichkeit hier in Göteborg davon nichts wußte!

Und – – weshalb heimlich?

Und dann sagte Harst völlig geistesabwesend:

„Es ist ja unmöglich! Es ist wider die Natur! Es kann nicht sein!“

Die hier um den Tisch Versammelten merkten wohl, daß diese Äußerung Haralds nicht einem von uns galt, sondern daß er lediglich seine Gedanken halb unbewußt in Worte gekleidet hatte … – Mir aber hatte diese Äußerung gleichsam einen Blick in ein bis dahin völlig dunkles Gemach gewährt …

In ein Gemach, ähnlich dem, worin Frau Gunvor Baarsör gestern nacht am Schreibtisch gesessen und in Stößen von Briefen gewühlt hatte …

„Es ist wider die Natur!“ hatte Harald gesagt … Und das hatte sich nur auf Frau Gunvor Baarsör beziehen können, wie ich nun begriff …

Noch mehr begriff ich: der hagere Bucklige, der die Brüder Hangson sich untertan gemacht hatte, konnte ebenfalls Frau Baarsör sein – – vielleicht!!

Und Harsts Bemerkung „Wider die Natur!!“ – das galt der Möglichkeit, daß eine Mutter den eigenen Sohn vergiftet haben könnte!!

Das war’s!!

Frau Gunvor Baarsör konnte die Mörderin sein – konnte …!

Hatte nicht Harald vorhin von einem „widerspruchsvollen Ergebnis“ unserer Ermittelungen gesprochen?!

Hatte er den Mörder nicht als „ein menschliches Ungeheuer“ bezeichnet, – – falls eben die Person, an die er dachte, der Täter wirklich sein sollte!!

Und nun, nachdem Helgas Mutter uns offenbart hatte, daß das Zerwürfnis zwischen Eltern und Sohn längst ausgeglichen worden war und daß Frau Gunvor die vier neuen Dienstboten besorgt hatte, – nun gewann auch das von uns nachts Beobachtete, Frau Gunvors Aufenthalt in dem möblierten Heim ihres toten Sohnes, eine ganz besondere Bedeutung …

Ohne Zweifel hatte die hagere Dame diesen Weg durch das Fenster, über die Mauer und durch den Garten nicht zum ersten Male gewählt!

Ohne Zweifel hatte auch Sigurd Baarsör diesen Weg des öfteren benutzt, um ins Elternhaus heimlich zu gelangen! –

All das wogte mir durch den Kopf wie die von verschiedenen Winden aufgerührten Wasser eines Binnensees …

Unklar war vieles bei alledem …

Eins war gewiß: Harald beargwöhnte dieses magere Weib, das uns schon beim ersten Sehen wie eine herausgeputzte Vogelscheuche vorgekommen war! –

Noch immer war es still in Mutter Sörlargs Hinterstübchen, wo die elektrische Hängelampe mit dem lilaseidenen Schirm und den lila Fransen über dem gedeckten Tische ein so behagliches Licht spendete, wo der Tee duftete und jetzt auch unsere Zigarren, die Frau Sörlarg uns nach den Brötchen angeboten hatte …

Ganz still war’s in der altmodisch und doch so traulich eingerichteten Stube …

Nur der Kanarienvogel dort an der Wand hüpfte von Stange zu Stange und zwitscherte leise, als ob er ungehalten darüber wäre, daß seine Herrin so spät noch Gäste hätte …

In dieses Schweigen hinein fielen Frau Helgas Worte wie überlaute Hammerschläge:

„Mutter, wenn Frau Gunvor die vier Dienstboten gemietet hat, die mich so … drangsaliert und gequält haben, dann … dann hat diese … diese Dame auch ihre schmalen Hände bei all dem anderen mit im Spiele gehabt … Dann hat sie meine Ehe und mein Glück zerstört … Dann hat sie mich als Ladendiebin hingestellt, und – – dann ist sie der bucklige Mann, auf dessen Veranlassung die Hangsons Herrn Harst und Herrn Schraut in die See warfen! Dann hat sie nur zum Schein an Herrn Harst sich um Beistand gewandt … Dann … – doch nein, das will ich nicht aussprechen!“

Harst schien erwacht zu sein …

Harst wandte sich an Helga …

„Sie wollten sagen: dann ist sie auch Sigurds Mörderin!! – Aber bedenken Sie, Frau Helga, – was gehört dazu, daß eine Mutter den Sohn tötet!“

Helga schmiegte sich an ihre eigene Mutter und senkte den Kopf und blieb stumm …

Harst fuhr fort:

„Es ist bereits zwei Uhr morgens … Wir alle brauchen die Nachtruhe … Denn an unsere körperlichen und geistigen Kräfte werden vielleicht noch hohe Anforderungen gestellt werden … Morgen ist auch noch ein Tag …“

Frau Sörlarg nickte beifällig …

„Recht so, Herr Harst … Nichts übereilen, nichts übers Knie brechen … Bitte, folgen Sie mir … Ich bringe Sie beide in dem freundlichen Giebelstübchen meines alten Hauses unter … Dort stehen zwei Betten, stets frisch bezogen … Für unerwartete Gäste …“

Sie lächelte beinahe schalkhaft …

„Ja – man bekommt zuweilen Gäste, die nicht gern in einem Hotel logieren … Man hat eben so seine Beziehungen – fast über die ganze Welt …“

Während sie dies sagte, stiegen wir schon die Treppen empor, nachdem wir den drei Geschwistern durch Handschlag Gute Nacht und Auf Wiedersehen geboten hatten …

Und oben in dem weiß getünchten, peinlich sauberen Stübchen mit dem kleinen, dicht verhangenen Fenster fuhr das frische Weiblein fort (daß sie eine schlaue, gefährliche Hehlerin, hatte ich längst vergessen):

„Sie beide, meine Herren, werden mich ja nicht verraten … Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe … Und was mich betrifft: niemand kann für seine … Neigungen!“ Wieder lächelte sie … Das Licht der einfachen elektrischen Pendellampe traf voll ihr rosiges Gesicht und die vergnügten klaren Augen …„Ja – Neigungen, meine Herren …! Sehen Sie, – mein Mann sitzt schuldlos im Zuchthaus … Den Raubanfall, den man ihm zur Last legt, hat er nie begangen … Wir kennen den Täter, aber wir verraten ihn nicht, denn der Mann hat sich lediglich rächen wollen … Und nun spiele ich mit der dummen Polizei Versteck … Jede Woche einmal wird bei mir Haussuchung gehalten. Sie findet nie was, die Polizei … – So, und jetzt, meine Herren, schauen Sie her.“

Sie trat in die Ecke zu dem alten Kachelofen …

Was sie uns zeigte, wird der Leser nachher aus dem Gang der Ereignisse erfahren …

Dann wünschte sie uns angenehme Ruhe und ging …

Harald verschloß die Tür von innen, die ein Patentschloß hatte …

 

 

4. Kapitel.

Ich schaute meinen Harald an und sagte: „Weißt du, in dem Hause einer Hehlerin haben wir doch noch nicht genächtigt …“

„Nein … Man sieht, mein Alter, das Leben beschert uns doch noch immer mal etwas Neues … Das Leben schreibt seine Romane mit einer Phantasie, im Vergleich zu der die eines Allan Poe zum Beispiel ein Greisenhirn ist!“

Und er setzte sich in eine Ecke des kleinen altmodischen Glanzledersofas …

Nahm eine Mirakulum … Rauchte still ein paar Züge …

Ich sagte: „Dieses Haus ist ein veritabler Fuchsbau … Jetzt wohnen hier Füchse, Jagdhunde und ein liebliches Reh friedlich zusammen …“

„Du wirst poetisch, lieber Alter … Mit den Füchsen spielst du auf Mutter Sörlarg und ihre Söhne an … Die Jagdhunde sind wir, und das liebliche Reh soll wohl Helga sein … – Nicht schlecht gesagt, mein Alter … Nur – die Poesie wollen wir lieber ausschalten und bei der nüchternen Prosa bleiben … Und diese Prosa ist Sigurds Tod. Hältst du es für möglich, daß eine Mutter den Sohn vergiftet?“

„Hm – – unter Umständen …! Aber – man kann nur schwer daran glauben!“

„Allerdings …! – Ein schwieriges Problem … Es bleibt noch so vieles aufzuklären … Frau Gunvor ist natürlich der bucklige Verführer der Brüder Hangson gewesen … Diese Dame hat uns in den Tod locken wollen … Die Ostsee sollte uns erledigen … Mithin fürchtete sie uns … Sie wollte für alle Fälle sicher gehen – ganz sicher … Sie rechnete damit, daß der Fall Baarsör uns nach Göteborg locken könnte … Da baute sie vor … – Ein böses Problem!! Der Sohn insgeheim mit den Eltern versöhnt … Mithin Frau Gunvor die treibende Kraft zur Vernichtung dieser Ehe … Mithin der Sohn ein willenloses Spielzeug in ihren Händen … Weshalb – – weshalb?! Wo nahm die Frau die Macht her, den Sohn derart zu beeinflussen?! – Rätsel über Rätsel!“

Er gähnte …

Ich noch mehr … Sehnsüchtig blickte ich auf das saubere Bett …

So kroch ich denn „in die Falle“ – wie der Berliner sagt.

Harst saß noch in der Sofaecke und hatte die dritte Mirakulum am Wickel … Er hatte mindestens fünf Tassen von Mutter Sörlargs Tee getrunken, und der Tee war gut und stark gewesen …

Er sprach jetzt über Sigurds möbliertes Junggesellenheim und über den geheimen Weg über die Mauer und durch das Fenster …

Im Halbschlaf hörte ich ihn noch sagen:

„Frau Gunvor und Sigurd werden diesen Weg oft benutzt haben …“

Das war dasselbe, was ich mir schon gedacht hatte …

Genau dasselbe …

Und – – ich schlief ein …

Und – – erwachte …

Harst rüttelte mich …

„Aufstehn!!“

Ich fuhr hoch …

Ich hörte die Bulldoggen unten toben …

Hörte Harst im Dunkeln sagen:

„Deine Kleider habe ich … Die Glocke hat angeschlagen.“

Ah – – die Alarmglocke, die in der Mauer versteckt angebracht war …

Ich sprang aus dem Bett …

Haralds Taschenlampe blitzte auf …

„Bringe dein Bett in Ordnung!“ befahl er flüsternd …

Harst hatte meine Sachen über dem Arm …

Und dann – schoben wir den Kachelofen zur Seite … Das ging ganz leicht …

Unter dem Ofen ein Loch im Fußboden – eine ganz schmale Treppe …

Ich hinab …

Harst schob den Ofen wieder an die alte Stelle …

Und als er es tat, donnerten schon Faustschläge gegen die Tür … „Öffnen – – Polizei …!! Polizei!!“

Wir die Treppe hinunter …

Wir durch die Gänge des Fuchsbaues bis in den Kartoffelkeller …

Ich im Hemd …

Im Hemd hinein in die hohle alte Befestigungsmauer …

In den Gang …

Hier erst schnappten wir Luft …

Hier erst fuhr ich in die Unterhosen, die Oberhosen …

Wir schritten den Gang hinab bis zu der Mauerpforte.

Harst öffnet die Pforte ein wenig, späht hinaus …

Wie ein Blitz sind wir draußen, gehen zum Hafen hinab.

Der Morgen graut bereits …

Biegen am Bollwerk links ab und setzen uns zwischen ein paar Stapel von Kisten …

„Was nun?!“ meint Harald …

„Ja – was nun?!“

„Ich habe so eine Ahnung, als ob hier abermals Frau Gunvor die Hände im Spiel hat, mein Alter … – Vielleicht ist’s am besten, wir vertrauen uns der Polizei an … Der Kriminalinspektor ist zwar kein angenehmer Mensch, aber – – in der Not frißt der Teufel Fliegen … Wir werden die Geschichte recht schlau anfangen … Peinlich ist nur, daß wir ohne Kopfbedeckung sind …“

Allerdings – unsere Sportmützen hatten die Brüder Hangson dem hageren Buckligen als Beweis unseres Todes vorgezeigt …

Für Frau Gunvor waren wir tot …

Oder – ob sie etwa doch argwöhnisch gewesen und den Rummelplatz überwacht und uns gesehen hatte?! Ob sie deshalb vielleicht die Polizei nach Frau Sörlargs Haus geschickt hatte?!

Ich teilte diese Bedenken Harald mit …

Er meinte kurz:

„Das ist selbstverständlich …“

Ein paar fragwürdige Kerle kamen vorüber, glotzten uns an … blieben stehen …

Hafengesindel …

Der eine trat näher, grinste …

„He – bei Mutter Sörlarg ist große Razzia … das Haus umstellt … Seid ihr etwa von dorther?!“

Der Bursche hatte einen feinen Riecher …

Harst gab ihm fünfzig Kronen …

„Besorgen Sie uns zwei einfache weiche Reisemützen … Und – wissen Sie, ob jemand verhaftet ist?“

„Ja, – die Sörlarg und ihre Tochter …“

„Helga?“

„Ja – die angebliche Mörderin … – Ich werde die Mützen beschaffen … In zehn Minuten bin ich wieder hier.“

Der Kerl hielt Wort …

Die Mützen waren neu und paßten leidlich … Harst gab dem Manne noch zehn Kronen …

Dann nahmen wir ein Auto und ließen uns nach der Polizeidirektion fahren … –

Man merkte an der Unruhe in dem großen Gebäude, daß etwas Großes im Gange …

Der Leiter der Kriminalabteilung war soeben erst zurückgekehrt, wie der Pförtner uns erklärte.

Wir ließen uns melden …

Wurden in sein Dienstzimmer geführt …

Und – fanden hier Mutter Sörlarg und Helga vor …!!

Aber – weder die beiden Frauen noch wir verzogen eine Miene, verrieten durch nichts, daß wir uns kannten …

Der Kriminalinspektor begrüßte uns sehr liebenswürdig … Außer ihm waren noch zwei Beamte im Zimmer … Er schickte sie weg und ließ die Frauen abführen.

Der Inspektor meinte arglos:

„War das wieder eine Aufregung! – Wissen Sie auch, was geschehen ist, Herr Harst? Wissen Sie, wer die eine dieser beiden Weiber war? – Sie werden staunen: es war Helga Baarsör!!“

Harald erwiderte nur, ohne irgendwie den Überraschten zu spielen (und ich richtete mich ganz nach ihm):

„Diese Verhaftung ist doch kaum aufrecht zu erhalten … Bedenken Sie, Herr Inspektor: Frau Helga kann den Mord ja gar nicht verübt haben! Zunächst fehlt von dem Zyankali nichts, das der Doktor Aarlt ihr geliefert hat, und dann – wie sollte die arme Frau wohl die Flasche mit dem vergifteten Portwein in das Bureau geschafft haben?!“

„Oh – all das wird sich nun schon aufklären, verehrter Herr Harst. Ich möchte Ihnen nur kurz mitteilen, wie wir die nach Berlin Geflüchtete und nun hier wieder Aufgetauchte fangen konnten … In dieser Nacht gegen ein Uhr wurde ich telephonisch angerufen … Wie ich nachher feststellte, von einem Café aus … Jemand berichtete mir mit tiefer verstellter Stimme, daß Frau Helga sich zusammen mit vier fremden Männern im Hause ihrer Mutter, der Hehlerin Sörlarg, aufhielte. – Daraufhin ließ ich das Haus umstellen … Urplötzlich drangen wir ein und schlugen die beiden Bulldoggen des alten Weibes nieder … Wir fanden jedoch nur die alte Sörlarg und ihre Tochter halb bekleidet vor. Sie hatten soeben die Betten verlassen. Von den vier Männern war nichts mehr zu entdecken, obwohl verschiedene Anzeichen dafür sprachen, daß noch andere Betten benutzt worden waren. Mutter und Tochter haben sich dann hier beim Verhör vollständig ausgeschwiegen. Kein Wort war von ihnen herauszubekommen. – Was sagen Sie dazu, Herr Harst?!“

„Vorläufig nichts … Ich wollte Sie nur fragen, Herr Inspektor – und deshalb suchten wir Sie zu dieser frühen Stunde auf –, wie Sie von Helgas Anwesenheit bei der Hehlerin Kenntnis erhielten … Wir haben nämlich die Razzia beobachtet, Herr Inspektor …“

„Wirklich?! Und – – zufällig?“

„Zufällig – – nein! – Ich bedaure sehr, Ihnen verschiedenes verschweigen zu müssen, bitte Sie aber, genau so verschwiegen zu sein, was diesen Besuch und den nun folgenden Inhalt unserer Unterredung anbetrifft, bei der ich ebenfalls verschiedene Leute schonen will, da ich nicht den Angeber spielen mag, anderseits aber auch Geschehnisse berühren muß, die mit dem Morde oder Selbstmorde des Ingenieurs innig zusammenhängen …“

Der Kriminalinspektor machte hierzu ein ziemlich verständnisloses Gesicht …

Harst fuhr fort: „Kennen Sie Frau Gunvor Baarsör persönlich?“

„Gewiß, sehr gut … Eine vortreffliche Dame … Ich kannte sie schon, bevor Sie den Witwer Baarsör heiratete.“

Harald hob den Kopf …

„Witwer?“

„Ja doch – wissen Sie das denn nicht?! Baarsör verlor seine erste Frau bei der Geburt seines Sohnes …“

„So ist Frau Gunvor also die Stiefmutter des Toten?“

„Natürlich …“

Harst warf mir einen besonderen Blick zu …

„Dann …“, sagte er langsam, „dann ist alles klar … alles! – Herr Inspektor, – – Frau Gunvor Baarsör hat ihren Stiefsohn ermordet!“

Der Inspektor lachte herzlich …

„Entschuldigen Sie schon, Herr Harst, aber diese Verdächtigung einer …“

„Gestatten Sie, Herr Inspektor … Ich verdächtige niemand ohne Grund … Ich werde Ihnen den Beweis erbringen, daß ich recht habe – – heute abend! Bis dahin verlange ich von Ihnen Diskretion auf Ehrenwort …“

Des Kriminalinspektors verdutztes Gesicht wurde jetzt doch sehr nachdenklich – sehr … Er sagte sich mit Recht, daß ein Harst eine so schwere Beschuldigung niemals aussprechen würde, wenn er nicht die nötigen Beweise hätte …

„Kommen Sie heute abend halb zwölf Uhr ohne alles Aufsehen in die bisherige Wohnung Sigurd Baarsörs, Herr Inspektor“, fügte Harald hinzu. „Dort werden auch wir uns einfinden … Machen Sie kein Licht in den drei Zimmern … Alles weitere wird sich dann von selbst ergeben … – Und nun noch eine Bitte … Schraut und ich möchten uns maskieren … Geben Sie uns alles Nötige …“

„Sehr gern … – Aber … wollen Sie mir nicht wenigstens andeuten, wie …“

„Raubmord!“ sagte Harald sehr bestimmt. „Der alte Baarsör ist arm geworden, ist krank und würde bei seinem Tode seiner Witwe nichts hinterlassen haben …“

„Das stimmt …“, murmelte der Inspektor …

„Nun aber hat er seinen Sohn beerbt, ist reich … Und des Stiefsohnes großes Vermögen muß nun Frau Gunvor zufallen …“

„Mein Gott – –, ja, – – da haben Sie recht …“

„Sehen Sie, Herr Inspektor, hätte ich gleich gewußt, daß Frau Baarsör nur Sigurds Stiefmutter ist, dann … wäre der Fall schon erledigt … So aber mußte ich im Dunkeln tappen … Einer leiblichen Mutter traute ich die Ermordung ihres Sohnes nicht zu … Jetzt – – liegt der Tatbestand klar …“

Eine halbe Stunde drauf verließen wir die Polizeidirektion durch eine Hintertür …

 

 

5. Kapitel.

Fünf Uhr morgens war’s, als wir der Hafenstadt zuschlenderten.

„Wohin?“ hatte ich gefragt …

Und Harald hatte geantwortet: „Holger Hangson brauchen wir noch …“

Im übrigen war er tief in Gedanken und starrte meist grübelnd vor sich hin …

Diesmal war ich jedenfalls der achtsamere …

Diesmal hatte ich die beiden Kerle zuerst bemerkt, die da scheinbar halb betrunken hinter uns Arm in Arm hertorkelten und doch stets in dieselben Straßen einbogen und uns folgten.

Kurz vor dem Schaubudenplatz sagte ich zu Harald: „Wir haben zwei hinter uns …“

„Gewiß …!“ meinte er nur …

Und dann kam für mich wieder der Nackenschlag …

„Zwei gute Bekannte, mein Alter … Ich rechnete damit … Es sind die Brüder Sörlarg … Sie verstehen ihr Metier … Sie sind Verkleidungskünstler …“

So ist Harst … –

Auf dem Schaubudenplatz fanden wir die Hangsons nicht mehr vor …

„Sind nach Koolpiek …“, teilte uns einer der anderen Budenbesitzer mit … –

Daß sie nicht nach dem Dorfe Koolpiek sich gewandt hatten, war klar.

Harst meinte gelassen: „Leihen wir uns Räder und bleiben wir dem Grundsatz getreu, immer das Gegenteil anzunehmen, wenn Leute sich dünnemachen wollen … Sie behaupteten nach Koolpiek, nach Süden, sich zu wenden … Fahren wir nach Norden die Chaussee entlang … Weit können sie noch nicht sein …“

Das stimmte … Um acht Uhr trafen wir sie mit ihrem Wagen … – in einem größeren Orte auf dem Wege nach Trollhätta …

Die Brüder Hangson verhandelten gerade mit einem Menageriebesitzer (Wandermenagerie dritten Grades) über den Verkauf des Karussells … – Holger Hangson schrieb nachher auf Haralds Veranlassung folgenden Brief an Frau Gunvor Baarsör – auf miserablem Papier und genau so, wie Harald diktierte:

Geehrte Dame,

einer von denen, die von Ihnen Geld bekamen – Sie wissen schon –!! hat jetzt herausbekommen, daß Sie eben der Bucklige waren. Da ich Sie dringend sprechen muß, kommen Sie heute nacht drei Viertel zwölf am besten in die Wohnung Ihres Sohnes in der Farnögatan, wo wir auch schon waren und wo vielleicht noch was zu finden ist – – Sie wissen schon!

Auch die Anschrift auf dem Umschlag mußte Hangson mit seiner derben Klaue schreiben.

Dann verabschiedeten wir uns und radelten nach Göteborg zurück, waren aber noch keine zweihundert Meter von dem Orte entfernt, als wir von den beiden „Kerlen“ aufgehalten wurden – von den Brüdern Sörlarg. Unsere Unterredung war kurz und doch bedeutungsvoll. Die beiden Hochstapler erzählten uns, wie sie der Polizei entwischt waren, und Harald gab ihnen den Auftrag, das Haus in der Kungsgatan unauffällig, aber scharf zu überwachen. Dann trennten wir uns wieder. –

Gegen elf Uhr trug Harald dann den Brief zu Frau Gunvor … Er brauchte nicht zu fürchten, daß sie ihn erkennen würde. Er bekam sie im übrigen auch gar nicht zu Gesicht und übergab das Schreiben dem Stubenmädchen.

Jeder kann sich unschwer vorstellen, mit welch nervöser Erwartung ich die Dunkelheit geradezu herbeisehnte …

Endlich war es so weit …

Endlich schlichen wir beide gegen halb zwölf auf dem bekannten Wege über den Hof des Restaurants und über die Mauer in die möblierte Wohnung …

Wir verbargen uns im Herrenzimmer hinter dem Schreibtisch, der schräg vor die eine Zimmerecke gestellt war.

Und siehe da: noch keine zehn Minuten waren vergangen, als wir nebenan ein Geräusch hörten …

Eine Taschenlampe blitzte auf …

Wir hörten hastiges Atmen … Einzelne Worte eines erregten Selbstgesprächs …

Frau Gunvor!! – Sie ging hin und her … Immer wieder redete sie halblaut vor sich hin …

„… Hangson kann mich nicht an Harst verraten haben – unmöglich! Hangson wird sich doch nicht selbst ans Messer geliefert haben … Wenn Sigurd nur keine Aufzeichnungen hinterlassen hat …! Oh, mein Gott, ich habe hier doch alles durchsucht, ebenso im Bureau … Ich finde nichts … Wenn Hangson nur erst hier wäre …! Ich werde wahnsinnig über alledem – – wahnsinnig!“

Dann setzte sie sich in den Schreibsessel … Wenn sie sich nur ein wenig vorgebeugt hätte, würde sie uns gesehen haben …

Und da – – ich erstarrte vor Schreck – – da … erhob sich Harald ganz plötzlich …

Die Frau kreischte auf …

Aber sie hatte Mut und Willensstärke … Sie rief, indem sie eine Waffe aus der Manteltasche riß:

„Wer sind Sie?!“

Harst – und das sah ich jetzt erst – hielt in der Linken einen dicken Brief …

„Wer ich bin, Frau Baarsör? – – Der, den Sie fürchten … Und das, was Sie gesucht haben, hat mir soeben ein Zufall in die Hände gespielt … Hier unter der Teppichecke hinter dem Schreibtisch lag dieser Brief … – Bitte – – machen Sie keinen Gebrauch von Ihrer Waffe, denn – – hinter Ihnen steht Kriminalinspektor Lundström, der sich etwas verfrüht hat …“

Der Inspektor stand tatsächlich in der halb geöffneten Flurtür … Frau Baarsör sank in den Schreibsessel zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen …

Wir beide verließen die enge Ecke, und Harald zeigte dem Inspektor den dicken Umschlag, auf dem mit fester, energischer Handschrift geschrieben stand:

Im Falle meines Todes der Polizei abzugeben.

Sigurd Baarsör, Ingenieur.

Der Inspektor öffnete den Umschlag …

Und las vor (was ich hier nur im Auszug wiedergebe):

„An die Polizei – Ich, Sigurd Baarsör, bin der unglücklichste Mensch der Welt, bin machtlos einem menschlichen Satan ausgeliefert, der mich wie eine erbärmliche Puppe kommandiert …

Heute, wo ich dies niederschreibe, bin ich kaum mehr Herr meiner Sinne … Heute habe ich die Scheidungsklage gegen mein geliebtes Weib einreichen müssen … müssen …!

Dieser Satan ist meine Stiefmutter …

Wie sie es herausgebracht hat, daß ich während meiner Studienzeit in Amerika heimlich bereits eine Ehe geschlossen hatte, – ich weiß es nicht … Ich glaubte meine erste Frau tot, mit der ich überhaupt nur ein halbes Jahr zusammengelebt habe … Aber ein Jahr nach meiner Heirat mit Helga zeigte mir meine Stiefmutter Briefe jener Ellen … Ellen lebte noch!! Und nun begann meine Folterzeit, nun mußte ich tun, was dieses Weib verlangte …

Helga, – wirst du mir je verzeihen können?! Helga, mit blutendem Herzen habe ich mich von dir losgesagt … Das Weib drohte mir beständig mit einer Anzeige wegen Bigamie!!

Helga, ich bin nicht wert, daß du mir verzeihst! Ich war feige – namenlos feige!! Ich gab mein Glück preis … Ich … verstieß dich!

Oh – – ich fühle, daß mein Verstand sich verwirrt hat … Schon lange spiele ich mit dem Gedanken, aus dem Leben zu scheiden … Ich besitze genügend Zyankali, hundert Menschen zu vergiften …

Ich habe eine Flasche Portwein vergiftet … Wenn das Weib einmal wieder in mein Bureau kommt, dann – dann soll sie mit mir hinüber, dieses Ungeheuer, das dich, meine Helga, zur Diebin gestempelt hat … Sie selbst hat die Sachen gestohlen – – sie selbst!!

Helga – – Helga, ich ertrage dieses Leben nicht länger! Ich habe wie ein Wüstling gelebt, um mich zu zerstreuen …

Helga – – lebe wohl!!

Die Polizei wird mich rächen!

Ein Vampyr hat mir alle Kraft ausgesogen, mir alles Glück zerstört – – meine Stiefmutter Gunvor!!“

– – Dies las der Kriminalinspektor vor …

Und – – rief dann, heiser vor Erregung:

„Frau Baarsör, Ihres Stiefsohnes erste Frau ist ja vor sechs Jahren bestimmt gestorben!! Sie … Sie haben die Briefe gefälscht, Sie haben Ihren Stiefsohn planmäßig in den Tod getrieben – – aus Geldgier!!“

Und da … sank dieses entmenschte Weib langsam zur Seite, rutschte von dem Sessel herab …

Sie hatte sich selbst gerichtet …

Gift – – wie ihr Stiefsohn …

Sie starb in wenigen Minuten … – –

Das ist die Geschichte eines armen Irrsinnigen, – – denn Sigurd Baarsör war nicht mehr Herr seiner Sinne, als er der Portweinflasche Zyankali zusetzte …

*

Nachwort: Ich, Max Schraut, habe an der Niederschrift meines Nachahmers wenig geändert. Ich hoffe, daß meine Freunde und Leser von der Geschichte eines Irrsinnigen leidlich befriedigt sein werden. Im nächsten Band komme ich selbst nun wieder zu Worte.

 

 

Nächster Band:

Acht Stearintropfen.

 

 

Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkungen:

(1) Innentitel: „Die Geschichte eines Irrsinnigen“, Umschlagtitel: „Die Geschichte einer Irrsinnigen“

(2) Abendtrajekt - „Trajekt“ bezeichnet historisch und fachlich eine Eisenbahnfähre oder eine Fährverbindung für den Transport von Fahrzeugen über ein Gewässer. Ein Abendtrajekt wäre demnach schlicht eine Fähre, die am Abend ablegt.